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SAR, À:
ta bs
DER MATHEMATISCHE BEGRIFF öövauıs UND DAS SOG.
'GEOMETRISCHE MITTEL’
UEBERSICHT:
¡AAA 215
I.
Der mathematische Gebrauch des Wortes duvanıg ............... 216
II.
Die « Theaitetos s-Stelle (147 D - 148 B)....................... 219
III.
Der Ursprung der Ausdrucksweise Bévaadar..................... 232
IV.
Flächenumgestaltung und tetgayovonòg ........................ 240
V.
tetgayoviopòg und ‘geometrisches Mittel’ ....................... 247
Schlussbemerkung ...........................................
252
Der Name fiir den Begriff der mathematischen Potenz — d.h.
also: der Name fiir das ein- oder mehrmalige Multiplizieren einer
Zahl (oder einer Grösse) mit sich selbst — ist in allen europäischen
Sprachen eine missverstandene Lehniibersetzung. Denn italienisch
potenza, deutsch Potenz, franzòsisch puissance, englisch power, holländisch macht u.a.m. gehen ja doch alle — über lateinisch potentia
hindurch — auf griechisch ¿óvapeg zurück.
Und man liest in der
Tat in den Lexika, ¿úvagrs hiesse: « Vermögen, Kraft, Macht usw. ».
Kein Zweifel, man hat eben diese Wortbedeutung zugrunde gelegt,
als man versuchte, unseren Terminus in die einzelnen europäischen
Sprachen zu übersetzen.
Aber es ist auf der anderen Seite offenbar doch unmöglich, dass
das Wort Súvapes in seinem ursprünglichen mathematischen Gebrauch
gerade diesen Sinn gehabt hätte. Es wäre ja unerklärlich, wieso man
eigentlich einen solchen sonderbaren Namen (« Kraft » oder « Macht »)
einer Art Multiplikation hätte geben können. Natürlich hatte dieses
Wort in seinem älteren mathematischen Gebrauch einen völlig anderen Sinn, nur man hat eben — wie mir scheint — diesen alten
mathematischen Sinn, seitdem er schon im Altertum vergessen wurde,
noch nicht wiederentdeckt.
Ich glaube nun, dass es sich lohnen wird, den Ursprung dieses
Terminus genauer zu beleuchten, da er — meiner Ansicht nach —
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View in PDF(opens in a new window)auch ein interessantes Kapitel der friihgriechischen Mathematikgeschichte in ein neues Licht zu stellen vermag.
In dem folgenden will ich zunächst von jener Sammlung der
matische Sinn des Wortes («zweite Potenz») auch dann noch, als
216
Belegstellen für das Wort Süvœuts ausgehen, die man am bequemsten
in den Büchern von TH. L. HEATH nachschlagen kann (r).
i,
Vor allem wollen wir einfach den Sinn, die Wortbedeutung
unseres Terminus an den Belegstellen überblicken — ohne dabei
gleich auch nach der Herkunft der Namengebung zu fragen.
Ueberblickt man nun die wichtigsten Belegstellen fiir unseren
Terminus in der mathematischen Literatur, so fallen sogleich zwei
Tatsachen auf.
I Der mathematische Gebrauch des Wortes öbvapıs lässt sich
mindestens von PLATON ab über die ganze Antike hindurch für jedes
Zeitalter der griechischen Wissenschaft belegen. In den späten Jahrhunderten tauchen sogar, bei DIOPHANTOS von Alexandrien (2), plötzlich auch solche neuen mathematischen Termini auf, die aus unserem
Wort (Süvauts) gebildet wurden, und die es früher gar nicht gab
wie Z. B.: Suvapodivauic, Guvauéxufos usw (3).
tischen Texten des Altertums immer nur die « zweite Potenz » (= Quadrat) und nie eine höhere bezeichnet (4). Massgebend war dieser mathe(1) Tu. L. HEATH, « Archimedes» (1. ed. 1897; 2. ed. with Supplement
ae NEE — «The Thirteen Books of Euclid’s Elements
I.,
5
- 4
(1. ed. 1908; 2. ed.
(2) Sieh
sondes
über
gost
ihniB.
ann
1926; Dover
licati
me
—
i
sis dois
L. v. d. WAERDEN, Erwachende Wissenschaft,
i
Basel -
(3) Tu. L. Heatu, A History... II 457-458.
|
(4) Bei Euxzip beginnt die 2. Definition im X. Buch der « Elemente x
Ebdeia Suvdéper ovppetpoi elaw, Stav «tA. = 4 Strecken sind quadriert kommensurabel, wenn etc.» (C. THAER). — J. L. HXIBERG versuchte die
zitierten
Worte lateinisch folgendermassen zu übersetzen: « Rectae potentia commensurabiles sunt, ubi etc.» Irreführend ist hier das lateinische Wort: potentia.
Mit Recht bemerkte gerade gegen derartige Uebersetzungen TH. L. HEATH:
+ Commensurable in square is in the Greek Suvdper otyperoos. In earlier translations (e. g. Williamson’s) duvdyer has been translated ‘in power’, but as the
particular power represented by Súvauts in Greek geometry is square, I have
ct
os, it best to use the latter word throughout»
11).
tenz» — so muss man einsehen, dass der Begriff öbvaynız mit unserem
Begriff « Potenz » eigentlich auch gar nicht identisch ist. Es scheint eher,
dass damals, als dieses griechische Wort der Mathematik mit lateinisch potentia, oder mit den modernen Varianten desselben lateinischen
Wortes, wiedergegeben wurde, gleich auch der Begriff, der dahinter
steckte, eine solche wesentliche Erweiterung erfuhr, wofür es aus der
Antike gar kein Beispiel gibt (5).
Nachdem wir nun die erste wichtige Tatsache über die Bedeutung unseres Wortes festgestellt hatten — dass nämlich Svvapis
|
2. Die andere Beobachtung betrifft die Wortbedeutung selber.
Es ist nämlich auffallend, dass das Wort Súvaptg in den mathema-
Mathematics 1-11 », Oxford sa
man jene neuen, eben erwähnten Termini gebildet hatte, denen wir
bei DIOPHANTOS begegnen. Denn schliesslich heisst ja bei DIOPHANTOS
Suvapodovauts «die vierte Potenz einer unbekannten Grösse » (xt =
= xx), Die Verdoppelung selber zeigt, dass der ursprüngliche
Terminus, öbvauıg, nur als « zweite Potenz » verstanden werden konnte.
Nach demselben Prinzip gebildet ist auch der andere zitierte Terminus: Suvauéxufoc = «fünfte Potenz einer unbekannten Grösse»
(xs, d.h. also «zweite Potenz» mal «dritte Potenz », divapis mal
x0805). Denkt man nun an diese immer beibehaltene Bedeutung des
griechischen mathematischen Terminus — dbvapıg = «zweite Po-
(The Thirteen Books...
immer nur die « zweite Potenz » und nie eine höhere bezeichnen kann —
wollen wir auch jene Nuancen-Unterschiede der Wortbedeutung nicht
aus dem Auge verlieren, die sich z.B. auch bei PLATON beobachten
lassen — besonders wenn man einige Stellen untereinander vergleicht.
Man begegnet z.B. einer der unsrigen sehr nahen Gebrauchsart
dieses Wortes in dem “Staat” (6). Es werden an der betreffenden
Stelle die Lustgefühle, die einerseits der König und andrerseits der
Tyrann haben kann, zahlenmässig miteinander verglichen, und in
diesem Zusammenhang gebraucht PLATON die Ausdrücke xatà
Sivapiv und xatk pito» any. Die Interpretation der Stelle ist
überhaupt nicht problematisch. Wie man mit Recht bemerken
konnte, heisst hier xatà öbvanıv «nach der zweiten Potenz », und xatà
tpityy adinv = "nach der dritten Potenz » (7). Interessant ist diese
Stelle für uns nur deswegen, weil man aus dem Textzusammenhang
auch jene Zahlen entnehmen kann, die mit den beiden eben zitierten
- (5) Es wäre interessant zu wissen, bei wem und wo zuerst die mathematische
potentia, nicht mehr bloss eine wörtliche Wiedergabe der griechischen düvas ist.
Daselbst muss sie nämlich auch schon eine höhere (dritte, vierte usw.) Potenz
bezeichnen können. — Mir ist die gesuchte Stelle zur Zeit noch nicht bekannt,
(6) Resp. 587 D.
(7) Vgl. dazu die Interpretation von Tu, L. HEATH, A History... I 297.
Page 3
View in PDF(opens in a new window)Ausdrücken angedeutet werden: es sind 87 und 729. PLATON
bezeichchischen Denkweise gerecht werde, dann gebraucht man anstatt
des Ausdruckes «zweite Potenz » eher einfach nur das Wort « Quadrat ». Das ist eben der genauere Wortsinn; Ÿ didperpog Ÿ ôuvapet ölmous
heisst: « die Diagonale, die mit dem Quadrat (auf ihr) zwei Fuss
218
net also an dieser Stelle mit dem Wort divapic die
zweite Potenz
einer Zahl (9° = 81), eine Quadratzahl, dasselbe, was nach der
bekannten Euklidischen Terminologie tetpdywvog derbuós heisst (8).
Nicht genau denselben Sinn hat das Wort Súvajug an einer
deren Stelle im Dialog « Politikos » (9). Hier liest man nämlich
anden
Ausdruck: N Öduerpos % duvduse dirove, wörtlich übersetzt:
«die
Diagonale, die mit ihrer zweiten Potenz
(övvaneı)
zwei
Fuss
(im
Quadrat) ist.» Es handelt sich offenbar um die Diagonale (d)
des
Quadrats mit Seite a, wenn a = 1 Fuss (in Länge) ist; denn in diesem
Fall ist:
«die Diagonale mit ihrer zweiten Potenz » (7) dtéuetpos Suvapet)
also nach unserer Bezeichnungsart:
|
d? = 2 Fuss.
Nun heisst das Wort Güvauts — nach unserer Denkweise
—
auch in diesem letzteren Fall: «zweite Potenz einer Zahl », und zwar:
« die zweite Potenz der Zahl V2 ». Aber nicht so ist es im Sinne der =
chischen Mathematik!
Nach der Euklidischen Definition
griechischer Denkweise — gar keine Zahl, die mit sich selbst multipliziert 2 ergeben würde. Darum ist es auch irreführend, wenn
Fall öövanız als «zweite Potenz »
man in
übersetzt.
Denn überlege man sich nur: warum heisst es wohl, dass
«die Diagonale mit ihrer zweiten Potenz (Suvdpet) 2 Fuss (im Quadrat
) ausmacht
wenn die Seite des Quadrats a = I Fuss (in Lange) ist »? — Offenbar
(&) g
darum, weil das Quadrat auf der Diagonale (d*)
der Quadratfläche a* ist (ro).
gerade das
dariiber die Rede, dass man die Zahl 9 «nach dem Quadrat» (=
xatà Súveye) nimmt, und so bekommt man die Quadratzahl (= tergdywvog dots) 8. — Auf der anderen Seite versteht man auch leicht
wieso ein Ausdruck für « Quadrat » (Sbvauxç) auch zu einer technischen Bezeichnung für «zweite Potenz » werden konnte. Auch heute
ist noch oft das Wort «Quadrat » bloss ein synonymer Ausdruck
für «zweite Potenz » — im Einklang damit, dass unsere Mathematik
schon in viel höherem Masse «algebraisch » orientiert ist, als die
Wissenschaft
der
Griechen
war.
(Elem
VII. def. 2) ist nämlich Ÿ2gar keine Zahl. Es gibt überhaupt — nach
unserem vorliegenden
ist». — Dieser ursprünglichere mathematische Sinn des Terminus
Suvapis = « Quadrat » (11) — passt natürlich sehr wohl auch in unsere
erstere Platon-Stelle (Resp. 587 D) hinein. Denn dort war ja gerade
as DDoppelte
II.
Nachdem wir nun wissen, dass der urspriinglichere mathematische Sinn des Terminus ¿uvas einfach nur « Quadrat » hiess, dürften
wir jetzt wohl auch schon nach der Herkunft dieser Namengebung
fragen. — Aber es sei doch erlaubt — bevor ich auf den eben erwähnten Punkt hinüberginge — bloss um einer gewissen « Vollständigkeit» willen, hier noch die Interpretation einer solchen PlatonStelle einzufügen, die teils unsere bisherigen Feststellungen, betrefis
der Wortbedeutung von 5úvapis, erhärtet, und teils auch mindestens
einige Fehler der früheren Erklärungen zurechtstellt.
Es handelt sich um eine interessante und oft zitierte Stelle aus
dem Dialog « Theaitetos », wo unser Terminus &övapız auch mehrmals nacheinander benutzt wird (r2). Will man nun diese — was
unser Wort betrifft — sehr aufschlussreiche Stelle richtig verstehen,
Soo
so muss ınan sich von dem Textzusammenhang an folgendes erinnern.
nl
Will man also an unserer Stelle den Terminus ¿óvapig
so übersetzen, dass man nicht nur einfach den mathematischen
Sinn der
Worte wiedergibt, sondern so, dass man dabei auch noch
der grie(8) Elem. VII def. ro.
(9) Politikos 266 B 3.
dazu PLaton, ,
1 (10) Vgl.
À
SOKRATES führt in diesem Dialog ein Gespräch mit dem jungen
THEAITETOS in Anwesenheit des Lehrers von dem letzteren, des
Mathematikers THEODoROS. Es wird das Problem der Wissenschaft,
oder einfach nur: dasjenige des Wissens erörtert. « Was ist Wissen? »
(11) Richtig schreibt also TH. L. HEATH (Archimedes p. CLXI): « övvapıs
«Menon»
82
B-8
-35
D,
und
meinen
i
Aufsatz:
¢ Deiknymi, als math. Terminus fiir beweisen, Maia X 1958 106-131.
expresses a square (literally a power) etc. è.
(12) « Theaitctos» 147 D-148 B.
