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GERLAC A, Ww
Das Problem des „weiblichen Samens” in der antiken und mittelalterlichen Medizin
Author(s): Wolfgang Gerlach
Source: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Bd. 30, H.
4/5 (Februar 1938), pp. 177-193
Published by: Franz Steiner Verlag
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/20773867
Accessed: 30/10/2013 15:49
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FOR GESCHICHTE DER MEDIZIN
UND DER NATURWISSENSCHAFTEN
Band 30, Heft 4 u. 5
Februar 1938
Das Problem des „weiblichen Samens“
in der antiken und mittelalterlichen Medizin
Von Studien-Assessor WOLFGANG GERLACH, Dresden
1.
Neben einer Fülle von Beobachtungen und Vermutungen, die
die moderne Medizin billigen und ausbauen konnte, birgt die antike
Medizin in der auf uns gekommenen Form eine Reihe von unhaltbaren,
meist
auf
bloße
Spekulationen
fundierte Theorien aufgebauten
und
nicht
experimentell
Lehren, die einer Überprüfung
durch die moderne Medizin nicht standhielten oder von ihr grundlegend
umgedeutet
und
ausgebaut werden
mußten.
Wir
haben
dabei zwischen einmalig auftretenden, nur bei einem Autor nachweisbaren Theorien zu
nicht
nur
einer
unterscheiden und zwischen
Generation,
sondern
ganzen
solchen,
die
Kulturkreisen
zu
einem vielfach erörterten, immer schwankenden, aber stets wieder
aufgegriffenen Geistesgut wurden.
Eins von diesen, die gesamte
Antike und einen Teil des Mittelalters, in gewissem
Sinne sogar
die Neuzeit beherrschenden Problemen ist die Theorie eines ,,weiblichen Samens‘, die bereits in den frühesten Werken griechischer
Medizin erörtert wird und die gesamte antik-mittelalterliche Embryologie entscheidend beeinflußt hat.
Das genannte
Problem gewinnt an
Interesse
noch
dadurch,
daß es weit über den griechisch-römischen Kulturkreis hinaus in
den Osten verweist und bereits in den
ältesten,
durchaus nicht
etwa rein medizinisch orientierten Schriften der indischen Vorzeit
nachzuweisen ist.
Inwieweit hier ein Übergreifen östlicher Lehren
in die älteste griechische Medizin anzunehmen ist, läßt sich nicht
sagen;
die
Feststellung der Tatsache
einer
Parallele
muß
allein
genügen — liegt doch zwischen der ältesten in Frage kommenden
indischen Schrift und dem ersten griechischen Autor immerhin ein
Zeitraum von rund einem Jahrtausend.
Bemerkenswert bleibt, daß
in den übrigen östlichen Kulturkreisen — dem babylonisch-assy12*
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View in PDF(opens in a new window)rischen wie dem agyptischen — Parallelen bis heute nicht festzustellen sind.
Das älteste schriftlich festgelegte medizinische Gut des indischen
Kulturkreises gehört keinen Einzelwerken an, sondern findet sich
verstreut in der umfangreichen Veda-Literatur, zu der unter anderem
auch der um 1500 v.Chr. entstandene Rig-Veda gehört.
Bereits
hier, im siebenten und achten Abschnitt dieses Werkes, wird bei der
Behandlung embryologischer Fragen auch der weibliche Samen!)
erwähnt und als selbstverständlich vorausgesetzt; ist doch die Befruchtung nichts anderes als eine Folge der Vermischung des männlichen mit dem weiblichen Samen.
In die gleiche Periode, in der
heutigen
dem
Fassung freilich
erst
aus
zweiten
vorchristlichen
Jahrhundert stammend, gehört auch das Gesetzbuch des MANu,
das Manava Dharma Shastra?), das ebenso wie der Rig-Veda mit
der Theorie des wS vertraut ist?).
Die bescheidenen medizinischen
Anfänge der vedischen Periode wurden in der folgenden brahmanischen ausgebaut und erweitert und von dem alten Gedankengut
vieles übernommen.
Wenn auch hier die Annahme des wS nachzuweisen ist, so ist die Auffassung wohl berechtigt, schon für den
Kreis der indischen Medizin die Existenz eines wS nicht als einmalige,
besonders auffällige Theorie, sondern als bestimmte, jederzeit für
richtig angenommene Gegebenheit zu bezeichnen.
Als Beispiel der
brahmanischen Anschauung dient uns das Dharma Shastra des
YAJNAVALKYA‘), dessen Abfassungszeit allerdings nicht genau zu
datieren ist und das zum Teil vielleicht erst in das zweite nachchristliche Jahrhundert einzureihen ist*).
Bleibt bei dem geringen Umfang der indischen
Quellen die
Darstellung der indischen Embryologie sehr fragmentarisch, so gibt
der nun anschließende griechisch-römische Kulturkreis ein um so
reicheres Material, da die zahlreichen
Quellen eine genaue Entwicklung unserer Theorie ermöglichen, die mit all ihren Wandlungen
bis zum Übergang in die Moderne verfolgt werden kann.
2.
Den Beginn der griechischen Wissenschaft bilden die Werke
der als Naturphilosophen oder Vorsokratiker bezeichneten Männer,
1) Im folgenden mit wS abgekürzt.
2) Sacred Books of the East 25; englisch 1886.
3) Vgl. HAESER, Geschichte der Medizin, Band I, S. 11.
*) Sanskrit — deutsch von A. F. STENZLER, London 1849.
5) Vgl. Buch 111, Nr. 72—109.
Page 4
View in PDF(opens in a new window)die — auBerlich noch von der Poesie abhangig — die ersten Fundamente der einzelnen wissenschaftlichen Zweige legten und ihre Anschauungen in gebundener Form, den großen Lehrgedichten, niederlegten. Die von allen behandelte Frage nach dem ersten und letzten
Urgrund alles Seins fiihrte zwangslaufig durch das Streben nach der
Ergründung des Kosmos auch zur Erforschung des Einzelwesens
und
seiner im Menschen am vollendetsten ausgeprägten
Form,
damit also neben kosmogenetischen auch zu embryologischen Fragen
und Problemen, die von dem einzelnen je nach der Wahl des Urelementes verschieden beantwortet wurden.
