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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Griechische Philosophie und Wissenschaft
Thomas A. Szlezák
Griechische Philosophie und Wissenschaft
S Kou
D
BAEZAK STA.
sie nicht als Gegensätze gebraucht: Protagoras bietet
ge ZU stellen? Ist wenigstens so viel Einheit in dieser
bedeuten -, dann die Begründung; und er weist erst
mehr schon in ihren Zielsetzungen voneinander
einen
hieden? Dient der Philosophiebegriff des
des anderen radikal in
erung
rienti
Grundo
die
h
sich an, die Gerechtigkeit sei es in einem Mythos, sei es
in einem Logos zu explizieren, und bringt schließlich
erst die »Erzählung« - mehr braucht Mythos nicht zu
evicklung zu sehen, daß alle Philosophie ihrerseits
h als radikale Infragestellung anderer Weisen der
eltbewältigung versteht, oder verfolgt sie von
dann darauf hin, daß er sich nunmehr beim Logos befindet, als seine Darlegung schon längere Zeit rational
er ist ihm gar nicht wichtig, denn Mythos und Logos
können sich auf ein Gemeinsames richten, das in keiergang »vom Mythos zum Logos« (Wilhelm Nest-
Vielleicht hat Platon dieses doppelte Verfahren
-
nicht nur im Blick auf den »Sophisten« Protagoras so
solle, in teilweise phantastischen symbolisch-allegorigestaltet. Faktisch bleibt die »mythische< Darstellungsweise gerade auch bei ihm, dem Begründer der
jorrationalen Zeitalters stehen, Logos für die beginattischen Logos-Philosophie, in verwandelter Form
verstehen wollen. Mythos würde so für die traditio
schen Erzählungen gebotene Welterklärung eines
»Weisheit« in einer ihrer Formen: als ethische, als theodoch jedermann zugeben würde, daß sie den Maßstab
logische, als spekulative oder mystische gehört zu jeder Hochkultur. Philosophie hingegen gilt als spezifisch griechisch. Und insofern Wissenschaft ein Kind
nicht der Weisheit, sondern der Philosophie ist, sind
gesetzt hat und bis heute setzt für das, was als philo *
diese beiden Segmente des kulturellen Erbes der Antike, die Wissenschaft und die Philosophie, als die für die
europäische Neuzeit und damit die heutige Weltkultur
charakteristischsten Formkrafte anzusehen: Bedeutende Anregungen in Religion, Kunst, Literatur und
auf dem Gebiet der wirtschaftlichen und politischen
Organisation und Gestaltung hätten auch von einer
andersgearteten Ursprungskultur ausgehen können.
Was die europäische Kultur schließlich zur Domination anderer Kulturen befähigte, konnte sie so nur von
den Griechen erhalten.
Der Sinn dieser Feststellung ist nicht, die wenigen
noch verbliebenen Philhellenen mit Genugtuung und
Stolz zu erfüllen, vielmehr führt sie geradlinig zu der
Einsicht, daß,
je fragwürdiger die moderne Kultur sich
selbst geworden ist, desto schwieriger auch die Wertung der ursprünglich im Rahmen der griechischen
Philosophie und Wissenschaft getroffenen Weichenstellungen werden muß.
Am weitesten ging hierin Heidegger: Das Unheilvolle des technischen Denkens nahm für ihn seinen
ersten Anfang dort, wo ein ursprünglicheres Vernehmen des Seins der platonischen Ideenschau weichen
mußte - also dort, wo das auf» Weisheit: zielende Denken der frühen Zeit sich zur eigentlich griechischen
»philo-sophia« oder »Liebe zur Weisheit« wandelte.
Zwar versteht Heidegger diesen Vorgang als »Seinsgeschick«, hat also nicht Kulturkritik am Griechentum
sophische Frageweise anerkannt wird oder nicht.
Diese radikale Infragestellung der geschichtlichen
Rolle des griechischen Denkens soll hier wiederum
nicht in der Absicht an den Anfang gestellt sein, sie
entweder pauschal zu übernehmen oder ihr aber eine
zähe Apologetik entgegenzusetzen. Alle Apologetik
gentliche Züge namentlich der frühesten Phase thete + Form auftreten, in Platons Dialog Protagoras, sind
Aussage verpflichtet zu sein, durchaus auch im Rah-
Gewiß lassen sich mit diesem Begriffspaar weinatisieren. Doch ist der Gegensatz von Mythos und
Logos bei näherem Hinsehen beileibe nicht so eindeués. Wo die beiden Begriffe in literarisch einprägsamanzutreffen, wie der Fall des Dichters Hesiodos zeigt.
Musen, und hier wäre man geneigt hinzuzufügen: also
nicht dem eigenen Denken. Doch Hesiods Musen
scheiden streng zwischen Wahrem und Falschem, das
sie eingeben können, und insofern in Hesiods Werk
nur die Wahrheit der Musen eingegangen ist, ist der
spätere Gegensatz zwischen der vermeintlichen Unverbindlichkeit des Mythos und der Strenge desLogos
tive wäre zu fragen, ob Heidegger mit seiner neuen
Mythologisierung des Denkens dem >Ursprung: nicht
eine zu ausschließlich determinierende Kraft zuhier bereits im Bereich der Dichtung selbst vorgegeben, die man gern ganz dem Mythos zuweisen würde
schreibt. Im Verfolg solcher Fragen, die tief in die
Geschichtsphilosophie hinein und noch jenseits über
(Richard Kannicht, 1980). Überraschend ähnlich tritt
der erneut strenger gefaßte Wahrheitsanspruch bei
Parmenides auf: Auch ihn weist eine Göttin ein, und
sie will ihn beides lehren, sowohl die reine unerschütterliche Wahrheit als auch die nicht verläßlichen Meinungen der Sterblichen (Fr. B 1,28-30 D-K). Hier dient
die alte mythische Form der Belehrung von göttlicher
ihre Grenzen hinausführen würden, müßte man den
inkriminierten griechischen Ursprung über weite
Strecken aus dem Blick verlieren.
Dem Impuls des Infragestellens - der ja nicht auf
Heidegger als ersten Urheber zurückgeht, wenn er
auch von ihm in vorläufig letzter und radikalster Form
formuliert wurde - kann der hier gebotene Abriß
gleichwohl einen wesentlichen Aspekt der Darstellung entnehmen: Wenn der entscheidende Einschnitt
Seite zur Einführung der Konsequenz der Begrifflichkeit als einzigem Kriterium der Wahrheit, selbst wenn
solche Konsequenz zur Negation dessen führt, was alle
Erfahrung, sei es die alltägliche oder die von den Muvor Platon zu legen ist (oder - mit Nietzsche - vor
Sokrates), so fällt er mitten in eine Entwicklung, die
man mit Aristoteles, mit der späteren antiken Doxographie und nicht zuletzt mit Hegel als Einheit zu
sehen gewohnt ist.
