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View in PDF(opens in a new window)FrieDRICH Egbert, Eudoxos - Pytheos : elementare Massordnungen in der frü-
Egbert Friedrich
hen sphärischen Astronomie und in der Architektur der Spútklassik: Architectura 23 (1) 1993 1-13. | Vieles spricht dafür, dass das Masskonzept für den Himmelsglobus bei Eudoxos von Knidos und seinen Nachfolgern von Pytheos,
einem der beiden Architekten des Maussolleions und Stadtplaner von Priene,
aufgegriffen und in die Sphire der Baukunst umgesetzt wurde.
Eudoxos — Pytheos
Lia pa
Elementare Maßordnungen in der frühen sphärischen Astronomie
und in der Architektur der Spärklassik
Anders als die übrigen pythagoreischen Lehren -
[15004
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42
tas von Tarenc*, finder sich zumindest zeitweise im
Arithmetik, Geometrie und Harmonielehre — haben
näheren Umkreis des karischen Satrapen Maussollos.
die Anfange der griechischen Astronomie‘ bislang
kaum eine Rolle gespielt, wenn es darum ging, den
geistesgeschichtlichen Hintergrund der zeitgenössischen, »klassischen« Architekturtradition auf gedank-
Zu diesem zählen an erster Stelle die Architekten und
liche Parallelen zu untersuchen.
Dies ist insofern erstaunlich, als die Astronomie um
die Mitte des 4. Jahrhunderts zur Schlüsseldisziplin
für den universalen Anspruch der pythagoreischen
Zahlenlehre herangewachsen war, um letztlich deren
vorläufiges Ende zu bewirken. Das homozentrische
Weltmodell des Eudoxos, das schon unter Kallippos
durch Ergänzungen immer komplizierter geworden
war, wurde wegen grundlegender Mängel schließlich
gegen Ende des 4. Jahrhunderts ganz verworfen. Die
Einführung der Himmels- und der Erdkugel und
sphärischer Bewegungsmodelle, den eigentiimlichsten
Beiträgen der griechischen Astronomie, machte dreidimensionale Modelle unverzichtbar‘. Ungeachtet der
äußeren Verwandtschaft der beiden häufigsten Varianten, »massiver« Globen und »gegliederter« Ringsphären, mit gleichartigen Bauweisen in der Architektur
wird im folgenden vor allem danach gefragt, ob es der
frühen griechischen Astronomie gelungen ist, ein geschiossenes Maßkonzept zu entwickeln, das sich für
einen Vergleich mit entsprechenden Maßordnungen
der zeitgenössischen Architektur eignet?.
Bildhauer des Maussolleions, darunter auch Pytheos,
Für den vorliegenden Beitrag wurde der auf der Tagung 1992
der Koldewey-Gesellschaft referierte Text weitgehend neu
gefaßt und um einige Gedanken zur Orientierung des Stadtplans von Priene ergänzt. Für Unterstützung, Hinweise und
Diskussion danke ich W.Breidert, W.Hoepfner, S. W.
Krieg, C. Meckseper, W. Schirmer, H. Schmidt, W. Schnuchel, J. Tomlow und B. L. van der Waerden.
Die abgekürzten Literaturhinweise entsprechen den Empfehlungen des Deutschen Archäologischen Insriturs (zuletzr:
Archäologischer Anzeiger 1989, 721-728).
* Zur griechischen Astronomie aus mathematikhistorischer
Sicht: O. Neugebauer, A History of Ancient Mathematical Astronomy (1975), bes. 569-776; B.R. Goldstein,
Theory and Observation in Ancient and Medieval Astronomy (1985); B.L. van der Waerden, Die Astronomie der
Griechen (1988). — Altertumswissenschaftliche Arbeiten
mit philosophisch-philologischem Zugang zum gleichen
Thema: A.C. Bowen (Hrsg.), Science and Philosophy in
Classical Greece (1991); K. von Fritz, Grundprobleme der
Geschichte der antiken Wissenschaft (1971); D.R. Dicks,
Early Greek Astronomy to Aristotle (1970) sowie: A.
Szabó - E. Maula, Enklima (1982), vgl. dazu die Rezension von B.L. van der Waerden, Gnomon 56, 1984,
176-177; ähnlich: A. Szabé, Das geozentrische Weltbild
(1992); zur Astronomie vor Platon: F. Franciosi, Le origini scientifiche dell'astronomia greca (1990).
to
Auf die Unverzichtbarkeit von »Mimemata« für die astronomische Diskussion wird in Platons »Timaios« hingewiesen (40d).
w
Im vorliegenden Beitrag soll thesenartig aufgezeigt
werden, daß dies für die Teilverhältnisse auf dem
Himmelsglobus bei Eudoxos von Knidos und seinen
(Marche), vgl. die Beiträge von F. Azzarita und G. Fantoni in: M. Fano Santi (Hrsg.), Archeologia e Astronomia,
RdA Suppl.9, 1991. 96-99, Taf. XIX-XX u. 100-106,
Taf. XI-XIII.
Nachfolgern gelten kann, die nicht nur zeitlich dem
rein gedanklichen Ansatz der pythagoreischen Zahlenlehre im Spatwerk Plarons nahe stehen. Eudoxos,
Zum antiken Globus: A. Schlachter, Der Globus, Stoicheia 8 (1927). - Man kennt nur zwei instrumental — als
Sonnenuhren - verwendete antike Globen, je ein Exemplar aus Prosymna (Argolis) und neuerdings aus Matelica
lichkeit und zentrale Figur der griechischen Machema-
In den Philosophenviren des Diogenes Laertios (VIII
86-91) erscheint Eudoxos als letzrer der Pythagoreer und
nicht im anschließenden Kapitel der »vereinzelt dastehentik, selbst Pythagoreer und Schüler des pythagoreiund Meinungen berühmter Philosophen, Übers. v. O.
zur Jahrhundertmitte eine hoch angesehene Persönschen Mathematikers und Musiktheoretikers Archyden« Philosophen (Zitate nach: Diogenes Laertios, Leben
Apelt, 3. Aufl. 1990, hier: 153-156).
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View in PDF(opens in a new window)Egbert Friedrich
Eudoxos — Pytheos
Elementare Maßordnungen in der frühen sphärischen Astronomie
und in der Architektur der Spätklassik
Anders als die übrigen pythagoreischen Lehren -
tas von Tarent*, findet sich zumindest zeitweise im
Arıthmetik, Geometrie und Harmonielehre ~ haben
näheren Umkreis des karischen Satrapen Maussollos.
die Anfänge der griechischen Astronomie’ bislang
Zu diesem zählen an erster Stelle die Architekten und
kaum eine Rolle gespielt, wenn es darum ging, den
Bildhauer des Maussolleions, darunter auch Pytheos,
geistesgeschichtlichen Hintergrund der zeitgenössischen, »klassischen« Architekturtradition auf gedankliche Parallelen zu untersuchen.
Dies ıst insofern erstaunlich, als die Astronomie um
die Mitte des 4. Jahrhunderts zur Schlüsseldisziplin
für den universalen Anspruch der pythagoreischen
Zahlenlehre herangewachsen war, um letztlich deren
vorläufiges Ende zu bewirken. Das homozentrische
Weltmodell des Eudoxos, das schon unter Kallippos
durch Ergänzungen immer komplizierter geworden
war, wurde wegen grundlegender Mängel schließlich
gegen Ende des 4. Jahrhunderts ganz verworfen. Die
Einführung der Himmels- und der Erdkugel und
sphärischer Bewegungsmodelle, den eigentiimlichsten
Beitragen der griechischen Astronomie, machte dreidimensionale Modelle unverzichtbar”. Ungeachtet der
Für den vorliegenden Beitrag wurde der auf der Tagung 1992
der Koldewey-Gesellschaft referierte Text weitgehend neu
gefaßt und um einige Gedanken zur Orientierung des Stadtplans von Priene ergänzt. Für Unterstützung, Hinweise und
Diskussion danke ich W.Breidert, W. Hoepfner, S.W.
Krieg, C. Meckseper, W. Schirmer, H. Schmidt, W. Schnuchel, J. Tomlow und B.L. van der Waerden.
Die abgekiirzten Literaturhinweise entsprechen den Empfehlungen des Deutschen Archäologischen Instituts (zuletzt:
Archäologischer Anzeiger 1989, 721-728).