Page 4
View in PDF(opens in a new window)(nepi Cuvdpedy te hutv ... Eypape, 147 D 2 ff.), über dasjenige, dessen
— ti oa Soxet elvar ¿motiun (146 C 3) —, auf diese Frage sollte
Fläche drei Quadratfuss, und über dasjenige, dessen Fläche fünf
THEAITETOS antworten. Aber der Junge erteilt auf die Frage des
Quadratfuss ist (tig te telmodog rip. xal mevtémodog), indem er zeigte,
SOKRATES zunächst eine unzulängliche, um nicht zu sagen: eine
tôrichte Antwort. Anstatt dessen nämlich, dass er eine Definition des
Wissens versuchte, antwortet er mit einer naiven Aufzählung, etwa
dass diese der Länge nach zu dem einfüssigen nicht kommensurabel
folgendermassen: Wissen ist alles das, was man von THEODOROS
füssigen. Bei diesem hörte er dann auf». Wir wollen bei diesem Satz
lernen kann (Geometrie, Astronomie, Musik, Rechenkunst etc.);
ausserdem Wissen ist auch das Kônnen des Schumachers und dasjenige
für einen Augenblick stehenbleiben, denn ich muss ja meine Uebersind (dropaivwv, ét: prxet où abpuerpor tH roûtala); und so nahm er
jedes Quadrat, das eine nach dem anderen vor, bis zu dem siebzehnsetzung — mindestens in einigen Punkten — doch begründen.
der übrigen Handwerker usw. usw. (146 C-D). — Natiirlich ist nun
Ich habe in dem ersten Satz das Wort öbvanıs selbstverständlich
SOKRATES mit dieser Antwort nicht zufrieden, und er macht auch
mit « Quadrat » übersetzt, weil meiner Ansicht nach diese Uebersetzung
den Jungen auf seinen Fehler aufmerksam. Er hatte ja nicht nach
die einzig mögliche und richtige ist. Aber nicht so wird derselbe Satz
einer Aufzählung der verschiedenen Arten des Wissens gefragt,
sondern die Frage hiess: was ist Wissen tiberhaupt, also was ist es
von den meisten Historikern der Mathematik übersetzt. Sie glauben
auch in seinen verschiedensten Arten? Auch mit einem Beispiel
über « Quadrate » sondern über « Quadratseiten » gelehrt, und darum
illustriert er dann noch den eben begangenen Fehler des Jungen. Die
Antwort des THEAITETOS auf die vorgelegte Frage war ebenso /4cherlich (147 B 10-11), als wenn man auf die Frage: «Was ist Lehm? »
— mit einer Aufzählung der verschiedenen Lehmarten der einzelnen
Handwerker antworten wiirde. Die richtige Antwort hiesse dagegen:
Lehm ist eine Mischung von Erde und Wasser. Erst nach dieser
Erklärung versteht überhaupt THEAITETOS den Sinn der vorigen
Frage. Ja, jetzt wüsste er schon, wo SOKRATES mit seiner Frage
hinaus wollte. Etwas änhliches ist ja ihm, THEAITETOS, und seinem
eben anwesenden Freund, dem anderen (jungen) SOKRATES auch
nach einer Mathematik-Stunde des THEODOROS ergangen. Darauf
lässt nun der Führer des Dialoges, der ältere SOKRATES, als guter
hiesse in unserem Satz Súvep:s auch nicht
Pädagoge, selbstverständlich den Jungen erzählen, was seine «mathematische Erfahrung » war, ob diese in der Tat etwas mit der jetzigen
mal eine andere « Lösung » vor: man sollte an der betreffenden Stelle
Frage zu tun hätte. Erst daraus würde man nämlich doch ersehen
Aber mit diesem neueren Irrtum hatte er schon weniger Glück;
können, ob der Junge die Frage (diesmal)
wirklich
nämlich: THeoporos hätte seinen Schülern doch nicht bloss etwas
«Quadrat»,
sondern
«Quadratseite». Nun werde ich gleich zeigen, wie unhaltbar diese
Auffassung ist. Das Wort öövapı; kann an unserer Stelle unmöglich
den Sinn « Quadratsezte » haben. Aber es wird sich vielleicht lohnen,
vor dieser Beweisführung früher noch daran zu erinnern, wer eigentlich an diesem konsequent begangenen Uebersetzungsfehler der
namhaftesten Historiker der Mathematik schuld ist?
Meines Wissens verfiel zu allererst P. TANNERY (i. J. 1876) auf
den falschen Gedanken, dass das Wort èbvapis in dem Dialog « Theaitetos» den Sinn «Quadratwurzel» hätte (14). Acht Jahre später
(1884) hat zwar TANNERY in einer anderen Arbeit (15) die Irrtümlichkeit seiner früheren Ansicht schon eingesehen, und er schlug diesdes « Theaitetos » das Wort öövanıg überall in Svvauévn verwandeln.
verstanden
die Historiker sind ihm nicht gefolgt (16). Nur seinem früheren Irrtum
hätte (13). Das ist nun der Rahmen (jener) «mathematischen Stelle»
— den er auch später (1889) umsonst abschwören wollte (17) — war
im Dialog « Theaitetos », die wir in dem folgenden auch eingehender
besprechen müssen. Der junge THEAITETOS schildert nämlich seine
«mathematische Erfahrung » folgendermassen:
« Dieser THEODOROS hat vor uns etwas über Quadrate illustriert
(14) «Le nombre nuptial dans Platon», Revue philosophique 1876, I
170-188 = Mémoires Scientifique (J. L. HEIBERG - H. G. ZEUTHEN, ToulouseParis 1912) I 12-38. Die beiläufige Bemerkung, auf die ich oben hinwies, steht
in Mém. Scient. I 33, 2.
(15) «Sur la langue mathématique de Platon», Annales de la Faculté
(13) Verfehlt und irreführend ist also die folgende Schilderung, der man
bei Historikern der Mathematik häufig begegnet: « PLATON gibt im Dialog
auch ein Beispiel einer mathematischen Untersuchung des jungen THEAITETOS (?).
Das Beispiel ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen (?): Es sollte als Einleitung
zu
einer philosophischen
dazu (?); usw. usw. ».
Diskussion dienen, passt aber nicht recht
des lettres de Bordeaux 1884, I 95-105 - Mém. Scient. II 91-104.
(16) Vgl. z.B. B. L. v. d. WAERDEN, op. cit. 234: «cs ist nicht nötig,
mit TANNERY das Wort Sivapic durch duvapévyn (Erzeugende) zu ersetzen».
(17) Es wird sich lohnen, aus der Arbeit von TANNERY (aus d. J. 1889,
« L'hypothèse géométrique du Ménon de Platon», Archiv f. Gesch. d. Phi-
Page 5
View in PDF(opens in a new window)2arpuw
Useuu
bei den besten Vertretern unserer Wissenschaft ein langes und zähes
Nachleben gesichert (18).
Nun sei es hier vor allem kurz erklärt, warum an unserer Stelle
öuvapıs nicht «Quadratseite» heissen kann. Ich habe dafür zwei
gewichtige Argumente.
1. Ich kenne aus der mathematischen Literatur der Griechen
gar keinen einzigen Beleg dafür, dass das Wort ôbvautc auch jemals
den Sinn « Quadratseite » haben könnte. Soviel ich weiss, hat dieses
Wort, als mathematischer Terminus, immer und ausschliesslich nur
den Sinn: «Quadrat» (19). Natürlich ist der «andere» Sinn dieses
Terminus — «zweite Potenz » — nur eine Modernisierung, sozusagen
LIU
HIDE
SE VAS LOS coy
Genitive,
die
AUR NI)
Yi been
Appositionen,
rem
auf
sere
““bd'*
Drm
«Quadratseiien »
me
ar
beziehen.
Aber
was besagt in diesem Fall der ganze Satz? — Etwa Folgendes: « THEODOROS hat vor uns etwas über Quadratsezéen illustriert, über die dreiund über die fünffüssige Quadratsezte, dass nämlich diese der Länge
nach zu
der
einfüssigen
Quadratseite
nicht kommensurabel
sind ».
Aber das ist ja der reinste Unsinn! Warum sollten, um Gottes willen,
die drei und fünd Fuss langen Quadratseiten zu der einfüssigen —
d.h. also zu der 1 Fuss langen Quadratseite — inkommensurabel
sein, wenn es heisst, dass sie drei bzw. fünf Fuss lang sind? Und doch
ist eine andere Uebersetzung, als die eben versuchte — falls man
Sbvapic als « Quadratseite » versteht —, grammatikalisch gar nicht
eine « Algebraisierung » — meistens: unsererseits.
2. Auch grammatikalisch und inhaltlich kann unser Wort an
der betreffenden Stelle (Theait. 147 D 3) richt den Sinn « Quadratseite » haben. Denn versuche man nur die Uebersetzung des fraglichen
Ausdruckes mit « Quadratseite », und sofort wird dadurch die ganze
Stelle sinnlos. Die problematischen Satzteile heissen nämlich griechisch: rep! öuvduewv ... Besöwpos Eypape, tHe te toinodog Tépt xal
nevtéroôos ... Die Frage heisst nun, wie das Wort in Pluralis Genitivus
(Suvauewv) zu übersetzen sei: ob «Quadrat », oder « Quadratseile »?
— Aber es wird nicht überflüssig, schon im voraus — bevor man
übersetzte — festzulegen, dass dieses problematische Wort in Plur.
Gen. auch zwei Appositionen hat; denn tpirodos und nevtéroôos sind
möglich (20). Denn heisst es über eine Quadratseite, dass sie « dreija eben deswegen singulare Genitive, weil sie Appositionen zu dem
vorausgeschickten Plur. Gen. (6vvépewv) sind. Uebersetzt man also
den Plur. Gen. mit « Quadratsezte », so muss man auch die singularen
tikalisch, wie auch inhaltlich —, wenn man das Wort divas in seinem
füssig »
(tplroug) ist, so kann dies selbstverstándlich nur bedeuten,
dass sie drei Fuss lang ist. Sagt man aber nicht über eine Quadratsezte
sondern über ein Quadrat, dass es
dasselbe Wort (tpirouc)
dreifüssig » ist, so bedeutet hier
etwas anderes — kein Lángenmass mehr
sondern ein Flächenmass —, dass nämlich die Fläche des Quadrates
drei Quadratfuss gross ist
(wobei die Länge der Seiten natürlich
unbestimmt, ja zahlenmässig unbestimmbar, inkommensurabel bleibt).
Man sieht also, dass die Uebersetzung des Wortes ôbvaus mit «Quadratsezte » den Sinn der Stelle gefährdet, ja sogar — im Falle einer
konsequenten
Uebersetzung
—
zu
einem
unerklärbaren
Unsinn
führt. Aber tadellos wird der Sinn unserer Stelle — sowohl grammaauch sonst
üblichen mathematischen
Sinne
(« Quadrat»)
nimmt,
d.h. also, wenn man meiner am Anfang vorgeschlagenen Uebersetzung beipflichtet.
losophie II 509-514 - Mém. Scient. II 400-406) die folgenden Worte zu zitieren; « Je citais même, comme exemple topique, le passage de Théétète, où
Sivapig est employé dans le sens de racine carrée, tandis que dans la République... le même mot signifie au contraire carré. Mais depuis, la poursuite
de mes études sur les variations qu’a pu subir la langue mathématique des
Grecs, m'a conduit à des conclusions tout à fait opposées et je n'hésite plus dé-
Ich möchte, anlässlich des eben behandelten griechischen Satzes, nur
nebenbei noch zwei Tatsachen erwähnen:
1. I. BURNET hat aus dem Text das Verbum érogaivwv gestrichen,
sormais etc. ».
(18) Vgl. z.B. TH. L. Heatu, The Thirteen Books... II 288; A History...
I 209 n. 2; oder auch B. L. v. d. WAERDEN, op. cit. 234, 272 u. a. m.
(19) Also wohlgemerkt: irrtümlich sind alle modernen Erklärungen, die
(20) Es ist geradezu haarstraubend, wie nachlässig und salopp man gewöhnlich unsere Stelle übersetzt! Auch die einfachsten Regeln jeder konsequenten Grammatik werden z. B. in der folgenden Verdolmetschung missachtet:
« THEODORUS was proving
to
us
a certain thing
about square
roots
irgendeinen anderen Sinn als «Quadrat» diesem mathematischen Terminus
zuzuschreiben versuchen, wie etwa « Quadratsetle », « Quadratwurzel » oder
ähnliches; man vgl. zu dieser Behauptung von mir die Indizes (s. v.) in den
Werken von Tu. L. HEATH, und auch den Index (svv. dtvapic, dtvactar) von
square feet, namely that these roots are not commensurable in length with the
F. Rupio, Der Bericht des Simplicius über die Quadraturen des Antiphon
sequente Uebersetzung — falls man duvápers als «square sides » (oder « roots y)
und des Hippokrates, Leipzig 1907.
versteht — notwendigerweise hätte führen miissen.
(ôvvépec), I mean (the square roots, i. e. sides) of three square feet and of five
foot-length etc. » (TH. L. HEATH, A History... I 203). — Natürlich kann man
mit einer solchen Inkonsequenz jenen Unsinn vertuschen, zu dem die kon-
Page 6
View in PDF(opens in a new window)Der mathematische Begriff öbvapız und das sog. ‘geometrische Mittel’ 225
bloss weil es in einem unserer Manuskripte in der Tat fehlt (21). (Alle übrigen
Manuskripte — also mindestens 6 an der Zahl — scheinen dasselbe Wort
überflüssig, daran zu erinnern, dass man solche Quadratflächen am
dennoch zu haben!) Der wahre Grund für das Streichen war eher wohl nur,
einfachsten wohl mit der Hilfe des sog. pythagoreischen Lehrsatzes
dass der Herausgeber sich über den mathematischen Inhalt der Stelle nicht
gewinnt (25).
völlig im klaren war. Allerdings wurde durch das Streichen der Sinn des Textes
Dreiecks 1 und 2 Fuss lang, so ist die Flächensumme jener Quadrate,
verstümmelt.
2. Sehr willkommen kam jedoch dieser verstümmelte Text dem Historiker TH. L. HEATH (22) aus dem folgenden Grunde. Tr. L. HEATH wollte
Sind
z.B.
die
beiden
Katheten des rechtwinkligen
die man auf die beiden Katheten errichtet, jener dritten Quadratfläche gleich, die man mit der Hypotenuse konstruieren kann: 1? +
— ursprünglich in einem anderen Zusammenhang, und einem Irrtum von
+ 2? = 5. Auf diese oder auf eine ähnliche Weise kann man —
J. L. Heiwere folgend (23) — nachweisen, dass an einer mathematisch inmit
teressanten Aristoteles-Stelle (24) das Verbum yodgew den Sinn « beweisen
»
konstruieren, deren Flächenmasse beliebige ganzzahlige Quadratfüsse
hätte. Für diese angebliche Wortbedeutung glaubte er in dem verstümmelten
sind.
