Das Problem des weiblichn Semens in der antiken und mittelalterlichen Medizin

Author
Gerlach, W.
Published in
Sudhoffs Archiv fur Geschichte der Medizin
Year
1938
Subject
REPRODUCTION
Language
Deutsch
Category
C9 Medicine
Archive number
3617

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SEAT ea GERLAC A, Ww Das Problem des „weiblichen Samens” in der antiken und mittelalterlichen Medizin Author(s): Wolfgang Gerlach Source: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Bd. 30, H. 4/5 (Februar 1938), pp. 177-193 Published by: Franz Steiner Verlag Stable URL: http://www.jstor.org/stable/20773867 Accessed: 30/10/2013 15:49 Y our use of the JSTOR archive indicates your acceptance of the Terms & Conditions of Use, available at http://www jstor.org/page/info/about/policies/terms jsp JSTOR is a not-for-profit service that helps scholars, researchers, and students discover, use, and build upon a wide range of content in a trusted digital archive. We use information technology and tools to increase productivity and facilitate new forms of scholarship. For more information about JSTOR, please contact support @jstor.org. Franz Steiner Verlag is collaborating with JSTOR to digitize. preserve and extend access to Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschafien. STORE http:/!www.jstor.org This content downloaded Tram 199 87 31 920 10m Wed 300192013 15-49-13 PM

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Sudhoffs Archiv FOR GESCHICHTE DER MEDIZIN UND DER NATURWISSENSCHAFTEN Band 30, Heft 4 u. 5 Februar 1938 Das Problem des „weiblichen Samens“ in der antiken und mittelalterlichen Medizin Von Studien-Assessor WOLFGANG GERLACH, Dresden 1. Neben einer Fülle von Beobachtungen und Vermutungen, die die moderne Medizin billigen und ausbauen konnte, birgt die antike Medizin in der auf uns gekommenen Form eine Reihe von unhaltbaren, meist auf bloße Spekulationen fundierte Theorien aufgebauten und nicht experimentell Lehren, die einer Überprüfung durch die moderne Medizin nicht standhielten oder von ihr grundlegend umgedeutet und ausgebaut werden mußten. Wir haben dabei zwischen einmalig auftretenden, nur bei einem Autor nachweisbaren Theorien zu nicht nur einer unterscheiden und zwischen Generation, sondern ganzen solchen, die Kulturkreisen zu einem vielfach erörterten, immer schwankenden, aber stets wieder aufgegriffenen Geistesgut wurden. Eins von diesen, die gesamte Antike und einen Teil des Mittelalters, in gewissem Sinne sogar die Neuzeit beherrschenden Problemen ist die Theorie eines ,,weiblichen Samens‘, die bereits in den frühesten Werken griechischer Medizin erörtert wird und die gesamte antik-mittelalterliche Embryologie entscheidend beeinflußt hat. Das genannte Problem gewinnt an Interesse noch dadurch, daß es weit über den griechisch-römischen Kulturkreis hinaus in den Osten verweist und bereits in den ältesten, durchaus nicht etwa rein medizinisch orientierten Schriften der indischen Vorzeit nachzuweisen ist. Inwieweit hier ein Übergreifen östlicher Lehren in die älteste griechische Medizin anzunehmen ist, läßt sich nicht sagen; die Feststellung der Tatsache einer Parallele muß allein genügen — liegt doch zwischen der ältesten in Frage kommenden indischen Schrift und dem ersten griechischen Autor immerhin ein Zeitraum von rund einem Jahrtausend. Bemerkenswert bleibt, daß in den übrigen östlichen Kulturkreisen — dem babylonisch-assy12*

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rischen wie dem agyptischen — Parallelen bis heute nicht festzustellen sind. Das älteste schriftlich festgelegte medizinische Gut des indischen Kulturkreises gehört keinen Einzelwerken an, sondern findet sich verstreut in der umfangreichen Veda-Literatur, zu der unter anderem auch der um 1500 v.Chr. entstandene Rig-Veda gehört. Bereits hier, im siebenten und achten Abschnitt dieses Werkes, wird bei der Behandlung embryologischer Fragen auch der weibliche Samen!) erwähnt und als selbstverständlich vorausgesetzt; ist doch die Befruchtung nichts anderes als eine Folge der Vermischung des männlichen mit dem weiblichen Samen. In die gleiche Periode, in der heutigen dem Fassung freilich erst aus zweiten vorchristlichen Jahrhundert stammend, gehört auch das Gesetzbuch des MANu, das Manava Dharma Shastra?), das ebenso wie der Rig-Veda mit der Theorie des wS vertraut ist?). Die bescheidenen medizinischen Anfänge der vedischen Periode wurden in der folgenden brahmanischen ausgebaut und erweitert und von dem alten Gedankengut vieles übernommen. Wenn auch hier die Annahme des wS nachzuweisen ist, so ist die Auffassung wohl berechtigt, schon für den Kreis der indischen Medizin die Existenz eines wS nicht als einmalige, besonders auffällige Theorie, sondern als bestimmte, jederzeit für richtig angenommene Gegebenheit zu bezeichnen. Als Beispiel der brahmanischen Anschauung dient uns das Dharma Shastra des YAJNAVALKYA‘), dessen Abfassungszeit allerdings nicht genau zu datieren ist und das zum Teil vielleicht erst in das zweite nachchristliche Jahrhundert einzureihen ist*). Bleibt bei dem geringen Umfang der indischen Quellen die Darstellung der indischen Embryologie sehr fragmentarisch, so gibt der nun anschließende griechisch-römische Kulturkreis ein um so reicheres Material, da die zahlreichen Quellen eine genaue Entwicklung unserer Theorie ermöglichen, die mit all ihren Wandlungen bis zum Übergang in die Moderne verfolgt werden kann. 2. Den Beginn der griechischen Wissenschaft bilden die Werke der als Naturphilosophen oder Vorsokratiker bezeichneten Männer, 1) Im folgenden mit wS abgekürzt. 2) Sacred Books of the East 25; englisch 1886. 3) Vgl. HAESER, Geschichte der Medizin, Band I, S. 11. *) Sanskrit — deutsch von A. F. STENZLER, London 1849. 5) Vgl. Buch 111, Nr. 72—109.

