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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)der arabischen Musiktheorie
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Autor(en):
Reinert, Benedikt
Objekttyp:
Article
Zeitschrift:
Asiatische Studien : Zeitschrift der Schweizerischen
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Asiengesellschaft = Etudes asiatiques : revue de la Societe Suisse
- Asie
Band (Jahr): 33 (1979)
Heft 2
PDF erstellt am:
21.07.2014
Persistenter Link: http://dx.doi.org/10.5169/seals-146555
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Seite 2
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)der arabischen Musiktheorie
Autor(en):
Reinert, Benedikt
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Article
Zeitschrift:
Asiatische Studien : Zeitschrift der Schweizerischen
Asiengesellschaft = Études asiatiques : revue de la Société Suisse
- Asie
Band (Jahr): 33 (1979)
Heft 2
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21.07.2014
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Seite 3
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)IN DER ARABISCHEN MUSIKTHEORIE
1. Prämissen
1.1.
Das pythagoräische Komma tritt seinem Wesen nach nur in
einem Tonsystem auf, dessen Toncharaktere durch reine Quintschritte
auseinander ableitbar sind. Es lässt sich in dieser Umgebung auf zwei
Arten definieren. Einmal als Differenz zwischen Apotome (chromatischer
Halbton, z.B. c—cis) und Leimma (pythagoräischer Halbton, z.B. cis—d),
den beiden Bestandteilen des pythagoräischen Ganztons (Differenz von
Quinte und Quarte, z.B. c—d). Diese Art der Ableitung, die empirische, ist
schon in den Fragmenten des Philolaos (530-470 v.Chr.) bezeugt!. Zum
andern versteht man unter dem pythagoräischen Komma den Höhenunterschied zwischen zwei Tönen N und M, von denen der eine (M, z.B. his,
resp. deses) dadurch gewonnen wird, dass man vom anderen (N, in diesem
Fall c) zwölf Quinten aufwärts und sieben Oktaven abwärts (resp. vice
versa)
schreitet.
In
Schwingungsverhältnissen
ausgedrückt
_
5
_
lautet
der
Vorgang
ar
2
1
(A 7
27 ~ 524288 >": E
524288
531441
was ungefáhr 23,5 Cents ausmacht. Diese zweite, die arithmetische Art der
Ableitung,
wirft
die
meisten
Probleme
auf,
die
uns
im
Folgenden
bescháftigen werden. Die Problemstellung ist seit Euklid (um 300 v.Chr.)
sicher belegt?. Die entsprechende Rechnung wird allerdings erst in
wesentlich späteren Quellen explizit durchgeführt?.
1
?
Vgl. Burkert, Weisheit und Wissenschaft 373 3ff.
Sectio canonis 157f.; vgl. dazu van der Waerden, Harmonielehre 177 4ff.;
Miinxelhaus; Pythagoras musicus 117.
Burkert, 11 373, Anm. 48.
Seite 4
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Die Tatsache, dass man durch die angegebene Prozedur von 12
Quint- weniger 7 Oktavschritten auf einen Ton M stôsst, der sehr nahe bei
dem Ausgangston N
liegt, stellt zwischen M und N
eine Ahnlichkeitsbeziehung her, die über die verwandtschaftliche Entfernung der beiden Töne
hinwegsehen und unter gewissen Bedingungen sogar ihre Tonhôhendifferenz vernachlässigen lasst. Erklingen die beiden Tône unmittelbar nacheinander, so wird ihr Unterschied allerdings deutlich wahrgenommen und
erlaubt keine Vertuschung. Unser Ohr kann hôchstens dann über ihre
Differenz hinwegsehen, wenn ein anderes Intervall als die Prim um das
Komma vermehrt oder vermindert wird, wenn also ein Fall wie das
Verhältnis von Leimma zu Apotome vorliegt (vgl. 4.5.). In solchen Fallen
ist unter Umständen die Substitution von M durch N oder umgekehrt
möglich. Man könnte dies als indirekte Gleichsetzung von M und N
bezeichnen. Sie spielt eine Rolle bei Melodietranspositionen im Bereiche
eines beschrankten, festgelegten Tonmaterials (vgl. 3.6.). Auf das damit
berührte Problem der Fahigkeit unseres Gehôrs, einen Ton M im Sinne von
N umzudeuten, kann ich hier nicht eingehen? .
1.3.
môglich,
Eine direkte Gleichsetzung von M und N
wenn man den zwólfmal
ist praktisch nur dann
durchgeführten Quintschritt derart
verkleinert, dass die sieben Oktaven Riickweg tatsáchlich zum Ausgangston N zurückführen. Eine solche Quinte misst statt annáhernd 702 Cents
genau 700. Sie ist ein künstliches, nicht durch einen spontanen Gehörsakt,
sondern auf technischem Wege hervorgebrachtes Intervall, dessen musikalische
Wirklichkeit
bezweifelt
werden
kann’.
Vereinfacht
man
den
geschilderten Vorgang der zwölffachen Quintenreihung durch Wechselwegnahme,
d.h.
durch
sechsmalige Verminderung einer Quinte um eine
Quarte, so ergibt sich eine Reihung von sechs temperierten Ganztönen zu
je
200
Cents
(700-500
Cents).
Anders
ausgedrückt
wird
sechsmal
hintereinander das genaue Sechstel einer Oktave gesetzt. Eine entsprechende Reihung von sechs pythagoräischen Ganztönen erzeugt das Intervall
einer Oktave + pythagoräisches Komma.
4
Vgl. hierzu etwa die noch vor der Auflösung der Tonalität geschriebenen
Bemerkungen von Helmholtz, Tonempfindungen 488ff.
°
Ich spreche hier nur vom grundsätzlichen Problem der musikalischen Wirklichkeit abstrakter temperierter Intervalle, nicht etwa von der Frage, inwieweit unser
Gehör bei einer Quinte noch den Unterschied von knapp 2 Cents wahrnehme. 12-stufig
temperierte Intervalle dürften nur in der Atonalität einen musikalischen Eigenwert
besitzen (vgl. Pfrogner, Zwölfordnung 16ff.).
Seite 5
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)1.4. Die genaue Sechsteilung der Oktave hat aber zwei Aspekte. Den
einen könnte man die naive Sechsteilung nennen. Sie besteht darin, dass
man
mit
ungefähren
Intervallen
rechnet:
man
geht
von
intuitiven
Begriffen wie Ganzton und Halbton aus, um aus diesen Elementarintervallen die übrigen Intervalle zusammenzusetzen. Dabei wäre der Halbton
als zwölfter, der Ganzton-als sechster Teil der Oktave zu verstehen und die
Quarte als zweieinhalb, die Quinte als dreieinhalb Ganztöne definiert. Den
gedanklichen
Hintergrund
dürfte
die
geometrische
Vorstellung
einer
einfachen Streckenteilung bilden®. Diese zwar anschauliche, aber unserem
tatsächlichen Hören nicht entsprechende Betrachtung ist an den Namen
von Aristoxenos (Mitte 4. Jht. v.Chr.) geknüpft”, aber wahrscheinlich
älter. Aristoxenos hat sie jedenfalls zur Grundlage einer differenzierten
Intervalltheorie gemacht.
