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inver Li, Die Philosophie der Pythagoriier : ASSPh NXITI 1963
29-50, |
Reconstitution du système philosophique pythagoricien,
Die Philosophie der Pythagoràer
von Erich Brock
Mehr noch als bei irgendeinem anderen Gebiete der vorsokratischen Philosophie herrscht bezüglich des Pythagoräertums Klage und
Streit über den Zustand der Quellen. Die vorwiegende Ansicht der
Philologen und der Philosophen ist in dieser Sache ungefähr folgende:
Aus der Zeit der alten Pythagoräer selbst besitzen wir keine Berichte,
aus derjenigen unmittelbar nach ihnen nur einige Erwähnungen bei
Platon und die ziemlich ausführlichen, aber schwer auf einen Nenner
zu bringenden Darlegungen, die in den erhaltenen Werken des
Aristoteles zerstreut sind. Hierauf ist die Überlieferung wieder für
Jahrhunderte unterbrochen; dann aber setzt sie immer reichlicher
ein, je weiter sie sich geschichtlich von den berichteten Dingen entfernt, und desto wunderbarer werden die lebensgeschichtlichen,
desto spekulativer die philosophiegeschichtlichen
Berichte.
Diese
späten, aus neuplatonischen und neupythagoräischen Quellen stammenden Berichte sind also größtenteils zu verwerfen, und auch da,
wo sie nicht erweislich falsch sind, mit allergrößter Zurückhaltung zu
betrachten. Was übrig bleibt, ist sehr wenig, und reicht besonders für
Pythagoras selbst in keiner Weise zu einem Bilde etwaiger wissenschaftlicher Lehre hin. Hinter dem Sagengewebe um ihn ist allerhöchstens
einer der wohlmeinenden religiös-moralischen Reformer und Scktenstifter unter orphischem Einfluß zu vermuten, wie sic mehrfach im
6. Jahrhundert auftraten.
Man ging schließlich so weit, sogar die Existenz von Pythagoras zu
bezweifeln und eine alt-pythagoräische Philosophie gänzlich zu verneinen. Alles, was als eine solche gegolten habe, seien Fabrikate von
Speusippos, dem Neffen und Nachfolger Platons, der die Lehren seines
Oheims den Pythagoräern zugefälscht habe - warum, wird allerdings
nicht erklärt. Auch die mathematischen Forschungen der Pythagoräer
seien reine Legende; tatsächlich seien die Erkenntnisse, die ihnen da
zugeschrieben würden, erst zu Platons Zeiten und damit am Ende
des altpythagoräischen Zeitraums möglich geworden. Der letzte
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View in PDF(opens in a new window)schôpferische Alt-Pythagoraer, Philolaos, wird gänzlich gestrichen.
zunächst ein Orden und eine gänzlich unliterarische Angelegenheit
Archytas dagegen habe wohl gelebt und dem Aristoteles als Gewährswar. Die Aufzeichnung begann erst, als die Strenge und die unmittelmann für seine Pythagoräer-Berichte gedient; aber er sei gar kein
bare Produktivität der ersten Zeit zu erschlaffen begann; und auch
Pythagoräer gewesen. Natürlich muß dann auch die Musik-Theorie
dann noch seien die ersten, rein esoterischen Schriften sehr schwer
der Alt-Pythagoräer fallen.
Diese Blüten einer überkritischen Zeit, welche sich auch sonst nicht
scheute, ganze literarische Zeitalter der Antike als hauptsächlich von
verständlich gewesen, So ist eine weitere Periode der inneren Auseinandersetzung,
Erläuterung und
Popularisierung anzunehmen,
aus welcher dann die allgemein als schätzbar angenommenen Werke
Lügnern, Betrügern, Fälschern und kindisch Leichtgläubigen bedes Dikaiarchos und Aristoxenos hervorgingen, auf denen die
völkert zu erklären, sind seither einigermaßen angewelkt. Aber
spätere Berichterstattung im wesentlichen fußt. Auf jeden Fall hatte
immerhin sind wir dadurch auf Alternativen aufmerksam gemacht
die Überlieferung damals bereits eine Klärung und Verfestigung erworden, die anzuerkennen, nur aber anders zu beantworten sind.
fahren, so daß sie zwar Umdeutungen unterliegen, aber nicht so leicht
Es handelt sich ganz hauptsächlich um die Frage der absoluten
phantastische Hinzufügungen erleiden konnte, wie man sich das im
doxographischen Autorität von Platon und Aristoteles. Wenn ins-
19. Jahrhundert vorstellte. Daß in der späteren Kaiserzeit es auch
"besondere Platon alles, was er ohne Quellenangabe vorträgt, als
einzelne bewußte Fälschungen und Zurückdatierungen zu Handels-
Eigengut zugebilligt wird, so bleibt für die Pythagoräer in der Tat
zwecken gab, ist gerade von pythagoräischer Seite überliefert worden;
nicht allzu viel übrig. Wenn alles, wovon Aristoteles nicht redet, als
aber man darf diesen Bericht wohl mehr als Zeichen nehmen, daß
nichtexistent betrachtet wird, so bleibt für die Pythagoräer nicht viel
Wille und Fähigkeit bestanden, die Spreu vom Weizen zu sondern,
Tieferes übrig. Im Augenblick, wo wir uns entschließen, diese beiden
um so mehr, als es den Neuplatonikern und Neupythagoräern sicher-
Voraussetzungen nicht mehr mitzumachen, löst sich vor allem das
lich nicht an sittlichem Ernst, und ihren führenden Gelehrten auch
Rätsel, warum die scharfsinnigen und unsere Kenntnisse so weit übernicht an Scharfsinn und Gelehrsamkeit gefehlt hat. Und wo auf den
treffenden Gelehrten der hellenistischen und der Kaiserzeit so vieles
Beutel von Sammlern spekuliert wird, da pflegt sich auch sehr schnell
als altpythagoräisch haben gelten lassen, was in den letzten hundert
der Sinn für Echtheitskriterien zu verfeinern, denn beim Gelde hört
Jahren auf Grund von Anklängen an Platon und Aristoteles, die jene
die Gemütlichkeit auf. Zur bewußten Fälschung aus bloßem Fanatis-
Wissenschafter natürlich mindestens ebenso gut erkannten wie wir,
mus fehlte aber das, was in den Religionen dazu zu führen pflegt:
verworfen wurde. Mit dieser Schwenkung ist dann jedenfalls eine gute
eine machtbewußte Priesterkaste und eine Besetzung mit metaund breite antike Überlieferung wiederaufgenommen, welche durch
physischen Interessen. Sozusagen unbewußteFälschung aus kindlicher
den Mund angesehener und keinesfalls feindseliger Gelehrter Platon
Phantasterei bei sonst sachlichen Autoren ist eine psychologische
im wesentlichen als einen Nachkömmling der Pythagoräer erklärte.
Erfindung des aufklärerischen Überheblichkeit des 19, Jahrhunderts.
