Show full text31 pages
Page 1
View in PDF(opens in a new window)Gladigow,
Burkhard
Zum Makarismos des Weisen
In: Hermes - 95- 1967 - p. 404 - 433
SAAS Pe
Ca ee
=)
S LAB Gow ,&.
Das Glad! gew
Zos
GLapiaow B., Zum Makarismos des Weisen [dans le pythagorisme] ;
ef. Philosophie.
Bu
— Zum Makarismos des Weisen : Hermes NCV 1967 404-433. | Le gaxaerauss du riche (448195), fréquent depuis Homère, est remplacé pour la première fois chez Solon par l'éloge de celui qui posséde la ‘pvusur,. Dans le pythugorisme, c’est le savoir qui assure la vie de l'âme à travers scs incarnations;
le fr, 132 d'Empédocle reflète la doctrine pythagoricienne. La mise en valeur
du savoir en tant que tel trouve son expression la plus directe dans le fr. 910
d’Euripide qui s’est probablement inspiré d’Anaxagore. Bien d'autres auteurs
offrent des variations sur ce thème,
Page 2
View in PDF(opens in a new window)Am Beginn der Parodos eines der letzten Stiicke des Euripides, der Bakchen,
bricht der Chor! nach wenigen, einen Hymnos vorbereitenden Versen in den
Ruf aus:
73
O wanap, ÓOTLG evdatuov
reherdc Deiv etdac
BLOTAV dyroTevet . ..
Diese Verse stehen wie ein Motto über der Handlung des gesamten Stückes;
Euripides überträgt hier den traditionellen Makarismos des Eingeweihten der
eleusinischen Mysterien auf den Jünger des Dionysos?. Zur typischen Form des
Makarismos fehlt lediglich das zweite, antithetische Glied des SetAdc de doric ...
Dem Ablauf des Geschehens entsprechend wird es gewissermaßen
erst im
ersten Stasimon nachgeholt:
387
AXAALYOV OTOLÁTOV
AVÓLLOU T dopocùvac
\
1
I
TO TEADG DUOTUYLA.
Die volle Antithese setzt allerdings erst der Verlauf des Dramas: die Auseinandersetzung zweier Wissensformen endet mit der jammervollen Niederlage
von Niichternheit und Kalkiil®.
1 Es besteht keine Notwendigkeit, mit MuRRAY eine Aufteilung der Parodos unter
zwei Einzelstimmen anzunehmen.
? Generell sei auf den Kommentar von E. R. Dopps, Oxford 19602, verwiesen.
Das
Verhältnis der Bakchen zu den anderen Stücken des Euripides behandelt H. DILLER, Die
Bakchen und ihre Stellung im Spätwerk des Euripides, Abh. d. Akad. Mainz, Geistes- u.
sozialwiss. Kl. 1955, 5; eine Interpretation der Parodos bei A. J. FESTUGIÈRE, La signification religieuse de la Parodos des Bacchantes, Eranos 54, 1956, 72—86. Die Geschichte
des Makarismos ist verfolgt von G. J. DIRICHLET, De veterum macarismis, RVV 14, 4,
1913; erste Hinweise bei E. NORDEN, Agnostos Theos, 100, 1, auch bei B. SNELL, Datveral
pot x7voc, Hermes 66, 1931, 74ff. Weiteres in Kittels Theolog. Wb. z. NT s. v. LLXXAPLOG
paxapiCo, naxapıouög von Hauck und BERTRAM.
— Zum Problem der ‘Dionysosweihen'
O. KERN RE XVI 2 Sp. 1290— 1314 s. v. Mysterien.
* V. 395f. bringt den Gegensatz in knappster Formulierung: tó oopdv 8’ où cogía;
dazu H. DILLER, a. a. O. 13f. Eine kurze Explikation des Problems bei W. JENS, Euripides,
Büchner. Opuscula aus Wissenschaft und Dichtung 21, 1964,
17f. Wichtig R. P. WIN-
NINGTON-INGRAM, Euripides and Dionysos. An Interpretation of the Bacchae,
Cambr.
1948, 167ff.; dort wird zu Recht vermutet, daß copég das vielleicht wichtigste Wort des
Stücks ist.
Page 3
View in PDF(opens in a new window)Die Normalform des Makarismos des Mysten erscheint in der griechischen
Literatur zum erstenmal an charakteristischer Stelle im homerischen Demeterhymnos!. Im Hinblick auf die öpyta oeuva der Demeter heißt es dort:
480
6ABtoc b¢ TAS’ Örmonev ExtyDoviwy a&vOoamav:
Öc & dreke tepdiv, és T° äuuopoc, où Tob’ gotwv
atoav Eyer pÔlgevóc mep nd Copa edpdevtt.
Zu dieser spezifischen Form gehört die elliptische Ausdrucksweise éABtog (udxap, evdatuov), 66... und vielfach auch die Zweigliedrigkeit, die Aufgliederung in These und Antithese. Am klarsten hat sich diese Kontrastierung im
fr. 132 D.-K. des Empedokles erhalten: die Glieder werden hier mit öAßıog, &¢
und detAdg 8°, & eingeleitet. Auch an der oben ausgeschriebenen Stelle des
Demeterhymnos findet sich, in weniger pointierter Form, eine entsprechende
Gegenüberstellung?. Diese Kontrastierung mag, von der griechischen Vorliebe
für Antithesen abgesehen, eine Eigenheit der hieratischen Sprache sein’.
Als Beispiel für die Entstehung der Formel können die Verse 950—955 der
Hesiodischen Theogonie dienen. Das weit nachgestellte, auf Herakles bezogene
dABtoc, dc éya Epyov Ev Mavaroroıv dvöooag ... läßt sich auch als selbständiger Satz mit gnomischem Inhalt verstehen.
Seligpreisungen auf Grund bestimmter Güter gibt es bereits bei Homer, sie
erfreuten sich offensichtlich groBer Beliebtheit; die spezifische Form des
Makarismos scheint sich jedoch erst im Bereich der eleusinischen Mysterien
verfestigt zu haben. Die Gründe, aus denen man seit Homer jemand selig
pries, werden aus allen Lebensbereichen genommen: Schönheit, Ruhm, Reichtum erschienen den Griechen nicht weniger preiswürdig als der Besitz trefflicher Kinder oder einer schönen Braut®. Ganz eng mit Makarismen dieser Art
1 K. DEICHGRABER, Eleusinische Frömmigkeit und homerische Vorstellungswelt, Abh.
Akad. Mainz, Geistes- u. sozialwiss. Kl. 1950, 6, 21 weist darauf hin, daB sich diese spezifische Form erst im Zusammenhang mit den Mysterien herausgebildet haben mag. — Die
Differenzierung, die O. Kern a. a. O. Sp. 1216f. zwischen dem öAßtog in V. 480 und dem
wey’ &ABtog in V. 486 ausgesprochen sieht, läßt sich nicht aufrechterhalten: »Es scheint .. .
noch nicht darauf geachtet zu sein, daß der Schauende in V. 480 nur öABuog genannt wird.
Also zwei Stufen sind demnach zu unterscheiden: die Mysten, die im Telesterion die heilige
Handlung schauen, und die Epopten, denen die höchste Schau zuteil wird.« Der Makarismos kann nur über den Epopten ausgesprochen werden; V. 486ff. wird lediglich eine
weitere Erläuterung seiner Seligkeit gegeben. Demeter und Kore (so KERN Sp. 1216) senden
ihm den Reichtum verschaffenden Plutos (V. 489).
2 6ABuoc. b¢ TA... — Bo 8° dreihg... obmo0” ...; ähnlich Sophokles fr. 753 N°.
® NORDEN, Agnostos Theos, 100.
* Die Makarismen sind gesammelt bei G. J. DIRICHLET, nach Begründungen geordnet,
a. à. O. S. 28#. Maxæptou6c zum erstenmal in terminologischer Verwendung bei Aristoteles, Rhet. A 9. 1367
b 33.
5 Schönheit und Trefflichkeit: Theognis V. 933f.; Ruhm: Pind. O 7, 11; Reichtum:
Bakchylides 3, 10ff., getadelt von Euripides fr. 326, 3 N.?; Kinder: Hymn. Hom. 3, 14;
Braut: (Sappho fr. 31 LP), Theokrit, Epithal. Hel. 16; weitere Beispiele bei DIRICHLET.
Page 4
View in PDF(opens in a new window)hängt freilich eine Reflexion darüber zusammen, wie unsicher ein solcher
Besitz und wie unstet doch das Glück des Menschen ist. Im Blick auf das dauernde Glück der Götter zieht Solon aus dieser Situation des Menschen in den
Worten des fr. 15 D. den Schluß:
odt panap oddetg méAeTaL Bporög, HAAR Trovnpot
révrec, boog Ovnroùs HéAvog nadop&!.
Wer zu dieser Erkenntnis vorgedrungen ist, preist nun nicht mehr das Hervorstechende, aber doch dem Wechsel des Schicksals allzusehr Ausgesetzte,
sondern umgekehrt Leidlosigkeit und Sicherheit?; so etwa Alkman fr. 1 P.:
38
6 8° GABroc, Batic eÜppuv
duépav [StlaraAgxer
KXAKVTOS . ..
Die Toten sind den Wechselfällen des Lebens nicht mehr ausgeliefert — so ist
wohl die Reflexion in einer konsequenter denkenden Zeit fortgeführt worden —,
also kann man sie mit größerer Berechtigung als gaxdptot bezeichnen als die
Lebenden. Dieser Preis bezieht sich ursprünglich ausschlieBlich auf ihr Leben,
er wird nur über die Toten ausgesprochen, weil er erst mit dem Ende des Lebens
unwiderruflich ist®. Das Schicksal der duyñ nach dem Tode erschien den
Griechen vor dem Einflu8 der Orphik sicher nicht preiswiirdig. Das Schicksal
‘des Menschen’, d.h. des cögpa*, natürlich erst recht nicht. Zwischen dem
aùroùs dé ÉAwpux Tedye xüvecotv (A 4) und den tadelnden Worten des Sokrates
über Kriton ... &AN oletat ne éxetvov civar bv Setar ddtyov botepov vexpdv
(Phaidon 115 c) liegt ein langer Weg religiöser und philosophischer Besinnung.
In der Nekyia der Odyssee weist Achill den Preis des Odysseus oeto 8°, ° Ayu)
red, | ob tug dvhp npordpouwde paxdprarog or” &p’ drtcow (À 482f.) mit dem
1 Zur Bedeutungsdifferenz von udxap und öAßıog vgl. unten S. 425 Anm. 4.
2 Theognis ro13f.: "A udxap eddatuav te wal dABtoc, dotig Ärerpoc | KOAwv els ' Alden
doux pérav xatéBy...; ähnlich Soph. Ant. 582ff., vgl. Eur. Bakchen go2f. in einer
Eudaimonie-Priamel; ferner Bacch. fr. 11 SN. Häufig wird der Preis kurzer Leidlosigkeit
mit dem Fehlen eines dauernden Glücks für den Menschen begründet, Bacch. 5, sof,
Eur. Medea 1229ff., vgl. Antiope fr. 196 N2.
® Vgl. die Chilon zugeschriebene Maxime tov tetedeutynxdta uoxdpıle D.-K. 1S. 63, 28.
Diesen Gesichtspunkt vertritt Solon nachdrücklich gegenüber Kroisos, Herodot 1, 31f.;
es wird hier deutlich zwischen öAßıog und ebtuync geschieden, öAßıog ist retrospektiv
orientiert, dazu F. Hermann, Herodots Kroisos-Logos, N. Philol. U. 9, 1934, 54f. Erst
unter dem Einfluß der Orphik werden die Toten generell uaxd&pıor genannt, vgl. E. ROHDE,
Psyche I? 308 und DIRICHLET a. a. O. 16f. Die Verwendung von gaxdprog und gaxapirns
für den Toten, die sich noch in voller Bedeutung Aesch. Perser 633 findet, ist später sehr
verblaßt; &ray’ é¢ gaxaplav Aristophanes Ritter 1151 ist gleichbedeutend mit äray
ês "Audyv, weitere Belege Lesky RE XIV Sp. 6231.
‘Eine Bedeutungsgeschichte von cöpa findet sich bei R. Hirzer, Die Person,
Sb. Kgl. Bayr. Akad., Philos.-philol. u. hist. Kl. 1914, 10; vgl. auch B. SNELL, Entd. des
Geistes? arf,
Page 5
View in PDF(opens in a new window)Hinweis auf sein Dasein im Hades zurück: wh Ôn por Odvaróv ye napadda,
gatdın' "Oduoceü (488). Diese Szene ist offensichtlich im Hinblick auf e 2ggff.
gestaltet, wo Odysseus in höchster Bedrängnis sein Schicksal beklagt (& wot
&y® deuôc . . .) und im Gegensatz! dazu die vor Troja gefallenen Danaer preist:
306
totoudxapes Aavaol xal tetodutc, of 76T’ SAovTO
Tpotn Ev edpety, xépuv “Atpetdnow pépovrec.
Der von Odysseus in 4uBerster Not ausgesprochene Makarismos der Gefallenen
findet in den Worten des Achill deutlich seine Zuriickweisung. Freilich hat
sich die pessimistische Anschauung, das Schicksal nach dem Tode lasse sogar
das Gliick des vergangenen Lebens verblassen, bei den Griechen nicht allgemein durchgesetzt?. Der Gedanke als solcher ist jedoch für die weitere Entwicklung von einiger Bedeutung, da seine Umkehrung später mit Nachdruck
behauptet worden ist: das Schicksal der ‘Seele’ nach dem Tode begründe das
Glück des Menschen bereits in seinem Leben?®.
An den im vorhergehenden Abschnitt beobachteten Tendenzen der Seligpreisungen ist der Makarismos des Mysten deutlich orientiert. Die Seligpreisung
des Eingeweihten tritt in das Vakuum ein, das die ständigen Hinweise auf die
Wandelbarkeit äuBerer Glücksgüter geschaffen haben. Die Kenntnis des
Epopten ist eine dauerhafte, von äuBeren Gütern unabhängige Grundlage für
ein glückliches Leben. Man kann daher über das Schicksal des Epopten urteilen,
als ob man sein Leben bereits in einer Riickschau übersähe. Diese Neuorientierung des menschlichen Lebens, die den öAßog nicht mehr in traditioneller
Weise in der Trias Besitz-Gedeihen-Ansehen sieht* (und seinen Trager als
le 299 und 306 zusammen sind das Gegenteil eines Makarismos: d got éya@ Setadg . . .
und Tpioudxapes Aavaol xat verpdxig, of tôt’ SAovto ... bilden die spezifische Antithese;
entsprechend auch A 482/3.
? R. HARDER, Eigenart der Griechen, Herder Bücherei 1962, 113 spricht von einer
‘groBartigen Entlastungstendenz’ des homerischen Totenglaubens.