* Zur griechischen Astronomie aus mathematikhistorischer
Sicht: O. Neugebauer, A History of Ancient Mathematical Astronomy (1975), bes. 569-776; B.R. Goldstein,
Theory and Observation in Ancient and Medieval Astronomy (1985); B.L. van der Waerden, Die Astronomie der
Griechen (1988). — Altertumswissenschaftliche Arbeiten
mit philosophisch-philologischem Zugang zum gleichen
Thema: A.C. Bowen (Hrsg.), Science and Philosophy in
Classical Greece (1991); K. von Fritz, Grundprobleme der
Geschichte der antiken Wissenschaft (1971); D.R. Dicks,
äußeren Verwandtschaft der beiden häufigsten Varian-
Early Greek Astronomy to Aristotle (1970) sowie: A.
ten, »massiver« Globen und »gegliederter« Ringspha-
Szabó - E. Maula, Enklima (1982), vgl. dazu die Rezension von B.L. van der Waerden, Gnomon 56, 1984,
ren, mit gleichartigen Bauweisen in der Architektur
wird im folgenden vor allem danach gefragt, ob es der
176-177; ähnlich: A. Szabó, Das geozentrische Weltbild
frühen griechischen Astronomie gelungen ist, ein ge-
(1992); zur Astronomie vor Platon: F. Franciosi, Le origini scientifiche dell’astronomia greca (1990).
schlossenes Maßkonzept zu entwickeln, das sich für
.
einen Vergleich mit entsprechenden Maßordnungen
der zeitgenössischen Architektur eignet?.
ad
Im vorliegenden Beitrag soll thesenartig aufgezeigt
werden, daß dies für die Teilverhaltnisse auf dem
Himmelsglobus bei Eudoxos von Knidos und seinen
Nachfolgern gelten kann, die nicht nur zeitlich dem
rein gedanklichen Ansatz der pythagoreischen Zahlenlehre im Spätwerk Platons nahe stehen. Eudoxos,
zur Jahrhundertmitte eine hoch angesehene Persönlichkeit und zentrale Figur der griechischen Mathematik, selbst Pythagoreer und Schüler des pythagoreischen Mathematikers und Musiktheoretikers Archy-
Auf die Unverzichtbarkeit von »Mimemata« für die astronomische Diskussion wird in Platons »Timaios« hingewiesen (40d).
Zum antiken Globus: A. Schlachter, Der Globus, Stoicheia 8 (1927). - Man kennt nur zwei instrumental - als
Sonnenuhren — verwendete antike Globen, je ein Exemplar aus Prosymna (Argolis) und neuerdings aus Matelica
(Marche), vgl. die Beiträge von F. Azzarita und G. Fantoni in: M. Fano Santi (Hrsg.), Archeologia e Astronomia,
RdA Suppl.9, 1991, 96-99, Taf. XIX-XX u. 100-106,
Taf. XI-XIL
A
In den Philosophenviten des Diogenes Laertios (VIII
86-91) erscheint Eudoxos als letzter der Pythagoreer und
nicht im anschließenden Kapitel der »vereinzelt dastehenden« Philosophen (Zitate nach: Diogenes Laertios, Leben
und Meinungen berühmter Philosophen, Übers. v. O.
Apelt, 3. Aufl. 1990, hier: 153-156).
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View in PDF(opens in a new window)seinerseits eine legendäre Gestalt der antiken Architen Weltmodell sein kann. Die Bedeutungslosigkeit
tektur.
empirischer Forschung auch in der Astronomie ver-
Das Vorhaben, die Astronomie als Schlüsseldisziplin
sucht Platon am Beispiel der Harmonielehre drastisch
des pythagoreischen Zahlenkosmos auf das ihr zuvor Augen zu führen '°,
grundeliegende Maßkonzept zu befragen, kann daher
Dagegen ist der Kalenderzyklus des Pythagoreers
in mehrfacher Hinsicht an den Versuch anknüpfen,
Philolaos von Kroton*'* ein Versuch, gedankliche und
den Anteil pythagoreischen Gedankengutes an mehr
empirische Elemente zu verbinden. Der Zyklus des
oder weniger sicher zuschreibbaren Werken des Py-
Philolaos wird von den Zahlen 2, 59 und 729 betheos, vor allem am Stadtplan von Priene, erstmals
stimmt, von denen nur 729 = 3° als eigentlich pythaverbindlich zu benennen®. Dies geschieht auch im
goreisch bezeichnet werden kann, nämlıch als kleinste
Hinblick darauf, daß in der Frage der Aktualität der
ungerade Zahl, deren Einheiten sich zu einem Quadrat
pythagoreischen Lehre um die Mitte des 4. Jahrhun-
(33)* = 27° ebenso wie zu einem Würfel (3?)? = 9?
derts eine gewisse Unsicherheit besteht, und seı es
zusammenstellen lassen'?. Ob dieser Versuch, Zahdeshalb, weil die moderne Wissenschaftsgeschichte in
lenlehre und nachprüfbare Wirklichkeit zu vereinen,
der Regel die fortschrittlichen, nicht die traditionellen
den anderen Zyklen des späten 5. Jahrhunderts (59
Elemente im Werk des Eudoxos würdigt’.
Jahre = 730 Monate bei Oinopides von Chios, 19
Jahre = 235 Monate bei Meton) ‘? sowie dem achtjähriArithmetische Systeme und Kalenderzyklen.
gen Zyklus zu 99 Monaten zeitlich vorausgeht, wie
Astronomische Maße vor Eudoxos
Der Schópfungsbericht des »Timaios« bei Platon”, die
5 vel. auch F Krafft in: K. Döring - G. Wohrle (Hrsg.),
bekannteste Quelle zur pythagoreischen Astronomie,
Vortrage des ersten Symposions des Bamberger Arbeitsbietet zwar eine Konstruktionsbeschreibung, die aber
kreises »Antike Naturwissenschaft und ihre Rezeption«
ohne Kommentar unverständlich bleibt und im übri-
(1990) 33-63.
>
W. Hoepfner - E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im
gen als bloße Anwendung pythagoreischer Zahlenklassischen Griechenland, Wohnen in der klassischen
lehre erscheint. Wenn dort ein baumeisterlicher »De-
Polis 1 (1986) 247-256; W. Hoepfner, DiskAB 4 (o. J.
[1984)) 13-23. Zu Pytheos auch W. Koenigs, DiskAB 4,
miurg« sıch anschickt, den ıhm würdigsten aller Gegenstände, das Weltall, auf das Beste und Schönste
89-94.
SI
Die weitverbreitete, summarische Vorstellung eines Eudoxos, der als Lichtgestalt der frühen Wissenschaft dank
rationaler Haltung beobachtend und rechnend die pythagoreische Spekulation überwindet, weicht zunehmend einer differenzierteren Sichtweise, vgl. B.R. Goldstein —
A.C. Bowen, A New View of Early Greek Astronomy,
do
Platon, Timaios 27c-92c, bes. 35 b-36d (Zahlenverhälteinzurichten, dann folgt nicht etwa eine »Baubeschreibung« des Himmelsgebaudes, sondern eine Auswahl
von Zahlen - die Folge der Zweier- und Dreierpotenzen I, 2, 3, 4, 9, 8 und 27-, deren Eignung, Mittelwerte zu bilden, ın allen pythagoreischen Disziplinen
in: Isis 74, 1983, 330-340, bes. 332f.
eine bestimmende Rolle spielt. Das Verhältnis dieser
»Sphärenharmonie« zur Nachprüfbarkeit astronominisse).
wo
scher Tatsachen bleibt unausgesprochen. Eine derarvon Tonintervallen auf der Saite, bei der »die Ohren úber
tige, rein gedankliche Astronomie, die den Nachvollzug der Schöpfung zum Gegenstand hat, nicht die
Beobachtung unzusammenhängender Einzelphänomene - auch der Weltschöpfer bedarf keiner optischen
Anregung - hatte Platon bereits im >Staat< gefordert?,
wohl aus der Überzeugung heraus, daß auch die mit
der Wirklichkeit übereinstimmende Einzelbeobachtung ohne metrische Grundlage keine Maße hervor-
Platon, Politeia $28e-531c.
Platon, Politeia 530d-531c, zur empirischen Festlegung
den Verstand« gestellt seien (531b).
Cel =
Älterer (?) Zeitgenosse Platons, einer antiken Legende
zufolge der Verfasser des Werkes über die Pythagoreer,
dem Platon seine astronomischen Kenntnisse verdankt
haben soll (Diogenes Laertios VIII 84f.).
Im Zyklus des Philolaos enthalten 2 Monate 59 Tage,
2 Jahre entsprechen 729 Tagen. Das ergibt eine Zyklusdauer zu 59 Jahren bzw. 729 Monaten, vgl. Neugebauer
(wie Anm. 1) 619.
‘3 Neugebauer (wie Anm. 1) 619-624; A.C. Bowen - B.R.
bringt und somit weder zur Erkenntnis des Kosmos
Goldstein, Meton of Athens and Astronomy in the Late
Fifth Century B.C., in: A Scientific Humanist. Studies in
verhilft noch ein Beitrag zu einem organisch geglieder-
Memory of Abraham Sachs (1988) 39-81, bes. 41-51.
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View in PDF(opens in a new window)man es im Sinne einer Entwicklung vom Spekulativen
bei Platon ~ diametral entgegen. Die für beliebige
zum Empirischen erwarten kônnte, ist nicht unbe-
Maße offene Bogen- oder Winkelteilung späterer Zeidingt sicher. Allen Zyklen gemeinsam ist die Beten oder die lückenlose Rechengenauigkeit der 360°-
schrankung von Zahlenangaben auf die Verhältnisse
Teilung können somit für die elementaren Himmelsvon Zeitspannen, namlich der Periodendauer der Kamodelle des 4. Jahrhunderts in keiner Weise vorausgelendergestirne. Dem kalendarischen Zweck entspresetzt werden'? — ebensowenig wie der wesentlich
chend wird nur mit ganzzahligen Einheiten gerechnet,
etwa Schaltmonaten bzw. Schalttagen, nicht aber mit
Bruchteilen, etwa dem Tagüberschuß des Jahres über
365 ganze Tage.