Platon-Text einen Beleg zu finden. Denn es war ja doch die ¢ communis opinio »
über unsere Stelle (Theait. 147 D), dass hier von irgendwelchen « Beweisen »
Anwendung
Nun
des
sind aber
Pythagoreischen
die
Vierecke
mit
Lehrsatzes
ganzzahligen
—
Quadrate
Quadratfussdes THEODOROS die Rede sei. Aber durch welches griechische Wort sollte der
Flächen in einer gewissen Hinsicht sehr interessant. Nehmen wir
€ Beweis» angedeutet sein?
z.B. das Quadrat mit drei oder mit fünf Fuss Quadratfläche. Na-
Streicht man mit BURNET ärogalvay aus dem
Text, so bleibt nur noch ein Verbum in dem Satz, das vielleicht etwas mit
türlich sind diese ihrem Flächenmass nach drei — bzw. fünfmal so
« Beweis» zu tun haben
gross, wie das Quadrat, dessen Flächenmass ı Quadratfuss ist. Ihr
könnte: éyeage.
Darum ist TH.
L. HEATH
dem
Streichungsvorschlag von I. BURNET so bereitwillig gefolgt! — Aber natürlich ist diese Deutung des Wortes durch TH. L. HEATH ebenso unrichtig,
Flächenmass lässt sich also mit einer ganzen Zahl angeben. Aber zu
wie auch seine andere Behauptung: yoépeuw oder yodpeodaı hiesse bei ARCHIgleicher Zeit sind die Seiten derselben beiden Quadrate inkommen-
MEDES manchmal « beweisen ».
surabel zu der Seite des einfüssigen Quadrats, d.h. also: es gibt nach
Nun habe ich die beiden eben erwähnten Fehler, sowohl denjenigen von
BURNET, wie auch den anderen von HEATH, in meiner obigen Uebersetzung
stillschweigend beseitigt.
griechischer Denkweise gar keine Zahl für die Länge der Seiten dieser
Quadrate, deren Flächenmass doch mit je einer ganzen Zahl ae
drückt werden konnte.
2
Wichtiger jedoch als diese Einzelheiten wird es für uns sein, den mathe-
Hat man nun diese merkwürdige Tatsache in einigen Fällen
matischen Inhalt der behandelten Theaitetos-Stelle in ein möglichst
erkannt, so heisst die nächste Frage: ob es wohl auch in anderen
scharfes Licht zu stellen. Darum fassen wir noch einmal zusammen:
Fällen so ist? Sind auch die Seiten anderer Quadrate — deren Fläwas wohl THEODOROS im Sinne der oben verdeutschten Sätze gelehrt
chenmasse ganzzahlig sind — ebenso inkommensurabel? — Man
haben mag?
wird also auch andere ähnlichen Quadrate — auf die vorige Frage
Es scheint vor allem, dass er sich mit solchen Quadraten behin ins Auge fassen. Es heisst in der Tat in unserem Text: THEODOROS
schäftigte, deren Flächenmasse sich im ganzzahligen Quadratfüssen
hätte «jedes Quadrat — man versteht darunter diesmal natürlich:
ausdrücken lassen. Als Beispiele werden die Quadrate mit den Flächen
jedes Quadrat mit ganzzahligem Flächenmass —, das eine nach dem
von drei und fünf Quadratfüssen genannt. — Es wird zwar im Text
anderen, bis zu dem siebzehnfüssigen vorgenommen ». Hätte nun
selbst gar nichts darüber gesagt, aber es wird vielleicht doch nicht
THEODOROS
nur diejenigen
Quadrate
mit
ganzzahligen
Flächen
prüfen wollen, deren Seiten inkommensurabel zu der Längeneinheit
(21) Bibl. Oxoniensis, Platonis Opera recogn. I. Burnet, Tom. I. 1899
p- 147 D (Theaitet.) App. crit.
(22) A History... I 203 n. 2.
(23) J. L. HEIBERG, Mathematisches bei Aristoteles, Abhandlungen zur
Gesch. d. math. Wissenschaften, 18. Heft, Leipzig 1904, 22; vgl. TH. L. HEATH,
sind, so hätte er aus der siebzehnfachen Reihe seiner Demonstration
selbstverständlich einige Fälle ausser acht lassen müssen. Denn es
gibt ja unter den geprüften Quadraten auch solche, deren Seiten doch
kommensurabel zu der Seite des Einheitsquadrats sind, z.B. das
The Thirteen Books... II 120; derselbe: Mathematics in Aristotle, Oxford 1949
Quadrat mit der Fläche von I6 oder 9 Quadratfüssen. In der Tat
p. 80.
könnte die Tatsache, dass auch THEAITETOS nur das Quadrat mit 3
(24) Topik © 3,158 b 29 ff. — Mein kritischer Aufsatz über die bisherige
und mit 5 füssigen Quadratflächen als Beispiele erwähnt — und
Behandlung dieser Aristoteles-Stelle in der Fachliteratur konnte aus technischen
Gründen, leider, noch nicht veröffentlicht werden.
(25) Vgl. auch Tu. L. HEATH, A History... I 203 n. 2.
Page 7
View in PDF(opens in a new window)stillschweigend über das dazwischenliegende 4 füssige Quadrat hinnicht berichtet, wie THEODOROS den Beweis geführt hatte, aber man
kann auch darüber sehr geistreiche Vermutungen aufstellen, wie
seine Beweise aufeinander folgten, und warum THEODOROS gerade bei
dem 17. Quadrat aufgehört hatte (29).
2. Die Lehre des THEODOROS sei durch THEAITETOS vervollkommnet worden. Ja, man glaubt sogar auch jenen Satz des THEAITETos aus dem PLATON-Text heraushören zu dürfen, in dem seine Vervollkommnung der Theodoros-Lehre kulminierte; dieser soll heissen:
226
weggeht — als ein Hinweis darauf aufgefasst werden: auch THEODOROS
hätte nicht nur diesen sondern auch die ähnlichen Fälle (9 und 16)
fortgelassen. — Beachtet man jedoch auch die Fortsetzung dessen,
was THEAITETOS bei PLATON erzählt, so wird man doch vermuten
müssen, dass THEODOROS auch die Fälle der kommensurablen Quadrate
nicht fortliess.
Im Gegenteil, er wird in seiner Demonstration bei
diesen Fallen — 4, 9 und 16 — mit Nachdruck darauf hingewiesen
haben, dass in diesen dic Seiten — abweichend von den übrigen
« Strecken, die ein Quadrat erzeugen, dessen Flächeninhali wohl eine
geprüften
ganze Zahl, jedoch keine Quadratzahl ist, haben kein gemeinsames
Mass mit der Längeneinheit » (30). Ist dann einmal dieser «Satz des
Quadraten
—
kommensurabel
sind.
Bevor ich nun unseren Platon-Text weiter paraphrasierte, muss
ich hier in kurzen Worten noch daran erinnern, wie die « mathematische Theaitetos-Stelle » von den meisten Historikern der griechischen
Wissenschaft verstanden wird.
Es war noch i.J. 1884 ein folgenschwerer Irrtum der nächste
Satz von P. TANNERY: «On ne peut guère douter que dans tout ce
THEAITETOS » wiederhergestellt, so ist es in dem folgenden schon
ziemlich leicht, sich auf EUKLID, Elem. X. 9, bzw. auf jenes Scholion
zu berufen (31), das über den letzteren Satz behauptet: tó dewpmua
tobto Oearrírecóv Zottv signua. — Nun will ich mich in diesem Zusam-
Man glaubt also, indem man dem eben angeführten TanneryZitat folgt, dass PLATON an unserer Stelle im wesentlichen wohl
menhang mit der letzteren Frage — d.h. also mit der Frage der
Glaubwürdigkeit des eben zitierten Scholions, oder anders formuliert:
mit dem historischen Problem, ob es einen bedeutenden Mathematiker
des platonischen Kreises, namens THEAITETOS, wirklich gegeben hatte,
oder ob der « Mathematiker THEAITETOS » nicht bloss eine neuplatonische Legende des späteren Altertums ist — einstweilen gar nicht beschäftigen. Ich beschränke mich hier einzig und allein auf die Interpretation der sog. «mathematischen Stelle» in PLATONS Dialog
« Theaitetos ». Denn diese ist in der Tat gründlich missverstanden
worden. Ich bemerke zu den obigen zwei Punkten Folgendes:
a) Ich glaube zwar gern, dass THEODOROS die Inkommensurabilität der meisten von ihm geprüften Quadratseiten (von 3 bis 77)
über zwei Dinge berichte:
in der Tat auch beweisen konnte. Denkt man daran, dass die griepassage PLATON ne fasse allusion à deux traités, l'un déjà ancien, de
THÉODORE de Cyréne, l’autre probablement assez récent de son ami
THEETETE. I] raconte la naissance d’une des idées fondamentales de ce
dernier traité, et s’il fait concourir 4 la naissance de cette idée un
jeune camarade de THEETETE, du nom de SOCRATE, il est assez probable que c'est lui-même qu'il désigne ainsi » (26). Mit diesen Worten
begann die moderne Variante einer mathematischen « TheaitetosLegende » (27), die ich hier allerdings nur in einigen Punkten beriihren
möchte.
I. THEODOROS hätte die Irrationalität von V3, V5, ... bis Yı7
chischen Mathematiker schon zur Zeit des HIPPOKRATES von Chios
bewiesen, ohne dass er eine allgemeine
alles sorgfältig bewiesen hatten, was überhaupt zu beweisen war,
Definition oder einen allgemeinen Satz über die Irrationalitäten hätte
so wird man sich darüber gar nicht wundern, dass wohl auch THEODOaufstellen und beweisen können (28). (Es wird zwar
Ros seine mathematischen Behauptungen jedesmal mit Beweis
begleitete. — Aber bei PLATON ist doch nicht von den Beweisen des
TuEoporos die Rede. Nicht nur die Beweise selbst bleiben hier
unerwähnt, sondern auch kein Wort deutet auf sie hin. Die beiden
Verba in dem Platonischen Text: ¿xozaívwv und éypape haben mit
im einzelnen nacheinander
bei
PLATON
(26) Siehe oben Anm. 15. - Mém. Scient. II 93.
(27) K. REIDEMEISTER schrieb einmal («Das exakte Denken der Griechen », Hamburg 1949, 24): «... ich kann mich des Verdachts nicht erwehren,
dass THEATET der Mathematiker nur eine Legende ist, die sich um den THEATET
des Platonischen Dialogs kristallisiert hat.» — Je mehr ich die voreuklidische
Mathematik der Griechen kennenlerne, umso berechtigter scheint mir dieser
Zweifel.
(29) Vgl. J. H. ANDERHUB, Joco-Seria, Aus den Papieren eines reisenden
Kaufmannes (Ausgabe der Kalle-Werke, Wiesbaden 1941) und B. L. v. d.
(28) TH. L. HratH, A History... I 203: «It does not appear, however,
that he had reached any definition of a surd in general or proved any general
WAERDEN, Op. Cit. 235.
proposition about all surds etc.».
(30) B. L. v. d. WAERDEN op. cit. 273.
(31) Euclides, Elementa ed. J. L. HE£IBERG, Lipsiae 1888, V. p. 450.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Der mathematische Begriff öbvapız und das sog. "geometrische Mittel’ 229
« Beweis » bestimmt nichts zu tun (32). Der griechische Terminustechnicus für mathematischen « Beweis » war ja das Zeitwort Geixvupt,
eigentlich nur eine passende Benennung, einen Namen dafür, was
sie eben gelernt hatten. Aber in der Wirklichkeit werden sie nadas hier gar nicht vorkommt! Stellt man also in der Interpretation
türlich nicht einen einzigen, sondern auf einmal zwei Namen finden
dennoch die Beweise des THEODOROS in den Vordergrund, so verdreht man dadurch unwillkürlich den Sinn jenes Platon-Textes, der
müssen — wie man es aus dem folgenden ersieht —, nachdem ja
die Frage der Beweise eigentlich gar nicht berührt hatte.
hatte,
auch THEODOROS zweierlei Quadrate von 3 bis 17 ihnen vorgeführt
6) Noch weniger kann davon die Rede sein, dass THEAITETOS
Aber wie hängt diese ganze Erzählung des THEAITETOS mit
— also wohlgemerkt: jene Dialog-Gestalt bei PLATON, die diesen
der vorigen Frage des SOKRATES zusammen? — Nun offenbar fol-
Namen führt — die Lehre des THEODoROS vervollkommnet oder
gendermassen:
weitergeführt hätte. Nein, er hat diese Lehre einfach nur verstanden. —
Auf die Frage des SOKRATES (« Was ist Wissen? ») hat THEAITE-
Denn beachte man nur, wie der junge THEAITETOS seinen Bericht bei
Tos zunächst mit einer Aufzählung der einzelnen Arten des Wissens
PLATON fortsetzt. Im Anschluss daran, dass er erzählte: THEODOR
OS
hätte bei dem Quadrat mit der siebzehnfüssigen Fläche aufgehört,
sagt er weiter:
geantwortet. Aber SOKRATES war mit der Antwort nicht zufrieden,
er wollte nicht eine Aufzählung der einzelnen Arten des Wissens
«Wir dachten nun an Folgendes (uty oùv eloñAdé © totoUtov).
Nachdem es scheinbar unendlich viele Quadrate gibt (tren drerpor
To nAfdoc al Suviuers épaivovro), man sollte versuchen, diese
in eins
zusammenzufassen (neıpad var ouAlaBeiy eis Ev), womit wir alle
Quadrate benennen könnten » (Str mácas txitag npooayopeboonev tac
Suvduetg).
