Pythagoras in der Schmiede: Eine Pythagoraslegende

Author
Michels-Gebler, R.
Published in
Schmied und Musik
Year
1984
Subject
SMITHY
Language
Deutsch
Category
C2 Music
Archive number
1177

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Michels. GERLER KR: Lay MUSIK UND ALTEN ORIENTS SCHMIEDEHANDWERK IM MYTHOS DES ÿ. Via 18 Pythagoras in der Schmiede: Eine Pythagoraslegende In einem musikalischen Lehrbuch!, das wahrscheinlich aus der zweiten Hulfte des 11. Jahrhunderts stammt, lesen wir folgendes über den legendären Ursprung der Musik: I. Wer hat die Musik erfunden? Pythagoras der große Philosoph. Il. Wie ist die Musik erfunden worden? Durch den Klang der Hämmer. Pythagoras gilt als der Entdecker der musikalischen Zahlenverhältnisse. Mit ihm faßt das griechische Altertum , Musik‘ als eine Art Beziehungslehre auf: die Lehre von den Relationen und Proportionen, die Harmonie der Zahlen (Vogel 1966, 360, 39). Das pythagoreische Weltbild, welches stark an Maß und Zahl orientiert war, räumte der Musik einen besonderen Platz ein, da jedes Zuhlenverhältnis einem Tonverhältnis oder Intervall entsprach. Von duher erklärt sich auch, daß im sogenannten ,,Quadrivium“ der pythagoreischen Schule die Mousiké der Arithmetik, Geometrie und Astronomie übergeordnet war (ebenda 360). Ein solch erweitertes Musikverständnis, welches im Bild vom „tönenden Kosmos" gipfelte, läßt sich bis hinein ins hohe Mittelalter verfolgen (ebenda). Die wichtige Entdeckung des Pythagoras, die Erforschung der musikalischen Konsonanzen, verlegt die Legende nun ausgerechnet in eine Schmiede, Die Musikschrift des Nikomachos (Nikom. harm. 6, 245-248, Jan)? als die uns IN, DCHMED GND WY Sa = bekannte älteste Quelle, erzählt folgendes: Pythagoras ging einmal spazieren und dachte darüber nach, ob man nicht für das Gehör eine untrügliche instrumentale Hilfe finden könne, Wie durch 1) Liber Argumentorum, Expositiones in Micrologum Guidonis Aritini, ed. J. Smits van Waesberghe, Amsterdam 1957, S. 19: Musica a quo inventa? A Pythagora magno philosoPho, Musica unde inventa? Ex malleorum sonitu. 2) Abkürzungen der griechisch-römischen Zitatstellen nach: Lexikon der Alten Welt, Zürich und Stuttgart 1965, 3439ff.

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göttliche Fügung kam er an einer Schmiede vorbei und hörte, daß die Hammer, die das Eisen schlugen, paarweise Harınonien ergaben in Form der reinen Intervalle von Oktave, Quarte und Quinte, Er stellte fest, daß sich die Hämmer ITuBaPa tuBalBapr sbreact nur durch ihr Gewicht unterschieden, und fand die Gewichtsverhältnisse Ed, EIA A, Daraufhin nun, spannte Pythagoras gleichlange Suiten mit Gewichten, die jenen Hámmern entsprachen, und fand, als er sie anschlug, wieder dieselben Intervalle. rt a Fhhas GA st 14 Les did. e bah os sai het eek SORA EMEA PE SP ti 1: Pythagoras entdeckt in einer Schmiede die Proportionen der konsonierenden Intervalle Der Erzählung ist zunächst anzumerken, daf ihre physikalischen Aussagen falsch sind. Dies betrifft den vorausgesetzten Satz, daß Schwingung und Klang eines Metallkörpers seinem Volumen und Gewicht direkt proportional seien, sowie die Schlußfolgerung, die Schwingungszahl einer Saite sei der Spannung Neben den neupythagoreischen und neuplatonischen Schriftstellern findet proportional. Tatsächlich ist die Tonhöhe bzw. Frequenz der Quadratwurzel sich die Schmiedelegende in den großen Sammelwerken, die die Wissenschaft aus der Spannung proportional, d. h. das 4-fache Gewicht ergäbe die Oktave des Altertums zusammenfassen und ans Mittelalter weitergeben, Ein Zweig mittelalterlicher Überlieferung, in der die Erzählung immer wieder auftaucht, sind die Schriften der Musiktheoretiker. Hier sind wiederum drei Gruppen zu unterscheiden. Eine Autorengruppe stützt sich in ihrem Bericht auf Boethius, (2:7), Der Bericht des Nikomachos wird von Jamblichos (ca. 330 n. Chr.) wörtlich wiedergegeben (vita Pyth. I 15ff). Gaudentios (um 150 n. Chr.) bringt ihn verkürzt, aber im wesentlichen unverändert. Censorinus (238 n. Chr.) berichtet über Eine zweite Gruppe, deren Darstellung der Schmiedelegende weitgehend auf an Saiten gehängte Gewichte und über verschieden lange Flöten (de die nat. Nikomachos beruht, führt sich auf Macrobius zurück. Die dritte Gruppe schließc. 10), Die Tradition variiert, und man weiß nicht, wie alt die Varianten sind, lich greift die verkürzte Form der Legende auf, die bereits Cassiodor in Anlehob sie auf jüngeren Umdeutungen oder Mißverständnissen oder ob sie auf alnung an Gaudentius erzählt’, ter, legendenhafter Ausspinnung vorhandener Motive beruhen. 1) Belegstellen bei Münxelhaus 1976, 391.

