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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Michels. GERLER KR:
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MUSIK
UND
ALTEN
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SCHMIEDEHANDWERK
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Pythagoras in der Schmiede: Eine Pythagoraslegende
In einem musikalischen Lehrbuch!, das wahrscheinlich aus der zweiten Hulfte des 11. Jahrhunderts stammt, lesen wir folgendes über den legendären Ursprung der Musik:
I. Wer hat die Musik erfunden?
Pythagoras der große Philosoph.
Il. Wie ist die Musik erfunden worden?
Durch den Klang der Hämmer.
Pythagoras gilt als der Entdecker der musikalischen Zahlenverhältnisse. Mit
ihm faßt das griechische Altertum , Musik‘ als eine Art Beziehungslehre auf:
die Lehre von den Relationen und Proportionen, die Harmonie der Zahlen
(Vogel 1966, 360, 39). Das pythagoreische Weltbild, welches stark an Maß
und Zahl orientiert war, räumte der Musik einen besonderen Platz ein, da jedes Zuhlenverhältnis einem Tonverhältnis oder Intervall entsprach. Von duher
erklärt sich auch, daß im sogenannten ,,Quadrivium“ der pythagoreischen
Schule die Mousiké der Arithmetik, Geometrie und Astronomie übergeordnet
war (ebenda 360). Ein solch erweitertes Musikverständnis, welches im Bild
vom „tönenden Kosmos" gipfelte, läßt sich bis hinein ins hohe Mittelalter verfolgen (ebenda).
Die wichtige Entdeckung des Pythagoras, die Erforschung der musikalischen Konsonanzen, verlegt die Legende nun ausgerechnet in eine Schmiede,
Die Musikschrift des Nikomachos (Nikom. harm. 6, 245-248, Jan)? als die uns
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bekannte älteste Quelle, erzählt folgendes:
Pythagoras ging einmal spazieren und dachte darüber nach, ob man nicht
für das Gehör eine untrügliche instrumentale Hilfe finden könne, Wie durch
1) Liber Argumentorum, Expositiones in Micrologum Guidonis Aritini, ed. J. Smits van
Waesberghe, Amsterdam 1957, S. 19: Musica a quo inventa? A Pythagora magno philosoPho, Musica unde inventa? Ex malleorum sonitu.
2) Abkürzungen der griechisch-römischen Zitatstellen nach: Lexikon der Alten Welt, Zürich
und Stuttgart 1965, 3439ff.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)göttliche Fügung kam er an einer Schmiede vorbei und hörte, daß die Hammer,
die das Eisen schlugen, paarweise Harınonien ergaben in Form der reinen Intervalle von Oktave, Quarte und Quinte, Er stellte fest, daß sich die Hämmer
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nur durch ihr Gewicht unterschieden, und fand die Gewichtsverhältnisse
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Daraufhin nun, spannte Pythagoras gleichlange Suiten mit Gewichten, die
jenen Hámmern entsprachen, und fand, als er sie anschlug, wieder dieselben
Intervalle.
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1: Pythagoras entdeckt in einer Schmiede die Proportionen
der konsonierenden Intervalle
Der Erzählung ist zunächst anzumerken, daf ihre physikalischen Aussagen
falsch sind. Dies betrifft den vorausgesetzten Satz, daß Schwingung und Klang
eines Metallkörpers seinem Volumen und Gewicht direkt proportional seien,
sowie die Schlußfolgerung, die Schwingungszahl einer Saite sei der Spannung
Neben den neupythagoreischen und neuplatonischen Schriftstellern findet
proportional. Tatsächlich ist die Tonhöhe bzw. Frequenz der Quadratwurzel
sich die Schmiedelegende in den großen Sammelwerken, die die Wissenschaft
aus der Spannung proportional, d. h. das 4-fache Gewicht ergäbe die Oktave
des Altertums zusammenfassen und ans Mittelalter weitergeben, Ein Zweig
mittelalterlicher Überlieferung, in der die Erzählung immer wieder auftaucht,
sind die Schriften der Musiktheoretiker. Hier sind wiederum drei Gruppen zu
unterscheiden. Eine Autorengruppe stützt sich in ihrem Bericht auf Boethius,
(2:7),
Der Bericht des Nikomachos wird von Jamblichos (ca. 330 n. Chr.) wörtlich
wiedergegeben (vita Pyth. I 15ff). Gaudentios
(um 150 n. Chr.) bringt ihn verkürzt, aber im wesentlichen unverändert. Censorinus (238 n. Chr.) berichtet über
Eine zweite Gruppe, deren Darstellung der Schmiedelegende weitgehend auf
an Saiten gehängte Gewichte und über verschieden lange Flöten (de die nat.