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die — auBerlich noch von der Poesie abhangig — die ersten Fundamente der einzelnen wissenschaftlichen Zweige legten und ihre Anschauungen in gebundener Form, den großen Lehrgedichten, niederlegten. Die von allen behandelte Frage nach dem ersten und letzten Urgrund alles Seins fiihrte zwangslaufig durch das Streben nach der Ergründung des Kosmos auch zur Erforschung des Einzelwesens und seiner im Menschen am vollendetsten ausgeprägten Form, damit also neben kosmogenetischen auch zu embryologischen Fragen und Problemen, die von dem einzelnen je nach der Wahl des Urelementes verschieden beantwortet wurden. So gering der Umfang der Fragmente dieser Vorsokratiker ist!) — bleiben doch die Theorien eines ZENON, HIPPON und ANAXAGORAS bis auf kurze Andeutungen bei PLUTARCH (plac. phil. V 5) auf diesem Gebiete für uns fast völlig im Dunkeln —: die Zeugungstheorien wenigstens einiger von ihnen sind erhalten und bilden den Grundstock der folgenden großen Entwicklung. Am Anfang unserer Reihe steht PARMENIDES mit seinem großen Lehrgedicht über die Natur, in dem er die Anschauung vom männlichen und weiblichen Samen vertritt (Fragm. 18). Beiden Geschlechtern wurde von der Natur Samen verliehen (,,femina virque | simul Veneris cum germina miscent‘); aus der Vereinigung beider entsteht das neue Wesen. Dazu aber ist ein Gleichmaß der Mischung bedingt, denn eine fehlende Einheit der Kräfte läßt eine unheilvolle Doppeigeschlechtigkeit entstehen (,,nam si virtutes permixto semine pugnent nec faciant unam permixto in’ corpore, dirae nascentem gemino vexabunt semine sexum‘‘). LIANUS (De morb. Chron.) Neben diesem, CAELIUS AUREentnommenen Fragmente lehrt zweites, aus CENSORINUS (De die natali V 4) stammendes ein noch des PARMENIDES Annahme eines dem Samen eigenen agonistischen Momentes: Es findet ein förmlicher Kampf der beiden Samenteile statt, mit dem Ziele, daB der überlegene Teil dem neuen Samen das ihm zugehörige Geschlecht überträgt. Ganz anders und nur in der Annahme des beidgeschlechtigen Samens mit PARMENIDES übereinstimmend ist die Theorie, die EMPEDOKLES in seinem ebenfalls ,,ZZeoì quoews“ betitelten großen Lehrgedicht entwickelte (Fragm. 63, 65, 67). Wieder ist es die Vereinigung des beiderseitigen Samens, die zur Bildung des Embryo 1) Für die Naturphilosophen wurde die maßgebende Ausgabe von HERMANN DiELS, Die Fragmente der Vorsokratiker, Berlin 1903, benutzt, nach der im folgenden zitiert wird.

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benötigt wird. Darüber hinaus aber taucht bei EMPEDOKLES zum ersten Male in dieser Theorie ein neues Moment auf: Die Lehre vom Einfluß des Kalten (zd wiyos) und des Warmen (Ysoudr). Läßt PARMENIDES durch das Übergewicht des einen Samens die verschiedenen Geschlechter entstehen, dann bedingt sie bei EMPE- DOKLES die Temperatur des Uterus, und zwar so, daß bei Kälte Mädchen, bei Wärme Knaben entstehen (,„r& puèv rei&dover yUVATAES, ywiyeos dvridoævtra, ta è tunadiv opera Fepuod. — ¿y yao Feopotéow toxag &opsvog Enkero yaotio“), erklärt durch die schwärzere, mannhaftere und haarigere Natur des Mannes (,,uélaves did Toüro xal dvdowdéotegar évdpeg rel Auyvnevres paddov'’). Aber EMPEDOKLEs geht noch weiter: Selbst der Ursprung der einzelnen Glieder ist bedingt durch die Zweiheit des Samens, da sich beide Teile durch die in ihrem Samen bedingten Symbole der einzelnen Glieder erganzen, einer allein aber niemals imstande ist, ein vollkommenes Wesen zu zeugen (,,œnoit yao... ddov d an’ ovdetigou anızvaı, alla dıkonaoraı pédeov œuois). Im Gegensatz zu diesen rein spekulativen Theorien des PARMENIDES und EMPEDOKLES verrät der Dritte der in Frage kommenden Vorsokratiker, DEMOKRIT, deutlich seine anatomische Grundlage. Er begnügt sich nicht, die Existenz eines wS als gegeben anzunehmen, sondern sucht einen Beweis dafür in dem Vorhandensein der testes auch beim Weibe. Nahm EMPEDOKLES aber die beiden Prinzipe des Kalten und Warmen als ausschlaggebend für die Entstehung eines weiblichen oder männlichen Embryo an, so kehrt DEMOKRIT wieder zu dem bereits von PARMENIDES angenommenen agonistischen Prinzip der beiden Samen zurück, denn ,,dxorégov av xoa«ınon TO ontoua th dro tov uopiov dv, © dtaqéioovow dAlmlov to DA xal ro doosv‘‘ (DEMOKRIT bei ARISTOTELES De gen. anim. 764a 6, DIELS Fr. 143): Der stärkere Samen ist für die Entwicklung von bestimmendem Einfluß; vgl. auch CENSORINUS und dessen kurze Zusammenfassung der Lehre DEMOKRITS: ,,utrius vero parentis principium sedem prius occupaverit, eius reddi naturam D. rettulit““ (6, 5). 3. Mit dem Zeitpunkt, in dem die Medizin als anerkannte und auf schulischer Tradition gegründete Wissenschaft in die griechische Literatur aufgenommen wird, tritt ein Wandel in der bisher grundlegenden Bedeutung der vorsokratischen Schriften ein. An die Stelle der großen Allgemeinwerke über die Natur schlechthin treten die

