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À:
sind, wie von der Thätigkeit jenes Mannes überhaupt, nur
spärliche Nachrichten auf uns gekommen. Wir können ihn
‘ daher nur unter die Reihe.der vor-aristotelischen Denker ein-
Erster Teil.
Die griechische Philosophie.
Die erste und im Verlaufe der antiken Welt wichtigste
systematische Behandlung fand unser Problem durch Aristoteles. Sein groBartiger und einflussreicher Versuch war durch
drei verschiedene Strömungen vorbereitet. Die alten Naturphiloordnen, während er bei vollständigerer Kenntnis vielleicht dem
Aristoteles den Rang streitig machen würde. Zu den Anregungen der klassischen Zeit haben die späteren Philosophenschulen wenig Neues hinzugefügt. Doch sind sie als Vermittler der Tradition wichtig, zum Teil auch als Träger des
in der Einleitung erwähnten Umwertungsprozesses des Unendlichen interessant.
8 1.
Die Postulierung des Unendlichen durch die Naturphilosophen.
sophen hatten die Welt nach verschiedener Richtung hin als
unendlich gesetzt, ohne sich der Schwierigkeiten ihrer Behaup-
Anaximander von Milet war, soweit wir wissen!), der
erste, welcher das Prinzip der Welt als unbegrenzt — a@megov
tung bewusst zu werden. Ein solches Bewusstsein wurde vor-
‘ bezeichnete. Es hat lange Streit darüber bestanden, in welchem
Sinne er das Wort verstand; ein Teil der Gelehrten, wie
bereitet durch die pythagoreische Entdeckung des Irrationalen.
Formuliert wurden die Schwierigkeiten zuerst durch Zeno.
Von den Pythagoreern ging aber auch ein Strom mystisch
gefühlsmäßiger Bestimmungen aus, welcher den großen Plato
mit.in seine Kreise zog. Plato vertiefte die eleatischen und
pythagoreischen Anregungen im Zusammenhang mit seinem
großartigen System. Alle diese Strahlen fing Aristoteles auf
und schuf so mit großem Scharfsinn unter Hinzufügung neuer
wesentlicher Einsichten seine Unendlichkeitslehre. So stellt
sich die Entwickelung nach dem Bestand unserer Tradition
dar. Ob dies Bild dem wirklichen Thatbestand entspricht,
unterliegt besonders an einem Punkte berechtigtem Zweifel.
Der entschiedenste Antipode der idealistischen Philosophie, der
erste Gelehrte großen Stils, Demokrit, hat sich zweifellos mit
unserem Probleme beschäftigt. Aber von dieser Behandlung
Teichmüller?, Seydel®), Strümpell‘) meinten, er habe damit nur die qualitative Unbestimmtheit des Urstoffes bezeichnen
wollen. Wenn man indessen den Zusammenhang hetrachtet,
1) Stölzle, Die Lehre vom Unendlichen bei Aristoteles, Programm von St. Stephan in Augsburg 1882, behauptet S. 2—3, dass schon
Thales den Urstoff, das Wasser, unendlich setzte. Doch erwidert
Zeller I, 15, 8.189 wohl mit Recht, dass die betreffende Angabe
des Simplicius, welche allen anderen Überlieferungen widerspricht,
aus einem Missverständnis der Stelle Aristot. Phys. III, 4, 203a, 16
hervorgegangen sei. An dieser letzteren Stelle beziehe sich das ödwg
eher auf Hippo als auf Thales. Übrigens ist die ganze Frage prinzipiell nicht von großer Bedeutung.
2) Studien zur Geschichte der Begriffe 1874.
3) Die Fortschritte der Metaphysik innerhalb der Schule des ionischen Hylozoismus. Leipzig 1860.
4) Geschichte der theoretischen Philosophie
der Griechen. Leipzig
1854, 8. 29 ff.
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View in PDF(opens in a new window)in dem Aristoteles des Anaximander erwäbnt, so wird man
es alles umfasse und alles lenke, unsterblich und unzerstörbar
sei!). Er nimmt ferner an, dass es unzählige in der Zeit |
aufeinander folgende Welten gebe. Ob er auch unendlich
Zeller!) und Neuhäuser?) rechtgeben müssen, welche mit
Entschiedenheit die Ansicht vertreten, dass mit dem Unbegrenz{ten ein der Masse und dementsprechend auch der räumlichen
| Ausdehnung nach unendlicher Stoff gemeint sei. Aristoteles
_ überliefert uns nämlich unter den Gründen alter Philosophen
viele im Raum nebeneinander bestehende Welten behauptet,
wage ich nicht zu entscheiden ?).
Das Wesentliche an der Leistung Anaximanders ist
für die Unendlichkeit auch den, dass nur aus einem unenddemnach, dass er zum ersten Male die Forderung der Unlichen Prinzip die unendliche Folge des Werdens abgeleitet
endlichkeit des Weltprinzips in die Philosophie einführte.
werden könne). Diesen Grund schreibt Simplicius dem Ana-
Diese Unendlichkeit ist ibm sowohl eine räumliche wie eine
ximander zu. Wenn nun Aristoteles‘) diesen Grund als
zeitliche.
unbeweisend hinstellt, indem ja der Untergang eines Dinges das
Entstehen eines anderen bewirken und so auch bei begrenztem
war unstichhaltig. Die Fülle der Gestalten, die Mannigfaltigkeit der Vorgänge mochte seinen betrachtenden Geist so mit
Stoffe ein unbegrenztes Werden möglich sein könne, so geht
daraus hervor, dass diese Begründung ihm als Beweis für die
Welt nur ein unbegrenzter Stoff zu genügen schien.
Unendlichkeit des Stoffes bekannt war‘). Nicht ausgeschlosmehr oder minder deutlich wird wohl auch schon bei diesem
sen, vielmehr bei dem poetischen und noch wenig sondernden
Denker die Willkürlichkeit jeder Begrenzung in Raum und
Zeit eine Rolle gespielt haben. So unklar die Gedanken des
tiefsinnigen Mannes auch gewesen sein mögen, so bezeichnen
sie doch die erste Anregung zu einer der wichtigsten und
schwierigsten aller philosophischen Entwickelungsreihen.
Unter den späteren Ioniern scheinen sich Anaximenes?)
und Diogenes von Apollonia®) in Bezug auf den Unendlichkeitsbegriff ganz an Anaximander angeschlossen zu haben.
Charakter dieser frühen Denker sogar sehr wahrscheinlich ist,
dass die Bedeutung »qualitätlose und »ohne innere räumliche
Sonderung« dem ärzseıgov Anaximanders ebenfalls zukommen®). Auf die vielumstrittene Frage nach der stofflichen Natur
dieses Urstoffes einzugehen, liegt hier kein Grund vor. Es kommt
uns.wesentlich darauf an, zu betonen, dass hier eine Unendlichkeit der Materie und damit des Raumes aufgestellt wird.
Anaximander sagt von seinem Unendlichen weiter aus, dass
1) I, 15, 8.199.
2) Anaximander Milesius. Bonn 1883, 5. 36 ff.
Der Grund, auf welchen er sich hierbei stützte,
Staunen und Bewunderung erfüllen, dass ihm als Prinzip dieser
Doch
Auch sie nahmen einen unendlichen und ewigen: Urstoff, die
Luft, und wahrscheinlich auch eine unendliche Reihe aufeinander folgender Welten an.
Heraklit forderte eine unend-
3) Physik III, 4, 203b, 18—20.
4) Physik III, 8, 2088, 8—11.
liche Bewegung und ebenso wie seine Vorgänger eine unend-
5) Neuhäuser a. a. O. 8. 25 möchte auch die übrigen Physik
1) Arist. Physik II, 4, 203b, 10; of. Zeller I, 15, S. 217, Anm. 1,
2) Es handelt sich um die Beweiskraft einiger Stellen aus Simplicius und Augustinus. Neuhäuser a. a. O. 8.327 ff. erklärt
sich für, Zeller I, ts, S. 234 ff. gegen diese Annahme.
3) Zeller I, 15, 8. 241.
III, 4, 203b, 4—28 für die Annahme eines unendlichen Körpers angeführten Gründe größtenteils auf Anaximander zurückführen. Natorp,
Phil. Monatshefte Bd. 20, S. 368, 1884 u. Zeller I, 15, 8.198, Anm. 3
weisen seine geschraubte Beweisführung mit Recht zurück.
6) ef. bes. Natorp, Phil. Monatshefte Bd. 25, 8. 210, 1859.
4) Zeller I, 1,, 8. 264,
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View in PDF(opens in a new window)liche Reihe aufeinander folgender Welten‘). ‘In diesem
Punkte schließt sich auch Empedokles der älteren Naturphilosophie an. Seine vier Elemente und zwei Urkräfte (Liebe
endlich viele verschiedene Gestalten!). Als Grund dafür wird
angegeben, dass man nicht einsehen könne, warum den Atomen
eine Gestalt mehr zukommen solle als eine andere, und ferner,
und Hass) sind ungeworden und unvergänglich, unsere Welt
dagegen der Entstehung und dem Untergange unterworfen?).
die Dinge so verschieden sind, so vielen Veränderungen unter-
Auch Anaxagoras setzte seine »Samen der Dinge«, welche
man meist mit einem aristotelischen Ausdruck »Homöomerien«
dass sich nur unter dieser Voraussetzung erklären lasse, dass
liegen und verschiedenen Betrachtern so verschieden erscheinen). Während dieser letztere Grund als treffend nicht gelten
Die Welt war auch ihm begrenzt, aber vom unendlichen Stoffe
umgeben
4).
Als der Abschluss und die konsequenteste Ausbildung
dieser Gedankenreihe ist die Lehre der Atomisten zu bekann und nur eine erweiterte Form derselben Motive ist, die
schon Anaximander leiteten, liegt in der ersten Erwägung
der Gedanke eingeschlossen, dass alles Mögliche wirklich sein
miisse, ein Gedanke, der tiber die sonstigen Unendlichkeitsvorstellungen dieser Gruppe weit hinausweist. Gemäß der
unendlichen Menge der Atome bilden sich unendlich viele
trachten. Sie übertragen den Begriff des Unendlichen auf alle
Welten neben und nach einander; gemäB der unendlich man-
‚nennt, unendlich an Zahl und Verschiedenheit. Im Gegensatz
zu den Atomen sind diese Homöomerien unbegrenzt teilbar?).
wesentlichen Bestandteile ihrer Physik und suchen sich über
nigfaltigen Gestalt der Atome sind auch diese Welten unenddie Gründe dieser Bestimmung etwas schärfer Rechenschaft
zu geben. Nur nach einer Richtung hin wird dem unendlichen
Fortschritt der Prozesse eine Grenze gesetzt. Der unendlichen
Teilbarkeit der Materie wird durch die Aufstellung der Atome
lich mannigfaltig?). Wie viel von diesen Gedanken schon
dem Leucippus, wie viel dem Demokrit zugehört, lässt
widersprochen und dadurch im stetigen Flusse der Dinge ein
festes Substrat gewonnen. Hierin liegt die große Fruchtbarkeit der Atomistik für anschauliche Hypothesen über das
sich nicht mehr feststellen.
Allen bisher betrachteten Philosophen, mit Ausnahme vielleicht des Demokrit, ist »unbegrenzt«, »unendlich« ein fester
Begriff, ein Attribut neben anderen Attributen. Aber neben
dieser Entwickelung geht eine andere her, welche die Erkennt-
Naturgeschehen begründet. Dem Geist werden feste Ausgangsnis der problematischen Natur des Unendlichen, wenn nicht
punkte für seine Spekulationen und, wenn die Zeit so weit
völlig klar erfasst, so doch vorbereitet. In
gediehen ist, für seine Rechnungen gegeben. Die Atome sind
sich beide Entwickelungsreihen zu begegnen.
nicht nur der Zahl nach unendlich, sondern haben auch un-
Demokrit scheinen
1) Aristot, De gen. et corr. I, 1, 314a, 21.
2) Zeller I, 25, S. 856, 857.
1) Zeller, Über die Lehre des Aristoteles von der Ewigkeit
der Welt. Abhandl. d. Berl. Aknd. phil.-hist. Kl. 1878, S. 98; I, 2,,
3) Zeller I, 25, 8.861 u. 890/91; Lange, Gesch. des Materialiswus Is, S. 16.
S. 688.
2) Zeller I, 25, S. 755, 778.
3) a. a. O. S. 985.
4) a. a. O. S. 1007.
Cobn, Unendlichkeitsproblem.
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View in PDF(opens in a new window)dies als Beispiel einer auf induktivem Wege gewonnenen
Das Unendliche als Problem. (Pythagoreer, Zeno, griechische
Mathematik ete.)
Unter den erstaunlichen mathematischen Entdeckungen,
welche eine schwer kontrollierbare Tradition dem Pythagoras zuschreibt, ist vielleicht die des Irrationalen die erstaunlichste. Diese Entdeckung würde freilich viel verständlicher
werden, wenn wir mit L. von Schröder!) annehmen dürften,
dass Pythagoras sie ebenso gut, wie den nach ihm benannten Lehrsatz, den Indern verdankt. Nach der gewöhnlichen Überlieferung haben die Pythagoreer diese Entdeckung
mathematischen Einsicht an. Es war damit eine Inkongruenz
zwischen Zahl und geometrischer Größe aufgedeckt, welche
den Pythagoreern selbst um so weniger erwünscht sein musste,
je mehr sie in einfachen Zahlenverhältnissen das Wesen der
Dinge zu erkennen glaubten. Denn es musste danach in der
Konsequenz ihres Systems liegen, die Linie als eine Summe
diskontinuierlicher- Punkte aufzufassen !).