THEAITETOS und sein Freund wissen also, dass es wohl unendlich viele solche Quadrate gibt, von denen THEODOROS nur einige
vorgeführt hatte. Denn THEODOROS nahm ja eigentlich die Zahlen
von 3 bis 17 vor, und einer jeden Zahl ordnete er je ein Quadrat,
mit der Fläche von ebensovielen Quadratfüssen wie die betreffende
Zahl selber, bei. Nachdem nun die Reihe der Zahlen unendlic
h ist,
wird auch die Reihe der ihnen auf die vorige Weise beigeordneten
Quadrate unendlich sein. THEAITETOS und sein Freund wollen nun
diese unendlich vielen Quadrate (mit ganzzahligen Flächenfüssen)
zusammenfassend benennen. (Es wird dabei stillschweigend als
etwas
selbstverständliches angenommen, dass die den Zahlen beigcordneten
unendlich vielen Quadrate wohl alle dieselben — zweierlei — Eigenschaften haben würden, die THEODOROS an dem Quadraten von
3 bis 17 gezeigt hatte). Die Schüler des THEODOROS suchen also
(32) Es sei mir erlaubt, in diesem Zusammenhang »icht ausführlicher zu
begründen, warum ich die beiden Verba folgendermassen übersetzte: « TH.
hat vor uns etwas über Quadrate illustriert, ... indem er zeigle etc.» — Es
liesse sich natürlich auch näher begründen, warum nur eine solche Uebersetzung die richtige sein kann. Da jedoch diese Beweisführung historisch auSee irrelevant ist, unterdrücke ich hier lieber den bloss philologische
n
urs.
hören, sondern er bat um eine zusammenfassende Schilderung dessen,
was Wissen überhaupt sei. (Auch auf die Frage — « Was ist Lehm? »
— dürfte man nicht mit einer Aufzählung der einzelnen Lehmarten
der Handwerker antworten, sondern man sollte zusammenfassend
den Lehm schildern). — Ähnlich geschah es — bis zu einem gewissen
Grade — auch bei THEODOROS. THEODOROS zeigte nämlich seinen
Schülern die Quadrate mit ganzzahligem Flächenmass — von dem
3 quadratfüssigen bis zu dem 17 quadratfüssigen —, wobei er sie
auf eine merkwürdige Eigenschaft dieser Quadrate (inkommensurable
bzw. kommensurable Seiten) aufmerksam machte. Diese Demonstration war eine Art Aufzählung. Und nach der Aufzählung mussten
die Schüler mit der zusammenfassenden Benennung der kennengelernten
Quadrate dokumentieren, dass sie die Lehre des Meisters verstanden
hatten.
Es stimmt zwar, dass man nach den Worten des THEAITETOS
bei PLATON zunächst den Eindruck bekommt, als handelte es sich
hier mindestens um ein Körnchen eigener Initiative der Schüler des
THEODOROS (Auiv odv eloñAde...). Als hätten diese jungen Leute mit
der zwiefachen Benennung der kennengelernten Quadratseiten die
Lehre des THEODOROS irgendwie doch ergänzt. Aber im Grunde
hängt die Benennung doch so eng damit zusammen, was THEODOROS
illustriert hatte, dass man nicht versteht: wie hätte überhaupt THEODOROS ohne jene Unterscheidung, die in den «nachgeholten » Benennungen des THEAITETOS zum Ausdruck kommt, seine Lehre auch
nur für sich selbst formulieren können (33)?
(33) Es ist übrigens interessant, dass auch P. Tannery selber — obwohl
er unsere Stelle von Grund auf missverstanden, und so mit seinem Irrtum
die moderne Variante der Theaitetos-Legende angeregt hatte — mindestens
Page 9
View in PDF(opens in a new window)THEAITETOS setzt nun seine Erzählung folgendermassen fort:
« Wir haben alle Zahlen in zwei Arten geteilt. Diejenigen, die
man als Produkte aus zwei gleichen Faktoren auffassen kann, nannten
wir — indem wir sie mit der Quadratfigur verglichen — quadratisch
und gleichseitig... Diejenigen Zahlen dagegen, die zwischen den eben
genannten liegen — wie z.B. die 3, die 5, und alle Zahlen, die sich
nicht in gleiche sondern nur in ungleiche Faktoren zerlegen lassen —
verglichen wir mit der Rechtecksfigur und wir nannten sie: ungleichseitige (oblonge) Zahlen ».
Mit dieser zwiefachen Benennung der Zahlen wird dann die
zwiefache Benennung der Seiten der ihnen beigeordneten Quadrate
parallelisiert. Wie es anschliessend heisst:
« Diejenigen Strecken nun ($ca: uèv ypapyad...), die beim Quadrieren eine gleichseitige ebene
Zahl hervorbringen, bezeichneten
wir mit dem Wort ¡mxos (‘Lange’), diejenigen Strecken aber, die
je eine ungleichseitige Zahl hervorbringen (34), bezeichneten wir
als duvduers (= ‘Quadrate’ 1), nachdem diese letzteren Strecken ihrer
Länge nach (uÿxe) mit den vorigen nicht kommensurabel sind, aber
doch sind sie kommensurabel mit den vorigen Strecken nach jenen
Flächen, die sie beim Quadrieren hervorbringen (35) ».
Damit ist meine Paraphrase des Platon-Textes eigentlich auch
schon fertig. (Jene hinzugefügte Bemerkung des THEAITETOS, wonach
er und sein Freund eine ähnliche Benennung auch bei den Rauminhalten (oteped) versucht hätten, ist für uns in diesem Zuzammenhang belanglos). Ich muss die vorige Paraphrase nur noch in einem
einzigen Punkt näher begründen.
Wie man es aus dem obigen Text ersieht, benutzt THEAITETOS
eine schwache Seite seiner Theorie spürte. Denn er musste sich doch fragen:
woraus eigentlich die Leistung des (platonischen) THEAITETOS bestanden haben
mag? In diesem Zusammenhang schrieb er die folgenden Worte: «le singulier,
à nos yeux, est que cette généralisation, qui n’ofrait aucune difficulté sérieuse,
n'ait pas élé faite par THÉODORE de Cyrène, que celui-ci se soit borné à montrer,
sur un grand nombre de cas particuliers, comment se traitait la question de
la commensurabilité ou de l‘incommensurabilité d’une racine. L'histoire des
mathématiques offre d'autres exemples analogues, mais celui-là est incontestablement le plus saillant etc.» (Mém. Scient. II 96).
(34) PLATONS Ausdrucksweise: «die Strecken, die je eine ungleichseitige
Zahl hervorbringen... » — ist zweifellos sehr knapp, ja, beinahe ungenau, aber
sie wird doch keinen denkenden Menschen irreführen! Offenbar kann nämlich
dieser Satz nur folgendes meinen: die letzteren Strecken bringen beim Quadrieren solche Quadrate hervor, deren Flächen den sogenannten ungleichseitigen
Zahlen entsprechen.
(35) Den griechischen Text siehe: Theaitetos 148 A 6-9.
Der mathematische Begriff Sbvayt; und das sog. ‘geometrische Mittel’ 231
tseiten.
das Wort Súvepus auch als Bezeichnung für eine Art von Quadra
enmasse 4,
Die Seiten derjenigen Quadrate nämlich, deren Fläch
9, 16, 25, 36, ... Quadratfüsse sind, werden mit dem Wort pijxos
(‘Lange’) bezeichnet, während die Seiten der anderen Art Quadrate,l
atzah
deren Flächeninhalt wohl eine ganze Zahl aber keine Quadr
haben die
ist, mit dem Wort öbvayıs bezeichnet werden. — Nun s gezogen,
Historiker der Mathematik aus dieser Tatsache den Schlus
dass das Wort öbvapıg mindestens in diesem Zuzammenhang den
grössten
Sinn «Quadratseite » haben müsste (36). — Zu meinemwidersp
re-
Bedauern muss ich auch diesmal auf das entschiedenste
chen ! Denn man soll nur etwas aufmerksamer den griechischen Text
Wort
beachten, und sofort wird man einsehen müssen, dass das
nicht
Fall
genden
vorlie
Sivauts seiner Bedeutung nach auch in dem
t»
Quadra
«
Sinn
den
tig
« Quadratseite » heisst, sondern ganz eindeu
bekommen ant die)?E
man sich nur: WarumName
nt Denn iiberlege von
n pijxos (Länge —
den
THEAITETOS
Art Quadratseiten
komNun offenbar darum, weil diese auch der Länge nach (wie)
ng
menha
Zusam
m
diese
in
mensurabel sind. Sehr richtig hat man
Länge
«der
pog,
obpper
une:
uck
darauf hingewiesen, dass der Ausdr
Elemente »
nach kommensurabel » auch bei EuxLID im X. Buch der «Flato
n-Lext
en
mnser
in
also
ist
pñxos
benutzt wird (37). Das Wort
x
POS.
OÚLLLET
pixel
uck
Ausdr
den
für
»
form
sozusagen nur eine «Kurz
uck:
Ausdr
en
ander
den
fiir
auch
ndlich
Aber dasselbe gilt selbstversta
gen
Sbvauts. Die Seiten der anderen Art Quadrate bekommen deswe
tig
eindeu
ommen
vollk
N
PLATO
bei
auch
dies
diesen Namen — wie
zwar
(primer)
erklärt wird —, weil diese Strecken der Länge nach
nach jenen
bel
nsura
komme
ch
denno
sie
aber
sind,
inkommensurabel
man
Quadraten (èvvéuets) sind, die man mit ihnen konstruiert, die nach
also auf sie errichtet. Ebenso wie pimet odppetpos, « der Lange
komkommensurabel », ist ja auch Buviper odppetpog (4 quadriert
t,
Quadra
mensurabel », C. THAER; d.h. also: « kommensurabel nach jenem im X.
das man auf sie errichtet») ein ganz gewöhnlicher Ausdruck
s bedeutet
Buch der Euklidischen « Elemente » (38). Das Wort Sdvaput
»,
also an unserer Platon-Stelle keineswegs soviel wie « Quadratseite
es ist
und auch nicht etwa: «irrationale Quadratwwrzel », sondern
dóvepas of THEAE(36) TH. L. HEATH, A History... I 209 n. 2: e... the
are number, a
non-squ
a
of
root
=erus's definition is undoubtedly the square
surd o. — Ähnlich auch bei B. L. v. d. WAERDEN, op. Cit. 234.
(37) B. L. v. d. WAERDEN, OP. cit. 234.
(38) Vgl. oben Anm. 4.
Page 10
View in PDF(opens in a new window)Arpad Szabo
233
einfach nur eine « Kurzform » fiir den Ausdruck: Suvápe cipperpos =
= «kommensurabel nach jenem Quadrat, das man auf sie errichtet ». —
Der Sinn des Wortes öbvayıg heisst also auch an der eben behandelten
das Partizip des letzteren: Suvauévn gebräuchlich sind. Mit Rücksicht
Stelle im Dialog « Theaitetos » völlig eindeutig: « Quadrat ».
exemple, le côté de ce carré est, dans la langue mathématique classique,
auf diese Tatsachen schrieb er Folgendes:
«Soit un carré dont l'aire soit déterminée, de trots pieds par
la Suvauévn (la ligne qui peut) cette aire de trois pieds. Pouvoir une
aire (Sbvactat tt ywotov) c'est, de même, pour une ligne droite limitée,
être telle que le carré construit sur elle ait précisément cette aire » (40).
II.
Nun hat TANNERY insofern allerdings Recht, dass die Seite eines
Nun hoffe ich in den beiden vorigen Kapiteln mindestens an
Hand einiger Beispiele gezeigt zu haben, dass der mathematische
solchen Quadrats, dessen Flächenmass genau angegeben ist, grie-
Terminus dbvayig immer «Quadrat» heisst. Ich musste in diesem
Zusammenhang die « Theaitetos »-Stelle nur deswegen so ausführlich
mathematischen Sinn des Ausdruckes öövaotat tt ywgiov beschreibt
behandeln, weil ich die Ansicht, wonach unser Terminus auch « Quadratseite » oder « Quadratwurzel » heissen könnte, widerlegen wollte.
Man hat nämlich für diese angebliche Wortbedeutung (Súvapug =
= « Quadratseite », « Quadratwwrzel ») bisher immer nur die « Theaitetos »-Stelle namhaft gemacht. Wäre also diese Stelle einmal von
P. TANNERY nicht missverstanden worden, so wäre es wohl auch nie
jemandem eingefallen, dass das Wort öbvaws in der Mathematik
auch jemals etwas anderes als « Quadrat » heissen könnte.
chisch in der Tat als Suvapévy bezeichnet werden kann. — Auch den
er im grossen und ganzen richtig. — Aber ich muss doch gestehen,
dass ich seine rätselhaften Worte: «la ligne qui peut» und « pouvoir
une aire » lange Zeit hindurch gar nicht begreifen konnte. Ja, ich war
schon nahe daran, zu bezweifeln, dass diese Worte überhaupt einen
vernünftigen Sinn haben könnten. Beinahe zufällig entdeckte ich
nur eine solche Auslegung der Worte von TANNERY, die dann auch
für mich verständlich war. (Ob dabei diese Auslegung dem «Sinn »
des französischen Originals gerecht ist, mag ruhig dahingestellt bleiben,
Es fragt sich nun, warum wohl das «Quadrat », das « Viereck »,
wofür in der griechischen Geometrie sonst tetpéywvov der Terminus
nachdem sie ja doch mindestens sinnvoll ist).
war, auch als öövauıs bezeichnet werden konnte? Was ist der
Ursprung von diesem auffallenden zweiten Terminus für dasselbe Ding
eben angeführten Aufsatz von P. TANNERY ablehnend Stellung (41).
(« Viereck »)? — Soviel ich weiss, hat man diese Frage bisher noch
nicht beantworten können. Es gab zwar auch zwei verschiedene Verdie für mich so rätselhaft waren, und zwar folgendermassen: «la
ligne qui peut » (für Suvapévn) wird als « Erzeugende », und das Wort
Sivayts selbst als «erzeugende Kraft» verdeutscht. — Nun versteht
man auf den ersten Anblick auch diese Erklärung nicht leicht. Aber
sofort wird einem alles klar und verständlich, wenn man daran denkt,
suche, den mathematischen Ausdruck dévaute irgendwie zu erklären,
aber diese können doch unmöglich zutreffend sein. Diese Erklärungsversuche, die ich hier nur nebenbei registriere, stammen beide von
P. TANNERY.
Denn B.L. v. d. WAERDEN nahm in seinem Buch auch zu dem
Daselbst scheint er beiläufig auch jene französischen Worte zu erklären,
dass hier eigentlich #zcht der griechische Ausdruck, sondern seine lateinische — und wohl auch Tannery'sche — Entsprechung ausgelegt
I. Den einen Versuch von P. TANNERY — den Ursprung des
mathematischen Terminus Sôvauxç irgendwie zu erklären — liest
man in derselben, oben schon zitierten Arbeit (39), in der er seinen
zu impotentia) — auch schon
früheren Irrtum (nämlich den Irrtum, dass das Wort öbvaws in dem
Dialog « Theaitetos» der Name der « Quadratwurzel » wäre) schon
aufgab. In seinem Versuch nun, den Sinn des mathematischen
solchen Sinn in dem Griechischen des Altertums das Verbum divacdx
Ausdruckes 3ivap:s verständlich zu machen, ging er von der Tatsache
Erklärung von TANNERY sieht also eher nur als ein Scherz aus.
aus, dass in der griechischen Fachsprache der Mathematik
wurde. Denn wohl hatte im Lateinischen potentia (als Gegensatz
nicht in der Mathematik, so doch mindestens in der Gemeinsprache,
den Sinn: « Zeugungskraft, erzeugende Kraft». Aber nie hatten einen
und das Hauptwort ôüvausç. — Diese erste, allerdings phantasievolle
nicht nur
das Hauptwort divas sondern auch das Verbum dévacdut, ja
auch
(40) Mém. Scient. II 93.