® Diese Vorstellung dürfte aus der ursprünglicheren von der Iteration des diesseitigen
Tuns im Jenseits entwickelt worden sein: die Mysten feiern im Jenseits die Mysterienfeste
weiter, die Uneingeweihten aber werden im Hades weiter unrein bleiben und im Schlamm
stecken; zu den Problemen der Iteration und des Jenseitsglaubens M. P. NiLssoN, Gesch.
d. gr. Rel, 19552, 673
ff.
4 Ansätze zur Neuorientierung in den oben ausgeschriebenen Versen des Demeterhymnos; Pindar fr. 1 37 SN. und Sophokles fr. 753 N.? bieten die klassischen Formulierungen.
Als Vertreter der traditionellen Anschauung ist Kroisos bei Herodot herausgestellt, vgl.
S.406 Anm. 3. Das Beste zur Bedeutungsdifferenz von Aßıog, eddatuev und ebruyhs
findet sich bei K. v. Fritz, Philosophie und sprachlicher Ausdruck bei Demokrit, Plato
und Aristoteles, 1938, 33f.
Page 6
View in PDF(opens in a new window)EXBro bezeichnet), sondern sein Glück am Schicksal der buy beurteilt, geht
auf den orphisch-pythagoreischen Kreis zurück. In einem vielschichtigen
!, wird die
ProzeB, dessen erste Anzeichen sich bereits bei Homer zeigen lassen
Quy) allmählich zum Brennpunkt der Personalität des Menschen?. Die Fülle
der äußeren Indizien für die eödaınovi« kann daher wegfallen, es bleibt einzig
und allein Zustand und Zukunft der Wuyh von Bedeutung.
Aus der Tendenz, dem Bereich des Geistig-Seelischen eine vom Körper
relativ unabhängige Existenz zuzuschreiben und in diesem Bereich das Dauernde des Menschen zu suchen, ist in dem berühmten Fragment 132 D.-K. des
Empedokles die Folgerung gezogen worden:
BABLos, dc Oetoov npanidwv éxtHoatTo TAOUTOV,
Beirdc 8’, & oxorbeooa Gedy rép SdEa peunrev.
Der Mann verdient, glücklich genannt zu werden, der sich durch die Erkenntnis
der Götter® den Reichtum der Beicı parties erworben hat. Der Gegenüberstellung von Octo. npantdeg und ®eot liegt das frühgriechische Erkenntnis1 Dazu W. JAEGER, Die Theologic der fr. gr. Denker S. 98: »Daß aber andererseits in
der Zeit Homers die innere Tendenz schon vorhanden war, die Phänomene des Bewußtseins (fvuéc) und des animalischen Lebens (duxh) zur Einheit eines einzigen Seelenbegriffs
zusammenzufassen, obgleich die Sprache kein einheitliches, beide umfassendes Wort dafür
hatte, offenbaren die sich mehrenden Doppelausdrücke wie Ougòg xai duyn (Seele und
Leben) und dergleichen.« Dort S. 88ff. auch eine Skizze der weiteren Entwicklung. Die
Differenzen zwischen Ovgóg und Wvyh betont B. Snert, Entd. des Geistes? 25f. Erst
nachdem sich diese Überlagerung durchgesetzt hatte, konnte sich die Vorstellung eines
aktiv weiterwirkenden Ichs auf die Puy) übertragen.
2 Dieser Begriff ist hier gewählt worden, um den mißverständlichen der ‘Individualitat? zu vermeiden. Mit ‘Personalität’ soll die Beschaffenheit der Seele bezeichnet werden,
die die ‘Identität’ der buyí in ‘zwei’ zu verschiedenen Zeiten lebenden Menschen zu begründen vermag. Die Vorstellung der Seelenwanderung setzt notwendig die Vorstellung
einer Identifizierbarkeit der vyat voraus, zumal wenn von bestimmten Individuen
behauptet wird, sie könnten sich an frühere Einkörperungen erinnern. Daß die Pythagoreer gewisse Vorstellungen von einer ‘Identifizierbarkeit’ der doyat gehabt haben, zeigt
gegen alle Zweifel (G. RATHMANN, Quaest. Pythagoreae Orphicae Empedocleae, Diss. Halle
1932, 37f.; K. KERÉNv1, Pythagoras und Orpheus}, Albae Vigiliae 9, 1950, 24f.; A. MADDALENA, I Pitagorici, Bari 1954, 338f.) das fr. 7 D.-K. des Xenophanes; vgl. dazu W. BURKERT,
Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, 98ff. Bei Xenophanes wird die Identifizierbarkeit einer Quyf sogar von außen (piXov dvépog.. . pox) Thy Eyvav pOeyÉauévnc dev)
behauptet — eine Möglichkeit, die freilich in noch höherem Grade als eine Erinnerung an
frühere Wiedereinkörperungen wenigen vorbehalten gedacht sein dürfte. Wodurch die
boyh “identifiziert” werden kann, bleibt als Frage bestehen; das tyvav peybauéms diov
bei Xenophanes wird man zur Beantwortung nicht heranziehen können. Hier, aber erst
hier, beginnt die licentia des Satirikers.
3 Auf die Götter als Erkenntnisgegenstand läßt sich aus dem zweiten, antithetischen
Glied schließen; zudem verweist das Adjektiv delov bereits deutlich auf die Rückwirkung
dieser Erkenntnis,
Page 7
View in PDF(opens in a new window)prinzip des gotov ôuoiw zugrunde!; vorzüglichstes Objekt und zugleich
adäquater Erkenntnisgegenstand sind die Götter, ihrem Sein gleicht sich
der Erkennende an und verdient daher, 6ABtoc genannt zu werden. In der
substantiellen Auffassung des Erkenntnisvorgangs bei Empedokles wird jedem
Element innerhalb des Erkenntnisorgans die Fähigkeit zugeschrieben, das
gleiche Element zu erkennen?. Erkenntnis ist also nur möglich durch Gleichheit oder Angleichung im Hinblick auf das zu erfassende Objekt. Damit ist
ein ‘Gewinn’ an Erkenntnis zugleich auch ein substantieller, elementarer Gewinn?, Der Satuev als das dauernde Selbst des Menschen* wird von Empedokles in seiner ursprünglichen Existenzhöhe als puyàs Beößev (fr. 115,13 D.-K.)
gekennzeichnet; durch den zur Erkenntnis der Götter fortschreitenden ErkenntnisprozeB und die damit verbundene Umwandlung kann der datuwv sein
altes Wesen zurückgewinnen und wieder göttlich genannt werden. Der Makarismos des Epopten ist in fr. 132 D.-K., wie schon von verschiedenen Seiten betont worden ist, von der rein erlebnismäßigen Schau des Eingeweihten auf
1 Dazu G. MÜLLER, Probleme der aristotelischen Eudaimonielehre, Mus. Helv. 17,
1960, 122f.; in einer umfassenden Darstellung C.W. MÜLLER, Gleiches zu Gleichem.
Ein Prinzip frühgriechischen Denkens. Klass. Philol. Studien 31, 1965, 5off.
2 Vgl. fr. 109 D.-K. des Empedokles
vain pèv yap yalav drarapev, bdarı à bdwe,
aidepı 8° albgea Stov, drdp mupt nde &idrhov,
ovopyhv Òë gropyfj, veinog dé te veluet Auypé.
3 Eine gute Interpretation des entscheidenden Fragments 110 D.-K. des Empedokles
findet sich bei H. ScHwaBr, Empedokles fr. B 110, Wiener Stud. 69, 1956, 49—56. Die
ersten Verse des Fragments lauten:
el yap xév op’ &dtvijow bd rparidecotv Epeloag
eduevéos xaBaphouv Enonrebong wedéTyoLy,
saith TE cor dra révra Sv alövog napéoovrar,
Bra te RON And THVS’ ExtThceat abtad yao aber
vaör’ els HO0g Exactov, mn porc Eoriv Exdorw.
Wichtig ScHwWABL a. a. O. 54: »Das Ganze betrachten und selber ‘ganz’ sein bedingen sich
wechselseitig. Da alles am ‘Denken’ Anteil hat, so ist — das ist ganz konsequent gedacht —
ein Abstumpfen der Denkkraft ein realer, ‘elementarer’ Verlust, der schließlich zur Auflösung führen muß.« Ferner S. 56: »Soviel aber dürfte aus dem fr. 110 klarwerden, daß
Empedokles das Erkennen von der bestimmten Person abhängig gemacht hat und ferner,
wie sehr ihm Erkennen und Person zusammenfallen...«. Zu den ausgeschriebenen Versen des fr. 110 ist auch fr. 115 D.-K. des Heraklit zu vergleichen, s. unten S. 418f.
‘In der vom ‘physikalischen’ Weltprozeß weitgehend unbeeinflußten Eigenexistenz
des Salumv liegt der eigentliche Kollisionspunkt im Denken des Empedokles; Heraklit
denkt da konsequenter: die duyñ verliert im Weltprozeß ihre Individualität, s. unten
S. 418. Zur Vereinbarkeit von mepl pboewg und den xadapuol H.S. Long, The Unity of
Empedocles’ Thought, Am. Journ. Philol. 70, 1949, 142—158 und H.A.T. REICHE,
Empedocles’ Mixture, Eudoxan Astronomy and Aristotle’s Connate Pneuma, Amsterdam
1960, 49ff.
5 Vgl. Aristoteles fr. 45 Rose: ’Aptototéang KErol Tob teAouuévouc où uxdeiv Tu deiv,
MG naheiv zal SareByjvoe...
Page 8
View in PDF(opens in a new window)den Besitz eines möglichst umfassenden Wissens übertragen worden. Das
sachlich eng zu fr. 132 D.-K. gehörige fr. 129 D.-K. bestimmt die Weise des
aus einem Erinnerungsvermögen, das über mehrere Menschenleben hinausreicht?. Das fr. 129 D.-K., das mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Pythagoras
bezogen ist’, rühmt das umfassende Wissen eines Mannes, der durch Anspannung seines Erinnerungsvermögens die Schranken der Kenntnis eines
Menschenlebens überschreiten konnte.
Damit erscheint ein Problem in unserem Gesichtskreis, das über den Nachfolger Empedokles hinaus für die Bedeutung und Stellung des Pythagoras von
einiger Bedeutung ist: In welcher Weise verbindet sich das pythagoreische
Streben nach ‘viel Wissen’ mit der pythagoreischen Seelenlehre? Ob es sich bei
diesem Wissen um rationale Wissenschaft oder um unsystematische Wissensanhäufung handelt, ist unter dem vorliegenden Gesichtspunkt nicht entscheidend — man hat seit Heraklit das eine wie das andere mit großem Nachdruck
behauptet5. Die neueste Forschung ist zu Heraklits Ansicht, Pythagoras sei
der xoriSmv &pynyés (fr. 81 D.-K.), zurückgekehrt. Unanfechtbar sind in
jedem Falle die übereinstimmenden Zeugnisse über das ‘viele Wissen’ des
Pythagoras: Iu0xyépne Mynotpyou totoptny hoxnoev dvÔpdrov uadıora Tavswv aus fr. 129 D.-K. des Heraklit®, unxıorov mpanidwv éxthoato TAovTOV
1 Mit dieser Übertragung ist zugleich der Begriff der Bekehrung in das philosophische
Denken eingeführt worden; dazu A. D. Nock, RAC II Sp. 107f. s. v. Bekehrung.
2 Empedokles fr. 129, 4ff. önnöre yap néonoiv dpéEarto npantdeoow, | pet? 8 ye tüv
dvrwv révroy Aevooeoxey Exnotov | xat te den’ dvOpdrwv xal T° elxoow aldvecow.
Gegen die Übersetzung bei DieLs-KRANZ vin seinen zehn und zwanzig Menschenleben«
wendet sich zu Recht H. S. Lone, A Study of the Doctrine of Metempsychosis in Greece
from Pythagoras to Plato, Diss. Princeton, New Jersey 1948, 21 und sof. Es ist weder der
Schluß erlaubt, Pythagoras stehe in der 31. Wiedereinkörperung, noch, er sei immer in
menschlicher Form wiedergeboren worden. Lone a. a. O. 21: »The fragment probably means
only that Pythagoras was able to recall the events of 1000 years. « Weitere Zeugnisse über frühere Inkarnationen des Pythagoras sind zusammengestellt bei W. BURKERT a. a. O. 114ff.
3 Die Kontroverse über die Beziehung auf Pythagoras ist bei Diog. Laert. 8, 54 wiedergegeben. Die modernen Argumente gegen diese Zuweisung sind nicht stichhaltig, vgl.
BURKERT, a. a. 0. 114.
4 Zu der Frage, welcher Vorstellungsbereich sich hinter dem dp£yeodaı mpantdecow
verbirgt, M. DETIENNE, La notion de daimön dans le pythagorisme ancien, Paris 1963,
8off. mit weiterer Literatur.
5 Das zur Verfügung stehende Material ist mit reicher Literatur bei W. BURKERT
a. a. O. 142—150 zusammengestellt; die Ergebnisse werden auf S. 150 zusammengefaßt:
»Kein altes Zeugnis ist aufgetaucht, das Pythagoras etwas anderes zuschreibt als jenes
besondere ‘Wissen’, mhéov tt elö&var des ‘Schamanen’.« Ein derartiges Ergebnis hatte
zuvor W. JAEGER pauschal abgelehnt, Paideia I* 221: »Die neuere Mode, ihn als eine Art
Medizinmann darzustellen, wird ja keinen Anspruch auf ernstliche Widerlegung haben. «
6 Die Echtheit des Fragments ist nach dem Zweifel von H. Dies, Arch. f. Gesch. d.
Philos. 3, 1890, 451ff. durch K. R£INHARDT, Parmenides und d. Anf. d. gr. Philos. 25
Copyright (c) 2005 ProQuest Information and Learning Company
Copyright (c) Franz Steiner Verlag Wiesbaden GMBH
erneer
een me
Erwerbs eines nAodros mpariSwv unter einem anderen Aspekt: er entspringt
Page 9
View in PDF(opens in a new window)aus fr. 129 D.-K. des Empedokles und die Worte des Ion von Chios in fr.
4 D.-K. stimmen in diesem Punkt überein. Diese Übereinstimmung kann
gerade wegen der Divergenz der Wertungen als beweiskräftig angesehen
werden.
