Griechische Philosophie und Wissenschaft.

Author
Szlezak, T.A.
Published in
Propylaen Geschichte der Literatur.
Year
1981
Subject
HISTORY
Language
Deutsch
Category
C1 General
Archive number
5404

Open PDF(opens in a new window)

Show full text12 pages

Page 1

View in PDF(opens in a new window)
Griechische Philosophie und Wissenschaft Thomas A. Szlezák Griechische Philosophie und Wissenschaft S Kou D BAEZAK STA. sie nicht als Gegensätze gebraucht: Protagoras bietet ge ZU stellen? Ist wenigstens so viel Einheit in dieser bedeuten -, dann die Begründung; und er weist erst mehr schon in ihren Zielsetzungen voneinander einen hieden? Dient der Philosophiebegriff des des anderen radikal in erung rienti Grundo die h sich an, die Gerechtigkeit sei es in einem Mythos, sei es in einem Logos zu explizieren, und bringt schließlich erst die »Erzählung« - mehr braucht Mythos nicht zu evicklung zu sehen, daß alle Philosophie ihrerseits h als radikale Infragestellung anderer Weisen der eltbewältigung versteht, oder verfolgt sie von dann darauf hin, daß er sich nunmehr beim Logos befindet, als seine Darlegung schon längere Zeit rational er ist ihm gar nicht wichtig, denn Mythos und Logos können sich auf ein Gemeinsames richten, das in keiergang »vom Mythos zum Logos« (Wilhelm Nest- Vielleicht hat Platon dieses doppelte Verfahren - nicht nur im Blick auf den »Sophisten« Protagoras so solle, in teilweise phantastischen symbolisch-allegorigestaltet. Faktisch bleibt die »mythische< Darstellungsweise gerade auch bei ihm, dem Begründer der jorrationalen Zeitalters stehen, Logos für die beginattischen Logos-Philosophie, in verwandelter Form verstehen wollen. Mythos würde so für die traditio schen Erzählungen gebotene Welterklärung eines »Weisheit« in einer ihrer Formen: als ethische, als theodoch jedermann zugeben würde, daß sie den Maßstab logische, als spekulative oder mystische gehört zu jeder Hochkultur. Philosophie hingegen gilt als spezifisch griechisch. Und insofern Wissenschaft ein Kind nicht der Weisheit, sondern der Philosophie ist, sind gesetzt hat und bis heute setzt für das, was als philo * diese beiden Segmente des kulturellen Erbes der Antike, die Wissenschaft und die Philosophie, als die für die europäische Neuzeit und damit die heutige Weltkultur charakteristischsten Formkrafte anzusehen: Bedeutende Anregungen in Religion, Kunst, Literatur und auf dem Gebiet der wirtschaftlichen und politischen Organisation und Gestaltung hätten auch von einer andersgearteten Ursprungskultur ausgehen können. Was die europäische Kultur schließlich zur Domination anderer Kulturen befähigte, konnte sie so nur von den Griechen erhalten. Der Sinn dieser Feststellung ist nicht, die wenigen noch verbliebenen Philhellenen mit Genugtuung und Stolz zu erfüllen, vielmehr führt sie geradlinig zu der Einsicht, daß, je fragwürdiger die moderne Kultur sich selbst geworden ist, desto schwieriger auch die Wertung der ursprünglich im Rahmen der griechischen Philosophie und Wissenschaft getroffenen Weichenstellungen werden muß. Am weitesten ging hierin Heidegger: Das Unheilvolle des technischen Denkens nahm für ihn seinen ersten Anfang dort, wo ein ursprünglicheres Vernehmen des Seins der platonischen Ideenschau weichen mußte - also dort, wo das auf» Weisheit: zielende Denken der frühen Zeit sich zur eigentlich griechischen »philo-sophia« oder »Liebe zur Weisheit« wandelte. Zwar versteht Heidegger diesen Vorgang als »Seinsgeschick«, hat also nicht Kulturkritik am Griechentum sophische Frageweise anerkannt wird oder nicht. Diese radikale Infragestellung der geschichtlichen Rolle des griechischen Denkens soll hier wiederum nicht in der Absicht an den Anfang gestellt sein, sie entweder pauschal zu übernehmen oder ihr aber eine zähe Apologetik entgegenzusetzen. Alle Apologetik gentliche Züge namentlich der frühesten Phase thete + Form auftreten, in Platons Dialog Protagoras, sind Aussage verpflichtet zu sein, durchaus auch im Rah- Gewiß lassen sich mit diesem Begriffspaar weinatisieren. Doch ist der Gegensatz von Mythos und Logos bei näherem Hinsehen beileibe nicht so eindeués. Wo die beiden Begriffe in literarisch einprägsamanzutreffen, wie der Fall des Dichters Hesiodos zeigt. Musen, und hier wäre man geneigt hinzuzufügen: also nicht dem eigenen Denken. Doch Hesiods Musen scheiden streng zwischen Wahrem und Falschem, das sie eingeben können, und insofern in Hesiods Werk nur die Wahrheit der Musen eingegangen ist, ist der spätere Gegensatz zwischen der vermeintlichen Unverbindlichkeit des Mythos und der Strenge desLogos tive wäre zu fragen, ob Heidegger mit seiner neuen Mythologisierung des Denkens dem >Ursprung: nicht eine zu ausschließlich determinierende Kraft zuhier bereits im Bereich der Dichtung selbst vorgegeben, die man gern ganz dem Mythos zuweisen würde schreibt. Im Verfolg solcher Fragen, die tief in die Geschichtsphilosophie hinein und noch jenseits über (Richard Kannicht, 1980). Überraschend ähnlich tritt der erneut strenger gefaßte Wahrheitsanspruch bei Parmenides auf: Auch ihn weist eine Göttin ein, und sie will ihn beides lehren, sowohl die reine unerschütterliche Wahrheit als auch die nicht verläßlichen Meinungen der Sterblichen (Fr. B 1,28-30 D-K). Hier dient die alte mythische Form der Belehrung von göttlicher ihre Grenzen hinausführen würden, müßte man den inkriminierten griechischen Ursprung über weite Strecken aus dem Blick verlieren. Dem Impuls des Infragestellens - der ja nicht auf Heidegger als ersten Urheber zurückgeht, wenn er auch von ihm in vorläufig letzter und radikalster Form formuliert wurde - kann der hier gebotene Abriß gleichwohl einen wesentlichen Aspekt der Darstellung entnehmen: Wenn der entscheidende Einschnitt Seite zur Einführung der Konsequenz der Begrifflichkeit als einzigem Kriterium der Wahrheit, selbst wenn solche Konsequenz zur Negation dessen führt, was alle Erfahrung, sei es die alltägliche oder die von den Muvor Platon zu legen ist (oder - mit Nietzsche - vor Sokrates), so fällt er mitten in eine Entwicklung, die man mit Aristoteles, mit der späteren antiken Doxographie und nicht zuletzt mit Hegel als Einheit zu sehen gewohnt ist. Wie steht es also mit der Einheit der griechischen Philosophie? Gibt es in ihrer Geschichte überhaupt einen einheitlichen Philosophiebegriff, oder sind Parmenides und Aristoteles, Aristoteles und Epikur, Epimen des an mythische Formen gebundenen Denkens Wie andere Dichter verdankt er sein »Wissen« den tierung der heutigen Weltkultur bestimmt. Und vor einer Übernahme der »seinsgeschichtlichent Perspekoder ‚Nicht-mehr-tragen-könnens einer sich anbietenden tieferen Unverborgenheit des Seins gerade an der attischen Begriffsphilosophie hängen, von der nem von beiden aufgeht. erhalten, und die spätantike Rückkehr zu Platon bedient sich seit Plotin in wachsendem Maße der Bilder und Metaphern um Erfahrungen zu bezeichnen, deren adäquaten Ausdruck man dem Logos nicht mehr zutraut. Auf der anderen Seite ist der Anspruch, einem strengeren Begriff von Wahrheit und begründeter nde Rationalität und Emanzipation von der Tradimüßte sich zugleich auch mit der Wertung dessen * befassen, was nach den griechischen Anfängen an neuen Impulsen hinzukam und was schließlich als Resultat der heterogenen Elemente die Grundorienim Sinn. Dennoch bleibt das Odium des Versagens begründend verfuhr - der Übergang war also fließend, fang eine Mehrzahl von Zielsetzungen? Man hat das Neue der geistigen Bewegung, die sich eBlich den Namen Philosophie gab, als einen 5 \a&\ "und Plotin nicht nur in ihren Antworten, sondern Lehrender Philosoph. Bronzestatuette, drittes Viertel des Jahrhunderts v. Chr. Paris, Bibliotheque Nationale, Cabinet des Medailles sen eingegebene, bisher anerkennen mußte: der Bewegtheit und Vielheit der Dinge. Damit ist ein neuer Gegensatz ganz anderer Art aufgerissen: Dem reinen Gedanken oder Logos tritt die bloße Erfahrung und Erkundung des Wißbaren - die »historia« der ionischen Denker - gegenüber. Doch der Versuch einer Abwertung der »historia« gegenüber dem reinen Den-