So gering der Umfang
der Fragmente dieser Vorsokratiker ist!) — bleiben doch die Theorien
eines ZENON, HIPPON und ANAXAGORAS bis auf kurze Andeutungen
bei PLUTARCH (plac. phil. V 5) auf diesem Gebiete für uns fast völlig
im Dunkeln —: die Zeugungstheorien wenigstens einiger von ihnen
sind erhalten und bilden den Grundstock der folgenden großen
Entwicklung.
Am Anfang unserer Reihe steht PARMENIDES mit seinem großen
Lehrgedicht über die Natur, in dem er die Anschauung vom männlichen und weiblichen
Samen vertritt (Fragm. 18).
Beiden
Geschlechtern wurde von der Natur Samen verliehen (,,femina virque |
simul Veneris cum germina miscent‘); aus der Vereinigung beider
entsteht das neue Wesen. Dazu aber ist ein Gleichmaß der Mischung
bedingt, denn eine fehlende Einheit der Kräfte läßt eine unheilvolle
Doppeigeschlechtigkeit entstehen (,,nam si virtutes permixto semine
pugnent nec faciant unam permixto in’ corpore, dirae nascentem
gemino vexabunt semine sexum‘‘).
LIANUS
(De
morb. Chron.)
Neben diesem, CAELIUS AUREentnommenen Fragmente
lehrt
zweites, aus CENSORINUS (De die natali V 4) stammendes
ein
noch
des PARMENIDES Annahme eines dem Samen eigenen agonistischen
Momentes: Es findet ein förmlicher Kampf der beiden Samenteile
statt, mit dem Ziele, daB der überlegene Teil dem neuen Samen
das ihm zugehörige Geschlecht überträgt.
Ganz anders und nur in der Annahme des beidgeschlechtigen
Samens
mit
PARMENIDES
übereinstimmend
ist
die
Theorie,
die
EMPEDOKLES in seinem ebenfalls ,,ZZeoì quoews“ betitelten großen
Lehrgedicht entwickelte (Fragm. 63, 65, 67). Wieder ist es die Vereinigung des beiderseitigen Samens, die zur Bildung des Embryo
1) Für die Naturphilosophen wurde die maßgebende Ausgabe von HERMANN
DiELS, Die Fragmente der Vorsokratiker, Berlin 1903, benutzt, nach der im
folgenden zitiert wird.
Page 5
View in PDF(opens in a new window)benötigt wird.
Darüber hinaus aber taucht bei EMPEDOKLES zum
ersten Male in dieser Theorie ein neues Moment auf:
Die Lehre
vom Einfluß des Kalten (zd wiyos) und des Warmen (Ysoudr).
Läßt PARMENIDES durch das Übergewicht des einen Samens die
verschiedenen Geschlechter entstehen, dann bedingt sie bei EMPE-
DOKLES die Temperatur des Uterus, und zwar so, daß bei Kälte
Mädchen,
bei
Wärme
Knaben
entstehen
(,„r&
puèv rei&dover
yUVATAES, ywiyeos dvridoævtra, ta è tunadiv opera Fepuod. — ¿y
yao Feopotéow toxag &opsvog Enkero yaotio“),
erklärt
durch die
schwärzere, mannhaftere und haarigere Natur des Mannes (,,uélaves
did Toüro xal dvdowdéotegar évdpeg rel Auyvnevres paddov'’). Aber
EMPEDOKLEs geht noch weiter:
Selbst der Ursprung der einzelnen
Glieder ist bedingt durch die Zweiheit des Samens, da sich beide
Teile durch die in ihrem Samen bedingten Symbole der einzelnen
Glieder erganzen, einer allein aber niemals imstande ist, ein vollkommenes Wesen zu zeugen (,,œnoit yao... ddov d an’ ovdetigou
anızvaı, alla dıkonaoraı pédeov œuois).
Im Gegensatz zu diesen rein spekulativen Theorien des PARMENIDES und EMPEDOKLES verrät der Dritte der in Frage kommenden
Vorsokratiker, DEMOKRIT, deutlich seine anatomische Grundlage.
Er begnügt sich nicht, die Existenz eines wS als gegeben anzunehmen,
sondern sucht einen Beweis dafür in dem Vorhandensein der testes
auch beim Weibe.
Nahm EMPEDOKLES aber die beiden Prinzipe
des Kalten und Warmen als ausschlaggebend für die Entstehung
eines weiblichen oder männlichen Embryo an, so kehrt DEMOKRIT
wieder zu dem bereits von PARMENIDES angenommenen agonistischen
Prinzip der beiden Samen zurück, denn ,,dxorégov av xoa«ınon TO
ontoua th dro tov uopiov dv, © dtaqéioovow dAlmlov to DA
xal ro doosv‘‘ (DEMOKRIT bei ARISTOTELES De gen. anim. 764a 6,
DIELS Fr. 143):
Der stärkere Samen ist für die Entwicklung von
bestimmendem Einfluß; vgl. auch CENSORINUS und dessen kurze
Zusammenfassung der Lehre DEMOKRITS: ,,utrius vero parentis
principium sedem prius occupaverit, eius reddi naturam D. rettulit““ (6, 5).
3.
Mit dem Zeitpunkt, in dem die Medizin als anerkannte und auf
schulischer Tradition gegründete Wissenschaft in die griechische
Literatur aufgenommen wird, tritt ein Wandel in der bisher grundlegenden Bedeutung der vorsokratischen Schriften ein. An die Stelle
der großen Allgemeinwerke über die Natur schlechthin treten die
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View in PDF(opens in a new window)fachgemäßen Einzelabhandlungen, wie sie uns im Corpus Hippocraticum heute vorliegen und zu denen auch die im Rahmen unserer
Erörterungen unentbehrlichen Schriften ,,JZeo? yovís
“* (De genitura)
und ,, Iso puoros neidiov‘ (De natura pueri) des PoLvBos gehòren!).
Die Tatsache, erstmalig keine
Fragmente,
sondern ein
geschlossenes Werk zu haben, ermöglicht ein ganz anderes Urteil,
als das bisher Betrachtete, so daß bei PoLyBos von einer lückenJosen Theorie gesprochen werden kann.
Handelt er doch speziell
über die Spermatologie und legt uns damit ein abgeschlossenes
Wissen vor.