Als ‘Trager’ dieses Wissens kann von Pythagoras und seinen Anhängern
nur die Vvyí angenommen worden sein, da das Wissen über mehrere Wiedereinkörperungen erhalten bleiben kann, wie am klarsten von Pythagoras selbst
behauptet worden ist!. In Verbindung mit der frühen Bezeugung bei Empedokles (fr. 129 D.-K.) bietet Diogenes Laertios 8, 4 den wichtigsten Beleg: Todrév
(i.e. Pythagoras) pnouw ‘Hpaxdketdns 6 Ilovrıxög rrepl adtod rade Agyew, ds
ein more yeyovag Aldodlöng xaì ‘Epuod vids vomodein tov de ‘Epuñv
einetv aùrö) Ereodaı 6 tr Av BodaAyntar Thv ADavactac. airhoxodar obv Lavra
nal TEASUT@VTA pvunv Exeıv Tv ouußaıvövrov. Ev Ev obv TH Con mé&vTOV
Stapvynpovetoar’ net de dmoÔdvor, rnpñoot Thy adtyy uvnunv®. Damit ist zumindest ein äuBerlicher Zusammenhang zwischen dem Streben nach Wissensreichtum und der duyf-Lehre gesichert. Die früher so selbstverständlich gegebene Antwort auf unser Problem, die wissenschaftliche Betätigung habe für
die Seele kathartische Wirkung?, ist von W. BuRKERT mit einleuchtenden
Argumenten sowohl hinsichtlich der wissenschaftlichen Betätigung als auch
in bezug auf die x&dapoıs widerlegt worden‘. Es gelingt ihm zu zeigen, daß der
xBapoic-Gedanke platonischen Ursprungs ist und erst auf Grund der platonischen Umdeutung der &vauvnoic entstanden sein kann. Das Problem als solches jedoch, inwieweit nach pythagoreischer Anschauung Wissensreichtum fiir
die Seele von Bedeutung ist, wird dadurch nicht gelöst und bleibt bestehen.
DaB die Bemühungen der Pythagoreer unverbunden neben ihrer zentralen
Seelenlehre gestanden haben, läßt sich kaum denken; es würde der das Ganze
ganz in den Blick nehmenden Eigenart frühgriechischen Denkens widersprechen.
Anm. ı und W. Kranz, Hermes 69, 1934, 227 erwiesen. Das fr. 40 D.-K. bezeugt für Pythagoras das Gleiche wie die anderen Belege: IloAuuadtn vóov Exeıv où GiBdoxer: “Hotodov yap
dv &313ae zat IIu0æyépnv attic te Eevopdved te nal “Exatatov.
1 Das fr. 129 D.-K. des Empedokles wird, obwohl kein ausdrücklicher Hinweis vorliegt, nur mit der Seelenwanderungslehre als Hintergrund voll verständlich; A. MADDA-
LENA, I Pitagorici, Bari 1956, 64 Anm. 3 verwirft diese Verbindung; vgl. aber W. BURKERT
a.a.0. 114.
2 Die Einschränkung des Wünschbaren durch mAhv &Bavactac ist auffallend. Sie erinnert an eine Reihe von Märchenmotiven, in denen der sonst freigestellte Wunsch dann
so gewählt wird, daß das Versagte dennoch erreicht werden soll. Das geschieht hier, wenn
die Analogie berechtigt ist, durch den Wunsch nach pvhun. In jedem Falle ist die Anekdote
ein beredtes Zeugnis für die außerordentliche Wertung der uvñun.
® A. Dörıng, Wandlungen der pythagoreischen Lehre, Arch. f. Gesch. d. Philos. 5,
1892, 505; J. Burnet, Early Greek Philosophy, London 19304 (repr. 1958), 97í.
4 W. BURKERT a.a.O. 142ff. Zweifel bereits bei W. JAEGER, Paideia I* 225: »Wir
wissen nicht, welches innere Band zwischen der mathematischen und musikalischen Spekulation und der Seelenwanderungslehre des Pythagoras war. «
Page 10
View in PDF(opens in a new window)Es ist zunächst zu fragen, wodurch für die Pythagoreer die Kontinuität
einer fuyñ durch ihre verschiedenen Wiedereinkörperungen! erhalten blieb,
was ihre Personalität ausmachte. Die Antwort auf diese Frage muß wohl bis zu
einem gewissen Maße eine Hypothese bleiben, da die Frage selbst wahrscheinlich von den Pythagoreern nicht mit solcher Schärfe gestellt worden ist. Ihre
Legitimität kann freilich nicht bestritten werden?. Die hier vorgeschlagene
Hypothese, deren Sicherung im weiteren versucht werden soll, lautet folgendermaßen: Die Summe der Erfahrungen und des Wissens, sei es in aktualisierbarer Form}, sei es latent*, sichert der Seele ihr Gepräge, ihre ‘Substantialität’ im weitesten Sinne. Alle anderen Hinweise auf pythagoreische Aussagen
über die Seele vermögen nicht in gleicher Weise ‘Identität’5 einer bvyn in den
verschiedenen Wiedereinkörperungen an sich zu begründen und darüber hinaus
das Streben nach fotopty zu erklären®. Die wichtigste Stütze für unsere
Hypothese liefert Proklos in einer Bemerkung zum Platonischen Timaios 23a,
2
wo vom Archivwesen der Ägypter die Rede ist: Soxet 8’ Éuorye
at 6 tév IIuße1 Die wichtigste Literatur zur Seelenwanderung: W. STETTNER, Die Seelenwanderung
bei Griechen und Römern, Tüb. Beitr. 22, 1934; C. Hopr, Antike Seelenwanderungsvorstellungen, Diss. Leipzig 1934, und besonders H.S. Lone, A Study of the Doctrine of
Metempsychosis... New Jersey 1948. Ferner W. BURKERT a.a.O. 98—142 (‘Seelenwanderung und Schamanismus’) und W. JAEGER, Theologie der fr. gr. Denker 88-106
(‘Der Ursprung der Lehre von der Göttlichkeit der Seele’). Allgemein À. HULTKRANZ,
RGG Sp. 1696f. s. v. Wiedergeburt und H. v. GLASENAPP, RGG Sp. 1637ff. s. v. Seelenwanderung.
2 Vgl. S. 408 Anm. 2.
3 Wie bei Pythagoras, vgl. fr. 129, 4 D.-K. des Empedokles émnéte yap méonotv ôpéExıro npantdeoow.
# Es ist zu vermuten, daß ‘Latenz’ der Erfahrungen und mangelnde Erinnerungsfähigkeit als gleichbedeutend angenommen wurden und zugleich zwischen den beiden
Vorstellungen und dem Verlust der Kenntnis nicht geschieden wurde.
5 Zu ‘Identitat’ vgl. S. 408 Anm. 2. W. JAEGER spricht in vergleichbarem Zusammenhang von der ‘Einheit des Ich’, Theologie der fr. gr. Denker ror.
6 Der These von A. CAMERON, The Pythagorean Background of the Theory of Recollection, Diss. Columbia Univ., Menasha 1938, das wissenschaftliche Tätigkeit mitumschlie-
Bende Gedächtnistraining der Pythagoreer habe die Aufgabe, die bei den Wiedereinkörperungen verlorene vorempirische Kenntnis der heiligen Zahl wiederzugewinnen und damit
dem x)xAog zu entrinnen, ist von H. CHERNISS, Am. Journ. Philol. 61, 1940, 359ff. und
W. BURKERT a. à. O. 146 Anm. 30 mit guten Gründen widersprochen worden. Der entscheidende Einwand ist, daß es vor Platon keine Quellen gibt, auf Grund deren man annehmen kann, daB eine Erfahrung vor dem Eintritt ins Leben bei den Pythagoreern eine
Bedeutung gehabt hätte. Es ist zudem überhaupt fraglich, ob die Pythagoreer ursprünglich
an eine Befreiung aus dem xvxAoc gedacht haben. Die Relevanz des vorempirischen Wissens hat als erster Platon behauptet; vgl. dazu auch E. HeıtscH, Wahrheit als Erinnerung,
Hermes 91, 1963, 36 —52.
|
Auch J. P. VERNANT, Aspects mythiques de la mémoire en Grèce, Journ. de Psychologie
normale et pathologique 56, 1959, I —29, überträgt den platonischen Ansatz der évéuvnotic
auf Vorplatonisches: »Cette remémoration des vies antérieures, avec leurs fautes et leurs
souillures, ne fait pas que justifier les règles de vie ascétique qui assurent, dans la doctrine
Copyright (c) 2005 ProQuest Information and Learning Company
Copyright (c) Franz Steiner Verlag Wiesbaden GMBH
Page 11
View in PDF(opens in a new window)yopetwv AGYos puuetoor Thv Tv Aiyurtioy tormbtyy loroplav, 6 mapxoxevd5wv tag duykc nal Tv nporépwv dvapruvhoreodar Blov: de yao ep’ évèc
dv8pòs, gähhov de Wyde pc, Stapdpoug Bloug, obtwe Ep’ Evös EOvous Tas
Suxpopous TeplÓdous rrpochxer AxuBaverv. do ov Ev Exeivorg ai Tv mpoBeBropEveov dvauvnosız Teherworuxal Tv poxey ciow, obtw dy xal Ev ToTorg at TV
npóodev repıödwvtotoptar neylormv cic ppóvnow rapeyovraı ouvrédeuav. Das historisch-archivarische Bemühen der Agypter um Kontinuität ihrer Kultur
wird ganz im Sinne unserer Hypothese mit dem Bemühen der Pythagoreer,
durch Einbeziehung der iotoptn früherer Einkörperungen ihre Seelen vollendet
zu machen, verglichen!. Die Basis des Vergleichs ist: Ebenso wie sich eine
Kultur nur vollenden kann, wenn sie das Wichtige und Bedeutsame früherer
Zeiten in Erinnerung behält, kann sich die buy nur vollenden, wenn sie auf
die Kenntnisse ihrer früheren Einkörperungen? zurückgreifen kann.
Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt die Nachricht über den Kult der
uvnum im Kreise der Pythagoreer® ein neues Gewicht. Die uvquy ist in zweifacher Hinsicht von entscheidender Bedeutung: Sie erhält die Kenntnisse
des »Purifications«, le salut de l’äme et son évasion hors du cycle des naissances. L’effort
de mémoire est lui-meme »purification«, discipline d’ascése.« (S. 15 zu fr. 117 D.-K. des
Empedokles). »L'anamnésis des vies antérieures constitue, suivant la formule de Proclus,
une purification del’ âme: pour ressaisir toute la trame de ses vies passées, il lui faut se
libérer du corps qui l’enchaîne à la vie présente.« (S. 16). Gerade der Proklosbeleg (s.
oben S. 412f.) läßt sich nur gegen die von VERNANT vertretene These interpretieren; setzt
man dvéuvnerg gleich x&0apoic, so wird der Vergleich des Proklos sinnlos, da es gerade
dort um Kontinuität und Diskontinuität einer Kulturentwicklung geht. Ebensowenig
finde ich Hinweise bei Empedokles dafür, daß die Erinnerung an frühere Inkarnationen
die Trennung der Seele vom Körper voraussetzt. Hier werden von VERNANT schamanistische Praktiken einseitig auf Empedokles und Pythagoras übertragen.
1 zeieıorıxög bedeutet nach LIDDELL-ScoTT ‘perfective, effective’, die dvauvioers
rufen die Vollendung der Seele hervor; von ‘purification’ ist also bei Proklos keine Rede.
2 Ich verstehe öv mpoBeBiopévev in Analogie zu Tv npöodev rrepıiödwv iotoptar wie
ioroplar av npoßeßmuevov.
8 Diod. 10, 5, 1 Ov of Ilvdayspeioı xal Tic pvhune peylotny yuuvactav Eroroüvro,
TOLOÜTÖY Tuva Tpórov TG HEAETNG Òroornodpevor: où mpótepov ER TIE ebvis Myelpovro, nplv
dy mods gxutobs dvOmporcyyjsavto Td Kard Thv mpotépav Husoav adroïs npaydévra, Thv
doyhv deed The rpoluc, Thv SE tedkeuthv we éonépag motobpevot. el 8° dvaorpophv Eyotev zal
Thetova cyorhy &yotev, zal (ra) Tpitn xai verdern nak tate Ett moórepov huépars npaydévra
rpooaveAdußavov. Toüro rrpögErtorhunv xal ppóvnouw, Erı dé Tüv ndvrwv Eureipiav Te rod
valer oAAK uynuovebetv. . .. Im Lichte des oben ausgeschriebenen Proklosbelegs wird
die Nachricht des Diodor, deren letzter Satz zeigt, daß man den Sinn der Übungen nicht
mehr voll verstanden hat (vgl. unten S. 416 m., Anm. 5), leicht durchschaubar: Es handelt
sich bei der geschilderten Praxis der Pythagoreer offensichtlich um vorbereitende Übungen,
die auf die bei Proklos erwähnten hinauslaufen sollten. Die Erinnerung von Tag zu
Tag ist nur die Vorstufe zu jener, die von Leben zu Leben zurückschreitet; die Zäsur des
Schlafes und die des Todes werden überwunden. Weitere Belege für das Gedächtnistraining
der Pythagoreer: Iamblich 165; Cic. Cato 38; Porphyrios 40; Diog. Laert. 8, 22; vgl.
auch Sen. De ira 3, 36ff.
Page 12
View in PDF(opens in a new window)früherer Einkörperungen, die für die Vollendung der Yvy wichtig sind, und sie
sichert zugleich die Kontinuität der duyxi!, deren individuelles Wesen durch die
Summe ihrer Erfahrungen festgelegt ist. Das Training der yuvaun ist letzten
Endes ein ‘Einüben der Unsterblichkeit’, da ein Aufhören der Verbindung
zwischen den einzelnen Wiedereinkörperungen mit dem Verlust der individuellen Unsterblichkeit gleichbedeutend wäre. Es mußte also großer Wert darauf
gelegt werden, durch umfassendes Wissen und übergreifende Erinnerungskraft die einzelnen Glieder sowohl enger zusammenzuschließen als auch die
Existenzstufe der Seele zu verbessern. Auf die verderbliche Wirkung der Lethe
wird in dem orphischen Hymnos auf Mnemosyne angespielt, wenn sie in V. 3
als BAautppwv bezeichnet wird; die letzten Verse erklären im Preis der uvur
diese Prädikation: Hymn. orph. 77 QUANDT
(Mwmpoobwm . . .)
6
NÖUTKTN, PLAKyYpurvog ÜTOUVNEXOLCK TE ndvra,
dv &v Exaotos del orépvors Yvayınv xat(K)Ontan,
odrı rapenßatvovo’, Erreyelpovox ppeva äcıv.
GAA, uaraıpa Dei, UdoTaLS HVV Erreyeıpe
edtépou Teherhc, AhÔnv 8°’ and THVWS’) Arörteune.
Auch hier geht es um Erinnerung und Kontinuität, wobei freilich die Kontinuität in besonderem Maße durch das Bewußtsein der Einweihung gewahrt
ist. Auch Pythagoras, so läßt sich aus dem bisher Gewonnenen folgern, muß es
gelungen sein, der Lethe zu entgehen, wenn er, wie bereits berichtet, die Kenntnis seiner früheren Einkörperungen behalten hatte2,
Auch die Frage, warum in den Mysterienlegenden die Mnemosyne, die
Erhalterin der uvhun und damit auch der Kontinuität, mit einem Strom?