Und an dem unbedingten Wert der aristotelischen Berichte werden
Die Quellen, denen dieser Umschwung der Einsicht zugute kommt, :
neuerdings immer stärkere Zweifel laut, um so mehr, als seine rein
haben dann noch den Vorzug, sich gegenseitig zu stützen; sie schöpfen
doxographischen Werke verloren sind und die erhaltenen keineswegs
sichtlich aus einer gemeinsamen, guten Überlieferung. So behalten
einen rein berichtenden, sondern soweit vor allem den Zweck haben,
wir übrig: größtenteils die Lebensbeschreibung des Pythagoras von
die eigene Lehre auch durch Abhebung von früheren Lehren zu
Jamblichos, welche keineswegs die Beschimpfungen Erwin Rohdes
stabilisieren. Sobald derart überhaupt die Bahn frei ist, die Überverdient, sowie diejenige von Porphyrios. Wenn einzelne ungesalzene
lieferung wieder unbefangen zu würdigen, so ergibt sich auch positiv
Wundergeschichten da eingedrungen sind, so besteht darum kein
zwanglos, warum die Berichte über altpythagoräische Philosophie
Anlaß, das Vertrauenerweckende zu verwerfen — so wenig, wie ein
erst verhältnismäßig so spät hervortreten. Daß die Lehre zuerst
kritischer Leser des Lebens Jesu die Überlieferung als Geschichtsquelle
geheimgehalten wurde, diese einmütige Bekundung der Quellen zu
verwerfen wird, wenn er die Hochzeit zu Kana oder die Auferweckung
bezweifeln besteht um so weniger Anlaß, als das Pythagoräertum
des Lazarus sich nicht zu eigen machen kann. Übrig bleiben ferner
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View in PDF(opens in a new window)die sogenannten Stobaios-Fragmente. Es sind das Ausziige aus altpythagoräischen Schriften, welche der christliche Literator Johannes
lehnte Zahlenspekulation abglitt; so ist seine Gereiztheit gegen die
Pythagoräer nur zu begreiflich. Auf jeden Fall werden wir für alle
von Stobi in seinem groBen Florilegium mitdarbietet und die seit
Lehren, welche bei den Pythagoräern in einem tiefgewurzelten, fein
dem 19. Jahrhundert als Zeugnisse des neupythagoräischen Eklektizismus, betreffs der Verfassernamen aber als gefalscht galten. Sobald
ausgesponnenen Zusammenhang stehen, am andern Ort aber verman über den alten Vorwurf platonisch-aristotelischer Motive nicht
ohne weiteres vermuten dürfen.
mehr stolpert, fällt jeder Anlaß hin, diese Fragmente, die durchwegs
einen guten altertümlichen Eindruck machen, beiseite zu stellen.
Zu allem Überfluß hat nun noch vor wenigen Jahrzehnten ein belgibt natürlich auch der Gestalt und dem Leben des Pythagoras selber
gischer Gelehrter, Armand Delatte, die Fälschungsvorwürfe mit
gewissenhafter philologischer Kleinarbeit untersucht und dabei eineinzelt und widersprüchlich dastehen, pythagoräischen Ursprung
Die Wiedereinsetzung eines großen Teils der Quellen in ihr Recht
wieder schärfere Umrisse. Wir wollen hierauf nicht besonders nahe
eingehen, da es sich uns jetzt um die pythagoräische Philosophie
handelt und nicht um biographische Probleme. Gesagt sei vor allem,
mal mehr die Leichtfertigkeit bloßgestellt, mit der das 19. Jahrhundert
daß es einen Menschen Pythagoras gegeben haben muß, der sowohl
seine athetetischen Blitze zu schleudern pflegte. Diese Umstellung
als religiöser Gemeinschaftsgründer wie als wissenschaftlicher, besonmuß auch den beiden kleinen Büchern des Timaios und des Okellos
ders mathematischer Forscher hervorragend war. Nicht nur besagt
zugute kommen, welche jenen Fragmenten in jeder Hinsicht sehr
das die Überlieferung, welche hier anzuzweifeln kein Grund vorliegt.
nahe stehen. Und schließlich ist natürlich keine Rede davon, die
Daß religiöse Spekulation und Mathematik unvereinbare Gegenverhältnismäßig umfangreichen Angaben des Aristoteles über die
sätze seien, konnte auch nur dem Positivismus des 19. Jahrhunderts
Pythagoräer unausgewertet zu lassen. Wenn sie auch mit wenig Verbeifallen. Auf der andern Seite könnte man Pythagoras geradezu
ständniswilligkeit und aus einer unendlich verschiedenen Seelen- und
a priori erschließen. Es gibt pythagoräische Philosophie als ein
Geisteslage heraus gegeben sind, so ist Aristoteles selbstverständlich
System von höchster Stimmigkeit, Tiefgründigkeit und Schärfe des
weit davon entfernt, mit den Denkpositionen anderer oder gegneri-
Umrisses, als ein bruchlos in die Praxis übergeführtes, kraftvoll
scher Philosophen so frei zu schalten, wie es Platon zu tun liebte. In
lebensbedeutsames Gedankengefüge. Ein solches aber ist noch nie in
Bezug auf die Pythagoräer rechtfertigt sich dieses Schalten vielleicht
der Geschichte von einer räumlich oder zeitlich aufgegliederten
noch dadurch, daß Platon vermutlich eingeweiht war und sich somit
Gemeinschaft von Menschen, sondern immer von einem Einzelnen,
berechtigt fühlen konnte, einengemeinsamen Ideenbesitz nach eigener
zum mindesten in allen entscheidenden Grundzügen, geschaffen
Weise aufzufassen und abzuwandeln. Sowohl Piaton wie Aristoteles
worden. Und dieses System ist in einem Maße bis ins Letzte hinein
wurde von ernsthaften antiken Gelehrten offenes Plagiat an den
mit mathematischen Vorstellungen durchwachsen, daß damit auch
Pythagoräern
besonders
die mathematische Betätigung des Pythagoras gesichert ist. Was sein
Archytas gegenüber. Wenn wir diesen harten Ausdruck lieber ver-
Leben anlangt, so haben wir über seine entscheidende Tätigkeit in
meiden möchten, so gibt es noch andere Denkformen, um die Über-
Unteritalien ziemlich genaue Berichte, gegen die Zweifel zu erheben
nahme von pythagoräischem Ideengut durch Platon und Aristoteles
miiBig ist. Etwas anders steht es mit seinen vorherigen Bildungsreisen,
sich verständlich zu machen. DasGeltungsbewuBtsein der Philosophen
die offenbar später, als das Morgenland ein märchenhaftes Ansehen
war, besonders nach Absterben großer Glaubensbildungen, fast immer
gewann, in dem Sinne ausgeschmückt worden sind, als habe er alle
überaus stark. Da kann es leicht seinem Inhaber den Streich spielen,
seine Gedanken aus dortigen Gehcimlehren übernommen. Daß es
Übernahmen seinem Bewußtsein gründlich zu verwischen. Für
solche Geheimlehren gab und daß Pythagoras viel davon gekannt hat,
vorgeworfen;
was
Aristoteles
anlangt,
Aristoteles mußte es noch um so schwerer sein, sich hier solche zuzuist allerdings unbezweifelbar. Über Ägypten gilt in diesem Sinne
geben, als er früher leidenschaftlich an Platon gehangen hatte, und
einiges auch für die Zweifler als gesichert. Worauf wir Wert legen
doch mehr oder minder die Pythagoräer dafür haftbar machen
mußte, daß der Meister dann in die von Aristoteles so heftig abgemöchten, ist noch die sonst angezweifelte Reise nach Babylon. Denn
in dieser Weltstadt, wo alle Kulturvölker aus Ost und West sich
3 Studia Philosophica XXIII
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View in PDF(opens in a new window)trafen, ware am zwanglosesten eine Begegnung mit chinesischen
Philosophen anzusetzen; und mag man die Gemeinsamkeit bestimmter
ráer nur das Geringere war, nicht das Schlechte - und jedenfalls ein
Ur-Positionen der Menschheit, die Gemeinsamkeit gewisser, von den
eine Harmonie sinnvoll ist.