(39) Siehe oben Anm. 15.
in der klassischen Zeit —, wenn auch
(41) Op. cit. 234.
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Der mathematische Begriff Sivapi und das sog. ‘geometrische Mittel’ 235
2. Der zweite Versuch von TANNERY für die Erklärung des mathematischen Ausdruckes Sbvaptc ist scheinbar nie regelrecht entwickelt eher nur gelegentlich angedeutet worden. Und doch blieb
Anregungen, wie auch sämtliche Irrtiimer von ihm scheinen in der
Geschichte der antiken Wissenschaft unsterblich zu sein!). Wohl
nur darum schrieb z.B. TH. L. HEATH: «In geometrical language
it is the dative singular évvéue: which is mostly used; thus a straight
line is said to be potentially equal, dvvdépet low, to a certain rectangle
where the meaning is that the square on the straight line is equal to
auch dieser nicht ohne Einfluss auf die spätere Forschung. — Der
grösste Fehler dieses letzteren Versuches liegt, meiner Ansicht nach,
in seiner Inkonsequenz. Denn es ist ja oben schon angedeutet worden,
dass TANNERY mindestens seit dem Jahre 1884 wusste: ddvayi¢ kann
nicht « Quadratwurzel » heissen (42). Und doch versuchte er später
(i. J. 1902) eine solche Worterklärung, deren Voraussetzung war:
Gbvauts hiesse griechisch: « Quadratwurzel » (43). In dieser späteren
Arbeit schilderte nämlich Tannery das Näherungsverfahren der
Griechen, womit diese die Quadratwurzel einer Nicht-Quadratzahl
errechneten; in diesem Zusammenhang schloss er seine Worte mit
der folgenden Bemerkung:
the rectangle etc. » (45). — In diesem Zitat scheint mir der Ausdruck
« potentially equal» nur ein schwaches und etwas verzerrtes Echo des
eben erwähnten irrtümlichen Gedankens von P. TANNERY zu sein.
(Lässt man übrigens eben diese beiden überflüssigen, ja eigentlich
auch sinnlosen Worte weg, so hat TH. L. HEATH mit dem angeführten
Zitat vollkommen Recht }).
«.... en exprimant de plus en plus près la valeur de cette
moyenne, si l’on ne peut la construire que géométriquement, si elle
n’existe qu’en puissance, non en acte, pour employer le langage des
Grecs » (44).
-
Uns interessieren aus diesem Zitat augenblicklich nur die beiden
hervorgehobenen Worte. Man soll nämlich diese — nach dem ausdrücklichen Hinweis von P. TANNERY — ins Griechische zurückübersetzen, um die Andeutung überhaupt verstehen zu können. Also: puissance
=
Üüvaus, und acte
=
évépyea, évtedéyetx. Das heisst also
mit anderen Worten: nach P. TANNERY hiesse die « irrazionale Quadratwurzel einer Zahl» deswegen Súvau:, weil man eine solche geometrisch zwar wohl konstruieren könnte, aber als «acte » (évteAéyeta)
sie doch nicht existierte. — Nun erstens: ich bezweifle, dass diese
Vermutung von P. TANNERY mit der Denkweise der frühgriechischen
Mathematik überhaupt etwas zu tun hätte; und zweitens: verfehlt
ist der Gedanke aus dem doppelten Grunde: a.) weil Sóvaut im
Griechischen sie «irrationale Quadratwurzel » hiess; b.) weil der
Ursprung des mathematischen Ausdruckes èivaus mit dem aristotelisierenden Gegensatz von öövapıg und évredéyeta gar nichts zu
tun hat.
Aber wie gesagt, blieb auch dieser Versuch von TANNERY nicht
ohne Einfluss auf die spätere Forschung. (Sowohl die grossartigen
(42) Siehe oben Anm. 15 und 17.
(43) «Du röle de la musique grecque dans le d&veloppement de la mathématique pure», Bibliotheca mathematica, 3. Folge t. III 102, 161-175 -
Nun erklart sich der Ursprung des mathematischen Ausdruckes
öövapıg — meiner Ansicht nach = auf einem ganz anderen Wege,
und zwar folgendermassen:
des Hauptwortes Sivapic selber, sondern von ‘demjenigen des Verbums ¿úveoda: ausgehen. Ist nämlich einmal die Bedeutungsentwicklung dieses Zeitwortes erklärt worden, so versteht man spielend
leicht auch die Bedeutungsentwicklung des parallelen Hauptwortes.
Mir scheint dabei, dass die wichtigsten Belegstellen für den mathematischen Gebrauch des Verbums èivxota. ausgezeichnet zusammengestellt sind, in den folgenden Werken:
F. Rupio
: Der Bericht des Simplicius über die Quadraturen
des Antiphon und Hippokrates, Leipzig 1907 (Index
S. v.),
Ta. L. HEATH: « Archimedes» p. CLXI,
|
und von demselben Verfasser: « A History of Greek Mathematics »
(Index s. v.).
Bei F. Rupio wird z. B. unser Verbum folgendermassen erklärt:
«In der mathematischen Sprache bedeutet Súvacda gelten, wert sein,
ausmachen, betragen, und gemeint ist wieder:
im Quadraien.
Ich musste an dieser Worterklärung nur soviel ändern, dass ich dabei
den wichtigsten Ausdruck mit Nachdruck hervorhob: «7m Qua-
Mém. Scient. III 68-89.
(44) Mém. Scient. III 82.
Man soll vor allem nicht von dem mathematischen Gebrauch
(45) « Archimedes » p. CLXI.
Page 12
View in PDF(opens in a new window)drate
wert sein».
Ebenso heisst
es auch bei
TH.
L.
HEATH:
«öbvacdeı, to be equivalent ‘in square’ to ... etc. ».
Von den vielerlei Beispielen, die für diesen Wortsinn in den
gennanten Werken angeführt werden, möchte ich diesmal nur eines
hervorheben, namentlich die Wendung: taov öbvaraı tH neptexouévyp... .
TH. L. HEATH schreibt darüber in seinem Archimedes-Buch an der
eben zitierten Stelle Folgendes: «The verb 3úvacda: (with or without
tcov) has the sense of being Suvdwer toa, and, when Súvacdo is used
alone, it is followed by the accusative: thus the square (on a straight
line) is equal to the rectangle contained by... is: (eb9eta) Toov Shvata TG
TEPLEXOMEVY... .
Ich glaube nun, dass diese letzteren Sätze von TH. L. HEATH
die Tatsachen sehr genau und treffend beschreiben. Gleich werden
sie uns auch auf die Spur leiten, woher der rätselhafte mathematische
Ausdruck öbvach«: stammen mag. Wir wollen nur die eben angeführten griechischen Worte, die TH. L. HEATH vollkommen richtig
übersetzte, auch in deutscher Paraphrase wiederholen. Sie stellen
nämlich eine in der griechischen Geometrie ziemlich häufige Redewendung dar, und sie heissen: «eine gegebene Strecke (eü$ei«) ¿st
(wenn man sie quadriert), gleichwertig (icov Sbvatat) dem folgenden
Rechteck... (té meprexopévo...). Demnach hat also das Zeitwort dúvacda:
als mathematischer Terminus in der untersuchten Redewendung den
Sinn: «in quadrierter Form gleichwertig sein », oder: «in Quadrat den
gleichen Wert haben, wie... ».
Man liest z. B. einmal bei XENOPHON den folgenden Satz (46):
6 alyhog Sivatat ¿ra SBorods xal RurwPértcy "Artıxabg, das heisst also
deutsch: «der oiylos (eine asiatische Münze, das hebräische Seckel)
macht aus, gilt, oder: hat den Wert (öövaraı) von siebenundeinhalb
attischen Obolen». — Genau dieselbe stilistische Wendung kehrt
auch in dem folgenden Satz bei DEMOSTHENES wieder (47): 6 Kulınnvds
2öbvaro ênet xn’ Ôpaynds, das heisst also: «der Stater von Kyzikos
hatte dort den Wert von 28 Drachmen ». — Und so könnte man noch
zahlreiche Beispiele für diesen Gebrauch des Wortes Sbvacda aus der
Umgangsprache der klassischen Zeit zitieren. Aber uns genügen auch
schon diese beiden Fälle in sich.
Wie man sicht, hatte das Verbum Sivayo in der Finanzsprache
der Alten einen speziellen Sinn. Rechnete man nämlich eine Geldart
in eine andere um, so gebrauchte man unser Zeitwort (öhvaodeı) zur
Bezeichnung des Wertes. — Dieser spezielle Gebrauch jenes Wortes,
das ursprünglich nur « stark sein» hiess, ist gar nicht überraschend,
wenn man bedenkt, dass ähnliche stilistische Wendungen auch heute
noch gebräuchlich sind. Denn auch heute sprechen wir noch von
Valuten (valuta aus dem lat. valeo «stark sein »); auch heute hört
man noch die Frage: « Wie stark ist der Dollar, oder der Rubel? — und
auch heute redet man noch von festen Wahrungen etc.
Aber nicht nur das Verbum, auch das Hauptwort dbvayis hatte
in der Finanzsprache der Griechen einen ähnlichen speziellen Sinn.
Man liest z. B. bei PLUTARCH über LYKURGOS (48): Súvapiv öAlynv TG
Wir wollen jetzt — einstweilen nur als Arbeitshypothese — annehmen, dass gerade die eben verdeutschte Redewendung die älteste
vopfopati ¿Swxe, das heisst also: «er liess das Geld nur einen &#leinen
Wert (divapiv èAlynv) gelten». — Aber ich will die Beispiele nicht
mathematische Gebrauchsform des Zeitwortes Sbvacha war. Und wir
fragen — der Arbeitshypothese gemäss: welcher Zusammenhang
weiter häufen.
wohl zu diesem interessanten Gebrauch unseres Zeitwortes gefiihrt
haben mag? — Der gesuchte Zusammenhang war offenbar der folgende: irgendein Rechteck wurde in Quadrat umgewandelt (umgerechnet) und tiber die Seite des (gefundenen) Quadrates sagte man,
dass sie dem vorigen Rechteck in Quadrat gleichwertig ist (tcov öbvarar).
Es wird fiir uns viel wichtiger, festzustellen, dass dieser spezielle
Sinn des Zeit- und Hauptwortes keineswegs bloss auf die Finanzsprache beschränkt blieb (49). Bezeichnenderweise entstammt ja
auch mein ältester Beleg für einen ähnlichen Sinn des Verbums
Súvacdo gar nicht aus dem Bereiche der Geldumrechnung. Bei HE-
Aber wie kam das Verbum Gbvxoa zu dieser merkwürdigen Bedeu-
(46) Anab. I, 5, 6.
tung? Schliesslich heisst ja öbvanaı gewöhnlich nur: «können, vermögen, stark sein» usw. Oder hat dasselbe Zeitwort in irgendeiner
(47) Dem. 34, 23.
Sphäre doch auch eine solche Bedeutung, aus der sich der eben
untersuchte mathematische Sinn sehr leicht entwickeln konnte?
Die mathematische Bedeutungsentwicklung des Zeitwortes öbvaodo erklärt sich aus einigen solchen Wendungen
der griechischen
Umgangsprache, die ich in dem folgenden eingehender untersuche.
(48) Plut., Lyc. 9; vgl. Solon 15.
(49) Offenbar aus der Finanzsprache entlehnt sind die Wörter Sévacdat
und divapis auch als Termini der Grammatik. So heisst z.B. das Verbum
Súvacdar, von Wörtern gesagt: «bedeuten v: ri Sdvarar de n Ati (vgl. das
Pape-Wörterbuch s. v.). Als Terminus der antiken Phonetik heisst das Wort
Súvayis « Lautwert »; z. B. PLATON, « Kratylos » 424 B-C: ororyeiov Suvdpe =
«die Lautwerte der Buchstaben ». Auf diesen letzteren Terminus hat mich JANos
BaLAzs freundlichst aufmerksam gemacht.
Page 13
View in PDF(opens in a new window)RODOT liest man nämlich (50): tornxdcrat dvôp@v yeveal Suvéctat pbpra
Etes = « dreihundert Menschenalter haben den Wert von zehntausend
Jahren ». Aber offenbar folgt diese Umrechnung der Generationen
auf Jahre dem Vorbild des Geldumrechnens, nur darum konnte auch
hier dasselbe Verbum gebraucht werden, das bei jenen anderen
Operationen zur Bezeichnung des Wertes diente.
Ich vermute nun, dass sich auch der mathematische Sinn —
sowohl des Zeitwortes öövaod«ı, wie auch des Hauptwortes dúvap. ig —
Der mathematische Begriff &vayus und das sog. ‘geometrische Mittel! 239
fremden Geldsorten in attische Münzen umgerechnet. Aber genau
so verfuhr man auch in den übrigen griechischen Städten; auch dort
hat man alle fremden Münzen, und darunter auch die attischen selber,
in die eigenen umgerechnet. — Es gab also gar keine solche einheitliche Geldart, in die man alle übrigen Geldarten gewöhnlich umgerechnet hätte, um eben in dieser einzigen den Wert der übrigen zu
bestimmen. Darum konnte sich auch die Bedeutung der Ausdrücke
Sivacta. und diva: in der Finanzsprache nicht spezialisieren. Denn
aus jenen Bedeutungen entwickelt hatte, die dieselben Ausdrücke
es anderte sich ja von Fall zu Fall jene Geldart, in der man den Wert
in der Finanzsprache besassen. Denn es handelte sich auch in der
der übrigen bestimmte.