1E. Ronpe, Psyche II 1864 hat bereits die Bedeutung des ‘Kults’ der uvhun für die
Seelenwanderung gesehen: »Die bleibende pvjuy allein hält, in den verschiedenen &vowwataoetc der Seele, die Persönlichkeit, die, als Wuyh, alle diese Verwandlungen durchlebt, zur Einheit zusammen: man begreift, warum den Lehrern der Seelenwanderung
eine solche Vorstellung wichtig war (auch Buddha nährte sie).« In modernen Seelenwanderungslehren wird in gleicher Weise die Bedeutung des Gedächtnisses betont; bei
R. STEINER etwa finden sich in Vorträgen und Aufsätzen eine Fülle von Hinweisen.
Plutarch, De lat. viv. 7 bezeichnet nach einem Pindarzitat (fr. 130 SN.) die Flüsse in der
Unterwelt als dexönevor xaì droxpintovtes cyvoig xaì AnOn Tod HoAalouevoug,
wogegen die Frommen sich an den Erinnerungen ergötzen. Die Frommen haben demnach
im Hades volles Bewußtsein und volles Erinnerungsvermögen (wie Teiresias in der Odyssee x 494f. auf Grund seiner Sonderstellung im Leben). Zum Allgemeinen S. E1rrem, RE
XV 2 Sp. 2265— 2269 s. v. Mnemosyne, wichtig Sp. 2267.
2 Dazu A. DIETERICH, Nekyia 122; E. ROHDE, Psyche II 186; W. BuRKERT a. a. O. 146.
® Die Vorstellung von der Quelle der Lethe ist allem Anschein nach erst nach der vom
Strom der Lethe gebildet worden, jedoch wohl nicht so spät, wie M. P. Nirsson, Die
Quellen der Lethe und Mnemosyne, Eranos 41, 1943, I~7, angenommen hat; dazu
W. BURKERT a. a. O. 130 Anm. 212. Ein wichtiges Indiz für die hier behandelten Vorstellungsbereiche wäre die Tatsache, daß Xh@n ursprünglich lediglich das Vergessen des
Page 13
View in PDF(opens in a new window)verbunden worden ist, läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit lösen. Man
hat mit Recht betont, daß das Ódwp duypév, die stereotype Bezeichnung für
das erquickende Wasser! der Mnemosyne auf den orphischen Täfelchen, als
ein ‘Seelenwasser, ein Wasser des Lebens, der Rekreation’? zu verstehen ist.
Neben der allgemeineren Vorstellung vom Durst der Toten? hat sicher der
Gleichklang bvypós — buy eine Rolle gespielt; die klangliche Assonanz sicherte
der frühen Zeit die sachliche Zusammengehörigkeit. In den Mysterienvorstellungen ist die Wirkung der Lethe auf die Seelen sehr deutlich ausgestaltet
worden: War die Seele auf Grund ihres irdischen Lebens nicht fähig, das wp
voypóv zu “behalten’, so konnte sie nicht der ewigen Seligkeit teilhaftig werden.
Das Schicksal der &utyto. wird im Bereich der Mysterien häufig durch das
vergebliche Bemühen, im Hades ein durchlöchertes Gefäß zu füllen, dargestellt*. In einem anderen Bild, das uns bei Platon im Gorgias 493 aff. begegnet,
ist die buy selbst mit einem Gefäß, das etwas behält oder nicht behält, verglichen®. Hier ist ebenfalls die Verbindung von uvhun und Seligkeit und von
irdischen Leids und die daraus folgende Bewußtlosigkeit der &uévnva xderva im Hades
bezeichnete. Doch reicht der von A. DIETERICH, Nekyia 93 herangezogene Theognisvers
704 nicht aus, diese Möglichkeit zu sichern; vorsichtige Zustimmung bei E. ROHDE, Psyche
316 Anm. 2. A. DIETERICH a. a. O. go: »Daß die Quellen der Mnemosyne und der Lethe so
erst für die Seelenwanderung gruppiert worden sind, liegt auf der Hand; darum können sie
aber doch auf alten volkstümlichen Glauben zurückgehen, auch wenn wirdafür kein Zeugnis haben, und vielleicht beide aus alten Vorstellungen vom ‘Jungbrunnen’ geflossen sein. «
1 Später auch auf Inschriften, vgl. Kaiser IGIS 1842 (Rom): Wuypòv bdwe doty cor
ävaË évéowy ’Audwveüg | & Méru...
2 A. DIETERICH, Nekyia 95. Ähnlich M. Nınck, Die Bedeutung des Wassers im Kult
und Leben der Alten, Philol. Suppl. 14, 2, 1921, 105ff.
3 W. DÉONNA, La soif des morts, Revue de Vhist. des religions 119, 1939, 53ff.
47. B.auf dem Katabasis-Gemälde des Polygnot, das bei Pausanias 10, 28, 1 eingehend beschrieben ist; dazu DIETERICH a. a. O. 68f, und E. ROHDE a. a. O. I 326ff. In
der oben ausgeschriebenen Gorgiasstelle liegt die gleiche Vorstellung zugrunde. Reiches
Material über das Motiv der u&raıog mown bei L. RADERMACHER, Motiv und Persönlichkeit, Rh. Mus. 63, 1908, 533
ff.
5 Die Anschauung von dem Verstand als GefäB ist allgemeiner; sie findet sich etwa
Plat. Prot. 314a, Horaz, epist. 1, 2, 54, Epiktet fr. 179 ScHw. und, in besonderer Bedeutsamkeit und in Anschlu8 an die oben besprochenen Mysterienvorstellungen, Lukrez 3,
936ff. und 6, 17f. (hierzu O. REGENBOGEN, Kl. Schr. 329f.). Die Herkunft dieser Vorstellungen aus einer substantiell-mechanischen Anschauung der Gedächtnisfunktion ist
offensichtlich; es darf vermerkt werden, daß die moderne Naturwissenschaft mit einem
ähnlichen Ansatz experimentiert, indem sie nachzuweisen versucht, die Gedächtnisleistung gehe auf die Speicherung von chemischen Substanzen zurück. Eine eingehende
Auseinandersetzung mit dem Problem des Gedächtnisses findet sich bei Aristoteles in dem
Schriftchen mepl uvhung xaì dvauvnoews; dazu gut W. BERGEMANN, Gedächtnis-theoretische Untersuchungen und mnemotechnische Spielereien im Altertum, Arch. f. Gesch. d.
Philos, 8, 1895, 336—352 und 484 —497. Die Leistungen der uvm im Bereich der Rhetorik sind neuerdings von H. Brum, Die antike Mnemotechnik, Spudasmata 15, aufgearbeitet worden.
Page 14
View in PDF(opens in a new window)Afn und Unseligkeit deutlich ausgesprochen. Platon gibt dort die Interpretation über die Lehre eines xoubög dvhp, tows Linedds Tig À "Iradıxög! wieder,
nach der die &ubmrot, die mit den dvónrot gleichgesetzt werden, im Hades mit
einem Sieb Wasser in ein durchlöchertes Faß bringen müssen. Danach fährt
er fort: zò JE xéoxivov doa Aéyer, bo Eon 6 meds Zus Aeywv, THY PuxHy elvan
chy DE boyhv xooxive ampxacey thy TOY dvantav Qs TETPAUEVNV, &te où
Suvapévyy oréyeuv Sv dmotiav te xat Anny. Platon hat die Vorstellung von der
uvhun als Grundlage der Seligkeit im Phaidros übernommen, freilich mit einer
charakteristischen Umsetzung auf die vorempirische Erkenntnis?. Aus diesem
Grunde kann bei Platon Erinnerung, insofern sie Erkenntnis des Wahren ist,
nie individuell gefärbt sein, sie ist notwendigerweise überindividuell. Im
Phaidros heißt es von den befiederten Philosophenseelen: rrpög yap exetvorg del
Bovi uvhun Hark Jüvauv, mod olomep Oeds Gv Oetdc Eotw. tote dé dy Tor
ovtoig dvhe Órouvhyaow dplös ypdpevos, tedEoug del tehetdc Tehoûpevos,
réÂeoc Övrwg Ldvosg yiyverau (249C).
Es kann als sicher angenommen werden, daß Pythagoras oder die ältesten
Pythagoreer von den alten Mysterienvorstellungen über das Wasser der Mnemosyne und die sich an ihr labende Seele ausgegangen sind und ihnen durch die
Einbeziehung der ioroptn als entscheidende Substanz für die ‘lebenserhaltende’
uvhun ein völlig neues Gepräge gegeben haben. Die Vorstellung, daß Seligkeit
in einem Jenseits Bewußtsein und damit auch Erinnerung voraussetzt, wird
konsequent weitergedacht und führt zu einem Einsatz der totopty in die Bemühungen um die Seele. Dieses Streben nach ioropiy muß jedoch nach kurzer
Zeit ein so beträchtliches Übergewicht gewonnen haben, daß bei einem Zweig
der Pythagoreer® am Ende des 5. Jahrhunderts die nunmehr wissenschaftliche
Forschung die alte pythagoreische Seelenlehre fast völlig bedeutungslos werden
ließ®. In noch späterer Zeit hat man in der Aufforderung, seine Gedächtniskraft zu üben, nur noch einen Weg zu Selbsterkenntnis und moralischem Bewußtsein gesehen’.
Bei Claudian, De statu animae 2, 7 findet sich ein in der Forschung stark
umstrittener Hinweis auf den Pythagoreer Philolaos und seine Ansichten über
ı Zur Frage des ‘Interpreten’ und des ‘Mythologen’ W. BURKERT a. a. O. 231
Anm. 54.
2 Dazu W. BURKERT 2. a. O. 146f. und L. Rosin, Sur la doctrine de la réminiscence,
REG 32, 1919, 451—461. Vgl. auch oben S. 412 Anm. 6.
3 Vgl. W. BURKERT a. a. O. 187
É.
4 Ein Indiz dafür ist die Verblüffung des Echekrates im Phaidon Platons 88cf. über
die Konsequenzen der Auffassung der Seele als éppovia; vgl. W. BURKERT a. a. O. 252
Anm. 187.
5 Diese Entwicklung verfolgt U. Moricca, L’esame di coscienza e la storia d'un
precetto pitagorico, Il Mondo Classico 10, 1940, 221 —244. Eine schädigende Wirkung der
uvhur auf schlechte Seelen wird bei Plut. ser. num. vind. 22 angenommen.
Page 15
View in PDF(opens in a new window)die Seele!, der mit den hier erschlossenen pythagoreischen Vorstellungen in
enger Verbindung zu stehen scheint. In einem Zitat ‘aus Philolaos’ heißt
es dort: “Anima inditur corpori per numerum et inmortalem eandemque incorporalem convenientiam’. item post alia ‘diligitur corpus ab anima, quia sine eo
non potest uti sensibus. a quo posiquam morte deducta est, agit in mundo incorporalem vitam’. Die Auffassung der Seele als incorporalis convenientia (doauarog
dogovin) dürfte eine neupythagoreische Antwort auf die Platonischen Argumente im Phaidon 85eff. gegen die Unsterblichkeit einer als körperliche
äpuovin verstandenen Seele sein? Nicht so leicht läßt sich das zweite Zitat
einordnen; eine Parallelisierung mit dem ähnlichen Passus im Phaidon (81cf.)8
wird dadurch unwahrscheinlich, daB uneingeschränkt von anima die Rede ist
und ebenfalls uneingeschrankt von einer incorporalis vita der Seele nach dem
Tode gesprochen wird. Bei Platon ist an der genannten Stelle im Phaidon
betont, daß die (schlechte) duyn auch nach dem Tode mit Kérperlichem behaftet ist*. Auffallend ist die Begründung » guia sine eo... .4, da das » uti sensibus« ohne nähere Bestimmung sicher nicht in einem negativen Sinn gemeint
sein kann®. Die Begründung ist in der Aufwertung des Körpers singular und
steht in offenem Gegensatz zu der Wertung des cöga als ojpa® Die Tatsache,
daß diese Begründung so außerordentlich schlecht zu allen anderen pythagoreischen Lehren über das Verhältnis von Körper und Seele paßt, kann als
Argument dafür gewertet werden, daß hier altes, nicht eingepaßtes Traditionsgut vorliegt. Die buyn, so läßt sich der Claudianbericht auf Grund des bisher
über das Verhältnis der Pythagoreer zum Wissen Erschlossenen interpretieren,
‘hat ein Interesse’ an Erkenntnis und ist insofern auf die Sinne des Körpers
angewiesen; das ist der Grund, weshalb sie den Körper ‘liebt’. Weshalb die
1 Der Passus ist bei F. Bömer, Der lateinische Neuplatonismus und Neupythagoreismus und Claudianus Mamertus in Sprache und Philosophie, Klass. Philol. Studien 7, 1936,
143 ff, eingehend interpretiert. Gegen H. GOMPERZ, ‘Acœuatoc, Hermes 67, 1932, 156 und
W. Kranz hält BôMER die bei Claudianus wiedergegebenen Lehren für neupythagoreisch;
darin folgt ihm W. BURKERT a. a. O. 230. Zu Recht betont W. K. C. GUTHRIE, A History
of Greek Philosophy I 311f., daß sich in dem Bericht nichts findet, das mit voraristotelischen Lehren der Pythagoreer in Widerspruch steht. Die Warnung von M. P. NiLssonN,
Gesch. d. gr. Rel. I? 701 hat noch immer ihre Berechtigung: »... wenn man sich mechanisch an das Alter der Zeugnisse hält, riskiert man, vieles zu streichen, was vielleicht dem
alten Pythagoreismus angehört, so daß das Bild durch Unvollständigkeit verzeichnet
werden kann.«
2 W. BURKERT a. a. O. 230.
3 Von W. K. C. GUTHRIE a. a. O. 312 versucht.
* Plat. Phaed. 81d off. xat uéypr ye todtov mAavdvrae (sc. al Goyat), gag av tH tod
Suvervaxohouboövrog, Tod owuaroetdobc, émOuule maar evdeOGouv els o@ua. Zu beachten ist,
daß der Körper ‘liebt’, nicht die Seele.
° Daß mit diligitur ein Erstreben sinnlicher Lust gemeint ist, verbietet sich sowohl
durch die Konzeption der vom Körper getrennten Seele als auch dadurch, daB sensus
völlig neutral die Empfindung und Wahrnehmung bezeichnet.
° Vgl. Platon Crat. 4ooc und Philolaos fr. 14 D.-K.
Hetmes 95,4
Page 16
View in PDF(opens in a new window)Seele auf sinnliche Erkenntnis angewiesen ist, bleibt unausgesprochen; der
SchluB ist erlaubt, daB die Sinne des Körpers benötigt werden, da der Seele
während der vita incorporalis keine Erkenntnisse mehr zugehen. Damit ist
freilich die Frage, weshalb die Seele überhaupt an Wahrnehmungen ein Interesse hat, noch nicht beantwortet. Hier ergibt sich eine klare Verbindung zu der
im vorhergehenden herausgearbeiteten Hypothese von der Bedeutung des
Wissens für die Seele im ältesten Pythagoreismus: Substanz und Existenzhöhe
der Seele — und damit ihr weiteres Schicksal — sind von ihrem Erkenntnisreichtum abhängig.