Dieser Anschauung widersprach die neue Entdeckung aufs
schärfste, denn sie zeigte, dass geometrische Gebilde sich
keineswegs immer in ganzen Zahlen oder deren Verhältnissen
ausdrücken ließen. Ist die ganze Zahl der Repräsentant der
bei Gelegenheit eines bestimmten geometrischen Problems gemacht. Sie fanden nämlich, dass es unmiglich sei, das Versondernden diskreten begrifflichen Thätigkeit, so kann man
hältnis der Seite eines Quadrates zu seiner Diagonale in ganzen
fließenden Anschauung in Konflikt kam. Dem Griechen, die-
Zahlen auszudrücken?).
sem Meister in der Handhabung des strengen Begriffs, diesem
Mit Recht führt danach Wundt?)
1) Pythagoras und die Inder. Leipzig, Otto Schulze 1884, 8. 45 ff
Schröder behauptet eine Abhängigkeit des Pythagoras von der
Samkhya-Philosophie. Unter anderm weist er die Lehre von der irrationalen Zahl V4, nämlich in den Grâutasûtras nach, deren älteste er
in das ‘achte vorchristliche Jahrhundert verlegt. Die mathematischen
Lehren spielen bei der Bestimmung der Größe und Form des Altars in
diesen alten Opferrituslen ihre Rolle.
Schröders Behauptungen
werden bestritten von Weber, Litterarisches Centralbl. 1884, Sp. 1563
u. Sitzber. d. Berl. Akad. 1890, S. 923 und von Zeller I, 15, S. 481—482.
Auf Schröders Seite stellt sich in Bezug auf die Abhängigkeit des
Pythagoras von der Sämkhya-Lehre im allgemeinen und speciell in
Rücksicht auf die irrationale Zahl Garbe: Die Sâmkhya- Philosophie.
Leipzig 1894, S. 90 ff, 94. Leider kann ich mich in dieser wichtigen
Frago nur referierend verhalten. Über die Schwierigkeit, die Zeit indischer mathematischer Entdeckungen festzustellen ef. Cantor Ii,
S. 510.
2) Siehe das alte Mathematikerverzeichnis, welches Proklos in
seinem Kommentar zu Euklid überliefert, und das man auf den Peripatetiker Eudemos zurtickführt. Abgedruckt bei Bretachneider, Die
Geometrie u. die Geometer vor Euklid. Leipzig 1870, S. 28, cf. ebenda
S. 83.
3) Logik II. 8. 99.
>
auch sagen, dass hier zuerst der sondernde Begriff mit der
Verfechter der ganzen Zahl, musste ein solcher Konflikt besonders störend und damit aufregend und anregend werden.
Daher glaubte man später in der pythagoreischen Schule, dass
der Entdecker dieses Geheimnisses gleichsam zur Strafe für
diese frevelhafte Enthüllung in einem Schiffbruch umgekommen sei?). Jedenfalls drückt sich in dieser Erzählung das
Bewusstsein aus, an einem bedeutenden Punkte der Entwickelung des menschlichen Denkens zu stehen. Zum ersten Male
öffnet sich vor dem Auge des Denkers ein Abgrund von
Schwierigkeiten. An der Bewältigung dieser Entdeckung soll1) Wie Tannéry, Le concept scientifique du continu. Revue
philos. Bd. 20, 1885 mit Recht hervorhebt.
2) Cantor L, S.155/156 führt dafür eine Stelle aus einem dem
Proklos zugeschriebenen Kommentar zum zehnten Buch von Euklids
Elementen an. Freilich ist hier, wie stets bei der Übertragung neuplatonischer Überlieferungen auf die pythagoreische Lehre Vorsicht gerechtfertigt. cf. Zeller III, 23, S. 146 ff.
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View in PDF(opens in a new window)ten die Forscher Jahrtausende hindurch arbeiten.
Zunächst
erwies sich dieselbe nach zwei Richtungen hin fruchtbar. Sie
gab dem Eleaten Zeno Anregung zu seinen Betrachtungen,
Zeno durch Beweise gegen die Vielheit und die Bewegung,
mithin die Wirklichkeit der Sinnenwelt gestützt. Die Sinnenwelt mit ihrem Entstehen und Vergehen, ihrem ruhelosen
und sie wurde Ausgangspuukt wichtiger mathematischer Ent-
Werden war schon für Parmenides, den Apostel des unverwickelungen.
änderlichen ‚Seins, eine Welt des Scheines gewesen. Zeno
-Es ist das groBe Verdienst der eleatischen Schule, den
Begriff des »Seins« in seiner abstrakten Form gebildet und
zuerst die Einheit alles Seins mit Energie behauptet zu haben.
Es war nun naturgemäß, dass bei der näheren Bestimmung
dieses Seins sich die Frage aufdrängte, ob es als begrenzt
oder als unbegrenzt zu fassen sei. Xenophanes aus Kolophon, den man gewöhnlich für den Stifter der eleatischen
Schule erklärt!), hat sich nach dem Zeugnis des Aristoteles
über diese Frage noch nicht ausgesprochen?). Parmenides
dagegen, der von der theologischen Fassung des Begriffes
des einheitlichen Seins zu einer abstrakt-philosophischen überbeweist nun diese unwirkliche Natur der Bewegung durch
Aufzeigung einer Reihe von Widersprüchen, die aus der
Annahme ihrer Wirklichkeit folgen. Den wichtigeren unter
diesen Beweisen liegen die Schwierigkeiten der Unendlichkeitsbegriffe zu Grunde'). Und zwar knüpfen sie mit einer
einzigen Ausnahme an die Schwierigkeiten der unendlichen
Teilbarkeit an. Hier hat eben höchstwahrscheinlich die pythagoreische Entdeckung des Irrationalen anregend gewirkt?).
Unter allen zenonischen Schlüssen bezieht sich nur einer
Das Sein war ihm
auf das unendlich Große, die unendliche Ausdehnung. Er
ist gegen die Annahme gerichtet, dass das Seiende im Raume
sei. Zeno Sagt, wenn es einen Raum giebt, so muss derselbe
unveränderlich, jede Bewegung und Vielheit ausschließend.
wieder in einem Raume sein und so fort ins Unendliche 3).
Aus dieser Festigkeit und Abgeschlossenheit des Begriffs geht
augenscheinlich die Bestimmung der Begrenztheit hervor; indessen liegt darin insofern eine Inkonsequenz, als das un-
Eine solche Unendlichkeit des räumlichen Fortgangs erscheint
ging, erklärte das Sein für begrenzt®)}
räumlich zu fassende Sein dadurch gewissermaßen räumlich
bestimmt wird‘). Die Lehren des Parmenides werden von
1) Tannéry, Histoire du concept de l'infini au VIe siècle avant
Jésus-Christ, Rev. philos. Bd. 14, S, 618, 1882 erklärt den X. für einen
bloßen Dichter und setzt seine Lebenszeit früher an.
2) Metaph. I, 5, 986b, 21. ef. Zeller I, 15, 8.508 Anm. 1 und 513
Anm. 1. Wenn physikalische Angaben des Xenophanes bald auf die
Unendlichkeit, bald auf die Endlichkeit des Seins deuten, so dürfte
Zeller I, 15, 8. 538—540 mit Recht diese Angaben für beiläufige halbpoetische Außerungen erklären. Die Angaben der pseudo-aristotelischen
Schrift über Melissus, Xenophanes und Gorgias tibergehe ich
wegen der fraglichen Echtheit, Bedeutung und Beziehung dieser Schrift.
3) Aristoteles, Phys. III, 6, 207a, 15.
4) Zeller I, 1;, 8. 563/64; Natorp, Philos. Monatsh. Bd. 26, S. 11,
>
ihm nun aber undenkbar, daher, so schließt er weiter, existiert
der Raum nicht. Es scheint, dass Zeno hier in der abstrakten
Fassung des Seinsbegriffs einen Schritt über Parmenides
hinausgegangen sei. Denn Parmenides schreckte weder
1890 fasst diese Bestimmung des Parmenides nur als ein Bild für
die Geschlossenheit des Seins.
1) Die glänzendste Darstellung dieses Sachverhalts findet sich bei
Dühring, Kritische Geschichte der Philosophie. 3. Auf. Leipzig 1878,
S. 40 ff. Dieser Analyse der zenonischen Beweise ist auch die folgende
Darstellung zu Dank verpflichtet.
2) Wie Cantor I, S. 169 mit Recht hervorhebt. Doch geht dieser
Gelehrte wohl zu weit, wenn er die Leugnung der Bewegung und der
Vielheit bei den Eleaten allein aus den Schwierigkeiten des Irrationalen
ableiten zu können glaubt.
3) Arist., Phys. IV, 3, 210b, 22. Simpl., Phys. fol. 130b bei Ritter
et Preller. 2. Aufl. S. 117, No. 156.
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View in PDF(opens in a new window)vor der räumlichen Bestimmung dieses Begriffs, noch vor der
Man kann die Beweise einteilen in solche gegen die Viel-
Behauptung, dass der Raum begrenzt sei, zurück. Uberhaupt
heit und in solche gegen die Bewegung. Gegen die Vielheit
des Seienden führt Zeno an, dass dasselbe dann sowohl unliegt in der Aufstellung dieser Schwierigkeit zum mindesten
eine Vorahnung zur Bildung eines richtigen Raumbegriffs und
‚zur. scharfen Fassung der Antinomien des unendlich GroBen.
Eine gréBere Rolle als dieser geistreiche, aber vereinzelte
Satz spielen in Zenos Denken die Schwierigkeiten der unendlichen Teilung. Denn auf diese lassen sich alle seine
übrigen Schlüsse, soweit dieselben überhaupt tiefere Bedeutung haben, zurückführen. Man hat daraus schließen wollen,
dass Zeno selbst seine Beweise nicht gegen die Annahme
der Vielheit und Bewegung, sondern nur gegen die Zusammensetzung des Stetigen aus diskreten Punkten gerichtet habe.
Aber man verwechselt dabei den haltbaren Kern der Gedanken mit den Absichten des Denkers!). Selbst das muss
zweifelhaft erscheinen, ob Zeno die begriffliche Einheit seiner
versehiedenen Beweisführungen eingesohen hat?). Ganz ohne
Bewusstsein davon kann er nicht gewesen sein.
1) Tannéry, Le concept scientifique du continu Zénon d'Elée
et Georg Cantor. Rev. phil. Bd, 20, S. 385 ff. 1885. Es diirfte höchst
unwahrscheinlich sein, dass Aristoteles diese Abzweckung der zenonischen Beweise gekannt habe. Denn seine Widerlegung gipfelt ja eben
in der Behauptung der Kontinuität.
Wenn also Zeno selbst diesen
Begriff schon deutlich besessen hätte, so hätte Aristoteles dies erwäbnen müssen. Mindestens dürfen wir den Stagiriten nicht der Unredlichkeit zeihen, dass er die Absicht eines Mannes zu widerlegen
vorgiebt, wo er sie referiert, wenn wir nicht quellenmäßige Beweise
dafür besitzen. Solche aber bringt Tannéry nirgends vor. cf. übrigens
zu Tannérys Anschauungen noch die Diskussion zwischen Milhaud
(pro) u. Brochard (contra) in Rev. de Métaph. et de Mor. Bd. 1, 1893,
8.140—156, 209—215, 396—400. Ferner, Natorp, Philos. Monatsh.
Bd. 25, 1889, S. 217. Gegen T. wendet sich auch Zeller, I, 15, 8.594
Anm. 1, 602 Anm. 1. Windelband, Gesch. d. alt. Phil. 2. Aufl. 1894,
S. 44 hält die Beweise für gerichtet gegen Leucipps Lehre von den
Atomen und dem leeren Raum.
2) Da wir weder Zenos Schrift noch ein Referat ihres GedankenEn
endlich groB als auch unendlich klein sein müsse. Unendlich
groß, denn zwischen zwei getrennt gedachten Größen müssen
andero Größen liegen und so fort, so dass wir unendlich viele
Größen oder — wie Zeno charakteristisch falsch schließt —
eine unendliche Größe erhalten. Unendlich klein aber müsste
das Seiende sein, denn jede Vielheit bestehe aus Einheiten
und zwar im letzten Sinne aus unteilbaren Einheiten. Unteilbar aber ist, was keine Größe hat. Durch Zusammenfügung
von Teilen, die keine Größe haben, kann aber wieder nur
unendlich Kleines entstehen‘). Analog behauptet er, dass das
Seiende, falls es vieles sei, notwendig der Zahl nach zugleich
begrenzt und unbegrenzt sein müsse, begrenzt, da ja »viele
eine bestimmte Anzahl bedeute, unbegrenzt, da ja zwischen
zwei Teilen unbegrenzt viele liegen müssten).
In der antiken Dialektik war die unter dem Namen der
Kornhaufe bekannte Schwierigkeit besonders berühmt. Sie
besteht darin, dass ein fallendes Korn kein Geräusch macht,
wohl aber ein fallender Scheffel?). Wo liegt der Beginn des
ganges, sondern nur vereinzelte Bruchstücke besitzen, so lässt sich
darüber nichts entscheiden. Tannéry a. a. 0. sucht den Gedankengang des zenonischen Werkes unter der Voraussetzung, dass dasselbe
dialogisch gewesen sei, zu rekonstruieren. Er legt aber dabei dem
Zeno die von Aristoteles später gegen ihn erhobenen Einwürfe
unter und stellt den Eleaton auf eine Höhe der Abstraktion, der gegenüber der Standpunkt des Aristoteles wahrhaft kindlich erscheint.
So hübsch sich daher Tannérys Ausführungen atch lesen, so wenig
dürften sie dem historischen Sachverhalt entsprechen.
1) Zeller I, 15, S. 591 ff.
2) Zeller1,1,,8.594. Ritter et Preller 8.116, No. 155 (Simpl.
Phys. fol. 30b).
3) Arist. Phys. VII, 5, 2503,19. Simpl. in Phys. fol.255a. Ritter
et Preller No. 154.