Dingen selbst tieferer Erkenntnis aufgenötigter Denkformen noch so
hoch anschlagen — die Übereinstimmung mit der chinesischen Welt-
Wenn wir «Harmonie» hören, so denken wir an Musik. Und tatsächlich war die Musik-Theorie schon bei Pythagoras eine Hauptschau ist bei Pythagoras derartig schlagend und bis aufs einzelne
Keimzelle der ganzen Weltanschauung - wieder in Übereinstimmung
ausgedehnt, daß hier die Auslegung ohne Annahme einer unmittelmit den Chinesen. In der Musik wurzelt der Harmonie-Begriff als
auch sinnlicher. Er bezeichnet da den wohltönenden, konsonanten
Charakter bestimmter Intervalle. Die Harmonie findet zwischen zwei
Tönen statt, deren Schwingungszahlen durch niedrige ganze Zahlen
bezeichnet sind. Pythagoras selber war es, der diese Zahlen bei den
konsonanten Intervallen durch Experimentieren mit dem Monochord,
d. h. einem Instrument mit einer Saite, mittels Messung der schwingenbaren Berührung kaum auskommt. Obwohl die überlieferten Schriften
der Chinesen, in welchen diese Übereinstimmungen breit zu Tage
treten, jünger sind als Pythagoras, so könnte doch die Beeinflussung
wohl nur in ost-westlicher Richtung vor sich gegangen sein, weil in
China die Verwurzelung dieser Lehren in der gesamten völkischen
Denk- und Fühlweise unendlich breiter und stärker ist als die des
durchaus Unentbehrliches und insofern Wesenhaftes, mit welchem
Diese Gemeinsamkeit betrifft besonders den Begriff der Harmonie,
den Saitenlängen entdeckte. Damit ist gegeben, daß das empirische
Element, das sinnliche Hinhorchen auf die tatsächliche Konsonanz,
welcher als die Zentralidee der pythagoräischen Lehre anzusehen ist.
den eigentlichen Anstoß gab und keineswegs ausgeschaltet werden
Harmonie bedeutet einerseits Fügung, Einklang zwischen entgegensollte. Erst die Tonleiter des platonischen «Timaios» löste sich ganz
gesetzten Prinzipien in einem allgemein weltanschaulichen Sınn;
von der sinnlichen Erfahrung und stellte harmonische Intervalle auf
nur auf Grund von absırakten Zahlwerten, die keine musikalische
Bedeutung gewinnen konnten. Im Neupythagoräismus nahm auch
diese platonische Verirrung kanonische Würde an und führte zu
einer entsprechenden, stark rationalistischen Mißdeutung der altpythagoräischen Musiktheorie. Selbstverständlich gewannen die Zah-
Pythagoras im Griechentum.
andrerseits
bezeichnet sie ein scharf definiertes
mathematisches
Verhältnis zwischen zwei positiven Größen im Sinne der sogenannten
harmonischen
Proportion.
Damit ist
gleich
das
Haupt-Problem
angerührt, welches die pythagoräische Philosophie stellt und das entscheidend für ihr Verständnis ist. Gewöhnlich wird der Pythagoräismus als eine asketische, rein aufs Jenseitige gerichtete, Natur verneinende Lehre angesehen und soweit mit der Orphik vereinerleit.
Dieses Mißverständnis geht auf Platon
und
Aristoteles zurück.
Platon redet auch von Harmonie; aber es ist unmöglich, daß bei ihm
eine Harmonie zwischen Natur und Geist stattfinde, weil er die
natürliche Seite des Verhältnisses mit den schärfsten, rückhaltlosesten
Beschimpfungen und Verdammungen belegt, womit offenbar der
Begriff der Harmonie sinnlos geworden ist. Aristoteles deutet mindestens an einer wichtigen Stelle das pythagoräische Gegensatzverhältnis an Hand des Begriffspaares Gut-Schlecht und gerät so auf
denselben Abweg. Es ist klar, daß diese Deutung, die dann für den
Neupythagoräismus maßgebend wurde, für den alten nicht gelten
konnte; denn offenbar vermag das Gute und das Schlechte, das
Wesenhafte und das Wesenlose überhaupt nicht in ein Verhältnis
der Harmonie zu treten. Es läßt sich aber auch im einzelnen und positiv fast ausnahmslos nachweisen, daß das Natürliche für die Pythago-
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len, die Pythagoras gefunden hatte, dann bald für ihn eine bedeutende, auch das rein Intelligible betreffende Eigenwürde. Aber daß
die Altpythagoräer auch in der Musik-Theorie nie sich ganz vom
Sinnlichen lösten, läßt sich gleichfalls im einzelnen nachweisen. Erst
die Neupythagoräer kamen zu der wenig fruchtbaren Idec, daß die
sinnliche Musik ein trüber, aufschlußarmer Sonderfall einer tonlosen
Weltenmusik sei, die überhaupt nur noch in der apriorischen Reinheit der Zahlenverhältnisse bestand. Pythagoras selber schlug die Leier,
sang Hymnen und tanzte dazu. Auch das beweist wohl die Selbstbehauptung des sinnlichen Elementes in der pythagoräischen MusikTheorie. Andrerseits durfte es auch hier keineswegs als Losgelöstes,
Unbeherrschtes auftreten, Die Pythagoräer trieben und befürworteten
nur eine gehaltene, ernste, einfache, unchromatische, leidenschaftlose
Musik und machten von ihrer Pflege, wie die Inder und Chinesen,
Gedeihen aller anderen Harmonie-Verhältnisse in Ethos, Familie
und Staat abhängig. Durch richtige Musik wird dort Umstimmung
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View in PDF(opens in a new window)der Pflanzen, der Tiere, der Wetter- und Himmelserscheinungen,
der Gôtter, der Menschen, ihrer moralischen und gesundheitlichen
deren rationales Gerüst die Vernunft dann nachkonstruieren kann;
Verhältnisse, der Regierungen erzielt - und dem stimmen die Pythaund zum Schönen gehört das Sinnliche.
goräer durchaus zu. Platons zahlreiche Angrifle gegen eine melan-
Von hier aus wird nun die ganze Ethik der Pythagoräer verständcholische, weibische, zerrüttende Musik wiederholen etwas vergröbert
lich. Sie beruht auf der Harmonie der drei Seelen-Teile, des Geistpythagoräische Positionen. Diese Musik wurde besonders der Flöte
haften, Muthaften und Begehrungshaften. Diese Dreiteilung, welche
beigelegt, während die Leier als das Werkzeug der gesunden, männsich an zahlreiche andre Dreiteilungen innerhalb der pythagoräischen
lichen, geistigen, apollinischen Musik galt. Es ist eine hundertfach
Theorie anschließt, wird gewöhnlich als platonisch angesehen. Wenn
bezeugte, uns nicht ohne weiteres nachfühlbare Tatsache, daß die
wir aber die betreffenden Stellen bei Platon nachlesen, so läßt sich
Alten eine Art der Musik (und zwar nicht nur militärische) als auszeigen, daß dieser selbst sich keineswegs die Urheberschaft daran
gesprochen willenshärtend empfanden, während sie alle rein lösende
beilegt. Und was die Harmonie der drei Teile anlangt, so ist er für
als gefährliche Sclbstentwendung verurteilten. Das ist echt pythavöllige Unterdrückung des triebhaften Teils, während bei den Pythagoräisch. Denn die relative Bejahung des Sinnlichen und Gefühlsgoräern die positive Zusammenarbeit der Teile unter der Leitung der
mäßigen bedeutet nicht, daß dieses einen Augenblick frei auf seiner
Vernunft mit viel Feinheit beschrieben wird: hier also allein ist mit
eigenen Spur einhertreten und souverän werden dürfte, wie uns
Recht von Harmonie die Rede. Die Pythagoräer kommen zu der sehr
Heutigen das für die Musik doch weitgehend unentbehrlich ers£heint.
neuzeitlichen
Einsicht, daß Leidenschaften und
Begierden das
Es ist allgemein bei den Griechen eine wilde Angst vor der dämonieigentliche dynamische, machtmäßige Element der Seele darstellen
schen Aufregung des Sinnlichen, besonders auch durch die Musik,
und daher unter Herrschaft der Vernunft unentbehrlich sind. Die
vorhanden.