Es lohnt sich, an dieser Stelle auf ähnliche Verhältnisse bei Pythagoras’
Antipoden, Heraklit, hinzuweisen — und auf die charakteristischen Unterschiede. Auch bei Heraklit ist die bvyí Trägerin und Organ der Erkenntnis
(cogty)!; ihre Erkenntnisfähigkeit steht in unmittelbarem Verhältnis zu
ihrem Gehalt an nde ppövınov?. Hier findet sich also ebenfalls — nun durch .
Fragmente in vollem MaB belegbar — der entscheidende Gedanke, daB die
Erkenntnisfähigkeit der Seele auf einer ‘Substanz’ beruht und sich in dieser _
Fähigkeit der ‘Wert’ des Menschen zeigt®. Uber die so naheliegende Frage, ob
Erkenntnisleistungen von sich aus den Umwandlungsprozeß beeinflussen und
das Wesen der Seele verändern können, gibt es allerdings keine direkten Aussagen Heraklits. Nicht ausgeschlossen ist, daß das fr. 115 D.-K. auf einen derartigen ‘RiickkopplungsprozeB’ anspielt
#: das rationale Vermögen der Seele erhöht
ihren Anteil am Up ppövınov, wodurch sich wiederum das rationale Vermögen
erhöht. Heraklits Ansichten über das Schicksal der Seele nach dem Tode lassen
sich aus den Fragmenten nur unvollständig ermitteln; als sicher kann gelten,
daß sie letzten Endes® vollständig in den Kreislauf des Feuers übergeht. Eine
‘Personalität’, für Heraklit im strengen Sinne schon während des Lebens fragwürdig, bleibt in keinem Fall gewahrt.
Nach dem bisher über die pythagoreische Wertung des Wissens Gesagten
ist der Schluß erlaubt, daß das fr. 132 D.-K. des Empedokles pythagoreische
Anschauungen widerspiegelt; die Form des Makarismos mag von Empedokles
1 Dazu B. SNE1z, Entd. d. Geistes? S. 34 und B. GLapicow, Sophia und Kosmos,
Spudasmata 1, 1965, 103
ff.
2 Das Feuer ist bei Heraklit ebenfalls als ‘Substanz’ zu denken, die mit allem Seienden
in Korrespondenz stehende Grundsubstanz. Auch bei Heraklit das Erkenntnisprinzip
öw.orov époiw, vgl. C. W. MÜLLER, Gleiches zu Gleichem 7ff.
® Fr. ıı8 D.-K. und fr. 112 D.-K. zusammen zeigen, daß in der Vernunft des Menschen
seine &peth gesehen wird. Die coin ist zugleich dasjenige, das der Mensch mit dem Göttlichen gemeinsam haben kann (fr. 32 D.-K. und fr. 41 D.-K.). In dieser Verbindung liegt
ein indirekter Makarismos des Weisen, wenn man annimmt, daß der Gott für Heraklit
in vollem Umfang ‘glücklich’ ist.
* Fr. 115 D.-K. lautet: buyñc got Adyog Euuròv alEov.
5 Auf eine kurzzeitige Weiterexistenz
besonderer Seelen nach dem Tode schließt
G.S. Kirk, Heraclitus and Death in Battle, Am. Journ. Philol. 70, 1949, 384
Page 17
View in PDF(opens in a new window)zuerst auf diesen Bereich angewandt worden sein. In der Empedokleischen
Philosophie sind die pythagoreischen Ansätze in der Weise erweitert worden,
daß innerhalb der Hierarchie der vier éwœuara und der beiden gestaltenden
Elemente das Element der pu\órns in besonderem Maße mit dem Òaxtgwv in
Verbindung stand, zumindest dem von Befleckung befreiten!. Die höchste
Stufe der Erkenntnis, die sich auf die piörmg aller erkennenden Substanzen
innerhalb des Erkenntnisorgans aufbaut, antizipiert den kosmischen Zustand
der pılörng, den opatpog, im kleinen?. Beachtung verdient, daß bei Empedokles
wie bei Heraklit das wahre Erkennen mit dem jeweiligen fundamentalen
ontologischen Prozeß in engster Verbindung steht. Das gilt entsprechend auch
für Parmenides’ Begriff des voetv, dem ebenfalls eine ontologische Dimension
zukommt. Bei Empedokles zeigen sich die ersten Ansätze, im Bereich der
Philosophie die Wertung von ‘Diesseits’ und ‘Jenseits’ zu verändern: das
Leben auf der Erde ist nur ein reinigendes Durchgangsstadium, freilich mit den
Möglichkeiten, in späteren Leben eine Befreiung von Last und Jammer zu
erreichen. Die Aufnahme und Umformung des Makarismos des Epopten durch
Empedokles manifestiert, daß der Erlösungsgedanke der Mysterien in die
‘Philosophie’ übernommen worden ist?. Von nun an tritt die Philosophie in
Konkurrenz mit den Mysterien.
Akzeptiert man die bisher gewonnenen Ergebnisse, so stellt sich das vielverhandelte Problem vom Ursprung der Hochschätzung des Bios Bewpnrixög*®
in neuer Form. Es kann kein Zweifel sein, daß der Preis des Bloc Hewpnrixög
1 Eine ausgewogene Darstellung bietet CH. H. Kaun, Religion and Natural Philosophy in Empedocles’ Doctrine of the Soul, Arch. f. Gesch. d. Philos. 42, 1960, 3—35;
zum Allgemeinen H. S. Long, The Unity of Empedocles’ Thought, Am. Journ. Philol. 70,
1949, 142—158. Entscheidende Beobachtungen bei H. ScHwWABL, Empedokles fr. B rio,
Wiener Stud. 69, 1956, S. 49— 56 (vgl. o. S. 409 Anm. 3).
* Zum Problem des Aufstiegs der Erkenntnis auf Grund qualitativer Gleichheit zu
jener auf Grund quantitativer Korrespondenzen und der Zuordnung beider Erkenntnisformen zu den Weltzuständen H. A. T. REICHE, Empedocles’ Mixture. Eudoxan Astronomy and Aristotle’s Connate Pneuma, Amsterdam 1960, 49 ff.
3 Vel. À. D. Nock, RAC II Sp. 107f. s. v. Bekehrung und besonders W.A. HEIDEL,
Die Bekehrung im klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung des Lucretius,
Zeitschr. f. Religionspsychologie 3, 1910, 377 —402.
4 Als Wichtigstes ist hier die Abhandlung von W. JAEGER, Über Ursprung und Kreislauf des philosophischen Lebensideals, Sb. Akad. Berl. 1928, 390—421 zu nennen. Gegen
F. Bor, Vita Contemplativa, Sb. Akad. Heidelberg 1920, 8, der den Bios Oewpnrixós
mit Thales beginnen läßt, sieht JAEGER in sämtlichen späteren Nachrichten über das
‘theoretische Lebensideal’ der frühgriechischen Philosophen eine Projektion platonischer
Gedanken. Für Pythagoras hatte er das bereits in seinem Aristotelesbuch S. 99f. angenommen, Nach anderen hat G. MüLLER, Probleme der aristotelischen Eudaimonielehre,
Mus. Helv. 17, 1960, 121—131 dagegen Einspruch erhoben; im Blick auf das K der NE
erkennt MULLER in Empedokles, Anaxagoras und Demokrit bereits Vertreter des Bloc
Sewpntixde. Weitere Lit. bei R. Jory, Le théme philosophique des genres de vie dans
l'antiquité classique, Mém. de l’Ac. de Belgique, Cl. d. Lettr. 51, 3, Brüssel 1956.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)als einer der drei möglichen (to. platonischen Ursprungs ist. Nur bedeutet
das nicht, daß die Denker vor Platon der dewpt« und totopty noch nicht entscheidende Bedeutung zuerkannt hätten. Die Frage, ob der Preis des Bios
Bewentixds auf Platon oder Pythagoras zurückgeht, ist in dieser Form sinnlos,
da die Konzeption Bios Oeweyntixd¢ erst aus der von Platon aufgestellten
Differenzierung der Lebensformen hervorgegangen ist!. Stellt man das
Problem in einer zulässigen Form, etwa wo im griechischen Bereich? zum
ersten Male Kenntnisse, Wissen im allgemeinsten Sinn, zum lebensbestimmen- .
den Faktor geworden sind, so läßt sich die Antwort mit beträchtlicher Sicherheit geben: Die Relevanz eines nicht praktisch anwendbaren Wissens® ist
zuerst von den Pythagoreern behauptet worden; sie wurzelt in der Bedeutung
des Wissens für die puyy.
3
Eine Umschau nach weiteren Makarismen, die Weisheit oder Kenntnis- .
reichtum als Begründung enthalten, führt in den Umkreis des Anaxagoras.
Einige Zeugnisse des Aristoteles* machen die Annahme wahrscheinlich, daß
Euripides den Makarismos in dem berühmten Fragment gro N.? im Hinblick
1 Die Problemstellung, von der W. JAEGER ausgeht, ist so eng, daß sie von vornherein
nur auf Platon führen kann. So bemerkt er a. a. O. 392 zu Anekdoten, in denen Thales,
Demokrit und Anaxagoras ihre geistigen Interessen über merkantile und politische
stellen: »Das setzt also voraus, daß dieser Blog zur Zeit der Entstehung dieser Anekdoten
nicht nur von vereinzelten Ausnahmemenschen gelebt wurde, die dabei nur ihrem natürlichen Instinkte folgen (!), sondern daß der Bios Oewpnrixóg bereits zum bewußten
philosophischen Ideal geworden war. Das kann man aber gerade von den älteren vorsokratischen Naturphilosophen nicht behaupten. Das Ideal des der Erkenntnis geweihten
Blog ist erst eine Schöpfung Platons, dessen Ethik mehrere entgegengesetzte Lebenstypen
aufstellte... Es ist zwar an sich durchaus denkbar, daß ein Forscher wie Anaxagoras...
sich der Absonderlichkeit seiner wurzellosen Existenz bewußt geworden ist.... Aber erst
Platon hat den theoretischen Menschen als ethisches Problem in die Philosophie eingeführt. «
? Der Preis bestimmter Berufe, darunter der des Schreibers, ist im Orient schon in
weit früherer Zeit verbreitet. AnET 1955? 431f. (= Pap. Chester Beatty IV, Brit. Mus.
10684; übers. v. J. A. WiLson) wird der gelehrte Schreiber wegen seines immerwährenden
Ruhmes gepriesen, der über den des Pyramidenbauers hinausreicht und beglückend für
das Dasein nach den Tode ist: »(But) their names are (still) pronounced because of their
books which they made, since they were good and the memory of him who made them
(lasts) to the limits of eternity.« (Hinweis v. H. CANCIK).
® Als Beispiel eines unmittelbar ‘anwendbaren’ Wissens Hesiod Erga V. 826f.: vdv
(i. e. der richtigen Tage) eddatuwv te xat EXBtog, dc Tide ndvra | elSa¢ EpyaCntar dvalrios
dOavdrotrow ... Auffallend die Betonung des dvattioc, s. unten S. 427 Anm. 1.
|
* Das wichtigste EE 1216a riff: tov uèv obv AvaËayépav pactv droxptvacbar més
Tuva Staropoivta townie’ kta zal duepwrövre, tivoc Ever’ dv Tic Pinto yevéobar ao
nun yevéobor »tod« pévar Mewphon tov odpavdy zat Thv repl tov Bhov xóopov tabs
vgl. auch EN 1179a 13f. und Clemens Alex, Strom. 2, 130.
Page 19
View in PDF(opens in a new window)auf Anaxagoras geschrieben hat. Die entscheidenden Verse des Fragments,
das vermutlich der Antiope angehört!, lauten:
bABiog Borus Tis totoptac
Eoye L&Onotv,
ghre mokuröv Ent zengoobvnv
unt cic a&dinouc medEerc 6puév,
tA
>
3
>
f
/
€
~
GAN Kavdtov xabopöv pücewmg
xdopLov dyhpwv, TH TE OUVÉOTI
xal Sry a rag...
Hier ist der Preis rationaier Erkenntnis? in seiner reinsten und durch keinerlei
Beziige getriibten Form ausgesprochen: Das ‘reine’ Erkennen wird ohne Hinblick auf irgendwelche Riickwirkungen gepriesen. Es dient nach der Ansicht
des Euripides offensichtlich der Befriedigung anlagebedingter Bestrebungen,
wie sie Aristoteles am Anfang der Metaphysik fiir alle Menschen voraussetzt?.
Als Objekt der Erkenntnis ist »der unsterblichen Wirklichkeit alterlose Ordnung« genannt, die als höchster Erkenntnisgegenstand den Göttern bei
Empedokles entspricht. Auffallend ist die Betonung der Unschädlichkeit einer
solchen Haltung für die Mitbürger und der positiven ethischen Rückwirkung
auf den Erkennenden selbst %.
Auf diese Verse nimmt das Preislied des Aristophanes auf den zur Rettung
seines Vaterlandes zurückkehrenden Aischylos in den Fröschen recht deutlich
Bezug. Die Korrespondenzen in den ersten Versen beider Texte sind wohl
beabsichtigt:
1482
goxdprós y’ dvhp Eywv
Evveow hxptBouévnv.
mapa de TOAAOtOW uaßeiv.
öde yap ed ppovetv doxhoag
nd) dretow olxad ad,
4
A
„
3
x
! Nach H.ScHAar, De Euripidis Antiopa, Diss. Berlin 1914, 23 f. hat G. MULLER,
a.a.O. 125 unabhängig davon versucht, das Fragment der Antiope zuzuweisen. B. SNELL
schließt sich in einem wichtigen Rekonstruktionsversuch der Antiope in ‘Scenes from
Greek Drama’, Univ. of California Press 1964, gof. dieser Vermutung an. Über Pacuvius’
Übertragung der Antiope ist das Problem der Btot in den römischen Bereich eingedrungen.
2 Über die Sonderstellung dieses Fragments innerhalb der anderen Aussagen des
Euripides über Wert und Möglichkeit des Wissens E. R. Dopps, Euripides the Irrationalist,
Cl. Rev. 43, 1929, 97—104. Dopps sieht Euripides’ ‘eigene’ Position in fr. 795 N.? ausgesprochen.
8 98oa 22 ndvreg ÄvOpworor Tod cidévar dpéyovtTat Pücet.
4 Will man in den letzten beiden Gedanken nicht ein Weiterwirken Empedokleischer
Ansätze schen (vgl. G. MÜLLER a. a. O. 123), so ergibt sich eine sinnvolle Erklärung,
wenn man mit SNELL (a. a. O. 91) annimmt, daß zuvor Zethos an Amphion die Frage gerichtet hat, worin der Nutzen der vita contemplativa für das Gemeinwesen liege.