1.5.
Der andere Aspekt betrifft die arithmetische Realisierung der
naiven Oktavteilung, d.h. die Suche nach sechs, resp. zwölf gleichen
Schwingungsverhältnissen, die miteinander multipliziert das Schwingungsverhältnis der Oktave (2 : 1) ergeben®. Für den Halbton resultiert dabei
23, für den Ganzton 2}, beides irrationale Zahlen. Die Tatsache, dass
sich natürliche Intervalle durch rationale Zahlen nicht in zwei — geschweige denn mehr — gleiche Intervalle teilen lassen, war selbstverständlich
schon den Griechen bekannt. Das Gewicht der ““pythagoräischen” Anschauung hatte aber dafür gesorgt, dass eine derartige Teilung als “unméglich abgelehnt wurde? , obwohl man von der Geometrie her bereits mit der
Vorstellung einer Proportion zwischen einer rationalen und einer irrationalen Grösse vertraut war!°. So kommt es, dass noch Ptolemaios (Mitte
°
Burkert, 1.1. 351,1; 349,6f.
7
In den erhaltenen Stoicheia des Aristoxenos sind nicht alle diesbezüglichen
Überlegungen ausgeführt. Sie zeigen aber, dass er die Quarte als 2 Ganztöne + 1
Halbton und die Quinte als Quarte + 2 Halbtöne auffasste (Elementa 56,14 bis 58,5 =
ed. da Rios 70ff.). Dass eine Oktave für ihn aus sechs Ganztönen bestand, erwähnen
u.a. Ptolemaios (Harmonielehre, ed. Düring 21,24) und Boéthius (De institutione
musica V, 13 = ed. Friedlein 363; zitiert von da Rios, Elementa 111).
®
hältnis
Ich beziehe die Intervall-charakteristischen Zahlenproportionen auf das Verder Schwingungsfrequenz,
obwohl
die
Griechen
normalerweise mit dem
Verhältnis der Saitenlängen rechneten. Das Prinzip der Frequenz-Proportion scheint
ihnen jedoch relativ früh schon bekannt gewesen zu sein (vgl. Burkert, 1.1. 357ff.).
2
van der Waerden, Erwachende Wissenschaft 1, 260, —9ff.; Burkert, LL 375,
—4ff.; 349, Anm. 5.
10 Vgl. dazu van den Waerden, 11. 261; 276ff. Besondere Verdienste scheint sich
Eudoxos (1. Hälfte 4. Jht. v.Chr.) auf diesem Gebiet erworben zu haben (vgl. Burkert,
LL 352, Anm. 20;Pauly-Wissowa 6/1, 935).
Seite 6
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)2. Jh. n.Chr.) die Môglichkeit von Intervallen mit irrationalem Schwingungsverhältnis gar nicht in Erwägung zieht. Ebenso verfuhr auch die
griechisch beeinflusste arabische Theorie, Farabi (st. 950) eingeschlossen
(vgl. 2.1.). Avicenna (st.
1037) hält dann zwar fest, dass eine genaue
Intervallhälftung nur bei einer Proportion zwischen Quadratzahlen in
Frage
komme!!,
denkt aber genau so wenig wie Ptolemaios an die
grundsätzliche Möglichkeit einer Halbierung durch Wurzelziehen. Indirekt
reflektiert die prinzipielle Ignorierung irrational definierter Intervalle die
Tatsache,
dass
die
‘‘temperierten’’
Aristoxenischen
Intervalle
keinen
realen, sondern nur einen theoretischen Wert haben (vgl. 2.5.).
1.6.
Ob es unter solchen Umständen berechtigt ist, Aristoxenos als
den geistigen Vater unserer Temperierung zu feiern!?, bleibe dahingestellt.
Uns interessiert hier nur die unmittelbare Wirkung seiner Theorie. Der
Versuch,
sie
mit
der
älteren
pythagoräischen
Proportionenlehre
in
Verbindung zu bringen, endete mit der frustrierenden Feststellung, dass
sie sich gegen eine arithmetische — und damit auch musikalische —
Verwirklichung mit natürlichen Intervallen sperre!?: anstelle einer sauberen Lösung fand man den Sand des Kommas im Getriebe der Intervalle.
Entwicklungsgeschichtlich darf man dies vielleicht in dem Sinne interpretieren, dass erst die naive Betrachtung des Aristoxenos die arithmetische
Definition des pythagoräischen Kommas bewusst machte, während vorher
die empirische genügte (vgl. 1.1.). Gegen eine solche Annahme scheint mir
nichts Konkretes zu sprechen. Wie dem auch sei, die missliche Erfahrung
mit dem Versuch, der Aristoxenischen Vorstellung mit pythagoräischen
Mitteln
arithmetische
Nachachtung
zu
verschaffen,
führte
zu
einer
entsprechend kritischen Auseinandersetzung damit. So noch bei Ptolemaios (Mitte 2. Jht. n.Chr.)!*, und Ptolemaios spielte eine bedeutsame
Rolle bei der arabischen Adaption der griechischen Musiktheorie!5. Ich
11 Sifa’, übers. d’Erlanger 2, 136, 2ff. Eine Präzisierung des Gedankens findet
man bei Avicennas Schüler Ibn Zaila (st. 1048) (Kafı, Ms. Brit. Mus. 225a, 1ff.).
12
Vel. hierzu etwa Hans Kayser, Lehrbuch 237a; etwas differenzierter wird die
Lehre des Aristoxenos von Pfrogner, Zwölfordnung 89-105, evaluiert.
13 Seinen arithmetischen Ausdruck findet dieses Dilemma in der zahlentheoretischen Unmöglichkeit, aus dem Ausdruck E . 3yn (Reihung von n Ganztônen, der
Ganzton als Differenz von Quinte und Quarte verstanden) bei natiirlichem n eine
Potenz von 2 zu gewinnen.
14 Ptolemaios, Harmonielehre 21ff.; vgl. a. Husmann, Grundlagen 40.
15 Neben Euklid, Aristoxenos und Nikomachos (vgl. Farmer, History 152;
Farmer, Sources 15f.).
Seite 7
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)nenne daher die Gegenposition von Pythagoräern und Arithmetikern
gegeniiber Aristoxenos kurzerhand ptolemdisch. Dass aber weder bei den
Griechen
noch
bei
oppositionellen
den
Arabern
Standpunkte
jemand
vollzog
die
und
mit
Synthese
der
beiden
einer Temperatur
die
Aristoxenische Vorstellung verwirklichte, ist bemerkenswert.