Wie steht es also mit der Einheit der griechischen
Philosophie? Gibt es in ihrer Geschichte überhaupt
einen einheitlichen Philosophiebegriff, oder sind Parmenides und Aristoteles, Aristoteles und Epikur, Epimen des an mythische Formen gebundenen Denkens
Wie andere Dichter verdankt er sein »Wissen« den
tierung der heutigen Weltkultur bestimmt. Und vor
einer Übernahme der »seinsgeschichtlichent Perspekoder ‚Nicht-mehr-tragen-könnens einer sich anbietenden tieferen Unverborgenheit des Seins gerade an
der attischen Begriffsphilosophie hängen, von der
nem von beiden aufgeht.
erhalten, und die spätantike Rückkehr zu Platon bedient sich seit Plotin in wachsendem Maße der Bilder
und Metaphern um Erfahrungen zu bezeichnen, deren
adäquaten Ausdruck man dem Logos nicht mehr zutraut. Auf der anderen Seite ist der Anspruch, einem
strengeren Begriff von Wahrheit und begründeter
nde Rationalität und Emanzipation von der Tradimüßte sich zugleich auch mit der Wertung dessen *
befassen, was nach den griechischen Anfängen an
neuen Impulsen hinzukam und was schließlich als
Resultat der heterogenen Elemente die Grundorienim Sinn. Dennoch bleibt das Odium des Versagens
begründend verfuhr - der Übergang war also fließend,
fang eine Mehrzahl von Zielsetzungen?
Man hat das Neue der geistigen Bewegung, die sich
eBlich den Namen Philosophie gab, als einen
5
\a&\
"und Plotin nicht nur in ihren Antworten, sondern
Lehrender Philosoph. Bronzestatuette, drittes Viertel des
Jahrhunderts v. Chr. Paris, Bibliotheque Nationale,
Cabinet des Medailles
sen eingegebene, bisher anerkennen mußte: der Bewegtheit und Vielheit der Dinge. Damit ist ein neuer
Gegensatz ganz anderer Art aufgerissen: Dem reinen
Gedanken oder Logos tritt die bloße Erfahrung und
Erkundung des Wißbaren - die »historia« der ionischen Denker - gegenüber. Doch der Versuch einer
Abwertung der »historia« gegenüber dem reinen Den-
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)den Wesen realisieren (zum Beispiel Metaphysik
; und das »Mytworten (Metaphysik 1000a, 9-18)
maßen beeinflußten Empedokles. Doch muß
Eudaimoniestreben nicht eschatologisch orienti
1070b,30-32). Ebendies wird man, auch wenn die be-
Betrachnene« nennt er hier genauerer
ch-Erson
grifflichen Distinktionen noch fehlen, den frühen Alldoch die Fragepicht wert. Andererseits sind ihm
nwärund Antworten der Seodoyor stets gege
sein. 190g àv9póng daip@v, sagt Hekrakleitos: 44
Menschen Ethos ist sein Daimon; und so wahr phi
Ursachen Wasser Feuer Luft zugute halten dürfen. Bezeichnenderweise handelt es sich um »Elemente«, die
weisen
de Parallelen zwischen ihnen
ig. und er zieht erhellen
aphysik 993», 11-14).
ad den Naturphilosophen (Met
sophische Ethik zur Formung des Ethos beitr
kann, so wahr will das Denken sich auch als Weg À
in steter Bewegung sind. Das träge »Element( Erde
kommt erst bei Empedokles zu den übrigen hinzu und
wird wie diese von den kosmischen Kräften Liebe und
eund in gewissem Sinne
Eudaimonie empfehlen.
“Überhaupt ist der Mythenfr , ein »philosophos« (MeEs gibt also eine Vielfalt von Oppositionen. D
heit
Sich ein Fre und der Weis
t auch gelten,
emanzipatorische Effekt der (vermeintlich) neu er
; * gaphysih 982 b, 18-19) - müßte dann nich
deckten Rationalität ist durch ‚Mythos - Logos: eingt : daß der My thendichter selbst vin gewissem Sinnet
germaßen adäquat bezeichnet; aber das »Mythise)
=Philosoph sein muß?
die in der Tradiee to-philosophischen Positionen,
eus und Musaios
tion über mythische Sanger wie Orph
schon als Wissen den Vorrang vor der >Sorge um
wenn sie die alten Erklärungen, die mit dem Wirk
der Götter rechneten, will ersetzen oder aber fundi
ren können, sie muß Naturwissenschaft oder de
Grundlegung ebenso wie Seinsspekulation und G
sellschaftstheorie bieten, wenn sie ihren stets strenger
gefaßten Wahrheitsanspruch in umfassenderer Wei
will einlösen können.
Vorsokratik
ken konnte nur solange Eindruck machen, als die Gesetze des Denkens selbst nicht erkannt waren. Mochte
Angesichts der unterschiedlichen Erkenntnisziele
wird schon die Auswahl der Texte, die man als Teil di
stellt haben, spätestens seit Aristoteles mußte klar sein,
daß Philosophie nicht einfach einer der beiden Seiten
ganz zugeschlagen werden kann.
Entwicklung der griechischen Philosophie betrachte
Belehrung durch göttliches Wissen bedeutet aber
nicht nur den Erwerb theoretischer Einsicht, sondern
Wo ist der Anfang dieser Entwicklung, was sind ihre +
»Vorläufer(, was ist bloßer »Hintergrund«? Bei dei 4
insbesondere auch die Befreiung von den Wahnvorstellungen, denen die gewöhnlichen Sterblichen ihr
Unglück verdanken. Der Wissende ist so der in dopschrittweisen Ablösung des älteren Weltverstandni
ses durch das neue wird es keine endgültige, von allen
peltem Sinne Ausgezeichnete: Durch das Wissen, das
in sich ein Wert ist, ist er zugleich der von allen erstrebten »Eudaimonia< näher. Denken und Wissen als eine
Form der Daseinsbewältigung tritt in Konkurrenz zu
denjenigen Formen von Religion, die ein glückseliges
Dasein im Jenseits verheißen, zu »Orphik und Mysterien also. Deutlich ist dies vor allem im Pythagoreismus, aber auch bei dem von Pythagoras, von Parmenides und von der ionischen Naturspekulation gleicher-
Sinne bemiihen sich moderne Textim Gegensatz Zum Vertrauen auf die Kraft des Geda
kens schafft ein anderes und schwierigeres Probl
Seele beanspruchen kann. >Philosophiet aber muß
dies integrieren können. Sie muß Theologie biet
Parmenides die Alternative noch so provokativ gedenken ist weit eher als die vermeintliche Orientierung
an der Materie das metaphysische Einheitsstreben:
: Se
dierten religiösen Formen und die Normen der Gese
schaft, sondern auch das Wissen selbst, das ja nic
Bildnerische Deutung der orphischen Lehre über Lohn und
Strafe im Jenseits: Eurydike an Hermes’ Hand beim
Abschiednehmen von ihrem schuldig gewordenen Gatten
Orpheus vor ihrer göttergewollten endgültigen Rückkehr in
die Unterwelt. Römisches Marmorreliefnach einem Vorbild
des Jahrzehnts zwischen 420 und 410 v. Chr. Neapel,
Museo Archeologico Nazionale
Streit bewegt. Charakteristisch für dieses Ursprungsin einem weiteren Sinne wird nicht schlechterdin
funktionslos. Die Orientierung an den Phänomen,
der Vermittlung; und das Streben nach Glückseligk
kann alles andere in Frage stellen, nicht nur die tr
will, zu einem nicht befriedigend lösbaren Proble
akzeptierte Antwort hierauf geben. Aristoteles stand.