Page 2

View in PDF(opens in a new window)
den Wesen realisieren (zum Beispiel Metaphysik ; und das »Mytworten (Metaphysik 1000a, 9-18) maßen beeinflußten Empedokles. Doch muß Eudaimoniestreben nicht eschatologisch orienti 1070b,30-32). Ebendies wird man, auch wenn die be- Betrachnene« nennt er hier genauerer ch-Erson grifflichen Distinktionen noch fehlen, den frühen Alldoch die Fragepicht wert. Andererseits sind ihm nwärund Antworten der Seodoyor stets gege sein. 190g àv9póng daip@v, sagt Hekrakleitos: 44 Menschen Ethos ist sein Daimon; und so wahr phi Ursachen Wasser Feuer Luft zugute halten dürfen. Bezeichnenderweise handelt es sich um »Elemente«, die weisen de Parallelen zwischen ihnen ig. und er zieht erhellen aphysik 993», 11-14). ad den Naturphilosophen (Met sophische Ethik zur Formung des Ethos beitr kann, so wahr will das Denken sich auch als Weg À in steter Bewegung sind. Das träge »Element( Erde kommt erst bei Empedokles zu den übrigen hinzu und wird wie diese von den kosmischen Kräften Liebe und eund in gewissem Sinne Eudaimonie empfehlen. “Überhaupt ist der Mythenfr , ein »philosophos« (MeEs gibt also eine Vielfalt von Oppositionen. D heit Sich ein Fre und der Weis t auch gelten, emanzipatorische Effekt der (vermeintlich) neu er ; * gaphysih 982 b, 18-19) - müßte dann nich deckten Rationalität ist durch ‚Mythos - Logos: eingt : daß der My thendichter selbst vin gewissem Sinnet germaßen adäquat bezeichnet; aber das »Mythise) =Philosoph sein muß? die in der Tradiee to-philosophischen Positionen, eus und Musaios tion über mythische Sanger wie Orph schon als Wissen den Vorrang vor der >Sorge um wenn sie die alten Erklärungen, die mit dem Wirk der Götter rechneten, will ersetzen oder aber fundi ren können, sie muß Naturwissenschaft oder de Grundlegung ebenso wie Seinsspekulation und G sellschaftstheorie bieten, wenn sie ihren stets strenger gefaßten Wahrheitsanspruch in umfassenderer Wei will einlösen können. Vorsokratik ken konnte nur solange Eindruck machen, als die Gesetze des Denkens selbst nicht erkannt waren. Mochte Angesichts der unterschiedlichen Erkenntnisziele wird schon die Auswahl der Texte, die man als Teil di stellt haben, spätestens seit Aristoteles mußte klar sein, daß Philosophie nicht einfach einer der beiden Seiten ganz zugeschlagen werden kann. Entwicklung der griechischen Philosophie betrachte Belehrung durch göttliches Wissen bedeutet aber nicht nur den Erwerb theoretischer Einsicht, sondern Wo ist der Anfang dieser Entwicklung, was sind ihre + »Vorläufer(, was ist bloßer »Hintergrund«? Bei dei 4 insbesondere auch die Befreiung von den Wahnvorstellungen, denen die gewöhnlichen Sterblichen ihr Unglück verdanken. Der Wissende ist so der in dopschrittweisen Ablösung des älteren Weltverstandni ses durch das neue wird es keine endgültige, von allen peltem Sinne Ausgezeichnete: Durch das Wissen, das in sich ein Wert ist, ist er zugleich der von allen erstrebten »Eudaimonia< näher. Denken und Wissen als eine Form der Daseinsbewältigung tritt in Konkurrenz zu denjenigen Formen von Religion, die ein glückseliges Dasein im Jenseits verheißen, zu »Orphik und Mysterien also. Deutlich ist dies vor allem im Pythagoreismus, aber auch bei dem von Pythagoras, von Parmenides und von der ionischen Naturspekulation gleicher- Sinne bemiihen sich moderne Textim Gegensatz Zum Vertrauen auf die Kraft des Geda kens schafft ein anderes und schwierigeres Probl Seele beanspruchen kann. >Philosophiet aber muß dies integrieren können. Sie muß Theologie biet Parmenides die Alternative noch so provokativ gedenken ist weit eher als die vermeintliche Orientierung an der Materie das metaphysische Einheitsstreben: : Se dierten religiösen Formen und die Normen der Gese schaft, sondern auch das Wissen selbst, das ja nic Bildnerische Deutung der orphischen Lehre über Lohn und Strafe im Jenseits: Eurydike an Hermes’ Hand beim Abschiednehmen von ihrem schuldig gewordenen Gatten Orpheus vor ihrer göttergewollten endgültigen Rückkehr in die Unterwelt. Römisches Marmorreliefnach einem Vorbild des Jahrzehnts zwischen 420 und 410 v. Chr. Neapel, Museo Archeologico Nazionale Streit bewegt. Charakteristisch für dieses Ursprungsin einem weiteren Sinne wird nicht schlechterdin funktionslos. Die Orientierung an den Phänomen, der Vermittlung; und das Streben nach Glückseligk kann alles andere in Frage stellen, nicht nur die tr will, zu einem nicht befriedigend lösbaren Proble akzeptierte Antwort hierauf geben. Aristoteles stand. bereits vor demselben Problem. Die an mythische For-: men gebundenen Denker vom Typ Hesiods, die ef. gern »Theologen« und »die aus der Nacht (die Dinge) entstehen lassen« nennt, kann er zwar hart tadela wegen ihrer Neigung, Erklärungen anzubieten, die keine sind: Zu sagen, daß die Götter unsterblich sind, weil sie Nektar und Ambrosia genießen, heißt der Frage, warum manche Dinge unvergänglich, manche vergänglich sind, eher aus dem Weg gehen als sie sem een und Darstellungen, die vor- oder besser oder in n der Spruchweisheit der sogenannten Siebe Aussagen bei Hesiod Weisen, in den kosmogonischen lten sind, in größeentha Syros von kydes Phere ader beziehen (so beieinzu ng Umfa rem oder geringerem , Giorgio Colli; “spielsweise Diels-Kranz, Kirk-Raven ie): Guthr C. W.K. ter, raech Ueberweg-P EntZu Als gut aristotelisch kann freilich auch die Vorläufer« sheidung gelten, die Vorläufer als »bloße ings neuerd es wie en, chließ auszus on der Darstellung (1979) olfgang Röd (1976) und Jonathan Barnes h kritisc sich eles Aristot wo dort, Denn tan haben. ench historischen Vorstufen seines eigenen Ursach enkens 257 Die unendliche Vielfalt der Dinge kommt aus einer identischen äpyñ und geht in sie wiederum zurück. Diese kühne Vereinheitlichung der erfahrbaren Vielheit trägt trotz der naiven Konkretheit der benannten äpyui bereits den Ansatz zur Negation der Erfahrungsevidenz in sich, wie sie Parmenides in das griechische Denken einführte und Platon in subtilerer Form zum Nutzen der wissenschaftlichen Theoriebildung fortentwickelte. Nicht ganz so konkret mutet die àpxñ des Anaximandros an, eines weiteren milesischen Denkers, den die antike Tradition zwischen Thales und Anaximenes BEEP OS: umsieht, zu Beginn der Metaphysik (A3, 983 b, off), dort setzt er gleich bei der ionischen Naturphilohie ein und nennt Thales von Milet den »Urheber lcher philosophia«. Erklärung der Dinge aus nicht persönlich gedach- ‘ten ersten Ursachen und Prinzipien war etwas, das erst im kulturell fortgeschrittenen lonien begann. b die geographische und geistige Öffnung zu den jochkulturen des Ostens die Entwicklung überhaupt rst in Gang brachte und wie weit sie sie prägte, wird n; och längere Zeit eine kontroverse Frage bleibe L. West (1971) gab eine sehr positive Einschätzung es orientalischen Einflusses. Der »Urheber« Thales oll das Wasser als Urgrund der Dinge bezeichnet aben (eine Schrift besaß die Nachwelt nicht von ihm), Anaximenes die Luft, Heraklit von Ephesos das Feuer. Aristoteles stuft diese Ansichten als verschiedene Erklärungen der Materialursache der Welt ein, in zugleich der Vorwurf einer unzulänglichen und eitigen Betrachtungsweise liegt. da die wichtigefen Ursachentypen, die er Beweg- und Formursache üennt, übersehen seien (Metaphysik 9842,17). Indes ja auch seine eigene Ursachentheorie die Mögant Behkeit, daß mehrere begrifflich unterscheidbare »Ur$gchentypen« sich in ein und demselben verursachen- Herakles als Träger des Himmelsgewölbes vor dem Gordischen Knoten und dem Apfel der Hesperiden in der Hand von Atlas. Vasenbild auf einer Lekythos des AthenaMalers, zwischen 480 und 470 v. Chr. Athen, Archäologisches Nationalmuseum

Page 3

View in PDF(opens in a new window)
ansetzte: Das Unbegrenzte (td ärteıpov) war für ihn der Ursprung. Es ist indes nicht anzunehmen, daß Anaximander sein üneıpov anders dachte als ein qualitativ nicht festlegbares und quantitativ nicht klar eingegrenztes, aber nicht notwendig räumlich unendliches materielles Etwas. Einen qualitativen Sprung des Denkens zeigt dieser Begriff nicht notwendig an: Es ließe sich auch als Rückgriff auf das hesiodische »Chaos« deuten; nach einer Andeutung des Aristoteles (De caelo 303b,10) scheint es aber durch seine Mittelstellung zwischen Wasser und Luft durchaus die Konkretion dieser ‚Ursprünge« gehabt zu haben. Wichtiger als der Begriff) Apeiron: ist der »Satz des Anaximander - denn nur ein Satz ist von ihm wirklich überliefert: »Woraus aber das Werden der Dinge ist, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe 259 sendste moderne Aufarbeitung des Quellenmaterials zung des modernen Existenzphilosophen für die Ry stenzform der »Uneigentlichkeit« und »Verfallen sind noch eine milde Sache im Vergleich mit Hera Verachtung für die, die den AÓ6yog nicht erkennen (Burkert, 1962/1972) gezeigt hat. Pythagoras steht mehr für die Fortführung alter religiöser Praktiken und Tabus als für den Aufbruch in geistiges Neuland. Den priesterliche Pose des verschlossen-stolzen Heraÿ Anschluß an die sich entfaltende wissenschaftliche gehobenseins des Wissenden aus dem erkenntnisl Pöbel hat die griechische Philosophie in wechselnd; Weltsicht der übrigen Vorsokratik gewannen die Pythagoreer wohl erst mit Philolaos (spätes 5. Jahrhundert) und Archytas. Doch durch die Vermittlung Pla- © Formen seit Heraklit über Platonismus, Kynismus u, Stoa bis zum Neuplatonismus begleitet. Die Verachtung Heraklits gilt indes nicht etwa} tons wurden pythagoreische Grundgedanken gleichwohl zu bleibenden Formkräften des griechischen diglich der Unbildung. Bildung im Sinne vielfältigen Wissens ist aufs deutlichste mitverurteilt: »Vielwisgg Denkens: so die Bedeutung der zahlenmäßigen Prorei lehrt nicht Verstand haben; sonst hätte sie es Hé siod gelehrt und Pythagoras und Xenophanes ung?” Hekataios« (Fr. B40 Diels). Pythagoras ist Ahnhey = Gedanke von Proportion, Ordnung und Harmonie in der Schwindler (B81; B129), Homer verdient Schläge : = und Präexistenz der Seele. Platons Timaios - ein frühes Beispiel für die spätere portion als geheimes Strukturgesetz aller Dinge; so der allen Bereichen, im Kosmos ebenso wie im menschlichen Verhalten; so der Glaube an die Unsterblichkeit (B42). Was für Heraklit zählt, ist die Konzentrationa die verborgenen Strukturgesetze des Alls: »Allesj einss, in allem waltet eine »gegenstrebige Harmonig unhistorische Überbewertung pythagoreischer Wissenschaft - integriert auch umfangreiche medizinibeobachten ist - man könnte an den Ausgleich von (B51), die Gegensätze sind letztlich eins: Unsterblich sind Sterbliche und Sterbliche Unsterbliche (B 62), dé Weg hinauf und hinab ein und derselbe (B60); a sche Kenntnisse in den Welt, Seele und Mensch umspannenden Gesamtentwurf. In der Tat hatte sich die medizinische Wissenschaft nicht in Isolation von der Wärme und Kälte im regelmäßigen Kreislauf der Jah- Dinge Vater ist der Krieg (B53), und doch ist Gott zi reszeiten denken -, formuliert er in einer Sprache, die gleich Krieg und Frieden; und dies »allein Weise nicht und will mit dem Namen des Zeus benannt wer: den« (B32). Mag Heraklit den anderen Ioniern in ma: naturphilosophischen Spekulation entfaltet, und dies war gewiß eine der Voraussetzungen für ihre Entwick- = Haligtum von Dodona, um 470 ©. Chr. Berlin, Staatliche chem nahestehen - auch Anaximanders äreupov wa = Maen Preuffischer Kulturbesitz, Antikenmuseum und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung« (Fr. B1 Diels). Die Vorgänge des Wechsels sieht Anaximander mithin einer Notwendigkeit unterworfen; was an bestimmten Phänomenen zu noch ganz aus dem Bereich des menschlichen Rechts genommen ist, als eine Art Gesetz für alles, was ist: Man erkennt einen »ersten Ansatz zur Formulierung des Kausalprinzips« (Wolfgang Röd). Von einem ewigen göttlichen Logos durchwaltet ist der stete Wechsel der Dinge auch für Heraklit. Die formelhafte Zusammenfassung seiner Weltsicht - navra Pei »alles fließt« - hat bis vor kurzem fast die Rolle einer sprichwörtlichen Wendung im Sprachgebrauch des deutschen Bürgertums gespielt. Selbst in der Mißdeutung als Rechtfertigung des Relativismus zeugt dies Wort noch von der suggestiven Kraft von Heraklits Einsicht in die Unentrinnbarkeit von Vergänglichkeit und Wandel. Platon wurde von Aristoteles als Herakliteer geschildert, der die Überzeugung vom ewigen Fluß aller Dinge durch den Glauben an die unwandelbar selbstidentische Existenz einer neu ersonnenen Art von »Dingen«, der nur dem Denken zugänglichen Ideen, kompensieren mußte (Metaphysik 987a,32ff.). Heraklit selbst dachte nicht daran, eine höhere Welt »hinterc der Welt zu postulieren, und doch führt auch bei ihm die Erkenntnis des unendlichen Wandels aufein Identischesund Unwandelbares, nämlich den göttlichen Logos, der, mit dem Feuer als Urstoff identisch, zugleich substantielles Wesen und rationales Funktionsgesetz der Dinge ist. »Die Vielen« vermögen aber den Logos nicht zu erkennen: Das, was alle Dinge unerkannt eint, trennt die Menschen in nur allzu offenkundiger Weise - Mitleid und Geringschätunvergänglich und göttlich wie Heraklits Feuer -, die für die Milesier kennzeichnende kosmologische N turforschung, die mit einem Interesse auch für mathe. matisches Wissen verknüpft war, tritt bei ihm zurück zugunsten begrifflich-intuitiver Spekulation. Introversion und Reflexion sind noch eins in den wegweisenden Sätzen: »Ich suchte mich selbst« (B101) und »D Seele Grenzen kannst du nicht ausfindig machen, … s tief ist ihr Logos« (B45). Zu den von Heraklit Verachteten gehörte Xenophanes von Kolophon: Sein Tadel der Immoralität der homerischen Götter (B12) und der Einfalt der anthropomorphen Gottesvorstellung - die Rinder würden,s spottet er, rindergestaltige Götterbilder machen, wenn sie es könnten (B15) - wird indes als Prototyp chleudernder Zeus. Bronzestatuette, aus dem Zeus- - getadelte >Erzschwindler Pythagoras. Für die damaliReligion und Gesellschaft war er ein weit aufregenderes Phänomen: Wie Platon ihm bescheinigt (Podtea 6006), schuf er einen neuen fitdc, eine neue Da#insform, die Askese und charakterliche Bewährung itgeistiger Schulung verband und als Preis für diese en Formen der »Arete die politische Führung beinspruchte. Pythagoreische Bünde - für die das Gebot der Verschwiegenheit auch hinsichtlich der = pLehrec zweifellos eine Rolle spielte (Aristoteles Fr. 199 Rose; Aristoxenos Fr. 43 Wehrli) - beherrschten UB 5. Jahrhundert unteritalische Griechenstädte, so- Tange sie die demokratische Opposition niederzuhalten vermochten; noch im 4. Jahrhundert lenkte die ethisch-philosophischer Kritik an der »positiven« Rel# gion aktuell bleiben, solange es positive Religion= “5 tadt Tarent der Pythagoreer Archytas, mit dem Plageben wird. Der hier beginnende Konflikt der Philoso© #90 in persönlichen Kontakt trat. Der Einfluß des phen mit der Volksreligion - ein Konflikt, der Sokrates = Bythagoreischen Ideals auf Platons Staatsutopien ist den Tod, anderen die Verbannung brachte - wird = „ enkundig. Was an »Philosophie«im Kreis des Pythasogar noch die altgriechische Volksreligion über # # : &0ras getrieben wurde, ist hingegen dunkel; weder dauern: Kaiser Justinianus schloß im Jahr 529 n. Chr. = : Platon noch Aristoteles weisen ihm bestimmte geisti8 Leistungen zu. Die wissenschaftlich- philosophidie einst von Platon gegründete Akademie, weil der „B dem neuen christlichen € » aoe Fortgeschrittenheit der Pythagoreer und ihres neuplatonische Gottesbegriff feisters ist eine späte und unhistorische Glorifizie- Glauben nicht entsprach. Minder revolutionär erscheint heute der härter „ “rng des bewunderten Geheimbundes, wie die umfaslung von bloßer Heilpraxis zur Wissenschaft. Von allen Zweigen der vielfältigen vorsokratischen iotopia hat wohl - neben der Mathematik - die Medizin zuerst den Charakter einer Fachwissenschaft gewonnen. Wenige Namen aus der Antike sind bis heute so bekannt wie der des Hippokrates (um 460-370 v. Chr.). Zwar ist beileibe nicht alles, was im Corpus Hippocraticum unter seinem Namen überliefert worden ist, wirklich von ihm oder auch nur in seiner Zeit verfaßt: Die geistesgeschichtliche Analyse gerade des ältesten Bestandes der hippokratischen Schriften führt immer wieder zu neuen Datierungen. Bei aller Skepsis bleibt jedoch eine hinreichende Zahl von frühen medizinischen Abhandlungen, um den hohen Stand der ärztlichen Kunst einerseits und die methodische Reflektiertheit der griechischen Medizin des 5. Jahrhunderts andererseits eindrucksvoll zu belegen. Probleme von allgemeinerem naturwissenschaftlichen Interesse wurden in der medizinischen Literatur mit vorbildlicher Umsicht - und entsprechender Wirkung auf Begrifisbildung und Problembewußtsein der übrigen Wissenschaft - diskutiert: das Verhältnis zwischen der Erscheinung, dem Symptom, und seiner tieferen Ursache; das Verhältnis zwischen der allgemeingültigen Regel und den Erfordernissen des Einzelfalles; ferner der Gegensatz zwischen natürlicher und »übernatürlicher Erklärung (am Beispiel der »heilige Krankheit genannten Epilepsie). Platon schrieb Hippokrates die Überzeugung zu,