Für Pozy8os ist die Existenz eines wS von vornherein
gegeben: ,,usdi dì xa Y yuvy «no TOU cobuatos dtè uèv alc tos uiToas,
ai de ujrocı ixuartar yYivovraı, dti de xai Ew, TV ydoxwow ci
nijrocı u&lloy Tod xaipod (1 375), ebenso 1382: ,,7 youn... an’
&ugpoiv.‘“
Damit erübrigt sich für ihn, wie DEMOKRIT nach einem
Beweis fiir seine Behauptung zu suchen.
Ferner geht der Samen
beider vom gesamten Körper aus — so, daß die schwachen Teile
schwachen, die starken kräftigen geben.
Das aber muß sich dann
bei der Entstehung des Embryo entsprechend auswirken: Der Teil
des Körpers, der im männlichen an Stärke überwiegt, wird zu einer
größeren Ähnlichkeit mit dem Vater beitragen und umgekehrt;
es ist andrerseits unmöglich, daß ein Kind in allen Teilen nur der
Mutter oder nur dem Vater gleichen kann: der Zusammenfluß
beider — „uioyercı duoù TO te ¿no tov dvdoòs AD Or zul TO and
tis yvvaınds‘‘ (1377) — bedingt auch eine doppelte Beziehung
des Embryo auf seine beiden Erzeuger.
In dem bisher Angeführten berührt sich PoLyBos mit seinen
Vorgängern, oder er stellt Behauptungen auf, die in der Folgezeit
anerkannt und wiederaufgenommen wurden.
Ganz merkwürdig und
alleinstehend ist dagegen seine Annahme, daß auch der Mann weiblichen Samen habe und umgekehrt (,,xez ¿ore xai &v tw avdoi to d'u
oniouc xal ro hooey xal iv 17) yuverxi duotws), wobei jedoch betont
wird, daß dem Männlichen stets das Übergewicht zukomme und
infolgedessen
die Zeugung auch vom Stärkeren ausgehen muß
(„ioxvodrspov dì ¿ori TO por tod Fileos. avayxn odv ind icyvooTéoov oniguatos Yivscdaı“); geht von beiden starker Samen aus, wird
der Embryo männlich, im anderen
Falle weiblich („nv
uév
am
aupotiony TO onioua ioyvoôteoov ¿ld
y, docsv yivetae TO Tixtöusvor'
1) KUEHN,
Hippocratis
opera
omnia
(Leipzig
1825),
Littré
VII 470—542; zur Frage des Verfassers: DieLs, Hermes 28 (1893), 407 ff.
Page 7
View in PDF(opens in a new window)hw dai &odevès, Fiv“) — eine Theorie also, die über das von Par-
MENIDES angenommene, rein agonistische Moment weit hinausgeht.
Den Beweis für seine Behauptung glaubt PozyBos darin zu sehen,
daß Frauen dem einen Manne Mädchen, dem anderen Knaben
gebaren und von der Zeugung des Mannes das gleiche zu behaupten
ist (vgl. 1 378—379: „noAlai yao yuvaixss Hôn &Pndvrdxnoay nao’ dvdodo dios naga de éréporc dvöpdow doc &xovoordxnoav‘ USW.).
Diese Theorie der wechselweisen Kräfte und Charaktere der beiden
Samen blieb eine singuläre Erscheinung und weist in der Folgezeit
keine Parallelen auf, während GALEN nach der stummen Kritik,
mit der diese Ansicht bis auf seine Zeit übergangen worden war,
in seinen Erörterungen eine ablehnende Stellung dazu einnimmt.
4,
Bereits bei den Naturphilosophen war der Versuch unternommen
worden, Teilgebiete der Medizin in ein allgemeines Lehrsystem einzubeziehen und mit philosophischen Spekulationen zu verbinden,
so daß aus der Vereinigung von Philosophie und exaktem Wissen
auf dem Gebiete der Zeugungslehre eine nur beschränkt gültige,
in jedem System neu wechselnde Theorie entstand.
Nach dem
gewaltigen Aufblühen der griechischen Medizin tritt unter PLATON
eine abermalige Verbindung beider Gebiete ein. Nachdem SOKRATES
die Philosophie auf das rein Ethische beschränkt hatte, versuchte
PLATON, auch
das Gesamtgebiet der Natur- und
Geisteswissenschaften in seine idealistische Weltanschauung mit einzubeziehen.
Was PLATON über die Natur des Menschen und den Gang der
Entwicklung gesammelt hatte, legte er in seinem naturphilosophischen Werke „Timaios‘‘ nieder.
Die Götter gaben Mann und Weib
den Trieb zur Zeugung, indem sie in beiden ein beseeltes Wesen
— den Samen — gestalteten.
Fähig zu atmen, bewirkt er die Begierde des Ausströmens, die sich beim Manne im Willen zum Zeugen,
beim Weibe in dem zum Gebären kundgibt (Tim. 91 A—D; vel.
GALEN de semine bei KUEHN 1515).
Hier begegnet uns zum ersten
Male die Annahme, daB der wS nicht so sehr Stoff, als vielmehr
bewegendes Prinzip zur Zeugung genannt werden kann.
Der Ansicht PLatons läßt sich
nicht allzuviel
entnehmen;
er begnügt sich damit, den Grund und das Wesen des wS erkannt
zu
haben,
ohne
genauere
Untersuchungen
ARISTOTELES vereinte Philosophie
und
auszuführen.
genauestes
Erst
medizinisches
Wissen auch hinsichtlich unserer Theorie, und seine beiden großen
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Werke „De animalium historia‘ und ‚De generatione animalium*
geben Aufschluß über die Summe seiner Untersuchungen auf dem
Gebiete der Embryologie.
|
Die Existenz eines wS ist für ARISTOTELES eine Tatsache.
Er
unternimmt als erster eine deutliche, auf genaue Kenntnisse gestützte
Kritik der bereits behandelten Theorien des EMPEDOKLES und
DEMOKRIT.
Kälte und Wärme können unmöglich die Ursache des
geschlechtlichen Unterschiedes bei der Bildung des Embryo sein,
da
sich
scheiden.
die
Geschlechtsorgane
doch
offensichtlich
stark untet-
Diese Annahme ist im gleichen Maße unmöglich wie die,
daß der Samen des einen Erzeugers zur Ausbildung von Gliedern
dienen könnte, deren Ausbildung dem anderen nach EMPEDOKLES
Lehre unmöglich wäre.
DEMOKRIT.