Mathematik — mindestens in denjenigen Fällen, aus denen, der vorigen Arbeitshypothese gemäss, die Entwicklung unseres Ausdruckes
ihren Anfang nehmen musste — um eine Art Umrechnung. Ich zitierte ja oben die Redewendung, wonach man irgendein Rechteck in ein
Quadrat umwandelt, und über die Seite des gefundenen Quadrates
feststellt, dass sie dem vorigen Rechteck «in Quadrat gleichwertig
ist » (aov Öbvaraı).
Aber es besteht doch auch ein sehr wesentlicher Unterschied
zwischen den beiden Gebrauchsarten — das heisst also: zwischen
dem, wie dieselben Ausdrücke in der Finanzsprache einerseits, und
wie sie in der mathematischen Sprache andrerseits benutzt werden.
Eben diesen Unterschied der Gebrauchsarten müssen wir jetzt näher
ins Auge fassen. — Nach den obigen Beispielen hat nämlich das
Zeitwort öbvaota: in der Finanzsprache nur den Sinn: « gelten, ausmachen, den Wert haben von...». Dementsprechend heisst auch das
Hauptwort Súvapig in dem finanziellen Bereich bloss soviel, wie
«Wert». — Dagegen haben dieselben beiden Worte in dem mathematischen Gebrauch einen genau umrissenen speziellen Sinn. Denn
dbvactat heisst hier: «im
Quadrat
in der Geometrie: «der
Quadratwert»,
drat»
wert sein»; und Jóvapig ist
oder das
«Quaselber. — Wie erklärt sich nun diese Spezialisierung der
Wortbedeutung in
der Geometrie,
wenn
dieselben
aus
der
Finanzsprache entlehnten Ausdriicke in ihrem urspriinglicheren Anwendungsbereich gar nicht spezialisiert waren? — Ich denke es mir
folgendermassen:
\
Die verschiedenen Geldarten wurden bei den Griechen je nach
ökonomischen und politischen Gebietseinheiten selbstverständlich
immer anders umgerechnet. Das heisst also: in Attika hat man sowohl das asiatische Seckel, den kyzikenischen Stater, wie auch alle
(50) Her. II 142.
Aber ganz anders war es — mindestens meiner Vermutung
nach — in der Geometrie. Wollte man nämlich in der Geometrie
irgendeine Fläche berechnen, d. h. also den Wert einer Flachet
bestimmen, so hat man diese Fläche vor allem in ein Quadra
umgestaltet. Das Quadrat war jene einheitliche Flächenform, in der
die Werte aller anderen Flachenformen bestimmt werden mussien. Darum bekam das Zeitwort Súvacda: — das in der Finanzprache blossn
den Sinn: «den Wert haben von ...» besass — in dem geometrische
Gebrauch die spezielle Bedeutung: «in Qua drat den Wert haben ».
Man kann also mit der Bedeutungsentwicklung des Ausdruckes
maSúvachar in der Tat auch die Bedeutungsentwicklung des mathehatte
Wort
es
letzter
Dies
n.
erkläre
leicht
tischen Terminus dbvauç
in der Finanzsprache ursprünglich den Sinn: «der Wert». »Diese
Bedeutung hat sich dann in der Geometrie auf « Quadraiweri spezialisiert, und darum konnte man mit der Zeit auch das « Viereckda»
selbst, das sonst terpdywvov hiess, als dbvape bezeichnen. Und
man nun die Quadratfläche so berechnet, dass man die Seite mit
sich selbst multipliziert, wurde divapu später auch die « Multiplikation einer Zahl (Grösse) mit sich selbst ». Diese letztere Bedeutung war schon ganz nahe bei unserem Begriff « Potenz ». Zu jener
Zeit aber, als man den Terminus Sivepis mit dem lateinischen Wort
des
« potentia » übersetzte, war die wirkliche Bedeutungsentwicklung
ursprünglichen griechischen mathematischen Begriffes (öövapıs =
« Quadratwert ») nicht mehr gegenwärtig.
Es darf zu dieser zusammenfassenden Schilderung der Bedeutungsentwicklung ergänzend vielleicht noch erwähnt werden,
dass man in dem dargestellten Zusammenhang auch den Sinn des
Terminus ôuvauévn leicht erklären kann: eddcia Suvapévy ist jene
Strecke, die den gesuchten Quadratwert für ein Rechteck — also:
das Quadrat, das dem untersuchten Rechteck gleichwertig ist —
Page 14
View in PDF(opens in a new window)ergibt. Man vgl. dazu bei EuxLID, Elem. X. in Def. 4: af Suvdépevat
...
el pév terpáywva ein, abtal al mAevpai, el Sè Etegd tive evddsypauua
, af
tox abtotc tetedywva dvaypdpouoa. Mit dem Wort öuvduevar werden
also in dieser Definition die Seiten der Quadrate bezeichnet; wenn
es aber nicht von Quadraten, sondern von irgendwelchen anderen
geradlinigen Figuren die Rede ist, so bezeichnet man mit demselben
Wort die Seiten der den betreffenden geradlinigen Figuren gleichwertigen Quadrate.
IV.
Wie mir scheint, ist die obige Worterklärung nur noch in einem
Punkte nicht hinreichend genug begriindet. Denn ich ging ja —
scheinbar völlig willkürlich — von der Arbeitshypothese aus, dass
gerade diejenige Gebrauchsart des Zeitwortes ¿úvacdo: in der Mathematik die älteste sei, die in einem ganz speziellen Fall zur
Anwendung kam. Dieser Spezialfall soll derjenige sein, in dem es
sich um die Umwandlung eines Rechtecks in ein Quadrat handelte,
um das Flächenmass des Rechtecks in Quadrat ausdrücken zu können. — Es fragt sich nun: womit könnte man die vorige Arbeitshypothese wahrscheinlich machen? — Aber bevor wir die Antwort auf
diese letztere Frage versuchten, möchte ich zunächst noch an zwei
Beispielen auch jene andere mathematische Gebrauchsart des Zeitwortes Súvacda: illustrieren, die meiner Vermutung nach die spätere,
die schon abgeleitete ist.
Das eine Beispiel möge diejenige sprachliche Abfassung des
Pythagoreischen Lehrsatzes sein, die man bei ATHENAIOS liest (51).
Es heisst nämlich hier: tprydyvou ¿pdoywviov } thy ¿pd Ywviav bxotelvouca
Isov Givatar taig meptexoboatg. Das heisst also: Die Hypotenuse des
rechtwinkligen Dreiecks hat in Quadrat den gleichen Wert (icov
öbvaraı), wie die Katheten zusammen (d.h. also eigentlich genauer:
wie die Quadrate der Katheten zusammen). — Es handelt sich also
hier — wie man sieht — gar nicht um eine Flächenumgestaltung,
wobei man mit dem Zeitwort Süvaoÿa den « Quadratwert » der geprüften Fläche bezeichnen würde. Ja, auch die Bedeutung unseres
Terminus ist hier schon so weit entfernt von jener anderen Bedeutung, die — mindestens meiner Erklärung nach — die ältere
aber
schon mathematische Bedeutung sein musste, dass auch der
Sinn
des Wortes in den Wörterbüchern — gerade unter Berufung auf
die
eben zitierte Stelle — folgendermassen angegeben wird: dbvacda
hiesse in der Mathematik «ein Quadrat ergeben », von Linien oder
Eine der vorigen sehr ähnliche Gebrauchsart des Zeitwortes
Sivactat begegnet auch in dem bekannten Bericht des SIMPLICIUS
über die Móndchenquadrierung des HIPPOKRATES von Chios, wo es
einmal heisst (53): % Gtduerpoc tetparidotov Suvatae tic too &Eaywviou
(xAeupéc). Die sprachliche Abfassung des Satzes ist hier beinahe noch
biindiger, als sie in dem Falle des pythagoreischen Lehrsatzes bei
ATHENAIOS war. Denn das eben angefiihrte griechische Zitat hiesse
ja wörtlich übersetzt: «Der Durchmesser hat den vierfachen Quadratwert der Sechseckseite ». Wir können heutzutage eine solche Formulierung beinahe nur deswegen richtig verstehen, weil wir wissen,
dass (27)? = 4r* ist. Also die sinngemässe Uebersetzung des zuletzt
zitierten Satzes hiesse doch: « Das Quadrat, das man auf den Durchmesser eines Kreises erhebt, ist viermal so gross, wie jenes andere Quadrat,
das man auf die eine Seite des in denselben Kreis eingeschriebenen 7e
gelmässigen Sechsecks erhebt ».
"Bi
e
|
Es zeigen also die eben behandelten beiden Fälle, dass das
Zeitwort Sbvacda gar nicht mur in jener mathematischen. Redewendung gebräuchlich war, von der ich in dem vorigen Kapitel die
Bedeutungsentwicklung des Terminus ableiten konnte. Ja, stellte
man eine Statistik über die Häufigkeit der Fälle zusammen, in denen
unser Terminus benutzt wird, so würde man wahrscheinlich viel
weniger solche Vorkommnisse finden, in denen das Zeitwort Súvacda:
den umgerechneten Quadratwert eines Rechtecks bezeichnet, und
viel höher wäre die Anzahl jener anderen Fälle, in denen der Gebrauch
desselben Verbums schon den zuletzt genannten beiden Beispielen
bei ATHENAIOS und SIMPLICIUS ähnlich ist. — Aber mit welchem
Recht darf man dann dennoch behaupten, dass gerade die selteneren
Fälle die ältere Form der Gebrauchsart darstellen? Womit könnte
man den Gedanken wahrscheinlich machen, dass der mathematische
Terminus dévacda eigentlich dennoch von jener Praxis herrührt,
die daraus bestand, dass man immer wieder Rechtecke in Quadrate
umwandelte um ihr Flächenmass in Quadrat ausdrücken zu können? —
Ich glaube, diese Vermutung wird durch die folgende Euklid-Analyse
erhärtet.
(52) Vgl. z.B. W. Pape, Griechisch-Deutsches Wörterbuch, Erster Band.
Braunschweig, 1849. S. 577 S. v.
(51) Ath. X 418 f.
Zahlen gesagt (52).
(53) F. Rupio, op. cit. 70, 15.
Page 15
View in PDF(opens in a new window)Am Ende des II. Buches der « Elemente » liest man den folgenden Satz:
Il.14: «Ein einer gegebenen geradlinigen Figur gleiches Quadrat
zu errichten » (54) (t@ Sodévu edduypdéppw iooy tetpéywvoy cvatijcaodat).
Es ist in dieser Form eine rein theoretische Konstruktionsaufgabe, die
man mit demselben Recht auch umgekehrt aufstellen könnte. Denn
es ist ja von theoretischem Gesichtspunkt aus einerlei, welche man
von den beiden Möglichkeiten wählt: 1) «gegeben ist eine beliebige
Der mathematische Begriff &övayıs und das sog. "geometrische Mittel" 243
in der Tat über das llächengleiche Rechteck hindurch. Das muss
selbstverständlich bei jeder Flächenberechnung einer beliebigen
geradlinigen Figur so gemacht worden sein: zuerst wurde die betreffende geradlinige Figur in ein Rechteck umgerechnet, und dann
bekam man das Flächenmass (= den Quadratwert) des Rechtecks
durch eine weitere Umwandlung in ein Quadrat. — Deswegen glaube
ich also, dass die älteste mathematische Gebrauchsart des Zeitwortes
èivacda mit jener stereotypen Wendung verbunden war, die ich
ist », oder: 2) «gegeben ist ein Quadrat, und man konstruiere eine
oben (S. 236) folgendermassen paraphrasierte: «eine gegebene Strecke
(edSeta) ist (wenn man sie quadriert), gleichwertig (isov Sbvatat) dem
beliebige geradlinige Figur, die dem vorigen Quadrat gleich ist ».
folgenden Rechteck (tH repieyopévp) ... ».
geradlinige Figur, und man konstruiere ein Quadrat, das ihr gleich
Aber wie kommt es dann, dass bei EUKLID doch nur die Variante 1),
und nirgends die Variante 2), behandelt wird? — Ich glaube, der
sehr einfache Grund hierfür ist die Tatsache, dass die «rein theoretische Konstruktionsaufgabe » in ihrem Ursprung doch auf etwas
Praktisches zurückgeht. Denn es kam in der Praxis so gut wie nie
vor, dass man ein Quadrat in eine andere ihm flächengleiche geradlinige Figur hätte umgestalten müssen. Der praktische Zweck
+ %*
*
Es wird sich lohnen, in einem kurzen Ueberblick auch noch
jene wichtigsten Sätze zusammenzustellen, die bei EUKLID den eben
behandelten Satz (17.14) vorbereiten. — Vor allem muss hier der
Satz Elem. 1.45 erwähnt werden, der in dem ersten Schritt der Lödes Flächenmasses, und bei dem Quadrat ist das Flächenmass mit
sung unserer Aufgabe auch unmittelbar benutzt wird: wie man
nämlich ein flächengleiches Rechteck konstruiert. In EukLıps Forder Seite schon gegeben. — Aber umso häufiger kam in der Praxis
mulierung heisst dieser Satz:
dieser Flächenumgestaltungen war ja meistens doch die Berechnung
auch folgendermassen formulieren können: « Wie berechnet man den
1.45: «Ein einer gegebenen geradlinigen Figur gleiches Parallelogramm in einem gegebenen geradlinigen Winkel zu errichten ».
— Man sieht also, EuKLID erstrebt nicht nur eine Art «abstrakte
Theorie», sondern immer auch den höchsten erreichbaren Grad der
Allgemeingültigkeit. Darum redet er nicht einfach von einem Rechteck,
sondern lieber von einem « Parallelogramm in einem gegebenen geradlinigen Winkel »; das Rechteck, das für die Flächenberechnungsprobleme als mittlerer Schritt einzig und allein in Betracht kommt,
Quadratwert einer beliebigen geradlinigen Figur (= Fläche)? ».
wird nur als Spezialfall miteinbegriffen.
der andere Fall vor, dass man nämlich das Flächenmass einer beliebigen geradlinigen Figur berechnen musste. In diesem Fall hatte
man gewöhnlich ein Quadrat zu errichten, das der betreffenden
geradlinigen Figur gleich ist. — Ich glaube also, dass unser Satz
(Elem. II.ı4) eigentlich eine in theoretische Form umkleidete Flächenberechnungsaufgabe ist. Hätte EUKLID nicht um jeden Preis
eine Art «rein abstrakte Theorie » erstrebt, so hätte er unseren Satz
gestellten Aufgabe. Denn das gesuchte Quadrat, das der gegebenen
In der Lösung des zuletzt zitierten Satzes (1 .45) werden die
ihm unmittelbar vorangehenden Sätze: /.42 und 1.44 benutzt. Diese
geradlinigen Figur gleich ist, wird hier in zwei Schritten konstruiert.
heissen:
Noch lehrreicher ist für uns die Lösung der in Satz Elem. 11.14
Zuerst errichtet man ein flächengleiches rechtwinkliges Parallelogramm, also ein Rechteck (ouvestétw yap th edbuypduum ¿soy mapaddn-
Aéypauuov ópdoywv:ov), und dann wird das Rechteck selbst in ein
Quadrat umgestaltet. Man erreicht also die gesuchte Quadrat-Form
1.42: «Ein einem gegebenen Dreieck gleiches Parallelogramm
in einem gegebenen geradlinigen Winkel zu errichten ».