Das
möglicherweise
von
Anaxagoras‘
erdachte
sphärische Weltbild wird in den Weltentwürfen in
Platons »Staat«'* und im »Timaios« zwar vorausgesetzt, aber nicht mit Maßen versehen: astronomische
‘4 Die antiken Legenden um Anaximander als Gründergestalt der Astronomie gelten heute als unhistorische Konstruktionen, vgl. D. Fehling, Das Problem der Geschichte
des griechischen Weltmodells vor Aristoteles, in: Rheinisches Museum für Philologie N. F. 128, 1985, 195-231.
'5 Politeia 614b-621d, vgl. W.R. Knorr, Plato and Eudoxus on the Planetary Motions, in: Journal for the History
of Astronomy 21, 1990, 313-329.
18 Scheinbare Ausnahme ist der — auch bei Vitruv (9,7,4) so
Zahlenverhältnisse bezeichnen bis auf Eudoxos von
angegebene — Abstand der Wendekreise vom Aquator zu
Knidos ausschließlich kosmische Distanzen ohne ireinem Fünfzehntel des Meridians, den K. von Fritz dem
Oinopides zuschreibt (R.E. XVII s.v. Oinopides, Sp.
2260-2267). Die entsprechende Konstruktion eines 15Ecks findet sich erst bei Euklid (Elemente IV, 16). Die
Kreisteilung in 15 Abschnitte steht isoliert auch zu den
hier besprochenen sphärischen Maßen.
‘7 Eine völlig befriedigende Würdigung der Person und des
Werks des Eudoxos fehlt bisher. Zu den verstreuten,
hauptsächlich astronomischen Fragmenten und Zeugnissen der Globusbeschreibungen und der homozentrischen
Sphären vgl. die Textausgabe von E Lasserre, Die Fragmente des Eudoxos von Knidos (1966). — Eine erste umfassende fachhistorische Wiirdigung der »homozentrischen«
Spharen des Eudoxos gibt die Abhandlung des Mailánder
Astronomen G. Schiaparelli, Die homocentrischen Spháren des Eudoxus, des Kallippus und des Aristoteles (aus
dem Italienischen übersetzt von W. Horn), in: Abhandlungen zur Geschichte der Mathematik und Physik 1,
gendeine empirische Grundlage oder das Verhältnis
von Gestirnumlaufzeiten mit stärkerer Bindung an
nachprüfbare Fakten, nicht aber Maße auf der Himmelskugel, mit denen die gegenseitigen Teilverhaltnısse der darauf befindlichen Kreise durch Zahlen
beschrieben werden könnten *?.
Im folgenden werden die Globusbeschreibungen des
— heute vor allem wegen seines Systems homozentrischer Sphären
'? gewürdigten — Eudoxos und seiner
Nachfolger daraufhin befragt, ob deren sphärische
Himmelsmodelle mit geschlossenen Maßkonzepten
ausgestattet und wie lange diese in Gebrauch waren.
Zuvor muß jedoch von den besonderen Bedingungen
die Rede sein, denen das Festlegen von Maßen auf der
Kugel unterliegt.
Elementare Bedingungen für das Festlegen von
Maßen auf der Kugeloberfläche
Es scheint bei den frühesten sphärischen Maßen angebracht, von astronomischen Maßsystemen späterer
Zeiten ın mehrfacher Hinsicht abzusehen. Das Regıstrieren von Himmelsphanomenen auf einer neutralen
Mafigrundlage, die jede gewünschte Rechengenauigkeit erlaubt wie etwa die erst bei Hipparch und Hypsikles
(2. Jahrhundert v.Chr.)
eingeführte
360°-Teilung, steht der für den Pythagoreer Eudoxos maßgeblichen Leitvorstellung schöpferischer, organisch gegliederter Maßsysteme — vor allem in dem rein gedanklichen, pythagoreisch geprägten Ansatz im »Timaios«
1877, 101-198 u. Taf. 1-2 (Zeitschrift für Mathematik und
Physik. Supplement zur historisch-literarischen Abtheilung des 22. Jahrgangs, 1877). — Neuere Arbeiten betonen
im Sinne eines werkgerechten Zugangs die Verwendung
»zeitgendssischer Mittel« bei der Konstruktion von Bahnkurven auf homozentrischen Spharen mittels »analemmatischer« Verfahren (Tafelprojektion), Zirkel und Lineal
(O. Neugebauer, Astronomy and History (1983)
305-309, Erstpublikation: Scripta Mathematica 19, 1953,
225-229) oder bei dem Versuch, astronomische und mathematische Konzepte des Eudoxos (homozentrische
Sphären, Würfelverdoppelung, Proportionstheorie) aufeinander zu beziehen (R. C. Riddell, Archive for History
of Exact Sciences 20, 1979, 1-19). - Neuerdings: D. Fowler, Eudoxus’ Calendar and Its Relation to His Proportion
Theory (Beitrag zum International Symposium on Early
Greek Mathematics, Athen 1992. Tagungshinweis aus:
Historia Mathematica 19, 1992, 430).
18 Euklid kennt zwar den Begriff des Winkels, nicht aber
den Teilkreis zum Abgreifen oder Ablesen bestimmter
Maße, vgl. A. Szabö, Das geozentrische Weltbild (1992)
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View in PDF(opens in a new window)astrologisch motivierte Wunsch nach mathematischer
wenn er auf die Bewegungen der Gestirne blickt. Er
Verfügbarkeit der Kugeloberflache. Eine vollkommen
findet zwar, der Hımmel und alles in ihm sei von dem
ausgebildete spharische Trigonometrie gibt es erst bei
baumeisterlichen Schöpfer so schön gestaltet worden,
Ptolemius!?,
wie es bei solchen Werken nur möglich sei; aber das
Von der Astronomie des spaten Platon und auch des
Verhältnis der Nacht zum Tag und dieses zum Monat
Eudoxos ist dagegen auch hinsichtlich des Mafkonund des Monats zum Jahr und der andern Gestirne
zeptes eine gedankliche Reduktion der scheinbar unreuntereinander — wer da glaubt, dies alles geschehe
gelhaften Himmelserscheinungen auf ein elementar
immer in gleicher Weise und weiche niemals irgendwie
geordnetes System zu erwarten, in dem ausschließlich
ab, wo es sıch doch um körperhafte und sichtbare
die unveränderlichen Maße Platz haben, wie sie etwa
Gebilde handelt, den wird er für einen Toren halten
zur Konstruktion eines Globus erforderlich sind — so
und für törıcht, an ıhnen auf jede Art die Wahrheit
wie die Entwurfsmaße eines Bauwerks selbstverständerfassen zu wollen...
lich auf das Notwendige beschränkt sind.
Als Übungsstoff also verwenden wir Geometrie wie
Wie könnte nun ein derart elementares Maßsystem
Astronomie, die Welt am Himmel aber lassen wir,
für die Himmelskugel aussehen?
wenn wir durch richtige Beschäftigung mit der Astro-
Der Verzicht auf den Bogen- und Winkelbegriff führt
nomie das wesenhaft Vernünftige in unserer Seele aus
notwendig darauf, die Teilverhältnisse eines Hımunbrauchbarem
melskreises auf einbeschriebene regelmäßige Polygone
len.«?°
Zustand
brauchbar machen
wolzu beziehen. Sollen darüber hinaus Teilverhältnisse
Im vorliegenden Zusammenhang wird zu zeigen sein,
von Kreisen unterschiedlicher Größe - etwa des Meriwie weit das astronomische Maßkonzept des Eudoxos
dians und der Wendekreise — vergleichbar bleiben,
von Knidos und seiner Schule dem hochgesteckten
dann muß der Umfang eines jeden dieser Kreise auf
Anspruch Platons nach geschlossener Formulierung
eine gemeinsame Maßeinheit bezogen werden und das
entgegenkommen konnte, ohne dabei die notwendiganzzahlige Vielfache dieser Einheit betragen. Das
gen und aus spaterer Sicht selbstverstandlichen Zuge-
Festlegen der Maßeinheit — eine Art geometrisch erstandnisse hinsichtlich einer Ubereinstimmung von
zwungener Modul — könnte nun nach freiem Belieben
maf stablicher Beschreibung und Himmelswirklicherfolgen und nur der Vorgabe unterworfen sein, die
keit aus dem Auge zu lassen.
entsprechenden Verhältnisse auf der Himmelskugel
möglichst zutreffend zu beschreiben. Vor dem Hintergrund der gedanklichen Astronomie Platons müßte
Die ältesten Maßverhältnisse auf der Kugeloberflache
bei Eudoxos und Eratosthenes
dies freilich als konzeptioneller Mangel gelten, denn
Eudoxos und seine Nachfolger scheinen sich tatsach-
Platon lehnt ein Ablesen von Verhältnissen auf der
lich auf nur die beiden Angaben zu beschranken, die
Himmelskugel grundsätzlich ab, wie die entsprezum Einrichten eines Himmelsglobus unbedingt notchende, vieldiskutierte Stelle im »Staat< zeigt:
wendig sind: die Neigung der Himmelskugel über
»,.. Also darf man dieses Himmelsgemalde nur als
dem örtlichen Horizont wırd durch das Verhältnis des
Beispiel gebrauchen um der Wissenschaft willen, die
Tagabschnittes zum Nachtabschnitt auf dem Sommerzu Höherem führt; das ıst so, wie wenn jemand geometrische Körper fände, die von Daidalos oder einem
anderen Künstler oder Maler sorgfältigst geformt sind.