bereits vor demselben Problem. Die an mythische For-:
men gebundenen Denker vom Typ Hesiods, die ef.
gern »Theologen« und »die aus der Nacht (die Dinge)
entstehen lassen« nennt, kann er zwar hart tadela
wegen ihrer Neigung, Erklärungen anzubieten, die
keine sind: Zu sagen, daß die Götter unsterblich sind,
weil sie Nektar und Ambrosia genießen, heißt der
Frage, warum manche Dinge unvergänglich, manche
vergänglich sind, eher aus dem Weg gehen als sie
sem
een
und Darstellungen, die vor- oder besser
oder in
n
der Spruchweisheit der sogenannten Siebe
Aussagen bei Hesiod
Weisen, in den kosmogonischen
lten sind, in größeentha
Syros
von
kydes
Phere
ader
beziehen (so beieinzu
ng
Umfa
rem oder geringerem
, Giorgio Colli;
“spielsweise Diels-Kranz, Kirk-Raven
ie):
Guthr
C.
W.K.
ter,
raech
Ueberweg-P
EntZu Als gut aristotelisch kann freilich auch die
Vorläufer«
sheidung gelten, die Vorläufer als »bloße
ings
neuerd
es
wie
en,
chließ
auszus
on der Darstellung
(1979)
olfgang Röd (1976) und Jonathan Barnes
h
kritisc
sich
eles
Aristot
wo
dort,
Denn
tan haben.
ench historischen Vorstufen seines eigenen Ursach
enkens
257
Die unendliche Vielfalt der Dinge kommt aus einer
identischen äpyñ und geht in sie wiederum zurück.
Diese kühne Vereinheitlichung der erfahrbaren Vielheit trägt trotz der naiven Konkretheit der benannten
äpyui bereits den Ansatz zur Negation der Erfahrungsevidenz in sich, wie sie Parmenides in das griechische Denken einführte und Platon in subtilerer
Form zum Nutzen der wissenschaftlichen Theoriebildung fortentwickelte.
Nicht ganz so konkret mutet die àpxñ des Anaximandros an, eines weiteren milesischen Denkers, den
die antike Tradition zwischen Thales und Anaximenes
BEEP
OS:
umsieht, zu Beginn der Metaphysik (A3, 983 b,
off), dort setzt er gleich bei der ionischen Naturphilohie ein und nennt Thales von Milet den »Urheber
lcher philosophia«.
Erklärung der Dinge aus nicht persönlich gedach-
‘ten ersten Ursachen und Prinzipien war etwas,
das
erst im kulturell fortgeschrittenen lonien begann.
b die geographische und geistige Öffnung zu den
jochkulturen des Ostens die Entwicklung überhaupt
rst in Gang brachte und wie weit sie sie prägte, wird
n;
och längere Zeit eine kontroverse Frage bleibe
L. West (1971) gab eine sehr positive Einschätzung
es orientalischen Einflusses. Der »Urheber« Thales
oll das Wasser als Urgrund der Dinge bezeichnet
aben (eine Schrift besaß die Nachwelt nicht von
ihm), Anaximenes die Luft, Heraklit von Ephesos das
Feuer.
Aristoteles stuft diese Ansichten als verschiedene Erklärungen der Materialursache der Welt ein,
in zugleich der Vorwurf einer unzulänglichen und
eitigen Betrachtungsweise liegt. da die wichtigefen Ursachentypen, die er Beweg- und Formursache
üennt, übersehen seien (Metaphysik 9842,17). Indes
ja auch seine eigene Ursachentheorie die Mögant
Behkeit, daß mehrere begrifflich unterscheidbare »Ur$gchentypen« sich in ein und demselben verursachen-
Herakles als Träger des Himmelsgewölbes vor dem Gordischen Knoten und dem Apfel der Hesperiden in der Hand
von Atlas. Vasenbild auf einer Lekythos des AthenaMalers, zwischen 480 und 470 v. Chr. Athen, Archäologisches Nationalmuseum
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)ansetzte: Das Unbegrenzte (td ärteıpov) war für ihn
der Ursprung. Es ist indes nicht anzunehmen, daß
Anaximander sein üneıpov anders dachte als ein qualitativ nicht festlegbares und quantitativ nicht klar eingegrenztes, aber nicht notwendig räumlich unendliches materielles Etwas. Einen qualitativen Sprung des
Denkens zeigt dieser Begriff nicht notwendig an: Es
ließe sich auch als Rückgriff auf das hesiodische
»Chaos« deuten; nach einer Andeutung des Aristoteles
(De caelo 303b,10) scheint es aber durch seine Mittelstellung zwischen Wasser und Luft durchaus die Konkretion dieser ‚Ursprünge« gehabt zu haben.
Wichtiger als der Begriff) Apeiron: ist der »Satz des
Anaximander - denn nur ein Satz ist von ihm wirklich
überliefert: »Woraus aber das Werden der Dinge ist, in
das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der
Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe
259
sendste moderne Aufarbeitung des Quellenmaterials
zung des modernen Existenzphilosophen für die Ry
stenzform der »Uneigentlichkeit« und »Verfallen
sind noch eine milde Sache im Vergleich mit Hera
Verachtung für die, die den AÓ6yog nicht erkennen
(Burkert, 1962/1972) gezeigt hat. Pythagoras steht
mehr für die Fortführung alter religiöser Praktiken und
Tabus als für den Aufbruch in geistiges Neuland. Den
priesterliche Pose des verschlossen-stolzen Heraÿ
Anschluß an die sich entfaltende wissenschaftliche
gehobenseins des Wissenden aus dem erkenntnisl
Pöbel hat die griechische Philosophie in wechselnd;
Weltsicht der übrigen Vorsokratik gewannen die Pythagoreer wohl erst mit Philolaos (spätes 5. Jahrhundert) und Archytas. Doch durch die Vermittlung Pla- ©
Formen seit Heraklit über Platonismus, Kynismus
u,
Stoa bis zum Neuplatonismus begleitet.