Platon will keine reine Instrumentalmusik zulassen,
Spannungskraft des unendlichen Dranges wird benützt, aber es wird
damit die den Gesang begleitenden Worte die ganze Darbietung im
ihm nicht gestattet, ernstlich ins Unendliche zu gehen. Die bloße
rationalen Bereiche festhalten können. Da nun aber
Musik also
gewaltsame Unterdrückung dagegen ist etwas Krankmachendes. Von
ebenso wie auflösen und zersetzen, auch befestigen und stählen
da aus folgert Archytas mit Klarheit das Prinzip einer vollkommenen
konnte, so mußte sich eine abgründige Scheidung zwischen guter und
Autonomie: Schön ist es, sich selbst das Beste vorzuschreiben und
schlechter Musik hervorbringen, deren sich nicht nur nach Platon der
keinen Zwang dazu zu brauchen. Überall wird auf die freie Zustim-
Staat anzunehmen hatte. Trotzdem handelte es sich für die Pythamung des geführten Teiles das größte Gewicht gelegt, wie dann auch
goräer keineswegs, wie für Platon, um möglichste Zurückdrängung
ım Staate und in der Familie. Die Spannung und Entspannung der
des Sinnlichen dabei. Dieses hat doch mindestens die positive Auf-
Affekte durch die Vernunft wird beschrieben und geübt wie die
gabe, das Leidenschaftliche, Unendliche, Lebensmäßige als im Geisti-
Stimmung eines Musikinstrumentes. Es handelt sich auch hier um das
gen der Musik zwar gebunden, aber doch sich irgendwo genugtuend
Gleichgewicht, die richtige Mischung der Ur-Mächte, von denen
zu zeigen, und damit eine Reinigung jenes Elementes zu vollziehen.
keine durchgestrichen werden kann oder soll. Das schließt natürlich
Bloße Unterdrückung von Trieb und Leidenschaft hilft nichts, sagen
die Ablehnung aller kynischen Ideale ein, welche in jener Zeit bereits
die Pythagoräer, sondern nur, sie in geistig gefaßter Form sinnbildlich
entstanden sind. Das Ertrotzenwollen der moralischen Unabhängigzum reinigenden Ausbruch zu
keit und absoluten inneren Selbstversorgung, wie es in dieser Frühbringen.
So ist die aristotelische
Katharsis-Theorie zunächst pythagoräischen Ursprungs. Die Theorie
form des Stoizismus lag, mußte den Pythagoräern als Hybris vorund Praxis des Tanzes, des verkörperten Rhythmus, ist bei den
kommen. Sie betonen immer wieder, daß wie im Menschen und
Pythagoräern sehr ausgebaut und geht auch ganz auf kathartische
überhaupt das Begrenzende und das Unbegrenzte zusammenkommen
Entladung der Leidenschaften hin. Rythmus ist das Urbild der Form;
müssen, das Bestimmende und das Unbestimmte, so zur Schaffung
Form ist eine schöne Gestaltung des unendlichen Stoffes. Im Schönen
ist die Lösung der Welt-Problematik, die Harmonie greifbar gegeben,
des vollkommenen Lebens der vernünftige Tugendwille und das
Glückhaben (Tyche, Eutychia), welchem vielfach eine Art göttlicher
Verehrung geweiht wurde; darin ließ man eine geheime Harmonie
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View in PDF(opens in a new window)zwischen gutem Willen und Gliickhaben ahnen. Erst beide zusamm
Seite heißt es Euhexia, Wohlverfaßtheit von Körper und Seele;
ergeben die Eudämonie. Häufig kehrt das Bild vom Steuerm
ann wieman könnte auch sagen: «In-Form-sein». Die Tugend ist dazu Mittel,
der, der nur durch Verbindung seiner Kunst und Tätigkei
t mit dem
günstigen Winde sein Schiff fortbringt. Daß das Göttliche
aber sie ıst nur darum ein absolutes Mittel dazu, weil auch von einer
mit der
Tugend des Körpers gesprochen wird, welche neben seiner kraftvollen
reinen Lust einerlei ist, berichtet Aristoteles als die Lehre
des Eudoxos.
Die gewöhnliche Lehre der Pythagoräer ist aber, daß
weder große
Lust noch große Trauer gut ist, sondern ein beherrschtes
Gleichgewicht zwischen beiden, welches beide in Maßen
festhält. Gleichgewicht des Gemüts ist ihr Ideal, das sie durch Selbstv
ersenkung
herzustellen streben, teils bei Anfall starker Affekte, teils
auch regel-
Zulänglichkeit seine Schönheit einschließt. Tugend ist zur Schönheit
mäßig, zum Beispiel Morgens nach dem Erwach
en.
Eine milde,
gleichmäßige Fröhlichkeit soll erreichtwerden, deren Wesen
Harmon
ie
ist. Gesundheit und Tugend sind beide Harmon
ie. Harmonie ist
nötig auch zwischen Seele und Körper. Turnen
und Baden nehmen
unentbehrlich, und Schönheit zur Tugend. Bei all dem ist im Auge
zu behalten, daß der Pythagoräismus eine religiöse Weltanschauung
war. welche dem, das nicht von uns selber abhängt, dem Gnadenhaften, einen Platz offen lassen mußte - wie aber auch das Bedrohliche
des vom Menschen nicht Abhängigen nicht übersehen konnte; sonst
wäre er schnell in einen glatten seichten Humanismus abgesunken.
Es soll aber nicht übergangen werden, daß diese Darstellung im
Widerspruch zu stehen scheint zu einigen unwegdeutbaren Stellen,
wo Altpythagoräer einen schwarzen Diesseits-Pessimismus und eine
einen gemessenen Teil des Tageslaufes ein; darunter sind
Übungen,
die ausdrücklich einer Enthemmung der Ausdrucksbah
nen dienen —
eine Art rhythmischer Gymnastik, denn Rhythmisieru
ng ist Formung,
unumwundene
ist Hinführung zu Maß, Harmonie und Schönheit. All das
Weise dem Menschen wohldosierte Freude, Entspannung, Erholung,
hat der
Körper Hand in Hand mit der Seele zu leisten.
Denn kraftvoller
Ausdruck, reine Darstellung der Harmonie in der Schönhe
it ist hier
Bejahung
des
Schmerzes
bekunden. Aber
diese
Stellen sind stark vereinzelt, gegenüber anderen, wo in einer tiefen,
differenzierten und aus dem Geist des Systemes hervorgehenden
Zerstreuung der vom Lebenskampf gekrampften und gestauten Kräfte
des Ichs zugebilligt und vorgeschrieben wird. Aber wie kam es nun
ein Hauptziel. Karl Otfried Müller schildert das
in klassischen Ausführungen schon als Eigenheit des dorischen Stammes,
in welchem der
Pythagoräismus ja erwuchs. Es ist von da nicht
erstaunlich, daß die
Pythagoräer auch eine ausgebaute Heilkunde besaßen
. Ähnlich wie
in der Hippokratischen Schule wurde hier Heilun
g durch Wiederherstellung des Gleichgewichts der Urkräfte hervor
zubringen gesucht.
Sobald ein Glied dieser Urkräfte zu heftig und
maBlos wird, entsteht
eine Stauung im gleichmäßigen Fluß des Pneuma
. Darum schätzten
die Pythagoräer Kataplasmen hoch, welche das
Gestaute wieder verteilen und das Pneuma in zusammenhängend
es Strömen bringen,
zu den anderen Stimmen? Einerseits durch Einfluß kynischer und
verwarfen aber Arznei weitgehend und
chirurgische Eingriffe fast
und eine niedrigere Lust, aber selbst die sinnliche Lust ist nur, wo sie
ganz.
‚Entsprechend ist nun auch die praktische
Lebenseinstellung:
Ein heiteres, maßvolles, unverkrampftes,
innerlich möglichst freies
Auswerten der Möglichkeiten des Dasein
s, eine kultivierte Lebensfreude, ohne ihr verknechtet zu sein, ohne auch
den leeren Krampf
einer unmöglichen Selbstgenügsamkeit. Das
pythagoräische Ideal
heißt hier Eleutheriotes (Aristoteles hat es
zu schönen Ausführungen
übernommen), auf lateinisch: Liberalitas. Nach
der rein formalen
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orphischer Stimmungen, denen ein Teil der Pythagoräer, besonders
gegen Ende ihres klassischen Zeitraums, nachweislich unterlag. Auf
der andern Seite ist für jede ernste Weltanschauung der Übergang
von einer Feststellung, daß das Leben mindestens tatsächlich meistens
mißlingt und in Disharmonie und Trauer oder Stumpfsinn endet, zu
der ganz anderen, wie sie die Orphiker vornahmen, daß das diesseitige Leben an sich, als solches und konstitutionell schlecht sei,
zuweilen verführerisch. Aber die Altpythagoräer taten diesen Schritt
nirgends in breiterer Form. Sie unterschieden natürlich eine höhere
ganz ungemischt, ohne den Geist auftritt, durchaus verwerflich. Doch
mit derselben Entschiedenheit wie gegen zügellose Lust wird gegen
unbeherrschte Trauer als eine gleichfalls schmähliche Triebhaftigkeit
gepredigt.