Page 20
View in PDF(opens in a new window)En’ &yaO® pèv rois moAttatc,
En’ dya0ö dè rois Exvtod
Evyyevéot te xai plhouor,
Suk Td ouveròg elvaı.
Die Verse der Antistrophe zeigen, daB der Verfall der handwerklichen Qualitäten mit dem Eindringen philosophischer Spekulationen in die Tragédie in
Parallele gesetzt wird: yaptev obv uh Loxpater mapaxabyuevov Aadetv. Die
Niederlage des Euripides im musischen Wettstreit ist die Folge seines Verkehrs
mit den Philosophen!. Gegen den Preis des ‘Anaxagoras’ wird der des Aischylos gestellt; die Gegenüberstellung ist umso wirkungsvoller, da die gleiche
äußere Form gewählt wird? Charakteristisch ist, wie das negative ». . . fügt
seinen Mitbürgern keinen Schaden zu« des Euripides in das nachdriickliche,
anaphorische éx’ &yad& ... én’ &ya0G . . . umgebildet wird. Wie sich bei der
Uberfiille der Makarismen bei Aristophanes — die freilich meist ironisch gemeint
sind — vermuten läßt, findet sich auch in anderen Stücken der Preis der Weisheit,
am häufigsten natürlich in den Wolken. Doch sie werden immer über Personen
oder in Situationen ausgesprochen, die nur zu deutlich zeigen, daB das Gegenteil gemeint ist. So etwa, wenn sich Strepsiades in den Wolken wegen seiner
Klugheit selbst preist:
1206
udrap & Utpetadec,
adTOG T° Epus do oopds
xolov tov vidv Tpéperc.
Umgekehrt ist an der ausgeschriebenen Stelle aus den Fröschen der topische
Makarismos des Weisen vom Chor ‘ernst’ gemeint — aber auf Aischylos
bezogen.
4
Bevor sich die Untersuchung der weiteren Geschichte des Makarismos des
Weisen zuwendet, ist ein Zeugnis zu betrachten, das geeignet ist, eine zweite
Entwicklungslinie aufzuzeigen, die in den Preis des Weisen eingemündet ist.
1 Die antiken Zeugnisse über Euripides’ Verbindung zu Philosophen, hauptsächlich
zu Anaxagoras und Sokrates, sind bei W. ScHMID, Gesch. d. gr. Lit. I 3, 315 4. gesammelt.
Nützliche Hinweise zur vorliegenden Stelle auch bei A. WEIHER, Philosophen und Philosophenspott in der attischen Komödie, Diss. München 1913, 19 ff.
3 Die hier angenommene Verbindung wird noch enger, wenn man der Vermutung,
das fr. gro des Euripides gehöre der Antiope an (vgl. S. 421 Anm. 1), zustimmt. Das Scholion zu V. 53 der Frösche zählt die Antiope zusammen mit der Hypsipyle und den Phoinissen als nur wenig vor den Fröschen aufgeführtes Drama auf. B. SNELL berichtet a. a. O.
S. 71 Anm. 1 über einen demnächst erscheinenden Aufsatz von T. B. L. WEBSTER, in dem
die Antiope, die Hypsipyle und die Phoinissen dem Jahre 410 zugewiesen werden.
Page 21
View in PDF(opens in a new window)Unter den Elegien des theognideischen Corpus findet sich eine Betrachtung
über den Wert der yvoun!, die mit einem Makarismos zusammengefaßt wird:
1171
Tyaunv, Kôpve, Beot Ovnrotor todo &pıorov
dvOpdrors: yvoun relpara Travrög ÉYEL.
& pdxap, boris Sh puv eyer ppeotv: 7 moAd xpelscwv
ÖBpros ovAoLEVNS hevyakeov TE XOpPOU
KA
>
[4
LA
L
Eorı' xaxdv DE Bporoïor xdpoc . . .?
Es kann kaum bezweifelt werden, daB der Makarismos in V. 1173 im Hinblick
auf fr. 16 D. des Solon entworfen worden ist’. Der V. 1173 faßt den längeren
Solonischen Ausdruck
YVOLOOVNG 8° dpavès yaAsT@TatoOV ÉOTL VOR OAL
gérpov, 6 IN TdavTWY Teloata LoUvoy yer
zusammen‘. Der Gedanke von der Schwierigkeit ist allerdings nicht bei
Theognis ausgesprochen; doch ist er implizit durch den Makarismos ausgedrückt, da nur das Schwierige, AuBergewöhnliche, selten Erreichbare gepriesen wird. An anderer Stelle, wieder in deutlicher Anlehnung an Solon’,
1 Über die Rolle der yvourn im Theognideischen Corpus A. Peretti, Teognide nella
tradizione gnomologica, Pisa 1953, 311 —314.
2 Zum Text: 1171 dplornv codd. &pıorov BEKKER. Young folgt in der Teubneriana
neuerdings der Überlieferung, doch gibt das &piornv gegenüber dem &protov keinen guten
Sinn. Die Elegie behandelt die beliebten Fragen des tt &protov und ri xdxtotov: &puorov
1171 und n&oa xaxétnc 1176 stehen sich gegenüber. Die Frage nach einem Mehr oder
Weniger an yvoun würde den Makarismos in 1173 nicht rechtfertigen; vgl. auch 895.
1172 ist unter den paläographisch gleichwertigen Emendationen von &vôporoc yvoun . . .
diejenige von BERGK (dvOpdnous) der von HILLER (yvoun; von YounG aufgenommen)
vorzuziehen.
8 Der Interpretation von fr. 16 D. durch A. MASARACCHIA, Solone, Florenz 1958,
316ff. kann ich nicht folgen; MASARACCHIA übersetzt das Fragment folgendermaßen:
»E dificillissimo comprendere, perché invisibile, la pienezza della sapienza (divina), che
sola possiede la possibilità di realizzare tutto.« Vgl. dagegen B. GLapicow, Sophia und
Kosmos 17ff. Der Übersetzung von fr. 16 D. entsprechend überträgt Masaraccuia die
Verse Theognis 1171 ff., die er zu Recht als Solonreminiszenz versteht: »La saggezza & il
più grande dono degli dei agli uomini, o Cirno; la saggezza ha la possibilità di realizzare
tutto ...« Der Gedanke, daß die Götter den Menschen mit der yvour so etwas wie Allmacht (la possibilità di realizzare tutto) schenken sollten, ist grotesk. Ilépas ist Ausgang
und Ende eines Dings oder Ereignisses, insofern es ihm sein Maß setzt; die yvoun kennt,
weiß das jedem Ding zukommende Maß. Das Maßwissen ist das Beste, das die Götter
den Menschen geben können. Diese Interpretation wird gerechtfertigt durch das antithetische Glied xaxdv Së Bporoloı xépoc. Kópoc hat Ößpıc, die Maß- und Grenzüberschreitung, die den Bestand einer Sache in Frage stellt, zur Folge. Es stehen sich gegenüber reipap-yvoun und ÜBpic-xépoc.
4 Vgl. auch das ähnliche Verspaar 895f.
5 Mindestens 28 Theognisverse sind fast wörtlich aus Solon übernommen worden;
Wortanklänge finden sich in noch größerer Zahl. Die entlehnten Verse sind bei W. SCHMID,
Gesch. d. gr. Lit. I 3, 377 Anm. ı zusammengestellt; weitergehende Zusammenstellungen
bei R. KUELLENBERG, De imitatione Theognidea, Diss. Argentorati 1877.
Page 22
View in PDF(opens in a new window)ist der Gedanke von der Schwierigkeit ausgesprochen: yvövau yap (aheròv
uéroov, Br’ éo0Ad nap (V. 694). Von dem Makarismos zunächst einmal abgesehen, lassen sich alle Gedanken und Formulierungen der Elegie 1171 —6
auf Solon zurückführen. Am deutlichsten läßt sich die Beeinflussung für die
yvbun, die besser ist als ÜBpuc und xópos, zeigen’. Die Antithese von Maßwissen und frevelhafter Raffgier gehört zu den solonischen Grundgedanken;
dem maßvollen Denken allein ist dauerhafter Erfolg beschieden, soweit sich
das im Bereich des Menschlichen erreichen läßt.
Die angeführten Übereinstimmungen führen zu der Frage, ob nicht auch
der Makarismos des Mannes, der yvaym besitzt, auf Solon zurückgeht. Allein
in den uns erhaltenen Fragmenten Solons steht außerordentlich häufig die
Frage nach dauerhaftem öAßog im Vordergrund. Dauerhafter öXßos wird für
Solon repräsentiert durch Besitz, der xard. xóopov (fr. 1, 11 D.) und im Blick
auf ein maßvolles r&pu« (fr. 1, 71 D.) erworben ist, d.h. von Leuten, die einen
véog äpriog (fr. 5, 10 D.) besitzen. Um zwei Dinge kreisen Solons Gedanken
über das menschliche Wohlergehen: den maßvollen Besitz und den maßvollen
Sinn, der ihn erst ermöglicht. Nur schwer löst sich das archaische Denken von
der Vorstellung, daß sich das Glück eines Menschen immer nach außen hin
repräsentieren muß?.
Nicht ohne Grund führt Aristoteles im ro. Buch der Nikomachischen
Ethik gerade Solon als Kronzeugen für seine Behauptung an, auch die Gunst
der äußeren Umstände müsse zum Glück der dewpt« vorhanden sein; II79a 9
heißt es dort: xat Z6Awv BE Tog ebdaiuovac tows drepalvero xaAdic, einov
gerplwg Toïs Entög xexopnynuévous, nenpayórag dé Td xdAALO’, ds Gero, wal
BeBiwxdtas owppóvos. Die Frage, ob sich Aristoteles mit diesem Worten lediglich auf die bekannte Herodotstelle 1, 32f. bezieht? oder etwa auf uns unbe1Fr. 5,9 D. tixter yap xópos ÖBpw, Stay mods 6ABoc emyntar | a&vOpdrotow doors uh
v6og &priog 7, ähnlich fr. 3, 5ff. und fr. 4, 5ff.; die Wirkungen von Eunomie und
Dysnomie fr. 3, 33 ff. Fr. 1, 7ff. setzt sich am eingehendsten mit der Frage des maßvollen
Handelns auseinander; programmatisch ist der Vers 16 dieser Elegie zu verstehen: où
yap òh(v) Ovnroïo’ ÚBpros Zoya méder.
3 Dazu E. SCHWARTZ, Ethik der Griechen, hrsg. v. W. RICHTER, 38f. und 60f. Bezeichnend ist, daß ursprünglich auch die Seligkeit der Epopten der eleusinischen Mysterien
nach außen sichtbar gedacht wurde. Im Anschluß an die auf S. 405 ausgeschriebenen Verse
aus dem hom. Demeterhymnos heißt es V. 488f. von Demeter und Kore: alba 8é ol
réurovow Épéotiov Èc neya Shue | IDoörov, 65 dvOpdroig &pevos Bymroicı sldwou.
Freilich spielt hier der Gedanke von der Iteration des diesseitigen Lebens im Jenseits mit hinein: Was im Jenseits zu erwarten ist, muB bereits im Diesseits vorhanden
sein. Vor einem Vertrauen auf den Reichtum im Hinblick auf den Tod warnt Solon fr. 14 D.
3 So F. DIRLMEIER, Nikomachische Ethik 1956 596 (235, 3). Wichtig sein Hinweis
auf das ‘Solonmotiv’ in der NE: »Wie in der Komposition des platon. Staates zwischen I
und X Symmetrie hergestellt wird durch das Motiv der Unterweltmythen (I 330d 8:
X 614b 2), so in der NE durch das Solonmotiv (I 1, rrooa 11): an die Stelle des Mythos
ist die Weisheit griechischer Tradition getreten. «
Page 23
View in PDF(opens in a new window)kannte Elegien des Solon}, wird sich nicht mit Sicherheit beantworten lassen.
Ein Indiz für die zweite Ansicht kann die Tatsache sein, daß die cwppooùvy,
die Aristoteles neben maßvollem Besitz und edlen Taten erwähnt, bei Herodot
nicht explizit erscheint. Als weiteren Zeugen für seine Auffassung von ebdatuovix führt Aristoteles den Anaxagoras an: Zowme de xal “AvaEayópas où
nA0bCLOV odt Suvdormv brroAaßetv tov ebdaluova, einav Sti oùx dv Oavpdoerev
et tug &ronog paveln rois moAAOtc. Das abschließende Ergebnis der Prüfung
seiner These où yap aùrdpuns N pooic mpd¢ TO Oewpetv (1178b 33) lautet
ovupwveiv On Tols Abyous Éoixaoiv at T&v copay dkar und wird auf Grund
des consensus als beweiskraftig angesehen.
Unter dem Gesichtspunkt unserer Frage ist die Orientierung des Aristoteles
an Solon und Anaxagoras auffallend. Die Linie Solon —Anaxagoras —Aristoteles scheint allzuviel Briiche aufzuweisen. Anaxagoras hat sich wohl nicht tiber
den Besitz des Weisen geäuBert (das ist ein SchluB des Aristoteles aus dem
äronoc paveln), wohl aber über das Glück der Erkenntnis?, Solon dagegen
hat sich häufig über den Besitz geduBert®, kaum aber über die Eudaimonie
der Oewpta. Wie also ist da ein Verbindungsgedanke möglich? Wir haben
davon auszugehen, daß Aristoteles daran lag, zwei Vertreter der Ansicht zu
finden, zum Glück sei Besitz, wenn auch nur geringer, notwendig, die zugleich
seiner Grundthese ebdauoviæ gleich Oewpta nicht widersprachen. Die Fragmente Solons zeigen deutlich, daß sich Solon über das Wechselverhältnis von
Besitz, Glück und maßvollem Sinn seine Gedanken gemacht hat. Glück und
Besitz zusammen werden bei ihm mit öAßog bezeichnet, der maßvolle Sinn
mit yvwpoobvy oder véog &prioc. Wenn also Solon den von ihm erkannten
Sachverhalt in kürzester Form aussprechen wollte, hätte er ihn in einer Terminologie wie dABtoc, Goris yvwouoobvnv yet äußern müssen“. Dafür, daß
Solon tatsächlich diese Erkenntnis in einer ähnlichen Form ausgesprochen
hat, ist der Vers 1173 aus den Theognideen in Verbindung mit dem Hinweis
1 Das wird bereits von M. Heinze, Der Eudämonismus in der griechischen Philosophie, Abh. der Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. VIII, 1883, 682 vermutet.