Die Verachtung Heraklits gilt indes nicht etwa}
tons wurden pythagoreische Grundgedanken gleichwohl zu bleibenden Formkräften des griechischen
diglich der Unbildung. Bildung im Sinne vielfältigen
Wissens ist aufs deutlichste mitverurteilt: »Vielwisgg
Denkens: so die Bedeutung der zahlenmäßigen Prorei lehrt nicht Verstand haben; sonst hätte sie es Hé
siod gelehrt und Pythagoras und Xenophanes ung?”
Hekataios« (Fr. B40 Diels). Pythagoras ist Ahnhey =
Gedanke von Proportion, Ordnung und Harmonie in
der Schwindler (B81; B129), Homer verdient Schläge : =
und Präexistenz der Seele.
Platons Timaios - ein frühes Beispiel für die spätere
portion als geheimes Strukturgesetz aller Dinge; so der
allen Bereichen, im Kosmos ebenso wie im menschlichen Verhalten; so der Glaube an die Unsterblichkeit
(B42). Was für Heraklit zählt, ist die Konzentrationa
die verborgenen Strukturgesetze des Alls: »Allesj
einss, in allem waltet eine »gegenstrebige Harmonig
unhistorische Überbewertung pythagoreischer Wissenschaft - integriert auch umfangreiche medizinibeobachten ist - man könnte an den Ausgleich von
(B51), die Gegensätze sind letztlich eins: Unsterblich
sind Sterbliche und Sterbliche Unsterbliche (B 62), dé
Weg hinauf und hinab ein und derselbe (B60); a
sche Kenntnisse in den Welt, Seele und Mensch umspannenden Gesamtentwurf. In der Tat hatte sich die
medizinische Wissenschaft nicht in Isolation von der
Wärme und Kälte im regelmäßigen Kreislauf
der Jah-
Dinge Vater ist der Krieg (B53), und doch ist Gott zi
reszeiten denken -, formuliert er in einer Sprache, die
gleich Krieg und Frieden; und dies »allein Weise
nicht und will mit dem Namen des Zeus benannt wer:
den« (B32). Mag Heraklit den anderen Ioniern in ma:
naturphilosophischen Spekulation entfaltet, und dies
war gewiß eine der Voraussetzungen für ihre Entwick-
= Haligtum von Dodona, um 470 ©. Chr. Berlin, Staatliche
chem nahestehen - auch Anaximanders äreupov wa
= Maen Preuffischer Kulturbesitz, Antikenmuseum
und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit
Anordnung« (Fr. B1 Diels). Die Vorgänge des Wechsels sieht Anaximander mithin einer Notwendigkeit
unterworfen; was an bestimmten Phänomenen zu
noch ganz aus dem Bereich des menschlichen Rechts
genommen ist, als eine Art Gesetz für alles, was ist:
Man erkennt einen »ersten Ansatz zur Formulierung
des Kausalprinzips« (Wolfgang Röd).
Von einem ewigen göttlichen Logos durchwaltet
ist der stete Wechsel der Dinge auch für Heraklit. Die
formelhafte Zusammenfassung seiner Weltsicht -
navra Pei »alles fließt« - hat bis vor kurzem fast die
Rolle einer sprichwörtlichen Wendung im Sprachgebrauch des deutschen Bürgertums gespielt. Selbst in
der Mißdeutung als Rechtfertigung des Relativismus
zeugt dies Wort noch von der suggestiven Kraft von
Heraklits Einsicht in die Unentrinnbarkeit von Vergänglichkeit und Wandel. Platon wurde von Aristoteles als Herakliteer geschildert, der die Überzeugung
vom ewigen Fluß aller Dinge durch den Glauben an
die unwandelbar selbstidentische Existenz einer neu
ersonnenen Art von »Dingen«, der nur dem Denken zugänglichen Ideen, kompensieren mußte (Metaphysik
987a,32ff.). Heraklit selbst dachte nicht daran, eine
höhere Welt »hinterc der Welt zu postulieren, und
doch führt auch bei ihm die Erkenntnis des unendlichen Wandels aufein Identischesund Unwandelbares,
nämlich den göttlichen Logos, der, mit dem Feuer als
Urstoff identisch, zugleich substantielles Wesen und
rationales Funktionsgesetz der Dinge ist. »Die Vielen«
vermögen aber den Logos nicht zu erkennen: Das, was
alle Dinge unerkannt eint, trennt die Menschen in nur
allzu offenkundiger Weise - Mitleid und Geringschätunvergänglich und göttlich wie Heraklits Feuer -, die
für die Milesier kennzeichnende kosmologische N
turforschung, die mit einem Interesse auch für mathe.
matisches Wissen verknüpft war, tritt bei ihm zurück
zugunsten begrifflich-intuitiver Spekulation. Introversion und Reflexion sind noch eins in den wegweisenden Sätzen: »Ich suchte mich selbst« (B101) und »D
Seele Grenzen kannst du nicht ausfindig machen, … s
tief ist ihr Logos« (B45).
Zu den von Heraklit Verachteten gehörte Xenophanes von Kolophon: Sein Tadel der Immoralität der
homerischen Götter (B12) und der Einfalt der anthropomorphen Gottesvorstellung - die Rinder würden,s
spottet er, rindergestaltige Götterbilder machen,
wenn sie es könnten (B15) - wird indes als Prototyp
chleudernder Zeus. Bronzestatuette, aus dem Zeus-
- getadelte >Erzschwindler Pythagoras. Für die damaliReligion und Gesellschaft war er ein weit aufregenderes Phänomen: Wie Platon ihm bescheinigt (Podtea 6006), schuf er einen neuen fitdc, eine neue Da#insform, die Askese und charakterliche Bewährung
itgeistiger Schulung verband und als Preis für diese
en Formen der »Arete die politische Führung
beinspruchte. Pythagoreische Bünde - für die das
Gebot der Verschwiegenheit auch hinsichtlich der
= pLehrec zweifellos eine Rolle spielte (Aristoteles Fr.