Ein kundiger Geometriker, der dies sähe, würde darin
eine hervorragende Arbeit finden, aber lächerlich erschiene es ihm, sıe allen Ernstes dazu zu studieren, um
darin die Wahrheit über das Gleiche, Doppelte oder
sonst ein harmonisches Verhältnis zu erfassen...
Ebenso wird es einem wahren Astronomen ergehen,
19 Der Satz des Menelaos entstand um 100 n.Chr., die
Sehnentafeln des Almagest um 140 n. Chr. — Zur gegenseitigen Abhängigkeit astrologischer und mathematischer
Konzepte demnächst ausführlich G. J. Toomer in seiner
Hipparch-Monographie, vgl. vorläufig: ders., Hipparchus and Babylonian Astronomy, in: A Scientific Humanist. Studies in Memory of Abraham Sachs (1988)
353-362.
2° Platon, Politeia 529d—530b (Zitat nach der Übersetzung
von K. Vretska. Platon, Der Staat, Stuttgart 1958).
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View in PDF(opens in a new window)EUDOXOS
e
EUDOXOS
METON : EUKTEMON
KALLIPPOS
1. Gegeniiberstellung der sphärischen Teilverhaltnisse (oben) bei Eudoxos (Teilung des
Sommerwendekreises in einen größeren Tagabschnitt und einen kleineren Nachtabschnitt,
5:3 bzw. 12:7) und »Eratosthenes- (Kallipos? Verhältnis des Bogens zwischen den Wendepunkten zum gesamten Meridianumfang, 11:83) und der vermutlich zugrundeliegenden
Kalenderzyklen (unten) des Eudoxos (8jahriger Zyklus), des Meton und des Euktemon
(19jabriger Zyklus) und des Kallippos (76jähriger Zyklus).
wendekreis festgelegt*', ein weiteres Teilverhältnis be-
21 Die spätere Übernahme dieser Praxis zur Definition der
schreibt den Abstand der Wendekreise untereinander.
geographischen Breite (wenig später auch durch das Verhältnis des Nachtgleicheschattens zur Gnomonhöhe oder
~ wie heute noch üblich - durch die Polhöhe) bedeutet
Die folgenden Überlegungen
sollen
zeigen,
daß
zwangsläufig nur die aus der astronomischen Literanicht, daß schon bei Eudoxos ein geographischer Zusamtur überlieferten Maßverhältnisse entstehen können,
menhang intendiert ist. In seinen geographischen Fragmenten gibt es keine entsprechenden Zahlenangaben.
wenn man ihnen ein Konzept zugrundelegt, das von
einer kalendarisch bestimmten Teilung der Wendekreise ausgeht.
Abbildung ı zeigt die wenigen aus der astronomi-
22 In den Schriften des Eudoxos zum Himmelsglobus
(Enoptron< »Phainomena:), fragmentarisch überliefert
bei Hipparch, In Arati et Eudoxi Phaenomena Commentarii 1.3, 5-10 (Ed. Manitius 1894, 26-29); F. Lasserre,
Eudoxos (wie Anm. 17) 52f. (F 67 u. 68); A.C. Bowen -
12:7)”, während das - nach Ptolemäus - von Erato-
B. R. Goldstein, Proceedings of the American Philosophical Society 135, 1991, 233-254. - Neugebauers Vorschlag,
das einheitlich überlieferte Verhaltnis 12:7 in 11:7 zu
verbessern, ist zwar geographisch zutreffender, tiberzeugt
aber gerade deshalb nicht, da im Kommentar Hipparchs
(1.2.10, Manitius 28-29) eben jenes Verhältnis 12:7 als
»fehlerhafte Bestimmung« der geographischen Breite
Griechenlands kritisiert wird (Neugebauer [wie Anm. ı]
sthenes »gefundene« Verhältnis 11:83 den Abstand
733 Anm. 28),
schen Literatur bekannten Mafe schon im Zusammenhang mit ihrem vermuteten kalendarischen Bezug:
zwei Mafvarianten des
Eudoxos
bezeichnen
ausdrücklich nur das Verhältnis der Tag- und Nachtabschnitte
auf
dem
Sommerwendekreis
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View in PDF(opens in a new window)der Wendekreise auf dem Meridian im Verhältnis zum
Die Entstehung der Wendekreisteilungen in 8, 19
gesamten Meridianumfang nennt??. Ergänzt man dazu
und 76 Abschnitte kann so auf die Kalenderzyklen
jeweils den Wendekreisumfang, dann ergibt sich aus
entsprechender Jahrdauer zurückgeführt werden, woden beiden Tag-Nacht-Verhältnissen unmittelbar ein
mit die oben angesprochene Frage des Maßkonzepts
Wendekreis, der 8 bzw. 19 Abschnitte enthalt, wahdurchaus im Sinne der platonischen Forderung nach
rend der Meridianteilung 11:83 in sehr guter Nahe-
Verzicht auf einfaches Ablesen von Verhältnissen auf
rung ein Wendekreis mit 76 Abschnitten entspricht **.
der Himmelskugel gelöst scheint. Die Notwendigkeit,
Der hier auftretende Fehler zu Yoo des Meridianum-
Erfahrungstatsachen in das sphärische Mafkonzept
fanges kann vernachlässigt werden, da weder seine
einfließen zu lassen, wird auf das Feststellen von Ka-
Existenz noch Größenordnung mit den mathematilenderzyklen verlagert.
schen Mitteln der Zeit faßbar waren.
Auf derart »kalendarisch« geteilten Wendekreisen
müssen dann schließlich die eigentlichen Teilverhält-
Kalenderzyklus und Wendekreisteilung.
Zur Systematik der sphärischen Maße
Nun sind die oben als Wendekreisteilungen erwiesenen Zahlen 8, 19 und 76 seit langem aus einem schein-
23 Claudius Ptolemäus, Syntaxis mathematica (Almagest)
Iı2 u. 14 (Ed. Heiberg 1898 u. 1903, 167f.). — Bisher
dachte man sich die 11/83 als Ergebnis einer Antanairesis
oder Wechselwegnahme in unterschiedlichen Entstehungsszenarien: P. Tannery, Recherches sur l’histoire de
bar ganz anderen astronomischen Zusammenhang bel'astronomie ancienne (1893) 79; K.P. Moesgaard, Cenkannt: es handelt sich jeweils um die Jahrdauer der drei
taurus 24, 1980, 51-96, bes. 83; B.L. van der Waerden,
geläufigsten Kalenderzyklen der Antike. Der 8jährige
65f.; D. Rawlins, Isis 74, 1983, 259-265; D.H. Fowler,
Geometry and Algebra in Ancient Civilizations (1983)
Zyklus wird teils dem Kleostratos zugeschrieben, teils
Isis
Eudoxos selbst, der 19jährige Zyklus Meton und Eu-
561-562; B.R. Goldstein, Archives Internationales d’Hiktemon (Ende
74,
1983,
556-561;
D. Rawlins,
Isis
74,
1983,
stoire des Sciences 33, 1983, 3-14. — Der Versuch, aus
einer sprachlichen Unschärfe der Zuschreibung an Eratosthenes (Almagest I 12) die 11/83 mit philologischen Argumenten Prolemäus selbst zuzuweisen (H. Berger, Die
geographischen Fragmente des Eratosthenes (1880) 131;
5. Jahrhundert), der 76jährige dem
Kallippos, der das System der homozentrischen Spharen des Eudoxos erweitert hat (um 330)°5.
Der Zusammenhang mit den zuvor genannten Wen-
Th. Heath, Aristarchus of Samos (1913) 131 Anm.4;
dekreisteilungen läßt sich zwanglos herstellen, wenn
Ch. M. Taisbak, Centaurus 27, 1984, 165-167) wird von
man die Gewohnheit antiker astronomischer Kalender
G.J. Toomer, Ptolemy’s Almagest (1984) 63 Anm.75,
überzeugend widerlegt durch den Verweis auf die Parallelstelle I 14. Dort kommentiert Ptolemäus sein in der Gradnotation gegebenes Bogenmaß für den Meridianabstand
aufgreift, den Jahreswechsel stets mit der Sommersonnenwende zusammenfallen zu lassen*®.
der Wendekreise: »according to the ratio 11:83, with
which we agreed« (Toomer, a. a. O., 70), und weist damit
die 11/83 wohl kaum als eigene Erfindung aus - die nach
Dann bewirkt namlich der gegen Ende des Jahres
anfallende Tagüberschuß im Laufe des Kalenderzyklus eine Teilung des Sommerwendekreises in ebenso-
300 Jahren Gradnotation auch ziemlich anachronistisch
viele Abschnitte wie der Zyklus oder ein ganzjähriger
ware.