1.7.
Zum Abschluss sei auf einen Punkt hingewiesen, der in besonderer Weise die grundsätzliche Verschiedenheit der beiden Standpunkte zu
veranschaulichen vermag. Er betrifft die Zahl der Toncharaktere. Diese ist
identisch mit der Zahl der verschiedenen Intervalle, die von einem festen
Ausgangston aus möglich sind, sofern man Oktavversetzungen ausseracht
lässt. Bei der aristoxenischen Betrachtung ist diese Zahl endlich, und dies
wiederum besagt, dass man durch die Reihung ein und desselben Intervalls
nach einer Anzahl von Schritten — es sind höchstens so viele wie es
Toncharaktere
gibt
—
wieder
zum
Toncharakter
des
Ausgangstons
zurückkehrt. Ein aristoxenisches System ist in diesem Sinne geschlossen,
zyklisch. Demgegenüber erzeugt dieselbe Art der Intervallreihung in einem
pythagoräisch-ptolemäischen
System
immer
neue
Toncharaktere
und
damit unbegrenzt viele verschiedene Intervalle, auch wenn Toncharaktere
und Intervalle von einem gewissen Punkt an so nahe beieinander liegen,
dass unser Ohr Mühe hat, sie zu unterscheiden. Ein ptolemäisches System
wäre demnach offen und bis zur Grenze unserer Hörfähigkeit erweiterungsfähig (vgl.
Erkenntnis:
3.7.; 4.3.ff.). Aus dem Gesagten folgt eine wichtige
Da nach Voraussetzung
die
hier
betrachteten Intervalle
bijektiv auf die entsprechenden Toncharaktere abbildbar sein sollen, sind
sie gegenüber Oktavdifferenzen invariant. Dann aber bilden aristoxenische
und
ptolemäische
Intervalle je
eine kommutative Gruppe, jene eine
endliche mit dem Halbton als Erzeugungsintervall, diese eine unendliche
mit
dem
Erzeugungsintervall
der
Quinte.
Gruppenoperation
ist
die
Intervallverknüpfung, neutrales Element die Prim (identisch mit Oktave,
Doppeloktave
etc.),
Inverses das jeweilige Komplementärintervall zur
Oktave; die Verknüpfung aristoxenischer Intervalle ergibt aristoxenische,
die Verknüpfung ptolemäischer Intervalle ptolemäische. Im übrigen erhält
man in beiden Fällen eine Untergruppe, wenn man anstelle von Halbton,
resp. Quinte als Erzeugungsintervall den (temperierten, resp. pythagoräischen) Ganzton nimmt.
Die Ausführung des Gesagten sieht im Einzelnen so aus: Wir bezeichnen den
Toncharakter des Ausgangstons mit to und indizieren die weiteren Toncharaktere mit
der Zahl der Schritte, die zu den betreffenden Tönen führt. Dann bedeuten t1, 12,13,
t4, ... im Falle to = c aristoxenisch die Töne cis/des, d, dis/es, e, . . . und ptolemäisch
Seite 8
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)g, d, a, e, ... Auf Intervallebene entspricht dem Toncharakter tn
das Intervall in,
wobei ij, i2, i3, ig, ... aristoxenisch kleine Sekunde, grosse Sekunde, kleine Terz,
grosse Terz etc. bezeichnen und ptolemäisch Quinte, grosse Sekunde, grosse Sexte,
grosse Terz etc. (ij2 wäre das pythagoräische Komma). Für die Intervallerzeugung
nach der umgekehrten Richtung führen wir negative Indices ein. Aristoxenisch gilt
dabei i_] =ij1,i-2 =i10, i_3 = ig etc., oder allgemein in = ik, fiir n= 12
m+ k, wenn
m, n ganze Zahlen sind und k eine natürliche Zahl, die > 0 und < 11 ist. Ptolemäisch
bezeichnet i_n die Reihe der Unterquinten, also i_] die Quarte, i_2 die kleine
Septime,
i_3
die
kleine
Terz
etc.
Mit
diesen
Symbolen lassen sich jedwelche
Intervallverknüpfungen darstellen und ausrechnen:
das Resultat ergibt sich durch
Addition und (Oktav-)Reduktion der Indices. Z.B. wäre B-A-C-H (mit B = to)
aristoxenisch i]]° i3° ij] =i25 =ij (oder i_jo i3o i_j= ij) und ptolemäisch iso i_30
is = i7.
2.
2.1.
Die Komma-Theorie Farabis
Der erste arabische Musiktheoretiker, von dem sich eine Erörterung des Komma-Problems erhalten hat, ist Farabi (st. 950)! . Besonderes
Interesse
verdient
dabei
die
Tatsache,
dass er die
Entwicklung vom
aristoxenischen zum ptolemäischen Gesichtspunkt (vgl. 1.5. Ende), d.h.
das
theoriebezogene
Bewusstwerden
des
Komma-Problems,
nochmals
nachvollzieht. Er betrachtet zunächst die Zusammensetzung und Teilung
musikalischer Intervalle aufgrund aristoxenischer, naiver Grössenvorstellungen wie Halbton und Ganzton, nach denen dieser doppelt so gross wie
jener wäre und sechsmal aneinandergereiht eine Oktave ergäbe?. Hieran
knüpft er eine zweite Erörterung, die von der arithmetischen Intervallkombination und -teilung des Ptolemaios ausgeht und die naiven Begriffe
durch exakte Saitenlängenverhältnisse ersetzt. Die Bezugnahme auf die
erste, die naive Betrachtung führt Farabi zwangsläufig zum Problem des
pythagoráischen Kommas?, wogegen er, wie bereits angedeutet, nicht
einmal Ansätze zum dritten Schritt, dem der arithmetischen Auswertung
der aristoxenischen Vorstellung zeigt (vgl.
!
1.5.). Spricht er etwa von
Die Frage, ob Farabi tatsächlich der erste arabische Musiktheoretiker war, der
sich mit dem Komma-Problem beschäftigt hat, muss wegen des weitgehenden Verlusts
der älteren Quellen offen bleiben. Möglicherweise wurde das Problem schon von Abu
1-‘Abbas as-Sarahsi (st. 899) in seinen Kitab al-Musigi al-kabir (vgl. Farmer, Sources,
Nr. 66) erörtert.
2
K. al-Mus. al-kab. 142-163.
ib. 163,-3ff.