199 Rose; Aristoxenos Fr. 43 Wehrli) - beherrschten
UB 5. Jahrhundert unteritalische Griechenstädte, so-
Tange sie die demokratische Opposition niederzuhalten vermochten; noch im 4. Jahrhundert lenkte die
ethisch-philosophischer Kritik an der »positiven« Rel#
gion aktuell bleiben, solange es positive Religion= “5 tadt Tarent der Pythagoreer Archytas, mit dem Plageben wird. Der hier beginnende Konflikt der Philoso© #90 in persönlichen Kontakt trat. Der Einfluß des
phen mit der Volksreligion
- ein Konflikt, der Sokrates
= Bythagoreischen Ideals auf Platons Staatsutopien ist
den Tod, anderen die Verbannung brachte - wird = „ enkundig. Was an »Philosophie«im Kreis des Pythasogar noch die altgriechische Volksreligion über # # : &0ras getrieben wurde, ist hingegen dunkel; weder
dauern: Kaiser Justinianus schloß im Jahr 529 n. Chr. = : Platon noch Aristoteles weisen ihm bestimmte geisti8 Leistungen zu. Die wissenschaftlich- philosophidie einst von Platon gegründete Akademie, weil der „B
dem neuen christlichen € » aoe Fortgeschrittenheit der Pythagoreer und ihres
neuplatonische Gottesbegriff
feisters ist eine späte und unhistorische Glorifizie-
Glauben nicht entsprach.
Minder revolutionär erscheint heute der härter „
“rng des bewunderten Geheimbundes, wie die umfaslung von bloßer Heilpraxis zur Wissenschaft. Von
allen Zweigen der vielfältigen vorsokratischen
iotopia hat wohl - neben der Mathematik - die Medizin zuerst den Charakter einer Fachwissenschaft gewonnen. Wenige Namen aus der Antike sind bis heute
so bekannt wie der des Hippokrates (um 460-370 v.
Chr.). Zwar ist beileibe nicht alles, was im Corpus Hippocraticum unter seinem Namen überliefert worden ist,
wirklich von ihm oder auch nur in seiner Zeit verfaßt:
Die geistesgeschichtliche Analyse gerade des ältesten
Bestandes der hippokratischen Schriften führt immer
wieder zu neuen Datierungen. Bei aller Skepsis bleibt
jedoch eine hinreichende Zahl von frühen medizinischen Abhandlungen, um den hohen Stand der ärztlichen Kunst einerseits und die methodische Reflektiertheit der griechischen Medizin des 5. Jahrhunderts
andererseits eindrucksvoll zu belegen. Probleme von
allgemeinerem naturwissenschaftlichen Interesse
wurden in der medizinischen Literatur mit vorbildlicher Umsicht - und entsprechender Wirkung auf
Begrifisbildung und Problembewußtsein der übrigen
Wissenschaft - diskutiert: das Verhältnis zwischen
der Erscheinung, dem Symptom, und seiner tieferen Ursache; das Verhältnis zwischen der allgemeingültigen Regel und den Erfordernissen des Einzelfalles; ferner der Gegensatz zwischen natürlicher und
»übernatürlicher Erklärung (am Beispiel der »heilige
Krankheit genannten Epilepsie).
Platon schrieb Hippokrates die Überzeugung zu,
Página 4
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Das Asklepieion im Bezirk der Arzteschule auf Kos, der
Heimat des Hippokrates. Blick aufdie Reste eines Antentempels, 3. Jahrhundert v. Chr.
man könne den menschlichen Körper erst kennen,
nides’ hexametrisches Lehrgedicht, wie manch an,
vorsokratische Schrift auch, unter dem Titel Per
_—
sophie zu retten,
aúhten sich andere, die Naturphilo
n entzogen schien.
irc Parmenides der Bode
seos geführt, doch das eigentlich Belangvolle daran
e konnten die »Physiheit und Bewegung der Ding
das, was dem der »Physist gewidmeten Teil vora
enideisch« waren die
, yoiehicht preisgeben; aber »parm
geh var Erwägungen über Erkenntnis, Wahrhg ” 5 folgenden Weltentwürfe insofern, als sie im Wanansetzten, etwas Selbstidentizwischen sole, ‘el ein Unwandelbares
nachmals klassisch
Erwi uen à i are Trennung
=p, wie Parmenides’ Sein: die
erklärte sich
Aus
Wi
deneneines
und den objektgebun
ordenen Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde
q à %sches
die den Eindruck
die Erfahrungswelt,
überägungen
tativ neuen Schrittes im philosophischen Denken hé =". vdokles). die unvergänglichen und unaffizierba25 A tome (Demokritos), die in sich homogenen,
sort manche sprechen hier von der »Grundlegig
er abendländischen Ontologie«. Hier wird nichtje endlich teilbaren Substanzen (Anaxagoras). Die
uf etage was die Dinge eigentlich sind (Was ® girkliche Gestalt der erfahrbaren Welt
*, ythagoreischen Seelenwanderungslehre und Eiferer
als wechselndes Zusammentreten des ewig gleiLu t oder Feuer), auch nicht, was ihren Wandel We ‘tan
ihre Wechselwirkungen ordnet (die Notwendighg ae
ndeliegenden
konzipierte
vaklarZIEN
Ë “chen
i" man im 5. Jahrhundert auch den
5
de
»Sein«zu denken ist. Nicht zu denken ist das Nichtsep! der Ursache des Wandels: Empedokles sprach
Ohne des Seiende faßt das Denken nichts (Fr. Be = etwas ‚mythisch noch, wie bei einem Anhänger der
5
. h nur das »Ist« (Eotiv
_K Denkbar ist folglic
) ode
D-K).
Liebe und »Streit« als kosmischen
Kräften, Anaxagoeen
blutige Opfer
en 4
aes Perendes (70 Ev), und diesem komm
mmung
chen Besti
möglianderes
enetwas
oder vor ihm odé
an ihm
allen ander
irgend
Wäre
außer ihm, so wäre dieses andere Nichtseien
»Nichts anderes ist oder wird sein außer dem èóvé
(B8,36). Andersheit wäre Nichtsein, das scheint fe
Diese Verbindung des empirisch ausweisbaren Einzelwissens mit der umfassenden Naturspekulation war
dell konnten aber auch die größeren Abläufe in der
wirkenden gegensätzlichen Kräfte. Nach diesem Monegiert. Und Aristoteles, der zwar an Platons Überwit
men;
Aussage über den historischen Sokrates genom
scher
‚heute neigt man dazu, eher ein Stück platoni
n
Autobiographie darin zu sehen - Sokrates’ Denke
das
mgegen bleibt schwer einzuordnen; das gilt für
Merkmale der Ei
:), wähph an eens gab Cure die
nannte die höchste Ursache ‚Nus pGeist
Vollendet :
Grund der Wirklichder Un ewordenh. nn het und
die Atomisten den Zufalsall
vleichmä nvergänglichkeit,
Unbewortheit und
Dieser kühne Gedanke traf beim
Bile mäßigen Gerundetheit & keit anerkannten.