2 Vgl. S. 420 Anm.4.
8 Fr. 1, 3ff. 4, off. 5, off. 14 D.
4 Das fr. 15 D. des Solon (vgl. oben S. 406) allein könnte zu der Annahme führen, Solon
habe den Menschen ein Glück gänzlich abgesprochen. Doch trifft ein derartiger Schluß
nicht zu; der Nachdruck dieser Verse liegt auf dem udxap, dem Adjektiv, das im vollen
Wortsinn allein den Göttern zukommt. Maxdptog wird mit ganz wenigen Ausnahmen bei
Homer nur in Verbindung mit den Göttern verwendet, während umgekehrt in beiden
Epen 8®to¢ ausschließlich
menschliches Wohlergehen
bezeichnet;
dazu DIRICHLET
a. à. O. 5ff. So findet sich dem homerischen Gebrauch der Adjektive entsprechend in fr.
13 D. bei Solon ein Makarismos der gängigen Form. Soll öAßtog in gleicher Weise wie
Uæxdproc verwendet werden, so muß ein mé&vta xpövov oder etwas Entsprechendes hinzugefügt werden, vgl. Bacch. fr. 54 SN.: öXBtog 8° oddelg Bporöv mdvra xpövov (ähnlich
wohl fr. 20 B 23f. SN.): deutlich in der Imitation Theognis 167f. Das gleiche gilt für
ebdatuev: Bacch. 5, 53.
Page 24
View in PDF(opens in a new window)des Aristoteles in der Nikomachischen Ethik ein beachtliches Indiz. Aus der
oben vermuteten Formulierung, die sich für die Zeit Solons anhörte wie
‘Dauernden Reichtum besitzt, wer maBvoll gesonnen ist’, mußte man freilich
in späterer Zeit einen zweiten Gedanken heraushören: den Preis der Weisheit!. Dieser ‘zweite’ Gedanke ist gewiß nicht ‘unsolonisch’, nur von Solon
in den Denkmöglichkeiten seiner Zeit gedacht: Im äußeren Wohlergehen
repräsentiertes, nach Menschenmöglichkeit dauerndes Glück ist die Folge der
Erkenntnis des jedem Handeln zukommenden uétpov.
5
Die einprägsame Formulierung des Makarismos des Weisen in fr. 910 N?
des Euripides dürfte, ähnlich wie bei Aristophanes, von Menander in fr. 416
KOoERTE? in einer eigenartigen Umwertung wiederaufgenommen worden sein,
Das Menanderfragment lautet:
robrov EÜTLUXEOTATOV AEyw,
Boris Oewphoas Mürnws, Ilapuevwv,
và oeuvà Tadr” drikdev, 60ev HAVev, tayo
Tov MALov tov xouvòv, dorp’, dop, vEpN,
x
a
A
A
v
3
el
[A
TDP...
Der Preis des die erhabenen Phänomene des Himmels® betrachtenden Menschen wird verbunden mit der alten, pessimistischen Maxime, daß ein schneller
Tod das Zweitbeste sei, das sich der Mensch wünschen könne®. Doch kleidet
sich hier ein neuer Gedanke der Zeit in das Gewand des Traditionellen: Der
Tod führt den Menschen zu seinem himmlischen Ursprung zurück; das Jenseits liegt nicht mehr unterhalb der Erde, sondern in der lunaren Atherregion®.
Die enge Verbindung von Oewphoas und &n%A0ev bekommt somit, so dürfen
wir schließen, einen tieferen Sinn. Die Betrachtung des Himmels hält die Verbindung zum göttlichen Ursprung aufrecht und ist zugleich Ausdruck der
1 Vgl.S. 424 m. Anm. 2.
? Das Fragment ist von G. Zuntzz, Interpretation of a Menander Fragment, Proc.
Brit. Acad. 42, 1956, S. 209— 242 interpretiert worden. Dort auch die weitere Literatur.
® Auch das Ödwp kann in den Bereich der geréwpa gehören; vgl. E. NORDEN, Vergilius
Aeneis VI, S. 28, und O. GILBERT, Die meteorologischen Theorien des griechischen Altertums, Leipzig 1907, 393 ff.
4 Cert. Hom. et. Hes. 78f.
doyhv uèv uh pövar émuySoviorcw dprorov,
púvra 8° rag durota mAag Atôao nephaar.
Weitere Belege bei G. Zuntz a. a. O. 218.
5 E. PFEIFFER, Studien zum antiken Sternglauben, Stoicheia 2, 1916, 113 ff.; F. Bott,
Die Entwicklung des astronomischen Weltbildes im Zusammenhang mit Religion und
Philosophie, in: Kl. Schr. z. Sternkunde des Altertums 22 5ff., bes. 243£.; zuletzt
W, BURKERT, Weisheit u. Wissenschaft 335 ff.
Page 25
View in PDF(opens in a new window)Sehnsucht danach. Der sich seit dem 5. Jahrhundert allmählich ausbreitende
Gedanke der astralen Unsterblichkeit erfüllt die Lebensverachtung des
(Kptotov.....) Pbvra 8 Swe | Öxtora roux Atdao repñoat mit einem neuen,
erhebenden Sinn: der Verzicht auf das Leben hat seinen Grund in dem Streben
nach dem göttlichen Ursprung. Zu preisen ist also, wer sich auch in seinem
Leben durch die 0ewpta mit dem Himmel vereint weiß und möglichst schnell
dorthin zurückkehrt. Es läßt sich nicht ausschließen, daß aristotelisches Gut
in die Menanderverse eingedrungen ist!, doch sind alle wichtigen, vorbereitenden Gedanken auch in den religiösen Anschauungen außerhalb des Peripatos
zu finden.
Den Euripideischen Versen in fr. 910 N° formal sehr nah, jetzt allerdings
nicht mehr auf Anaxagoras bezogen, bieten die Verse Vergils in den Georgica
2, 490ff. die klassische Formulierung des Makarismos des Wissenden:
Felix qui potuit rerum cognoscere causas?,
atque metus omnis et inexorabile fatum
subiecit pedibus strepitumque Acherontis avart.
1G. ZuntTz bestreitet a. a. O. zunächst generell eine Beziehung zwischen Aristoteles
und Menander, räumt aber dann S. 224 ein, daß Aristoteles möglicherweise das Empfinden
für die Größe der Erscheinungen in Menander geweckt habe. Als ein wichtiges Argument
gegen eine Abhängigkeit des Menander von Aristoteles, wie sie von BIGNONE und TIERNEY
angenommen worden ist, wertet Zuntz die Verwendung des &AUrrwg neben dem Oewphous
in V. 2. »Here again Menander cannot be supposed to render Aristotle. The term dAÚrws
which he inserts into the outline of the best life stands in a different context. With Aristotle,
as we saw, Oewpla was itself the very opposite of Abren;; it was the highest ASovh.« (S. 223).
Diese Widerlegung geht von der irrigen Annahme aus, éAvmwsg müßte unbedingt eine
passivische Bedeutung haben; daB das nicht zutrifft, zeigt ein Blick auf Plat. Politikos
272a 7 oder Isocr. 12, 5 (weitere Belege bei LibDELL-Scort). Nimmt man an, dA\úrws
bedeute ‘verursacht kein Leid’, so bekommen die ersten beiden Verse sofort einen guten
Sinn und sind nicht als ‘unphilosophical’ (Zuntz S. 224) zu bezeichnen. In gleicher Weise
ist nämlich in dem von ZUNTZ nicht herangezogenen Fr. 910 N?. des Euripides betont,
daß die gepriesene Betrachtung ohne Leid für die anderen sein müsse: unre roAıröv Ent
mauoobvnv | uNT’ eis &Slxovcg npdbers Ópuöv ...; vgl. auch S. 13f. In gleicher Weise ist
Aristoteles EE 1215b 6... Münwg xal xaÜap&c mods tO dixarov...das drdmus aktivisch zu verstehen und zu mpdg Td Sixatov zu ziehen. — Unzutreffend ist auch die Kritik
an der Aufzählung der gertéwpa S. 224: »Unphilosophical is indeed the whole of this text.
... ‘Miror caelum non commemorari’, noted Kock, and put tov oùpavóv in. An unavailing
cure. The series is still incomplete and spoiled by the intrusion of the elements water and
fire, quite out of place among stars and clouds.« Zur Aufzählung des Wassers vgl. S. 426
Anm. 3; daß das Feuer zu den petéwpa gehört, ist ein OpvAobuevov.
? Die ‘causa’ ist einer der Schlüsselbegriffe des Lukrezischen Werks (PAuLsoN zählt
65 Belegstellen auf); 2, 1066 eine Zusammenstellung der entscheidenden Begriffe: materies,
locus, causa. Die ‘reine’ causa wird als auBergöttliches Phanomen gewertet und vermag
Eingreifen und Existenz der Gétter zu widerlegen. Kausalität als allgemeingültiges Prinzip zum erstenmal definiert bei Leukipp 67 B 2 D.-K.: oùBèv ypua udrmv ylveraı, AAL
ndvta éx Abyou te nal bn’ dvdyung; doch scheint diese Definition die Götter nicht mit
Notwendigkeit aus dem Demokritischen System eliminiert zu haben: 68
B 175 D.-K.
i
Page 26
View in PDF(opens in a new window)Diese auf Lukrez bezogenen Verse! sind von Vergil mit groBer Treffsicherheit
am Anliegen der epikureischen Philosophie orientiert. Vergil selbst distanziert
sich von der AusschlieBlichkeit dieses Preises durch die souveräne Umwertung
des zweiten, sonst antithetischen Gliedes (Öeu\òc 5é, & . . .) zu einem zunächst
gleichwertigen Makarismos: fortunatus et ille deos qui novit agrestis... Später
freilich zeigt sich, daß für die Gesamtheit des Lebens in Vergils Augen der
zweite Preis die größere Bedeutung hat. Der Preis des Lukrez und seine Begründung entsprechen epikureischer Denkweise und Terminologie. Für Lukrez
liegt die Hauptaufgabe der Erkenntnis darin, sich und andere von der Furcht
zu befreien, der Furcht, die die Religion unter den Menschen verbreitet
hat? Erst das von Furcht befreite Leben gelangt zu jener &tapatta, auf der
das glückliche Leben beruht. Der Makarismos ist hier nicht mehr in der gleichen Unmittelbarkeit ausgesprochen, die noch bei Euripides und Aristoteles
zu finden ist; Naturerkenntnis hat bei Epikur und Lukrez eine ‘psychologische’ Funktion: die Befreiung von Furcht. Im Mittelpunkt steht nicht mehr
die göttliche Ordnung der Natur, der sich der Mensch erkennend angleicht,
sondern der Mensch als der Furcht unterworfener. Die Philosophie hat eine
‘diesseitige’ Erlösungsfunktion übernommen?, sie gibt dem Menschen eine
neue Freiheit. Hier scheint durch die mehrfachen Umdeutungen des Makarismos des Wissenden der ursprüngliche Ansatz der eleusinischen Mysterien
durch, freilich in konsequent ‘säkularisierter’ Form.
Hellenistische Gestirnfrömmigkeit ist in den Preis eingegangen, den Ovid
in den Fasten über den Anblick des ‘gestirnten Himmels über mir’ ausspricht:
Von eminenter Bedeutung für das Problem der Bewertung des Kausalprinzips ist Platon
Nomoi 967a 1: ol u&v yep tavooövrau tobe tk rotaüra uerayetpioauévouc &otpovoula Te
wal tatg merk vabrns dvayxatars kate TÉyvarg &Béouc ylyvaodaı, xxBewpaxdtag dc olóv te
yeyvoueva dvdyxars rpéyuar’
EN” od Stavolatg... Die modAol vertreten hier die Ansicht,
der auch Lukrez folgt, daß die Möglichkeit einer physikalischen Erklärung den Glauben
an ein göttliches Eingreifen ausschließt; gegen eine solche Ansicht wendet sich Platon
Nomoi g66e. Den umgekehrten Schluß zieht Lukrez 6, 53ff. Der Versuch einer Synthese
beider Vorstellungen findet sich bei Euripides, Troades 885f.: ... bottg mot” ef oh, Juorémaotosg eldévar, | Zeig, eit’ dvayım póoeog elte voög Bporäv...
! Den Vergilversen Entsprechendes bei Lukrez 2, 7f.: sed nihil dulcius est, bene quam
munita tenere | edita doctrina sapientum templa serena..., in V. 14f. die Antithese: o miseras hominum mentes, o pectora caeca! | qualibus in tenebris vitae quantisque periclis | degitur
hoc aevi quodcumquest! Die Formulierung bei Vergil scheint an 3, 1071f. angelehnt zu sein.
Weiteres bei E. PARATORE, Spunti lucreziani nelle ‘Georgiche’, Atene
e Roma 41, 1939,
177 —202, bes. 180 ff.
* Aus der Fülle der Belege sei auf 3, 36 ff. verwiesen. Bezeichnend für die Einstellung
der Epikureer zur Physik ist R. S. 11 el unOav huäc al rüv petedpav brrolar Avayrouy val,
ai mepi Oavérou . .. obx av Tpooedebgeda puorokoytas.
® Zur Bedeutung von Erkenntnis für die Erlösung F. BAMMEL, RGG III s. v. Erlösung mit Hinweisen auf Analogien in Indien; ferner L. RICHTER ibid. Sp. 596f. mit
kurzen Bemerkungen zur griechischen Philosophie.
Page 27
View in PDF(opens in a new window)Buch I
297
Felices animae, quibus haec cognoscere primis
inque domus superas scandere cura fuit!
303
nec levis ambitio perfusaque gloria fuco
magnarumque fames sollicitavit opum :
admovere oculis distantia sidera nostris,
aetheraque ingenio supposuere suo.
Sic petitur caelum.
Der Makarismos des Weisen ist hier von Ovid zur Seligpreisung des ‘Astronomen’ verengt, die ihrerseits topisch geworden ist!. Das Aufblicken des Menschen zum Himmel erinnert ihn an sein göttliches Erbteil, erhöht ihn und erhebt ihn über die Fehler und Wünsche der Menschen?. Astronomie als QeooéBera? und Ögorov —6polw-Erkenntnisprinzip treten hier zu idealer Konkurrenz
zusammen. Das Vergil Aeneis 9, 641 zitierende ‘sic petitur caelum’ als munus
der Philosophie entspringt dem gleichen Vorstellungsbereich wie der Makarismos des Weisen. Seneca Ep. mor. 48, 11 spielt darauf bereits wie auf einen
Topos an: Quid dicitis? sic itur ad astra? Hoc enim est, quod mihi philosophia
promittit, ut parem deo faciat...
6
Xenophon berichtet uns in den Memorabilien von einem Gespräch zwischen
Antiphon® und Sokrates, in dem sich Antiphon mit folgenden Worten an
Sokrates wendet: "Q Lexpates, yo ev dmv tod puaocopobvrac evddatwoveorépoug ypïjvar yiyveodaı ob SE por Joxeis tdvavtia THs pLdocoplag droke1 Ansätze dazu bereits bei Anaxagoras, vgl. oben S. 420 ff. Aristoteles schreibt im
Protreptikos fr. 11 Warzer Pythagoras als Antwort auf die Frage, warum wir geschaffen
worden seien, die Worte tod Oedoabar tov obpavév zu. Die erhebende Wirkung astronomischer Studien wird bei Platon, Nomoi 966ef. eingehend begründet. Die Belege aus dem
römischen Bereich sind gesammelt bei F. Bömer, Die Fasten, Heidelberg 1957 ad 1.