1.44: «An eine gegebene Strecke ein einem gegebenen Dreieck
gleiches Parallelogramm in einem gegebenen geradlinigen Winkel anzulegen ».
(54) Der deutsche Text der Zitate aus EukLios « Elementen » immer
nach C. THAER, Die Elemente von Euklid, I-V (Ostwald’s Klassiker der Exakten
Wissenschaften 235, 236, 240, 241, 243), Leipzig 1933-1937.
Natürlich werden auch diese beiden Sätze ihrerseits auf noch
einfachere und ihnen verwandte vorangehende Sätze gebaut. Wollte
ich nun alle diejenigen Theoreme und Aufgaben aufzählen, die mehr
Page 16
View in PDF(opens in a new window)Der mathematische Begriff divapi und das sog. ‘geometrische Mittel’ 245
oder weniger als Antezedenzien des Satzes JI .I4 gelten
dürften, so
kénnte ich beinahe das ganze erste Buch der «Elemen
te » namhaft
hatte EukLıp — nach der Erklärung von TH. L. HEATH — in diesem
Satz (17.14) die Lösung einer noch übrigbleibenden Aufgabe — nämlich die Lösung dessen, wie man eine beliebige geradlinige Figur in
ein Rechteck, und dieses in ein flächengleiches Quadrat umwandelt —
machen. Denn schliesslich besteht ja doch gerade
daraus EUKLIDS
«systematischer Aufbau der Geometrie »: jede
These wird auf ihr
vorangehende Thesen gebaut. Nun will ich
jedoch gar nicht in diesem
Sinne einen sog. « vollständigen Stammbaum » unseres
zusammenstellen.
Ich berufe mich
anstatt
dessen
sozusagen «nachgeholt » (55).
nur auf solche
Grade doch irreführend ist. Denn es handelt sich ja im Falle des
Satzes 11.14 keineswegs bloss um eine «nachträgliche Ergänzung »,
also nicht um eine Art «Supplement ». Im Gegenteil! Dieser Satz
sind nun — im Anschluss an die vorhin genann
ten — noch die
folgenden:
(II.ı4) ist gerade die Vollendung und die Krönung einer ganzen Serie
der ihm vorangehenden Sätze. Das heisst: alle Sätze der Flächen-
1.41: «Wenn ein Parallelogramm mit einem
Dreieck dieselbe
Grundlinie hai und zwischen denselben Parallelen
liegt, ist das Parallelogramm doppelt so gross, wie das Dreiec
k ».
1.38: «Auf gleichen Grundlinien zwischen denselb
en Parallelen
gelegene Dreiecke sind einander gleich ».
«Auf derselben Grundlinie zwischen denselben Parallel
gleichheit und Flachenumgestaltung hatten ihren Sinn — mindestens
in der Praxis — eigentlich nur im Hinblick auf unseren Satz (II -14),
also darin, dass sie diesen Satz vorbereitet hatten. — Fúr diese
letztere Behauptung von mir spricht die folgende Ueberlegung.
Man kann jene Gruppe der Sátze, von denen ich oben neun
auch zitiert habe, als die «Lehre von der Fláchengleichheit und
en
gelegene Dreiecke sind einander gleich ».
Flächenumgestaltung » charakterisieren. Der Name « Flächenumgestaltung » (transformation of areas, HEATH) ist jedoch nur eine moderne
Umschreibung, die aus der Euklidischen Behandlung dieser Sätze
1.36:
«Auf gleichen Grundlinien zwischen denselben Paralle
len
gelegene Parallelogramme sind einander gleich
».
1.35: «Auf derselben Grundlinie zwischen denselb
en Parallelen
nachträglich abstrahiert wurde. Ich glaube aber, dass jene ursprüngliche antike Bezeichnung, die man für dieselben Sätze in den vorgelegene Parallelogramme sind einander gleich
»,
Ueberblickt man nun jene neun Euklidischen Sätze,
die in diesem Kapitel zitiert wurden (I.35, 36, 37, 38,
41, 42, 44, 45 und
II.14), so sieht man sofort, dass diese alle ohne
Ausnahme das Problem der Flächengleichheit bzw. dasselbe der
Flächenumgestaltung
behandeln. Natürlich könnte man den Kreis dieser
|
Ich glaube nun, dass diese Erklärung bis zu einem gewissen
früheren Sätze bei EUKLID, in denen die Proble
me schon deutlich
auf das Problem unseres Satzes nach vorne hinweis
en, Solche Sätze
1.37:
|
Satzes (17.14)
euklidischen Zeiten benutzt haben mag, viel konkreter war; sie hiess
nämlich wohl: tetpxywwonés. Natürlich passt dieser Name vor allem
eben auf denjenigen Satz (Eucl. Elem. 11.14), in dem ich gerade die
Vollendung und die Krönung der ganzen « Lehre von der Flachenwandte Thesen, die man ebenfalls noch in
den vorigen Kreis der
gleichheit und Flächenumgestaltung » erblicken möchte.
|
Es braucht hier wohl nicht betont zu werden, eme wie grosse
Rolle die beiden Termini tetpayovizery und terpaywvopós schon in
der griechischen Mathematik des 5. vorchristlichen Jahrhunderts
gespielt hatten. Wie bekannt, war ja die « Quadratur des Kreises »
jetzt nur diejeni-
(griechisch: 6 tetpaywvopds tod xúxlou) ein sehr populäres wissen-
Sätze auch noch
erweitern. Nicht bloss die aufgezählten neun
Theoreme beschäftigen
sich mit Flächengleichheit und Flächenumges
taltung. Es gibt bei
EUKLID in dem I. und II. Buch der «Elemente»
auch andere ver-
Sätze einbeziehen könnte. Aber ich wollte von diesen
gen namhaft machen, die sozusagen unmitt
elbar mit jenem Satz,
Elem. II.ı4, zusammenhängen, von dem wir
ausgegangen waren. —
schaftliches Problem schon gegen das Ende des 5. Jahrhunderts (56).
Ich muss in diesem Zusammenhang eher nur eine andere Seite der
den übrigen Sätzen
Frage mit Nachdruck hervorheben. Man versteht nämlich unter
Es fragt sich nun: welche Rolle und Bedeutung unter
der Flächengleichheit und Flächenumgestaltung
unserem Satz, Elem.
II.14, zukommt?
terpaywvicuós gewöhnlich nur den terpayuviopds xbxAov, d. h. also die
quadratura circuli, nachdem gerade dieses Problem wegen seiner
Tu. L. HEATH erklärte in seinem Kommentar
den Satz II.14
für eine Art « nachträgliche Ergänzung », sozusa
gen für ein « Supple-
(55) « The Thirteen Books... I 410: « As... are supplementary to... A
14 completes the theory of transformation of areas SO far as it can be carrie
out without use of proportions... The problem still remaining unsolved etc. ».
ment ». Nachdem nämlich alle übrigen Aufgab
en der Flächenumgestaltung in
verschiedenen vorangehenden
Sätzen
schon gelöst waren,
(56) Vgl. z.B. B. L. v. d. WAERDEN, op. cit. 214 ff.
Page 17
View in PDF(opens in a new window)Unlôsbarkeit so beriihmt geworden ist. Aber die beiden Ausdrücke
tetpaywvitetv
und tetpaywwoués haben an und für sich mit dem
Kreis selbstverständlich gar nichts zu tun. Ja, es war anfänglich
überhaupt auch nicht der Kreis jene Figur, die man « viereckig machen », « quadrieren » wollte. Auch die Aristoteles-Stelle (De anima
II. 2, 413 a 19), die ich in dem nächsten Kapitel ausführlicher besprechen werde, ist ein klarer Beweis dafür, dass man den tetpaywviopég
auch
auf beliebige geradlinige Figuren,
besonders auf Rechtecke
bezog. Man verwandelte nämlich alle geometrische Figuren (alle Flächen) in Quadrate — d. h. man machte sie viereckig (tetpxywvitew) —,
weil man ihren «Quadratwert »
(öbvauıc) bestimmen, also ihr Fláchenmass berechnen wollte. Und nachdem man schon sehr gut wusste,
wie, auf welche Weise sich alle geradlinigen Figuren in Quadrate
umgestalten lassen (vgl. Elem. 17.14), erst dann fragte man sich: ob
sich nicht auch der Kreis in ein Quadrat umwandeln liesse, denn
man wollte auch bei dem Kreis den « Quadratwert » wissen (57),
d.h. man wollte auch sein Flächenmass berechnen.
Ich vermute also, dass jene Sätze der Flächengleichheit und
Flächenumgestaltung, die in den beiden ersten Büchern der Euklidischen « Elemente » in rein theoretischer Form erscheinen, eigentlich auf die praktische Aufgabe des tetpæywvioués zurückgehen.
Ursprünglich hat man diese Sätze bei der Flächenberechnung, d.h.
bei dem Bestimmen des Quadratwertes (ô6vaus) der verschiedenen
Flächenfiguren benutzt. Als « Terminus anie quem » für diese Sätze
bei EUKLID gelten also jene aus dem 5. Jahrhundert bekannten
(57) Es sei hier nur nebenbei noch Folgendes erwähnt: ich hoffe oben
gezeigt zu haben, dass der geometrische Terminus für den 4 Quadratwert »
(öövzpız) aus der Finanzsprache entlchnt wurde. Nun ist es wohl kein Zufall,
dass in dem Bericht des SimpLicius über die Kreisquadratur des ANTIPHON
auch noch ein anderer sehr bezeichnender Ausdruck der Finanzsprache
gebraucht wird: öunaväv. Der « Wert des Kreises in Quadrat » (= sein Flächenmass)
wird durch die eingeschriebenen Polygone «verausgabi », «verbraucht » (vel.
dazu F. Rupio, op. cit. Index s. v.). Man sagt nämlich das Verbum Saravàv
in der Umgangsprache von «Geld ausgeben». — Dagegen ist der moderne
Ausdruck, den man in diesem Zusammenhang bei so gut wie allen Historikern (z.B. auch in O. BECKERS ausgezeichnetem Büchlein: « Das mathematische Denken der Antike », Göttingen 1957 S. 93) wiederfindet: « Exhaustion ».
Nun ist aber dieser letztere Ausdruck, leider, irreführend. Denn man sagt ja
das lateinische Verbum exhaurire vor allem von « Flüssigkeiten, bes. Wasser
schöpfen, ausschöpfen». Gewiss, heisst auch das griechische Zeitwort danaväv
« erschöpfen », aber nie von Flüssigkeit und Wasser, immer nur von Geldausgaben
gesagt!
Der mathematische Begriff Súvapus und das sog. ‘geometrische Mitiel’ 247
Versuche, die sich schon das Quadrieren des Kreises zum Ziel gesetzt
hatten (also ANTIPHON, HIPPOKRATES von Chios u. a. m.).
*
*
*
Am Ende dieses Kapitels möchte ich nachträglich noch auf eine
interessante Tatsache aufmerksam machen. — Die Ausdrücke tetpayoviçav und terpaywvionös kommen nämlich in den Euklidischen
« Elementen » überhaupt nirgends vor. Aber dasselbe gilt — mindestens bis zu einem gewissen Grade — auch für die Ausdrücke ¿úvazsda:,
Sivapis und Suvapévn. Denn diese letzteren werden zwar in dem X.
Buch der « Elemente », aber eben ausschliesslich nur in dem X. Buch
und sonst nirgends in den « Elementen », benutzt. — Nun kann man
die Tatsache — dass nämlich das X. Buch der « Elemente », was die
Termini Sbvacdo, dóvapis und Svvapévy betrifft, eine Ausnahme
bildet — sehr leicht folgendermassen erklären. Dieses Buch behandelt
die sog. « Theorie der Irrationalitäten », und diese Theorie ist von
den verhältnismässig neuen Begriffen: Suvape obppetpos | bzw.
Svvdper dobyperpos (quadriert kommensurabel oder quadriert inkommensurabel) untrennbar. Auf der anderen Seite kann man jedoch
diese Begriffe in dem Griechischen anders auch gar nicht ausdrücken.
Der neue Begriff des « quadriert kommensurablen bzw. quadriert inkommensurablen » hat also — meiner Ansicht nach — auch den Gebrauch
der sonst verpönten Ausdrücke ¿úvacdar, Güvaue und ôvvauéyn nach
|
sich gezogen.
Ich vermute nämlich, dass die eben aufgezählten Ausdrücke
(tetpaywvitev, terpaywvoyós, Sivacbat, Sbvauts, Svvapevy) alle von
EukLID bewusst und mit Absicht vermieden wurden. Denn diese alle
waren ja doch Termini der praktischen, sozusagen der angewandten
Geometrie (58). Und selbstverständlich wollte jener EUKLID, der
eine Art «rein abstrakte Theorie» erstrebt hatte, die Ausdrücke
der angewandten Wissenschaft möglichst vermeiden.
Y,
Die vorangestellten Betrachtungen haben einen kurzen Einblick in jene voreuklidische Geometrie ermöglicht, deren Problem
das «Quadrieren» (terpaywvißeıv) und das Berechnen des « Quadratwertes », d.h. also das Berechnen der Sivapts war. Denselben
« angewand(58) Man vgl. zu der antiken Bewertung der «reinen » und der
VII 525 C ff.
ten» Wissenschaft unter vielen anderen z. B. PLATON, Resp.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)Einblick kénnen wir jetzt
mindestens
Der mathematische Begriff Sivayr und das sog. ‘geometrische Mittel 249
in
einer
Richtung
noch
vertiefen.