Page 4

View in PDF(opens in a new window)
Das Asklepieion im Bezirk der Arzteschule auf Kos, der Heimat des Hippokrates. Blick aufdie Reste eines Antentempels, 3. Jahrhundert v. Chr. man könne den menschlichen Körper erst kennen, nides’ hexametrisches Lehrgedicht, wie manch an, vorsokratische Schrift auch, unter dem Titel Per _— sophie zu retten, aúhten sich andere, die Naturphilo n entzogen schien. irc Parmenides der Bode seos geführt, doch das eigentlich Belangvolle daran e konnten die »Physiheit und Bewegung der Ding das, was dem der »Physist gewidmeten Teil vora enideisch« waren die , yoiehicht preisgeben; aber »parm geh var Erwägungen über Erkenntnis, Wahrhg ” 5 folgenden Weltentwürfe insofern, als sie im Wanansetzten, etwas Selbstidentizwischen sole, ‘el ein Unwandelbares nachmals klassisch Erwi uen à i are Trennung =p, wie Parmenides’ Sein: die erklärte sich Aus Wi deneneines und den objektgebun ordenen Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde q à %sches die den Eindruck die Erfahrungswelt, überägungen tativ neuen Schrittes im philosophischen Denken hé =". vdokles). die unvergänglichen und unaffizierba25 A tome (Demokritos), die in sich homogenen, sort manche sprechen hier von der »Grundlegig er abendländischen Ontologie«. Hier wird nichtje endlich teilbaren Substanzen (Anaxagoras). Die uf etage was die Dinge eigentlich sind (Was ® girkliche Gestalt der erfahrbaren Welt *, ythagoreischen Seelenwanderungslehre und Eiferer als wechselndes Zusammentreten des ewig gleiLu t oder Feuer), auch nicht, was ihren Wandel We ‘tan ihre Wechselwirkungen ordnet (die Notwendighg ae ndeliegenden konzipierte vaklarZIEN Ë “chen i" man im 5. Jahrhundert auch den 5 de »Sein«zu denken ist. Nicht zu denken ist das Nichtsep! der Ursache des Wandels: Empedokles sprach Ohne des Seiende faßt das Denken nichts (Fr. Be = etwas ‚mythisch noch, wie bei einem Anhänger der 5 . h nur das »Ist« (Eotiv _K Denkbar ist folglic ) ode D-K). Liebe und »Streit« als kosmischen Kräften, Anaxagoeen blutige Opfer en 4 aes Perendes (70 Ev), und diesem komm mmung chen Besti möglianderes enetwas oder vor ihm odé an ihm allen ander irgend Wäre außer ihm, so wäre dieses andere Nichtseien »Nichts anderes ist oder wird sein außer dem èóvé (B8,36). Andersheit wäre Nichtsein, das scheint fe Diese Verbindung des empirisch ausweisbaren Einzelwissens mit der umfassenden Naturspekulation war dell konnten aber auch die größeren Abläufe in der wirkenden gegensätzlichen Kräfte. Nach diesem Monegiert. Und Aristoteles, der zwar an Platons Überwit men; Aussage über den historischen Sokrates genom scher ‚heute neigt man dazu, eher ein Stück platoni n Autobiographie darin zu sehen - Sokrates’ Denke das mgegen bleibt schwer einzuordnen; das gilt für Merkmale der Ei :), wähph an eens gab Cure die nannte die höchste Ursache ‚Nus pGeist Vollendet : Grund der Wirklichder Un ewordenh. nn het und die Atomisten den Zufalsall vleichmä nvergänglichkeit, Unbewortheit und Dieser kühne Gedanke traf beim Bile mäßigen Gerundetheit & keit anerkannten. Fr.8 119 U isch denkenden Aristoteles nur auf Spott (erst ). nd weiteres läßt sich schon nicht me: : *teteolog (Er. 3 dieneuzeitliche Naturwissenschaft konnte ihn fruchtmit Wahrheit vom »Sein« sagen. Als) Wohlgerundetä — f hingewerden lassen); Anaxagoras’ ‚Nusc-Begrif los, aber va (97bff.), habe ist es zwar weder raumlos noch gestalt gen, so liest man in Platons Phardon en ist es befreit, Sokrates’ Hinwendung zur Ideenhypothese ausgelöst. nach dem Ausweis der Fragmente des Arztphiloso- Parmenides im Begriff »Sein«selbst zu liegen. Erst Ph: ton wird gegen »Vater Parmenides« festhalten, daf: wenn man die Natur des Alls kenne (Phasdros 270c). als >Gleichberechtigungt (ioovonia) der im Körper phen Alkmaion (um 500) schon lange vor Hippokrates angestrebt worden. Alkmaion erklärte die Gesundheit »Seinc die Bestimmtheit eines Begriffs durch einer anderen bezeichnet, weswegen die »Andersheit: gé genüber solchem »Sein« zwar die Existenz dieser ein à. Bestimmtheit, nicht aber die anderer Bestimmtheites werden. Ob Alkmaion wirklich, wie die antike Tradia dung des parmenideischen Dilemmas, nicht aber Natur, ja die Ordnung des gesamten Kosmos gedacht leicht ist sein Begriff der ivovoyia eher eine Vorwegtion behauptet, Pythagoreer war, ist umstritten. Viel- Griechische Philosophie und Wissenschaft 261 geistigen Aufbruch in der zweiten Hälfte des 5. Jahrdann gegen den Anspruch der athenischen Bürgerschaft, das Wissen von der âpetú) zu besitzen. yRelativierung der Werte: ist ein Schlagwort, das erst durch die platonische Restauration, die auf den etwas wie eine ‚Relativierung: der Werte an. Man hunderts folgte, mit einer philosophischen Begründung versehen wurde. Natiirlich strebte niemand so des stellte jedoch die Frage, worauf Werte beruhen - auf natürlichen Gesetzmäßigkeiten oder auf menschlichen Setzungen, auf der Physis oder auf dem Nomos. In der Praxis mag das vor allem als Infragestellung scheidung für die eine oder die andere Antwort defi- Vorrangs der auf ihre >edle Artungt pochenden herrschenden Schichten empfunden worden sein - als Relativierung von Standeswerten also. Aber die Entniert noch nicht eine ethische Position: Die menschliche Herkunft der Werte kann als Vorzug oder als Schwäche ausgelegt werden und je nachdem auf Gesetzlichkeit oder Gesetzesverachtung führen; die Physis kann als Begründung des »Rechtes des Stärkeren« angerufen werden, kann aber auch als Modell des Ausgleichs und des sozialen Friedens fungieren. In jedem Fall aber führt die Alternative dazu, das Bestehende zu überdenken. Das darin enthaltene revolutiogleich eine intellektuelle Schulung anboten, nicht selnäre Potential wurde verstärkt durch den Umstand, daß die so fragenden Denker in ihrer Mehrheit zuten mit dem erklärten Ziel, den Lernenden in der poliren machen«. Obschon dieses Programm nicht mehr tischen Auseinandersetzung überlegen zu machen. Die gleiche Zielsetzung für die forensische Auseinandersetzung lautete: »die schwächere Sache zur stärke- Anleitung zum Betrug verdächtigt, wozu es freilich bedeuten mußte als die kunstmäßige aber legale Nutzung aller argumentativen und juristischen Möglichkeiten eines zunächst aussichtslos scheinenden Falles, wurde es von unreflektierten Kritikern sogleich als erwähnte Frageweise nach der Begründung der Werte auch mißbraucht werden konnte. Hinzu kam, daß die auch aufdie Grenzen des Wissens führen konnte: Wer sich auf göttliches Recht berief, konnte gefragt wer- Maß, und an der Existenz Apollons, in dessen des Auftrag einzelnen - die überindividuell erkennbare üpern als (B4). Sokrates wollte statt des Menschen - statt ben konnte: »Aller Dinge Maß ist der Mensch« (Bl) und »Über die Götter habe ich keine Möglichkeit zu wissen, weder daß sie sind noch daß sie nicht sinde keit des Rücksichtnehmens, zugleich die Sätze schreiden, woher er denn von solcher Rechtssetzung wisse. Eireichte (wieviel vom frühen Platon geht aufihn zuück?) ebenso wie für seine Anfänge (was wurde ihm wirklich bestimmend für ihn?). Aristoteles spricht So ist es wohl kein Zufall, daß derselbe Protagoras, der politische Ordnung sozusagen „demokratisch: legitimierte aus einer allen Menschen angeborenen FähighyNaturspekulation und Ideenmetaphysik ab (Metap "2 987b, 1-4; 1078b, 30), weist ihm aber die Pionier alle in der Definition ethischer Begriffe zu - und damit auch in der Kunst des Definierens als logischer ler Zenon neue Aporien formulierte, die die Evident Leistung. der Sinne in der Manier des Meisters beiseite schob! “Fest steht, daß Sokrates seinem Fragen nach dem und das bisher Selbstverständliche undenkbar mach Wesen der »Tugendent eine theologische Rechtfertiten - womit zugleich die Fähigkeit des abstrakte? = §ung gab, die sehr persönliche Züge trug, und daf er es Denkens in ungeahnter Weise provoziert und geschult + th Kampf gegen zwei sehr unterschiedliche Gegner die wurde: Ein Ertrag der zenonischen »Dialektik« war Wrwirklichen mußte: einmal gegen die intellektuell Entdeckung der Aporien des Begriffs des Unendlichef * otivierte sophistische« Relativierung der Werte, sobegriff das Aktuellste überhaupt. Während sein Sch 1089a, 2). Für die Zeitgenossen des Parmenides und zumi dest noch für die nächste Generation blieb sein Seins dessen Reverenz für den Gründer der Ontologie pal zipiert, nennt die ganze Fragestellung (einschließlich der platonischen Lösung) »altmodisch« (Metaphysi nahme als eine Umwandlung der pythagoreischen ‚Harmonie oder eine unabhängige Parallelentwicklung dazu. Neue Maßstäbe für das Denken setzten indessen Parmenides von Elea (frühes 5. Jahrhundert) und sein Schüler Zenon. Sofern sie allerdings Vielfalt und Bewegung leugneten, wird man ihre Position vom Standpunkt der Naturphilosophie aus als dem Wahnsinn nahekommend bezeichnen dürfen - so Aristoteles (De generatione et corruptione 325a,19), der jedoch weiß, teresse zubilligt (PAysi 185 a, 20). Zwar wurde Parmedaß ihre Fragestellungen im Grunde anderer Ordnung sind und ihnen daher ein eigenes philosophisches In-