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View in PDF(opens in a new window)Geräusches? Wir würden heute fragen, wo liegt der Beginn
der Hörbarkeit? Wir würden damit die Unhörbarkeit des
Fallens eines Kornes auf eine Eigentümlichkeit unserer Empfindung zurückführen. Der ‘objektive Reiz, die Luftbewegung,
bringt Zeno vor, dass der fliegende Pfeil ruht, weil er sich
in jedem Momente seiner Bewegung an einem bestimmten Orte
‘seiner Bahn befände. Das Wahre, was diesem letzten Argument zu Grunde liegt, besteht darin, dass man den Begriff
der Bewegung unmöglich ohne den der Stetigkeit denken
kann, dass also Bewegung undenkbar ist, sobald man sich
ist bei einem Korn so gut vorhanden, wie bei einem Scheffel
Körner, nur in entsprechend geringerem Maße. Eine solche
Trennung von Reiz und Empfindung lag Zeno noch fern.
Durch diese Komplikation mit den Eigentümlichkeiten der
in der Weise der Pythagoreer, den Raum aus ausdehnungslosen Punkten, die Zeit aus dauerlosen Momenten zusammen-
Empfindung ist diese Schwierigkeit in unserem Zusammenhang
gesetzt denkt.
weniger wichtig, als die übrigen.
Die beiden ersten von Zenos vier!) Argumenten gegen die
Bedeutung seines Argumentes nieht ein, da ja der Begriff
Bewegung lassen sich auf den gemeinsamen Gedankengang zurückführen, dass ein bewegter Körper nie eine gegebene Strecke
Zeno sah naturgemäß diese beschränktere
der Stetigkeit noch nicht gefunden war, vielmehr, wie noch
zu zeigen sein wird, eine wichtige Leistung des Aristoteles
darstellt. Der vierte Beweis gehört nicht ins Bereich dieser
durchschreiten kann, weil er, um dies zu thun, Zwischenlagen
in unendlicher Zahl eingenommen haben müsste. Dies wird zunächst in mehr begrifflicher Form, dann unter der bekannten
Einkleidung vorgebracht, dass Achilleus die Schildkröte niemals einholen kann, wenn sie aufangs einen Vorsprung vor ihm
hatte?). Diese beiden ersten Argumente gehören innig mit denen
gegen die Vielheit zusammen. In allen diesen Fällen handelt
es sich darum, dass durch die unendlich vielen ungleichen Teil-
Betrachtungen.
punkte eine begrenzte Raumstrecke gleichsam ins Unendliche
darbieten, dass die Vielheit und die Bewegung Widersprüche
in sich schließen. Sie sind dem Begriffe unfassbar — also
unwirklich. Gewiss dieser Schluss ist grob. Aber er lag nahe.
Die Einführung des Begriffs der Stetigkeit lag noch fern,
ebenso auch der Gedanke, dass .die Schwierigkeit aus einer
Untauglichkeit der Begriffe hervorgehen könne. Da Zeno
seiner Ansicht nach in der eleatischen Seinslehre die Wahrheit längst besaß, ehe er die Widersprüche als indirekte
Beweise für diese Wahrheit aufstellte, so konnte er die anderen Möglichkeiten gar nicht erwägen. Aber spätere Denker,
wächst.
Wir sehen hier die Schwierigkeiten entfaltet vor
uns liegen, vor denen die Pythagoreer bei der Entdeckung
des Irrationalen zurtickschauderten. Als dritte Begründung
1) Aristoteles, Phys. VI, 9, 239
b, 9.
2) Eine knappe Darstellung von Zenos Argumenten in Überwegs Grundriss der Geschichte der Philosophie, bearbeitet von Heinze,
7. Aufl. 1886, Bd. 1, 5 20, 8.73. — Die Diskussion der Aristotelischen
und der späteren Lösungsversuche dieser Schwierigkeiten gehört nicht
hierher, sondern kann erst später in ibrem historischen Zusammenhang
erfolgen. Eine Zusammenstellung derselben findet sich bei Wellmann,
Zenos Beweise gegen die Bewegung und ihre Widerlegungen, Gymnasislprogramm Frankfurt a./0. 1870.
Es erscheint so als das unsterbliche Verdienst Zenos,
zum ersten Male auf die Schwierigkeiten hingewiesen zu
haben, welche die unendliche Ausdehnung und namentlich
die unendliche Teilung uns darbieten. Zeno ist Schüler des
Parmenides. Der starr in sich geschlossene Begriff ist sein
Ausgangspunkt, erscheint ihm als Wirklichkeit. So mussten
ihm jene Schwierigkeiten ein geeignetes Beweismittel dafür
die nicht in der starren Einheitslehre des Parmenides
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View in PDF(opens in a new window)befangen waren, mussten hier anknüpfen. Aristoteles fand
so Anregungen zu einer genaueren Untersuchung der einschlägigen Begriffe. Die Zenonischen Aporien blieben bis in die
Diodoros Kronos, hat Beweise gegen die Bewegung nach
der Art Zenos aufgestellt!). Da indessen diese Argumente
durchaus keinen Fortschritt der Einsicht mit sich führen, kann
von einer näheren Erörterung derselben abgesehen werden.
Deutliche Einflüsse Zenos hat auch Plato verspürt, der ja
neueste Zeit hinein ein Probesttick, an dem verschiedenartige
Theorien ihre Kraft maBen.
Zunächst freilich wurden Zenos Beweise in ihrer wakren
Bedeutung keineswegs erkannt. Der letzte Anhänger der
eleatischen Schule, Melissos, wahrscheinlich ein jüngerer
Zeitgenosse Zenos!), bezeichnete das Seiende als ewig und
demnach auch als räumlich unendlich, da ihm beide Bestimmungen unlösbar zusammenzugehören schienen?).
Er wird
deshalb von Aristoteles getadelt, und mit Recht, denn er
fasst den Unendlichkeitsbegriff ganz in der unklaren Weise
eines Anaximander). Unter den Sophisten verwendet
Gorgias‘) einige Bruchstiicke aus den Beweisen Zenos in
der Absicht, daraus die Unerkennbarkeit der Dinge zu folgern;
die Erkenntnis der wahren Bedeutung dieser Schwierigkeiten
scheint er nicht gefördert zu haben.
Auch vermischt er
Zenos Gedanken mit fremden, besonders wohl dem Melissos entnommenen Elementen. Unter den sokratischen
Schulen knüpften die Megariker vielfach an eleatische Traditionen an5). Einer der späteren Anhänger dieser Schule,
1) Zeller I, 1;, S. 606 Anm. 1.
2) Zeller I, 15, 8.608. Aristot, Physik III, 6, 207a, 15.
3) In neuerer Zeit hat man Melissos von diesem Fehlschluss
reinigen wollen. Der Tadel des Aristoteles soll sich nur auf die
überhaupt so vielfach an die eleatische Schule anknüpfte.
So findet sich bei ihm einmal?) folgendes Argument aus der
Unmöglichkeit des regressus in infinitum, welches in der logischen Form an Zenos Satz von der Unmöglichkeit des Raumes erinnert: Das, wodurch ein Ding dem andern ähnlich
ist, ist die Art (eidoc). Also kann die Art keinem Dinge ähnlich sein, denn dies könnte Sie nur durch eine neue Art und
so fort, so dass eine unendliche Reihe von Arten entstände. .
Dieser Beweis ist dem Parmenides in dem gleichnamigen
Dialog in den Mund gelegt, wodurch auf den eleatischen Ursprung des Beweismittels hingedeutet zu werden scheint.
Es wird uns ein ähnliches Raisonnement noch oft begegnen,
wiewohl wir uns keineswegs zur Aufgabe gemacht haben, es
überall aufzusuchen.
Es erübrigt noch, diejenigen Bestrebungen in der altgriechischen Philosophie und Mathematik zu erwähnen, welche direkter als die angedeuteten dialektischen Verwendungen des Unendlichen an das Problem der Stetigkeit anknüpften, wie es sich
durch jene pythagoreische Entdeckung des Irrationalen aufdrängte. Die mystische Scheu, mit welcher die Schule jene Entdeckung verhüllte, konnte die Verbreitung und Weiterentwicke-
"Annahme der Unendlichkeit der Welt, nicht auf diese Begründung belung derselben nicht verhindern. Unter den verlorenen Schriften
ziehen. Der wahre Grund des Melissos sei de gen. et corr. I, 8, 3254,
13 gegeben.. Das Universum muss unendlich sein, weil sonst ein Leeres
entstände. Der Irrtum sei durch die Kommentatoren entstanden. M.
Offner, Archiv f. Gesch. d. Phil. Bd. 4, 8.12, 1890. Zeller weist dies
des Demokrit werden uns zwei Bücher »über irrationale Linien
I, 15, S. 609 Anm. 2 zurück.
4) Zeller I, 25, S. 1101 f.
5) Zeller II, 14, 8. 255.
und dichte Dinge« genannt3). Es ist außerdem noch ein Frag-
1 Zeller I, 1, 8. 266/67.
2) ed. Steph. III, 132, 3, ed. Becker. London 1826. II, 193.
3) Cantor I, 8..163/64. Mullach, Fragmenta Bd. 1, S. 337; No. 37
des Schriftenverzeichnisses.
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View in PDF(opens in a new window)ment erhalten, welches beweist, dass dieser Denker sich mit
zu halten'). Mittels einer ähnlichen Annäherung hat dann
Hippokrates von Chios den Satz bewiesen, dass zwei Kreisden Schwierigkeiten der unendlichen Teilung beschäftigt hat.
Es heißt: »Es machte ihm nämlich die Frage Schwierigkeiten,
ob, wenn man einen Kegel parallel der Basis durchschnitte,
flächen sich wie die Quadrate ihrer Durchmesser verhalten 2).
Er bewies den Satz indirekt. Ähnliche strenge indirekte Begleichen Kreisen, was doch nur vom Cylinder gelte; sind sie ungleich, so müsse der Kegel ungleichmäßig, etwa staffelförmig
weismethoden benutzte Archimedes. Er bediente sich dazu
des Hilfssatzes: Der Unterschied ungleicher Räume, um welchen der größere den kleineren übertrifft, kann zu sich selbst
(scil. gentigend oft) addiert, jeden beliebigen gegebenen Raum
ansteigen').« Es erscheint hier eine der zenonischen ähnliche
übertreffen 8). Der Beweis für die Zulässigkeit der Annäherung
Schwierigkeit auf dem Boden der Mathematik. Ein Vorspiel
wurde in jedem Falle besonders geführt. Die griechischen
gleichsam jener Streitigkeiten, die zu Beginn der Neuzeit die
Mathematiker kamen nicht dazu, eine allgemeine Methodik
exakteste der Wissenschaften erfüllten. Ob Demokrit eine
dafür auszubilden‘).
die so entstehenden Schnittflächen einander gleich seien oder
nicht.
Sind sie gleich, meint er, so bestehe der Kegel aus
Lösung der Schwierigkeit gefunden, lässt sich leider nicht
ersehen, ebensowenig, ob er streng zwischen mathematischer
und physischer Teilung unterschied. Jedenfalls beweist die
scharfe Fassung des Gegensatzes, dass er sich intensiv mit den
Fragen der Stetigkeit abgab.
§ 3.
Zahlenmystik und Unendlichkeit. Geftihlswertung des
Unendlichen. Pythagoreer, Plato.
Die Mathematiker kamen in der zweiten Hälfte des fünften
Die pythagoreische Schule zeigt ein doppeltes Antlitz.
vorchristlichen Jahrhunderts dazu, sich mit der Frage der
Sie ist die Pflegerin der Mathematik und der Ausgangspunkt
unendlichen Annäherung zu beschäftigen und zwar bei der
der philosophischen Mystik.
Behandlung des Problems der Ausmessung (Quadratur) des
Eigenschaften der Zahlen und dadurch mit den mathemati-
Kreises. Es handelt sich hier darum, einer stetigen Krüm-
Diese Mystik hängt mit den
schen Neigungen der Schule innig zusammen. Ubrigens ist
mung durch gerade' Linien mit unstetiger Richtungsänderung
eine solche Vereinigung keineswegs selten, sie findet sich z. B.
(gebrochene Linien) möglichst nahe zu kommen. Antiphon
scheint zuerst den Gedanken gefasst zu haben, dass man die
Lösung durch eingeschriebene Vielecke von großer Seitenzahl
finden könne. Bryson suchte dann den Kreis zwischen einund umgeschriebenes Vieleck einzuschließen, beging aber dabei
den Fehler, ihn für das arithmetische Mittel zwischen beiden
in den Anfängen der neueren Philosophie wieder und scheint
auch in Indien Analogien zu besitzen. Wir wenden uns jetzt
1) Mullach, Fragmenta I, 8. 370, No. 1 aus Plutarch adv. Stoic.
de commun. not.
*
1) Cantor I, 8. 172/73.
2) Hankel, S. 121 ff.
3) Einleitungsbrief zur Quadratura parabolae. Opp. ed. Heiberg.
Lipsiae 1873. Bd. II, S. 296; cf. Bd. I, 8. 10/11 u. Heibergs Anmerkung
zu dieser letzteren Stelle, in welcher die weitere Verbreitung dieses
Hilfssatzes nachgewiesen wird.
4) Cantor I,S. 257.ff,, 261 ff. HankelS8.125£. Gerhardt, Die
Eintdeckung der höheren Analysis. Halle 1855, S. 6—9.
Page 10
View in PDF(opens in a new window)der mystischen Seite des Pythagoreismus zu. In diese Zahlenspekulationen gehen auch manche Züge ein, die den Pythaverständliche aristotelische Stelle hat man im Zusammenhang
goreern mit den älteren Naturphilosophen gemeinsam sind.
dass man das &rreıgov mit dem xevö» identifizierte. Das Leere
Diese Züge müssen des Zusammenhangs wegen hier ihren
nämlich umgiebt bei den Pythagoreern die Welt, tritt in die-
Platz finden, wiewohl sie streng genommen an einen früheren
selbe hinein, scheidet so die Teile des begrenzten Stoffes und
Ort gehören würden. Ich behandle in dieser Darstellung absichtlich die Pythagoreer als Ganzes, da sich bei dem Stand
der Quellen nicht mehr nachweisen lässt, was dem Pythaerzeugt die Vielheit. Dies würde ganz gut zu jenem außergoras selbst (wenn dieser überhaupt Philosoph und nicht etwa
nur Sektenstifter war), ‘was seinen Schülern, was etwa erst
dem Philolaus angehört.
