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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)GinDEL,E.
10. KAPITEL
was
Verwandtschaft der gleichmäßigen Zwölfertemperierung mit der pythagoräischen Stimmung
Obwohl in der gleichmäßigen Zwölfertemperierung jedes Intervall innerhalb
der Oktave eine Verstimmung erleidet, trifft dieses Schicksal auch hier nicht
alle Intervalle mit gleicher Härte. Die einen werden in ihrer Reinheit nur
wenig getrübt, die anderen stärker. Die Untersuchung soll sich der Einfachheit
halber auf die Intervalle der Durskala beschränken. Sie vereinfacht sich noch
mehr, wenn vorweg Klarheit darüber geschaffen wird, in welchem Verhältnis
die Größe des syntonischen Kommas K zu derjenigen des pythagoräischen
Kommas P
steht.
Die Intervallwerte der beiden Kommata betrugen:
K = 81/80 = 34/2*-5
P= (3/9)? / 27 = 912/919
Betrachten wir diese beiden Restintervalle so, wie sie fiir unser Ohr auftreten,
als Tonschrittgrößen, so dürfen wir K und P nicht als Intervallzahlen auffassen,
sondern müssen zu deren Logarithmen übergehen. Zu ihrer Berechnung brauchen
wir als
Fundament die Logarithmen von 2, 3 und 5.
log 2 = 0,3010 3000
log 3 = 0,4771 2125
log 5 = 0,6989 7000
Berechnung der Tonschrittzahl log K:
log (31) = 4- log 3 = 1,9084 8500
log (24) = 4: log 2 = 1,2041 2000]
log 5
= 0,6989 7000
log (2*-5)
= 1,9030 9000
log K
= 0,0053 9500
Seite 2
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Berechnung der Tonschrittzahl log P:
log (3!*) = 12: log 3 = 5,7254 5500
log (21%) = 19- log 2 = 5,7195 7000
log P
= 0,0058 8500
Die Rechnung ergibt also, daB die beiden Tonräume von K und P
sich fast
genau wie die Zahlen 539 und 588 verhalten. Da in beiden Zahlen der Faktor
49 steckt, in 539 llmal, in 588 12mal, so ist das Verhältnis der Tonräume von
K und P fast genau
11:12.
Mit diesem Ergebnis in der Hand ist es leicht, die Verstimmungen zu beurteilen, welche die Intervalle der Durskala durch die gleichmäßige Temperierung
erfahren.
Man gehe von dem bekannten 6-stéckigen Turm reiner Quinten Q aus, deren
Verlagerung in den Oktavraum c—c’ die pythagoräisch gestimmten Tonräume
liefert:
—Q
c
g
d'
a
e”
h"
0
Q
2Q
3Q
4Q
5Q
Q ist darin als Tonschrittzahl gemeint. Aus diesem Turm gehen zwei andere
Quintenreihen hervor, einerseits die durch Verfiinfung der Intervallzahlen von
a, e” und h” bedingte, welche an diesen drei Tonstufen eine Rückschiebung um
den Betrag des Tonschrittes K bewirkt, andererseits die durch gleichmäßige
Temperierung bedingte, welche aus dem Schritt Q den Schritt Q —
P/12 macht.