Ähnlich ablehnend steht ARISTOTELES zu
Die Annahme vom Streit der beiden Samen um das
Übergewicht erscheint ihm annehmbarer, aber unwahrscheinlich
und ist deshalb ebenso abzulehnen!).
Die feste Annahme eines wS erscheint bei ARISTOTELES bereits
in der „Historia animalium‘ bei der Definition der beiden Geschlechter am Anfang des Werkes:
,,xeAeîra: de ro uèr sis avro
dpizv (sc. td ontoua) Pau, TO de ele roro poe” (13, 489a 11—13).
Damit wird die Existenz des wS zwar angenommen, aber noch
nicht bewiesen. Diese Aufgabe tibernahmen dann die fünf Bücher
seiner ,,Generatio animalium”, in denen die Lehre vom wS in
173—86 (727a—729a) genau behandelt wird.
Im Gegensatz zu der in Hist. an. 13 festen Bejahung seiner
Existenz formuliert ARISTOTELES Gen. an. 168 vorsichtiger:
Erst
die Untersuchung wird ergeben, ob auch das Weibchen ,,reoísra:
ontopea Goneo TO ¿ppev xal Eotiy piype TO yivduevov tx dvoiv onsoprom”, Beide Teile geben eine Ausscheidung von sich; die des
physisch schwächeren Weibchens muB — entsprechend der Theorie
von der geringeren Wärme der Weibchen im Vergleich zu den
Männchen — reichlicher als die des starkeren Mannchens sein.
So
ergibt sich, daB die Samenflüssigkeit des Mannchens dem Monatsfluß des Weibchens entspricht (,,8re uép odv ¿ori ta xarapyme
nepitroux, xal Ste dvaloyov ag toig «peso» i youn ora Trois
ihect ta xaraumra paveody),
Der Beweis dafür wird aus der
analogen Entwicklung beider Geschlechter abgeleitet, die mit dem
1) Für die genauere Beweisführung vgl. Gen. an. I; benutzt wurde die
griechisch-deutsche Ausgabe von AUBERT-WIMMER, Leipzig 1860.
Page 9
View in PDF(opens in a new window)gleichzeitigen Beginn yon Samenaussonderung und MonatsfluB in
Erscheinung tritt,
.
Mit dieser Erkenntnis setzt für ARISTOTELES der erste Zweifel
an einer völligen Gleichsetzung der beiden Samen ein.
Die Natur
schafft in zwei geschlechtlich verschiedenen Lebewesen nicht einander völlig gleiche Zeugungsstoffe; es kann nicht zwei samenartige Absonderungen zugleich geben, daher ,,pavepóv Ste to Haıv
où oupBddistae omtoua eis Try» yéveouv“ (I 76); das Vorhandensein
des einen schließt die Existenz des anderen aus,
Andererseits
ist eine Zeugung ohne den MonatsfluB erfahrungsgemäß unmöglich;
dieser — und
nicht die fälschlich
tyeacta oneopetixn des Uterus, die
rein
als
Samen bezeichnete
äußerlich dem männlichen Samen ähnelt — ist der Stoff (17), den nach ARISTOTELES
das Weibchen zur Zeugung liefert.
So ist der Monatsfluß kein
reiner
Durcharbeitung
(xa#aody),
sondern
ein
der
bedürftiger
(deduevov toyacias) Samen, so daß bei einer Mischung des männlichen Samens mit dem Monatsfluß der erstere zeugt, der letztere
nährt (I 83).
So tritt denn mit ARISTOTELES ein ganz neues Moment in unserer
Theorie auf.
Der bisher von den Naturphilosophen und PoLYBos
als dem Vertreter der hippokratischen Doktrin als wS bezeichneten
und von ARISTOTELES physiologisch als nur samenartige (onepuerıx7j)
Flüssigkeit erkannten Ausscheidung kommt die Bezeichnung Samen
(oréoua) nicht zu.
Was der weibliche Teil dagegen zur Zeugung
beiträgt,
zusammentretende
(„7
ist
,, der
tov xaraunviov ovoracis’).
Stoff
des
Monatsflusses‘
Demnach gibt bei der Zeugung
der männliche Teil die Form und das Prinzip der Bewegung (,,r0 dè
eidog xl tiv doyiv tis xıvnoewsg‘‘), der weibliche dagegen den
Körper und den Stoff (,,ró o@ua xed try» Vinv'').
Denn „wenn
das Männliche die Bedeutung des Bewegenden und Wirkenden hat,
das Weibliche aber . . . die des Empfangenden, so wird das Weibchen zu der Samenflüssigkeit des Männchens nicht Samenflüssigkeit
beitragen, sondern einen Stoff‘‘ (AUBERT-WIMMER, S. 111).
5.
-ARISTOTELES’ „Generatio animalium‘‘ stellt mit ihren für den
wS aufgestellten Theorien eine ebenso einmalige Erscheinung dar
wie die seltsamen Annahmen des PoLysos von den wechselweisen
Kräften und Charakteren der beiden Samen. Kein Mediziner der
Folgezeit hat
dem
Monatsfluß eine
derartige
Stellung zuerteilt
Page 10
View in PDF(opens in a new window)wie er; alle auf ihn folgenden bleiben bei der seit den Vorsokratikern
geläufigen Identifizierung der ¿ypacia oneouerexy mit einem dem
männlichen gleichstehenden weiblichen Samen. Unter den Medizinern des vierten und dritten Jahrhunderts wäre hier DIOKLES
VON KARYSTOS zu nennen, von dessen großangelegten Werken nur
spärliche Fragmente auf uns gekommen sind.
Auch er vertrat die
Theorie von der Existenz eines wS, der zur Zeugung unbedingt
nötig wäre, da gar keine oder eine zu geringe Samenmenge eine
Befruchtung unmöglich mache, vgl. GALEN, Hist. Phil, 32.
An dieser Stelle muß auch das unechte zehnte Buch der aristotelischen
‚Historia animalium“
erwähnt werden,
das
DIOGENES
LAERTIUS unter dem Titel ,,"Yxéo rod un yarvav‘‘ anführt — wahrscheinlich?) die Arbeit eines Mediziners aus dem dritten Jahrhundert,
der
unter
Aufnahme
aristotelischen
und
hippokratischen
(aus
„De morbis muliebribus‘) Gedankengutes eine Zeugungslehre aufstellte, die die Existenz eines wS ebenso entschieden bejaht, wie sie
von
ARISTOTELES
oben
oxéope «le thy yéveouv)
(„gaveoov Ore td d7Av où ovußalleraı
abgelehnt
wurde;
ist
doch
besonders
an zwei Stellen — 634b 29 ‚sis ro nooodev yao airay (sc. Tüv
vÚOTECOY) xal 7 yuvy mootetc (sc. ontoua) und 637a 36 „sul 7
yuvy yéviuov moore
—
mit
allem
Nachdruck
darauf
verwiesen, während die Arbeit außerdem noch des öfteren (vgl. 636a 11;
636b 15; 637a 26) die Notwendigkeit beider Samen betont.