Es ist klar, daß diese ganze Problematik sich weithin auf eine Auseinandersetzung über die Geschlechtsliebe zuspitzen muß, und diese
Frage nimmt in der Tat in der pythagoräischen Lehre einen erheblichen Raum ein. Was hier gegen das Geschlechtsleben gesagt wird,
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View in PDF(opens in a new window)ruht besonders auf theurgischen Gründen: die okkulten Fähigkeiten
pythagoräischen Frauen beteiligten sich auch schöpferisch am Geistesder Seele werden davon verdunkelt. Aber das führt zu keiner Verleben des Ordens. Später bestätigte eine lange Reihe von Frauen, die
werfung, soweit es sich in Maßen hält. Die Idee einer Unreinheit des
auf allen Gebieten der Wissenschaft, zum Teil in denkwürdiger Weise,
Geschlechtlichen an sich wird ausdrücklich abgelehnt. Jedoch hat
tätig waren, bis in die Spätantike hinein darin die pythagoräische
hier die ratio besonders genau die Bestimmung in der Hand zu halten.
Überlieferung. Diese forderte wohl eine Unterordnung der Frau unter
Die Rationalitat besteht da in Zweierlei: Erstens in sorgfaltiger Abden Mann, aber eben im Sinne der pythagoräischen Harmonie, durch
stimmung der je zu wahlenden Ehepartner aufeinander, und zweitens
Zustimmung der Frau zu einer vernunftvollen, ihre Persönlichkeitsin der sorgfaltigen Abstimmung der ehelichen Geschlechtsbeziehung
rechte achtenden Leitung. Die Frau solle einfach und zurückgezogen
auf rationelle Kinder-Erzeugung - wobei beide Gesichtspunkte
leben; aber auch dem Mann, dies war damals neu, wird eine eheliche
aufeinander bezogen sind. Trotz der ausführlichen abstrakten Speku-
Treueverpflichtung auferlegt. Der Frau werden dieselben geistiglation der Pythagoräer und anderer Philosophen über das Verhältnis
körperlichen Wohlverfaßtheits-Ideale, die Kalokagathic, vorgehalten
“ des männlichen und des weiblichen Prinzips kennt die griechische
wie dem Mann. Ein Haupt-Kriterium für das Absinken des Pytha-
Antike doch kaum das Verhältnis Mann-Frau als in sich vollkommenes
goräismus vom Harmonie-Gedanken zur abstrakten Absolutheit des
und selbstzweckliches. So kann seine ideale Sinn-Rationalität pur in
Geistes und zur absoluten Schlechtigkeit der Sinne bilder dann die
der geglückten Kinder-Erzeugung zum Ausdruck gelangen. Unter
zunehmende Verächtlichmachung der Frau, zu der Platon in dieser
diesem Gesichtspunkt wird zunächst die Zeugung sozusagen technisch
Entwicklungslinie den Haupt-Anstoß gegeben hatte.
geregelt:Die jungen Menschen sollen, abgehärtetund knapp gehalten,
Diese praktischen Anwendungen aus dem konkretesten Begriffspaar
spät von den Liebesdingen erfahren und mit ihrem Gebrauch beder pythagoräischen Gegensatztafel, Männlich-Weiblich, ergibt uns
ginnen, und auch dann selten, und nur im Zustande der körperlichen
gleich den Zugang zum Gesamtsinn derselben, welche bei den Pytha-
Nüchternheit und der seelischen Sammlung dazu schreiten. Eine
goräern die eigentliche Grundlage der theoretischen Philosophie ist.
gewisse Stauung des Triebes wird für unerläßlich gehalten. Wird so
Wir haben erkannt, daß keinesfalls das Verhältnis der links- und
alles getan, damit hochwertige Kinder entstehen und damit die
der rechtsstehenden Glieder dieser Tafel einfach dasjenige von Gut
Menschheit auf rationale Weise aus ihrer Wurzel her höhergebaut
und Schlecht sein kann, wie Aristoteles meint. Ein tiefes paradoxales
werde, so ist dann andrerseits solche Zeugung eine ernste Pflicht, der
Bewußtsein von der metaphysischen Notwendigkeit des Bösen («Das
sich niemand entziehen darf. Das Wichtigste dazu ist aber das
Ärgernis muß sein») mit ihrer fast zerreißenden Spannung kommt
Zueinanderpassen der Gatten. Hierauf wird der äußerste Wert gehier kaum in Frage. - Richtig dagegen ist, wenn Aristoteles sagt, daß
legt. Die Entsprechung der äußeren Umstände spielt ihre gebührende
die Pythagoräer bei Aufstellung ihrer Gegensatz-Tafel im Unterschied
Rolle, unvergleichlich mehr aber die ganz individuelle seelische
zu andern ähnlichen Bestrebungen vorsokratischer Philosophen einen
Harmonie. In diesem Rahmen wird auch die Individualität der Frau
wirklichen systematischen Leitfaden besessen und dieses Verzeichnis
ausführlich berücksichtigt. Immer wieder kehrt der Vergleich mit der
der weltbildenden Urgegensätze nicht obenhin aufgegriffen hätten.
musikalischen Harmonie, wo die hohen und die tiefen Töne zuein-
Aristoteles hilft uns auch zur Auffindung dieses Leitfadens, indem er
ander passen müssen; jene werden ja in der griechischen Musik
an anderer Stelle Gut-Böse auf Begrenzend-Unbegrenzt zurückführt.
immer als männlich, diese als weiblich gekennzeichnet. Gegenüber
An diesem letzteren Gegensatz, der die tiefste ontologische Begründer objektiv gegründeten Einstellung der Ehegatten aufeinander wird
dung der Harmonie enthält, haben wir also den Maßstab, wie das
die romantische Liebe als eine «Krankheit der Müßigen» abgefertigt.
Verhältnis von «Guo» und «Schlecht» hier zu denken ist: jedenfalls
Es ergibt sich schon daraus, daß die Stellung der Frau bei den Pythabauten, eine hohe und geachtete war. Schon Pythagoras hielt, unso, daß das Schlechte nur schlecht ist als das losgerissene, sich versagende, verselbständigte Natürliche. In einer verlorenen Schrift
stellte Aristoteles selbst eine Gegensatz-Tafel auf und nannte dabei
erhörter Weise, besondere Vorträge für die Frau. Schon die ältesten
die gute Seite göttlich, die schlechte dämonisch. Das Dämorusche
goräern, die auch hier auf dorischen Stammesanschauungen auf-
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View in PDF(opens in a new window)ist aber das in die Natur eingegangene Gôttliche. Das sagt genug.
Im übrigen heißt sonst überall bei den Pythagoräern die linke Seite
die bessere, die rechte die geringere. Daß Aristoteles sonst den Gegensatz
«Begrenzend-Unbegrenzt» etwas zurückstellt, könnte leicht daran
liegen, daß derselbe im Grunde schon die aristotelische Ur-Disjunktion «Form-Stoff» enthält.
Der Gegensatz «Begrenzend-Unbegrenzt» hat, wie auch andere
vorsokratische Grundbegriffe, seine Eigenheit, seine ontologische
Bildungskraft darin, daß er durchaus rittlings des Grabens zwischen
Körperlichem und Geistigem steht. Begrenzen (horizein) heißt auch
bestimmen, und dies: vereindeutigen und dadurch beherrschen. Das
Unbegrenzte ist auch das Unbestimmte, welches als Potenz immer
von neuem da ist und sich der Begrenzung darbietet; auf diese Weise
ist es für sie unentbehrlich. Der Gegensatz ist also eigentlich nur als
Kräftespiel, als jeweils aktueller Gegensatz greif- und erkennbar. Dies
mag einen Weg andeuten, um die Harmonie der Wirklichkeit
quasirational aufrechtzuerhalten, nachdem die Eleaten sie rational
zu allgemeiner Zerstörung zerrissen hatten. Es handelt sich zunächst
um zwei Pole in der einheitlichen Erscheinung der Wirklichkeit.