Fr.8 119 U
isch denkenden Aristoteles nur auf Spott (erst
). nd weiteres läßt sich schon nicht me: : *teteolog
(Er. 3
dieneuzeitliche Naturwissenschaft konnte ihn fruchtmit Wahrheit vom »Sein« sagen. Als) Wohlgerundetä —
f hingewerden lassen); Anaxagoras’ ‚Nusc-Begrif
los, aber va
(97bff.), habe
ist es zwar weder raumlos noch gestalt
gen, so liest man in Platons Phardon
en ist es befreit, Sokrates’
Hinwendung zur Ideenhypothese ausgelöst.
nach dem Ausweis der Fragmente des Arztphiloso-
Parmenides im Begriff »Sein«selbst zu liegen. Erst Ph:
ton wird gegen »Vater Parmenides« festhalten, daf:
wenn man die Natur des Alls kenne (Phasdros 270c).
als >Gleichberechtigungt (ioovonia) der im Körper
phen Alkmaion (um 500) schon lange vor Hippokrates
angestrebt worden. Alkmaion erklärte die Gesundheit
»Seinc die Bestimmtheit eines Begriffs durch einer
anderen bezeichnet, weswegen die »Andersheit: gé
genüber solchem »Sein« zwar die Existenz dieser ein à.
Bestimmtheit, nicht aber die anderer Bestimmtheites
werden. Ob Alkmaion wirklich, wie die antike Tradia
dung des parmenideischen Dilemmas, nicht aber
Natur,
ja die Ordnung des gesamten Kosmos gedacht
leicht ist sein Begriff der ivovoyia eher eine Vorwegtion behauptet, Pythagoreer war, ist umstritten. Viel-
Griechische Philosophie und Wissenschaft
261
geistigen Aufbruch in der zweiten Hälfte des 5. Jahrdann gegen den Anspruch der athenischen Bürgerschaft, das Wissen von der âpetú) zu besitzen.
yRelativierung der Werte: ist ein Schlagwort, das
erst durch die platonische Restauration, die auf den
etwas wie eine ‚Relativierung: der Werte an.
Man
hunderts folgte, mit einer philosophischen Begründung versehen wurde. Natiirlich strebte niemand so
des
stellte jedoch die Frage, worauf Werte beruhen - auf
natürlichen Gesetzmäßigkeiten oder auf menschlichen Setzungen, auf der Physis oder auf dem Nomos.
In der Praxis mag das vor allem als Infragestellung
scheidung für die eine oder die andere Antwort defi-
Vorrangs der auf ihre >edle Artungt pochenden herrschenden Schichten empfunden worden sein - als Relativierung von Standeswerten also. Aber die Entniert noch nicht eine ethische Position: Die menschliche Herkunft der Werte kann als Vorzug oder als
Schwäche ausgelegt werden und je nachdem auf Gesetzlichkeit oder Gesetzesverachtung führen; die Physis kann als Begründung des »Rechtes des Stärkeren«
angerufen werden, kann aber auch als Modell des
Ausgleichs und des sozialen Friedens fungieren. In jedem Fall aber führt die Alternative dazu, das Bestehende zu überdenken. Das darin enthaltene revolutiogleich eine intellektuelle Schulung anboten, nicht selnäre Potential wurde verstärkt durch den Umstand,
daß die so fragenden Denker in ihrer Mehrheit zuten mit dem erklärten Ziel, den Lernenden in der poliren machen«. Obschon dieses Programm nicht mehr
tischen Auseinandersetzung überlegen zu machen.
Die gleiche Zielsetzung für die forensische Auseinandersetzung lautete: »die schwächere Sache zur stärke-
Anleitung zum Betrug verdächtigt, wozu es freilich
bedeuten mußte als die kunstmäßige aber legale Nutzung aller argumentativen und juristischen Möglichkeiten eines zunächst aussichtslos scheinenden Falles,
wurde es von unreflektierten Kritikern sogleich als
erwähnte Frageweise nach der Begründung der Werte
auch mißbraucht werden konnte. Hinzu kam, daß die
auch aufdie Grenzen des Wissens führen konnte: Wer
sich auf göttliches Recht berief, konnte gefragt wer-
Maß, und an der Existenz Apollons, in dessen
des
Auftrag
einzelnen - die überindividuell erkennbare üpern als
(B4). Sokrates wollte statt des Menschen - statt
ben konnte: »Aller Dinge Maß ist der Mensch« (Bl)
und »Über die Götter habe ich keine Möglichkeit zu
wissen, weder daß sie sind noch daß sie nicht sinde
keit des Rücksichtnehmens, zugleich die Sätze schreiden, woher er denn von solcher Rechtssetzung wisse.
Eireichte (wieviel vom frühen Platon geht aufihn zuück?) ebenso wie für seine Anfänge (was wurde
ihm
wirklich bestimmend für ihn?). Aristoteles spricht
So ist es wohl kein Zufall, daß derselbe Protagoras, der
politische Ordnung sozusagen „demokratisch: legitimierte aus einer allen Menschen angeborenen FähighyNaturspekulation und Ideenmetaphysik ab (Metap
"2 987b, 1-4; 1078b, 30), weist ihm aber die Pionier
alle in der Definition ethischer Begriffe zu - und
damit auch in der Kunst des Definierens als logischer
ler Zenon neue Aporien formulierte, die die Evident
Leistung.
der Sinne in der Manier des Meisters beiseite schob!
“Fest steht, daß Sokrates seinem Fragen nach dem
und das bisher Selbstverständliche undenkbar mach
Wesen der »Tugendent eine theologische Rechtfertiten - womit zugleich die Fähigkeit des abstrakte? = §ung gab, die sehr persönliche Züge trug, und daf er es
Denkens in ungeahnter Weise provoziert und geschult + th Kampf gegen zwei sehr unterschiedliche Gegner
die
wurde: Ein Ertrag der zenonischen »Dialektik« war
Wrwirklichen mußte: einmal gegen die intellektuell
Entdeckung der Aporien des Begriffs des Unendlichef *
otivierte sophistische« Relativierung der Werte, sobegriff das Aktuellste überhaupt. Während sein Sch
1089a, 2).
Für die Zeitgenossen des Parmenides und zumi
dest noch für die nächste Generation blieb sein Seins
dessen Reverenz für den Gründer der Ontologie pal
zipiert, nennt die ganze Fragestellung (einschließlich
der platonischen Lösung) »altmodisch« (Metaphysi
nahme als eine Umwandlung der pythagoreischen
‚Harmonie oder eine unabhängige Parallelentwicklung dazu.