Nikomachos beruht, führt sich auf Macrobius zurück. Die dritte Gruppe schließc. 10), Die Tradition variiert, und man weiß nicht, wie alt die Varianten sind,
lich greift die verkürzte Form der Legende auf, die bereits Cassiodor in Anlehob sie auf jüngeren Umdeutungen oder Mißverständnissen oder ob sie auf alnung an Gaudentius erzählt’,
ter, legendenhafter Ausspinnung vorhandener Motive beruhen.
1) Belegstellen bei Münxelhaus 1976, 391.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Neben den griechischen Musikerfinder stellt das christliche Mittelalter den
biblischen der Genesis, die Jubal zum Stammvater der Musikanten und seinen
Bruder Tubal zu dem der Schmiede erklärt. Die Verbindung der Genesiserzählung mit der Pythagoraslegende bot sich als eine naheliegende an, da sowohl die
biblische als auch die griechische Tradition den Schmied mit der Musik in Zusammenhang bringt, womit beide Überlieferungen durch einen wesentlichen
thematischen Bezug aneinander gekoppelt sind, Von daher läßt sich auch erklären, warum in der Nachfolge Isidors die Aussagen schwanken, indem sie einmal
Jubal, ein anderes Mal Tubal als den Erlinder der ars musica nennen. Die Verbindung von Schmied und Musiker (Abb. 2), die die Genesis in einen gemeinsamen Raum und eine gemeinsame Zeit setzt, verdichtete sich schließlich auch
in ciner Person, indem die theologische Forschung dic Namen Jubal und Tubal
auf ein gemeinsames Stammwort zurück führte (18).
Die Tubal-Jubal-Tradition als auch die Pythagorasüberlieferung spiegeln sich
beide in den bildlichen Darstellungen der Septem artes wider. In einigen Durstellungen, in denen der Musik ein biblischer Vertreter an die Seite gestellt wird,
ist Pythagoras der Arithmetik zugeordnet'. Einige Musiktheoretiker des Mittelalters, die beide Traditionen, die griechische und die biblische, nebeneinanderstellen, lehnen die Pythagoraslegende als nicht ernst zu nehmende Sage oder
Irrtum ab und entscheiden sich für die biblischen Erfinder?. Vermittlungsversuche zwischen den Traditionen lassen sich dagegen ab dem 9. Jh. feststellen,
das die mythischen Erfinder Jubal-Tubal einerseits und Pythagoras andererseits
der Musik in unterschiedlicher Weise zuordnete. Dieser unterschiedlichen Bewertung lag die doppelte Bedeutung des Wortes musica zugrunde, die einmal
die Musik als Wissenschaft, zum andern die praktische Musikausübung umfaßte. Jubal-Tubal gilt nun als der erste praktische Musiker, Pythagoras aber als
der Begründer der wissenschaftlich-rationalen Beschäftigung mit der Musik:
Licet per historias notum sit Tubal primum usu musicam exercuisse, Pythagoras tamen prior per pondera mensus est consonantias, et certa ratione inventas
posteris reliquit. So drückt Walter Odington? diesen Sachverhalt klar aus.
Eine Trennung zwischen Wissenschaft und Musikpraxis hat es für Pythago-
Auch außerhalb des engeren Bereichs der musica scientia war die Schmiederas und die Pythagoreer mit Sicherheit nicht gegeben. Die Tatsache, daß sich
legende weit verbreitet. Sie gehörte nicht nur zum Standardwissen der Musikdie „Erfindung“ der Musik der Legende zufolge in einer Schmiede abspielt,
theoretiker, sondern fand auch Eingang in die Vagantendichtung und geistliche
nimmt jedenfalls Bezug auf eine althergebrachte Verbindung von Schmiede-
Literatur (Münxelhaus 1976, 41).
kunst und Musik. Diese Verbindung ist aber auch im magischen Bereich ver-
Innerhalb dieser Literatur gab es nun aber eine andere Tradition über die Erfindung der Musik, diejenige, die an den biblischen Mythos anknüpfte und Jubal
bzw. Tubal, die Söhne des Lamech, als Musikerfinder nennt. Bei Isidor von Sevilla, mit dem diese Tradierungsform ihren Ausgang nimmt, heißt es: Moyses
1) Vgl. die bildlichen Darstellungen und ihre Erläuterung bei Münxelhaus
(47f bzw. die Abdicit repertorem musicae artis fuisse Tubal, qui fuit de stirpe Cain ante diluvium.
bildungen des Anhangs).