Page 5

View in PDF(opens in a new window)
Dageequssehbares Hinausgehen tiber das bisher form, esene. Denken als alles bestimmende Lebens Sein Sterben war indes kein Unfall oder Mig schick, sondern muß als philosophische Tat verst, den werden. Zumindest lassen Platons Apologze, k, ton und Phaidon keinen Zweifel daran, daß Sokrate sterben wollte. Durch diese Tat rückt er und durch jy das Denken in eine neue Dimension: Sosehr die big: herigen Philosophiebegriffe die üblichen Forme: B menschlichen Erkennens hinter sich lieRen — der ratig nale Welterklärer ließ den Wahrheitsanspruch de Mythen hinter sich, der Sucher nach dem Selbst und dem einen Logos die bloße »physiologia«, das nur sich selbst verpflichtete Seinsdenken alle anderen Formeÿ. Sokrates. Römische Marmorkopie eines Bronzeoriginals, wohl der im Pompeton in Athen aufgestellt gewesenen Philosophen-Statue des Lysippos, aus der Zeit um 340 v. Chr. Rom, Museo Nazionale Romano er zu philosophieren meinte, zweifelte er so wenig wie an der seines Daimonion. Während die Gegnerschaft der »Sophisten« - ausländischer Intellektueller also - dem Stadtbürger Sokrates nicht gefährlich werden konnte, ihm eher Sympathien bei den Mitbürgern hätte einbringen müssen, wurde ihm das kritische Hinterfragen der Denkgewohnheiten der konservativen Athener sehr bald zum Verhängnis. Wie die 423 v. Chr. aufgeführte Komödie Die Wolken von Aristophanes zeigt, machte man sich schon sehr bald nicht mehr die Mühe, den stadtbekannten Sonderling von den suspekten Neuerern der Aufklärungsbewegung zu trennen, man warf ihm die spezifisch naturwissenschaftliche »Asebiec vor, die Welt durch ‚Meteorologie zu entgöttlichen - so als hilosophischer Biog: Erziehung und Funktion der der osophen als Herrscher in der Staatsutopie he oreisc pythag das daß , utlich überde hteia zeigen gal für Platon seine Gültigkeit behielt und durch die eziehung der gesamten Gemeinschaft unter die ung des Denkens eine entscheidende Vertiefung r. Die Verstrickung Platons in die sizilische Politik jn den Jahren um 366 war ein Versuch, von der Utopie ait Wirklichkeit zu kommen (7. Brief 328bc). Der = Versuch schlug fehl, erfolgreich blieb hingegen der der Reflexion, und die pythagoreische Begründung : frühere Versuch, in der Akademie eine Lebensgemeineines von Prinzipien geleiteten Bios ließ das blogs: : schäft der Philosophierenden zu verwirklichen. AllseiDenken hinter sich als eine neue, integrale philoso, ; five Pflege der Wissenschaften wurde das Kennzeiphische Existenzweise -, ebensosehr scheint Sokrates : : chen der platonischen Akademie, ihr standen Mathemit dem bejahten Tod für die Verteidigung der Waki’ inatiker und Astronomen nahe (Theaitetos, Eudoxos), heit über das bloß Menschliche hinauszuwachsen. D; à ihrem Kreis erhielten Botanik und Zoologie, Logik Vergleich mit Jesus schien dem jungen Hegel die rich: : wd Rhetorik, Politik und Ethik ihre systematische tige Perspektive zu liefern; und Sokrates verdiente ig Sfundlegung. Aber alle Wissenserweiterung war bedieser Sicht sogar den Vorzug, verhalf ihm doch kei zogen auf ein oberstes Erkenntnisziel, das Platon »das göttliche Natur zu seiner Tat. à Gutec nannte und nicht allein als OrientierungsmarZunächst war Sokrates für die Griechen allerdings “he für das menschliche Wollen, sondern mehr noch ein sehr menschlicher Streitfall: Einige Jahre nachs als Erklärungsprinzip der ontologischen Struktur der nem Tod erschien noch eine literarische Anklag schrift gegen ihn von einem Polykrates; seine Schük setzten sich gleichfalls mit literarischen Mitteln Wehr, je nach Talent und Temperament: Xenophon, nüchternes Sokrates-Porträt sollte wohl in manche eine Korrektur des platonischen Heiligenbildes sei Auch zahlreiche andere schrieben über den von d Bürgerschaft gemordeten Denker. Der persönlich ve pflichtende, buchlos philosophierende Frager lös eine ganze Literatur aus, die Literatur der »Sokratik 4Platon die »Idee« als das selbstidentische Wesen einer Sache zum zentralen Denkmittel macht und es beButt (Phaidon 99 aff.) aus der Botmäßigkeit der Erfah- Logoic. Erhalten sind hiervon nur die beiden Genani ten, philosophisch bedeutsam ist hiervon nur d Werk Platons. rung löst, kommt erst bei ihm die parmenideische „Intention auf ein »reinest Denken zur Erfüllung; Platon bleibt nicht beim sterilen »Einen-Seienden« stehen, Ergebnisse der von ihm »Sophistent genannten Aufklärer werden in ihr fortgeführt, neu überdacht und letztlich durch die Rückbindung an die eine apyn umgewertet. Nicht der Mensch ist das Maß der Dinge, wie Protagoras gelehrt hatte, sondern Gott (Nomor 716c). Gott das Maf der Dinge? Wer an solchem Maf zu messen versteht, wird sich auch das Recht zuschreiben, anderen seine maßgebende Erkenntnis zu ihrem “sondern eröffnet den weiten Bereich der begrifflichen 8 Strukturen, die er als reale Strukturen nicht nur in den ahrungsunabhängigen mathematischen SachverPlaton ten vorfindet, sondern ebenso auf dem Feld der ren ein fortwährendes und in diesem Ausmaß nicht Laertios 9, 54) -, endete dieser Konflikt zwischen polisem Sinne ist aber auch Platons Philosophie der staatlichen und der individuellen Ethik zu verstehen: Die et, verwirklicht im Bios JewpntiKög eine eige- Denkers. sein Daimonion nannte. In der Anklageschrift hieß ethisches Forschen »Jugendverführung«, ethische Gewißheit ‚Einführung neuer Götter. Während mißliebige Fremde lediglich die Stadt verlassen mußten so Anaxagoras, vielleicht auch Protagoras (Diogenes genwärtigen Jahrhunderts als der fruchtbarere Ansatz gewertet wird (Carl Friedrich von Weizsäcker). In dieallen anderen übergeordnete Lebensform und beffeibt zusammen damit die sokratische énipéAcia é wox ig, die Sorge für seine Seele. Denken als nur ieh selbst verpflichtete Eigengesetzlichkeit: Indem tisierter Religion und Philosophie mit dem Tod des Jahre später entdeckte ınan die spezifisch sokratische »Asebiet, die Berufung auf die innere Stimme, die er Anaxagoras aufgehoben sind, sondern überdies auch der materialistische Atomismus Demokrits durch einen mathematisierenden Atomismus der elementaren Strukturen der Materie ersetzt wird, der nicht von ungefähr gerade von Naturwissenschaftlern des ge- Wirklichkeit konzipierte: Der platonische Dialektiker, “gein Leben der Erkenntnis der Idee des Guten Ethik. Denken als rationale Ursachenforschung: indem die Ideenhypothese zurückführt auf eine letzte -tnbedingte &pyh und von hier aus das Bedingte und Die in die politische und intellektuelle Gemeinsch: . ds Abhängige rekonstruierend verstehbar macht, ist hineinwirkende philosophische Tat des Sokrates blieb natürlich für Platon, wie für jeden anderen, unüberhok … “dem platonisch Denkenden die Aufgabe gestellt, von er Universalontologie (oder »Dialektik«) aus die bar. Der autobiographische 7. Briefsieht den Rückzug Platons von der Politik im Zusammenhang der oligar- _ ©, @itzelnen Erkenntnisbereiche zu fundieren und bis in “die Konkretion der Einzelforschung hinein zu verfolchischen Staatsverbrechen seines Onkels Kritias und - Ben. In diesem Sinne ist das naturphilosophische Werk des demokratischen Staatsverbrechens an seinem Timaios die Vollendung der ionischen »physiologia«, in Lehrer Sokrates. Sieht man vom existentiellen Aspekt der nicht nur die Spekulationen über die Grundsubeinmal ab, so ist allerdings auch Platons Philosophie wäre Anaxagoras der Beschuldigte. Mehr als zwanzig 263 nz bei den Milesiern und der »Nusc-Begriff des Das »Symposton von Platon. Papyrus-Fragment mit dem Schluß und dem Titel des philosophischen Dialogs, aus Ägypten, 2. oder frühes 3. Jahrhundert n. Chr. Kairo, Agyptisches Museum