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fachgemäßen Einzelabhandlungen, wie sie uns im Corpus Hippocraticum heute vorliegen und zu denen auch die im Rahmen unserer Erörterungen unentbehrlichen Schriften ,,JZeo? yovís “* (De genitura) und ,, Iso puoros neidiov‘ (De natura pueri) des PoLvBos gehòren!). Die Tatsache, erstmalig keine Fragmente, sondern ein geschlossenes Werk zu haben, ermöglicht ein ganz anderes Urteil, als das bisher Betrachtete, so daß bei PoLyBos von einer lückenJosen Theorie gesprochen werden kann. Handelt er doch speziell über die Spermatologie und legt uns damit ein abgeschlossenes Wissen vor. Für Pozy8os ist die Existenz eines wS von vornherein gegeben: ,,usdi dì xa Y yuvy «no TOU cobuatos dtè uèv alc tos uiToas, ai de ujrocı ixuartar yYivovraı, dti de xai Ew, TV ydoxwow ci nijrocı u&lloy Tod xaipod (1 375), ebenso 1382: ,,7 youn... an’ &ugpoiv.‘“ Damit erübrigt sich für ihn, wie DEMOKRIT nach einem Beweis fiir seine Behauptung zu suchen. Ferner geht der Samen beider vom gesamten Körper aus — so, daß die schwachen Teile schwachen, die starken kräftigen geben. Das aber muß sich dann bei der Entstehung des Embryo entsprechend auswirken: Der Teil des Körpers, der im männlichen an Stärke überwiegt, wird zu einer größeren Ähnlichkeit mit dem Vater beitragen und umgekehrt; es ist andrerseits unmöglich, daß ein Kind in allen Teilen nur der Mutter oder nur dem Vater gleichen kann: der Zusammenfluß beider — „uioyercı duoù TO te ¿no tov dvdoòs AD Or zul TO and tis yvvaınds‘‘ (1377) — bedingt auch eine doppelte Beziehung des Embryo auf seine beiden Erzeuger. In dem bisher Angeführten berührt sich PoLyBos mit seinen Vorgängern, oder er stellt Behauptungen auf, die in der Folgezeit anerkannt und wiederaufgenommen wurden. Ganz merkwürdig und alleinstehend ist dagegen seine Annahme, daß auch der Mann weiblichen Samen habe und umgekehrt (,,xez ¿ore xai &v tw avdoi to d'u oniouc xal ro hooey xal iv 17) yuverxi duotws), wobei jedoch betont wird, daß dem Männlichen stets das Übergewicht zukomme und infolgedessen die Zeugung auch vom Stärkeren ausgehen muß („ioxvodrspov dì ¿ori TO por tod Fileos. avayxn odv ind icyvooTéoov oniguatos Yivscdaı“); geht von beiden starker Samen aus, wird der Embryo männlich, im anderen Falle weiblich („nv uév am aupotiony TO onioua ioyvoôteoov ¿ld y, docsv yivetae TO Tixtöusvor' 1) KUEHN, Hippocratis opera omnia (Leipzig 1825), Littré VII 470—542; zur Frage des Verfassers: DieLs, Hermes 28 (1893), 407 ff.

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hw dai &odevès, Fiv“) — eine Theorie also, die über das von Par- MENIDES angenommene, rein agonistische Moment weit hinausgeht. Den Beweis für seine Behauptung glaubt PozyBos darin zu sehen, daß Frauen dem einen Manne Mädchen, dem anderen Knaben gebaren und von der Zeugung des Mannes das gleiche zu behaupten ist (vgl. 1 378—379: „noAlai yao yuvaixss Hôn &Pndvrdxnoay nao’ dvdodo dios naga de éréporc dvöpdow doc &xovoordxnoav‘ USW.). Diese Theorie der wechselweisen Kräfte und Charaktere der beiden Samen blieb eine singuläre Erscheinung und weist in der Folgezeit keine Parallelen auf, während GALEN nach der stummen Kritik, mit der diese Ansicht bis auf seine Zeit übergangen worden war, in seinen Erörterungen eine ablehnende Stellung dazu einnimmt. 4, Bereits bei den Naturphilosophen war der Versuch unternommen worden, Teilgebiete der Medizin in ein allgemeines Lehrsystem einzubeziehen und mit philosophischen Spekulationen zu verbinden, so daß aus der Vereinigung von Philosophie und exaktem Wissen auf dem Gebiete der Zeugungslehre eine nur beschränkt gültige, in jedem System neu wechselnde Theorie entstand. Nach dem gewaltigen Aufblühen der griechischen Medizin tritt unter PLATON eine abermalige Verbindung beider Gebiete ein. Nachdem SOKRATES die Philosophie auf das rein Ethische beschränkt hatte, versuchte PLATON, auch das Gesamtgebiet der Natur- und Geisteswissenschaften in seine idealistische Weltanschauung mit einzubeziehen. Was PLATON über die Natur des Menschen und den Gang der Entwicklung gesammelt hatte, legte er in seinem naturphilosophischen Werke „Timaios‘‘ nieder. Die Götter gaben Mann und Weib den Trieb zur Zeugung, indem sie in beiden ein beseeltes Wesen — den Samen — gestalteten. Fähig zu atmen, bewirkt er die Begierde des Ausströmens, die sich beim Manne im Willen zum Zeugen, beim Weibe in dem zum Gebären kundgibt (Tim. 91 A—D; vel. GALEN de semine bei KUEHN 1515). Hier begegnet uns zum ersten Male die Annahme, daB der wS nicht so sehr Stoff, als vielmehr bewegendes Prinzip zur Zeugung genannt werden kann. Der Ansicht PLatons läßt sich nicht allzuviel entnehmen; er begnügt sich damit, den Grund und das Wesen des wS erkannt zu haben, ohne genauere Untersuchungen ARISTOTELES vereinte Philosophie und auszuführen. genauestes Erst medizinisches Wissen auch hinsichtlich unserer Theorie, und seine beiden großen