Seite 9
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)“Halbierung” eines Intervalles, so meint er damit nie eine arithmetische
Hälftung,
sondern
nur
eine
annähernde,
nämlich
die
“harmonische
Teilung”*, d.h. die Unterteilung eines Ingervalls in zyei verschiedene,
emander ungefähr gleiche Intervalle wie 37 und 30. 19 und 13 oder 45
und 42 :
2.2.
Bis hierher also bringt Farabis Theorie gegenüber dem griechischen Erbe nichts Neues. Nun baut er aber den Gedanken der Unstimmigkeit zwischen Aristoxenischer Anschauung und Ptolemäischem Rechnen
weiter aus. Da den sechs Ganztonschritten nach naiver Vorstellung sechs
unter sich gleiche Teile der Oktave entsprechen, stellt er sich die Frage, ob
die Differenz zwischen Ganzton und Oktavsechstel, d.h. der sechste Teil
eines
pythagoräischen
Kommas,
vom
menschlichen
Gehör
ebenfalls
registriert werden könne, oder ob es erst die Summe, das pythagoräische
Komma selbst, wahrzunehmen imstande sei. Er entscheidet sich dezidiert
für die zweite Möglichkeit der Alternative gegen die erste”.
2.3.
Bevor wir an die Frage nach deni Grund von Farabis Position
herantreten, seien kurz die Vergleiche vorgestellt, mit denen er die beiden
Aspekte des Problems zu veranschaulichen sucht. Den allgemeinen Fall der
ersten Möglichkeit sieht er darin, dass eine Wirkung, die eine Menge
minimaler Objekte ausübt, in entsprechender Verkleinerung auch vom
einzelnen Minimalobjekt verursacht wird, auch wenn dies für uns unter der
Wahrnehmungsschwelle liegt. So höre man beispielsweise beim Ausgiessen
von Hirsenkörnern einen Laut; einen entsprechenden, wenn auch wesentlich schwächeren, müsste auch das einzelne Hirsenkorn hervorbringen. Als
Autor dieses Vergleichs vermerkt Farabi Zenon®. Für das Bild der zweiten
Möglichkeit fehlt eine derartige Quellenangabe. Farabi exemplifiziert sie
damit, dass zwanzig Männer ein Schiff (vom Ufer aus) flussaufwärts ziehen
können. Würde dies jedoch ein Einzelner versuchen, so brauchte er nicht
zwanzigmal mehr Zeit, sondern vermöchte das Schiff überhaupt nicht von
der Stelle zu bewegen, auch wenn er ein ganzes Jahr lang zöge?.
*
Zum Problem der “harmonischen Teilung” vgl. Handschin, Toncharakter
211ff.
SK. al-Mus. al-kab. 281,—1ff.; 283,1ff.; 283,—1ff.
©a0=
ib. 166,—1ff.
ib. 167,—Sff.
Seite 10
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Warum Farabi den Sachverhalt im Sinne der zweiten Möglichkeit
deuten wollte, erklärt er weder explizit noch anhand seiner Vergleiche.
Vielleicht könnte eines seiner naturwissenschaftlichen Werke einen Hinweis darauf enthalten!®. Die betreffenden Handschriften sind mir im
Augenblick jedoch nicht zugänglich!!. Fest bleibt jedenfalls die Tatsache,
dass
Farabi
zwischen
der
Tonhöhendifferenz
eines
pythagoräischen
Kommas und der von Ganzton und Oktavsechstel nicht bloss einen
quantitativen, sondern einen wesentlichen, qualitativen Unterschied sah,
und dass für ihn dieser Unterschied in der grundsätzlichen Apperzeptionsfähigkeit des Menschen lag, nicht etwa in der individuell verschieden
entwickelten
Fähigkeit,
kleinste Tonunterschiede wahrzunehmen (vgl.
unten 2.6.). In dieser Richtung wird denn auch die Antwort auf unsere
Frage zu suchen sein.
2.5.
In der Tat unterscheiden sich die beiden Tondifferenzen in
prinzipieller Hinsicht. Beim pythagoräischen Komma werden zwei natürliche musikalische Intervalle verglichen:
das eine, die Oktave, ist ein
äusserst einfaches Intervall, das andere, der sechsfache Ganzton, ein sehr
viel komplizierteres, aber nichtsdestoweniger durch eine rationale Zahl
darstellbar. Anders verhält es sich beim Sechstelkomma. Dort verdient nur
das eine der beiden miteinander verglichenen Intervalle
das Prädikat
natürlich, der Ganzton. Das andere dagegen, die Sechsteloktave, ist irreal,
durch ein irrationales Schwingungsverhältnis gekennzeichnet. Es stellt in
dieser Eigenschaft eine bloss theoretische Grösse dar und ist von unserem
Ohr wahrscheinlich gar nicht genau verifizierbar (vgl. 1.3.; 1.5. Ende). In
der musikalischen Praxis dürfte dieses Intervall, der temperierte Ganzton,
— von seiner atonalen Interpretation in moderner abendländischer Musik
einmal abgesehen — wohl immer nur im Sinne eines Näherungswertes, als
approximative
Darstellung
eines realen, natürlichen Intervalls
benützt
worden sein.
2.6.
Unter solchen Umständen liesse sich die von Farabi vermerkte
Unempfindlichkeit unseres Gehörs gegenüber der Differenz von Ganzton
10
Er erklärt im Anschluss an seine Erörterung: “Diese Dinge wurden ausführlich
in der ‘Physik’ untersucht.” (ib. 168,7)
1! Ich denke hier an Werke wie die -Maqalat ar-rafi‘a fi usul ‘ilm at-tabi‘a (vgl.
Ates, Fardbinin eserlerinin bibliografyası, Nr. 75) oder die Bücher über sama”, soweit
sie sich erhalten haben (vgl. ib. Nr.
S. 135, b)2).
112, 113 und 134; ferner Steinschneider, Al-Farabi,
Seite 11
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)und Sechsteloktave damit erklären, dass der Ganzton selbst eine von den
möglichen Interpretationen jenes künstlichen, irrationalen Intervalls darstellt, und dass dieses Intervall dementsprechend zu wenig musikalischen
Eigenwert besitzt, um überhaupt als Pendant, als Alternative zum Ganzton
empfunden werden zu können. Damit würde sich auch Farabis Feststellung erklären, dass jene Unempfindlichkeit unseres Gehörs nicht auf eine
individuelle Schwäche zurückgehe sondern grundsätzlicher Natur sei!?.
Dass Farabi das Problem tatsächlich so gesehen hat, geht freilich nicht mit
Sicherheit aus seinen Worten hervor.
2.7.