Neue Maßstäbe für das Denken setzten indessen
Parmenides von Elea (frühes 5. Jahrhundert) und sein
Schüler Zenon. Sofern sie allerdings Vielfalt und Bewegung leugneten, wird man ihre Position vom Standpunkt der Naturphilosophie aus als dem Wahnsinn
nahekommend bezeichnen dürfen - so Aristoteles (De
generatione et corruptione 325a,19), der jedoch weiß,
teresse zubilligt (PAysi 185 a, 20). Zwar wurde Parmedaß ihre Fragestellungen im Grunde anderer Ordnung
sind und ihnen daher ein eigenes philosophisches In-
Página 5
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Dageequssehbares Hinausgehen tiber das bisher
form,
esene. Denken als alles bestimmende Lebens
Sein Sterben war indes kein Unfall oder Mig
schick, sondern muß als philosophische Tat verst,
den werden. Zumindest lassen Platons Apologze, k,
ton und Phaidon keinen Zweifel daran, daß Sokrate
sterben wollte. Durch diese Tat rückt er und durch jy
das Denken in eine neue Dimension: Sosehr die big:
herigen Philosophiebegriffe die üblichen Forme: B
menschlichen Erkennens hinter sich lieRen — der ratig
nale Welterklärer ließ den Wahrheitsanspruch de
Mythen hinter sich, der Sucher nach dem Selbst und
dem einen Logos die bloße »physiologia«, das nur sich
selbst verpflichtete Seinsdenken alle anderen Formeÿ.
Sokrates. Römische Marmorkopie eines Bronzeoriginals,
wohl der im Pompeton in Athen aufgestellt gewesenen Philosophen-Statue des Lysippos, aus der Zeit um 340 v. Chr.
Rom, Museo Nazionale Romano
er zu philosophieren meinte, zweifelte er so wenig wie
an der seines Daimonion.
Während die Gegnerschaft der »Sophisten« - ausländischer Intellektueller also - dem Stadtbürger Sokrates nicht gefährlich werden konnte, ihm eher Sympathien bei den Mitbürgern hätte einbringen müssen,
wurde ihm das kritische Hinterfragen der Denkgewohnheiten der konservativen Athener sehr bald zum
Verhängnis. Wie die 423 v. Chr. aufgeführte Komödie
Die Wolken von Aristophanes zeigt, machte man sich
schon sehr bald nicht mehr die Mühe, den stadtbekannten Sonderling von den suspekten Neuerern der
Aufklärungsbewegung zu trennen, man warf ihm die
spezifisch naturwissenschaftliche »Asebiec vor, die
Welt durch ‚Meteorologie zu entgöttlichen - so als
hilosophischer Biog: Erziehung und Funktion der
der
osophen als Herrscher in der Staatsutopie
he
oreisc
pythag
das
daß
,
utlich
überde
hteia zeigen
gal für Platon seine Gültigkeit behielt und durch die
eziehung der gesamten Gemeinschaft unter die
ung des Denkens eine entscheidende Vertiefung
r. Die Verstrickung Platons in die sizilische Politik
jn den Jahren um 366 war ein Versuch, von der Utopie
ait Wirklichkeit zu kommen (7. Brief 328bc). Der
= Versuch schlug fehl, erfolgreich blieb hingegen der
der Reflexion, und die pythagoreische Begründung : frühere Versuch, in der Akademie eine Lebensgemeineines von Prinzipien geleiteten Bios ließ das blogs: : schäft der Philosophierenden zu verwirklichen. AllseiDenken hinter sich als eine neue, integrale philoso, ;
five Pflege der Wissenschaften wurde das Kennzeiphische Existenzweise -, ebensosehr scheint Sokrates : : chen der platonischen Akademie, ihr standen Mathemit dem bejahten Tod für die Verteidigung der Waki’
inatiker und Astronomen nahe (Theaitetos, Eudoxos),
heit über das bloß Menschliche hinauszuwachsen.
D;
à ihrem Kreis erhielten Botanik und Zoologie, Logik
Vergleich mit Jesus schien dem jungen Hegel die rich: : wd Rhetorik, Politik und Ethik ihre systematische
tige Perspektive zu liefern; und Sokrates verdiente
ig
Sfundlegung. Aber alle Wissenserweiterung war bedieser Sicht sogar den Vorzug, verhalf ihm doch kei
zogen auf ein oberstes Erkenntnisziel, das Platon »das
göttliche Natur zu seiner Tat.
à Gutec nannte und nicht allein als OrientierungsmarZunächst war Sokrates für die Griechen allerdings
“he für das menschliche Wollen, sondern mehr noch
ein sehr menschlicher Streitfall: Einige Jahre nachs
als Erklärungsprinzip der ontologischen Struktur der
nem Tod erschien noch eine literarische Anklag
schrift gegen ihn von einem Polykrates; seine Schük
setzten sich gleichfalls mit literarischen Mitteln
Wehr, je nach Talent und Temperament: Xenophon,
nüchternes Sokrates-Porträt sollte wohl in manche
eine Korrektur des platonischen Heiligenbildes sei
Auch zahlreiche andere schrieben über den von d
Bürgerschaft gemordeten Denker. Der persönlich ve
pflichtende, buchlos philosophierende Frager lös
eine ganze Literatur aus, die Literatur der »Sokratik
4Platon die »Idee« als das selbstidentische Wesen einer
Sache zum zentralen Denkmittel macht und es beButt (Phaidon 99 aff.) aus der Botmäßigkeit der Erfah-
Logoic. Erhalten sind hiervon nur die beiden Genani
ten, philosophisch bedeutsam ist hiervon nur d
Werk Platons.
rung löst, kommt erst bei ihm die parmenideische
„Intention auf ein »reinest Denken zur Erfüllung; Platon
bleibt nicht beim sterilen »Einen-Seienden« stehen,
Ergebnisse der von ihm »Sophistent genannten Aufklärer werden in ihr fortgeführt, neu überdacht und
letztlich durch die Rückbindung an die eine apyn
umgewertet. Nicht der Mensch ist das Maß der Dinge,
wie Protagoras gelehrt hatte, sondern Gott (Nomor
716c).
Gott das Maf der Dinge? Wer an solchem Maf zu
messen versteht, wird sich auch das Recht zuschreiben, anderen seine maßgebende Erkenntnis zu ihrem
“sondern eröffnet den weiten Bereich der begrifflichen
8 Strukturen, die er als reale Strukturen nicht nur in den
ahrungsunabhängigen mathematischen SachverPlaton
ten vorfindet, sondern ebenso auf dem Feld der
ren ein fortwährendes und in diesem Ausmaß nicht
Laertios 9, 54) -, endete dieser Konflikt zwischen polisem Sinne ist aber auch Platons Philosophie der staatlichen und der individuellen Ethik zu verstehen: Die
et, verwirklicht im Bios JewpntiKög eine eige-
Denkers.