Bezeichnen wir den Verengungsbetrag P/12 mit v, so dürfen wir auf Grund der
vorher abgeleiteten Beziehung zwischen K und P die Rückschiebung K mit 11v
ansetzen. Nach der im 5. Kapitel erwähnten und von Helmholtz eingeführten
Bezeichnungsweise werden durch Rückschiebung der Tonstufen a”, e” und h”
um den Betrag K aus denselben die Tonstufen a’, e” und h”. Die Tonbuchstaben der durch gleichmäßige Temperierung entstandenen verengten Quinten
mögen durch Einklammerung der alten Bezeichnung ausgedrückt werden. So
entstehen die beiden Tonfolgen:
F
c
g
d'
—Q
0
Q
2Q
a’
e”
©
©
@
@
@
¢)
@
—Q+lv
0
Q—lv
2Q—2v
3Q—3v
4Q—4v
50—5v
30—11v 4Q—llv
Ein Vergleich dieser beiden Reihen zeigt sofort:
1) Von F nach (F) Verschiebung + lv
180
2)
”
c
”
(c)
”
Ov
3)
”
g
”
(g)
»
Seite 3
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)4) Von d’
nach (d’) Verschiebung —2v
»
Y
$»
(a)
»
+ 8v
6)
»
€
»
(e)
»
+7v
7)
»
wh”,
(h”
si
+ 6v
Da die gleichmäßige Temperierung die Oktave nicht erfaßt, ändern sich die
Verschiebungsbetrige nicht, wenn die obigen Tonstufen in den Oktavraum
c—c’ verlagert werden. Für den Übergang von der unverstimmten Durskala zur
gleichmäßig temperierten ergeben sich somit die Verschiebungsbeträge:
(c)
(d)
(e)
(£)
(g)
(a)
(h)
(c’)
Ov
—2v
+7v
+lv
—lv
+8v
+ 6v
Ov
Durch die gleichmäßige Temperierung sind, wie man erkennt, Quint und Quart
am wenigsten in Mitleidenschaft gezogen, sie haben eine gegengleiche Verstimmung erlitten. Auch die Sekunde hat noch wenig gelitten; sie hat die doppelte Verstimmung von Quint oder Quart erfahren. Am stärksten sind die verfiinften Intervalle, also Terz, Sext und Septim, verlagert worden, und zwar
haben sie sich wieder bedenklich nahe an die entsprechenden pythagoräischen
Tonstufen herangearbeitet. Denn eine Vorverlegung um K = 1lv hätte dieselben genau ergeben. Da Terz, Sext und Septim fiir das Durgeschlecht charakteristisch sind, hat dieses durch die gleichmäßige Temperierung eine Einbuße
erlitten. So macht jene das Neue, welches das Terzerlebnis in die Musik hineingebracht hatte, wieder teilweise rückgängig. Der Schwerpunkt der Skala ist
wieder von der Terz nach dem Intervallpaar von Quint und Quart gerückt, die
in gegengleicher Verstimmung nahezu rein erklingen, da ihre Trübung um 1/12
des pythagoräischen Kommas kaum bemerkbar ist.
Auch bei der 4ler- und der 53er-Temperierung stellte sich heraus, daß die
Gruppe Quint, Quart und Sekund weit weniger als die Gruppe Terz, Sext und
Septim verstimmt wird. Der Grund für dieses übereinstimmende Verhalten ist
darin zu suchen, daß in allen drei Temperierungen von dem messenden Vergleich von Quintentürmen mit Oktavtürmen ausgegangen wird und diejenigen
Quintentürme auserwählt werden, welche von einem Oktavturm so wenig wie
möglich differieren. Dieser Minimalunterschied wird alsdann auf die einzelnen
Quinten des Turms gleichmäßig verteilt und fällt so pro Quinte besonders
winzig aus. Das Verfahren sieht es also von vornherein auf eine möglichste
Schonung der Quinte ab. Mit ihr werden dadurch auch die beiden quintverwandten Intervalle der Quarte und der Sekunde, die eine Doppelquinte ist,
geschont. Terz, Sext und Septim, eine durch ihre Bindung an die quintenfremde Primzahl 5 abseitige Gruppe, kommen in dem Maße ihrer Quintenfremdheit bei dem Prozeß zu kurz und haben somit die Hauptlast der Verstimmung zu tragen.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Von der Seite der Naturtonreihe her gesehen, hat die gleichmäßig temperierte
Stimmung deren beide ersten Oktavräume nicht oder kaum verändert, den
ersten, ja noch leeren Oktavraum nicht, den zweiten, Quint und Quart enthaltenden Oktavraum kaum. Erst der dritte Oktavraum, in welchem die weite
Terz (Septdezime) mit der Intervallzahl 5 erscheint, fallt ihr wegen stärkerer
Verstimmung der Terz zum Opfer. Im Vorausblick auf die späteren Kapitel
kann es auch interessieren, in welchem Maße der ja ebenfalls im dritten Oktavraum liegende 7. Teilton mit der Intervallzahl 7, der unmittelbar vor der weiten
kleinen Septime des Klanggrundtons liegt, von deren temperierter Lage abweicht. Die Rechnung würde ergeben, daß die Verstimmung der natürlichen
weiten Septime (7. Teilton) zur temperierten weiten kleinen Septime den enormen Betrag von -+16v in unserer 12er-Temperierung erreicht, sodaß unsere
Tasteninstrumente sehr ungeeignet sind, einen Eindruck von dem Klangcharakter
der natürlichen Septime zu vermitteln. Aus dem dritten Oktavraum der Naturtonreihe
4
5
6
7
8
c
e
g
—b
c'
wird somit in temperierter Stimmung
(c)
(e)
(8)
(b)
(c’)
Ov
+7v
— lv
+ 16v
Ov
Die gleichmäßig temperierte Stimmung stellt den auf das Empfinden der
Terz und der terzverwandten Intervalle eingestellten Hôrer vor die Aufgabe,
sich durch die wirklich erklingenden Tône nicht irreführen zu lassen. Doch damit
stehen wir bereits vor der Frage nach Wert und Unwert der temperierten
Stimmung.