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Werke „De animalium historia‘ und ‚De generatione animalium* geben Aufschluß über die Summe seiner Untersuchungen auf dem Gebiete der Embryologie. | Die Existenz eines wS ist für ARISTOTELES eine Tatsache. Er unternimmt als erster eine deutliche, auf genaue Kenntnisse gestützte Kritik der bereits behandelten Theorien des EMPEDOKLES und DEMOKRIT. Kälte und Wärme können unmöglich die Ursache des geschlechtlichen Unterschiedes bei der Bildung des Embryo sein, da sich scheiden. die Geschlechtsorgane doch offensichtlich stark untet- Diese Annahme ist im gleichen Maße unmöglich wie die, daß der Samen des einen Erzeugers zur Ausbildung von Gliedern dienen könnte, deren Ausbildung dem anderen nach EMPEDOKLES Lehre unmöglich wäre. DEMOKRIT. Ähnlich ablehnend steht ARISTOTELES zu Die Annahme vom Streit der beiden Samen um das Übergewicht erscheint ihm annehmbarer, aber unwahrscheinlich und ist deshalb ebenso abzulehnen!). Die feste Annahme eines wS erscheint bei ARISTOTELES bereits in der „Historia animalium‘ bei der Definition der beiden Geschlechter am Anfang des Werkes: ,,xeAeîra: de ro uèr sis avro dpizv (sc. td ontoua) Pau, TO de ele roro poe” (13, 489a 11—13). Damit wird die Existenz des wS zwar angenommen, aber noch nicht bewiesen. Diese Aufgabe tibernahmen dann die fünf Bücher seiner ,,Generatio animalium”, in denen die Lehre vom wS in 173—86 (727a—729a) genau behandelt wird. Im Gegensatz zu der in Hist. an. 13 festen Bejahung seiner Existenz formuliert ARISTOTELES Gen. an. 168 vorsichtiger: Erst die Untersuchung wird ergeben, ob auch das Weibchen ,,reoísra: ontopea Goneo TO ¿ppev xal Eotiy piype TO yivduevov tx dvoiv onsoprom”, Beide Teile geben eine Ausscheidung von sich; die des physisch schwächeren Weibchens muB — entsprechend der Theorie von der geringeren Wärme der Weibchen im Vergleich zu den Männchen — reichlicher als die des starkeren Mannchens sein. So ergibt sich, daB die Samenflüssigkeit des Mannchens dem Monatsfluß des Weibchens entspricht (,,8re uép odv ¿ori ta xarapyme nepitroux, xal Ste dvaloyov ag toig «peso» i youn ora Trois ihect ta xaraumra paveody), Der Beweis dafür wird aus der analogen Entwicklung beider Geschlechter abgeleitet, die mit dem 1) Für die genauere Beweisführung vgl. Gen. an. I; benutzt wurde die griechisch-deutsche Ausgabe von AUBERT-WIMMER, Leipzig 1860.

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gleichzeitigen Beginn yon Samenaussonderung und MonatsfluB in Erscheinung tritt, . Mit dieser Erkenntnis setzt für ARISTOTELES der erste Zweifel an einer völligen Gleichsetzung der beiden Samen ein. Die Natur schafft in zwei geschlechtlich verschiedenen Lebewesen nicht einander völlig gleiche Zeugungsstoffe; es kann nicht zwei samenartige Absonderungen zugleich geben, daher ,,pavepóv Ste to Haıv où oupBddistae omtoua eis Try» yéveouv“ (I 76); das Vorhandensein des einen schließt die Existenz des anderen aus, Andererseits ist eine Zeugung ohne den MonatsfluB erfahrungsgemäß unmöglich; dieser — und nicht die fälschlich tyeacta oneopetixn des Uterus, die rein als Samen bezeichnete äußerlich dem männlichen Samen ähnelt — ist der Stoff (17), den nach ARISTOTELES das Weibchen zur Zeugung liefert. So ist der Monatsfluß kein reiner Durcharbeitung (xa#aody), sondern ein der bedürftiger (deduevov toyacias) Samen, so daß bei einer Mischung des männlichen Samens mit dem Monatsfluß der erstere zeugt, der letztere nährt (I 83). So tritt denn mit ARISTOTELES ein ganz neues Moment in unserer Theorie auf. Der bisher von den Naturphilosophen und PoLYBos als dem Vertreter der hippokratischen Doktrin als wS bezeichneten und von ARISTOTELES physiologisch als nur samenartige (onepuerıx7j) Flüssigkeit erkannten Ausscheidung kommt die Bezeichnung Samen (oréoua) nicht zu. Was der weibliche Teil dagegen zur Zeugung beiträgt, zusammentretende („7 ist ,, der tov xaraunviov ovoracis’). Stoff des Monatsflusses‘ Demnach gibt bei der Zeugung der männliche Teil die Form und das Prinzip der Bewegung (,,r0 dè eidog xl tiv doyiv tis xıvnoewsg‘‘), der weibliche dagegen den Körper und den Stoff (,,ró o@ua xed try» Vinv''). Denn „wenn das Männliche die Bedeutung des Bewegenden und Wirkenden hat, das Weibliche aber . . . die des Empfangenden, so wird das Weibchen zu der Samenflüssigkeit des Männchens nicht Samenflüssigkeit beitragen, sondern einen Stoff‘‘ (AUBERT-WIMMER, S. 111). 5. -ARISTOTELES’ „Generatio animalium‘‘ stellt mit ihren für den wS aufgestellten Theorien eine ebenso einmalige Erscheinung dar wie die seltsamen Annahmen des PoLysos von den wechselweisen Kräften und Charakteren der beiden Samen. Kein Mediziner der Folgezeit hat dem Monatsfluß eine derartige Stellung zuerteilt