Mit
dieser
durch
ihre
Eigenart
interessanten
pseudoaristotelischen Schrift beginnt die große, nicht stofflich, sondern durch
die historische Entwicklung bedingte Lücke des griechischen Schrifttums, die mit dem Beginne des Hellenismus einsetzt und auf dem
Teilgebiet der Medizin bis in die
Kaiserzeit hineinragt.
Macht
sie doch ein weiteres Eingehen auf das Problem des wS zunächst
unmöglich; denn erst mit SORAN wird diese Theorie wieder aktuell,
da
der
einzige römische Autor,
der griechische
Quellenstudien
betrieb — PLINIUS —, gerade hier versagt. Die ,,Naturalis historia“
kennt — wie ARISTOTELES, auf
den PLinius hier (VII 15, 66)
wahrscheinlich zurückgeht — die Existenz eines wS nicht, sondern
stimmt mit ARISTOTELES darin überein, daß die Ausscheidungen
des Monatsflusses der vom Weibe gelieferte Stoff ist, der den männlichen Samen labartig (coaguli modo) umgibt; aus der Vereinigung
beider entsteht der Embryo, dem bei einer Fortdauer des Flusses
während der Gravidität die lebensnotwendigen Stoffe verlorengehen.
1) Vgl. DITTMEYER, Aristotelis de animalium historia, Präf. VI.
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Betrachten wir, von der rein kompilatorischen Tatigkeit eines
PLINIUS ausgehend, den Aufschwung der Medizin im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, dann ist der Unterschied zu ihm um so
auffallender und läßt den kleinasiatischen Griechen SORAN und
seine , Gynaecologia” um so bedeutender erscheinen, wenn auch die
anatomischen Kenntnisse gerade der Genitalien nur als dürftig
angesprochen werden können und in mancher Hinsicht keine Vorstellung ermöglichen.
SORAN nimmt die Theorie des wS wieder auf und bietet, dem
Charakter des Werkes entsprechend, Neues vor allem auf pathologischem Gebiet. Seine Existenz ist für SORAN sicher, eine Beziehung zum Monatsfluß oder ein Ersatz durch diesen findet nicht
statt; andererseits kann der wS nicht zur Zeugung dienen, da die
zdpoı onepuaætixot des Weibes von den Ovarien aus nicht direkt
zum Uterus führen, vgl. I 12, 21). Trotz der dadurch untergeordneten
Bedeutung des wS interessiert SoRAN durch eine Reihe von Einzelheiten, die uns zeigen, bis zu welchem Grade der wS in der ,,Gynaecologia“ als ein Analogon zum männlichen Samen behandelt wird
und gewisse biologisch bedingte pathologische Erscheinungen bei
beiden Geschlechtern die gleichen sind.
Ist SoRAN in I 31, 2 recht
vorsichtig in seinem Urteil (,,r7v di tod onéouaros &ndxoiciv
¿vor pév qpaciv pira int tv ¿potvov pijte ini Tv Dnieov xara
yévos elvaı BlaBeody, xara dì tiv dusroiav“‘), so bietet er vorher
(1 30, 1) geradezu ein Musterbeispiel nach beiden Seiten, für die
Annahme eines wS sowohl wie für die damit verbundenen biologisch-pathologischen
Erscheinungen,
durch
den
kurzen
Satz:
soa onéouatos Exxpıoız tnıßlaßns ws int tHv dopévor obras xai
int Tor Indy.“
Die eigentliche Pathologie beginnt — eingeleitet durch die
kurze
Abhandlung
‚Ei gore dda nddn yuvaxdv —
erst
mit
dem dritten Buche und interessiert hier durch die III 45—46 gegebene Darstellung der yovoppoiæ des Weibes, die nach der allgemeinen
Feststellung der Tatsache
—
,,oùx ¿mi póvow &vdodn,
ahha nai ini yuvaxdy dnoreleiraı yovdopow“ (45, 1) — die kurze
Definition ‚Zorı dì onéouatos Exxoıcıs ywols noodvpuias xul ixotdons te pixedw pépovoa dtactnpeétor folgen läßt.
Die
Kürze
1) Zitiert wird nach der Ausgabe ILBERGS, Corp. Med. Graec. IV, Leip-
Page 12
View in PDF(opens in a new window)der Darstellung, bei der sich SoRAN jedes näheren Urteils enthält, erlaubt keine Stellungnahme zu der Frage, ob er hier wirklich
an eine ausgesprochene profluvio seminis glaubte oder mehr an
den Ausfluß einer samenartigen Flüssigkeit, die mit ARISTOTELES
Worten als „Uyoacie onepuerıxn‘‘
zu bezeichnen wäre, dachte;
daß es sich bei seiner Darstellung um den fluor albus handelt,
steht jedenfalls außer Zweifel.
In
diesen
Zusammenhang
gehören
auch
die
Ausführungen
des ARETAIOS über den wS, die sich im zweiten Buche seines Werkes
„De Causis et signis acutorum morborum” finden!); beide sprechen
von einem wS wieder bei der Schilderung der oben von SORAN
so kurz erwähnten yovoppoí«, deren Krankheitsbild hier klarer
und ausführlicher beim Manne sowohl wie bei der Frau — ,,vocéovo:
de mal yuvaixes tivos tiv votcor’ (115, pag. 144) — dargestellt
wird.
Schon die Tatsache, daß auch bei ARETAIOS die yovoppoia
wie bei SoRAN unter den affectus uteri (KUEHN) behandelt wird,
läßt auf etwas anderes als eine reine profluvio seminis schließen;
die letzten Zweifel werden durch die Bezeichnung ,,odog Asvxdg“
== fluor albus behoben, bei dem jene ‚weiße, záhe und samenartige
Flüssigkeit‘ (,,dypov Aeuxdr, nayv, yovosdés’’) ausgeschieden wird;
nur
dies — und
nichts
anderes — als
yovogooëæ gemeint
zu
haben, betont ARETAIOS zum SchluB noch einmal mit den Worten
„tors TO eldog Yovoppoiav yuvaixetay tMEapsv
(II 5, p. 164/65).