Die skizzierte Betrachtung ordnet dem pythagoräischen Komma
in gewisser Weise die Stellung eines Intervallatoms zu, allerdings nicht in
dem Sinne, dass das Komma als “unteilbarer Teil” verstanden würde, oder
dass
ihm
gar
der Wert
eines
konstruktiven
kleinsten
Elements
im
Tonsystem zukäme (vgl. Kap. 4), vielmehr nur insoweit, als Farabi das
Differenzphänomen
Komma
als musikalisch unteilbar betrachtet und
ausserdem in seiner Theorie keinen kleineren musikalischen Intervallwert
kennt. Auf diese Möglichkeit der Deutung hinzuweisen, erscheint deshalb
nicht ganz überflüssig, weil Husmann die Komma-Betrachtung Färäbis im
Sinne einer “Schwellen”-Theorie verstehen will und auch seine beiden
Vergleiche (Zenons Hirsenkörner und das Schiffziehen) in diesen Zusammenhang stellt!?, damit jedoch den springenden Punkt übergeht, nämlich
den fundamentalen Unterschied der beiden Aspekte, den Farabi mit Hilfe
seiner Vergleiche veranschaulichen wollte. Wäre es Farabi bloss um die
Schwellen-Theorie gegangen, so hätte er sich wohl anders ausgedrückt.
3.
Das pythagoräische Komma als praktisches
Problem
3.1. Die bisher behandelten Probleme, die in bezug auf das pythagoräische Komma aufgeworfen wurden, hatten theoretischen Charakter. Es
stellt sich nun die Frage, inwiefern auch die praxisbezogene arabische
Musiktheorie auf das Komma-Problem gestossen ist, und in welcher Weise
sie es zu lösen suchte.
12 K. al-Mus. al-kab. 168, 3-8.
13 Husmann, Grundlagen 97.
Seite 12
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Aus der Definition des pythagoräischen Kommas (1.1.) dürfte
klar geworden sein, dass sich das Problem nur dann stellen kann, wenn
innerhalb eines Oktavraums mindestens zwôlf verschiedene Toncharaktere
durch Quint- (und Oktavschritte) gewonnen werden. Fiir die autochthone,
d.h. die nicht griechisch befruchtete arabische Musiktheorie, wie wir sie
etwa bei Ishaq al-Mausili (st. 850) antreffen, war diese Bedingung noch
nicht erfüllt. Ishaqs Tonsystem, das sich auf die Praxis der klassischen
arabischen Musik bezog, bestand aus zehn Toncharakteren, die durch
Quintverwandtschaft
aus
einander
abgeleitet
werden
können.
Ishaq
bezeichnet sie mit den Buchstaben des arabischen Alphabets, die die
Zahlenwerte 1—10 haben! . In unserer Bezeichnungsweise ausgedrückt sind
es die Töne
f
gasab
c’ des’ d’ es’ e’
Die ersten neun Töne (f bis es’) werden durch die Schnittpunkte der
beiden oberen, im Quartverhältnis gestimmten Lautensaiten (matna und
zir) mit den vier klassischen Lautenbünden plus leere Saite erzeugt, wobei
der Zeigefingerbund einen grossen Ganzton, der Mittelfingerbund eine
kleine,
der
Ringfingerbund eine grosse pythagoräische Terz und der
Kleinfingerbund eine Quarte vom Sattel aus markieren. Den zehnten Ton
(e’) erhält Ishaq ohne Bund durch Streckung des kleinen Fingers? . Was die
Töne anbetrifft, die die vier Bünde auf den beiden tieferen Saiten (bam
und matlat) erzeugen, so scheinen sie Ishaq nur soweit interessiert zu
haben,
als
handelt.
es
sich um Oktavversetzungen der genannten zehn Töne
Unter
solchen
Umständen
konnte
sich
das Problem
des
pythagoräischen Kommas im Rahmen seines Tonsystems gar nicht stellen.
3.3.
Anders steht die Sache bei Ishags jüngerem Zeitgenossen Ya‘qub
al-Kindi (st. nach 870). Während sich Ishaq für die Darstellung seiner
Toncharaktere auf den Raum einer Oktave beschränkt, geht Kindi vom
Tonmaterial
einer
Doppeloktave
aus.
Die Töne der beiden Oktaven
bezeichnet er auf zwei verschiedene, völlig heterogene Arten. Einerseits
benennt er sie durchgehend vom untersten bis zum obersten Ton, wobei er
!
Eine Darstellung von Ishaqs Tonsystem verdanken wir seinem Schüler Ibn
al-Munaggim (st. 912), Risala fi l-musiqi 192ff.
2
Vgl. hierzu die Bemerkung ib. 201,1ff.
Seite 13
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)den einzelnen Ton, nicht dessen Toncharakter als Individualitát behandelt*. Andererseits weist er den einzelnen Toncharakteren je einen
arabischen Buchstaben zu, derart, dass Tóne im Oktavabstand denselben
Buchstaben erhalten’. Die Herkunft der beiden Bezeichnungsweisen ist
durchsichtig. Die erste hat Kindi von den griechischen Theoretikern; dies
erhellt sowohl aus strukturellen als auch aus terminologischen Parallelen® .
Bei der zweiten ist er der autochthonen arabischen Musiktheorie verpflichtet, wenn er deren System auch etwas abgewandelt und erweitert hat. Von
den Griechen also hat Kindi den Tonbereich der Doppeloktave übernommen,
von
den
Arabern
das
Prinzip,
nur
die
Toncharaktere
zu
bezeichnen, was den Tonraum praktisch in zwei Oktaven auflöst. Und
diese Kontamination von griechischem und arabischem System konfrontierte Kindi mit dem Problem des pythagoräischen Kommas.
3.4.
Den Ausgangspunkt bildet Kindis Absicht, zwei gleichgebaute
Oktaven zu konstruieren. Um den Raum einer Doppeloktave zu erhalten,
braucht er neben den vier klassischen Lautensaiten noch eine fünfte, hadd
oder zweite zir genannt’. Die Schnittpunkte dieser fünf, in Quarten
gestimmten Saiten mit den klassischen vier Bünden (s. 3.2.) ergeben die
Töne
G
Man
sieht
A
B
g
as
a
b
g
as
[a]
leicht
ein,
H
c
c’
dass
des
damit
d
es
d’
es’
e
f
g
f ges’
g’
zwar die zwôlf Toncharaktere
gewonnen sind, die im Raum einer Oktave zwôlf Halbtonschritte bilden
kônnen, dass sich diese Toncharaktere aber auf zwei Oktaven verteilen,
wobei in der unteren As, des und ges, in der oberen h und e’ fehlen. Die
Vollständigkeit der zwôlf Toncharaktere in beiden Oktaven, die wegen der
damit
erreichten Strukturgleichheit ein notwendiges Ziel Kindis sein
musste®, lässt sich jedoch durch einen weiteren Bund gewinnen. Er liegt
4 Sina'at at-talif, ed. Sauqi 88,5 bis 93,4.
S
6
7
Vel. ib. 73-75.
ib., Kommentar, S. 153—56;
ed. Lachmann/Hefni, Einleitung 15,1ff.