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Neben den griechischen Musikerfinder stellt das christliche Mittelalter den biblischen der Genesis, die Jubal zum Stammvater der Musikanten und seinen Bruder Tubal zu dem der Schmiede erklärt. Die Verbindung der Genesiserzählung mit der Pythagoraslegende bot sich als eine naheliegende an, da sowohl die biblische als auch die griechische Tradition den Schmied mit der Musik in Zusammenhang bringt, womit beide Überlieferungen durch einen wesentlichen thematischen Bezug aneinander gekoppelt sind, Von daher läßt sich auch erklären, warum in der Nachfolge Isidors die Aussagen schwanken, indem sie einmal Jubal, ein anderes Mal Tubal als den Erlinder der ars musica nennen. Die Verbindung von Schmied und Musiker (Abb. 2), die die Genesis in einen gemeinsamen Raum und eine gemeinsame Zeit setzt, verdichtete sich schließlich auch in ciner Person, indem die theologische Forschung dic Namen Jubal und Tubal auf ein gemeinsames Stammwort zurück führte (18). Die Tubal-Jubal-Tradition als auch die Pythagorasüberlieferung spiegeln sich beide in den bildlichen Darstellungen der Septem artes wider. In einigen Durstellungen, in denen der Musik ein biblischer Vertreter an die Seite gestellt wird, ist Pythagoras der Arithmetik zugeordnet'. Einige Musiktheoretiker des Mittelalters, die beide Traditionen, die griechische und die biblische, nebeneinanderstellen, lehnen die Pythagoraslegende als nicht ernst zu nehmende Sage oder Irrtum ab und entscheiden sich für die biblischen Erfinder?. Vermittlungsversuche zwischen den Traditionen lassen sich dagegen ab dem 9. Jh. feststellen, das die mythischen Erfinder Jubal-Tubal einerseits und Pythagoras andererseits der Musik in unterschiedlicher Weise zuordnete. Dieser unterschiedlichen Bewertung lag die doppelte Bedeutung des Wortes musica zugrunde, die einmal die Musik als Wissenschaft, zum andern die praktische Musikausübung umfaßte. Jubal-Tubal gilt nun als der erste praktische Musiker, Pythagoras aber als der Begründer der wissenschaftlich-rationalen Beschäftigung mit der Musik: Licet per historias notum sit Tubal primum usu musicam exercuisse, Pythagoras tamen prior per pondera mensus est consonantias, et certa ratione inventas posteris reliquit. So drückt Walter Odington? diesen Sachverhalt klar aus. Eine Trennung zwischen Wissenschaft und Musikpraxis hat es für Pythago- Auch außerhalb des engeren Bereichs der musica scientia war die Schmiederas und die Pythagoreer mit Sicherheit nicht gegeben. Die Tatsache, daß sich legende weit verbreitet. Sie gehörte nicht nur zum Standardwissen der Musikdie „Erfindung“ der Musik der Legende zufolge in einer Schmiede abspielt, theoretiker, sondern fand auch Eingang in die Vagantendichtung und geistliche nimmt jedenfalls Bezug auf eine althergebrachte Verbindung von Schmiede- Literatur (Münxelhaus 1976, 41). kunst und Musik. Diese Verbindung ist aber auch im magischen Bereich ver- Innerhalb dieser Literatur gab es nun aber eine andere Tradition über die Erfindung der Musik, diejenige, die an den biblischen Mythos anknüpfte und Jubal bzw. Tubal, die Söhne des Lamech, als Musikerfinder nennt. Bei Isidor von Sevilla, mit dem diese Tradierungsform ihren Ausgang nimmt, heißt es: Moyses 1) Vgl. die bildlichen Darstellungen und ihre Erläuterung bei Münxelhaus (47f bzw. die Abdicit repertorem musicae artis fuisse Tubal, qui fuit de stirpe Cain ante diluvium. bildungen des Anhangs). Graeci vero Pythagoram dicunt huius artis invenisse primordia ex malleorum sonitu et cordarum extensione percussa (lsid. orig. III 16, 1; Lindsay). 2) So z. B. der Verfasser des Metrologus (13. Jh.) und Johannes Aegidius Zamorensis (2. Hälfte des 13. Jh.); Münxelhaus 49. 3) Summa de speculatione musicae (CSM XIV 63).