Page 6

View in PDF(opens in a new window)
eigenen Glück aufzuzwingen. In. der Tat haben die Philosophenkönige in Platons Po/itera das Recht, die Untertanen zu ihrem Wohl zu täuschen, in den Nomor haben die Magistrate die Pflicht, religiös Andersdenkende zum Zweck der Besserung in ein »Haus der Besinnung« genanntes Gefängnis einzuweisen (909a), die Unverbesserlichen zu töten. Man hat sarkastisch bemerkt, daß Sokrates der sicherste Anwärter auf einen Platz in Platons psychiatrischer Klinik für Dissidenten gewesen wäre. Karl Popper hat mit Leidenschaft die totalitären Züge der platonischen Staatsutopien gegeißelt; die Verteidiger Platons konnten ihm einzelne Fehlinterpretationen nachweisen - doch daß der Satz, daß »niemand, weder Mann noch Weib, jemals ohne Führer sein soll« (Nomor 942a, 7), in der Tat die Quintessenz des zweiten Idealstaatsentwurfs ausdrückt, ist durch solche kleinliche Gegenkritik nicht widerlegt. Man muß es unumwunden zugeben: Platons edler Kampf gegen die moralische Aufweichung durch die »Sophistik< endet in gänzlich sophistikfreier totaler Unterordnung des Individuums unter die Staatsmacht. Dennoch wird Platon heute gerade in Ländern mit bewährter antitotalitärer Tradition am intensivsten studiert. Erklärbar ist dies nur durch den großen Reichtum der Dialoge an ethischen, soziologischen und staatsphilosophischen Einsichten im einzelnen sowie durch die singuläre synthetische Kraft der plato- Gerechtigkeit durch Kallikles als Ideologie der Schwa chen entlarven zu lassen; Nietzsche geriet in den Bang dieses Gedankens - und hat es vermieden, auf sein; Vorbild in diesem Zusammenhang Bezug zu nehmen 2 Obschon selbst ein überragender Stilist, hater es doch& 1922°, 485, Anm. 1), wird heute nur noch wenigen will, aufgeben und den Versuchen, die mündliche Prinzipientheorie Platons zu rekonstruieren (Hans Joachim Krämer, Konrad Gaiser, Heinz Happ, John U. Findlay; zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Leon Robin, Julius Stenzel, Theodor Gomperz), die ihnen gebührende Beachtung schenken - denn gänzlich verloren ist das, was Platon nur mündlich dargelegt hat, zum Glück nicht: Kein Geringerer als Aristoteles hat beachtliche Bruchstücke einer platonischen Philosophie erhalten, dic so nicht in den Dialogen zu finden ist. Methodisch verfehlt sind die gelegentlich noch vorgebrachten Versuche, die Dialoge gegen die aristotelische und anderweitige Überlieferung der mündli- ‚Bildnerische Entsprechung zur platonischen Dralogform schen Skulptur: Jüngling mit Bruder und Hund vor dem im Dualismus von Idee und Erscheinung in der spätklasstVater. Grabrelief, aus dem Ilissos, zwischen 340 und 330 v. Chr. Athen, Archäologisches Nationalmuseum Griechische Philosophie und Wissenschaft 265 die Objekte der Mathematik als einen Zwischenbereich mit eigenem ontologischen Status angesetzt zwischen Ideen und Erscheinungswelt. Die besondere Affinität dieses Zwischenbereichs zum Bereich der Psyche wird auch an einer Dialogstelle (Trmaios 35 ab) sichtbar. Der ontologische Dualismus der Dialoge (Ideenwelt - Erscheinungswelt) war in der mündlichen Prinzipientheorie ausgeweitet zu einer differenzierteren )Schichtung: der Seinsbereiche. Der in den lichen »Konstruktion« läßt es legitim erscheinen, von Testimonien mehrfach belegte Gedanke der begriff- (Theodor Gomperz). einem ontologischen »Ableitungssystem« zu sprechen Rhetorische Paideia Während heute Platon, gemäß den Hinweisen in seinen eigenen Dialogen, vorwiegend in ideeller Auseinandersetzung mit der Aufklärungsbewegung des 5. Jahrhunderts gesehen wird, die die Philosophie statt als kosmische Spekulation als Ausbildung zu ethischer und politischer Tüchtigkeit verstand und sie so »vom Himmel herunterholte« - denn dies war gewiß nicht erst die Leistung des Sokrates, wie Marcus Tullius Cicero meinte -, stand er in seiner Zeit fast ein halbes »Schulec in Athen, bildete Redner, Geschichtsschrei- Jahrhundert hindurch in sehr realer Konkurrenz mit einem unmittelbaren Nachfahren der Sophistik, mit Gorgias’ Schüler Isokrates. Auch Isokrates hatte eine ber und Politiker aus; auch er hatte ein ausgefeiltes schaftlichkeit praktikable Vernünftigkeit, politische Platz hatte, da es der menschlichen Natur nicht erreichbar sei (Antidosis-Rede 261-271), und das statt der vermeintlich kleinlichen Genauigkeit der Wissenentwickelt werden. Es handelte sich um einen Verder Rede verhieß. Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, daß für die gebildete Öffentlichkeit Griechenlands die rhetorische »paideia« und »philosophia« des Isokrates Weitsicht und vor allem die Vollendung in der Kunst cherte theoretische Wissen (die &rıotnun) keinen chen Philosophie Platons auszuspielen; in einem historisch adäquaten Platon-Bild muß sich die Interpreta_ tion beider Komplexe ergänzen. Die philosophisch schwierige Rekonstruktion die- Konzept von @1A000@ia, in dem allerdings das gesiser mündlichen Philosophie kann hier nicht in extenso such, alle Züge der Wirklichkeit auf zwei letzte Prinzipien (dpxai) zurückzuführen. Das Wesen der »Idee des Guten«, die als àpy1 auch im VI. und VIL Buch der eine ernsthafte Konkurrenz zum platonischen Bilden Rang abzulaufen. Isokrates’ politische Sendschreikeit entfalten. In der Mitte des 4. Jahrhunderts konnten Isokrates und sein Kreis noch hoffen, der Akademie che, Denken und Empfinden der Griechen konnte sich aber erst im Lauf der Jahrhunderte zu voller Wirksamüber die ‚Rhetorik< geprägt. Das ungleich größere präheute eben vom schließlichen Sieg der »Philosophie« dungsideal darstellen konnten. Doch ist diesesDenken Politeia fungiert, faßte Platon als das Eine: (év), dem er als Prinzip der Vielheit, der Andersheit, der Bewegung gende Potential der platonischen Schriften für Spra- Dialoge. Ja, die Ideen sind nicht einmal das erste in dieser unzeitlichen Erzeugung, >vorc ihnen kommen Boch die idealen Zahlen; »nach den Ideen hat Platon ~ und der Negativität die »Unbestimmte Zweiheit« (döPlato buds) entgegensetzte. Durch die Einwirkung © des positiven Formprinzips auf das unbestimmte ma.- teriale Prinzip wird alles »generiert, auch die Ideen, die vermeintlichen ontologischen Letztinstanzen der nicht gewagt, die philosophische Fehde auch als lit es . rarisches Kräftemessen aufzunehmen. Die unvermindert fortwirkende Ausstrahlung. À "= kraft der Dialoge als philosophischer Dichtung hat die moderne Platon-Forschung auf einen seltsamen Ir.: weg geführt: Man konnte sich nicht damit abfinden, : daß Platon, der unvergleichliche Darsteller lebendigen ” Denkens, alle schriftliche Darstellung von Philosophie als starr verurteilt und vom Philosophen bewufté# Zurückhaltung in der philosophischen Mitteilung for. dert (Phardros 274b-278e). So verfiel man auf den =? Ausweg, zu erklären, Platons Verurteilung der Schrift lichkeit schließe alles ein, nur nicht die eigenen Schrif ten — eine Auffassung, die am Text nicht den gering-* , sten Rückhalt findet. Man ersann eine ganze Theorie # | des Dialogs als eines Buches, das seinen Charakter als Buch zu überspringen vermag (Schleiermacher, Friedländer, Gundert und andere), nur um ihn Platons Verdikt gegen alles schriftlich Fixierte zu entziehen. Schließlich vergaß man, daß es sich um Platons eigenes Verdikt handelt und machte denen, die folgerichtig mit einer nur mündlich entwickelten, über die Diain der Mitteilung wesentlicher philosophischer Einsicht - eine »esoterische Haltung also - bezeugt. Zelloge hinausgehenden Prinzipientheorie rechneten, den Vorwurf, die Dialoge sabzuwerten«. Indes hatte schon Eduard Zeller im 19. Jahrhundert gesehen, daß der 7. Brief für Platon selbst bewußte Zurückhaltung schen Standpunkte gestellt wird: In voller Lebensgröße und in ungeschwächter, bisweilen dämonischer Grund für unecht zu erklären (Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung II 1, nischen Darstellungsweise, die nicht etwa dazu mißbraucht wird, die eigene Sicht dem Leser aufzuzwingen, sondern die ebenso in den Dienst der gegneriseinen Sokrates ringen läßt, vor dem Auge des Lesers. So erhält das von Platon abgelehnte Credo aller echten Demokratie, daß jedermann das politisch Gute zu Lebendigkeit stehen die Partner, mit denen Platon beurteilen imstande ist, eine glänzende Verteidigung lers allzu einfacher Ausweg, den Brief aus eben diesem durch den »liberak denkenden Protagoras (Protagoras zusagen. Über kurz oder lang wird man die Künstlichkeiten einer Dialogtheorie, die sich an den klaren Aussagen des Phaidros und des 7. Briefes vorbeidrücken 320cff.). Die relativistische Erkenntnistheorie desselben Denkers wird im Theaitetos in einer Auseinandersetzung entwickelt, die Schritt fiir Schritt nachzuvollziehen gerade für den heutigen Zweifler an letztgültiger Wahrheit lohnt: Man wird nicht finden, daß der Gegner unter Wert repräsentiert ist, und ftir manch einen Interpreten bleibt er sogar unwiderlegt. Auch die bewußte Befürwortung des Unrechts im politischen wie im individualethischen Rahmen als von der Natur legitimiertes ‚Recht des Stärkeren« wächst durch die verlebendigende Kraft des literarischen Porträts - des Kallikles im Gorgias, des Thrasymachos in PoliteiaI - über die Dimension einer nur theoretischen Streitfrage hinaus. Platon konnte es wagen, die Verteidigung der

Page 7

View in PDF(opens in a new window)
ben fanden jedenfalls Gehör; wie einst Gorgias forderte auch er den panhellenischen Krieg gegen die Perser, aus charakteristisch für das intellektuelle Selbstbe. wußtsein der Akademie und wohl auch des Jungen “als dessen Anführer er zuerst Athen und Sparta, später Makedonien sah. Gleichzeitig waren aber Anhänger Aristoteles selbst ist jenes Fragment des Protreptikos in * “der Akademie als politische Berater, mitunter als Geten Jahre die Erwartung des baldigen definitiven Ap. setzgeber in verschiedenen Städten tätig. Der Sturz der größten griechischen Militärmacht, der des Tyschlusses der Wahrheitsbemühungen der PAOGOQig geäußert wird (Fr. 8 Ross). Mit dem ungeahnten Fort. schritt kann nur die Gesamtheit der philosophisch fun. dierten Einzelforschung gemeint sein, die in Platons Akademie von namhaften Gelehrten auf zahlreichen Gebieten - der Astronomie, Geometrie und Arithme. tik ebenso wie in Botanik und Biologie - geleistet wur. rannen Dionysios II. von Syrakus, war das Werk Dions, eines Freundes Platons. Während Athens Macht nach dem Zusammenbruch des Zweiten Seebundes gering blieb, war der geistige Einfluß der beiden so unterschiedlichen Vertreter athenischer P1A000gia auf das 267 983, 5 u.ö.) ist diese Art von Philosophie, weil sie sich mit den ersten Prinzipien und Ursachen (üpxui kai aitiaı) aller Dinge befaßt. Da diese philosophische Aitiologie der Erklärung aller Dinge (alles »Seienden«, dem auf Grund des ungeheueren Fortschritts der letz. aller Gvta) dienen soll, ist sie zudem allgemeine Ontologie, Untersuchung des Seienden als solchem (Émotun Tod Övrog À Sv). Die alte Frage, was das »Seiendet ist, reduziert sich für Aristoteles auf die präzisere Frage, was die Substanz ist: Substanz (oboiu)ist die primäre Art von Sein, deren Verständnis für das Verständnis der sekundären Arten (die in den übrigen — »Kategorien« oder Aussageweisen von »ist« zum Ausdruck kommen) Voraussetzung ist. So ist die Ontolopolitische Denken von größter Bedeutung. Wenige Epochen der griechischen Geschichte zeigen eine so de. Aristoteles selbst hat im Laufe seines Lebens im naturwissenschaftlichen Bereich vor allem die Biolo. gie primär Usiologie. Und da es schließlich um erste unmittelbare Wechselwirkung von Philosophie und Politik. gie in exemplarischer Weise zur Wissenschaft ausgebaut, sein Nachfolger Theophrastos tat die gleiche und höchste Prinzipien geht, und Gott sowohl erste Arbeit für die Botanik; beide konnten an Speusippos Werk Homoia anknüpfen. Weniger bekannt ist, daß unter allen oboiaı ist, ist die erste Philosophie vor Aristoteles auch für die Geschichtsforschung bedeuAristoteles tende Grundlagenarbeit leistete: Er erstellte eine Liste der Sieger bei den delphischen Spielen, was für die Chronologie wichtig war; er liefs die Verfassungen von Noch zu Lebzeiten Platons und Isokrates’ versuchte der junge Aristoteles, dem akademischen Ideal des geistigen Lebens auch vor dem Forum der Gebildeten zum Sieg über die isokrateische Konzeption zu verheleinhundertneunundfünfzig Griechenstädten aufnehmen, wovon allein die von ihm selbst geschriebene Verfassungsgeschichte Athens erhalten ist; vor allem aber zeigen die doxographischen Abschnitte seiner fen. Kurz vor 350 veröffentlichte er ein Sendschreiben systematischen Werke, daß erst bei ihm so etwas an einen kyprischen Fürsten, den im Hellenismus und noch zur Zeit Ciceros viel gelesenen Protreptikos, der heute nur noch in Fragmenten (die sich vor allem aus wie eine quellenmäßig breit orientierte, trotz gewisser lamblichos’ Protreptikos gewinnen lassen) faßbar ist. Diese Fragmente genügen, um die überlegene Antwort, die die Akademie durch ihr genialstes Mitglied Gewaltsamkeiten auf Genauigkeit bedachte Erfassung der Ergebnisse früherer Denker, kurz der Ansatz zu einer ernstzunehmenden Philosophiegeschichtsschreibung, zu erkennen ist. Auch hierin führte Theophrast seinen Lehrer fort: Seine Physikön doxat wurden Bewegursache, erste Finalursache und höchste ovoia allem auch Theologie (oder ‚Theologik«, JeoAoyıkr) ‚Aristoteles. Römische Marmorkopie eines Bronzeoriginals s des späten 4. Jahrhunderts v. Chr. Wien, Kunsthistorische mlung ensam Antik © Museum, gemacht. Das mag der stoischen Logik und der Logik 2 des Hochmittelalters nicht gerecht werden, es zeigt jedoch das überragende Gewicht der grundlegenden Tat, die in der Formalisierung der Logik bestand. Den Späteren schien Aristoteles in seinen logischen Schriften, zu denen sie im weiteren Sinne auch die Theorie des wissenschaftlichen Beweises (in den Analytika Posteriora) zählten, ein umfassendes Werkzeug, Organon, des Denkens hinterlassen zu haben. Auf das Organon folgen in der überlieferten Anord- E1, 1026a, 19). Wie sich diese vier Kennzeichnungen der versten Philosophie« zueinander verhalten, ist nicht ohne weiteres ersichtlich. Vor allem nahm man Anstoß daran, daß die gleiche Disziplin allgemeine Seinslehre, mithin »metaphysica generalist oder Ontologie im Sinne der neuzeitlichen Terminologie, und Theorie eines besonderen Seinsbereichs, des göttlichen, mithin »metaphysica specialis sein soll. Man sprach von einem offenen Widerspruch und suchte ihn in einer von zwei Weisen zu beseitigen: Für die einen gibt es so etwas wie eine allgemeine Seinslehre bei Aristoteles nicht, »das Seiende als Seiendes« bezeichne nichts anderes als das reine Sein der unsinnlichen, geistigen Substanz - die aristotelische Metaphysik ist wesentlich Theologie (Philip Merlan, Joseph Owens); für die anderen kann die Theorie des göttlichen Seinsbereichs nur eine Teilaufgabe der ersten Philosophie: sein, daher bemühen sie sich, das Kapitel El, das gerade der Theologik eine die Grundlage aller späteren philosophischen Doxonung seiner Schriften die naturwissenschaftlichen graphien und bleiben damit weitgehend auch für das heutige Wissen von den Vorsokratikern bestimmend. Und doch hätte Aristoteles selbst das bisher Ge- Werke, von denen aber die Physikvorlesung und die Bücher Yon der Seele nicht so sehr Naturwissenschaft nannte wohl nur als Beiwerk betrachtet, dazu vielleicht auch noch dieses: Er befaßte sich mit Rhetorik, und es entstand das bedeutendste Werk dieses an reflektierten Handbüchern reichen Wissensgebietes; er ten: die prinzipielle Reflexion der Begriffe, mit denen die Natur als das Bewegte überhaupt und die pflanzliche und tierische Natur als das durch Seelec Bewegte zu verstehen sind. Auch hier weiß Aristoteles, daß er befaßte sich mit Dichtkunst, und es entstand die einzum Teil in Neuland vorstößt, so mit seiner berühmten Nußreichste Poetik der Geschichte, die zugleich Bausteine für eine philosophische Ästhetik überhaupt enthält. Er arbeitete die Denkformen der reichentwikkelten griechischen Disputierkunst auf und war sich des pionierhaften Charakters dieser Leistung auch bewußt (Sophistische Widerlegungen 34). Untersuchung über den Begriff der Zeit (Physik IV, Von entscheidender historischer Bedeutung war aber seine Entdeckung und systematische Beschreiund kritisch fortführte, war für ihn nur »zweite Philonent Frageweise auf die scheinbar eingeengtere der Theorie der unbewegten und nicht wahrnehmbaren Substanz ergibt sich unmittelbar aus dem aristotelischen Seinsbegriff - das sich in den Kategorien zeisophie« (Metaphysik Z11, 1037a, 15). Was er als verste gende »Sein ist uneinheitlich, ungleich; was es eint, ist Philosophie« bezeichnete (E1, 1026a, 15 u.ö.), nennt die gemeinsame Zuordnung auf die erste Kategorie, die Wissenschaften als auch das Nachdenken über die bung der Struktur der gültigen Schlüsse - Kant konnte mehr als zweitausend Jahre nach ihm sagen, die for- Prinzipien (üpxui) des Seins und des Denkens. Übermale Logik habe seit Aristoteles keinen Fortschritt man heute mit einem unaristotelischen Wort »MetaPhysik«. Die verste und sranghöchste« (Tiuiwrarn A2, die Substanz; alles »Seiende« wird vauf eines hin, auf die Substanz als dpxn, ausgesagt (npög Ev A€yetat): dem Bildungsideal der isokrateischen Antidosrs-Rede (353 v. Chr.) erteilen ließ, mit hinreichender Deutlichkeit hervortreten zu lassen. »Philosophiac als reine theoretische Forschung ist zwar »unnütz« im Sinne des banausischen Nützlichkeitsdenkens, indes ist sie die einzige Betätigung, die wirklich Selbstzweck sein kann — alles andere muß seinen Nutzen für sie ausweisen, sie selbst hingegen ist als die &v£pyeıa des Höchsten und Besten im Menschen, des Geistes. zugleich die Erfüllung des eigentlich Menschlichen und somit der dem Menschen durch seine Natur vorgezeichnete Weg zur Eudämonie. Diese anthropologische Grundlegung des Strebens nach Wissen um des Wissens willen blieb für Aristoteles nach dem Ausweis der Metaphystk (A2) und der Nrkomachischen Ethik (X 7) unverändert gültig in allen Perioden seines Schaffens. Die als »Betrachtung der Wahrheit: (Sewpía tig üAnYeius) verstandene piÀogoptu umfaßt sowohl als vielmehr deren philosophische Grundlegung bie- 10-14). Doch die Philosophie der Natur, mit der Aristoteles -über Platon hinweg die ältere Tradition aufgreifend die Denkbemühungen der Vorsokratiker auf einem fortgeschritteneren Reflexionsniveau wiederbelebte Art von ontologischer Allgemeinheit zuschreibt, zu entschärfen (Paul Natorp, Karl Bärthlein, Walter Leszl). Beide Interpretationsansätze dürften verfehlt sein. Selbstverständlich gibt es die ontologische Frageweise in der Metaphysik, und das war von vornherein zu erwarten: Sie setzt die Universalontologie der platonischen »Dialektik« fort. Die Reduktion dieser vallgemei-