Es ist also zwischen der Auffassung des SORAN und des ARETAIOS
genau zu unterscheiden:
Soran versteht 130,I und 31,2 etwas
anderes als III 45: zuerst einen wirklichen wS, dann, auf Grund
der anscheinend rein äußerlich völlig gleichen Beschaffenheit, die
Aussonderungen des fluor albus; ARETAIOS meint an beiden Stellen
— 115, 144 wie 164/65 — ausschließlich den Fluor albus und nicht
das Vorhandensein eines wS, von dessen Existenz seine Lehre nichts
weiß.
Damit aber ist die Entwicklung unserer mit den Naturphilosophen beginnenden Theorie zum zweiten Male unterbrochen:
neben ARISTOTELES, der den wS durch einen für die Bildung des
Embryo
wichtigen
Stoff
ersetzte,
steht
ARETAIOS,
über
dessen
Stellung zur Embryologie wir nichts wissen und nur das aussagen
können, daß er die Existenz des wS ablehnt und in seinem Werke
yovooooi«
orepuarixy
auf dem Umwege
nur
als
über die Gleichung yor7 = vyo0aecia
000g Asvxds = fluor
albus
verstanden werden kann.
1) Vgl. KUEHN, Aretaei opera omnia, Lipsiae 1828.
ausgedeutet
Page 13
View in PDF(opens in a new window)Die iiberragende Stellung, die GALEN als demjenigen zukommt,
der die Ergebnisse der antiken Medizin zu einer letzten abschlieBenden Höhe emporführt, wird auch bei einem Blick auf die Behandlung
unserer Theorie durch ihn ersichtlich. Was GALEN in seinen embryologischen Schriften — weniger im vierzehnten Buche seines groBen
Werkes „De usu partium corporis humani“, als in seiner Sonderschrift „De semine‘‘ — an Theorien vorweist, ist die letzte große
Zusammenschau griechisch-römischer Medizin; eine Auseinandersetzung mit dem Wissen aller Zeiten und Schulen auf diesem Gebiete,
nicht zuletzt mit den noch immer maßgebenden Theorien des HippoKRATES und ARISTOTELES, auf Grund eigener Tiersektionen und
genauer Forschungen, zu denen ihn seine ärztliche Leidenschaft
(,,70 nddog tovudr, è nao’ Sdov tov Piov tnadov“, de sem. | 23),
immer wieder getrieben hattet).
Die feste Annahme der Existenz eines wS durch GALEN —
und zwar in der ursprünglichen, durch keine Einschränkung abgeschwächten Bedeutung — kommt in den genannten Schriften
überall deutlich zum Ausdruck und wird durch die Zeugnisse der
folgenden Zeit (vgl. z. B. NEMEsius, de nat. hom. § 114: „IaAnvös
de, xarayıyvaoxav Apiototélous, Aye onspudivev piv tas yvvaizus wai thy pigiy augotiowy TOY orepuétov mov TO
noch
bekraftigt.
GALEN
selbst
geht
bei
xUnua“)
der Aufstellung
seiner
Theorie davon aus, daB infolge der anatomischen Beschaffenheit
des Uterus die Menge des männlichen Samens zur Zeugung unzureichend ist (,,¿dvvarov inadeiwar ndouv aityy (sc. ty untoav>“,
de sem. 17); aus diesem Grunde schuf die Natur zur notwendigen
Erganzung den weiblichen.
Dieser wS, erzeugt in den Ovarien,
ist in seiner Beschaffenheit unvollkommener als der des Mannes,
bedingt durch kleineren Umfang der Ovarien und die nach der
Lehre der Antike kältere Natur der Frau (vgl. z.B. XIV 11: „zo
dijdu dıorı yvyodteodv tori tot cogevoc’’), so daß ihm ebenfalls
die Möglichkeit, allein und für sich zu zeugen, vollkommen fehlt
(,,0Uxovv ixavov ¿ueldev ¿cera TO Torodror onioua yevvav Eoov",
de usu part. XIV, 6).
Beide müssen sich also gegenseitig ergänzen;
beiden kommt dabei nicht die gleiche, sondern eine getrennte Aufgabe zu:
birgt der männliche, wie bei ARISTOTELES, das Prinzip
1) Zitiert wird GALEN noch nach der alten Ausgabe von KUEHN;
genannten Schriften sind im vierten Bande (Leipzig 1822) enthalten.
Page 14
View in PDF(opens in a new window)der Bewegung in sich (,,doyny péy xevqtixyy txotiPscFae td tot
dopevos onéouæ“,. XIV 7), so hat der weibliche die Aufgabe,
diesen zu nähren (,,rodro (sc. rd tod dopsvog onéopa) änındrTeta xer totperai xat' doyas sùdùs inò tod Piisos", XIV 11).
Der Befruchtungsvorgang selbst wird in der Schrift „De semine“
dann auf Grund der in
„De usu partium‘
abgeleiteten Grundbedingungen einfach dargestellt und — fiir GALEN — überzeugend
bewiesen: aus den Ovarien gelangt der wS in den Uterus, um sich
hier mit dem männlichen zu verbinden (,,8&exveizae xodc td tot
&ooevos
ontopa,
xal
aitd
ta
pliyvutae
tovro”, de sem. I, 7);
Grundbedingung fiir eine wirksam eintretende Befruchtung ist dabei
die gleichzeitige Vereinigung der beiden Ausscheidungen
(,,éray
ody tnd rov a«vrov yodvoy Eux tH poser To Priv oneopaivy“).
Dabei üben beide also in ihrer Richtung — nach dem Inneren des
Uterus — die gleiche Bewegung aus, nur mit dem. Unterschied,
daß der männliche dabei an Stärke überwiegt, da — wie auch
hier wieder betont wird — der weibliche „Asnrdrsgov xai puyodreoov“‘ als der männliche ist.