Teil davon Jahre enthält (Abb. ı unten); dies als Folge
24 76 = 83 cos £ = 83 cos (% : Ys, - 360°). Die »Schiefe der
Ekliptik« ein der modernen Formel entspricht dem halben
einer Übertragung der Kalenderrechnung auf den
Bogen zwischen den Wendepunkten. Das antıke Verfahren müßte auf einem massıven Globus oder einer Hemisphäre von der 76teiligen Wendekreisteilung zu den 83
bzw. 11 Teilen auf dem Meridian geführt haben - durch
Ausmessen mit einem Zirkel, der fest auf die Seitenlänge
Himmelsglobus, auf dem selbstverständlich die kalendarische Beschränkung auf das Rechnen mit ganzen
Tagen und Schalttagen nicht weiterhilft, sondern die
Teilungen zuläßt, welche in einem einheitlich und
des vom Wendekreis umschriebenen 76-Ecks eingestellt
ist. Die Frage der Konstruierbarkeit der kalendarisch vorgegebenen 76-Teilung erscheint dabei nachrangig.
Geminus, Elementa Astronomiae (Eisagoge) Cap. VIII
(Ed. Manitius 1898, Nachdruck 1974, 100-123); Neugewiderspruchsfrei geordneten Kosmos auch überflüssig
26 Zu den astronomischen Kalendern vgl. van der Waerden
Einführung einer den Jahreswechselpositionen des
Zyklus entsprechenden Tagteilung auf dem Wendekreis erfordert — die, einmal festgelegt, keine weiteren
wären.
2
bauer (wie Anm. 1) 622-624.
(wie Anm. 1) 76-92.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)nisse durch Vergleich mit den aktuellen Verhaltnissen
Das Werk des Kallippos erscheint auch in dessen
auf der Himmelskugel festgelegt werden. Die Wahl
übrigen Leistungen als grundsätzlich ideenkonforme
der Maßzahlen ist dann allerdings so stark einge-
Fortsetzung und Verfeinerung der von Eudoxos vorschränkt, daß selbst ein überschlägiges Abschätzen
gegebenen elementaren Konzepte. Die zur Verbessemit anspruchslosen Mitteln, etwa einfachen Auslaufrung des eudoxischen Weltmodells angestellten Beobgefäßen zur Zeitmessung, fast zwangsläufig auf die
achtungen des Kallıppos, Anlaß für die letztlich abgenannten Literaturzahlen führt. Die Teilverhältnisse
trägliche Komplizierung der homozentrischen Sphä-
5:3 und 12:7 des Eudoxos entsprechen zwar einer
ren, waren offenbar so sorgfältig, daß sie das Weltmoetwas nördlicheren Gegend als der des mittleren Griedell, das mit ihnen erwiesen werden sollte, vor allem
chenland (41° bzw. 42,5° statt richtig 36°- 39°), aber
wegen ihrer unveränderten Gültigkeit überdauert hadie Größenordnung stimmt im Gegensatz zu den
ben. Akzeptiert man die zuvor genannte Zuschreimöglichen Varianten 4:4 und 6:2 für den 8teiligen
bung der 11/83 an Kallıppos, dann kann neben der
Wendekreis bzw. 11:8 und 13:6 — das entspräche 29°
gründlichen Bestimmung der Jahreszeitendauer und
bzw. 51° geographischer Breite - für den roteiligen.
der Einrichtung des 76jährigen kallippischen Zyklus
Auf dem Meridian, der selbst 83 Teile des 76teiligen
nun auch die Bestimmung des Abstandes der Wende-
Wendekreises enthält, sind 10 Teile (43° 20’) als Maß
kreise zu dessen — jedenfalls in antiker Zeit — bleibenfür den Abstand der Wendekreise deutlich zu klein,
den Leistungen gezählt werden, wobei nur der für die
12 Teile (52°) eindeutig zu groß, dagegen entsprechen
ursprüngliche Notation maßgebliche Wendekreisum-
11 Teile (47° 40’) recht genau dem damals aktuellen
fang entfallen sein muß, bevor Eratosthenes Mitte des
Verhältnis 47° 27’; der Fehler beträgt %» des Meri-
3. Jahrhunderts die 11/83 als Meridianabstand der
dianumfanges. Im Gegensatz zu den Maßen des Eudo-
Wendekreise für die Nachwelt schriftlich festhielt.
xos kann dieses Verhältnis freilich nicht mit Hilfe von
Wenn das Maßkonzept für den Himmelsglobus bei
Auslaufuhren bestimmt werden, sondern erfordert ein
Eudoxos von Knidos und seinen Nachfolgern tatsächim weitesten Sinne sphärisches Instrument, weniglich auf ein System konstruktiv notwendiger Maße
stens einen ungeteilten Meridiankreis.
zurückgeführt werden kann, denen eine kalendarisch
Es liegt nahe, die Einführung des 76teiligen Wendebedingte Wendekreisteilung in 8, 19 bzw. 76 Abkreises und der davon abgeleiteten Meridianteilung
schnitte zugrunde liegt, dann unterscheidet es sich
11/83 nicht wie Ptolemäus dem Eratosthenes zuzugründlich von späteren astronomischen Maßsysteschreiben, sondern Kallippos, auf den auch der 76jahmen, die beliebigen Maßen offenstehen und keinen
rıge Kalenderzyklus zurückgeht. Der mehrere Geneschöpferischen Zusammenhalt zum Ausdruck brinrationen Jüngere Eratosthenes wäre demnach nicht als
gen. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts, in einem Zeit-
»Erfinder< der 11/83 anzusehen, sondern als älteste
raum von nur ein bis zwei Generationen - zuvor nicht
Quelle für dieses Zahlenpaar, die Prolemáus oder zuund danach nicht wieder -, erscheint der Himmelsglovor schon Hipparch vorgelegen hat. Vermutlich ist mit
bus dagegen gegliedert wie eine Architektur. Dies soll
der entscheidenden Kritik am Prinzip der Homozen-
Anlaß sein für einen Seitenblick auf zeitgenössische
trik durch Autolykos (Ende 4. Jahrhundert) und dem
Wunsch nach rechnerisch bequemeren und offeneren,
Entwurfskonzepte im Bauwesen, vor allem im zunehmend besser bekannten Werk des Pytheos und dessen
auf Grofkreise bezogenen Maßen, wie sie bei Arist-
Nachwirkung bis auf Vitruv.
arch (Anfang 3. Jahrhundert) vorliegen, auch das organische, aber starre Maßkonzept verlassen worden,
das von Eudoxos noch ganz im Sinne pythagoreischer
Astronomie - Architektur: Maßstruktur, Mafizablen,
astronomische Orientierung
Geschlossenheit eingerichtet und von Kallippos zur
Die archäologische Bauforschung ist in den letzten
Aufnahme des Meridians und des Wendekreisabstandes mit der kleinteiligeren Gliederung in 76 Abschnitte
Jahren im Zusammenhang mit dem hippodamischen
Städtebau, besonders aber an dem Stadtgrundrif von
versehen worden war.
Priene, dessen Zuschreibung an Pytheos erstmals ver-
Page 9
View in PDF(opens in a new window)bindlich formuliert wurde?”, aber auch bei einer Reihe
falliges Grundmaß der Ringhalle, die man als Modul
klassischer griechischer Tempel?* mehrfach auf die
auffassen kann wie die Triglyphenbreite bzw. den
pythagoreische Lehre gestoßen. Gelegentlicher Reser-
(unteren) Säulendurchmesser bei Vitruv >’.
viertheit gegenüber Organisationsform und »spekulativer« Weltanschauung der Pythagoreer entspricht der
Verweis auf eigenständige, »rationale« Traditionen ım
Kapitellteilung und Säulenhöhe der ionischen
Ordnung bei Vitruv
Bauwesen ”?.
Ein Nachweis der kalendarischen Verhältnisse 8, 19
Neben den oben angesprochenen möglichen Paralleund 76 als Hauptverhältnisse bestimmter Bauglieder,
len des sphärischen Maßkonzepts zu architektonidie der Architektur die Teilhabe am aktuellen Zahlenschen Gliederungsprinzipien stellt sich die Frage, ob
kosmos sichern sollte, kann mit Aussicht auf Erfolg
die Vorstellung eines geordneten Kosmos über eine
derartige Verwandtschaft in Struktur und Metrik hinaus auch eine unmittelbar raumliche Zuordnung von
27 Hoepfner — Schwandner, Haus und Stadt (wie Anm.
6)
254-256.
28
Architektur und Himmelsgebaude zur Folge haben
Tempelbaukunst des griechischen Westens in klassischer
Zeit (1984); ders., DiskAB 4, 137-145. In beiden Arbeiten
kann, die an den Bauten selbst nachweisbar sein
ist freilich der Bezug auf die Pythagoreer noch nicht
müßte. An erster Stelle wird man dabei an die Ausrichangesprochen. Gleiches gilt für die Beiträge zum Entwurf
des Parthenon in: E. Berger (Hrsg.), Parthenon-Kongref
Basel 1982 (1984). - Zur Frage der Akropolis-Fußmaße
zuletzt: H. Bankel, AA 1991, 151-163.
tung von Bauten auf die Haupthimmelsrichtungen
denken, die ~ im Gegensatz zur einfachen sogenannten
»Orientation« auf Horizontphinomene?° — nur mit
2 So
Hilfe ausgesprochen astronomischer Verfahren mit
wenigstens zwei zusammenhangenden Beobachtungen am Tag- oder Nachthimmel erfolgen kann.