Die Pythagoreer nannten die ungeraden Zahlen begrenzt,
die geraden unbegrenzt, weil jene der Zweiteilung eine Grenze
setzen, diese nicht, oder weil die Hinzufügung der ungeraden
Zahlen zur Einheit immer dieselbe Art von Zahlen, nämlich
Quadratzahlen giebt, die der geraden Zablen aber nicht!).
mit anderen Überlieferungen dadurch zu erklären versucht,
halb des Himmels sich ausbreitenden und in die sinnlichen
Dinge eintretenden Unendlichen passen). Die ganze Lehre
würde dann auf Anaximander zurückweisen?), dessen qualitätloser Urstoff sich in den leeren Raum verwandelt hätte.
Mit einer solchen Erklärung ist sehr wahrscheinlich ein Teil
dessen getroffen, was die Pythagoreer bei ihrer Unendlichkeitslehre gedacht haben. Aber kaum dürfte dies ihre Gedanker
erschöpfen. Mit Recht warnt Zeller®) davor, die Begriffe
dieser Schule schärfer und einheitlicher zu fassen, als es ihrı
phantastischen Art entspricht. Sie lieben die Identifikationen.
Da ihnen nun die Zahlen das eigentliche Wesen aller Dinge
waren, alle Zahlen aber sich aus den geraden. und ungeraden
zusammensetzten, so konnten sie auch sagen, dass alle Dinge
aus dem Begrenzten und dem Unbegrenzten beständen. Sie
machten so, wie sich Aristoteles ausdrückt, das Unbegrenzte
Alle Zahlen bestehen aus Gerade und Ungerade. Die Zahlen
zur Substanz und zwar versetzten sie es, da sie die Zahlen
das Wahrnehmbare. Auch erklärten sie das außerhalb des
braucht. Es bedeutet bald ohne bestimmte Begrenzung, bald
räumlich unendlich, bald keiner festen Regel unterworfen.
Alle diese Bedeutungen werden dann in dem einen Begriff
Himmelsgewölbes Liegende für unbegrenzt?).
zusammengedacht und fortwährend für einander gesetzt.
nicht für ablösbar von den sinnlichen Dingen hielten, unter
1) Nämlich
143 = 22;
Diese schwer
sind Repräsentanten der Dinge, ja ihr eigentliches Wesen.
Die Dinge bestehen aus dem begrenzten Körperlichen und
dem unbegrenzten Leeren. Begrenzt ist ungerade, unbegrenzt
gerade. Auch das Wort ärsıgov selbst wird vieldeutig ge-
143 +5 = 32; u.s.w. Aristot, Phys.
II, 4, 213a, 10. Bei der Auslegung dieser schwierigen Stelle bin ich
1) Windelband, Gesch. d. alt. Phil. Offner, Die pythagoreische
lieber Zeller I, 1,, S. 351 Anm. 2,. der auch die Autorität der alten
Kommentatoren für sich hat, gefolgt, als Prantl (Aristot. Werke,
Lehre vom Leeren, Abhandl. W. Christ gewidmet München 1891, S. 386
griech. u. deutsch, Bd. 1. Physik Anm. 12 zu Buch 3, S. 489), dessen Ergengründen I, 1,, 384 f., 436 f. scheint hierin wenigstens ein Bestandteil
klärung allzu künstlich erscheint. Hankel S, 109, Anm. 2 meint, dass
sich der Ursprung dieser Gleichsetzung des Ungeraden mit dem Begrenzten schwerlich noch ermitteln lasse.
des pythagoreischen Gedankengewirrs zu liegen.
2) Arist., Phys. III, 4, 203a, 6.
haben diese ältere Ansicht wieder aufgenommen. Trotz Zellers Ge2) Von welchem Natorp, Phil. Monatshefte Bd. 25, S. 212 im Anschluss an Tannéry diese Lehren ableitet.
Page 11
View in PDF(opens in a new window)Nun kommt aber in diese Bestimmungen noch ein ästhe-
Wesen des griechischen Geistes entspricht. Das griechische
tisch-ethischer Bestandteil. Sie bezeichneten nämlich das Un-
Volk liebt in Kunst und Mythologie das Geordnete, Ubersichtgerade oder Begrenzte als das Gute, das Gerade oder Unbegrenzte als das Böse. Sie scheinen hier zum Teil an einem
liche mehr als das Wilde und Ungeheure.
alten Volksglauben angeknüpft zu haben, dem die ungeraden
Zahlen glückverheißend waren‘). Hauptsächlich aber ließen sie
dete Formen zu hüllen. Seine Bauten wirken mächtig durch
Ihm fehlen hundertarmige Gutter, selbst seine Ungetüme weiB es in vollendurchdachtes EbenmaB, nicht durch räumliche Ausdehnung.
sich wohl von ihrer Vorliebe für das Begrenzte und damit Ge-
Die Denker eines solchen Volkes mussten im Geordneten, Beordnete leiten. Es kann fraglich erscheinen, ob dies wirklich
die erste Gefühlsbetonung des Unendlichen in der griechischen
Philosophie ist, oder ob hier schon eine Umwertung vorliegt.
Anaximander hatte ja das Unbegrenzte zum Princip erhoben.
Aber es ist nicht wahrscheinlich, dass er diesem Prineip eine
grenzten das Gute sehen.
Die Aufstellungen der Pythagoreer hatten für die Folge
besonders dadurch eine sehr groBe Bedeutung, dass Plato
besondere Wertschätzung zuwandte?). Denn er lässt in einem
aus den Mitteilungen des Áristoteles bekannt ist.
viel citierten Fragment?) die Einzeldinge in den Urstoff zurückkehren, um für ihre Ungerechtigkeit Buße zu leiden. Die
Zeit gehört wohl der Dialog Philebus an‘). In dieser Schrift
Vereinigung mit dem Gestaltlosen erscheint hier also als Strafe,
zenden oder der Grenze — zò zrégag — bestehen; dabei definiert er das Unbegrenzte als das, was unbegrenzter Vernicht aber im Sinne eines mystischen Pantheismus als Ziel.
Es ist daher anzunehmen, dass die Pythagoreer, als sie das
Begrenzte mit dem Guten, das Unbegrenzte mit dem Bösen
gleichsetzten, sich mindestens nicht im Widerspruch mit der
vorangegangenen Philosophie befanden. Dass sich aber die
pythagoreische Wertung so schnell und allgemein Durchbruch
verschaffte, hängt damit zusammen, dass sie dem tiefsten
1) Zeller I, 15, S. 354. Dagegen meint Windelband a. a. O.
8.13 Anm. 2, S. 40, 61, dass die im griechischen Geist allerdings begründete Höherschätzung des Begrenzten von Parmenides in die Philosophie eingeführt sei und dass die Pythagoreer, deren Lehren er für
sich durch dieselben stark beeinflussen lieB. Besonders tritt
dieser Einfluss in Platos letzter Periode hervor, welche’ uns
Dieser
lässt er alle Dinge aus dem Unbegrenzten und dem Begrenmehrung und Verminderung (des zò uüllöv ve xal roy)
fähig ist. In diesem Sinne nennt er Bestimmungen wie »wärmere und »kälter« unbegrenzt?). Durch solche Aufstellungen
nähert sich Plato der Aristotelischen Auflösung der Unendlichkeit in die unbegrenzte Möglichkeit des Fortschreitens und
bereitet die Lehren seines Schülers vor. Die Grenze besteht
ihm in Zahlenbestimmungen; denn er übernimmt von den
Pythagoreern die ordnende Kraft der Zahl. Indem die Grenze
das Grenzenlose bestimmt, entsteht das Geordnete, wie z. B.
aus der zahlenmäßigen Bestimmung des unendlich bestimmzeitlich später hält (Pythagoras ist ihm nur Sektenstifter), diese Ansicht verschärft haben.
2) Dass die älteren Philosophen keineswegs immer ‘dem Princip
wertvolle Eigenschaften zusprachen, dafür ef. Aristot., Metaphys. 12,7,
1072b, wo diese mangelnde Wertschätzung bei den Pythagoreern und
Speusippus bekämpft wird.
3) Z. B. bei Überweg, Grundriss I, 7. Aufl. $ 13, 8. 44.
1) Nach H. Hoffmann, Arch. f. Gesch. d. Phil. IV, 8. 239, 1890
ist er nach Republik u. Timäus unmittelbar vor den Gesetzen entstanden.
2) Philebus ed. Steph. II, 24—26; cf. besonders die Stelle ed.
Becker 1826, V, 466/67.
Cohn, Unendlichkeitsproblem.
Page 12
View in PDF(opens in a new window)baren und daher bestimmungslosen Hohen und Tiefen, Langsprechend wird im Timäus die Einheit der Welt gegen die
samen und Schnellen, die in Melodie und Takt geordnet hinfließende Musik‘). Ähnliche Gedanken tauchen gelegentlich
auch in den dialektischen Erörterungen des Dialogs Parmeunendlich große Zahl der Welten verteidigt‘). Derselbe Dialog enthält noch eine andere wichtige Bestimmung. Indem
Plato die Ideenwelt von der Welt des Werdens und Vernides auf, nur dass die Terminologie hier mehr eleatisch
gehens trennte, musste er die ruhende Ewigkeit von der Zeit
gefärbt ist. Das »Viele« ist seiner Natur nach- unbegrenzt
Plato
unterscheiden. Da er sich nun aber von den Eleaten gerade
durch den Versuch unterscheidet, die Erscheinungswelt zu
hat sich soweit von den Pythagoreern befreit, dass er die
erklären, so muss er auch eine Vermittelung zwischen Zeit
spielerische Identifikation von ungerade und begrenzt, gerade
und unbegrenzt aufgiebt. Dagegen bleibt das’ ästhetische Mound Ewigkeit schaffen. Er drückt dies in der halb mythischen
Weise seiner Kosmologie so aus, dass der Weltschöpfer ein gement bei ihm bestehen; auch ihm ist das Unbegrenzte das
Wertlose, welches erst durch die Grenze Ordnung und damit.
mäß der Zahl fließendes ewiges Bild der in der Einheit ruhenden Ewigkeit macht; dies Bild nennen wir Zeit. Die Zeit ist
Wert erhält®). Auch die Substantialisierung des Unbegrenzten
zugleich mit dem Himmel entstanden und wird zugleich mit
behielt er nach dem Zeugnis des Aristoteles bei‘). Und
ihm vergehen?). Diesen Gedanken greift später Augustinus
zwar identifizierte er das Unbegrenzte, Bestimmungslose mit
auf und vermittelt ihn der christlichen Philosophie.
Die Lehre vom Unendlichen gehört nicht zu den Gebieten
und kann nur von dem >Einen< geordnet werden’)
der Materie5). Dieselbe wird daher auch als das »Große«
und »Kleine« bezeichnet, weil Plato zwei Richtungen des
Unbegrenzten, der unendlichen Ausdehnung und Teilung ent-.
der Philosophie, auf welchen Platos ganze Größe sich offenbart. Aber die Art, wie er aus den Gedanken der Pythagoreer das Bessere herausschält, beweist den eindringenden
sprechend annahm®). Auch die Zahl der Ideen war ihm unbegrenzt. Das Weltgebäude dagegen setzte er als begrenzt
Denker. Plato war kein Systematiker. Seine Art ist es mehr,
and außerhalb desselben existierte nichts, weder ein Körper
Fragen aufzuregen und geistreich oder tiefsinnig zu erörtern,
noch die ihrem Wesen nach unräumlichen Ideen?). Dementals sich ein Gebiet in seiner ganzen Vollständigkeit mit allen
Unterfragen und Schwierigkeiten klar zu machen. Gerade
das aber war in den Unendlichkeitsfragen notwendig, wenn
1) Steph. II, 26. Boeker V, 470/71.
2) Steph. II, 158, 165. Becker UI, 253, 268/69.
3) Von Platos
ästhetischen
Ansichten
ausgehend
entwickelt
Eucken, Die Lebensanschauungen der großen Denker, Leipzig 1890, 8. 27/28, welche Rolle die Wertschätzung der Begrenztheit in seiner
Weltanffassung spielt.
4) Phys. II, 4, 203 a, 4.
5) Zeller II, 14, S. 734/35.
6) Phys. UI, 6, 206b, 27. Aristoteles tadelt hier den Plato,
dass er die doppelte Unendlichkeit in seiner Zahlenlehre nicht benutzt
hat. ef. Zeller, Platonische Studien. ‘Tübingen 1839, S. 216 ff.
7) Phys. IH, 4, 203a, 8—10. Zeller II, 14, S. 700.
En
zu größerer Vertiefung vorgeschritten werden sollte. Es blieb
daher Platos Schüler, dem großen Systematiker Aristoteles,
vorbehalten, das Problem über den Zustand geistreicher aber
vereinzelter Anregungen herauszuführen.
1) Steph. III, 31. Becker VII, 259.
2) Steph. II, 37/38. Becker VII, 270/71.
Page 13
View in PDF(opens in a new window)ihm dagegen aufgeführten Gründen erscheint am durehschlagendsten, dass das Unendliche ja nur ein Zustand der Zahl
Systematische Behandlung des Unendlichen durch
Aristoteles !).
Aristoteles geht in seiner Physik vor allem auf eine
Untersuchung der Begriffe aus, die bei einer wissenschaftlichen
Behandlung des Naturgeschehens zu Grunde zu legen sind.