Auch hier lehrt uns das konkrete Gegensatz-Paar «Männlich-Weiblich» Näheres. Zwischen Mann und Weib sucht das eine das andere,
sucht sich selbst, indem es in den Gegensatz eintritt und darüber
hinauszielt, und findet sich am andern, in der Vereinigung. Die
Grenze braucht das Schwellende des unendlichen Lebens, um Gestalt
zu ergeben; das Unendliche braucht die Grenze, um daran in sich
selbst reflektiert zu werden und als unendlicher Drang zu sich selbst
zu kommen. Gegenseitige Ausschließung und Ergänzung, Feindschaft
und Freundschaft sind eng ineinandergeknüpft. Nun geht alles darum,
trotz dieser weitgehenden Gegenseitigkeit dem einen Prinzip, nämlich
der Grenze, die Herrschaft zu verschaffen, ohne das andere zu lähmen.
Das Unendliche darf, so breit und unbedürftig es in sich zu ruhen
scheint, nicht hypostasiert werden, sonst wird es dämonisch - sondern
nur auf sein Gegenteil bezogen sein. Das Begrenzende darf auch nicht
ganz frei werden, sondern es muß das Unbestimmte vor dem Begrenzenden selbst, vor der Zerstörungsmacht des Abstrakt-Rationalen,
der absoluten Bestimmung in Schutz nehmen. Das wird sehr schön
wieder am Verhältnis Mann-Weib gezeigt. So steuern die Pythagoräer
zwischen den beiden Abgründen des losgelösten Absoluten hindurch,
auf der einen Seite der Hybris des Geistes wie bei den Eleaten, auf
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der andern Seite der Hybris der Natur wie dann bei den Sophisten.
Aufgabe ist, Fruchtbarkeit und Schönheit, Stoff und Form der Welt
durch die gegenseitige Bezogenheit davor zu bewahren, daß eine dieser
Seiten die andere aufzehre. Es läßt sich schon hier dem feingestimmten
Gleichschweben der pythagoräischen Weltanschauung gegenüber den
Radikalismen zu seinen beiden Seiten auf die Dauer keine günstige
Vorhersage stelien.
Das Verhältnis von Begrenzendem zu Unendlichem hat nun zunächst eine kosmogonische Bedeutung. Hier tritt alsbald die Zweipoligkeit der ganzen Konstruktion darin heraus, daß die Berichte
schwanken, ob die Pythagoräer einen Weltanfang vom Vollkommenen oder vom Unvollkommenen, vom Reichsten oder vom
Armsten gelehrt hätten. Es ist klar, daß man nie zu einer Eindeutigkeit des Anfangs gelangt, nie zu einem einpoligen Zustand zurückdringt, ohne dann dabei auch endgültig stehen zu bleiben. Das
Begrenzende, Formhafte, Vernünftige kann nicht der unbedingte
Anfang sein, weil es unbezogen nichts ist; das Unendliche kann nicht
der unbedingte Anfang sein, weil Anfang Anfang wovon ist, weil es
also aus sich allein nicht zu einem Etwas kommen kann. Legen wir
das Begrenzende allein zu Grunde, so wird es zu einem Punkt, der
nichts ist; wenn aber das Unendliche allein, so wird darin das in
irgend einem Sinn konkrete Sein ja auch zu Nichts. Wenn aber beide
Prinzipien von Anfang an da sind, so kann jedes von ihnen mit einem
spezifischen Akzent von Wert und Ursprünglichkeit versehen werden.
Um nun aber doch zu einer Weltkonstruktion zu kommen, muß man
wenigstens praktisch und methodisch mit irgendetwas anfangen. Da
helfen sich die Pythagoräer damit, daß sie zwar mit dem Rationalen,
Begrenzenden beginnen, es aber einen Punkt nennen, doch in dem
Sinne, daß er als solcher ebenso gut etwas wie nichts ist. Der Anfang
ist also als derart zweideutiger Punkt ein Anfängchen, Archidion, ein
beliebig kleiner Anfang. Damit aber der Punkt etwas werde, muß er
ein Bezugspunkt, ein Mittelpunkt werden, zu welchem ein Umfang
gehört. Mittelpunkt und Umkreis beziehen sich aufeinander und
bilden die Begrenzung, das Zusammenhaltende, die Notwendigkeit, die alles zusammenhält. Auch mit dem Feuer werden diese
beiden Positionen versinnlicht. Die Welt ist also auch für die Pythagoräer eine durch den Ätherhimmel begrenzte Kugel, in deren Mitte,
an fester Stelle, das Zentral-Feuer lodert, um welches sich die
Gestirne samt der Erde drehen (die Erde allerdings am Platzc). Dieses
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View in PDF(opens in a new window)ganze System ist ein Lebewesen, welches atmet, das Unendliche, den
unendlichen Hauch von jenseits der Welt einatmet. Wenn der kleine
Anfang beginnt, das Unendliche anzusaugen, wird ihm dadurch
Kraft, dies immer breiter zu wiederholen, und so ist die ganze Welt
ein unaufhörlicher Ablauf der Begrenzung des Unbegrenzten. Der
sich so ergebende Zustand der Individuation wird nur aufrechterhalten durch die fortwährend weitergehende Einatmung des Unendlichen seitens des Begrenzenden, wodurch dieses ja erst begrenzend
sein kann. Auch der Hauch des Unendlichen ist hier natürlich dialcktisch zweideutig: Das Unendliche ist positive Materie und zugleich
auch das Nichtsein, die Leere. Durch die Verdichtung zur Individualitit, welche durch die begrenzende Einatmung hervorgebracht wird,
entsteht sowohl an sich neben ihr eine Verdünnung - wie auch durch
weiteres Einströmen des Leeren zwischen die Einzeldinge die Trennung derselben voneinander. Denn sie haben offenbar ar sich die
Strebung, aus der Ermüdung der Individual-Existenz heraus auszuatmen und sich vergehend ins Ur-Eine hinsinken zu lassen. Auch
Raum und Zeit, das Außereinander der Dinge, welches als Leere
hineindringend das Ur-Eine von sich selber trennt, treten als Prinzipien der Individuation auf. Aber auch damit bleibt die letzte Zweideutigkeit aller pythagoräischen Prinzipien. Man kann auch sagen:
Nicht das Begrenzende an sich ist Individuation, sondern das Begrenzende und das Unbegrenzte individuieren sich gegenseitig, wie
Form und Stoff bei Aristoteles. Daß das principium individuationis
zugleich positiv wie auch negativ ist, zeigt sich auch darin. daß die
individuierende
Straffung,
weiche Einatmen
bedeutet,
praktisch
auch wieder durch die entgegengesetzte Bewegung, die ausatmende
Entspannung in das All-Eine hinein ausgewogen werden muß.
(Ahnlich ist es ja auch im Organismus.) Der Weltbestand behauptet
sich und soll sich behaupten auf der Grenze von Vergänzung und
Vereinzelung, ähnlich wie bei Empedokles. Das wiederholt sich im
Einzelding;
jede Wesenheit der Welt besteht aus Begrenzendem und
Unendlichem; ja, selbst die Zahl, das Ur-Bild aller Rationalität, tut
es noch.