Die Suche nach Beispielen in der gebauten Architektur des 4. Jahrhunderts und bei Vitruv, denen eine
Verwandtschaft mit dem zuvor aufgezeigten astronomischen Maßkonzept hinsichtlich der Struktur ihrer
Maßgrundlage und möglicher Übernahmen sphärischer Maße in die Architektur unterlegt werden kann
oder solcher, die eine astronomische Orientierung
vermuten lassen, ergibt das folgende, möglicherweise
unvollständige Bild:
Rastergrundrisse
Das Konzept einer organischen Teilung auf der
Grundlage einer augenfälligen und konstruktiv sinnvollen Bezugsgröße (»Modul«), wie sie bei Vitruv für
alle Bauwerke empfohlen wird, führt man gewöhnlich
D. Mertens, Der Tempel von Segesta und die dorische
Über »Maße und Proportionen in der griechischen Baukunst« berichtet W.Koenigs in: Polyklet. Ausst.-Kat.
Frankfurt am Main 1990, 121-134, bes. 123. — Die Folgen
der sparsam bemessenen intellektuellen Wertschätzung
für das Bauhandwerk bei den griechischen Philosophen
sind noch viel zu wenig untersucht. Wie weit diese sich mit
dem gegenläufigen, ganz anders gearteten Eindringen der
pythagoreischen Zahlenlehre in den Bauentwurf zusammenbringen läßt, muß einstweilen offen bleiben. Die dem
sog. »Lehrsatz des Pythagoras« — zum Erzeugen von
Zahlentripeln für die Seitenverhältnisse rechtwinkliger
Dreiecke - gelegentlich zugewiesene Rolle als Maßgenerator am Bau scheint dann problematisch, wenn die offensichtlich bestimmenden Elemente einer Maßordnung als
zufällige Resultate eines nachgeordneten Vorgangs bei der
Bauausführung angesprochen werden.
3° Zu den Thesen von H. Nissen, Orientationen (1908), vgl.
die Kritik bei A. von Gerkan, Griechische Städteanlagen
(1924) 74-82.
31 Hoepfner - Schwandner, a.a.O., 254; W. Hoepfner in:
W. Hoepfner — E.-L. Schwandner (Hrsg.), Hermogenes
und die hochhellenistische Architektur (1990) 27.
32 Zum Entwurf des Zeus-Tempels vgl. Th. Thieme in: Architecture and Society in Hecatomnid Caria, Boreas 17
(1989) 77-90.
bis auf die »Rastergrundrisse« des Pytheos zurück
3".
33 Einen ausführlichen Bericht gibt zuletzt: K. Jeppesen, JdI
Der Zeus-Tempel in Labraunda?*, nicht zuletzt auf-
107, 1992, 59-102, bes. 90-96.
34 vgl. den Vorbericht der Untersuchungen am Athena-Tempel in Priene: W. Koenigs, IstMitt 33, 1983, 140-176.
grund seiner Kapitellgliederung dem Pytheos zuschreibbar, hat im Gegensatz zu älteren 1onischen
Umgangstempeln einheitliche Jochweiten, das Maussolleion in Halikarnassos 3 und der Athena-Tempel in
Priene’*, die als sichere Werke des Pytheos gelten
können, darüber hinaus die Plinthenbreite als augen-
35 Hoepfner — Schwandner, Haus und Stadt (wie Anm.
6)
192 Abb. 191. — P. Pedersen in: Boreas 17 (wie Anm. 32)
9-14, bes. 10. — Aufgrund der geringfügigen, konstruktiv
begründeten Verbreiterung der Plinthen am Athena-Tempel in Priene (an jeder Seite um 4 mm oder “4c des Rastermaßes) und der offenen Frage gleicher oder ungleicher
Page 10
View in PDF(opens in a new window)EITTTIILELITTIILIIO
nur im Falle der 19-Teilung gelingen, worin die jüngere 76-Teilung eingeschlossen wäre (wegen 4:19 =
CT
23
[71
76). Weniger Hoffnung besteht bei der 8-Teilung, die
ja leicht auch als Ergebnis bautypischen fortgesetzten
[
Halbierens entstehen kann. Weil der Versuch, die
Aufnahme astronomischer Maßverhältnisse in die Architektur zu behaupten, ohnehin problematisch ist, sei
|
hier lediglich zusammengetragen, was gesichert er-
=
scheint.
Die roteiligen Baugliederungen bei Vitruv finden sich
CMI
an zwei Säulenhöhen und am Kapitell ionischer Ordús
| 4
|
nung. Beide Bemessungsvorschriften führen erneut in
die Nahe der auf Pytheos zurückgehenden Tradition.
TT
Die Säulenhôhen des Systylos und des Eustylos ioni-
.
scher Ordnung betragen bei Vitruv 9% untere Säulendurchmesser, die obere Abakusbreite und -tiefe des
Volutenkapitells übertreffen diesen um je “s, betragen
|
also jeweils :%s des unteren Durchmessers. Die Kapia
_
È
|
In
|
|
4
|
|
u
|
|
D
tellhöhe einschließlich der Deckplatte enthält 9% ent-
_
|
a
sprechender partes}°; Vitruv nennt für das Volutenkapitell noch weitere Kapıtellabmessungen mit halben
===
partes, so daß sich vermuten läßt, das Grundmaß des
po
Kapitells sei eine halbe vitruvianische pars. Vergleichbares gilt für die Staffelung der Säulenhôhen zu den
®
[|
fünf Säulenarten: ganze Einheiten ergeben sich auch
hier, wenn man statt des ganzen Säulendurchmessers
einen halben als Bezugsgröße einsetzt und damit Vitruvs Bemessung der dorischen Ordnungen nach moduli zu einer Triglyphenbreite bzw. einer halben Säu-
2. 19teilige Bauglieder bei Vitruv: Mafigertist des
Volutenkapitells und Höhengliederung der Säule des
tonischen Systylos und Eustylos (Maßeinheit: Y. pars
bet Vitruv).
lenstärke angleicht?”,
Jochweiten am Maussolleion kann strenggenommen nicht
von einem »Plinthenraster« gesprochen werden (am
Athena-Tempel ist das Verhältnis von Plinthe zu Plinthenzwischenraum um 1% größer als bei Maßgleichheit). Die
Plinthe dürfte wenigstens am Anfang des Entwurfsprozes-
Ersetzt man bei den genannten Säulenhöhen und
Kapitellmaßen jeweils eine halbe pars durch eine ganze
Einheit und betrachtet dazu nach Art eines Werkplans
nur eine Hälfte der Säule, dann erscheint die 19-
ses aber doch das bestimmende Grundelement des Rasternetzes gewesen sein, die konstruktiv schlüssige Korrektur
fällt für den optischen Eindruck kaum ins Gewicht. - Zur
Definition des Säulendurchmessers zuletzt: B.F. Weber,
IstMitt 41, 1991, 423-438. Der dort diskutierte »mittlere
Durchmesser« spricht das gerade bei »systematischen«
Architekturtheoretikern oft vernachlässigte Problem an,
Verbindliches über die gemeinsame Verwendung verjüngter Säulen und unverjüngter Pilaster an ein und demselben
Teilung sehr deutlich an wünschenswert prominenter
Position am Bauwerk (Abb.2). Der mögliche Einwand, daß gerade beim Kapitell die überzeugend einfache Volutenproportionierung maßgeblich sei, erklärt nicht den Gang der Konstruktionsanleitung bei
Vitruv, in den die Abakusmaße ausdrücklich einbezogen sınd.
Ein unmittelbarer Bezug zu den Bauten des Pytheos
ist bei der 19-Teilung des Kapitells freilich nicht gegeben. Zwar entspricht das einfache 1:2:3-Mafigeriist
der Kapitelle (Höhe : Tiefe : Breite) an den oben
Bauzusammenhang mitzuteilen.