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wie er; alle auf ihn folgenden bleiben bei der seit den Vorsokratikern geläufigen Identifizierung der ¿ypacia oneouerexy mit einem dem männlichen gleichstehenden weiblichen Samen. Unter den Medizinern des vierten und dritten Jahrhunderts wäre hier DIOKLES VON KARYSTOS zu nennen, von dessen großangelegten Werken nur spärliche Fragmente auf uns gekommen sind. Auch er vertrat die Theorie von der Existenz eines wS, der zur Zeugung unbedingt nötig wäre, da gar keine oder eine zu geringe Samenmenge eine Befruchtung unmöglich mache, vgl. GALEN, Hist. Phil, 32. An dieser Stelle muß auch das unechte zehnte Buch der aristotelischen ‚Historia animalium“ erwähnt werden, das DIOGENES LAERTIUS unter dem Titel ,,"Yxéo rod un yarvav‘‘ anführt — wahrscheinlich?) die Arbeit eines Mediziners aus dem dritten Jahrhundert, der unter Aufnahme aristotelischen und hippokratischen (aus „De morbis muliebribus‘) Gedankengutes eine Zeugungslehre aufstellte, die die Existenz eines wS ebenso entschieden bejaht, wie sie von ARISTOTELES oben oxéope «le thy yéveouv) („gaveoov Ore td d7Av où ovußalleraı abgelehnt wurde; ist doch besonders an zwei Stellen — 634b 29 ‚sis ro nooodev yao airay (sc. Tüv vÚOTECOY) xal 7 yuvy mootetc (sc. ontoua) und 637a 36 „sul 7 yuvy yéviuov moore — mit allem Nachdruck darauf verwiesen, während die Arbeit außerdem noch des öfteren (vgl. 636a 11; 636b 15; 637a 26) die Notwendigkeit beider Samen betont. Mit dieser durch ihre Eigenart interessanten pseudoaristotelischen Schrift beginnt die große, nicht stofflich, sondern durch die historische Entwicklung bedingte Lücke des griechischen Schrifttums, die mit dem Beginne des Hellenismus einsetzt und auf dem Teilgebiet der Medizin bis in die Kaiserzeit hineinragt. Macht sie doch ein weiteres Eingehen auf das Problem des wS zunächst unmöglich; denn erst mit SORAN wird diese Theorie wieder aktuell, da der einzige römische Autor, der griechische Quellenstudien betrieb — PLINIUS —, gerade hier versagt. Die ,,Naturalis historia“ kennt — wie ARISTOTELES, auf den PLinius hier (VII 15, 66) wahrscheinlich zurückgeht — die Existenz eines wS nicht, sondern stimmt mit ARISTOTELES darin überein, daß die Ausscheidungen des Monatsflusses der vom Weibe gelieferte Stoff ist, der den männlichen Samen labartig (coaguli modo) umgibt; aus der Vereinigung beider entsteht der Embryo, dem bei einer Fortdauer des Flusses während der Gravidität die lebensnotwendigen Stoffe verlorengehen. 1) Vgl. DITTMEYER, Aristotelis de animalium historia, Präf. VI.

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Betrachten wir, von der rein kompilatorischen Tatigkeit eines PLINIUS ausgehend, den Aufschwung der Medizin im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, dann ist der Unterschied zu ihm um so auffallender und läßt den kleinasiatischen Griechen SORAN und seine , Gynaecologia” um so bedeutender erscheinen, wenn auch die anatomischen Kenntnisse gerade der Genitalien nur als dürftig angesprochen werden können und in mancher Hinsicht keine Vorstellung ermöglichen. SORAN nimmt die Theorie des wS wieder auf und bietet, dem Charakter des Werkes entsprechend, Neues vor allem auf pathologischem Gebiet. Seine Existenz ist für SORAN sicher, eine Beziehung zum Monatsfluß oder ein Ersatz durch diesen findet nicht statt; andererseits kann der wS nicht zur Zeugung dienen, da die zdpoı onepuaætixot des Weibes von den Ovarien aus nicht direkt zum Uterus führen, vgl. I 12, 21). Trotz der dadurch untergeordneten Bedeutung des wS interessiert SoRAN durch eine Reihe von Einzelheiten, die uns zeigen, bis zu welchem Grade der wS in der ,,Gynaecologia“ als ein Analogon zum männlichen Samen behandelt wird und gewisse biologisch bedingte pathologische Erscheinungen bei beiden Geschlechtern die gleichen sind. Ist SoRAN in I 31, 2 recht vorsichtig in seinem Urteil (,,r7v di tod onéouaros &ndxoiciv ¿vor pév qpaciv pira int tv ¿potvov pijte ini Tv Dnieov xara yévos elvaı BlaBeody, xara dì tiv dusroiav“‘), so bietet er vorher (1 30, 1) geradezu ein Musterbeispiel nach beiden Seiten, für die Annahme eines wS sowohl wie für die damit verbundenen biologisch-pathologischen Erscheinungen, durch den kurzen Satz: soa onéouatos Exxpıoız tnıßlaßns ws int tHv dopévor obras xai int Tor Indy.“ Die eigentliche Pathologie beginnt — eingeleitet durch die kurze Abhandlung ‚Ei gore dda nddn yuvaxdv — erst mit dem dritten Buche und interessiert hier durch die III 45—46 gegebene Darstellung der yovoppoiæ des Weibes, die nach der allgemeinen Feststellung der Tatsache — ,,oùx ¿mi póvow &vdodn, ahha nai ini yuvaxdy dnoreleiraı yovdopow“ (45, 1) — die kurze Definition ‚Zorı dì onéouatos Exxoıcıs ywols noodvpuias xul ixotdons te pixedw pépovoa dtactnpeétor folgen läßt. Die Kürze 1) Zitiert wird nach der Ausgabe ILBERGS, Corp. Med. Graec. IV, Leip-