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wurzelt. Sie durchdringt die Mysterienkulte! und hat nach Burkert gerade bei den Pythagoreern eine besondere Ausprägung erfahren (Burkert 1962, 355). So seien die Angaben des Arıstoxenos über eine musikalische Katharsis bei den Pythagoreern wegen des rituell magischen Hintergrundes ernst zu nehmen (ebenda). Jenes Akusma, wonach der Klang geschlagenen Erzes die Stimme eines Duimon ist, schlage im pythagoreischen Bereich die Brücke zum Metallhandwerk. Daß Pythagoras in einer Schmiede das Grundgesetz der Akustik entdeckt habe, ist demnach, so Burkert, eine — physikalisch falsche — Rationalisierung der Überlieferung, daß Pythagoras das Geheimnis der magischen Musik kannte, wie sie die mythischen Schmiede erfunden haben (ebenda). Tubalkain Nach der Bibel ist Tubalkain der erste Metallhandwerker. Sein Bruder Jubal „erfand“ die Musik, und mit Jabal begann das Wanderleben der Hirtennomaden. Im 1. Buch Mose heißt es: Lamech aber nahm zwei Weiber: der Name der einen war Ada, der Name der anderen Zilla. Ada gebar den Jabal, der ist der Vater derer, die in Zelten und bei Herden wohnen; der Name seines Bruders war Jubal, der ist der Vater aller derer, die Zither (kinnör) und Flöte ( Tab) spielen. Aber auch Zilla gebar, den Tubalkain, der ist der Vater aller derer, die Erz und Eisen hammern (Gn 4, 19-22). Die Bibel nennt drei mythische Urväter und „Erfinder“ mit annähernd gleichem Namen. Die Namensgleichheit veranlaßte eine Reihe theologischer Forscher?, Jubal, Jabal und Tubalkain auf eine gemeinsame sprachliche Wurzel zurückzuführen. Während Jubal und Jabal sich nur durch den ersten Vokal voneinander unterscheiden, kann Tubal-kain als Doppelname aufgefaßt werden, wobei -kain die genealogische Beziehung zum Stammbaum der Kainiten herstellt. Diese Ansicht unterstützt die Septuaginta mit Thobel statt Tubalkain. Andererseits bedeutet gain im Arabischen und Aramäischen „Schmied“, so daß Tubalkain auch die Berufsbezeichnung ,,Tubal der Schmied“ ausdrücken kann (Albright 1963, 9). Nach Ginsberg geht nun insbesondere der Zusammenhang zwischen dem Schmiedehandwerk und dem Gesang deutlich aus dem semitischen Wortschatz hervor. Das arabische q-y-n „schmieden", „Schmied sein“, ist verwandt mit den hebraischen, syrischen und äthiopischen Wörtern, die singen, eine Totenklage anstimmen, bedeuten (Ginsberg bei Guster 1950, 155). Die Femininform gaina meint im Arabischen die , Musikantin!. Qaina heißen wiederum die 1) Vgl. Kern RE IV 2018ff; B. Hemberg, in: Eranos 50, 1952, 41-59; bes. Ephoros FGrHist 70 F 104 = Diod, 5, 64. 2) Zitiert bei Vogel 1973, 535 (11, 2).