Page 8

View in PDF(opens in a new window)
auch das, was nur in dieser (zugegebenermaßen lockeren) Form geeint ist, ist Gegenstand einer Wissenihrerseits ungleich, die verste unter ihnen ist die ein- 334 - nicht monarchistisch dachte, darf man vermu ten, daß er diese Freiheit auch den Mächtigen gegen. über wahrte. Die Distanziertheit des im Sichselbstden. ken seligen Gottes ist symbolisches Leitbild der anzufache und von Potentialitat freie geistige Substanz, der strebenden Existenzform: »Seine Lebensweise ist aber sich selbst denkende Geist, als den Aristoteles Gott von der Art wie die beste, die wir für kurze Zeit errei. definiert (A7, 1072b, 13-30). Der Seinscharakter dieser ersten Substanz ist in irgendeinem Sinne bestimmend chen« (Metaphysik AT, 1072b, 14). schaft (F2, 1003b, 12-15). Die Substanzen sind aber für den Seinscharakter der nachgeordneten Substanzarten. In welchem Sinne, wird gerade in ontologischer Hinsicht nicht restlos klar — es wird nirgends durchgeführt oder auch nur unmißverständlich ausgesproar nn etwas erkennbar wäre, dieses nicht mitteilb äre. Alles in allem präsentiert sich die Philosophie ‘des Hellenismus als Sieg der altgriechischen Tradition _ über den idealistischen Ausbruchsversuch der Akade- Akademie eine harte Herausforderung für die dogmatische Erkenntnistheorie der Stoa. Später milderte sich An der Seligkeit weltabgewandter Götter orientierte sich auch Epikur: Ihr Freisein von Sorge und Leid sinnlos wären. Es bleibt sogar fraglich, ob sich dieser Gedanke durchführen ließe. Und doch scheint die Vollendung des unvollendet gebliebenen Baus der aristotelischen Metaphysik — nach der Begründung der ‚Allgemeinheit der Theologik in El und nach der Andeutung einer doppelten Reduktion in A7 (1072a, 30-32) zu schließen - in dieser Richtung geplant Sicherheit ist, ist evident: Wer nichts für gesichert ansieht, braucht den Verlust keines Glaubens zu fürchin ten und ist gefeit vor Jenseitsängsten, wie sie noch dient dem Menschen, der sich die innere Ruhe gegen Furcht, Leidenschaft, Not, Krankheit und Todesangst erkämpfen muß, zum Trost und zur Hilfe. Doch der Platz, der den Göttern im epikureischen Weltbild "fung an das Nichtwissen des platonischen Sokrates und in anderen wichtigen Fragen Leerstellen aufweist, hat Aristoteles seine reife Sicht des Bereichs der Ethik in einem stilistisch ausgefeilten Buch zu einer abschlieBenden Darstellung gebracht. Die N'komachische Ethik - benannt nach seinem Sohn Nikomachos - ist in gewissem Sinne Aristoteles’ persönlichstes Buch. Nicht daß es Bekenntnischarakter hätte - es handelt sich weder um Confessiones noch um eine Genealogie der Moral. Vielmehr gibt Aristoteles ein ruhig beobachtendes, überlegen wertendes Gesamtbild der menschlichen Verhaltensweisen und ihrer Vollendung (der »Bestheiten« oder petui), die er strukturell als ‚Mitter zwischen gegensätzlichen Formen des Fehlverhaltens bestimmte. Da der Mensch seine äperrj nur in Gemeinschaft verwirklichen kann, ist die Ethik die Erfüllung der »Politik«. Der Selbstgenügsamkeit nahe kommt allein der geistig Tätige. Persönlich wirkt diese distanzierte Sicht des zwischenmenschlichen Verhaltens durch die unzweideutigen Wertungen, die ein vornehmes und humanes Menschenideal erkennen den Mythen Platons geweckt werden. Um so seltsamer ist es, daß die Skepsis von den großen »Schulen« allein in der Akademie Fuß fassen konnte; die Anknüpzukommt - sie sind nicht transzendente Beweger der ihr Standpunkt zu einer Philosophie des Wahrscheinlichen, der noch Cicero anhing, auch wenn.er mehr und mehr dazu neigte, sich zum bewunderten »Dogmatikerc Platon zurückzuwenden. Die unerreichbar gewordene Sicherheit versprach die Stoa von vornherein nur dem »Weisenc: Der Mensch, der seine Affekte vollkommen beherrscht und ohne die geringste Abweichung der Vernunft folgt, erlangt die Autarkie; seine bloße Gpeth macht ihn glücklich, günstiger äußerer Umstände bedarf er nicht, ja selbst ungünstige Umstände, Folter und Qua- Welt, sondern sitzen funktionslos in den Räumen zwischen den zahllosen selbstbewegten Welten -, zeigt len können seine Eudaimonie nicht beeinträchtigen. Die Wirklichkeitsferne dieses Ideals tut seiner Wirkung als Ideal keinen Abbruch: Die stoische Ethik und Gesellschaftstheorie war die beherrschende Weltanschauung der Jahrhunderte nach Alexander und beentgegen der scheinbaren Ahnlichkeit die grundlegend veränderte geistige Atmosphäre der hellenistischen Epoche. Das Gefühl der Bedrohung und Ausgesetztheit des einzelnen scheint rapid überhand gestimmte auch weitgehend das Denken der römischen Nobilität bis in die Zeit des Kaisers Marcus Aurelius, nommen zu haben: Die Philosophie ist fortan in erster Linie Ethik und in zweiter Linie, in ihren theoretischen Aspekten, dogmatischer Materialismus; in beiden Funktionen aber zielt sie darauf ab, das noch erreichbare Maß an Sicherheit und Unabhängigkeit zu gewährleisten. Dies gilt nicht nur für den Epikureismus, sondern gleichermaßen für die beiden anderen neuen Philosophien: den Stoizismus und den Skeptizismus. zumindest ist ihre Widerlegung eine schwierige (viel- "ihm aufgehoben, die aristotelische Begrifflichkeit zur Weise vom Seinssinn der ersten oboia abhängt, in der die übrigen Kategorien ohne die Substanzkategorie gewesen zu sein. Während die Metaphysik in dieser entscheidenden Skepsis ein bedeutendes theoretisches Interesse hat leicht unmögliche) Aufgabe, die bedeutende Denker von Augustinus bis Schopenhauer gereizt hat und . die Interpreten heute wieder in vermehrtem Maße beschäftigt. Im 3. Jahrhundert bedeutete die skeptische| bestimmenden Kraft auch des künftigen abendländi"schen Denkens werden lassen. : Daß der Skeptizismus primär eine Philosophie der chen, daß der Seinssinn der übrigen oboiat in eben der war sicher mehr äußerlich. Im übrigen soll nicht geleugnet werden, daß die prinzipielle philosophische ie und die nahe verwandte Geistphilosophie ihres kongenialen Widerparts Aristoteles. Erst der Neupla© tonismus hat mit der Überwindung der hellenistischen = Grundhaltungen den platonischen Idealismus und, in Hellenismus 269 der die Herrschaft mit dem Verantwortungsbewußtsein des stoischen Weisen zu führen versuchte. Das Verantwortungsbewußtsein des Stoikers ist der ethische Ausdruck seiner Überzeugung, Teil eines Ganzen zu sein. Dieses Ganze umfaßt nicht allein die menschliche Gesellschaft, sondern Natur und Weltall gleichermaßen. Der Kosmos ist ein lebendiger Orga- 5 = Wie Aristoteles bereits den Rückgriff auf Vorplatonismus, dessen Teile in einer alles umfassenden Wirnisches eingeleitet hatte, so haben die hellenistischen kungs-und Empfindungsgemeinschaft - das stoische Wort hierfür ist »sympatheiac — verbunden sind. Der Glaube an die Göttlichkeit des Kosmos (den die Stoa Philosophen ihre Wurzeln jenseits der attischen Begriffsphilosophie, deren Reflexionshöhe sie freilich im Gegensatz zu Aristoteles verlassen - fast will es scheinen, als geschähe dies bewußt. Epikur greift auf Demit Platon und Aristoteles teilt) verträgt sich gut mit mokrits Atomismus zurück und ersetzt dessen Ethik dem Festhalten an der Volksreligion: Zeus ist nur ein der »Wohlgemutheit« (e}9vpin) durch eine solche der anderer Name für die den Kosmos lenkende Weltvernunft (den Logos). Der Logos durchdringt und bestimmt alles: Während Epikur die existentielle Unanlassen, und durch den Geist der Gelassenheit und »Lust« oder »Freude« (NdovN]); die Stoiker knüpfen an den Monismus Heraklits an, der göttliche Logos ist auch für sie nicht unkörperlicher Natur, und mit dem Freiheit, der sich gerade in der überlegenen Distan- Ideal des autarken » Weisen« (s0P6G) scheinen sie den ziertheit der Wertungen verrät. Die distanzierte Gelassenheit des innerlich Freien ist überhaupt das hervorstechendste Merkmal aristostrengen und verschlossenen Denker von Ephesos selbst zum Leitbild erhoben zu haben. Die philosophische Skepsis war vorbereitet im theologischen Agnotelischer Geisteshaltung. Da er trotz naher Beziehunstizismus und erkenntnistheoretischen Relativismus gen zum makedonischen Königshof - er war der des Protagoras sowie in Gorgias’ drei radikalen The- Erzieher Alexanders und stand Antipatros nahe, dem sen, daß erstens nichts ist, daß zweitens, wenn etwas Lehrer der skeptischen Akademie beim Vortrag. Marmorskulptur, aus dem Apollon-Heiligtum in Delphor, um 250%. Verwalter makedonischer Macht in Griechenland seit wäre, dieses nicht erkannt werden könnte und drittens, Chr. Delphi, Museum fechtbarkeit in der Vorstellung der reinen Zufälligkeit und Ziellosigkeit und damit Irrelevanz des Weltgeschehens suchte, gewinnt der Stoiker Halt in der Bejahung eines durchgehenden Determinismus. Damit war jedoch das nicht befriedigend zu lösende Problem gestellt, wie die Entscheidungsfreiheit gewahrt sein kann; denn daß der Weise - und nur er - frei ist, gehört mit zu den stoischen Grundüberzeugungen. Zur Freiheit des Stoikers gehört die Möglichkeit