Über Sen. ep. mor. 64, 6 ist der Topos in die abendländische Bildungstradition eingedrungen; dazu E. Bicker, Kant und Seneca. Der bestirnte Himmel über mir und das moralische
Gesetz in mir, Rh. Mus. 102, 1952, 289— 292.
2 Vgl. auch S. 421 f.
® Die religiöse Aufgabe der Astronomie wird von Platon in den Nomoi 822aff. und
966d
ff. herausgestellt; im Anschluß daran von Philipp von Opus in der Epinomis 982aff.
Es läßt sich kaum bezweifeln, daß diese Vereinigung von Astronomie und Götterglauben
von Platon selbst stammt; dazu W. BURKERT a. a. O. 344.
* Ähnlich ep. mor. 73, 15.
51,6,2; es handelt sich hier wohl um Antiphon 6 oogpıorhs, der bei Aristoteles
Phons Memorabilien, Schweizer Beitr. 5, 1953, 152.
ERA ve nd Agde
me nn ve
é tepacxémog genannt wird (fr. 75 Rose), vgl. O. Gicon, Komm. z. 1. Buch von Xeno-
Page 28
View in PDF(opens in a new window)Aavxévar. Antiphon trägt ohne Zweifel nicht seine eigene Ansicht über die
Wirkung der Philosophie vor, sondern konfrontiert Sokrates mit dessen
eigener Behauptung über die eddotpoviat, die durch die Philosophie zu
erlangen sei?. Auf der anderen Seite mißt er aber die behauptete eddatpovia
durchaus in den üblichen Kategorien: Sokrates ißt und trinkt schlecht, ist
ärmlich und unzureichend gekleidet und kommt nicht in den Besitz von Geld.
Wie also kann er glücklich sein? Durch diese geradezu sophistische Verschiebung der Ebenen kann Antiphon Sokrates vor den Ohren seiner Zuhörer als
xaxodargoviag SiSoxanoc hinstellen. In der Anekdote, die Xenophon in
apologetischer Absicht berichtet — Sokrates hat nun die Möglichkeit, die
Prinzipien seines Lebens zu erläutern —, wird ein Problem angesprochen, das
uns unter einem besonderen Gesichtspunkt im folgenden beschäftigen soll:
Wie haben die Nichtphilosophen auf den anspruchsvollen Makarismos des
Weisen reagiert ?
In der Doxographie sind uns eine Fülle von Anekdoten im Stile der Xenophontischen überliefert: Der ärmliche, sein kärgliches Mahl verzehrende Philosoph wird gefragt, welchen Nutzen er von der Philosophie habe’, die typische
Interviewfrage an Philosophen. Als Gewinn wird dann etwa die Zufriedenheit
mit sich selbst oder den äußeren Umständen genannt. Der Durchschnittsgrieche hatte sich bereits an solche Sonderexistenzen gewöhnt und begegnete
ihnen mit distanzierter Urbanität. Die dewpt« des Philosophen wird mit dem
Beginn des Hellenismus kaum noch in Frage gestellt oder ist längst vollständig in den Dienst der Ethik getreten. Eine Auseinandersetzung mit dem
Makarismos des Weisen hat sich am Ende des 5. Jahrhunderts vollzogen, als
die Philosophie als Lebensform noch nicht selbstverständlich war und ihr
Anspruch auf eddatuovia auf Befremden stieß. Aristophanes hat sich mit
diesem Problem nur recht oberflächlich befaBt*, Sophokles es kaum gestreift, jedoch der Dichter, der den Preis des ‘reinen’ Wissens in eines seiner
Werke aufnahm, hat auch die Ambivalenz des reinen Wissens erfaßt und sie
unter vielerlei Aspekten behandelt: Euripides.
Euripides ist der erste, der den Makarismos des Weisen aus vielerlei Gründen bestritten hat. Der Dichter, von dem wir den am reinsten ausgesprochenen
10. GIGON weist a. a. O. 153 auf den ‘sokratischen Klang’ von eddatuovie hin.
2 Wichtige Bemerkungen über die Neuorientierung des Erkennens als Grundlage der
eùdaugovia bei H. KuHn, Sokrates, Berlin 1934 (1959), 89ff. und roz2f. Die Auseinandersetzung des Euripides mit Sokrates spiegelt sich Hippolytos V. 377ff.; dazu B. SNELL,
Das früheste Zeugnis über Sokrates, Philol. 97, 1948, 125—134, und H. HOMMEL, Das
7. Kapitel des Römerbriefs im Licht antiker Überlieferung, Theologia Viatorum 7, 1961/2,
106—116.
3 Diog. Laert. 2, 68 épwrnbeis ri abt mepuyéyovev éx priocoptas (Aristipp); 6, 6;
5, 20.
4S,S.422 Anm. 2,
Page 29
View in PDF(opens in a new window)Makarismos des Weisen besitzen! und den Altertum und Neuzeit gern pauschal mit dem intellektualistischen Optimismus der Sophisten in Verbindung
brachte, hat in einer Reihe von Stücken seiner Skepsis gegenüber der beseligenden Wirkung des Wissens Ausdruck gegeben. Orest reflektiert in der Elektra
V. 294ff. über die Lage des Wissenden und Unwissenden, bevor ihm Elektra
den gewünschten Bericht über ihr eigenes Schicksal und das des Vaters gibt:
éveott 8’ otxtos dalla uèv ovdapod,
v
>
ki
2
[4
A
>
~
o
3
~ .
A
IM IPL
gopoïor
à 2 dvòpöv:
xal\ yap
odd’
&Cyutov
yyauny Eveivaı Tois sopots Alav copy.
Die beiden letzten Verse sind Indiz dafür, daB diese Worte eine über die
konkrete Situation hinausgehende Bedeutung haben. Den Wunsch allein, zu
wissen, welches Schicksal seinen Vater ereilt hat, kann man kaum als Streben
nach einer yy@py Mav copy bezeichnen. Doch zeigt sich in diesem “berechtigten’ Wissensdurst für Euripides das Wesen des Wissens am deutlichsten.
Der allzuviel wissende Mann bezahlt — in noch höherem MaBe — sein Wissen
mit otxtoc, er leidet unter der Last dieses Wissens?. Reflexionen dieser Art
finden sich noch vielfach bei Euripides; in den Herakliden stellt der Chor
Erwägungen über das menschliche Glück an (odtwé pnt Oediv &rep dABtov . . .),
die in die Feststellung münden:
615
góporga 8’ odrı puyetv Depts, où oopla Tic ammoetaL, GAL rdtav 6 TP6Buu.og del mövov EEeı.
Die für Euripides charakteristische Konzeption des Atav oopóg ist eine deutliche Absage an jeden intellektualistischen Optimismus. In den Anweisungen
für die Erziehung der Kinder läßt Euripides Medea, die yuvn copy par excellence®, ein unbeabsichtigtes vaticinium auf das Schicksal des Sokrates
— in vieler Hinsicht aber auch sein eigenes — aussprechen:
294
yeh 8° oöro0’ Boris Aprippwv mépux’ dvhp
naïdag nepuoods xdiôdoxeodoar copobc
xwets yap Kg he Eyovou doylas
pBévov pd doröv dApdvovar Svouevi.
1S, oben S. 421 — Für das Folgende sind zwei Arbeiten von besonderer Bedeutung:
E. R. Dopps, Euripides the Irrationalist, Class. Rev. 43, 1929, 97 —104 und K. REIN-
HARDT, Die Sinneskrise bei Euripides (1958), jetzt in ‘Tradition und Geist’ S. 227 —256.
2 Ein ähnlicher Gedanke Hekabe V. 1192 ff.
8 Med. V. 539, Iason zu Medea mndvreg dé 0° Hodovr’ oboav “EAAnves cophv | Ha
ÒóEav Boyes; V. 285, Kreon coph mépuxag xal xaxdv modAdv tec; Medea in ihrer Erwiderung V. 303 ff. cop) yap obox, rois uév ely’ éxipbovoc, | rois 8 hovyata, totic dé OaréFou todmov, | roîc 8 ad rpoodvmnc: elul 8’ ox &yav copy. In ähnlicher Weise wird in den
ERDER
See te.
Gestalten der Phaidra und ihrer Amme das Scheitern der weiblichen oogla gezeigt.
Page 30
View in PDF(opens in a new window)oxaoïor gèv yap xavd TPOTPÉPOV copa
~
A
SóEeuc dypetog xod copes TEPLXEVOL.
Kad
i
In diesen Versen findet sich eine exakte Analyse der sozialen Rückwirkungen
des Wissens: ÜbergroBes Wissen! isoliert den Menschen unter seinen Mitbürgern, die &pyix des betrachtenden Philosophen? erweckt MiBgunst, die
schlieBlich in HaB mündet. AuBert der Weise gar seine Erkenntnisse, so wird
er entweder als unnütz und töricht angesehen oder erscheint den ‘Dünkelweisen’ als lästig und als Ärgernis :Medea
300
zöv 8’ ad Soxobvtwy eldfvar TL TotxiAov
xpeloowy voutaels év mdAet AuTPOS pav.
Die allzugroBe copla ist ein meptoodv, vor dem man sich zu hüten hat?;
Leid und Haß stehen in ihrem Gefolge. So wendet Phaidra im Hippolytos in
berechtigter Sorge gegen die Pläne ihrer Amme ein: 518 d&dory’ Önwg por
wh May pavijs copy. Aus einer ähnlichen Haltung heraus warnt der Chor
der Bakchen vor den reptooot und läßt den wahrhaft Weisen* den Verkehr
mit ihnen meiden; denn Dionysos haßt den, der nicht darauf achtet
427
copay 8’ anéyew npanida ppéva te
TEPLOGOYV TANK pw TvV.
In apodiktischer Kiirze spricht der Bote in der Medea am SchluB seines entscheidenden Berichts die deutlichste Absage an den Makarismos des Weisen
aus:
1225
odd’ Av Tpéaag elmo Tobs copobc Bpor@v
Soxodvtas elvar xal HEPLUNNTÈG Abyav
robrouc neylormv Cmptav dpArondvety.
Ovnräv yao oddelg gotiv eddatuwv dvi...
1 Achill warnt IA V. 924f vor einem Alav ppoveiv, ohne allerdings die yvoun ganz
zu entwerten. Im Hippolytos V. ııııf. bittet der Chor um die Gunst des Zufalls und
Gedeihen, ein kummerloses Gemüt und weder die volle Erkenntnis der Wahrheit (d6&a
Sè un’ drpexhe) noch trügerisches Wähnen (un ad (86Ea)} map&onuoc). Vgl. auch die
Worte der Medea an der S. 431 Anm. 3 ausgeschriebenen Stelle.
2 Die Vorwürfe des Durchschnittsgriechen gegen die Philosophen sind nach Stichwörtern zusammengestellt bei F. Bott, Kl. Schr. z. Sternkunde des Altertums 326
ff. und
A. WEIHER, Philosophen und Philosophenspott in der att. Komödie, Diss. München 1913,
passim.
3 Ähnlich Hippolytos V. 443ff. Könpıg yap... dv 8° Av neproodv zal ppovodvd” eben
péya, | toltov AxBotion — nado Soxetc; — xaOdBoroev.
tE. R. Dopps übersetzt: »And to withold the mind and understanding in true
wisdom (oopdv predicative) from men who reject the common rule.«
Page 31
View in PDF(opens in a new window)Die Verse lauten in der Übersetzung von Karl REINHARDT: »Kühn sag’ ich
heraus: die sich für weise halten, die Grübler im Geiste, sind die am meisten
Gestraften! Denn glückselig ist kein Sterblicher . . .« In die topischen Gedanken von der Nichtigkeit des Menschen (V. 1224) und des Fehlens eines dauernden Glücks! ist der Gedanke von der äuBersten Ausgesetztheit des betrachtenden Weisen eingeschlossen: er teilt nicht nur das Schicksal aller Menschen, kein gesichertes Glück für sich gewinnen zu können, sondern er ist darüber hinaus der Gestrafte, Unglückliche?. Worum es Euripides letzten Endes
ging, ist, das SelbstbewuBtsein des ‘konsequenten’ Rationalismus zu zerstören.
Zwei zunächst prinzipiell geschiedene Gesichtspunkte bestimmen Euripides’ Stellung zum Wissen: Skepsis gegenüber der Ambivalenz menschlicher
cogta und eine erstaunliche Sensitivität für die ‘Last’ des reinen Wissens. Die
oopta gibt dem Menschen die Möglichkeit in die Hand, ohne Rücksicht auf
Gut und Böse seine Pläne durchzuführen, zugleich aber ist sie die ihn auszeichnende Eigenschaft. Diese Antinomie innerhalb des Begriffs der oopta ergibt sich aus seiner Übertragung aus dem Bereich der ethisch indifferenten
handwerklichen Geschicklichkeit in denjenigen menschlichen Zusammenlebens. Mit der Anwendung der copta auf das menschliche Leben insgesamt
geht das handwerkliche Verfügenkönnen verloren; insofern ist der konsequente Rationalismus als Lebensform für Euripides eine gefährliche Utopie,
gegen die er zu Felde zieht. Die Gefährlichkeit wird exemplifiziert an der yuvh
cop, an der sich für ihn in unheimlichster Weise zeigt, wie sich Rationalität
auf Grund irrationaler Antriebe entfalten kann.
Tübingen
BURKHARD GLADIGOW
1 Vgl. oben S. 425 Anm. 4.
* Im Munde des Chors der Bakchen hört sich das so an: 16 copòv 8’ où oonl« | TO
ze uh Ovnrà ppoveiv. Bpaybe atv (3951). Im Wesentlichen herrscht Übereinstimmung:
Ubermenschliche Weisheit ist unklug.
* Am Beispiel der yuvh reflektiert Hippolytos über diese Verbindung: oophv d& puc:
wh yap vy’ èuoïs Sóuors | ein ppovodoa maActov’ 7) yuvatxa yon. | 16 yap xaxodpyov A AOV
évtixter Könpıs | Ev tatg copaiow: hj 8° dunxavos Yyuvh | youn PBpaxela goptav dpnpéôn.
(640ff.), —
AbschlieBend darf ich Herrn Prof. H. HOMMEL dafür danken, daB er meine Ausführungen einer Durchsicht unterzogen hat, sowie meinem Freunde Dr. H. CANCIK, daß
BEEREN nn sere senen
er eine Reihe von Problemen mit mir durchgesprochen hat.
Hermes 95,4