Die Zahlen-Spekulation der Pythagoräer wurde vom
19. Jahrhundert so weit gerühmt und angenommen, wie sie sich als Vorläufer
von dessen rein quantifizierender Wissenschaft und Weltanschauung
deuten lieB; und sicherlich ist diese Seite doch auch vorhanden. Die
viel ticfere spekulative Seite der Sache wurde abgelehnt. An ihr ist
zweierlei zu scheiden. Soweit sich diese Spekulation auf 1, 2, 3, allenfalls noch auf 4 bezieht, ist sie tiefsinnig und nimmt, mindestens eingefaltet, das Meiste vorweg, was nachher die Neu-Platoniker, Hegel
und manche andere dialektische Denker durch triadische Schemata
ontologisch aufschlossen. Die ganze immer mehr ausgesponnene
Symbolik über die weiteren Zahlen, mindestens bis zur 10, ist reine
Spielerei. Man hat auch die fundamentale triadische Spekulation den
Altpythagoräern absprechen wollen, hauptsächlich, weil Aristoteles
davon schweigt. Es lassen sich da aber viele Gegenzeugnisse und
Gegengründe finden. Es ist nicht zu sehen, wie auf einer reinen
Quantifikation des Weltbildes ähnlich wie im 19. Jahrhundert sich
eine große religiöse Gemeinschaft hätte gründen lassen. Es liegt ja
auch bereits in den vorhin entwickelten Dialektiken zwischen Begrenzendem und Unbegrenztem die ganze spätere DreieinigkeitsSpekulation mehr oder minder entwickelt darin. Jede tiefere Spekulation über Antithese und Synthese kann leicht auf die triadische
Zahlenform gebracht werden. Die Eins ist für die Pythagoräer die
Thesis, die einfache Selbstbezogenheit. Philosophisch interessant ist
dann der Fortgang zur Zwei weniger als Wiederhohing der Selbstsetzung der Eins zur Menge der Zahlen, sondern vicl mehr dicser
Schritt zur Zwei als zum durchaus Anderen - obwohl auch hier
natürlich, wie ja noch bei Hegel, die Zweideutigkeit zwischen diesen
beiden Auffassungen notwendig beharrt. Die Zwei isı so aber vorwiegend das Enigegengesetzte, das aus jener Einfachheit nicht zu
erklären ist. Die Zwei ist nicht einfach ein neutraler Durchgangspunkt,
sondern sie ist das Prinzip der unendlichen Zahlenreihe, sie ist das
Unendliche («unbestimmte Zweiheit»): indem die Eins zur Zwei
hinausgeht, zeigt sie sich selber als ergänzungsbedürftig, unbegrenzt,
und wird von der Zwei erst bestimmt. Der Kundige wird in diesem
Zusammenhang alle tiefen metaphysischen Dialektiken zwischen dem
Absoluten und dem Relativen, zwischen Gott und Welt wiedererkennen, welche die Philosophie-Geschichte gezeitigt hat. - Die Drei ist
dann Zusammenfassung der Einheit und der Andersheit, des A und
des Nicht-A zu einer umfassenden Ganzheit, und damit Rückkehr in
die erste Einheit. Die Pythagoräer nennen die Drei Anfang, Mitte
und Ende, wobei die Mitte natürlich das Stadium der Verschiedenheit, oder, hegelisch gesprochen, das der Entäußerung ist. Aber die
Drei ist nicht nur wiederum die Eins, sie bricht auch aus dem Qualitativen der Eins und der Zwei, wie sie sich gegenseitig bestimmen,
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View in PDF(opens in a new window)heraus und ist die erste vorwiegend quantitative Zahl, der Durchbruch
in die reine Vielheit. Vor dieser steht aber noch die Vier, die als
Letzte einen gewissen qualitativen Charakter hat. Auch bei Empedokles und Schleiermacher hat die Vier noch eine eigene dialektische
Rolle gespielt. Bei den Pythagoräern wird die Vierheit in diesem
Sinne bedeutsam, indem am Anfang die übergegensätzliche Eins von
der im Gegensatz stehenden ausdriicklich geschieden wird. Das vierte
Glied ist dann die Eins, die mit allem Gehalt der gegensätzlichen
Welt sich ausdrücklich erfüllt hat, im Gegensatz zu dem reinen
Rückzug in die mehr oder minder gehaltlose Eins, wie sie die Neuplatoniker sahen - soweit nicht auch hier alle wirklichen Gegensätze
von der Ur-Zweideutigkeit des dialektischen Denkens verschlungen
werden. So ist die «Heilige Tetraktys» ein Beweis mehr für die Aufgabe, die sich die Pythagoräer gestellt sahen: das Absolute absolut
sein zu lassen, ohne das Relative zu verneinen.
Was im einzelnen dafür nötig war, war Zweierlei: erstens das
Absolute rein gedanklich so sehr wie möglich zu stärken und zu verlebendigen, und das auch durch seine abstrakte Selbstvertiefung, aber
in den Händen Weniger, die diese ungeheure Last zu tragen vermochten; zweitens nach außen hin es sinnbildlich darzustellen in
seiner Erfülltheit durch das Relative - diese aber viel weniger gefaßt
als Unendlichkeit der sittlichen Anstrengung denn als anwesende
Harmonie. Was ist Harmonie? Sie ist weder Identität noch Aufgehen
des einen Gegensatzgliedes im andern. Sie ist ernstlicher Gegensatz
zu ernstlicher Einheit gefügt. Aber dieser paradoxe Begriff findet
seine Auflösung zunächst streng mathematisch: Harmonie ist ein
mathematisches Verhältnis zwischen maßgleichen (kommensurablen,
symmetros) Größen. Die Rationalität hat ihren Sitz dabei im einen
der beiden Glieder, welches in der höheren Einheit wiederkehrt.
Harmonie ist Einheit von Einheit und Vielheit, oder von Selbigkeit
und Widerspruch. Aber indem die Einheit ja selber der Bestimmung,
Rationalisierung von der anderen Seite her bedarf, handelt es sich
nicht um eine Diktatur der ratio, sondern es ist ein schwebendes
Verhältnis, das von beiden Seiten her zu lesen ist, doch nicht im je
nämlichen Sinne. Wie in der Staatslehre der Pythagoräer konkret
klar wird, hat die Vielheit (hier das Volk, wie in der Ehe die Frau)
kein juristisch reklamierbares Recht den Führenden gegenüber, aber
das moralische Recht auf Geformt-, Begrenztwerden, welches diese
Führenden auch auf sich selbst anwenden müssen, wenn sie nicht
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selber zunichte werden wollen. Es handelt sich bei der Harmonie
nicht um ein inhaltliches Rezept, sondern um eine Proportion: eine
Identität nicht von Dingen oder Prinzipien, sondern eine solche von
Verhältnissen. Es werden Beziehungen als maßgleich, kommensurabel
gesetzt und lassen sich durch Zahlen ausdrücken. Sobald aber die
verschiedenen Inhalte eingesetzt werden, machen sie das Verhältnis
zum Gleichnis, zum Sinnbild einer Ur-Harmonie. Diese ist eben die
unbegreifliche Schwebe der Welt zwischen den Ur-Gegensätzen, die
Welten-Harmonie. Von ihr ist Gesundheit, Tugend, Staat, Familie je
ein Gleichnis. Vor allem aber das Schöne. Apollon und die Musen
waren die Götter der Pythagoräer, und das Gute war ihnen ein Edles,
also ein Schönes. Die Brücke vom Schönen zum Mathematischen,
Exakten ist die Musik. Die Zahl tritt da nicht nackt heraus, sie ist im
Sinnlichen verkleidet. Überall hier ist eben keine Gewaltherrschaft
der ratio vorhanden, sondern ein freundliches Sichfügen der Gegenseite; aber auch das Befehlen der Vernunft ist ein Dienen, das Fügen
ist ein Sichfügen — warum die Harmonie auch das Gefügte, Gefüge
heißt (Harmosthén). Aber tragend ist da immer das Vertrauen, daß
das Sinnlich-Schöne, Harmonische auf dem Urgestein der ZahlRationalität erwachse. Auch in der Geometrie ist die Zahl, wenngleich
durchsichtiger, in ein sinnliches Element verkleidet. Die Zahlen
werden hier als Reihen von Raumpunkten vorgestellt, und Ekphantos
verwandelte sie von da ohne Schwierigkeit in Atome. Punkt, Linie,
Fläche, Körper, dieser Fortschritt, der durch immer neues Einströmen
des Unendlichen zustande kommt, ergibt wiederum die Tetraktys.