36 Vitruv, De architectura 3,3,10 (Säulenhöhe). 3,5,5 (Kapıtell).
Als modulus (in der Bedeutung: Bezugsgröße für Bauwerksmaße) wird bei Vitruv ausschließlich das Triglyphon
dorischer Ordnungen bezeichnet mit Ausnahme des Eu-
Page 11
View in PDF(opens in a new window)genannten, sicheren wie zugeschriebenen Bauten des
Pytheos weitgehend der Gliederung des Volutenkapibauen.« 4?
ein
solches Projekt abzustecken und
auszutells bei Vitruv — am weitesten offenbar am Zeus-
Die Abweichung von den Hauptrichtungen beträgt
Tempel in Labraunda, wo die Hauptmaße bei Vitruv
somit beim Athena-Tempel in Priene ungefähr 2’
als AchtelfufSmafse erkannt werden können (oder die
oder “ooo des Horizontumfangs; bei der Cheops-Pyradoppelten Maßzahlen als Daktylen)3*-—, doch gerade
mide# sind es im Mittel 3’, die 1980 teilweise freigedie Abakusmaße (Starke und Ausladung) sind an den
legte Nord-Sud-Linie des monumentalen Marsfeldausgefiihrten Bauten deutlich kleiner als die bei Vitruv
Gnomons in Rom, einer dezidiert astronomischen
genannten 1' partes (hier: 3 Einheiten). Das schließt
Anlage, weicht um etwa 15’ ab**. Der Stadtplaner
aber nicht aus, daß in der Schrift des Pytheos über den
von Priene muß also für die Bestimmung der Nord-
Athena-Tempel in Priene ein solches Maß genannt
richtung entweder einen Astronomen herangezogen
war: gerade an den jüngeren Kapitellen, die in der
oder selbst ein entsprechendes astronomisches Verfah-
Tradition der Pytheos-Schrift entstanden sind, scheint
ren gekannt haben, um die Planskulptur der Stadt
entweder wenigstens die bei Vitruv gegebene Abakusdermaßen wohlorientiert auf den abschüssigen Felsenhöhe
grund zu übertragen.
eingehalten
(Magnesia,
Artemis-Tempel
des
Hermogenes) oder das Verhältnis 1:1 der Ausladung
Unter den Astronomen des 4. Jahrhunderts, die ım
zur Höhe (Athen, Attalos-Stoa)}?.
Falle der Stadtanlage von Priene die nötigen Kennt-
Die Teilung der Säulenhöhe in 19 Einheiten, die bei
nisse persönlich oder durch ihre Schriften vermittelt
Vitruv auffallenderweise gleich an zwei Säulenarten,
haben könnten, kommt von der Biographie her allein
Systylos (9% partes) und Eustylos (9% moduli), vor-
Eudoxos von Knidos in Frage, wenngleich andere,
kommt - wenn beim Systylos kein Uberlieferungsfehungleich weniger namhafte, nicht völlig ausgeschlosler vorliegt —, läßt sich im Werk des Pytheos, wenigsen werden können. Eine knappe Skizze zu Eudoxos
stens einstweilen, nicht nachweisen. Nicht auszuund Pytheos, die beide im Umkreis des Maussollos
schließen sind entsprechende Säulenverhältnisse beim
Zeus-Tempel in Priene. Der im Grundri$ verwandte
stylos, wo modulus das doppelte Maß, die Säulenstärke,
meint. Alle anderen, in der neuzeitlichen Architekturtheorie ebenfalls unter dem Begriff »Modul« zusammengefaßten Bezugsgrößen heißen bei Vitruv schlicht pars, in
den Kapiteleinführungen rata pars. Vitruvs eigenartige
Bemessungspraxis für die Hallen hinter den Bühnenhäusern (5,9,4), wo beide Bezugsgrößen an einem Bauwerk
nebeneinanderher bestehen, scheint ein Beleg für die
Quellentreue der beiden vitruvianischen Begriffe. Als Indiz grundverschiedener Entwurfsprinzipien sieht sie dage-
Zeus-Tempel (des Hermogenes?) in Magnesia gilt als
Eustylos mit der von Vitruv genannten Grunddisposition von 4:9 und der zugehörigen Höhe von 9%
Säulenstärken +.
Zur Orientierung des Stadtplans von Priene
Schließlich folgt die Stadtanlage von Priene, die Pytheos zugeschrieben wird, bemerkenswert genau den
gen J.J. Coulton in: H. Geertman - J.J. de Jong (Hrsg.),
Munus non ıngratum, BABesch Suppl. 2, 1989, 85-89.
Haupthimmelsrichtungen, anders als der vorausge-
Zum Volutenkapitell des Zeus-Tempels in Labraunda:
Hoepfner - Schwandner, a. a. O., 192-195. - Zum klassischen Volutenkapitell zuletzt W. Hoepfner in: Bathron,
Festschrift H. Drerup (1988) 225-232.
hende Plan von Halikarnassos, der um 10° abweicht".
G. Kummer, Vermessungsingenieur der Priene-Grabung, schreibt nach seiner Untersuchung des Stadtgebietes und des Athena-Tempels:
32 W. Hoepfner, AM 83, 1968, 213-234, bes. 215 u. 230.
4° Hoepfner — Schwandner, Hermogenes (wie Anm. 31)
»Es ist ein staunenswertes und zugleich lehrreiches
Zeichen für die Fahigkeit der Alten, einmal mit solcher Präcision die Nordrichtung herzustellen — die
Tempelachse weicht auf 40 m Länge, wie durch scharfe
Messung festgestellt worden ist, nur um 3cm, die
Richtung der Achsen kaum um ıcm von Norden
ab - ferner unter den schwierigsten Terrainverhältnis-
IO
20-23.
4: von Gerkan, a. a. O., Abb. 7.
42 G. Kummer in: Th. Wiegand — H. Schrader, Priene (1904)
57-67, hier 61 u. 63.
L. Borchardt in: Beiträge zur ägyptischen Bauforschung
und Archäologie 1 (1937) 1-16, nach: R. Stadelmann, Die
ägyptischen Pyramiden (1985) 108 Anm. 317.
44 R. Bill, Allgemeine Vermessungs-Nachrichten 90, 1983,
147-154, hier: 153.
Page 12
View in PDF(opens in a new window)nachgewiesen sind, soll daher den vorliegenden Beiund Bryaxis, in seinem Geburtsort und Alterssitz
trag abschließen.
Knidos - der einzige namentlich bekannte Knidier mit
Kontakt zu Maussollos ist Eudoxos
5. Man kann da-
Pytheos — Eudoxos
her vermuten, daß dieser, wenn es ihm die Kürze
Wie oben erwähnt, wird Pytheos - in durchaus bruchseines »Vorbeikommens« und die mögliche Zurückstückhafter Überlieferung — mit Satyros als Architekt
haltung seines Gastgebers erlaubt haben, die am Mausdes Maussolleions in Halikarnassos genannt, ferner als
solleion gerade tätigen Architekten und Bildhauer
Verfasser einer Schrift über den Athena-Tempel in
kennengelernt und sie später für mögliche Aufträge
Priene*. Uber das sicher unvollständige Bild der weoder Ankäufe vorgeschlagen hat.
nigen schriftlichen Nachrichten hinaus haben vor al-
Bei Pytheos, einem der beiden Architekten (und
lem Untersuchungen an der Bauskulptur und an den
Bildhauer?) des Maussolleions, mag Eudoxos beson-
Bauten selbst, die teilweise noch andauern +, zu weiteders nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben: dieser
ren Zuschreibungen geführt. Danach soll Pytheos
besaß das gültige, zu bedeutenden Teilen auf ihn selbst
auch den Stadtplan von Priene (und zuvor Halikarnaszurückgehende Wissen der Zeit, war in der Geometrie
sos?) entworfen haben, ebenso den Zeus-Tempel in
Schüler des Pythagoreers Archytas von Tarent und hat
Labraunda, möglicherweise auch den in Priene”. Als
demnach wohl auch dessen Musiktheorie gekannt.
Zäsur und chronologischer Halt wird alleın der Tod
Ferner galt Eudoxos mit seinem Modell homozentrides Maussollos im Jahre 353 v. Chr. gesehen.
scher Sphären als Verfasser des seinerzeit gültigen, in
Eudoxos von Knidos ging, so berichtet Diogenes
seiner Geschlossenheit noch pythagoreischen Weltbil-
Laertios*°, nach seiner ersten Athener Zeit und einem
des. Seine Arbeiten auf dem Gebiet der Gnomonik
einjährigen Ägyptenaufenthalt zunächst »nach Kyzibrachten, wie man vermuten darf, die früheste Ankos und der Propontis«, soll »aber auch bei Mausolos
wendung des sphärischen Himmelsmodells auf die
vorbeigekommen sein«*?, bevor er »darauf« wieder
Zeitmessung
+, Die Proportionenlehre des Eudoxos
»nach Athen zurück(kehrte)«, um schließlich in Kniwar als erste für beliebige Größenverhältnisse konzidos als Gesetzgeber und Astronom tätig zu werden.
piert (Zahlen,
Die in der neueren Forschung bevorzugte »späte«
wichte, Zeitabschnitte) 3.
Strecken,
Flächen, Volumina,
Ge-
Chronologie für Eudoxos hat ihren Fixpunkt in dem
weist auf einen geschichtlichen Zusammenhang - die
+5 Zu den Schriftquellen vgl. S. Hornblower, Mausolus
(1982) 227
ff. - Unter den dort zurückhaltend bewerteten
archäologischen Quellen ist das Labraunda-Kapitell als
bisher überzeugendstes archäologisches Gegenstück zum
Verdingung des Agesilaos als Schiffsführer bei Nekta-
Volutenkapitell bei Vitruv noch nicht vertreten (310f.
Empfehlungsschreiben des spartanischen Königs Agesilaos II. für Eudoxos an Pharao Nektanebos. Es vernebos -, an dem schon zu diesem frühen Zeitpunkt
Maussollos beteiligt sei5°, und wird auf die Jahre nach
Anm. 26),
4
oO
4 “di
254-256 (Stadtplan Priene).