Neben und nach dem Begriff der Bewegung unterzieht er besonders die Begriffe des Stetigen ovveyéc und des Unbegrenzten
örreıgov einer gründlichen Untersuchung?). Nach seiner. gewöhnlichen
Art knüpft er dabei an die Anschauungen seiner
Vorgänger an. Im Allgemeinen kann man seine Stellung zu
denselben dahin bestimmen, dass er die von den alten Naturphilosophen aufgestellten Behauptungen in Frage stellt und
zu Problemen umformt, wobei er augenscheinlich von Zeno
angeregt wird. Bemerkenswert ist der Gegensatz, in den er zu
Demokrit tritt; jener nimmt unendliche Ausdehnung und
beschränkte Teilbarkeit an, Aristoteles begrenzte Ausdehnung und unbegrenzte Teilbarkeit. Ob Aristoteles in den
Grundanschauungen etwas von Demokrit entlehnt hat, ist
nicht festzustellen. Dagegen knüpft er wie schon erwähnt an
fragmentarische Äußerungen Platos an. Von Plato übernimmt er auch die pythagoreische Wertschätzung des Begrenzten®). Dagegen weist er die platonisch pythagoreische
Substantialisierung des Unendlichen zurück®). Unter den von
oder Größe ist, also noch weniger als diese Substanz genannt
werden kann. Da nun das Unendliche nicht Substanz ist, so
ist es verkehrt, dasselbe zu einem Element der Dinge zu
machen; — vielmehr wäre dann »Element der Dinge« diejenige Substanz, deren Aceidens das Unendliche ist, z. B. die
Luft (bei Anaximenes) oder die gerade Zahl (bei den Pythagoreern).
Für die Darstellung der eigenen Leistung und
des gesamten Standpunktes des Aristoteles erscheint es
geboten, nicht dem von ihm verfolgten Gedankengang nachzugehen, sondern die principiell wichtigen Punkte zunächst‘
hervorzuheben und dann die Anwendungen zu betrachten, die
Aristoteles von diesen Prineipien auf die besonderen Probleme macht.
Der Philosoph sucht die Frage in ihrer ganzen Schwietigkeit zu fassen und klar zu machen. Sowohl die Annahme
wie die Leugnung des Uncndlichen bereitet Schwierigkeiten).
Seiner Annahme stellt sich nämlich der Begriff des Körpers
als des durch eine Fläche Abgegrenzten und der der Zahl
als eines Zählbaren, durch Abzählung zu Ende zu Bringenden, entgegen?).
Wollte man aber das Unendliche schlechthin leugnen, so würde daraus folgen, dass die Zeit einen Anfang und ein Ende hat, dass die Größen nieht immer wieder
in Größen teilbar sind und dass das Vermögen des Zählens
cine Grenze besitzt?).
Um diesen Absurditäten zu entgehen,
ohne doch dem Unbegriff einer vollendeten Unendlichkeit zu
1) Theodor, Der Unendlichkeitsbegriff bei Kant und Aristoteles. Inaug.-Dissert. Königsberg 1876 (Druckort Breslau) ist eine
wertlose Arbeit. Stülzle, Die Lehre vom Unendlichen bei Aristo-
1) Phys. III, 4, 203b, 30.
teles. Programm d. kathol. Studien-Anstalt St. Stephan in Augsburg 1882.
2) Phys. Ill, 5, 204b, 4—10.
2) Phys. II, 1, 200 b.
3) Vgl. Eucken, S. 82.
4) Phys. III, 5, 204a, 8—34; cf. auch Phys. I, 2, 185a, 32.
Pr
3) Phys. III, 6, 2062, 9—12. Theodor a. a. 0. interpretiert S. 21
unverständiger Weise diese Stelle dahin, dass jene Unmöglichkeiten aus
der Leugnung der unendlichen Ausdehnung fließen.
Page 14
View in PDF(opens in a new window)verfallen, negiert Aristoteles die aktuelle Existenz des Unendlichen, behauptet aber die potentielle Existenz desselben
1).
Dabei versteht er potentiell »duvauer« hier anders als gewöhnlich. Meist nämlich heißt »potentiell« seiend, der Stoff, welcher
Aristoteles den platonischen Gedanken, dass das Unendeine Form annehmen kann; so ist die Bildsäule potentiell im unliche das der Vermehrung und Verminderung Fähige sei, zu
vollendeter Klarheit. Bei Plato ist die Analyse ungeschickt
angedeutet, bei Aristoteles mit voller Deutlichkeit durchgeführt. Erst diese Durchführung aber konnte den Aufstelbehauenen Marmor vorhanden. Das Unbegrenzte aber ist nicht
in diesem Sinne potentiell wirklich, sondern es existiert in
lungen ihre Bedeutung zuweisen, erst die streng begriffliche
derselben Art, in welcher Zeitgrößen und zeitlich verlaufende
Die zweite große Leistung des Aristoteles, welche mit
Prozesse existieren. (Arist. sagt, es ist in der Art wie der
Tag und das Festspiel), d. h. es ist zwar immer nur ein Teil,
dieser ersten, — der potentiellen Fassung des Unendlichen
ein Begrenztes, wirklich vorhanden, aber die Reihe dieser
nacheinander sich verwirklichenden Teile ist ins Unbegrenzte
fortsetzbar. Dabei aber bleibt bei räumlichen Größen das
jedesmal vorher Gewonnene bestehen, so dass also beim
Teilen thatsächlich mit dem Fortschreiten des Teilungsprozesses immer kleinere Teile entstehen, während bei zeitlichen
Vorgängen immer nur die Gegenwart gerade wirklich ist.
Da das Unendliche in der Möglichkeit des unbegrenzten Fortschritts besteht, bezeichnet es Aristoteles mit einer mehr
geistreichen als strengen Wendung als das, außerhalb dessen
immer noch etwas ist, nicht aber als das, außerhalb dessen
nichts mehr ist?), d. h. er fasst es als unvollendbaren Fortgang,
nieht als den vollendeten Inbegriff aller Dinge. So entwickelt
Behandlung konnte ihre Tragweite feststellen.
— aufs Innigste zusammenhängt, ist seine Untersuchung des
Begriffs der Stetigkeit. Hierzu wird er augenscheinlich durch
die zenonischen Einwände gegen die Bewegung angeregt. Er
definiert das Stetige als das in immer wieder teilbare Teile
Teilbare'). Er zeigt, dass unmöglich ein kontinuierliches Ganze
aus einzelnen ausdehnungslosen Teilen bestehen könne?). So
besteht die Linie nicht aus Raumpunkten. Denn wenn ausdehnungslose Punkte einander berühren, so müssen sie, da
sie als teillos nicht mit ihren Enden zusammenstoßen können,
ganz zusammenfallen und demnach immer wieder nur einen ausdehnungslosen Punkt bilden. Ebensowenig besteht die Bewegung aus letzten unteilbaren Bewegungselementen oder die
Zeit aus dauerlosen Augenblicken, oder, wie Aristoteles
sich ausdrückt, aus den »Jetzt<3). Aristoteles unterscheidet.
bereits scharf den Begriff der Lage eines Körpers an einem
1) ef. für dies und das folgende Phys. III, 6, 2063, 12b, 3.
2) Phys.III, 6, 207 a, 1; Zeller II, 23, S. 322, Anm. 2 führt diese Stelle _
neben anderen dafür an, dass Aristoteles &reıgo» im Sinne von unbestimmt gebraucht habe. Doch scheint mir dies weder aus den Worten
selbst, noch aus dem Zusammenhang zu folgen. Auch die übrigen angeführten Stellen scheinen dies nicht zu beweisen, da hier änsıgor
überall im Sinne des unbegrenzten Prozesses inbezug auf die Teilung
gefasst werden kann. In der am meisten in Zellers Sinne auszulegenden Stelle III, 7, 207b, 35 (über welche auch Stölzle, a. a. O.
8. 29—31) dürfte wohl die bloße Potentialität als tertium comparationis
zwischen, Stoff und Unendlichem zu fassen sein.
Ort in einem durch Abstraktion isolierten Moment einer Bewegung, von dem der Ruhe eines Körpers an einem Ort.
Ruhe bedeutet, sich eine Zeit hindurch in derselben Lage
befinden.
In cinem unteilbaren Zeitpunkt befindet sich ein
1) De coelo I, 1, 2688, 6.
2) Phys. VI, 1, 231a, 24.
3) Phys. VI, 1, 231 b, 18.
Page 15
View in PDF(opens in a new window)Körper wohl in derselben Lage, aber er ruht nicht in ihr).
keit nach in dem kontinuierlichen Verlaufe und bilden keine
wirklichen Ruhepunkte.
Freilich begeht Aristoteles gelegentlich noch Inkonsequenzen gegen das von ihm aufgestellte Princip der Stetigkeit
der Bewegung. So sagt er in der Polemik gegen die Ansicht,
Damit ist Zenos dritter Einwand gegen die Bewegung, dass
der fliegende Pfeil ruht, weil er sich in jedem Moment in einer
bestimmten Lage befindet, widerlegt.
Er beruht eben auf
jenem falschen Begriff der Zeit, welcher sie aus lauter einzelnen unteilbaren Momenten zusammengesetzt denkt?).
Zenos erster und zweiter Beweis, welche ja auf der Undurchschreitbarkeit der unendlich vielen Teile einer Strecke
dass alles immer bewegt werde!): wenn eine Reihe Tropfen
den Stein höhlt, brauche doch die Hälfte in der halben Zeit
noch keine Veränderung bewirkt zu haben. Uberhaupt würde
beruhen, widerlegen sich dadurch, dass die Zeit in demselben
Sinne unbegrenzt teilbar ist, wie der Raum’). Diese Widerlegung ist wenigstens gegen die speciell zenonische Fassung
es, meint er?), dem Augenschein zu sehr widersprechen, wenn
der Beweise hinreichend. Dagegen muss eine wirkliche Widerbeigeführt
ist durch die Grundanschauung des Aristoteles,
man annehmen wollte, dass auch die qualitative Veränderung?)
stetig vor sich gehe.
Man sieht, dass die Inkonsequenz herlegung des tiefsten ihnen zu Grunde liegenden Gedankendass es qualitative Prozesse giebt, welche sich nicht auf quangehaltes noch anders gefasst werden‘). Man könnte nämlich
dieselbe Erwägung auch auf die Zeit selbst ausdehnen und
meinen, sie könne nicht durchlaufen werden, da sie aus untitative zurückführen lassen. Der Eigentümlichkeit dieser quaendlich vielen Teilen bestehe. Um dies zu widerlegen, muss
man unterscheiden, ob das Unbegrenzte nur der Möglichkeit
nach — duyvajee — vorhanden gei, oder als eine abgezählte
unendliche Menge in Wirklichkeit — évreleyelg. Im letzteren
Fall nämlich wird jeder Teilpunkt ein Ruhepunkt, da er zugleich Endpunkt einer und Anfangspunkt einer neuen Bewegung ist, nicht aber im ersteren Falle, in welchem vielmehr
die Bewegung gleichförmig über die unendlich vielen möglichen Teilpunkte hinweggleitet. Dieser Fall nun ist bei stetigen
Größen verwirklicht, die Teilpunkte stecken nur der Möglichlitativen Prozesse schreibt Aristoteles dann die Unstetigkeit
der Empfindung (die Thatsache der Bewusstseinsschwelle) zu.
Unter den einzelnen Fragen, an welchen diese allgemeinen
Grundsätze sich zu bewähren haben, steht für Aristoteles
die nach der Endlichkeit oder Unendlichkeit der Welt im
Vordergrund des Interesses. Was den Aristoteles hier besonders an einer konsequenten Durchführung seiner Gedanken
hinderte, war der Mangel eines brauchbaren Raumbegriffes.
Er trennte zwar den Raum von der Materie, aber die Auffassung des Raumes als Form der Anordnung der Dinge, als
dreidimensionale Mannigfaltigkeit, lag ihm fern. Vielmehr bestimmte er den Raum als die Grenze der Körper‘). Die Richtung der Schwere, das Oben und Unten, wird als Grundeigen-
1) Phys. VI, 8, 2392, 26; b, 1. Es ist hier also schon von Aristoteles wesentlich dieselbe Lösung der zenonischen Aporie gegeben,
1) Phys. VIII, 3, 253b, 14.
welche Dühring giebt. Dührings Vorwürfe gegen Aristoteles
2) Phys. VIII, 3, 253b, 28.
sind hinfällig.
2) Phys. VI, 9, 239b, 5.
3) So übersetzt Prantl &AAotwors.
4) Phys. IV, 5, 212a, 31, b 14; Zeller II, 23, S. 397/8.
3) Phys VI, 2, 233a, 21; VI, 9, 239b, 11.
4) Phys. VIII, 8, 2633, 4.
Strümpell, Geschichte der theoretischen Philosophie der Griechen. Leipzig
1854, 8. 304, § 136.
Page 16
View in PDF(opens in a new window)schaft des Raumes angesehen. Da er so den Raum sich nicht
gehörig klar gemacht hatte, konnte er auch unmöglich den —
unendlich übertreffen und damit vernichten'). Es würde also
wahrscheinlich tiberdies unexakt ausgedrückten — Satz des
Zeno verstehen, dass der Raum, wenn er existiere, immer
wieder in einem Raum, . d. h. unendlich sein müsse. Der
Raum’), so erwidert nämlich Aristoteles darauf, muss allerder qualitative Gegensatz, diese Grundlage aller Veränderung,
fehlen. Da ferner jeder in sich gleichartige Körper von Natur
in allen seinen Teilen nach demselben Ort hinstrebt, so müsste
ein unbegrenzter in sich gleichartiger Körper des Bewegungs2).
gegensatzes, oben und unten (schwer und leicht) entbehren
dings in einem Anderen gein, aber er braucht nicht wieder in einem Raume zu sein, sondern kann wie ein Attribut ciner
Substanz anhaften. Man sieht, dass hier eine seltsame Vertauschung der Schrankenlosigkeit der räumlichen Anschauung
mit dem ganz anders gearteten logischen Verhältnis des At-
"Dass aber mehrere oder alle Elemente unbegrenzt sind, widerspricht dem Begriff des unbegrenzten Körpers, der ja das
nach allen Seiten ins Unbegrenzte Ausgedehnte bedeutet, also
tributs zur Substanz stattfindet. Unter diesen Umständen darf
es nicht Wunder nehmen, wenn Aristoteles die Frage der
unendlichen Ausdehnung dahin präcisiert, dass es sich um die
grenzte Körper ein von den Elementen verschiedener sei‘),
wird mit dem Hinweis auf die Erfahrung, welche uns einen
Möglichkeit der Existenz eines betreffs der Zunahme unbegrenzten Körpers handelt?), und wenn er nur diese Frage,
nicht auch die Frage nach der Unendlichkeit des Raumes behandelt. In die Behandlung des Problems mischen sich daher
die Anschauungen des Aristoteles über die Natur, die Bewegung und den natürlichen Ort der vier Elemente?) überall
ein. Die vier Elemente sind bei Aristoteles bekanntlich
einerseits durch das Zusammenwirken der entgegengesetzten
Eigenschaften, Wärme und Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit,
element müsste doch irgend einmal zum Vorschein kommen;
denn alles zerfalle in das, woraus es entstanden sei. Es
bleibe demnach nur die Annahme übrig, dass der unbegrenzte
gekennzeichnet, andererseits durch ihre natürliche Schwere bez.
unbegrenzt sein, weil er sonst nicht die begrenzte, in sich
Leichtigkeit, welche für jedes derselben einen naturgemäßen
Ort und dementsprechend eine natürliche nach diesem Ort hinstrebende Bewegung verursacht. Wenn nun eins der vier Elemente unbegrenzt wäre, so würde es durch seine Eigenschaften
die entgegengesetzten Eigenschaften der anderen Elemente
abgeschlossene Kreisbewegung ausführen könnte”). Auch die
1) Phys. IV, 3, 210b, 22.