So kommt denn in der Zeugungstheorie GALENS dem wS eine
dreifache Bedeutung zu: er ist einmal dazu da, um auch den weiblichen Teil zum Coitus anzuregen (,,éva yao dounon ra xaì nods
&qppodicia zo FHAv) und das collum uteri zu öffnen (,,... xal tov
œdyéva tOY pntody évaneréon, de usu part. XIV 11); zum anderen
hat er die bereits erwähnte Aufgabe, dem männlichen die zur Bildung
des Embryo nötige Nahrung zu geben, vgl. de usu part. XIV 11
und de sem. I, 7: „olo® roomy tig tO doowı yiveoFar. Mit dieser
letzten Aufgabe nähert
sich GALEN im Prinzip der
Theorie des
ARISTOTELES; beide gehen davon aus, daß dem männlichen Samen
zur Bildung des Embryo eine vom Weibe zu liefernde stoffliche
Ergänzung nötig sei.
ARISTOTELES fand die Lösung darin, daß er
die Existenz des wS ablehnte und diesen durch die nährenden
Sedimente des Monatsflusses ersetzt wissen wollte, GALEN dagegen
bestand auf dem Vorhandensein des wS selbst und schuf mit seinen
Ausführungen die letzte und am klarsten herausgearbeitete Theorie
der Antike auf diesem Gebiet.
Diese Tatsache erübrigt ein näheres Eingehen auf ORIBASIOS
und seine in der „Collectio medicalis (Iergıxai ouvaywyaæi)“ aufgestellten Theorien um so mehr, als das hier Ausgeführte keine
selbständige Meinung wiedergibt, sondern der Absicht des großen
Werkes — eine Übersicht über die Ergebnisse der gesamten griechi13 AGM XXX
Page 15
View in PDF(opens in a new window)schen Medizin zu geben — entsprechend die einzelnen Themen
nach den dafür maBgebenden Autoren referiert. So finden wir
denn hier (XXII 2) für die Zeugungstheorie die „Iso! oxtpueros”
überschriebene Abhandlung ausdrücklich als ,,èx row Tainvoü
bezeichnet und haben es in der Tat mit einer Zusammenstellung
aus den wichtigsten Schriften GALENs, die seine Zeugungstheorie
behandeln, zu tun. Eine Bedeutung freilich kommt ORIBASIUS
und seinem Werke, das gewissermaßen den Übergang von der
antiken zur byzantinisch-mittelalterlichen Medizin bildet, doch zu:
GALENS Theorie von der Existenz des wS wurde damit unabhängig
von dessen eigenen, darüber handelnden Schriften der Weg bereitet,
auf dem seine Lehre auch auf diesem Gebiete noch Jahrhunderte
hindurch die arabische Medizin ebenso wie die des Abendlandes
beeinflussen sollte.
8.
Über den Untergang des griechisch-römischen Kulturkreises
hinaus blieb das Erbe GALENS — und in diesem auch die Lehre
von der Existenz des wS — der Grundstock aller sich aus diesem
entwickelnden Schulen des Mittelalters, das, ganz gleich in welcher
Synthese, auf seinen Lehren aufbaute und weiterentwickelte.
Hier
wäre, neben dem Aufblühen der unteritalienischen Schulen, zuerst
wohl an den Aufschwung der arabischen Medizin zu denken, bei deren
Hauptvertreter AVICENNA (980—1073) die Theorie eines wS ebenfalls verfochten wird.
In der abendlandischen Medizin selbst taucht
das Problem, umstritten und teils bejaht, teils abgelehnt bis in
die Zeit des deutschen Rationalismus auf, um schlieBlich durch die
Forschungen der Neuzeit als eine absurde Theorie abgetan zu werden.
DaB das Fiir und Wider unserer Theorie bis in den Ausgang des
achtzehnten Jahrhunderts erwogen wurde, beweist nichts so deutlich, wie HALLERS 1778 erschienene ,,Elementa physiologiae corporis humani””, die in einem besonderen, mit „Num feminae suum
semen sit‘ iiberschriebenen Kapitel einen Uberblick iiber die im
Altertum, aber auch in Mittelalter und Neuzeit darüber aufgestellten
Theorien berichten (VIII 24—27); finden sich doch neben den entschiedenen Vertretern der Existenz eines wS, wie LA MoTTE und
MELLI, auch bekannte Namen des achtzehnten Jahrhunderts, die
wie BONNET (1720—93; ,,semen a feminis non effundi‘, vgl. Corps
organisés II 257) und LA METTRIE (1709—51; ,,easdem (sc. feminas)
concipere nullo semine effuso‘, vgl. Comm. III 210) ebenso entschieden seine Existenz leugnen.
Page 16
View in PDF(opens in a new window)War bisher ausschlieBlich von der Theorie des wS innerhalb
der Medizin die Rede, so tritt mit dem Mittelalter eine andere
geistige Größe in den Blickpunkt unserer Untersuchung: die katholische Kirche, die an dieser Frage in erheblichem Maße interessiert
war, an der Existenz eines wS niemals zweifelte und mit diesem
bis in die Neuzeit, d. h. in das neunzehnte Jahrhundert, als festem
Begriff gearbeitet hat. Anlaß zu einer ausführlichen Stellungnahme
auf diesem Gebiet gab die allmählich immer größere Bedeutung
annehmende Moraltheologie, in der Ehe und Zeugung naturgemäß
einen breiten Raum einnehmen mußten.
Der gewaltige Ausbau der Moraltheologie beginnt mit dem Zeitpunkt, wo die Reorganisation der katholischen Kirche in der Gegenreformation unter der straffen Leitung des Jesuitenordens ein großes,
in den Händen dieses Ordens liegendes Lehrgebäude entstehen läßt.
Der erste große Vertreter der neu fundamentierten Moraltheologie
ist der Spanier THOMAS SANCHEZ (1550—1610), der mit dem zweiten
(„De essentia et consensu matrimonii‘‘) und neunten Buche (,,De
redditione debiti coniugalis‘‘) seines Werkes „De sancto matrimonio”
in unmittelbarster Weise an die Theorien der Antike, klarer gesagt
an die GALENS, wieder anknüpft.
Ihm ist die Existenz eines wS
ebenso selbstverständlich wie den frühmittelalterlichen Vertretern
der Moraltheologie, die — außer natürlich GALEN und AVICENNA —
von THOMAS VON AQUINO an des öfteren zu Beweisen herangezogen
werden.
SANCHEZ glaubt zunächst, die Existenz des wS aus dem
Gesichtspunkt des Probabilismus heraus als selbstverstándlicn annehmen zu können: ,,Probabile est nisi femina seminet, non posse
ex ea copula sequi generationem‘ (II disp. 21, 11).