Page 9

View in PDF(opens in a new window)
deren fünf -piedenen „Akademien - Cicero zählte en Konsenmisch akade inner Machzuweisen. In diesen des Freitodes, wenn die äußeren Umstände die Wahrung der apetrj unmöglich zu machen drohen. Weniger großartig wirkt die Haltung Epikurs, in der jedoch tete dann aus fremde Ansätze einzubeziehen bedeu agen : pur, ein bewährtes Interpretationsschema sozus vielleicht mehr wirkliche Größe steckt: Von schwerer Krankheit gedrückt, versuchte er, die innere Ruhe und Freudigkeit des Gemüts bis zu seinem Tod zu bewahren. Seine Philosophie der }8ovn war nicht Hedonismus im vulgären Verstand, sondern entschlossene Kontrolle der Reinheit und Ungetrübtheit seines Inneren. Freundschaft war die leitende Tugend, und sie forderungen an die Restaurationsarbeit der Editoren und Exegeten. Doch diesmal hatten die Pragmatien ein besseres Schicksal als in der Generation nach Aristoteles’ Tod: Seit Andronikos von Rhodos entwickelte sich eine außerordentlich anspruchsvolle Kunst der philologischen und philosophischen Textauslegung, die schon sehr bald ein beachtlich hohes Niveau heute noch eiKönnte - das Wort »Eklektizismus( hat vergessen, chen schlechten Klang. Dabei wird zu leicht ion daß die ‚Auswahl aus dem Angebot der Tradit allem dazu, die Angst vor den Naturerscheinungen | und denJenseitserwartungen zu zerstreuen: Blitz und = gperläflich ist für jede spätere Kultur und daß es folgn für die Rex lich ein nicht zu unterschätzender Gewin diese - "ektiertheit der Bildungstradition war, daß iell < Grundkategorie der geistigen Aneignung prinzip sei ei nebenb Nur wurde. en gehob sein Bewußt i Donner sind physikalische Vorgänge, nicht Warnungen der Götter; wie jede andere Atomverbindung wird sich auch die Seele auflösen; der Mensch lebt nicht ewig; der Tod geht ihn nichts an. Es ist ohne weiteres zu verstehen, daß diese programmatisch anspruchslose, im existentiellen Bereich Forschung bewußt nicht beteiligte. Abgesehen von bestand in der "und Peripatos. Die erste Gewaltsamkeit nen Systemen einzel den in sich was , dessen ahk ‚Ausw eignen für die angestrebte Harmonisierung etwa gehörten auch Sklaven. Bildung hielt er dem Erreichen des einen Zieles der Seelenruhe eher für hinderlich. Was er als Naturphilosophie betrieb, diente vor jedoch differenzierte Philosophie eine Art Außenseiterreligion blieb, zumal sie sich an Wissenschaft und und in Umlauf gebracht. Als Gebrauchstexte für den rung mit Stoa Freudigkeit anstrebte - zu Epikurs Freundeskreis Althabylonische Grunderkenntnisse zur Berechnung von Länge und Breite eines Rechtecks bei gegebener Diagonale 7 und Fläche. Text mit geometrischer Zeichnung, eine der er« Kultu: FE erwähnt, daß selbst der Begrifursprünglich he, aus deBereic die weil , konnte mmen aufko nur fen : hatten, nen diese ihrerseits ihre ‚Auswahl zu treffen mais dem Blickfeld entschwunden waren. Die heilsa ste Wirkung des Eklektizismus war die Entwicklung s komparatistischen Blicks für das wahrhaft Große. Irag Museum ‚50 meinte Cicero, obschon er sonst dem Skeptizismus ‚haftet blieb, er wolle lieber mit Platon irren, als mit ıderen die Wahrheit besitzen (Tusculanae disputatioin den Osten lange nachwirkende Impulse gebracht; in der Medizin machte man erste Schritte in Richtung auf das wissenschaftliche Experiment, entdeckte neue Eklektizismus aton als eine Art Gott der Philosophen« ein. Hier driickt sich neben der Tendenz zur Vereinigung des isher Unvereinbaren auch die klassizistische Haltung anatomische und physiologische Zusammenhänge; schließlich fallen viele der reifsten Leistungen der Griechen in den mathematischen Wissenschaften einschließlich der Astronomie, Harmonielehre und Me- Die Zeit der kleinlichen Abgrenzung der Schulen: geder Grammatik, Sprachphilosophie und Logik der Stoiker hatte sich im übrigen die Fachwissenschaft weitgehend der philosophischen Bindungen entledigt Quellenfür die pythagoreische und euklidische Lehre. Tontafel, vom Tell Dhiba'i, 18. Jahrhundert v. Chr. Bagdad, und florierte in ihrer neuen Selbständigkeit nicht weniger als im 4. Jahrhundert. Für Biologie und Botanik, Geographie und Ethnologie hatte der Zug Alexanders chanik in die ersten beiden Jahrhunderte des Hellenismus - sie auch nur aufzählen zu wollen, würde den geneinander war vorbei. Der Akademiker Antiochos - von Askalon ging weiter und verkündete die tiefere philosophische Übereinstimmung der drei Hauptrichtungen, Platonismus, Aristotelismus und Stoizismus, in 5 1,39), ja, der Skeptiker stufte den »Dogmatikerc er verehrenden Überhöhung außergewöhnlicher estalten aus. In einer ganz unklassizistischen Form eigt sich die nüchterne Rationalität und intellektuelle iberalität des Eklektizismus, wenn Lucius Annaeus eneca mehrfach eingesteht, auch von Epikur gelernt u haben - die Wahrheit ist offenbar doch nicht Alleinesitz des stoischen »Weisen«. sein umfassendes Wissen wieder eindeutig an einer allen wesentlichen Fragen. Der Epikureismus wurde als bloß auf das Individuum bezogene Heilslehre der Aufnahme in den »consensus der drei spekulativen Systeme nicht gewürdigt. Es ist nicht verwunderlich, daß die Propagierung des umfassenden Konsenses der philosophischen Richtung, der Stoa, orientiert und : Philosophen gerade aus der Akademie kam: Von allen zugleich in souveräner Weise die Leistung des Archegeten einer anderen )Schulec zu würdigen weiß: In der Naturwissenschaft nimmt er Platons Timaros, in der Ethik dessen Nomor auf. Schulen: hatte sie die markantesten dogmatischen Umorientierungen durchgemacht (die von Platon be- *. Etwa gleichzeitig mit dem Versuch, die klassische‘ und die hellenistische Philosophie als Einheit zu sehen, kämpfte Misologie, die Angst vor dem umstürzenden neuen Argument, hatte in seiner Schule in der Tat am "setzten in der Aristoteles- und der Platon-Philologie Entwicklungen ein, die schließlich zur Überwindung Rahmen dieser Skizze sprengen. Am Ende des Hellenismus steht mit Poseidonios ein Mann, der zugleich Universalgelehrter und Geschichtsschreiber ist, der wenigsten Fuß fassen können). Das brachte für die historisch Orientierten in der Akademie die Aufgabe mit sich, die Kontinuität im Wandel, die Einheit der ververöffentlichten Schriften, vor allem dem Protreptikos und dem Dialog Über die Philosophie; die Texte, die Aristoteles seinem philosophischen Unterricht zugrundegelegt hatte, wurden erst jetzt kritisch ediert tsamselbsttätig weiterwirken zu lassen. Ohne Gewal keiten ging das nicht ab, weder innerhalb der Akade Akaschen skepti der sung „mie - die Wahrheitsauffas ja antiplatoni‚“Jemie war und blieb ein unplatonischer, ‘scher Entwurf- noch in der Harmonisie konnte jedem gewährt werden, der die gleiche innere 271 Vorlesungsbetrieb waren sie reich an Überarbeitungen, Umstellungen und Einschüben, zudem stilistisch nicht ausgefeilt und vor allem in schlechtem Zustand überliefert. Dies alles stellte ungewöhnlich hohe Anerreichte - die Spuren der frühesten Phase finden sich in Zitaten späterer Kommentatoren, vor allem des Simplikios im 6. Jahrhundert -, zur vollen Reife aber erst zweihundert Jahre später bei Alexander von Aphrodisias, dem »Exegeten« schlechthin, gelangte. Der Wert der hier geleisteten Arbeit zeigt sich eindrucksvoll im Vergleich mit den Resten der griechischen Dichterauslegung: Während diese hauptsächlich für sprachliche und sachliche Einzelheiten von Nutzen ist und häufig auch auf diesen Gebieten in die Irre führt, für die literarische Interpretation aber selten Nennenswertes hergibt, enthält etwa der Kommentar Alexanders zur aristotelischen Metaphysik weder in der Einzelerklärung noch in der Gesamtdeutung etwas, was nicht zumindest ernsthafter Überlegung wert wäre. Die entschlossene Hinwendung zu den problemreichen Pragmatien des Aristoteles hatte freilich zur Folge, daß die bisher viel gelesenen veröffentlichten Schriften immer weniger Beachtung fanden und schließlich untergingen. Alexander scheint noch manches mehr von Aristoteles besessen zu haben als heute vorhanden ist; vermutlich wären vor allem die Probleme der Entwicklungsgeschichte des aristotelischen Denkens, die die Forschung des 20. Jahrhunderts allzu lange beherrschten, besser zu lösen, wenn von diesen Schriften mehr als nur Fragmente überliefert wären. Aristoteles-Kommentierung Man mag sich mit dem Gedanken trösten, daß die Nachwelt, wenn es ihr schon nicht gegönnt war, den ganzen Aristoteles zu besitzen, durch das Verdienst © des Eklektizismus führten. Folgenreich war vor allem die Wiederentdeckung der aristotelischen Pragmafen. Noch Cicero kannte Aristoteles nur aus seinen der Kommentatoren die bedeutendere Hälfte überliefert bekam. Über den Weg der Exegese wurde der Aristotelismus wieder zu einer bedeutenden Kraft in der weiteren Entwicklung des griechischen Denkens. Alexander zeigt in seinen kommentierenden wie in seinen selbständigen Werken eine philosophische Orientierung,