2) Phys. III, 5, 204a, 34.
3) Zeller III, 2, 8.439 ff.
nichts anderes — geschweige denn etwas anderes Unbegrenztes
neben sich duldet®). Die, Annahme ferner, dass der unbesolchen Körper nicht zeigt, zurückgewiesen. Ein solches Ur-
Körper aus einer unbegrenzten Anzahl verschiedener Teile
bestände®). Aber dann müsste es unendlich viele verschiedenartige Elemente, Orte und Arten der einfachen Bewegungen‘)
geben, was unmöglich ist. Ebensowenig wie die vier Elemente,
kann der höchste in gleichmäßiger Kreisbewegung bewegte
Körper, welchen Aristoteles jenseits derselben noch annimmt,
1) Phys. IH, 5, 204b, 10.
2) Phys. II, 5, 205a, 7; 205b, 24.
3) Phys. III, 5, 204b, 19; De coelo I, 7, 274b, 19.
4) Phys. III, 5, 204b, 29. Vielleicht ist hier an Anaximander
gedacht.
5) Phys. IH, 5, 205a, 29.
6) De coelo I, 7, 2743, 34.
7) De coelo I, 5, 271b, 26, bes, 272b, 28.
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View in PDF(opens in a new window)von früheren!) Philosophen für die Unbegrenztheit des Stoffes
angeführte Unbeschränktheit unseres Denkens beweist fiir das
reale Bestehen des Unendlichen nichts, da wir uns jedes
So leugnet Aristoteles also nach der Seite der Ausdehnung hin auch jene potentielle Unendlichkeit, die er im allgemeinen als möglich annimmt. Dagegen besteht diese Art
der Unendlichkeit nach der Seite der Teilbarkeit des Stoffes
hin. Auch hierbei überträgt er seiner Grundanschauung nach
_ Ding beliebig viel größer denken können, als es ist?)
Im Vorstehenden wurden nur die wichtigsten Momente
aus den langen und ziemlich schwierigen Auseinandersetzungen
des Aristoteles über den unbegrenzten Körper angeführt?).
ohne weiteres auf den Stoff, was zunächst vom Raum gilt,
Kommt es hier doch nicht auf eine vollständige ins Einzelnste
gehende Analyse seiner Beweise, sondern nur darauf an, klarzur Widerlegung der Atomistik.
zulegen, welcher Art die Gründe waren, die den Aristoteles
zu der Annahme der Begrenztheit der Welt, des Stoffes, und
Größe, verhält es sich bei der Zahl!). Hier besteht die Unendlichkeit nur nach der Seite der Vermehrung hin, nicht nach
der der Teilung. Dem Aristoteles ist ja, wie den Griechen
damit, seinem unvollkommenen Raumbegriffe gemäß, auch des
Raumes führten. Übrigens ist nicht zu vergessen, dass hinter
allen den verwickelten physikalischen und logischen Beweisen,
gleichsam als treibendes Agens, jene pythagoreisch-platonische
Anschauung von der ästhetisch- ethischen Überlegenheit des
Begrenzten und damit Geordneten steht. Es ist dies dieselbe
Ansicht, welche den Aristoteles auch zu dem Glauben führt,
dass die Kreisbewegung vollkommener als jede geradlinige
Bewegung sei, und daher den Sternen als den vollkommensten
‚und ursprünglichsten aller Körper zukomme. Denn nur der
Kreis ist in sich geschlossen und vollendet (cedeéa), die gerade
Linie nicht, mag man sie nun als unendlich oder als endlich
und benutzt daher die unbegrenzte Teilbarkeit des Raumes
Umgekehrt wie bei dem Stoff, resp. bei dem Begriff der
überhaupt eigentlich, nur die ganze Zahl eine wirkliche Zahl:
daher gilt ihm die Einheit als unteilbar.
Dass Aristoteles unmöglich mit den Atomisten verschiedene, im Raum nebeneinander bestehende Welten annehmen
kann, ist klar, da ihm ja in der kreisförmigen Bewegung
des Himmelsgebäudes aller Raum eingeschlossen ist?). Aber
auch die uralte Annahme unendlich vieler in der Zeit nacheinander entstehender und vergehender Welten verwirft er.
Vielmehr gilt ihm diese unsere Welt als ungeworden und
unzerstörbar?).
Unbegrenzt ist die Zeit und in ihr die Bewegung‘). Wähannehmen. Denn ist sie unendlich, so müsste man eine abrend in der Zeit der Bewegung kein unbewegter Zustand vorgeschlossene Unendlichkeit annehmen, um sie als vollendet zu
angeht, wird doch Bewegung nicht stets wieder durch Bewesetzen; ist sie aber endlich, so ist jenseits ihrer Grenze immer
noch eine Fortsetzung denkbar‘).
1) Sollte damit vielleicht Demokrit gemeint sein?
ähnliche Erwägungen nahe lagen s. S. 17.
Dass ihm
8, 2083, 15—19.
2) Phys. III,
3) Eine vollständige, wenn auch nicht sehr klare Darstellung derselben bei Stülzle a. a. O.
4) De coclo I, 2, 2698, 19; Phys. VIII, 6, 2592, 11 wird direkt
>
to nensgwoutvov als ro AfAttov bezeichnet. Besonders hervorgehoben
ist die Wichtigkeit dieser Wertung von I. E. Erdmann, I, S. 133.
1) Phys. III, 7, 207b, 1—21.
"2) De coelo I, 8—9.
3) De coelo I, 11; II, 1; cf. Zeller, Die Lehre des Aristoteles
von der Ewigkeit der Welt. Vorträge und Abhandlungen, 3. Sammlang 1884 (Leipzig).
4; Phys. II, 8, 208a, 19; VIII, 1, 251b, 10.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)gung erzeugt.
Vielmehr hat alle Bewegung eine erste und
oberste Ursache'). Es giebt also insofern etwas der Bewegung Vorangehendes, als es etwas giebt, ohne dessen Existenz
keine Bewegung möglich wird?). Denn eine unbegrenzte Reihe
von Ursachen erscheint dem Aristoteles undenkbar, auch
ihm gilt die Aufzeigung eines unendlichen Regressus als Mittel
fiir den indirekten Beweis*). Diese erste Ursache der Bewegung muss aber selbst unbewegt, größenlos und teillos sein,
denn ihre wirkende Kraft muss unbegrenzt sein, da sie die
Bewegung während der unbegrenzten Zeit hervorbringt; alle
‘Größe aber ist begrenzt“). Hier also wird Aristoteles doch
zur Annahme einer Unendlichkeit getrieben. Da aber nach
seiner ganzen Anschauungsweise die Annahme einer unendlichen Größe unmöglich ist, so muss er die bewirkende unendliche Kraft als von der Kategorie der Größe ausgeschlossen setzen. Man sieht hier einen der Ausgangspunkte für
die Lehre von der Unendlichkeit Gottes.
So folgenreich aber diese bestimmteren Lehren auch für
die weitere Entwickelung geworden sein mögen, die große
Leistung des Aristoteles für das Unendlichkeitsproblem liegt
nicht in ihnen, sondern in der Aufstellung eines potentiellen
‘ Unendlichkeitsbegriffes und in der scharfen Unterscheidung
_ stetiger und diskreter Größen. Erst auf dieser Grundlage ist
‚ eine fruchtbare Diskussion der Unendlichkeitsfragen überhaupt
‚möglich. Freilich war die Form der aristotelischen Darstel| lung dem Verständnis und der Verbreitung dieser Lehren
seiner Analyse des Unendlichen mit unhaltbaren und hier
jedenfalls nicht zur Sache gehörenden physikalischen Hypothesen. Seine Fragestellung ist nicht scharf und principiell
genug.
Vor allem aber machte sein ganz unbrauchbarer
Raumbegriff die richtige Anwendung seiner Principien unmiglich. Trotz alledem bleibt Aristoteles der Begründer einer
wirklich wissenschaftlichen Behandlung des Unendlichen. Ja
seine Beschreibung dessen, was am Unendlichen allein unserem Verstande fassbar ist, konnte wohl der Form nach, nie
aber der Sache nach übertroffen werden !).
Des Aristoteles bedeutendster Schüler, Theophrast,
erkannte richtig in dem Raumbegriff eine der schwächsten
Stellen des aristotelischen Systems. Man kann es als einen
groBen Fortschritt bezeichnen, wenn derselbe — wiewohl nur
zweifelnd — geneigt war, den Raum auf die Ordnung und
Lage der Körper gegeneinander zurückzuführen’). Leider
ging diese bedeutende Verbesserung sogar innerhalb der peripatetischen Schule wieder verloren und blieb daher ohne
Folgen. Strabo kehrte wesentlich zu dem aristotelischen
Raumbegriff zurück, machte denselben aber noch unklarer,
indem er den Raum als die Lücke zwischen den Körpern bezeichnete. Er nahm nämlich aus empirischen Gründen leeren
Raum innerhalb der Welt-an, leugnete aber die Unbegrenztheit des Raumes?).
In der pseudoaristotelischen Schrift zegi drouwv yoœuuüv
wird die Frage der Stetigkeit ziemlich breit erörtert. Das
nicht günstig. Er verquickte die unvergänglichen Ergebnisse
1) Diese Verdienste sind auch von den Historikern der Mathematik
gebührend anerkannt worden. cf. bes. Hankel, S. 118 ff.; auch Kuh1) Über die verschiedenen Bedeutungen
“von zeóregor cf. Phys.
lenbeck würdigt in der Einleitung zu seiner Übersetzung von Bruno,
2) Phys. VII, 1; ef. Zeller I, 2, 8. 357 £.
Dialoge vom Unendlichen etc. S. XXI des Aristoteles Leistung in
kurzer aber treffender Darstellung,
VIII, 7, 260b, 17.
3) Metaph. II, 2, 994, 1.
4) Phys. VIII, 10, 266b, 267. Metaph. XII, 6, 1071b, 4.
2) Zeller II, 2, 8. 832, bes. Anm. 2.
3, Zeller II, 23, S. 910.
Page 19
View in PDF(opens in a new window)mathematische Interesse wiegt hier vor. Die kleine Abhandan Heraklit, die anderen an die Atomisten an, entnahmen
lung, welcher im wesentlichen die Anschauungen der aristoaber dabei im einzelnen manches dem Aristoteles. Über
telischen Physik zu Grunde liegen, hat insofern Bedeutung,
als ‘sie auf die Existenz von mathematisch-philosophischen
Richtungen hinweist, die die Linie als aus letzten unteilbaren
Linien zusammengesetzt dachten. Sie bedienten sich dazu —
also zur Begründung der Ansicht, die Zeno nach Tannéry
ausdrücklich bekämpft haben soll! — der zenonischen Bedie Frage der Ewigkeit der Welt wurde hin- und hergestritten.
Die Schwierigkeiten des Unendlichen wurden zu skeptischen
Zwecken ausgenutzt.
Unter allen diesen Strömungen ist die epikureische Lehre
darum von der größten historischen Bedeutung, weil sie in
weisführung, dass die Bewegung und der messende menschder von Lucretius‘) überlieferten Form auf die Denker des
16. und 17. Jahrhunderts großen Einfluss übte. Durch dieses
liche Gedanke unmiglich in endlicher Zeit Unendliches durchlaufen könne (968). Dies wird (969a) mit dén bekannten
Gründen zurückgewiesen. Dann wird die Annahme unteilbarer
Medium wirkte der große Geist Demokrits fort. Die Materie
besteht aus letzten nicht weiter teilbaren Körpern, den Atomen.
Denn audernfalls bestände jedes endliche Stück eines Körpers
Linien mit einer Reihe von Gründen bekämpft, die sich alle
aus unendlich vielen Teilen und es gäbe keinen Unterschied
zwischen dem Kleinsten und dem Größten?). Außer diesen Atoals specielle Folgerungen des Stetigkeitsbegriffs darstellen.
So heißt es z. B: aus drei unteilbaren Linien müsste sich ein
Dreieck bilden lassen. Von-der Spitze desselben künnte man
ein Lot auf dié Grundlinie fallen, welches diese teilte; also
men besteht nur noch der leere Raum. Die Welt, welche sich
so aus Atomen und leeren Zwischenräumen zusammensetzt, ist
Unteilbare Linien
unendlich. Denn über jede Grenze hinaus ist eine weitere
Ausdehnung möglich. Nichts Äußerstes ist denkbar, ohne dass
würden sich übrigens nur dem Namen nach von Punkten unterman sich ein Begrenzendes über dasselbe hinaus denken
scheiden (970b). Aus Punkten aber können Linien nicht bemüsste®). Während die Begründung der Atomistik eine mangelnde Einsicht in den Begriff der Stetigkeit zeigt, liegt in
wire die unteilbare Linie teilbar (970a).
stehen, da die Punkte einander nicht berühren, ohne zusammenzufallen (971
b).
dieser letzten Argumentation ein sehr fruchtbarer Gedanke.