Und wenn bei
ihm erst aus der Vereinigung beider Samen (vgl. IX disp. 17,7: „ex
semine maris et feminae unum principium generationis* und 12:
»illius <sc. feminae) enim semen a natura ordinatum est ad generationem“) der Embryo entsteht, dann folgt SANCHEz ganz der von
GALEN (vgl. oben in De semine 17) aufgestellten Theorie der Befruchtung.
Über den eigentlichen Wert des wS unterrichtet dann
IX 17,8: „Licet semen mulieris non sit ad generationem necessarium,
multum tamen confert ad facilius generandum.
Tum
quia vis
activa seminis virilis in femineum agens conceptum pulchriorem ac
nobiliorem format.
Tum
etiam,
quia feminea
matrix effusione
seminis irritata ac incensa avidius virile semen complectitur. Et
femineum semen valde utile esse generationi, ad .idque a natura
institutum vel ex eo convincitur, quod natura nil frustaneum, sed
Page 17
View in PDF(opens in a new window)universum finem aliquem referens agat.‘‘ Das aber ist noch augenscheinlicher ein Zurückgreifen auf GALENS Theorie; haben wir
damit doch die Behauptung von dem nahrenden Prinzip des wS
aus De usu part. XIV 11 und De sem. I 7 wieder, ebenso die an der
gleichen Stelle genannte Aufgabe, durch die profluvio seminis feminei
eine notwendige Offnung des collum uteri zu bewirken.
Das Werk des SANCHEZ bildete die maBgebende Grundlage
fiir das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert, und was die auf
ihn folgenden, der S.J. angehörenden Moraltheologen lehrten —
erwahnt sei hier nur der ganz in SANCHEz’ Sinne urteilende Ordensgeneral TAMBURINI (1706—30) — geht fiir die Theorie des wS vüllig
auf SANCHEZ Zurtick.
Am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts
erscheint dann das Standardwerk der katholischen Moraltheologie,
die „Theologia moralis"
des ALPHONS MARIA VON
Gründers des Redemptoristenordens (1696—1787).
LIGUORI,
des
Einzigartig in
ihrer Wirkung auf die gesamte Moraltheologie bis auf unsere Zeit,
bringt sie auf dem Gebiete der Zeugungslehre — enthalten in dem
Kapitel ,,De matrimonio‘ — nichts Neues und ist im wesentlichen
eine Übernahme der von SANCHEZ aufgestellten Lehren, wie die in
VI 919 von diesem übernommene Nährtheorie (,,seminatio mulieris
est necessaria vel saltem multum confert ad generationem” = SAN-
CHEZ IX 17,8) am besten zeigen kannt).
Das gleiche gilt für die
übrigen, zum größten Teil ebenfalls unmittelbar auf SANCHEZ zurückgehenden Parallelen; vgl. z. B. noch VI 919 = SANcHEz, IX 17, 7
= GALEN, De sem. 17: ,,seminatio mulieris pertinet ad complendum
actum
coniugis.‘“
coniugalem,
qui
consistit in
seminatione
utriusque
Ein Unterschied freilich ist nicht zu übersehen:
Was
bei GALEN und auch noch bei SAncHEZ als unerläßliches biologisches
Prinzip erschien und eine elementare Grundlage der aufzustellenden
Zeugungstheorie bedeutete, ist hier zur rein juristisch zu bewertenden
und zur Definition des Begriffes actus coniugalis dienenden Feststellung geworden.
9.
Ein weiteres Eingehen auf die Moraltheologie des achtzehnten
und neunzehnten Jahrhunderts eriibrigt sich, da alle auf Liguori
folgenden Werke inhaltlich auf die beiden großen Systematiker.
zurückgehen.
Mit dem allmählichen Aufgeben der Annahme. eines
wS auch von seiten der katholischen Kirche, das mit dem neun1) Benutzt wurde die maßgebende Ausgabe von HARINGER; für „De matrimonio‘, Band III, S. 253 ff.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)zehnten Jahrhundert einsetzt und u.a. bei dem Moraltheologen
LEHMKUHL S. J. festzustellen ist, hört die letzte, durch die mittelalterliche Tradition der Kirche am langsten erhaltene Nachwirkung
der galenischen Theorie endgültig auf, nachdem die moderne Medizin
längst zu anderen Ergebnissen gelangt war und in dem geheimnisvollen wS ein einfaches, physiologisch bedingtes Drüsensekret der
Lo
Vagina erkannt hatte.
ARISTOTELES und GALEN erschienen im Rahmen der Untersuchung als diejenigen, deren Theorien in der geschichtlichen Abwandlung unseres Problems die scharfsinnigsten und ausführlichsten
Gedankengange aufwiesen.
GALEN gelang es, nicht zuletzt eben
auf dem Umweg über die Kirche, seine Theorie auf Jahrhunderte
hinaus durchzusetzen.
Die moderne Medizin dagegen entschied
sich letzten Endes fiir ARISTOTELES, der nicht mit seiner sonderbaren Theorie von
dem
nährenden
Prinzip
des Menstruationssedimentes ihrer Erkenntnis am nachsten kam, wohl aber dadurch,
daß er den angeblichen ,,Samen“ in einem dem heutigen Wissen
verwandten Sinne
schiedenes
vgl.
De gen.
parıxn,
zu deuten und als einfaches, individuell ver-
Uterussekret
an.
(,,éexoratg toreody‘‘) zu deuten wußte,
180 (727b):
,,oùx ¿otiv Y tyoacia a«vry oneoéxdorars.
alia
rod
tonov
o@y Exxpicis,
xal
taig puèv yiverai, taic O où.‘
idos
tote yao
thy
vors-
Damit steht
ARISTOTELES — wenn wir für é&xororg voteo®y die richtigere Bezeichnung Vaginalsekret einsetzen — ganz auf dem
Boden
der
modernen Forschung, und wir erhalten einen neuen Beweis fiir die
überragende Bedeutung des groBen Forschers, in dessen Person
sich auch auf diesem Gebiete Antike und Gegenwart
nahe
berühren.
Anschr. d. Verf.:
Dresden-N. 6, Holzhofgasse 2
[Bei der Schriftleitung in Leipzig eingegangen am 11. Februar 1937]
13* AGM XXX