11. KAPITEL
Wert und Unwert der temperierten Stimmung
Zwolftonprobleme
Die Frage, wie die Ersetzung der reinen Stimmung durch die temperierte zu
bewerten ist, hat die Geister von jeher beschäftigt und nicht zur Ruhe kommen
lassen. Bei ihrer Beantwortung muß man sich zunächst darüber klar sein, daß
das Verlangen nach der reinen Stimmung der Seele des neuzeitlichen Menschen
tief eingewurzelt ist. Bei der Vorführung der ungeheuer komplizierten Thompson-Orgel wurden auch die Mitglieder einer englischen Sängergemeinschaft, der
Seite 5
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Ernst Bindel greift in diesem umfangreichen
Werk, das jetzt als Neuauflage in einem
Band vorliegt, die tiefe Verbindung von
Musik und Mathematik auf, wie sie schon
bei Pythagoras, im mittelalterlichen ,,Quadrivium“ und in Keplers „Weltharmonik“
bestanden hat, und führt sie auf einer unserer Zeit entsprechenden Stufe weiter. Dabei
gelingt es ihm einerseits, eine Gliederung der
Musikgeschichte zu entwickeln, die in eindrucksvoller Weise die Bewußtseinsentwicklung der Menschheit hervortreten läßt. —
Andererseits wird hier eine mathematische
Betrachtung der Musik vorgeführt, die die
Welt der abstrakten Zahlen zu einer qualitae.
TEN
=
=
DNEORL
tiv-schöpferischen Welt werden läßt und damit der Musik ein künstlerisches und wissenschaftliches Fundament zugleich verleiht.
Ernst Bindel, 1890 in Magdeburg geboren,
war nach seinem Studium der Mathematik,
Physik und Chemie lange Jahre pädagogisch
tätig, bevor er der Anthroposophie Rudolf
Steiners begegnete. Durch sie wurde er an
die erste Waldorfschule in Stuttgart geführt,
deren Wirksamkeit in der Öffentlichkeit
durch seine schriftstellerische Tätigkeit besondere Förderung erfuhr. Seine Werke haben
in
der
europäischen
Kulturwelt
ein
deutliches Echo gefunden und wurden zum
Teil in mehrere Sprachen übersetzt. Ernst
Bindel starb im Alter von 84 Jahren in Stuttgart.
Johann Nepomuk David: „Dieses Bindelsche
Buch kann viele ernste Musiker bei inneren
Entscheidungen kräftigen. Ich halte es für
eine Hilfe und für so umfassend, wie sie dem
Musiker bislang noch nicht geboten wurde.
Dem Theoretiker aber ist es eine Fundgrube
nicht allzeit offenliegender Dinge, die so klar
und
ruhig
dargestellt
werden,
daß
man
durch die Diktion allein schon wieder ein
Kunstwerk vor sich hat, das Bewunderung
verdient.“
i
Paul Hindemith: ,,Zweifellos wird das Buch
als willkommene Bereicherung der Literatur
für
den
Theorieunterricht
angesehen
werden.“
Schutzumschlag:
Walther
Roggenkamp
unter
Verwendung einer harmonikalen Schwingungsfigur aus „Kymatik“ von Hans Jenny. Der im
schlierenoptischen Verfahren aufgenommene Flüssigkeitstropfen
wurde
durch
Ton zur Schwingung angeregt.
einen
bestimmten
WMvDaZArRAEoLsINGRkUNSELAGN