Wir würden denselben etwa mit den Worten ausdrücken: der
Begriff der Grenze ist relativ, eine absolute Grenze ist ein
§ 5.
Widersinn. So ausgedrückt bildete er die notwendige Ergän-
Verwendung älterer Lehren in der späteren griechischen
Philosophie.
Die nacharistotelische Philosophie der Griechen hat wesentliche neue Gesichtspunkte in der Behandlung des Unendlichkeitsproblems nicht mehr aufgebracht. Die Stoiker und
Epikureer schlossen sich an alte Naturphilosophen, die einen
zung zu dem aristotelischen Beweise der Unmöglichkeit eines
vollendeten (= aktuellen) Unendlichen. Weiter begründet Lu1) De rerum natura ed. I. Bernays.
2) 1, 615628.
3) I, 951—983.
Cohn, Unendlichkeitsproblem.
3
Leipzig, Teubner, 1886.
Außerdem wurde die Übersetzung von W. Binder, Stuttgart 1868, benutzt. Citiert wird Buch und Vers. Über die historische Bedeutnng
des Lucretius cf. Lange Is, 8. 99.
Page 20
View in PDF(opens in a new window)cretius die Unendlichkeit der Welt mit folgenden BetrachZeit bereits alles in der Mitte zusammengeballt sein. In der
artigen Atome unendlich sein‘). Aus der Unendlichkeit des
Raumes und der Atome folgt, dass diese Welt nicht die einzige ist?). Ein Hinweis auf die unendliche Zahl der Welten
unendlichen Welt giebt es natürlich keine Mitte!). Auch ist
findet sich bei Lucretius nicht, doch ist diese Folgeruug
in der unendlichen Welt die ewige Fortdauer der Bewegung
garantiert, da es kein Unterstes giebt, auf welchem die Körper
fest stehen könnten?). Daneben wird auch der alte Grund
selbstverständlich; sie ist sicherlich nach dem Vorgange Demokrits gezogen worden. Die einzelmen Welten, wie z. B.
die unsere, sind vergänglich °).
Den Stoikern war Raum, Zeit und Materie ins Unendliche teilbar, was aus der Annahme der empedocleischen Elemente folgte. Sie hielten an dem Begriff des abgeschlossenen
begrenzten Weltgebiiudes fest. Seine Begrenztheit folgerten sie
tungen: Wäre die Welt begrenzt, so müsste in der unendlichen
Anaximanders wieder angeführt, dass nur aus unendlichem
Stoffe das unendliche Werden erklärbar sei’).
Ein älterer
Epikureer, Metrodorus aus Lampsakos, ein unmittelbarer
Schüler Epikurs, begründete die Unendlichkeit der Welt,
indem er es als eine thörichte Annahme bezeichnete, dass in
einem großen Felde nur eine Ähre gewachsen sei und nur
eine Welt im Unendlichen®). Alles dies ist wesentlich dem
Gedankenkreise Demokrits entnommen, wobei freilich im
einzelnen nicht mehr zu entscheiden ist, wie weit der Abderit schon dieselben Gründe für seine Behauptungen beibrachte. Eine Abweichung von Demokrit findet sich darin,
dass die Epikureer nur eine endliche Anzahl verschiedenarschon aus der Natur des Körpers. Augenscheinlich ist diese
Begriindung dem Aristoteles entlehnt. Der Raum, den sic
als das mit einem Körper Erfüllte definierten, war ihnen
dieser (aristotelischen) Bestimmung gemäB begrenzt wie der
Körper.
Dagegen dehnte sich das Leere, welches sie vom
Raume unterschieden, unbegrenzt aus‘). Diese Leere glaubten
sie annehmen zu müssen, weil die Welt Platz bedürfe, um
sich aufzulösen, und sie hielten diese Annahme für zulässig,
tiger Atomformen annahmen, weil sonst einige Atome sehr
weil dem Unkörperlichen und Nichtseienden weder eine Grenze
groß sein müssten. Auch sei nur so die Ordnung der Welt,
noch sonst eine Bestimmtheit zukommen könnte. Im Gegensatz zur aristotelischen Lehre behaupteten die Stoiker die
Vergänglichkeit unserer Welt. Das Geschehen selbst war
in ‘der alles zwischen gewisse äußerste Grenzen eingeschlossen
ist, zu erklären®). Hier scheint der sonst bekämpfte Aristoteles von Einfluss gewesen zu sein. Da es nur eine endliche
Anzahl von Atomformen giebt, so muss die Zahl der gleich1) I, 984—997.
auch für sie ewig.
Sie lehrten einen periodischen Wechsel
von Weltentstehung und Weltverbrennung ‘).
Über die Lehre von der Ewigkeit der Welt ist dann viel
Gegen den aristotelischen Begriff der absoluten
Mitte auch I, 1052.
2) II, 89.
3) I, 1035.
4) Nach einer Stelle des Stobaeus, citiert bei Schopenhauer,
Welt als Wille und Vorstellung Bd. I, 3. Auflage, S. 588, Ausgabe v.
Grisebach, S. 630.
5: II, 480.
1) TH, 523.
2: II, 1048.
3 V, 65, ef. zu den Epikureern Zeller III, 13, S. 404 bis 409.
4 Zeller IL, 13, S. 180—182, 187—198.
5 Zeller III, 13, S. 151/52.
Page 21
View in PDF(opens in a new window)gestritten worden'). Die peripatetische Schule verteidigte
eifrig die Lehre ihres Meisters?). Sie gewann Anhang auch
unter den späteren Stoikern’). Andere Stoiker freilich hielten
wie der Mittelpunkt der Kugel zu ihrer Oberfläche. Archian dem periodischen Wechsel von Weltentstehung und Weltuntergang fest. So Seneca, der die Verbrennung durch eine
Flut ersetzte‘. Auch die späteren Platoniker bekämpften die
Anfangslosigkeit der Welt, weil ihnen durch diese Annahme
die Allmacht Gottes gefährdet schien’). Dieser Grund ist
charakteristisch und findet seine Analogie in den mittelalterlichen Streitigkeiten um die Ewigkeit der Welt. Die Neuplatoniker nahmen die Ewigkeit der Welt and).
Sie konnten
medes nahm an dieser Ausdrucksweise Anstoß, da ein
größenloser Punkt zu einer Fläche kein Verhältnis haben
könne).
Dass sich die Skeptiker der Schwierigkeiten des Unendlichen bedienen würden, war zu erwarten. Brauchten sie doch
hierin nur dem Beispiele der Sophisten und Megariker zu folgen. Karneades beutete die Notwendigkeit eines unbegrenzten
Fortschritts im Beweisverfahren zu skeptischen Zwecken aus.
Da, so meinte er, jeder Beweis wieder durch einen zweiten
bewiesen werden müsste, dieser durch einen dritten, u. s. f,
hier der peripatetischen Richtung eher folgen, weil sie das
Göttliche der Zeit und ihrem Wandel, ja der gewöhnlichen
Begreiflichkeit überhaupt, entrückten. Die Welt blieb Gott
Glied der Reihe nur hypothetische Gewissheit hätte, nie zu
einem gesicherten Ergebnis?). Derselbe Gedanke liegt dem
gleich fern, ob sie nun einen Anfang hatte oder nicht.
zweiten unter den 5 Tropen des Agrippa zu Grunde, der
In Bezug auf die Ausdehnung der Welt ist an eine astronomische Aufstellung zu erinnern.
Im Anschluss an ältere
pythagoreische Lehren behauptete Aristarch von Samos
so käme man zu einem unendlichen Regressus, und da jedes
den Namen 6 eig äneıgov éxPeddwy führt?) und wiederholt
sich bei Sextus Empiricus4). Dieser Autor benutzt auch
(um 280 v. Chr.) die Bewegung der Erde um die Sonne. Er
den zenonischen ähnliche Argumente in skeptischer Absicht
gegen die Bewegung’).
zog daraus die Konsequenz, dass die Erdbahn im Vergleich
zur Fixsternwelt unmerklich klein sei, oder, wie er sich ausdrückte, dass die Erdbahn sich zur Fixsternsphäre verhalte,
244 ff, bes. 247, Anm. 1.
1) Zeller, Lehre des Aristoteles über die Ewigkeit der Welt.
Vortr. u. Abh.
3. Samml. 1884, S. 14 ff.
2) Theophrast, Zeller II, 2, S. 836, Pseudo-aristot. Schrift zregì
xdguov Z. III, 13, 8.639; Alexander v. Aphrodisias II, 1,, S. 792.
3) Bo&thius, Zeller ILE, 13, 8.554 Panätius II, 1,, S. 561.
4) Quäst. nat. lib. III, c. 27—30. Die alte stoische Lehre vertritt
auch Posidonius. Zeller III, 13, 8. 575.
5) Atticus, Zeitgenosse des Marcus Aurelius. Zeller III, 13,
8. 808/10.
Plutarch Z. III, 23, 8. 174.
6; Plotinos Enneas Il, lib. 1; Porphyrius, Zeller Ill, 23,
S. 646; Jamblichus III, 2, S. 702; Syrianus UI, 2, S. 772; Proklus
IU, 23, 8. 809.
>
1} Archimedes, Arenarius (waypitys; Opp. ed. Heiberg II,
Werke, übersetzt v. Nizze. Stralsund 1824,
§. 210 Anm; ef. auch Ideler in Wolf u. Buttmann, Museum f. Altertumswisgenschaft, Bd. II. Berlin 1808, S. 429 ff. Im weugirjs will Archimedes zeigen, dass keine Menge gedacht werden kann, welche sich
nicht zahlenmäßig ausdrücken ließe. cf. Heiberg, Quaestiones Archimedeae, Inaugural-Dissert. Hauniae 1872, S. 201.
2) Zeller IH, 13, S. 504.
3) III, 2, 8. 37.
4) III, 23, 8.54. Pyrrhoneische Grundzüge, benutzt d. Übers.
von Eugen Pappenheim. Leipzig 1877, Buch], K. 14, § 122; I, 15, § 166,
171; IL, 5, § 36; Ill, 8, § 68.
5) Pyrrh. Grundz. IL, 8, § 76—78.
Page 22
View in PDF(opens in a new window)Begriffe ein besseres Beiwort für das Unerkennbare gefunden
werden, als im Unendlichen? Zur selben Zeit und in den-
Der Umschlag in der Gefühlswertung des Unendlichen.
selben Kreisen fand die Einführung des Begriffs des Erha-
Wiederholt ist uns im vorhergehenden ein ästhetisch-ethisches Moment entgegengetreten, welches die theoretischen
Anschauungen beeinflusst. Den Pythagoreern und nach ihrem
Sehönheitsideal, bei dem die vollendete Form den Inhalt meistert, in einem Sehnen nach dem Unbestimmten, in einem
Vorbild dem Plato und Aristoteles war das Gute: Ord-
So entsteht in jener Zeit die Bezeichnung der Gottheit
nung, Begriff, Grenze. Daher war ihnen die von diesem Höchals »das Unendliche«, welehe heute so sehr selbst in den
sten geleitete Welt begrenzt. Der siegesmutige Verstand dieser
kühnen Pfadfinder im Reiche der Philosophie vergötterte gewissermaßen sich selbst und glaubte, in dem, was er selbst
populären Sprachgebrauch tibergegangen ist, dass wir sie kaum
mehr wegdenken können. Nur muss man nicht glauben, dass
benen in die Ästhetik statt. Auch hier geht das altgriechische
Schauer vor dem Unfassbaren, Unendlichen auf‘).
diese ästhetisch-ethische Umwertung des Unendlichen, wenn
am klarsten erfassen konnte, auch das wirklich Höchste zu
erfassen. Daher war für sie das Unendliche ein mit Missich mich so ausdrücken darf, im bewussten Gegensatz gegen
trauen und Abscheu Betrachtetes. Höchstens konnte man
darin, wie Plato es that, den rohen eigentlich noch nicht
seienden Stoff erblicken, aus dem durch Begrenzung die begrenzenden Formen die Welt erschufen. Aber das Denken
schutzbedürftigen Geistern des ausgehenden Altertums standen
die Gestalten eines Pythagoras und Plato, in zweiter Linie
auch Aristoteles viel zu sehr als leuchtende Autoritäten da,
als dass dergleichen hätte möglich sein sollen. Langsam vielwurde nur zu bald an sich selbst irre. Das vorwiegend prakmehr und halb unbewusst vollzog sich der für die Geschichte
tische Streben der Stoiker und Epikureer, ihre Anlehnung an
des menschlichen Denkens wichtige Akt. Völlig ausgebildet
finden wir diese Lehren bei den Neuplatonikern, bei Plotin
alte Autoritäten zeigt den Wendepunkt an. Die Skepsis rüttelt an allen Gesetzen des Denkens und verliert sich aus der
wissenschaftlich schärfer durchgebildeten Wahrscheinlichkeitslehre des Karneades in die üden und spielerischen Sophismen der änesidemischen Schule, die Zeller!) wohl mit Recht
als »ein Symptom der Altersschwäche« bezeichnet. Wenn so
das Denken an sich selbst irre wird;-so muss es geneigt sein,
das Höchste, Göttliche, dessen es bei seiner Schwäche um so
mehr bedarf, als unerkennbar, als absolut transcendent zu
setzen?). Und wo künnte aus dem Schatz der philosophischen
1} Zeller II, 29, 8. 69.
2) Ebd. III, 2%, S. 427—433, 482.
die großen Denker des Altertums sich vollzog.
Nein, jenen
und seinen Schülern?). Aber diese Männer haben sie keineswegs neu geschaffen, sondern fanden sie vielmehr schon stark
verbreitet.