In der Geometrie rücken Sinnlichkeit und Rationalität am engsten
zusammen.
Es ist klar, welche Erschütterung in diesem Weltbild dieEntdeckung
hervorbringen mußte, daß der Raum selber irrational ist. Das ergab
sich sofort mit dem Satze des Pythagoras, aus welchem beim rechtwinklig-gleichschenkligen Dreieck als Verhältnis der Hypotenuse zur
Kathete sich ergibt a=by2. 42 ist die Irrationalzahl. Auf die
Irrationalzahl führte auch der Versuch, die Saitenlänge der Oktave
mittels der geometrischen Proportion zu teilen, was sinnlich in der
Tat eine Disharmonie ergibt. Weiter tritt das Irrationale hervor aus
dem sogenannten Delischen Problem der Würfel-Verdoppelung:
die Seite des Doppelwürfels ist a 2 77, was auch irrational ist. Am aufdringlichsten aber kommt uns das Irrationale entgegen bei der
Betrachtung des Verhältnisses von Vieleck zu Kreis, oder von den
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View in PDF(opens in a new window)fünf regelmäßigen Körpern zur Kugel. Hier ist die Irrationalzahl in
ein Verhältnis unendlicher, aber niemals absoluter Annäherung
sozusagen aufzulösen ; und als ein solches läßt auchnach verschiedenen
Stellen sich das Verhältnis der Glieder zueinander innerhalb der
pythagoräischen Gegensatztafel deuten, so z.B. das von Männlich
und Weiblich. Doch ist selbst mit dieser infinitesimalen Einkapselung
des Irrationalen die Idee der gegenwärtigen Harmonie überschritten:
und nun geschieht der folgenschwere Schritt, daß ausdrücklich ef
Drittes hinzutreten muß, um die Irrationalität, die Maß-Ungleichheit zwischen den Gegensätzen zu überbrücken. Das kann nur der
höchste Gott sein, der jenseits der Gegensätze steht und damit selbst
irrational ist. In der Tat bezeichnete Lysis die Irrationalzahl als Gott.
Die Formel, welche den Einbau dieses Irrationalen in das Grundverhältnis der Harmonie zeigt, und die Überbrückung des Ur-Gegen-
‚satzes durch den Gottes-Begriff, ist folgende: I : ÿ2 = y 2:2. Alle
Dinge kommen nur in Gott überein. Zu dieser Einsicht gelangten
auch die leidenschaftlichen Rationalisten des 17. Jahrhunderts.
Aber der Gedanke des höchsten, transzendenten Gottes war sehr
gefährlich. Auch Pythagoras glaubte an Gott, er war sehr fromm.
Aber er lehrte seine Schüler, an diesen Gedanken nur vorsichtig zu
rühren, und nur im inneren Kreise der Eingeweihten; aus Furcht, daß
er etwa ausbreche und die Welt mit ihrer in sich schwebenden,
anwesenden Harmonie vernichte. Wie es dann ja auch wirklich
Pythagoras lehrte, das Unerforschliche schweigend zu
geschah.
verehren; den Gedanken des Absoluten in seiner Nacktheit durchzukämpfen, blieb den wenigen Geprüften vorbehalten. Es kann
keinem Zweifel unterliegen, daß das Irrationale lange ein streng
gehütetes Schul-Geheimnis blieb, wie noch Platon im 7. Briefe
andeutet. Und als der Mathematiker Hippasos es veröffentlichte
wurde sein darauf erfolgter gewaltsamer Tod auf dem Meer als Strafe
dafür angesehen. Aber auch ohne das wäre die Auflösung nicht hintanzuhalten gewesen. Der Pythagoräismus ist die Weltanschauung
welche die griechische Antike so unterbaut, wie sie der deutsche
Idealismus gesehen hat: sie sei der ideale Ausgleich von Körper und
Geist in einem schwebenden Gleichgewicht, worin jedes der Gegensatzglieder erst ganz es selbst ist; und dies durch ein Gnaden-Moment
der Geschichte erméglicht, aber doch, so weit tunlich, mit energisc
her
Gedankenleistung untermauert und versuchsweise zur Dauer genötigt.
Diese Harmonie aufrechtzuerhalten, dazu war die Zweiteil
ung des
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i
Ordens zwischen Esoterikern und Exoterikern nôtig: Diese in nüchterner Verwaltung der AuBenschicht von Rationalitàt und Moralitàt
tätig, jene in zuchtvoller Bedenkung und Erforschung des Überrationalen, weiches alles von ferne her trägt - dem aber nicht von Uneingeweihten, Süchtigen geradehin zugedrungen werden darf. Es ist die
einzige Lehre der Geistesgeschichte, welche die ernstlichste Ausrichtung auf das Absolute mit der Rettung des Sinnlich-Konkreten zu
vereinigen sucht. (Das Hochmittelalter blieb ja mit seiner thomistischen Natur-Bejahung ganz in der Theorie hängen.) Das Pythagoräertum hatte keine breite und grobe Gründung. Die einzigartige gedankliche und menschliche, zarte, strenge, lautlose Zucht,
welche zur Aufrechterhaltung dieser Blüte menschlicher Kultur nötig
war, konnte nicht dauern. Die Exoteriker warfen die gedanklichen
Hintergründe, welche alles schwebend hielten, ab und wurden zu
einer Art kynischem Bettelmönchtum. Die Esoteriker hatıen nicht
mehr die Kraft, vor dem Göttlichen den Abstand zu halten, der aus
Scheu, Achtung vor dem Menschlichen und Höflichkeit gemischt
war, wie sie dem Menschen auferlegt sind, der diesseits leben will
und muß. Konfuzius z. B. besaß ein Stück davon - allerdings darin
unterstützt auch durch reines Spießbürgertum. Und auch äußerlich
wollten die Esoteriker nicht mehr dienen, sondern herrschen. Ihre
politische Herrschaft brach dann zusammen; aber es wurde schlieBlich eine weltanschauliche Tyrannis des Rationalen errichtet, die das
Sinnliche und damit die Harmonie verschlang. Das Rationale machte
sich selbst zum Gott und wurde rein transzendent. Archytas leitete
die Dinge in diese Richtung. Sein Freund Platon, der Spur des ersten
abtrünnigen Pythagoräers, Parmenides, folgend, drang leidenschaftlich weiter auf der eingeschlagenen Bahn - und schließlich war es
dann der Neuplatonismus, der die ganze Welt in den Abgrund der
Negativen Theologie hineinriß, womit auch Gott selber da hineinstürzen mußte. (Ähnliches hatte sich schon bei den Vorsokratikern
in vorläufigem Entwurf abgespielt.) Der Neupythagoräismus und
die Gnosis übernahmen die Naturfeindschaft Platons unter Beseitigung von dessen letzten Hemmungen und leiteten diese Feindschaft
zu ihrem fast unmittelbar nach Jesu Tod erfolgenden rasenden Einbruch ins Christentum hinüber - nachdem Jesus immerhin eine Vorbedingung dafür geschaffen hatte durch seine chiliastische Vergleichgültigung der Natur. Das mußte notwendig immer wieder Reaktionen eines ebenso krassen und unfruchtbaren Naturalismus hervor4 Studia Philosophica XXII1
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View in PDF(opens in a new window)rufen; und in diesem Hin- und Hertaumeln ist seither das Abendland
seinen gedanklichen Weg gegangen - der doch als ganzer wohl verhängnisvoll genannt werden muß.
Nachbemerkung
Der vorstehende Aufsatz ist die Zusammenfassung einer größeren Untersuchung, welche, wo möglich, später veröffentlicht werden soll. Sie wird
dann alle erforderlichen Quellenbelege darbieten, welche hier aus Raumgründen fortbleiben mußten.
6
SY
3nock 15, Die Philosophie der Pythagorter : ASSPh NN 1903 20-50, |
Reconstiluljon du système phitosophique pythagoricien,
73 PH c
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(Prades PAIRS sphica) Basel Molar fur leon,”
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