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der Darstellung, bei der sich SoRAN jedes näheren Urteils enthält, erlaubt keine Stellungnahme zu der Frage, ob er hier wirklich an eine ausgesprochene profluvio seminis glaubte oder mehr an den Ausfluß einer samenartigen Flüssigkeit, die mit ARISTOTELES Worten als „Uyoacie onepuerıxn‘‘ zu bezeichnen wäre, dachte; daß es sich bei seiner Darstellung um den fluor albus handelt, steht jedenfalls außer Zweifel. In diesen Zusammenhang gehören auch die Ausführungen des ARETAIOS über den wS, die sich im zweiten Buche seines Werkes „De Causis et signis acutorum morborum” finden!); beide sprechen von einem wS wieder bei der Schilderung der oben von SORAN so kurz erwähnten yovoppoí«, deren Krankheitsbild hier klarer und ausführlicher beim Manne sowohl wie bei der Frau — ,,vocéovo: de mal yuvaixes tivos tiv votcor’ (115, pag. 144) — dargestellt wird. Schon die Tatsache, daß auch bei ARETAIOS die yovoppoia wie bei SoRAN unter den affectus uteri (KUEHN) behandelt wird, läßt auf etwas anderes als eine reine profluvio seminis schließen; die letzten Zweifel werden durch die Bezeichnung ,,odog Asvxdg“ == fluor albus behoben, bei dem jene ‚weiße, záhe und samenartige Flüssigkeit‘ (,,dypov Aeuxdr, nayv, yovosdés’’) ausgeschieden wird; nur dies — und nichts anderes — als yovogooëæ gemeint zu haben, betont ARETAIOS zum SchluB noch einmal mit den Worten „tors TO eldog Yovoppoiav yuvaixetay tMEapsv (II 5, p. 164/65). Es ist also zwischen der Auffassung des SORAN und des ARETAIOS genau zu unterscheiden: Soran versteht 130,I und 31,2 etwas anderes als III 45: zuerst einen wirklichen wS, dann, auf Grund der anscheinend rein äußerlich völlig gleichen Beschaffenheit, die Aussonderungen des fluor albus; ARETAIOS meint an beiden Stellen — 115, 144 wie 164/65 — ausschließlich den Fluor albus und nicht das Vorhandensein eines wS, von dessen Existenz seine Lehre nichts weiß. Damit aber ist die Entwicklung unserer mit den Naturphilosophen beginnenden Theorie zum zweiten Male unterbrochen: neben ARISTOTELES, der den wS durch einen für die Bildung des Embryo wichtigen Stoff ersetzte, steht ARETAIOS, über dessen Stellung zur Embryologie wir nichts wissen und nur das aussagen können, daß er die Existenz des wS ablehnt und in seinem Werke yovooooi« orepuarixy auf dem Umwege nur als über die Gleichung yor7 = vyo0aecia 000g Asvxds = fluor albus verstanden werden kann. 1) Vgl. KUEHN, Aretaei opera omnia, Lipsiae 1828. ausgedeutet

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Die iiberragende Stellung, die GALEN als demjenigen zukommt, der die Ergebnisse der antiken Medizin zu einer letzten abschlieBenden Höhe emporführt, wird auch bei einem Blick auf die Behandlung unserer Theorie durch ihn ersichtlich. Was GALEN in seinen embryologischen Schriften — weniger im vierzehnten Buche seines groBen Werkes „De usu partium corporis humani“, als in seiner Sonderschrift „De semine‘‘ — an Theorien vorweist, ist die letzte große Zusammenschau griechisch-römischer Medizin; eine Auseinandersetzung mit dem Wissen aller Zeiten und Schulen auf diesem Gebiete, nicht zuletzt mit den noch immer maßgebenden Theorien des HippoKRATES und ARISTOTELES, auf Grund eigener Tiersektionen und genauer Forschungen, zu denen ihn seine ärztliche Leidenschaft (,,70 nddog tovudr, è nao’ Sdov tov Piov tnadov“, de sem. | 23), immer wieder getrieben hattet). Die feste Annahme der Existenz eines wS durch GALEN — und zwar in der ursprünglichen, durch keine Einschränkung abgeschwächten Bedeutung — kommt in den genannten Schriften überall deutlich zum Ausdruck und wird durch die Zeugnisse der folgenden Zeit (vgl. z. B. NEMEsius, de nat. hom. § 114: „IaAnvös de, xarayıyvaoxav Apiototélous, Aye onspudivev piv tas yvvaizus wai thy pigiy augotiowy TOY orepuétov mov TO noch bekraftigt. GALEN selbst geht bei xUnua“) der Aufstellung seiner Theorie davon aus, daB infolge der anatomischen Beschaffenheit des Uterus die Menge des männlichen Samens zur Zeugung unzureichend ist (,,¿dvvarov inadeiwar ndouv aityy (sc. ty untoav>“, de sem. 17); aus diesem Grunde schuf die Natur zur notwendigen Erganzung den weiblichen. Dieser wS, erzeugt in den Ovarien, ist in seiner Beschaffenheit unvollkommener als der des Mannes, bedingt durch kleineren Umfang der Ovarien und die nach der Lehre der Antike kältere Natur der Frau (vgl. z.B. XIV 11: „zo dijdu dıorı yvyodteodv tori tot cogevoc’’), so daß ihm ebenfalls die Möglichkeit, allein und für sich zu zeugen, vollkommen fehlt (,,0Uxovv ixavov ¿ueldev ¿cera TO Torodror onioua yevvav Eoov", de usu part. XIV, 6). Beide müssen sich also gegenseitig ergänzen; beiden kommt dabei nicht die gleiche, sondern eine getrennte Aufgabe zu: birgt der männliche, wie bei ARISTOTELES, das Prinzip 1) Zitiert wird GALEN noch nach der alten Ausgabe von KUEHN; genannten Schriften sind im vierten Bande (Leipzig 1822) enthalten.