Es ist hier nicht der Ort, auf das Problem der fünften Lautensaite einzugehen.
Erwogen wurde dieses Mittel, den Tonraum zu erweitern, u.a. von Ishaq al-Mausili (st.
850) (vgl. Ibn al-Munaggim, Ris. fi l-mus. 194,—2ff.; 197,2). Für die fünfte Saite, die
Ziryab (st. um 845) den klassischen vier Lautensaiten hinzufügte, werden jedoch
andere Gründe angegeben (vgl. Maqqari, Nafh 2, 86f.).
$ Vgl. seine Ausführungen in Sind at at-ta Tif, ed. Sauqi, S. 73 bis 75,—2.
Seite 14
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)zwischen Sattel und Zeigefingerbund und sei der Kiirze halber Zusatzbund
genannt?. Er liefert die vorher erwähnten fehlenden Töne und ermöglicht
damit auf der Laute die Darstellung der beiden gleichgebauten Oktaven
G As
A B
gas
a
b
H c des d
e des’ d’
h
es
es’
>
e
eo
f
f?
ges
ges’
g
g°
3.5. Nun ist dieser Zusatzbund, wie schon Manik feststellte, in
Wirklichkeit ein Doppelbund!°. Bei den drei unteren Saiten trennt ihn der
Abstand eines Leimmas (90,2 Cents) vom Sattel; er erzeugt damit die drei
Tône As, des und ges. Bei den beiden oberen Saiten jedoch beträgt sein
Abstand vom Sattel eine Apotome (113,7 Cts), da er die beiden Tône h
und
e’
bezeichnet.
Die
Distanz
zwischen
den
beiden
Teilen
dieses
Doppelbundes wiederum entspricht genau einem pythagoräischen Komma. Im übrigen kann man anstelle des Doppelbundes auch einen einfachen
Bund mit einer Knickung zwischen der drittuntersten und der zweitobersten Saite annehmen. So oder so aber ware zu erwarten, dass Kindi das
Problem dieser doppelten Bundlage in irgendeiner Weise berührt, besonders
in
seiner
Abhandlung
über
die
Melodiekomposition,
in der er
Herleitung und Nomenklatur seines Tonmaterials in extenso behandelt.
Dies ist jedoch nicht der Fall. Allenfalls könnte es im verloren gegangenen
Anfang jenes Werks geschehen sein. Doch mag Kindis diesbezügliches
Schweigen tiefere Griinde haben.
3.6. Zunächst einmal dürfen wir festhalten, dass jemand, der sich wie
Kindi in der griechischen Musiktheorie auskannte, mit der theoretischen
Seite des Komma-Problems vertraut sein musste. Unsere Frage lautet also
nur,
ob
sich
Kindi
auch
durch
die
praktischen Gegebenheiten der
arabischen Musik mit dem Problem des pythagoräischen Kommas konfrontiert
sehen konnte. Wir dürfen sie nicht ohne weiteres bejahen.
Zunächst einmal lässt Kindi keinen Zweifel darüber, dass der Zusatzbund
fiktiv ist. Er erklärt nämlich, dass fünf von seinen 24 Tönen gar nicht
gebraucht wiirden!!, und zwar sind es, wie aus anderen Stellen hervorgeht,
?
Die arabischen Theoretiker nennen ihn mugannab as-sabbaba, eigtl. “Handpferd des Mittelfingerbundes”.
10 Tonsystem 30,—6ff.
1 Sind
at at-ta lif, ed. Saugi 82,1.
Seite 15
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)gerade die Töne des offenbar inexistenten Zusatzbundes!?. Danach wäre
Kindi von der Praxis und damit vom Ohr her gar nicht auf das Problem
des pythagoräischen Kommas gestossen worden. Hierzu passt ein zweiter
Punkt. Kindi scheint auf Intervallschwankungen vom Grad eines pythagoräischen Kommas nicht empfindlich gewesen zu sein, nimmt er doch
keinen Anstoss daran, in seiner Melodielehre den Ton h im Sinne von ces’
mit ges zu verbinden!?, obwohl die Intervalle ces’—ges und h—ges gerade
in einem pythagoräischen Tonsystem empfindlich differieren!*. Wenn aber
Kindi das pythagoräische Komma als Faktor des praktischen Tonsystems
ignoriert, dürfen wir vermuten, dass seine zwölfstufige Tonleiter nicht
ptolemäisch, sondern naiv aristoxenisch konzipiert war (vgl. 1.6.). Seine
Oktave hätte sich danach nicht aus sieben Leimmas plus fünf Apotomes
zusammengesetzt, sondern aus zwölf quasi-temperierten Halbtönen. Somit
hätte Kindi — bewusst oder unbewusst — ein natürliches Tonsystem
temperiert behandelt, während wir — wenigstens in der tonalen Musik —
genau umgekehrt ein temperiertes Tonsystem natürlich interpretieren.
3.7.
Aus dem bisher Gesagten dürfte hervorgegangen sein, dass die
klassische arabische Musik weder in
der autochthonen noch in der
griechisch beeinflussten arabischen Musiktheorie das Problem des pythagoräischen Kommas aufgeworfen hat. Dennoch scheint wenigstens dessen
empirische Version (vgl. 1.1.) im Gesamtrahmen der arabischen Musik
nicht unbekannt gewesen zu sein, allerdings nicht in der klassischen,
sondern in der volkstümlichen oder “modernen’”'°. Färäbi erwähnt
nämlich eine Stimmung der zweisaitigen choräsänischen Langhalslaute
(tunbür), bei der die Oktave in siebzehn Stufen eingeteilt wurde und der
Abstand zwischen den Bünden 2 und 3, 5 und 6, 8 und 9,.11 und 12
jeweils ein pythagoräisches Komma markierte!$. Es handelt sich um ein
pythagoräisches Tonsystem, das die Toncharaktere von zwanzig übereinandergeschichteten Quinten wiedergibt. Die Kleinintervalle Leimma (L)
und Komma (K) folgen sich dabei in folgender Ordnung
12 Explizit sagt dies Kindi im erhaltenen Teil des Werkes nur von h und ges (Al.
74,2 da ,5), immerhin also von je einem Vertreter der beiden Teile des Doppelbundes.
ib. 110,5.
14 Es wäre zu untersuchen, ob in dem mir augenblicklich nicht zugänglichen, von
Zakariya Yusuf herausgegebenen Lautenbiichlein Kindis weitere Beispiele dieser Art
zu finden sind (Agdam watiga musigiya li-lahn mudawwan ‘inda l-‘Arab, Tamrin
lid-darb ‘ala I-‘ud, Baghdad 1962). Zum Problem selbst vgl. 4.6.