Graeci vero Pythagoram dicunt huius artis invenisse primordia ex malleorum
sonitu et cordarum extensione percussa (lsid. orig. III 16, 1; Lindsay).
2) So z. B. der Verfasser des Metrologus (13. Jh.) und Johannes Aegidius Zamorensis (2.
Hälfte des 13. Jh.); Münxelhaus 49.
3) Summa de speculatione musicae (CSM XIV 63).
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)wurzelt. Sie durchdringt die Mysterienkulte! und hat nach Burkert gerade bei
den Pythagoreern eine besondere Ausprägung erfahren (Burkert 1962, 355).
So seien die Angaben des Arıstoxenos über eine musikalische Katharsis bei den
Pythagoreern wegen des rituell magischen Hintergrundes ernst zu nehmen (ebenda).
Jenes Akusma, wonach der Klang geschlagenen Erzes die Stimme eines Duimon ist, schlage im pythagoreischen Bereich die Brücke zum Metallhandwerk.
Daß Pythagoras in einer Schmiede das Grundgesetz der Akustik entdeckt habe,
ist demnach, so Burkert, eine — physikalisch falsche — Rationalisierung der
Überlieferung, daß Pythagoras das Geheimnis der magischen Musik kannte,
wie sie die mythischen Schmiede erfunden haben (ebenda).
Tubalkain
Nach der Bibel ist Tubalkain der erste Metallhandwerker. Sein Bruder Jubal „erfand“ die Musik, und mit Jabal begann das Wanderleben der Hirtennomaden.
Im 1. Buch Mose heißt es: Lamech aber nahm zwei Weiber: der Name der
einen war Ada, der Name der anderen Zilla. Ada gebar den Jabal, der ist der Vater derer, die in Zelten und bei Herden wohnen; der Name seines Bruders war
Jubal, der ist der Vater aller derer, die Zither (kinnör) und Flöte ( Tab) spielen.
Aber auch Zilla gebar, den Tubalkain, der ist der Vater aller derer, die Erz
und Eisen hammern (Gn 4, 19-22).
Die Bibel nennt drei mythische Urväter und „Erfinder“ mit annähernd gleichem Namen. Die Namensgleichheit veranlaßte eine Reihe theologischer Forscher?, Jubal, Jabal und Tubalkain auf eine gemeinsame sprachliche Wurzel zurückzuführen. Während Jubal und Jabal sich nur durch den ersten Vokal voneinander unterscheiden, kann Tubal-kain als Doppelname aufgefaßt werden,
wobei -kain die genealogische Beziehung zum Stammbaum der Kainiten herstellt. Diese Ansicht unterstützt die Septuaginta mit Thobel statt Tubalkain.
Andererseits bedeutet gain im Arabischen und Aramäischen „Schmied“, so daß
Tubalkain auch die Berufsbezeichnung ,,Tubal der Schmied“ ausdrücken kann
(Albright 1963, 9). Nach Ginsberg geht nun insbesondere der Zusammenhang
zwischen dem Schmiedehandwerk und dem Gesang deutlich aus dem semitischen
Wortschatz hervor. Das arabische q-y-n „schmieden", „Schmied sein“, ist verwandt mit den hebraischen, syrischen und äthiopischen Wörtern, die singen, eine
Totenklage anstimmen, bedeuten (Ginsberg bei Guster 1950, 155). Die Femininform gaina meint im Arabischen die ,
Musikantin!. Qaina heißen wiederum die
1) Vgl. Kern RE IV 2018ff; B. Hemberg, in: Eranos 50, 1952, 41-59; bes. Ephoros FGrHist
70 F 104 = Diod, 5, 64.
2) Zitiert bei Vogel 1973, 535 (11, 2).