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der Bewegung in sich (,,doyny péy xevqtixyy txotiPscFae td tot dopevos onéouæ“,. XIV 7), so hat der weibliche die Aufgabe, diesen zu nähren (,,rodro (sc. rd tod dopsvog onéopa) änındrTeta xer totperai xat' doyas sùdùs inò tod Piisos", XIV 11). Der Befruchtungsvorgang selbst wird in der Schrift „De semine“ dann auf Grund der in „De usu partium‘ abgeleiteten Grundbedingungen einfach dargestellt und — fiir GALEN — überzeugend bewiesen: aus den Ovarien gelangt der wS in den Uterus, um sich hier mit dem männlichen zu verbinden (,,8&exveizae xodc td tot &ooevos ontopa, xal aitd ta pliyvutae tovro”, de sem. I, 7); Grundbedingung fiir eine wirksam eintretende Befruchtung ist dabei die gleichzeitige Vereinigung der beiden Ausscheidungen (,,éray ody tnd rov a«vrov yodvoy Eux tH poser To Priv oneopaivy“). Dabei üben beide also in ihrer Richtung — nach dem Inneren des Uterus — die gleiche Bewegung aus, nur mit dem. Unterschied, daß der männliche dabei an Stärke überwiegt, da — wie auch hier wieder betont wird — der weibliche „Asnrdrsgov xai puyodreoov“‘ als der männliche ist. So kommt denn in der Zeugungstheorie GALENS dem wS eine dreifache Bedeutung zu: er ist einmal dazu da, um auch den weiblichen Teil zum Coitus anzuregen (,,éva yao dounon ra xaì nods &qppodicia zo FHAv) und das collum uteri zu öffnen (,,... xal tov œdyéva tOY pntody évaneréon, de usu part. XIV 11); zum anderen hat er die bereits erwähnte Aufgabe, dem männlichen die zur Bildung des Embryo nötige Nahrung zu geben, vgl. de usu part. XIV 11 und de sem. I, 7: „olo® roomy tig tO doowı yiveoFar. Mit dieser letzten Aufgabe nähert sich GALEN im Prinzip der Theorie des ARISTOTELES; beide gehen davon aus, daß dem männlichen Samen zur Bildung des Embryo eine vom Weibe zu liefernde stoffliche Ergänzung nötig sei. ARISTOTELES fand die Lösung darin, daß er die Existenz des wS ablehnte und diesen durch die nährenden Sedimente des Monatsflusses ersetzt wissen wollte, GALEN dagegen bestand auf dem Vorhandensein des wS selbst und schuf mit seinen Ausführungen die letzte und am klarsten herausgearbeitete Theorie der Antike auf diesem Gebiet. Diese Tatsache erübrigt ein näheres Eingehen auf ORIBASIOS und seine in der „Collectio medicalis (Iergıxai ouvaywyaæi)“ aufgestellten Theorien um so mehr, als das hier Ausgeführte keine selbständige Meinung wiedergibt, sondern der Absicht des großen Werkes — eine Übersicht über die Ergebnisse der gesamten griechi13 AGM XXX

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schen Medizin zu geben — entsprechend die einzelnen Themen nach den dafür maBgebenden Autoren referiert. So finden wir denn hier (XXII 2) für die Zeugungstheorie die „Iso! oxtpueros” überschriebene Abhandlung ausdrücklich als ,,èx row Tainvoü bezeichnet und haben es in der Tat mit einer Zusammenstellung aus den wichtigsten Schriften GALENs, die seine Zeugungstheorie behandeln, zu tun. Eine Bedeutung freilich kommt ORIBASIUS und seinem Werke, das gewissermaßen den Übergang von der antiken zur byzantinisch-mittelalterlichen Medizin bildet, doch zu: GALENS Theorie von der Existenz des wS wurde damit unabhängig von dessen eigenen, darüber handelnden Schriften der Weg bereitet, auf dem seine Lehre auch auf diesem Gebiete noch Jahrhunderte hindurch die arabische Medizin ebenso wie die des Abendlandes beeinflussen sollte. 8. Über den Untergang des griechisch-römischen Kulturkreises hinaus blieb das Erbe GALENS — und in diesem auch die Lehre von der Existenz des wS — der Grundstock aller sich aus diesem entwickelnden Schulen des Mittelalters, das, ganz gleich in welcher Synthese, auf seinen Lehren aufbaute und weiterentwickelte. Hier wäre, neben dem Aufblühen der unteritalienischen Schulen, zuerst wohl an den Aufschwung der arabischen Medizin zu denken, bei deren Hauptvertreter AVICENNA (980—1073) die Theorie eines wS ebenfalls verfochten wird. In der abendlandischen Medizin selbst taucht das Problem, umstritten und teils bejaht, teils abgelehnt bis in die Zeit des deutschen Rationalismus auf, um schlieBlich durch die Forschungen der Neuzeit als eine absurde Theorie abgetan zu werden. DaB das Fiir und Wider unserer Theorie bis in den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts erwogen wurde, beweist nichts so deutlich, wie HALLERS 1778 erschienene ,,Elementa physiologiae corporis humani””, die in einem besonderen, mit „Num feminae suum semen sit‘ iiberschriebenen Kapitel einen Uberblick iiber die im Altertum, aber auch in Mittelalter und Neuzeit darüber aufgestellten Theorien berichten (VIII 24—27); finden sich doch neben den entschiedenen Vertretern der Existenz eines wS, wie LA MoTTE und MELLI, auch bekannte Namen des achtzehnten Jahrhunderts, die wie BONNET (1720—93; ,,semen a feminis non effundi‘, vgl. Corps organisés II 257) und LA METTRIE (1709—51; ,,easdem (sc. feminas) concipere nullo semine effuso‘, vgl. Comm. III 210) ebenso entschieden seine Existenz leugnen.

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War bisher ausschlieBlich von der Theorie des wS innerhalb der Medizin die Rede, so tritt mit dem Mittelalter eine andere geistige Größe in den Blickpunkt unserer Untersuchung: die katholische Kirche, die an dieser Frage in erheblichem Maße interessiert war, an der Existenz eines wS niemals zweifelte und mit diesem bis in die Neuzeit, d. h. in das neunzehnte Jahrhundert, als festem Begriff gearbeitet hat. Anlaß zu einer ausführlichen Stellungnahme auf diesem Gebiet gab die allmählich immer größere Bedeutung annehmende Moraltheologie, in der Ehe und Zeugung naturgemäß einen breiten Raum einnehmen mußten. Der gewaltige Ausbau der Moraltheologie beginnt mit dem Zeitpunkt, wo die Reorganisation der katholischen Kirche in der Gegenreformation unter der straffen Leitung des Jesuitenordens ein großes, in den Händen dieses Ordens liegendes Lehrgebäude entstehen läßt. Der erste große Vertreter der neu fundamentierten Moraltheologie ist der Spanier THOMAS SANCHEZ (1550—1610), der mit dem zweiten („De essentia et consensu matrimonii‘‘) und neunten Buche (,,De redditione debiti coniugalis‘‘) seines Werkes „De sancto matrimonio” in unmittelbarster Weise an die Theorien der Antike, klarer gesagt an die GALENS, wieder anknüpft. Ihm ist die Existenz eines wS ebenso selbstverständlich wie den frühmittelalterlichen Vertretern der Moraltheologie, die — außer natürlich GALEN und AVICENNA — von THOMAS VON AQUINO an des öfteren zu Beweisen herangezogen werden. SANCHEZ glaubt zunächst, die Existenz des wS aus dem Gesichtspunkt des Probabilismus heraus als selbstverstándlicn annehmen zu können: ,,Probabile est nisi femina seminet, non posse ex ea copula sequi generationem‘ (II disp. 21, 11). Und wenn bei ihm erst aus der Vereinigung beider Samen (vgl. IX disp. 17,7: „ex semine maris et feminae unum principium generationis* und 12: »illius <sc. feminae) enim semen a natura ordinatum est ad generationem“) der Embryo entsteht, dann folgt SANCHEz ganz der von GALEN (vgl. oben in De semine 17) aufgestellten Theorie der Befruchtung. Über den eigentlichen Wert des wS unterrichtet dann IX 17,8: „Licet semen mulieris non sit ad generationem necessarium, multum tamen confert ad facilius generandum. Tum quia vis activa seminis virilis in femineum agens conceptum pulchriorem ac nobiliorem format. Tum etiam, quia feminea matrix effusione seminis irritata ac incensa avidius virile semen complectitur. Et femineum semen valde utile esse generationi, ad .idque a natura institutum vel ex eo convincitur, quod natura nil frustaneum, sed