15 Vgl. hierzu Farmer, History 149f.
16 K. al-Mus. al-kab. 710,-3ff.
Seite 16
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)KLL
K
LL
K
LL
K
LUK
LU
L
L+K
L
L+K
Mit unseren Tonsymbolen exemplifiziert wäre dies
g
as
bes a
b
ces h
c
des
cis
d
es
dis e
f eis
fis g
gis a
ais
Der gesamte Tonraum umfasst eine grosse Duodezime (die Biinde umschliessen den Tonumfang einer None und die Saiten sind im Ganztonverhältnis
gestimmt).
Der
‘“philolaische”
Charakter
dieser
Kommata wird von Färäbi treffend im Begriff “Überschuss des Ganztons über
zwei Leimmata” aufgefangen!”. Auffallend ist der Umstand, dass nach
fünf Ganztönen die Einarbeitung eines toncharakterbildenden Kommas
zwischen die Leimmata aufhört. Das choräsänische Tunbür war offenbar
für kleine Melodieräume gedacht. Innerhalb des zur Verfügung stehenden
Tonraums aber liessen sich die verschiedensten modalen Varianten und
Transpositionen realisieren. Sollte hierin tatsächlich der Grund für den
Reichtum der auf dem Tunbür erzeugten Toncharaktere liegen, so hätten
wir es mit einer Art von ptolemäischer Lösung des praktischen KommaProblems zu tun, deren aristoxenische Variante wir bei Kindi kennen
lernten. Auf eine andere Deutungsmöglichkeit werden wir im nächsten
Kapitel zu sprechen kommen (vgl. 4.4.f.).
4.
Das pythagoräische Komma als konstruktives
Element des Tonsystems
4.1.
Der unter den Chalifen Harun ar-Rasid (786-809) bis Watiq
(842—47) blühende Lautenist Zalzal! hat bekanntlich ein neues, systemfremdes Element in das arabische Tonsystem eingeführt, nämlich eine
Variante zum pythagoräischen Mittelfingerbund, die das Intervall zwischen Zeigefinger- und Kleinfingerbund ungefähr halbiert, d.h. in zwei
Dreivierteltöne unterteilt. Dass Zalzal eine derartige Halbierung bezweckte, wird zwar nicht ausdrücklich gesagt, darf aber wohl aus der Tatsache
geschlossen werden, dass die beiden ältesten Angaben über die Lage dieses
Bundes, die von Färäbi (st. 950) und Avicenna (st. 1037), 354,6, resp.
17 ib. 717,3f.; 7183.
Vgl. Neubauer, Musiker 192, Nr. 48.
Seite 17
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)342,5 Cents ergeben — der Wert des “temperierten” Dreivierteltons läge
bei 350 Cents. Das genaue Schwingungsverhältnis ware im ersten Fall
27 : 22, im zweiten 39 : 322.
4.2.
Die
Geschichte
dieses
Bundes
interessiert
uns
hier nur im
Hinblick auf die Frage seiner Integrierung in das pythagoräische System
der klassischen arabischen Musik. Eine solche liegt weder bei Farabi noch
bei Avicenna vor. Beide erwähnen den Bund als Gegebenheit der Praxis,
ohne sich um sein genetisches Verhältnis zu den anderen Bünden zu
kümmern. Von Ishaq al-Mausili und Kindi dagegen wird er ignoriert. Bei
Ishaq mag dies ästhetisch begründet gewesen sein*, bei Kindi vielleicht
eher musiktheoretisch: der Zalzal-Bund hatte in seinem zwölfstufigen
pythagoräischen Tonsystem keinen Platz. Wenn sich Farabi nicht bemühte, die vom Zalzal-Bund erzeugten Töne mit den pythagoräischen auf
einen systematischen Nenner zu bringen, so dürfte dies daran liegen, dass
die Heterogenität der beiden Tongruppen für ihn gar nicht derart ins
Gewicht fiel. Erörtert er doch in seiner Genus-Lehre die verschiedensten
Quartteilungen, von denen die meisten aus “unpythagoräischen”, d.h.
nicht durch Quintschritte erzeugbaren Intervalle wie
5:4, 6:5, 7:6,
8:7, 10:9 bestehen* und daher in der arabischen Musik gar nicht
gebraucht wurden‘. Wie wenig Kopfzerbrechen ihm dies verursachte, zeigt
der Umstand, dass er auch für die unpythagoräischen Intervalle angibt, wie
die sie erzeugenden Bünde auf der Laute zu legen seien‘. Bei Avicenna,
der in diesen Dingen ohnehin einen weniger profilierteren Standpunkt
einnimmt als Farabi, dürften die Gründe ähnlich gewesen sein.
4.3.
Da
die
Lage
des Zalzal-Bundes
in
beiden
Varianten einen
Näherungswert darzustellen scheint, kann man die Frage stellen, ob es
vielleicht möglich ist, durch weitere Quintfortschreitungen innerhalb eines
pythagoräischen Systems auch die Zalzal-Töne annähernd hervorzubringen. Dieses Ziel lässt sich in der Tat mit einem System verwirklichen, das
?
3
Vgl. Farmer, Lute Scale 249 und 256.
Jedenfalls vertrat Ishaq auch gegenüber anderen Neuerungen einen streng
konservativen Standpunkt (vgl. Farmer, History 149).
% K. al-Müs. al-kab. 282-284, 288-291, 294, 298.
5
Noch Safiyaddin al-Urmawi (st. 1294) betrachtet die kleine und die grosse
Naturterz als wenig konsonant (d’Erlanger, Musique arabe 3, 30,—13ff.) und
charakterisiert sie als melodisch unbrauchbar (ib. 61, 12f.).
6 K. al-Mus. al-kab. 757ff.
Seite 18
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)auf 29 Quintschritten beruht. Die Zalzal-Tône wiirden dann durch eine
dreimalige chromatische Erhöhung der leeren Saite erreicht. Man kommt
damit auf einen Ton, der um 341,1 (d.h. 3 x 113,7) Cents höher als der
Grundton der leeren Saite ist, also fast gleich hoch wie die Zalzal-Variante
Avicennas (342,5 Cts.)?. Anders ausgedrückt, liegt der gesuchte Ton um
zwei pythagoräische Kommata höher als der pythagoräische Mittelfinger.
bund (294,1 + 2 - 23,5 = 341,1). Nennen wir dessen Ton z.B. B, so heisst
der pythagoräische Zalzal-Ton Gisisis. In den mir zugänglichen Quellen
und sonstigen Studien finde ich jedoch keinen Hinweis darauf, dass die
arabische Theorie jemals versucht hätte, die Zalzal-Töne in ein 29-stufiges
pythagoräisches System zu integrieren.
4.4.