Es ist zunächst hervorzuheben, dass jene Bestimmung
der Gottheit als des Unendlichen von specielleren Betrach1) Eduard Müller, Geschichte der Theorie der Kunst bei den
Alten. Bd. Il, Breslau 1837, S. 285 ff.
2) Hier wie überall ist die Periodeneinteilung willkürlich. Es waren
wesentlich Riicksichten der Darstellung, die mich bestimmten, den Neuplatonismus von den Kirchenvätern zu trennen und der antiken Philosophie zuzuweisen.
gezogen wissen.
Principielle Folgerungen möchte ich daraus nicht
Page 23
View in PDF(opens in a new window)tungen der klassischen griechischen Philosophie ausgeht.
In
dieser Beziehung ist an die aristotelische Lehre von der unbegrenzten Kraft des ersten Bewegers zu erinnern.
Stärker
aber als Aristoteles wirkte Plato. Zwar darauf werden
wir kein großes Gewicht legen dürfen, wenn mitten zwischen
den dialektischen Spielereien des »Parmenides« das »Eine«,
weil es keine Teile, also auch weder Anfang noch Ende hat,
als unbegrenzt bezeichnet wird‘). Denn diese Stelle ist augenscheinlich nur ein gelegentlicher, zu Beweiszwecken aufge-
Die Umwertung des Unendlichen fällt zeitlich mit der Einwirkung orientalischer Lehren zusammen. Einer. der ersten,
welcher Gott als unendlich bezeichnet, ist der alexandrinische
Jude Philo'). Im alten Testament konnte er dafür nur wenige Anknüpfungspunkte finden. So heißt es Psalm 90, V. 2:
»Ehe die Berge geboren und die Erde und der Erdkreis hervorgebracht wurden und von Ewigkeit zu Ewigkeit bist Du,
o Gott?).< Und Psalm 102, V. 26 bis 28 wird der Vergiinglichkeit der Schöpfung die Unvergänglichkeit des Schöpfers
gegentibergestellt. Dabei heißt es: »Du aber bist derselbe
und deine Jahre nehmen kein Ende.« Ähnliches findet sich
stellter Satz, während anderswo in demselben Dialog das
»Eine« als begrenzendes Princip behandelt wird. Freilich
wäre nicht unmöglich, dass die Neuplatoniker eine solche
Psalm 119, V. 89—90; 135, V. 13; 136; 145, V. 13; 146, V. 10.
Stelle in ihrem Sinne gefasst hätten.
Überall wird die Ewigkeit Gottes betont.
Wichtiger aber ist
Das hebräische
Platos Lehre von der Ewigkeit mit ihrer scharfen Gegen-
Wort für Ewigkeit »‘oläme bedeutet wahrscheinlich ursprüngüberstellung der Ewigkeit Gottes und der Zeitlichkeit der
Welt. Solche Lehren brauchten nur von dem einen Gebiet
auf alle anderen übertragen zu werden, es brauehte nur eine
lich das Verhüllte, Verborgene*). Es scheint demnach, dass
auch jene jüdischen Denker die Ewigkeit Gottes mit seiner
Unerkennbarkeit in Verbindung brachten. Übrigens gehören
alle citierten Psalmen nach Ansicht der neueren Bibelkritik
der griechischen Zeit an. Ihre Entstehung dürfte zwischen 311
und 140 v. Chr. fallen‘). Einwirkung platonischer Ideen ist
höchst wahrscheinlich. Es bleibt trotzdem für die orientalische
scharfe Betonung des bei Plato mehr gelegentlich auftretenden Gedankens hinzuzukommen — und die Lehre von der
Unendlichkeit Gottes war fertig.
Es fehlt also in der älteren griechischen Philosophie nicht
an Anknüpfungspunkten für die neue Lehre.
Und das, was
die Weiterbildung dieser Ansätze bisher verhindert hatte, war
geschwunden. Die feste Einheit der griechischen Staaten war
zerstört, die Formen der griechischen Kunst bestanden noch,
verquickten sich aber vielfach mit fremden Elementen und
verloren allmählich ihre innere Geschlossenheit. Das Vertrauen
auf das Erkennen war dahin. So ist die Umwertung des Unendlichen aus dem Entwickelungsgang des Griechentums selbst
zu verstehen. Aber fremde Einflüsse mögen mitgewirkt haben.
1) Steph. III, 137. Becker II, 205.
Denkweise charakteristisch, dass sie sich gerade dieses Element der griechischen Philosophie assimilierte und zu besonderer Wichtigkeit führte. Ein weiteres Beispiel dieser Verwandtschaft bildet der ältere Mandäismus, der in vorchristlicher Zeit unter hellenistischem Einfluss aus altchaldäischen
1) Siegfried, Philo v. Alexandria als Ausleger d. A. T.
Jena
1875, 8. 199 ff.
2) Ich citiere die Übersetzung d. A. T. v. E. Kautzsch 1894.
3) Für diese Mitteilung bin ich Herrn Dr. Porges, Rabbiner in
Leipzig, zu Dank verpflichtet.
4) Kautzsch, Beilagen z. A. T., S. 135, 208.
Page 24
View in PDF(opens in a new window)Vorstellungen entstand. Er setzte die transcendente Welt unsich unendliche &xecgoy wag aözijs!). Ja Plotin geht darin
tiber Plato hinaus und auf altpythagoreische Vorstellungen
begrenzt nach Zahl und Raum’).
Philo geht in der Transcendenz Gottes so weit, dass er
weil keine denkbare Eigenschaft an seine Erhabenheit heranzurtick, dass er die unbegrenzte Materie fiir das Böse erklärt 2).
Im Gegensatz dazu ist der Kosmos begrenzt. Das letztere
geht z. B. daraus hervor, dass Plotin das Feuer, wenn es
reichen kann?). Daneben nennt er dann aber auch nach plaan seinen ihm eigentümlichen Ort gelangt ist, umbiegen lässt,
tonischem Muster die Materie unendlich). Unter den griechiweil es keinen weiteren Ort mehr findet, und so die Entstehschen Philosophen verwandter, neupythagoreischer Richtung
findet sich die Bezeichnung der Gottheit als unaussprechlich
und unermesslich, bei dem ca. 130 v. Chr. geborenen Apuleius‘) und in den sogenannten hermetischen Schriften,
welche wohl den letzten Jahrzehnten des 3. nachchristlichen
Jahrhunderts entstammen’).
So war denn jene Auffassung der Unendlichkeit als einer
Eigenschaft Gottes schon vielfach vorbereitet, als Plotinos
wig der himmlischen Kreisbewegung erklärt®). Dass übrigens
sie zu einem wichtigen Bestandteil seines Systems machte.
bestimmte das Böse sein kann. Konsequent wäre es gewesen,
in der Materie ein die höheren Emanationen beschränkendes,
ihn geradezu als eigenschaftslos — arxosos — bezeichnet,
Bekanntlich bildete Plotin die absolute Transcendenz Gottes
und die dadurch geforderte Reihe vermittelnder Stufen von
ihm bis zum Endlichen zu einem wohlgegliederten System
aus. Die Hauptstufen sind: das Eine oder Gute, dann der
_ Nus und die intelligible Ideenwelt, die in ihm ist, weiter abdem Plotin die Unendlichkeit und Unbestimmtheit der Materie mehr ein äußerlich überkommenes Erbstück ist, geht aus
der Annahme einer höheren »intelligiblen« Materie, die der
Ideenwelt zu Grunde liegt‘), und daraus hervor, dass er gelegentlich einmal5) von der Seele sagt, sie müsse qualitätlos
sein, wie die Materie, wenn sie die Urbilder aufnimmt. Überhaupt muss man sich denn doch fragen, wie das absolut Undurch positive Eigenschaften und Kräfte wirksames Agens zu
sehen. Aber daran hinderten Plato und die monistische Tendenz Plotins. So hleibt die Unbegrenztheit der Materie eine
reine Negation, sie ist unendlich, weil sie nichts ist; die Unwärts die Welt der Seelen und endlich die Erscheinungswelt,
der als absolut Nichtseiendes die Materie zu Grunde liegt.
endlichkeit des Einen oder des Guten — wie Plotin sein
höchstes Weltprincip bezeichnet, ist im höchsten MaBe positiv.
Dabei blieb ihm aber die Materie gleichzeitig unbegrenzt —
Öneigov — er nennt sie sogar gelegentlich das an und für
Es ist unendlich, weil es über alle Vorstellungen erhaben ist.
1) A. J.H. W. Brandt, Die mandäische Religion etc.
Utrecht
1889, bes, § 13.
2) Zeller U, 2, S. 355.
3) De saerif. 13, S. 261, ed. Pfeifer, angeführt bei Ritter und
Preller, Historia philosophiae graccac et romanae. 5. Aufl. ed. Teichmüller. Gotha 1875, S. 467, No. 489.
4) Zeller II, 2, 8. 210,
5) Zeller II, 23, S. 226.
Eine Unendlichkeit in diesem Sinne kommt aber dann nicht
nur dem höchsten Begriff zu, sondern auch seiner nächsten
Offenbarungsstufe — dem Intelligiblen. In beiden Fällen ist
1) Plotinus, Enneades rec. H.F. Müller, Berlin 1878. Bd. 1.
Enn. If, Bd. 4, Kap. 15, S. 116, 26.
2) Enn. II, Buch 2, Kap. 1, Bd. 1, 8. 85.
3) Zeller III, 23, S. 547.
4) Zeller III, 23, S. 525.
5) Enn. VI, Buch 9, Kap. 7.
Page 25
View in PDF(opens in a new window)die Unendlichkeit eine dynamische. Die höheren Stufen strahlen in die niederen stets von ihrem Wesen aus, ohne doch
je etwas zu verlieren. Freilich ist bei diesem Prozesse jede
sinnliche Vorstellung zu vermeiden. So heißt es vom Intelligiblen'), es ist dd duwauw &rzeıgov, und kurz darauf?): »Zum
Begriff des Unendlichen gehört ja die Abwesenheit alles
Mangels und das Intelligible ist recht eigentlich unendlich,
weil es nichts von sich aufbraucht.« Ganz entsprechend wird
von dem Einen gesagt: »Man muss es auch als unendlich
fassen, nicht weil die Größe oder die Zahl unermesslich,
sondern weil die Kraft unbegreiflich ist?).«
Die folgenden
135. J. Cohn, Geschichte des Unendlichkeitsproblems im abend|
ländischen Denken bis Kant. Leipzig 1896, Engelmann.
en
Unendlich
des
ung
Postulier
der
von
S. 13—17 wird ganz kurz
Neuplatoniker gehen in den Spuren des Plotin fort, nur dass
sie die Zahl der Stufen ins Unsinnige vermehren und dadurch
in der Naturphilosophie von Anaximander bis Demokrit, dann Ss. 18— |
die nach ihrem System unüberbrückbare Kluft vom Höchsten
zur Erscheinungswelt zu überbrücken suchen. An diese unlösbare Aufgabe vergeudete die alte Philosophie ihro letzten
Kräfte. — So fasst Proclus jede höhere Stufe den niederen
gegeniiber als unbegreiflich und unendlich, während absolut
unendlich nur das Höchste‘) ist. Auch er fasst die Unendlichkeit dynamisch5) und spielt im übrigen bei seinen Einteilungen fortwährend mit der zum leeren Schema gewordenen
platonischen Trias: Grenze, unbegrenzt, begrenzt‘; Damascius endlich führt die Transcendenz des Höchsten zu solcher
Verstiegenheit, dass ihm dieser unbegreiflichen Höhe gegenüber der Ausdruck Unwissenheit für den Menschen nicht mehr
genügt, er diesem vielmehr eine »Überunwissenheit« örzegovote beilegt?).
1) Enn. I, Buch 7, Kap. 5. Bd. I, S. 249, 16.
2) Ich citiere die Übersetzung von F. H. Müller. Berlin 1878.
3) Enn. VI, 9, 6; Bd. 2, S. 448, 13.
4) Zeller III, 23, S. 789.
5) Zeller II, 25, S. 801.
6) Zeller III, 2, S. 798 ff,
7) Zeller III, 25, S. 840.
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29 etwas ausführlicher von dem Unendlichen als Problem bei den Pytha- |
‘
goreern, Zenon, Platon und Aristoteles gehandelt. Mit der Entdeckung
des Irrationalen, die dem Pythagoras zugeschrieben wird, war eine
Inkongruenz zwischen Zahl und geometrischer Größe aufgedeckt. Diese |
Entdeckung widersprach aufs schärfste der pythagoreischen Auschauung.
daß die Linie als eine Summe diskontionierlicber Punkte aufzufassen
sei.
Sie regte Zenon zu seinen Betrachtungen an, durch die er die |
Lehre des Parmenides zu stützen suchte. Hierbei wendet sich C. gegen
Tannerys Behauptung (s. Ber. I 256), Zenon habe seine Beweise nicht
gegen die Vielheit, sondern nur gegen die Zusammensetzung des Stetigen
aas diskreten Punkten gerichtet. Quellenmäßige Beweise bringe Taunery
nicht vor, und Aristoteles’ Darstellung spreche geradezu dagegen. Daf: |
auch Demokrit sich mit dem Problem des Stetigen beschäftigt habe,
zeigt der Titel „über irrationale Linien und dichte Dinge (so übersetzt C. vasc@v!)* und fr. var. arg. ) Mull. Diese Annahme, mit der
sich C. an Cantor (s. Ber. I 246) anschließt, ist eine sehr zweifelhafte
Vermutung.
Wenn sich Dem. wirklich mit dem Problem beschäftigt
hat, so hat er doch schwerlich--ejne Lösung gefunden: sonst würde
Aristoteles, der Demokrits grundlegende Ansichten ziemlich ausführlich
wiedergiebt (Verf. leugnet dies unbegreiflicherweise), es sicher erwähnt
haben. — In dem Abschnitt S. 29-35 „Zahlenmystik und Unendlichkeit“ wird u. a. die Unklarheit und Vieldentigkeit des axe:pov bei den |
Pvthagoreern dargelegt.