Es
ist
noch vermeiden wollte. Darum konstruierte er einen neuen Beweis
für den alten Satz 11.14.
nämlich
schon
längst
bemerkt
worden,
dass
_
Da ich glaube, dass die betreffende Aristoteles-Stelle fiir uns
jene
Konstruktion, die in dem zweiten Schritt der Lösung der Euklidischen Aufgabe //.r4 benutzt wird, auch noch ein zweites Mal in
EUKLIDs « Elementen » vorkommt.
— auch iiber die eben zusammengefasste Feststellung von J. L.
HEIBERG hinausgehend — sehr aufschlussreich wird, will ich sie hier
Wie ich oben darauf schon hingewiesen hatte, wird der Satz
11.14 («ein einer gegebenen geradlinigen Figur gleiches Quadrat zu
ARISTOTELES behauptet nämlich an der fraglichen Stelle (61),
dass das Definieren in zwei verschiedenen Formen möglich wäre.
errichten +) in zwei Schritten gelöst; zuerst wird ein der gegebenen
Figur gleiches Rechteck konstruiert, und dann — in dem zweiten
Schritt der Lösung — verwandelt man das Rechteck in ein flächendefiniert — gleich auch das Wesentlichste an dem zu definierenden
gleiches Quadrat. — Es handelt sich nun jetzt um jene Konstruktion,
etwas eingehender behandeln.
Entweder würde man den Begriff, der zu definieren ist, einfach nur
seinem Sinne nach beschreiben, oder man könnte — indem man
Begriff namhaft machen. Sein Beispiel für diese zwiefache Art des
deren man sich in dem zweiten Schritt bedient, als das Rechteck in
Definierens wird: wie man den Begriff « Quadrieren» erklärt. Die
Quadrat zu verwandeln ist. Dieselbe Konstruktion nämlich, mit der
hierbezüglichen Worte heissen in genauer Paraphrasc:
man hier diese Aufgabe löst, kehrt bei EUKLID in dem VI. Buch
der « Elemente » (V/.13) als Lösung der folgenden Aufgabe wieder:
«Zu zwei gegebenen Strecken die Mittlere Proportionale zu finden»
(Gio Godetcwy edtermy
peony dvéloyov nposeupeiv). Ein Unterschied
liegt nur in der Beweisführung, d.h. also in der Begründung der
Richtigkeit der Konstruktion vor. Im VI. Buch wird der Satz mit
Hilfe der Proportionenlehre bewiesen, während dieselbe Proportionenlehre in dem II. Buch noch konsequent vermieden wird.
Es fragt sich nun, welcher wohl von den beiden Beweisen für
dieselbe Konstruktion der ältere sei? — Erleichtert wird das Beantworten dieser Frage dadurch, dass eine beiläufige Bemerkung des ARISTO-
TELES, die in seinen Werken auch zweimal wiederkehrt (59), sich
gerade mit unserem Satz (17.14) zu beschäftigen scheint. — Nun hat
J. L. HEIBERG, der die hierbezügliche Aristoteles-Stelle behandelte,
die Frage — zweifellos richtig — folgendermassen gelöst (60): offenbar
« Gewöhnlich sind die Definitionen Schlusssätzen ähnlich, 2. B.:
was ist das Quadrieren (olov tí ¿at 6 tetpaywwopé;) — Das Gleichsein eines rechtwinkligen gleichseitigen (Vierecks) einem Rechteck
(td ioov étepopimer ópdoyómov elvat Loömieupov) (62). Eine solche
Definition ist ein Schlusssatz. — Wer aber behauptet: Quadricren
sei das Auffinden der Mittleren Proportionale, derjenige macht auch
den Grund der Sache namhaft » (6 32 Aéywv, dt: &oriv 6 terpaywviopòs
tane ebgeais, Tod mpdypatos Ayer 1d aitıov).
tes et dieser Stelle auch noch das Folgende aus
i "Za e
der Metaphysik (I 996 b 21): «Da es nämlich ein Wissen von einem
und demselben Gegenstand in mehrfacher Bedeutung gibt, so schreiben
wir demjenigen ein Wissen in héherem Sinne zu, der erkennt, was
der Gegenstand ist... z.B. was ist das Quadrieren: dass es namlich
das Auffinden der Mittleren Proportionale bedeutet » (olov ti éott
To zerpaywvllerv Bu péons ebpeorc).
kennt ARISTOTELES den Satz Eucl. II.r4 noch mit jener Beweisführung, die wir jetzt als Beweisführung des Satzes Eucl. VI.13
lesen. Dieser muss also der ursprünglichere Beweis sein, während
« Aristoteles: Ueber die Seele » übers. v. W. THEILer, Akademie-Verlag. Berlin,
jener andere, den man bei EukLiD anlässlich des Satzes 17.14 ken-
1959.
nenlernt, erst eine nachträgliche Aenderung ist. Es scheint nämlich,
dass EuKLID — oder jener Vorgänger von ihm, der die Sätze im II.
Zweifel, wie der Verfasser den tergaywviouös (= das Quadrieren) verstand.
Quadrieren ist nämlich — nach seinen Worten —, wenn man ein Rechteck
(Écegéunxec) in ein ihm flächengleiches Quadrat (09doyóviow loörkevgov) um-
Buch der « Elemente » in ihrer gegenwärtigen Reihenfolge zusammengestellt hatte — den Gebrauch der Proportionenlehre bei diesen Sätzen
(59) De anima II. 2,413 a 19 und Metaph. 996 b zı.
(60) J. L. HeiBerG, Mathematisches bei Aristoteles (vgl. oben Anm. 23)
S. 20; vgl. TH. L. HEATH, The Thirteen Books... I 410.
(61) Siehe oben Anm. 59. — Man vgl. zu der folgenden Paraphrase auch
S. 26 und
o) Man pa
109.
a
aus dem Wortlaut des Textes natürlich ohne jeden
wandelt. Genau so wird diese Aufgabe auch bei EuxLID (Elem. II. 14) gelöst.
Dagegen, dass hier zum Teil andere Termini als bei EUKLID benutzt werden,
hätte man noch kaum etwas einzuwenden. Aber umso störender wirkt die
nachlässige, ja beinahe unsaubere Formulierung des zitierten Satzes selber.
Derjenige, der so formuliert, hatte sehr wenig Sinn für das Mathematische,
ja überhaupt für die Form selber!
Page 19
View in PDF(opens in a new window)Arpdd Szabó
Man erfahrt also aus den eben angefiihrten Worten des ARISTO-
Man weiss, dass das Altertum nicht weniger als elf verschiedene
TELES die folgenden drei wichtigen Tatsachen:
Mittel gekannt hatte (64); aber wirklich alt waren von diesen eigentlich
I. Unter « Quadrieren » (tetexywvitew) verstand man gewöhnlich gar nicht das « Quadricren des Kreises », sondern
— wie ich es
nur jene drei Mittel, die auch schon für die Pythagoreer des 5.
vorchristlichen Jahrhunderts bezeugt sind. Unsere älteste Quelle
über die Mittellehre der Pythagorcer ist ein Fragment des ARCHYTAS,
das in dem Kommentar des PorPHyRIos (zu der Harmonielehre des
PTOLEMAIOS) erhaltenblieb (65). Der erste Satz dieses Fragmentes
auch schon in dem vorigen Kapitel betont hatte —
einfach auch das
« Viereckig-Machen von geradlinigen Figuren ».
2. Man hat das Quadrieren der geradlinigen Figuren
immer
über die Rechteckform hindurch erreicht. Das heisst:
alle geradlinigen
Figuren wurden beim Quadrieren zunächst in ein flächeng
leiches
Rechteck umgeändert, und erst danach hat man das
Rechteck selbst
quadriert. Natürlich konnten wir diese Tatsache
oben auch schon
aus dem Euklid-Text (Elem. 17,14) erschliessen; aber
der vorige Schluss
wird jetzt durch das ausdrückliche Zeugnis des ARISTOT
ELES nur
noch mehr erhärtet. Nur deswegen konnte man die beiden
Begriffe,
« Quadrieren » und « Aufinden der Mittleren Proporti
onale », so eng
miteinander verbinden, weil bei dem Quadrieren notwendi
gerweise
immer auch von einem Rechteck die Rede war. Keine
andere Flächenfigur, nur das Rechteck, wird dadurch quadriert, dass
man die
Mittlere Proportionale der beiden Seiten sucht.
3. Man bediente sich bei dem Quadrieren des Rechtec
ks offenbar jenes Satzes, den man in dem VI. Buch der Euklidis
chen « Elemente» in der folgenden Form wiederfindet:
VI.17: «Stehen drei Strecken in Proportion, so ist das
Rechteck aus den äusseren dem Quadrat über der mittleren
gleich » (av tpeis
ebdetat dvéloyey Wow, to ind tav dxpwy nepteyéuevoy
dpdoywvev isav
heisst:
«Es gibt drei Mittel in der Musik (pioxı GE evu tpis ta povotxa),
einmal das arithmetische, zweitens das geometrische, und drittens das
entgegengesetzte, das auch als das harmonische bezeichnet wird ».
Nun meint ARISTOTELES in unserem vorigen Text von den drei
Mitteln des ARCHYTAS offenbar das geometrische. — Aber woher haben
die beiden ersten Mittel, die auch heute noch oft in derselben Form
wie bei ARCHYTAS erwähnt werden, ihre merkwürdigen Namen:
«arithmelisches Mittel» und «geometrisches Mittel»? — Ich glaube,
man kann diese Namen sehr leicht erklären, wenn man an Folgendes
denkt:
I. Das sog. arithmetische Mittel ist — sowohl nach der Schilderung des ARCHYTAS, wie auch im Sinne der auch heute noch üblichen
Praxis, dieses Mittel zu finden — gar nichts anderes als: die Mitte
zwischen zweien Zahlen. Der griechische Name: péoy ägiduntrt; wird
also wohl einfach nur «Mitte zweier
Zahlen», d.h. also «Mitte
zweier &pidpoi » heissen.
2. Anders erkläre ich den Ursprung der Benennung uéon yew-
Eat TH and tio LÉOM tetoxywve).
wetorxy). Man hat nämlich diese Art Mittel — nach dem vorigen Be-
Nach dem Zeugnis des ARISTOTELES wurde also ein
Rechteck
mit den Seiten a und 5 auf dem Wege quadriert, dass
man die Mittlere
richt des ARISTOTELES — bei dem Quadrieren, also bei der Flächenberechnung benutzt. Ja, so wichtig war die Rolle von dieser Art
Mittel in dem Quadrieren, dass nach ARISTOTELES das Wesentlichste
Proportionale (x) der beiden Seiten suchte. Denn wenn
a:x = x: b,
dann gilt im Sinne des zuletzt zitierten Satzes (Elem. VI.17)
die
Gleichung: x? = ab. — Nun heisst die « Mittlere Proporti
onale » bei
EUKLID: 4 péoy dvéhoyov (63). Aber der oben
zitierte AristotelesText bedient sich anstatt dieses Namens (uéoy &v&Aoyov
) einer einfacheren Ausdrucksweise; das « Auffinden der Mittleren Proporti
onale »
heisst nämlich bei ARISTOTELES: néons ebpeors. Der
aufmerksame
Leser wird durch diesen letzteren Ausdruck —
péon — an die antike
Mittellehre erinnert.
(63) Leider, kann ich hier auf das sprachliche Erkläre
n dieses wichtigen
Ausdruckes nicht eingehen. Ich verweise einstweilen
nur auf meinen vorbereitenden Aufsatz:
237-245.
« Analogia» in Acta Ant. Acad.
Scient. Hung. X.
1962
des Quadrierens gerade in dem Auffinden der Mitte (néons ebpeotç)
bestand. Aber welche Form der Flächenberechnung mag wohl die
älteste gewesen sein? — Nun diese älteste Form war bei den Griechen
zweifellos das Feldmessen, die ionische yewperpía selbst — in dem
ursprünglichen Sinne dieses Wortes. Das « geometrische Mittel » mag
also seinen Namen wohldaher haben, dass diese Art Mittel besonders
bei dem Feldmessen, in der yewuetpla benutzt wurde. — Der zweifellos
alte Name: «geometrisches Mittel» scheint also aus derselben Zeit
(64) Paut-Henri MicHEL, De Pythagore à Euclide, Paris 1950 365-411
(Les médiétés); vgl. dazu auch K. REIDEMEISTER, op. cit. 24 ff.
(65) PorPH. in Ptol. harm. p. 92 (Dürıng) - H. DIELs-W. Kranz, Fragmente der Vorsokratiker 1? Archytas B fr. 2.
Page 20
View in PDF(opens in a new window)zu stammen, wie das verwandte tetpaywviCetv und divapis, also aus
der Zeit der noch vorpythagoreischen yewustpta. Später, zur Zeit des
Pythagoreers ARCHYTAS, rechnete man natiirlich auch schon das
«geometrische Mittel» zu den musikalischen Mitteln.
*
* ok
Am Ende dieser Arbeit môchte ich hier noch Folgendes mit
Nachdruck hervorheben. Ich habe oben den wichtigen Euklidischen
Satz, Elem. II.14, als den Satz des tetpaywvwopés erklärt. Er wurde
— nach dem Zeugnis des ARISTOTELES — ursprünglich mit der Hilfe
des geometrischen Mittels gelöst, und man benutzte ihn — meiner
Vermutung nach — zu der Bestimmung des Quadraiwertes beliebiger
geradliniger Flächenfiguren. — Nun soll aber derselbe Satz — nach
manchen modernen Erklärungen (66) — die Lösung der quadratischen Gleichung x? = ab behandeln. — Man wird selbstverständlich
nicht bestreiten können, dass das algebraische Aequivalent unseres
Satzes in der Tat die eben zitierte Gleichung ist. Aber ich finde,
dass der Hinweis auf die algebraische Form in diesem Fall dennoch
irreführend ist. Denn sowohl EUKLIDs Satz (Elem. II.ı4), wie auch
die oben behandelten Begriffe: Gbvauts, tetpaywnopés und uéon yewpezprx — sind ja doch rein geometrischen Ursprungs.
ÁRPÁD SzaBé
(66) Vgl. oben Anm. 54 (Bd. I. S. 86) und TH. L. HEATH, The Thirteen
Books... I 410.
IN. STAD.
wa _ COMORE
GENNARO
PERROTTA