Hingegen wird die mittelalterliche arabische Musiktheorie seit
dem 13. Jahrhundert von einer Lösung beherrscht, die den angedeuteten
Weg beschritten hat, aber nicht zu Ende gegangen ist. Ihr Vater ist
Safıyaddin ‘Abdalmu’min al-Urmawi (st. 1294). Er greift — bewusst oder
unbewusst — das System der choräsänischen Langhalslaute wieder auf, das
ihm von Färäbi her bekannt gewesen sein dürfte® , gleicht es jedoch in dem
Sinne aus, dass es 17 durch Quintverwandtschaft auseinander ableitbare
Toncharaktere
aufweist.
Die
Ordnung
der
Leimmata
und Kommata
innerhalb einer Oktave ist folgende
L
LK
LL K
LL
L
K
L
L
K
L
L
L
K
123
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
Das, worauf es uns hier jedoch ankommt, ist die Interpretation, die
Safiyaddin dem 5. Bund (Nr. 6 und 13) gibt: er identifiziert ihn mit dem
Zalzalschen Mittelfingerbund. Die beiden auch bei Farabi und Avicenna
nicht genau gleich grossen Dreivierteltône werden bei diesem Vorgehen zu
Apotome (113,7 Cents) und Doppelleimma (180,4 Cents) deformiert
(zusammen 294,1 Cents = kleine pythagoräische Terz). Die Zalzalschen
Töne
dürften
damit eher einen Verfremdungseffekt ausüben als den
Eindruck von Dreivierteltônen hervorrufen, aber vielleicht lag hierin auch
die urspriingliche Absicht Zalzals. Wie dem auch sei, der Deformations-
7 Die Differenz von ca. 1,4 Cents begegnet, nebenbei bemerkt, auch in anderem
Zusammenhang: sie entspricht bei einer Einteilung der Oktave in 53 Kommata dem
Unterschied zwischen grosser Naturterz und 17 Kommata (vgl. Altwein, Arabisches
Komma 433, 15ff.).
Zur Abhängigkeit Safiyaddins von Farabi vgl. d’Erlanger, Musique arabe, 3,
Einl., S. VI, 2. Abs.
Seite 19
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)oder Verfremdungseffekt und damit die Integration der ursprünglich
systemfremden Töne geschieht dadurch, dass die beiden melodischen
Grundintervalle des heptatonischen pythagoräischen Tonsystems, Halbton
(Leimma) und Ganzton (Quinte minus Quarte), um ein pythagoräisches
Komma verändert und einander angenähert werden, im ersten Fall durch
Vergrösserung, im zweiten durch Verkleinerung. Damit wird das Komma
zu einem konstruktiven, wenn auch unselbständigen, d.h. nur in Verbindung mit
den Basiselementen gebrauchten Intervallelement des Tonsystems gemacht.
4.5.
tion
Ob dies der eigentliche Grund war, der Safıyaddin zur Konstrukseines
siebzehnstufigen Tonsystems
bewogen
hatte,
wissen
wir
allerdings nicht. Safiyaddin schweigt sich darüber aus. Theoretisch käme
das Motiv auch für die Bundeinteilung der chorasanischen Langhalslaute in
Frage. Wie dort mag aber auch bei Safiyaddin neben dem Motiv der
Integration “unpythagoräischer” Töne noch ein zweiter Beweggrund eine
Rolle gespielt haben (vgl. 3.7. Ende): Safiyaddin erstrebte eine möglichst
uneingeschränkte Freiheit im Transponieren seiner Modi. Dies zeigt schon
die Tatsache seiner Transpositionstabellen, in denen er die zwölf wichtigsten Modi auf allen siebzehn Tonstufen aufbaut”. Man überzeugt sich
leicht anhand der in Abschnitt 4.4. angegebenen Leimma/Komma-Ordnung, dass alle Modi bei gewissen Transpositionen Probleme aufwerfen.
Die rein diatonischen bereiten Schwierigkeiten, wenn ein Halbton auf
einen Bund fällt, der vom nächsten um den Abstand eines pythagoräischen
Kommas entfernt ist!°. Werden Zalzal-Töne verwendet, so erfordern
einzelne Transpositionen eine Vertauschung der beiden ungleichen Dreivierteltöne!!, also die Missachtung des Unterschieds zwischen Apotome
und
Doppelleimma.
Das
Vorhandensein eines chromatischen Schritts
wiederum bedingt bei gewissen Transpositionen eine Gleichwertung von
Apotome und Leimma, d.h. eine Vernachlässigung des pythagoräischen
Kommas, nämlich dann, wenn kraft der Versetzung der chromatische
Schritt in den Bereich der drei aufeinanderfolgenden Leimmata fállt!?.
9 ib. 138-149.
10 Man erkennt dies z.B. in der 12. Transposition des Modus ‘UKaäq beim zweiten
und dritten Intervall (ib. 138, Fig. 91).
11
Man vergleiche etwa das vierte und fünfte Intervall des Husaini-Modus bei der
zweiten und der dritten Transposition (ib. Fig. 95).
12 Denn die Apotome ist nur durch die Varianten LK und KL darstellbar.
Seite 20
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Wir kommen somit zu der bemerkenswerten Feststellung, dass
Safiyaddin das pythagoräische Komma einerseits als konstruktives Element seines Tonsystems behandelt, es aber andererseits gelegentlich im
Sinne einer Intonationsschwankung vernachlassigt!?. Solche Formen von
Intonationstoleranz bilden an und für sich nichts Neues. Wir sind ihnen
schon bei Kindi begegnet (vgl. 3.6.). Farabi erklart sie als unbedenklich
für unser Ohr'* und Avicenna weiss zu berichten, dass die Musiker seiner
Zeit Intervalle wie Leimma und Viertelton verwechselten!*. Offenbar hat
man den Ursprung von Safiyaddins Intonationsdifferenzen im Bereich der
musikalischen Praxis zu suchen; jedenfalls fanden sie dort ein Alibi,
während sein Tonsystem der Praxis gegenüber zunächst den Stand einer
reinen Theorie innegehabt zu haben scheint. Es ist daher bemerkenswert,
dass sich sein System über Jahrhunderte hin bei den Theoretikern halten
konnte und erst im 19. Jahrhundert einer zweckmässigeren Tonordnung
weichen musste'®.
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13 Vgl. zu diesem Problem auch Wright, Modal system 34 ,2ff.
14 K. al-Müs. al-kab. 627,—2ff.
© Sifa’, Übers. d’Erlanger, Musique arabe 2, 150,—13ff.; vgl. hiezu auch Farabi,
K. al-Mus. al-kab. 580,—1ff.; ferner Wright, 1.1. 39.
16 Dass diese Tonordnung in der Praxis älter ist (vgl. Farmer, Art. Musiki, El’ 3,
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