Page 10

View in PDF(opens in a new window)
von Milet bet der Erläuterung des Himmelsglobus. Mosajj : Tafel vm 272 die vom platonischen Idealismus noch weiter entfernt ontologische Analyse Gleiches leisten würde. Hierbei stellte sich die Frage, ob der aristotelische Substanz. begriff- nach der Kategorienschrift ist das aus Materig platonischen Dialogen entgegenzustellen, die für die nach einem Vorbild der hellenistischen Zeit, aus Pompe, 1. Jahrhundert n. Chr. Neapel, Museo Archeologico Nazip. = nale Dre Sieben Weisen Griechenlands mit Thale; scheint als es Aristoteles selbst war. Gleichwohl wurde er wichtig für den aufkommenden Neuplatonismus, nicht nur als Erklärer des Organon, an dem ernsthafte Philosophie ohnehin nicht mehr vorbeikam, sondern auch durch seine Auslegung der von Aristoteles undes menschlichen Geistes mit dem als Geist konzipiervollendet gelassenen Lehre vom »aktiven Geist«: Das Zustandekommen des Denkens und die Verbindung _. ten Ursprung der Dinge waren Fragen, auf die weder ‘Platon noch Aristoteles erschöpfende Antworten gaben und die doch von beiden Ansätzen her als entscheidend betrachtet werden muften. und Form »zusammengesetzte« sinnliche Einzelding die Substanz oder das eigentlich Seiende, nach dem Buch Z der Metaphysik ist es die in der Definition. erfaßte Form oder das Wesen des Einzeldinges - mit Porphyrios bestätigt denn auch in seiner Biographie Plotins, daß dieser im Kreis seiner Hörer auch die a dem platonischen Ideenbegriff vereinbar sei. Die genaue, nicht mehr eklektische Lektüre der platonischen Grundtexte hatte zwar nicht das Verlan- Schriften der Aristoteliker des 2. Jahrhunderts studierte. In Plotins eigenen Schriften findet sich zwar kein gen nach Harmonisierung der Lehren der beiden= Eine Gruppe von Interpreten widersetzte sich dem stetig wachsenden Einfluß der aristotelischen Denk: formen und behauptete die prinzipielle Unvereinbar-"keit der beiden Positionen. Die Fragmente des Attikos, ” eines der letzten Vertreter der heute als ‚Mittlerer Pla-~ tonismus« bezeichneten Epoche zwischen Antiochos-: großen Metaphysiker beseitigt, wohl aber die unüber-z windlichen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens gezeigt. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. existierte so etwas wie eine platonische Orthodoxie;a und Plotin, zeigen ein erstaunliches Maß an Engagiertheit im Kampf gegen alles Aristotelische. Erklarbar ist_ diese unerwartete Heftigkeit wohl nur daraus, daß der expliziter Hinweis darauf, doch spricht dies gewiß nicht gegen Porphyrios’ Behauptung: Plotin bezog sich so unmittelbar auf Platon, daß er auch von den Platon-Erklärern keinen einzigen namentlich erwähnen wollte. Und doch steht fest, daß sich im Platonismus seit Antiochos ebenfalls eine beachtenswerte exegetische Tradition herausgebildet hatte, der auch Plo- »Mittlerert Platonismus Platonismus in starkem Maße zur Religion geworden tin verpflichtet war. als die der Aristoteliker. Die unsystematischem, direk- Die Probleme der Platon-Erklärer waren anderer Art war - eine Entwicklung, die in jeweils anderer Weise: : auch zwei weitere Zeugen des »mittleren« Platonismus : geeignete Antworten auf die von der stoischen und zwar nicht geistig, aber politisch unterliegen sollte. der neuen Offenbarungsreligion zu, der sie schließlich der christlichen Lehre bereichert. Erstmals wandte sich hier die philosophische Religion der Spätantike des Xenokrates ergänzt wird; und der ideologische Kampf des Platonismus (der bei Plutarch auch die Bekämpfung von Epikureismus und Stoa einschließt) wurde durch Kelsos um eine Auseinandersetzung mit belegen: In Plutarchs Essays ist eine persönlich getönte und dennoch eindeutig platonische philosophischreligiöse Ethik erkennbar, die durch ein spekulatives : Element und ein reges Interesse für die Dämonenlehre tem Zugriff nicht leicht faßbaren Dialoge wurden auf aristotelischen Systematik diktierten Fragen hin durchsucht. So ergab sich etwa auf die Frage nach dem téAog der Ethik als standardisierte platonische Antwort: »Angleichung an Gott nach Maßgabe des dem Menschen Möglichen«. Nicht alle Fragen konnten jedoch auf diese einfache katechetische Weise gelöst werden. Seit Aristoteles die Ewigkeit der Welt zur Grundlage seiner Kosmologie gemacht hatte, waren auch die Platoniker zu einer Entscheidung dafür oder dagegen aufgerufen, was auf die alte Kernfrage der Timazos-Exegese hinauslief: Ist das dort beschriebene „Werden: der Welt als zeitliche Entstehung oder nur als begriffliche Analyse zu verstehen? Auch die Bestimmung der höchsten apx.der Welt als ‚Nus blieb für sie ein nicht eindeutig aus den Schriften des Schulgründers lösbares Problem. Schließlich Kategorienlehre eine entsprechende Theorie aus den ergab sich die Notwendigkeit, der aristotelischen

Page 11

View in PDF(opens in a new window)
Alt- und neutestamenthche Szenen mit der Darstellung pagites. der die proklische Metaphysik ins Christliche eines ste interpretrerenden Weisen. Relief auf einem Marmorsarkophag, aus Rom. um 270. Rom, S. Maria Antiqua transponierte, nichts geändert, und so galt diese Auffassung denn auch in der Philosophie des Mittelalters. Wie weit hingegen das Denken in Hypostasen - in ontologisch klar unterscheidbaren Seinsbereichen, die Plotin. in gestufter Abfolge auseinander und somit letztlich alle aus dem gemeinsamen Ursprung hervorgehen als spezifisch neuplatonisch zu gelten hat, ist umstrit- Neuplatonismus Vorerst erlebte der Platonismus aber noch einen ingeahnten Aufschwung in der Bewegung, die heute Neuplatonismus heißt. ‚Neu wollte diese Bewegung allerdings nicht sein, weder bei Ammonios, dem Leh- “fer Plotins in Alexandreia, der wie Pythagoras und Sokrates nichts schrieb, sondern nur durch die mündliche Weitergabe seiner Lehre wirkte, noch bei Plotin, der seit Platon der erste bedeutende Denker ist, dessen Schriften vollständig erhalten sind. In diesen wie in seinem philosophischen Unterricht wollte er nichts bieten als die Wiederbelebung der platonischen Impulse. Heute jedoch ist das Neue am Neuplatonismus unschwer zu erkennen. Es besteht in der Einführung der >unio mystica« mit dem transzendenten Ursprung der Dinge, dem Einen, als geradlinige Fortsetzung und höchstes Ziel der philosophisch-begrifflichen Arbeit. Daß Plotin selbst Mystiker war, geht aus seinen Schrifsens aad SSUES ten hervor - bemerkenswert vor allem der stark persönlich wirkende Bericht über den »Abstieg aus der Sn abe seit eben haa 273 Vereinigung in 4,8,1 - und wird durch biographische Angaben bei Porphyrios bestätigt. Wenn Porphyrios aber hinzufügt, daß ihm selbst die »unio« nur einmal, im ten. Die platonische Prinzipienlehre, von der Aristoteles und Theophrast sprechen, und die Prinzipienentwürfe der Nachfolger Platons, Speusipp und Xenokrates, scheinen zumindest ein vergleichbares Modell einer Stufenfolge von Seinsbereichen mit dem Einen (dem Ev) an der Spitze gegeben zu haben, auch wenn der ontologische Sinn der >Reduktiont der »späteren« Schichten auf die »früheren« und der zugehörigen Deduktion vom Ursprung nicht geklärt ist und sich möglicherweise vom neuplatonischen Emanationsgedanken wesentlich unterschied. Der Monismus des plotinischen Hypostasensystems dürfte allerdings ein Ergebnis des Bemühens sein, den Gehalt der platonischen Dialoge getreulich zu bewahren: Da in der Po/rteva nur von der Idee des Guten als transzendentem Ursprung die Rede ist, entfernt Plotin das von Aristoteles erwähnte gleichursprüngliche Gegenprinzip von der Spitze des Systems und weist ihm einen Platz erst in der Entstehung der zweiten Hypostase, des »Nus«, an - und dies, obschon er andererseits die Gleichsetzung der Idee des Guten mit dem Einen, von der die Dialoge gleichfalls nichts wissen, von Aristoteles übernimmt. Die Hypostasenfolge versteht Plotin als ein Alter von achtundsechzig Jahren, zuteil wurde, so unzeitliches Überfließen« der unendlichen Dynamis zeigt er damit zunächst doch wohl, daß er seinerseits Plotin auch Nichtmystiker die Möglichkeit und Notdes Ursprungs; aus der absoluten Einheit wird in der Hypostase des Geistes die totale Vielheit, die jedoch den höchstmöglichen Grad von Einheit in der Vielheit wendigkeit des Überstiegs vom bloßen Denken zur dadurch wahrt, daß im Ideenkosmos alles in überzeit- Unmittelbaren licher gegenseitiger Durchdringung und Spiegelung existiert. Die weitere Entfernung von der einenden nicht wirklich Mystiker war, zweitens aber, daß nach überintellektuellen Erfahrung des ‚Ursprungs anerkannten. Hierin hat sich bis Proklos, i dem die neuplatonische Systematik ihre scholastische Übersteigerung erfuhr, und bis Dionysios Areo- Kraft des Ursprungs erzeugt die Hypostase der Seele, deren Seinsweise durch die Zeitlichkeit geprägt ist:

Page 12

View in PDF(opens in a new window)
Das Nacheinander des zeitlichen Ablaufs wird verstanden als Schwächung und Zerlegung der Simultaneität der Ewigkeit des Geistes. Dochist auch auf dieser Stufe noch :ungeahnte Einheit: Die Seele wesentlichen blieb man aufden von Plotin gewieseney entgeht nicht nur der Zerstreuungim Raum, Plotin glaubt überdies an die wesensmäßige Identität von chen), da bleibt der philosophische Wert der Neue. : allem, was Seele ist. Der Hang zur Vermehrung der Hypostasen durch das Ersinnen geeigneter Zwischenbereiche erklärt sich aus dem religiösen Bedürfnis, die Kluft2zur Trans- Mit der räumlichen Aufsplitterung der Vielheit schwindet das »Leben«, das für Plotin ein grundlegendes Merkmal des Intelligiblen ist: „Unter: der Seele liegt als eine Art vierte Hypostase (von Plotin jedoch nicht als solche bezeichnet), die tote Materie. Die Seele, die mit ihr im Körper verbunden ist und ihr vorübergehend Leben verleiht, ist in Gefahr, durch eine am Diesseits orientierte Existenzweise zu ihr hinabgezogen zu werden. Als totale Negation der Einheit und Lebendigkeit des Einen und als Hindernis für die Seele in ihrem Streben zum Ursprung ist die Materie zugleich Prinzip des Bösen - der von der Spitze: des Systems verbannte Dualismus der platonischen Prinzipienlehre kehrt so in anderer Form wieder zurück. Von unbestreitbarem Interesse ist aus heutiger Sicht neben Plotins Philosophie der Zeit vor allem derjenige Teil seiner Seelenlehre, der die Möglichkeit des intelligiblen Aufstiegs zum Einen begründen will. Hier entwickelt Plotin eine überaus originelle Theorie des »höheren Selbst«: Was seine eigentliche Identität ausmacht, ist dem Menschen für gewöhnlich verborgen; seine Seele ragt mit ihrem reinsten Kern in den Bereich des ‚Nus hinein, oder auch umgekehrt: Reiner ‚Nus ist stets im Menschen gegenwärtig und ist stets unbe- Denkwegen, und wo ginzlich anderes hinzukam, bei Iamblichos die Theurgie (eine ritualistische Tech: nik zur Erreichung der Verbindung mit dem Gatti, rung fraglich. FR zendenz zu überbrücken. Am Ende ist bei; Proklos auch das »Hen« noch vervielfältigt zu einem System von Henaden, über deren Eigenschaften und Stufung in streng beweisender Manier doziert wird. Gemessen am sokratischen Wissen des Nichtwissens oder auch gemessen am Philosophiebegriff der aristotelischen Metaphysik mag dies als ein befremdlicher Schluß. punkt erscheinen. Indes gilt es zu sehen, daß das geistige Bemühen, das als »Weisheit« begonnen hatte, sich in der attischen Begrifflichkeit zur » Philosophie gewandelt hatte, um im Hellenismus dann vorwiegend der Orientierung der Lebensbewältigung des zunehmend seine Unfreiheit fiihlenden Menschen zu dienen, mit der steigenden Daseinsangst des spätantiken Menschen gewollt oder ungewollt zur theologischen Spekulation werden mufte. Trotz aller befreienden Kraft des Aristotelismus, der erst über Arabien wieder in den lateinischen Westen gelangte, blieb die Philosophie auch im Mittelalter nur Magd der Theologie. Die Endphase des Neuplatonismus zeigt, daf sie dies nicht allein durch das Diktat der Kirche, sondern ebenso aus eigenen Zwängen heraus werden konnte. wußt in überzeitlicher noetischer Denktätigkeit begriffen. Dank dieser mit dem Wesen des Menschen vorgegebenen Verbindung zum Intelligiblen kann er sich über den Horizont der Zeitlichkeit erheben. In der »unio mystica: überwindet der Mensch vollends sein begrenztes Ich und entdeckt als sein wahres Selbst seine Teilhabe am Ursprung. Die Originalität dieser Theorie, die das Unbewußte erstmals als konstitutiven Teil des Menschen versteht, kann nicht bestritten werden. Der Detailvergleich mit Carl Gustav Jungs Theorie des kollektiven Unbewußten durch Hans RudolfSchwyzer brachte erstaunliche Übereinstimmungen zutage. Hierüber sollte man nicht übersehen, daß Plotin auch für diese Einsicht keinerlei Originalität beansprucht hätte: An den Texten zeigt sich, daß er sie Schritt für Schritt aus der Exegese der platonischen Lehre vom verborgenen geistigen Kern der Seele (Politesa 611/612 u.ö) entwickelt. Die potentielle Kreativität des exegetischen Philosophierens läßt sich selten so klar erkennen wie hier. Die vielfach verzweigte Entwicklung des Neuplatonismus nachzuzeichnen, ist hier nicht der Ort. Im NU SRSTER SIND DIE Woy De ANNÉE. co, In _ becs Can.