4
a
Todes des Maussollos in die Jahre nach 353 zu setzen.
In Athen ist Eudoxos erneut Platon begegnet, also vor
349/348, vermutlich aber früher, denn offenbar nımmt
Uber Eudoxos’ Aufenthalt bei Maussollos ist nichts
Der folgende Zusammenhang nach Diogenes Laertios (wie
Anm. 4) sowie Lasserre, Eudoxos (wie Anm. 17) 4f. (T 7)
u.
I4I.
49 Diogenes Laertios, a.a.O. $87: GAAG xai mapa MavowOV Aqpıreodaı.
dessen letztes Werk, die »Nomoi«, noch Bezug auf die
homozentrischen Sphären des Eudoxos*?.
6)
Hoepfner — Schwandner, Haus und Stadt (wie Anm.
158-167 (Zeus-Tempel Priene), 192-195 (Labraunda),
365 datiert‘. Dadurch scheint es möglich, den zweiten Aufenthalt des Eudoxos in Athen als Folge des
vgl. Anm. 33 und 34.
Hornblower, a. a. O., 105.
5! G. de Santillana, Isis 32, 1940, 248-262.
52 Platon, Nomoi 822, b. 898a, b. 967; J. Mittelstraß, Die
Rettung der Phanomene (1962) 136.
bekannt als nur die genannte knappe Mitteilung und
53 Hornblower, a.a.O., 115.
die Vermutung, es habe vor der Ägyptenreise einen
54 Unter den bei Vitruv (9,8,1) genannten Sonnenuhr-Erfinersten Kontakt gegeben, doch weiß man auch von den
Werken zweier Bildhauer des Maussolleions, Skopas
A Lu
dern ist Eudoxos der älteste.
Zur Proportionenlehre zuletzt: A. Thorup, Archive for
History of Exact Sciences 45, 1992/1993, 1-16.
Page 13
View in PDF(opens in a new window)Der von Vitruv kritisierte Satz des Pytheos, »ein
einem künstlichen Horizont oder Horizontalkreis die
Architekt müsse in allen Zweigen der Kunst und
Nord- bzw. Südausrichtung zu bestimmen, kann nur
Wissenschaft mehr leisten kônnen als die, die einzelne
bei entsprechend sorgfältiger Ausführung der bausei-
Gebiete durch ihren Fleiß und ihre Tätigkeit zu hôchtigen Visierpunkte bzw. -kreise zum Erfolg führen.
stem Glanz gefiihrt haben« 56, scheint jedenfalls in der
Eine persônliche Beteiligung des Eudoxos bei der
Nähe eines Universalgelehrten gut aufgehoben. Eudo-
Gründung von Priene, etwa als Gesetzgeber wie bald
xos von Knidos, der auch als Arzt, Philosoph und
darauf in seinem Geburtsort Knidos®®, ist nicht auszu-
Gesetzgeber genannt wird und damit die von Vitruv
schließen, zumal wenn man Athen, wo Eudoxos hogeforderte enzyklopadische Bildung, encyclios discihes Ansehen genof, bei der Neugründung eine entplina 5”, wohl für sich in Anspruch nehmen konnte und
scheidende Rolle zuweist®".
geradezu verkörperte, könnte Pytheos auch persön-
+
lich eine solche Auseinandersetzung mit seinem Fächerkanon vermittelt und vielleicht dazu angeregt ha-
Auf allzu weitreichende Hypothesen soll hier jedoch
ben, ihn auf einem Gebiet zu übertreffen, das für
verzichtet werden. Der vorliegende Beitrag versuchte
Eudoxos, wıe das oben rekonstruierte Verfahren zum
zu zeigen, daß es lohnend sein kann, bestimmten
Festlegen sphärischer Maße nahelegt, offenbar keine
elementaren Prinzipien der antiken Architektur auch
eigene Qualität besaß: in der Praxis, ein gedankliches
bei der Untersuchung von Struktur und Metrik der
Konzept mit handwerklichen Mitteln möglichst gegerade beginnenden, noch organisch konstruierenden
schlossen und ohne Einbußen in ein Werk umzusetzen
sphärischen Astronomie des 4. Jahrhunderts nachzu-
— für den Baumeister und Bildhauer im eigenen Metier
gehen.
eine größere Selbstverstandlichkeit als für den Mathe-
Davon ausgehend können wiederum Parallelen in der
matiker und Astronomen.
zeitgenössischen Architektur verfolgt werden, die auf
Für eine Begegnung des Eudoxos mit Pytheos spricht
eine Verwandtschaft im weiteren Sinne hinauslaufen,
letztlich vor allem die präzise astronomische Orientieetwa bei der zwangsläufigen modularen Maßordnung
rung der gleichfalls nach dem Tod des Maussollos
auf der Sphäre und dem ın den Plinthen der Ringhalle
gegründeten Stadt Priene. Der Verfasser der Stadtansichtbar werdenden Rastergrundriß des Athena-Temlage verfügte neben der schon genannten astronomipels des Pytheos in Priene, oder die Frage aufwerfen,
schen Kompetenz über Grundkenntnisse der pythawarum die kalendarische Gliederung in 19 Abschnitte
goreischen, bis dahin vor allem von Archytas, dem
auf dem Himmelsglobus des Eudoxos sich gerade dort
Lehrer des Eudoxos, betriebenen Musiktheorie: die
bei Vitruv findet, wo ein enger Bezug zu Pytheos
wichtigsten Flächen im Stadtgrundriß von Priene haangenommen werden kann: an Säulenhöhe und Kapiben Seitenlangen, deren Proportion den drei Haupttellaufbau der ionischen Säule. Schließlich kann verharmonien der Musiktheorie entsprechen (Tempel
mutet werden, daß der Stadtplan von Priene mit seiner
1:2, Agora 2:3, Insulae je 3:4)°°. Das Beibehalten
pyramidengleichen, nur gedanklich faßbaren präzisen
weiterhin ftir aktuell gehaltener altpythagoreischer Er-
Orientierung das
Ergebnis
eines
Zusammenspiels
kenntnisse bei gleichzeitiger Erschließung weiterer
Gebiete für die Mathematik kann als Grundzug im
Gesamtwerk des Eudoxos gelten. Ihre Anwendung ın
der Architektur, etwa bei dem von Vitruv genannten
Verfahren zum Orientieren von Stadtanlagen
5, verlangt aber vor allem ausgesprochen bautechnische Fertigkeiten wie das Nivellieren der Bezugsebene und das
lagegenaue Einrichten des Gnomons. Auch ein zweites Verfahren, durch Ausmitteln der Visuren zu Aufund Untergangen der Sonne oder zu Fixsternen auf
12
5° Vitruv 1,1,12. Zitat nach der lat.-dt. Ausgabe von C. Fensterbusch, Darmstadt 1964.
57 Vitruv a. a. O. - Auch die Aufstellung einzelner Wissensgebiete, deren Kenntnis Vitruv zuvor (1,1,3) den Architekten empfiehlt, deckt sich auffallend mit den von Eudoxos ausgeübten Disziplinen.
58 Hoepfner — Schwandner, a.a.O., 252 Abb. 255.
59 Vitruv 1,6,6f. und 1,6,12.
6° Lasserre a.a.O., 5 (T7 $88) u. 142.
®t Hoepfner- Schwandner, a. a. O., 142.
62 Vitruv 1,1,12.
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View in PDF(opens in a new window)astronomischer Kenntnisse und deren zielstrebiger
unterstellt der Gedanke einer anonymen, jedenfalls
Verwirklichung sein muß, ebenso wie die Anwendung
unbekannten astronomischen Quelle für die Orientiemusikalischer Verhältnisse bei den Hauptelementen
rung des Stadtplans von Priene der antiken Wissendes Stadtplans.
schaft einen Organisationsgrad und eine Offentlich-
Aus mehreren Griinden liegt es nahe, eine biographikeit, die kaum vorausgesetzt werden kônnen.
sche Verbindung zwischen Eudoxos und Pytheos vor-
Dem oben zitierten mutigen Satz des Pytheos über
zuschlagen: eine derartige, hier durch Maussollos als
die Fahigkeiten des Architekten geht bei Vitruv ein
Bezugsperson gesicherte Konstellation eines Archianderer voraus, der die Strukturverwandtschaft der
tekten und eines Mathematikers bzw. Astronomen -
Disziplinen als Schlüssel enzyklopädischer Bildung
zumal der jeweils namhaftesten Vertreter ıhres Faches
formuliert°?. Gerade deshalb mag man eine direkte
— kommt in der Antike bis auf den ro bis 8 v. Chr. in
Vermittlung vorziehen und annehmen, daß auch der
Rom eingerichteten Gnomon des Augustus nicht wietheoretische Anspruch des Pytheos nicht alleın Ausder vor. Der Himmelsglobus selbst war, wie bereits
druck von Metierstolz ist, sondern im wesentlichen
erwähnt, nur über einen sehr kurzen Zeitraum hinweg
auf eine Auseinandersetzung mit Werk und Person des
organısch gegliedert - von Eudoxos. Zum anderen
Eudoxos zurückgeht.
Abbildungen: Autor