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universum finem aliquem referens agat.‘‘ Das aber ist noch augenscheinlicher ein Zurückgreifen auf GALENS Theorie; haben wir damit doch die Behauptung von dem nahrenden Prinzip des wS aus De usu part. XIV 11 und De sem. I 7 wieder, ebenso die an der gleichen Stelle genannte Aufgabe, durch die profluvio seminis feminei eine notwendige Offnung des collum uteri zu bewirken. Das Werk des SANCHEZ bildete die maBgebende Grundlage fiir das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert, und was die auf ihn folgenden, der S.J. angehörenden Moraltheologen lehrten — erwahnt sei hier nur der ganz in SANCHEz’ Sinne urteilende Ordensgeneral TAMBURINI (1706—30) — geht fiir die Theorie des wS vüllig auf SANCHEZ Zurtick. Am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts erscheint dann das Standardwerk der katholischen Moraltheologie, die „Theologia moralis" des ALPHONS MARIA VON Gründers des Redemptoristenordens (1696—1787). LIGUORI, des Einzigartig in ihrer Wirkung auf die gesamte Moraltheologie bis auf unsere Zeit, bringt sie auf dem Gebiete der Zeugungslehre — enthalten in dem Kapitel ,,De matrimonio‘ — nichts Neues und ist im wesentlichen eine Übernahme der von SANCHEZ aufgestellten Lehren, wie die in VI 919 von diesem übernommene Nährtheorie (,,seminatio mulieris est necessaria vel saltem multum confert ad generationem” = SAN- CHEZ IX 17,8) am besten zeigen kannt). Das gleiche gilt für die übrigen, zum größten Teil ebenfalls unmittelbar auf SANCHEZ zurückgehenden Parallelen; vgl. z. B. noch VI 919 = SANcHEz, IX 17, 7 = GALEN, De sem. 17: ,,seminatio mulieris pertinet ad complendum actum coniugis.‘“ coniugalem, qui consistit in seminatione utriusque Ein Unterschied freilich ist nicht zu übersehen: Was bei GALEN und auch noch bei SAncHEZ als unerläßliches biologisches Prinzip erschien und eine elementare Grundlage der aufzustellenden Zeugungstheorie bedeutete, ist hier zur rein juristisch zu bewertenden und zur Definition des Begriffes actus coniugalis dienenden Feststellung geworden. 9. Ein weiteres Eingehen auf die Moraltheologie des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eriibrigt sich, da alle auf Liguori folgenden Werke inhaltlich auf die beiden großen Systematiker. zurückgehen. Mit dem allmählichen Aufgeben der Annahme. eines wS auch von seiten der katholischen Kirche, das mit dem neun1) Benutzt wurde die maßgebende Ausgabe von HARINGER; für „De matrimonio‘, Band III, S. 253 ff.

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zehnten Jahrhundert einsetzt und u.a. bei dem Moraltheologen LEHMKUHL S. J. festzustellen ist, hört die letzte, durch die mittelalterliche Tradition der Kirche am langsten erhaltene Nachwirkung der galenischen Theorie endgültig auf, nachdem die moderne Medizin längst zu anderen Ergebnissen gelangt war und in dem geheimnisvollen wS ein einfaches, physiologisch bedingtes Drüsensekret der Lo Vagina erkannt hatte. ARISTOTELES und GALEN erschienen im Rahmen der Untersuchung als diejenigen, deren Theorien in der geschichtlichen Abwandlung unseres Problems die scharfsinnigsten und ausführlichsten Gedankengange aufwiesen. GALEN gelang es, nicht zuletzt eben auf dem Umweg über die Kirche, seine Theorie auf Jahrhunderte hinaus durchzusetzen. Die moderne Medizin dagegen entschied sich letzten Endes fiir ARISTOTELES, der nicht mit seiner sonderbaren Theorie von dem nährenden Prinzip des Menstruationssedimentes ihrer Erkenntnis am nachsten kam, wohl aber dadurch, daß er den angeblichen ,,Samen“ in einem dem heutigen Wissen verwandten Sinne schiedenes vgl. De gen. parıxn, zu deuten und als einfaches, individuell ver- Uterussekret an. (,,éexoratg toreody‘‘) zu deuten wußte, 180 (727b): ,,oùx ¿otiv Y tyoacia a«vry oneoéxdorars. alia rod tonov o@y Exxpicis, xal taig puèv yiverai, taic O où.‘ idos tote yao thy vors- Damit steht ARISTOTELES — wenn wir für é&xororg voteo®y die richtigere Bezeichnung Vaginalsekret einsetzen — ganz auf dem Boden der modernen Forschung, und wir erhalten einen neuen Beweis fiir die überragende Bedeutung des groBen Forschers, in dessen Person sich auch auf diesem Gebiete Antike und Gegenwart nahe berühren. Anschr. d. Verf.: Dresden-N. 6, Holzhofgasse 2 [Bei der Schriftleitung in Leipzig eingegangen am 11. Februar 1937] 13* AGM XXX