sein Daimonion nannte. In der Anklageschrift hieß
ethisches Forschen »Jugendverführung«, ethische
Gewißheit ‚Einführung neuer Götter. Während mißliebige Fremde lediglich die Stadt verlassen mußten so Anaxagoras, vielleicht auch Protagoras (Diogenes
genwärtigen Jahrhunderts als der fruchtbarere Ansatz
gewertet wird (Carl Friedrich von Weizsäcker). In dieallen anderen übergeordnete Lebensform und beffeibt zusammen damit die sokratische énipéAcia
é wox ig, die Sorge für seine Seele. Denken als nur
ieh selbst verpflichtete Eigengesetzlichkeit: Indem
tisierter Religion und Philosophie mit dem Tod des
Jahre später entdeckte ınan die spezifisch sokratische
»Asebiet, die Berufung auf die innere Stimme, die er
Anaxagoras aufgehoben sind, sondern überdies auch
der materialistische Atomismus Demokrits durch einen mathematisierenden Atomismus der elementaren
Strukturen der Materie ersetzt wird, der nicht von
ungefähr gerade von Naturwissenschaftlern des ge-
Wirklichkeit konzipierte: Der platonische Dialektiker,
“gein Leben der Erkenntnis der Idee des Guten
Ethik. Denken als rationale Ursachenforschung:
indem die Ideenhypothese zurückführt auf eine letzte
-tnbedingte &pyh und von hier aus das Bedingte und
Die in die politische und intellektuelle Gemeinsch:
. ds Abhängige rekonstruierend verstehbar macht, ist
hineinwirkende philosophische Tat des Sokrates blieb
natürlich für Platon, wie für jeden anderen, unüberhok … “dem platonisch Denkenden die Aufgabe gestellt, von
er Universalontologie (oder »Dialektik«) aus die
bar. Der autobiographische 7. Briefsieht den Rückzug
Platons von der Politik im Zusammenhang der oligar- _ ©, @itzelnen Erkenntnisbereiche zu fundieren und bis in
“die Konkretion der Einzelforschung hinein zu verfolchischen Staatsverbrechen seines Onkels Kritias und
- Ben. In diesem Sinne ist das naturphilosophische Werk
des demokratischen Staatsverbrechens an seinem
Timaios die Vollendung der ionischen »physiologia«, in
Lehrer Sokrates. Sieht man vom existentiellen Aspekt
der nicht nur die Spekulationen über die Grundsubeinmal ab, so ist allerdings auch Platons Philosophie
wäre Anaxagoras der Beschuldigte. Mehr als zwanzig
263
nz bei den Milesiern und der »Nusc-Begriff des
Das »Symposton von Platon. Papyrus-Fragment mit dem
Schluß und dem Titel des philosophischen Dialogs, aus
Ägypten, 2. oder frühes 3. Jahrhundert n. Chr. Kairo,
Agyptisches Museum
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)eigenen Glück aufzuzwingen. In. der Tat haben die
Philosophenkönige in Platons Po/itera das Recht, die
Untertanen zu ihrem Wohl zu täuschen, in den Nomor
haben die Magistrate die Pflicht, religiös Andersdenkende zum Zweck der Besserung in ein »Haus der
Besinnung« genanntes Gefängnis einzuweisen (909a),
die Unverbesserlichen zu töten. Man hat sarkastisch
bemerkt, daß Sokrates der sicherste Anwärter auf
einen Platz in Platons psychiatrischer Klinik für Dissidenten gewesen wäre. Karl Popper hat mit Leidenschaft die totalitären Züge der platonischen Staatsutopien gegeißelt; die Verteidiger Platons konnten
ihm einzelne Fehlinterpretationen nachweisen - doch
daß der Satz, daß »niemand, weder Mann noch Weib,
jemals ohne Führer sein soll« (Nomor 942a, 7), in der
Tat die Quintessenz des zweiten Idealstaatsentwurfs
ausdrückt, ist durch solche kleinliche Gegenkritik
nicht widerlegt. Man muß es unumwunden zugeben:
Platons edler Kampf gegen die moralische Aufweichung durch die »Sophistik< endet in gänzlich sophistikfreier totaler Unterordnung des Individuums unter
die Staatsmacht.
Dennoch wird Platon heute gerade in Ländern mit
bewährter antitotalitärer Tradition am intensivsten
studiert. Erklärbar ist dies nur durch den großen
Reichtum der Dialoge an ethischen, soziologischen
und staatsphilosophischen Einsichten im einzelnen
sowie durch die singuläre synthetische Kraft der plato-
Gerechtigkeit durch Kallikles als Ideologie der Schwa
chen entlarven zu lassen; Nietzsche geriet in den Bang
dieses Gedankens - und hat es vermieden, auf sein;
Vorbild in diesem Zusammenhang Bezug zu nehmen 2
Obschon selbst ein überragender Stilist, hater es doch&
1922°, 485, Anm. 1), wird heute nur noch wenigen
will, aufgeben und den Versuchen, die mündliche Prinzipientheorie Platons zu rekonstruieren (Hans Joachim Krämer, Konrad Gaiser, Heinz Happ, John U.
Findlay; zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Leon
Robin, Julius Stenzel, Theodor Gomperz), die ihnen
gebührende Beachtung schenken - denn gänzlich verloren ist das, was Platon nur mündlich dargelegt hat,
zum Glück nicht: Kein Geringerer als Aristoteles hat
beachtliche Bruchstücke einer platonischen Philosophie erhalten, dic so nicht in den Dialogen zu finden
ist. Methodisch verfehlt sind die gelegentlich noch
vorgebrachten Versuche, die Dialoge gegen die aristotelische und anderweitige Überlieferung der mündli-
‚Bildnerische Entsprechung zur platonischen Dralogform
schen Skulptur: Jüngling mit Bruder und Hund vor dem
im Dualismus von Idee und Erscheinung in der spätklasstVater. Grabrelief, aus dem Ilissos, zwischen 340 und 330
v. Chr. Athen, Archäologisches Nationalmuseum
Griechische Philosophie und Wissenschaft
265
die Objekte der Mathematik als einen Zwischenbereich mit eigenem ontologischen Status angesetzt zwischen Ideen und Erscheinungswelt. Die besondere
Affinität dieses Zwischenbereichs zum Bereich der
Psyche wird auch an einer Dialogstelle (Trmaios
35 ab)
sichtbar. Der ontologische Dualismus der Dialoge
(Ideenwelt - Erscheinungswelt) war in der mündlichen Prinzipientheorie ausgeweitet zu einer differenzierteren )Schichtung: der Seinsbereiche. Der in den
lichen »Konstruktion« läßt es legitim erscheinen, von
Testimonien mehrfach belegte Gedanke der begriff-
(Theodor Gomperz).
einem ontologischen »Ableitungssystem« zu sprechen
Rhetorische Paideia
Während heute Platon, gemäß den Hinweisen in seinen eigenen Dialogen, vorwiegend in ideeller Auseinandersetzung mit der Aufklärungsbewegung des 5.
Jahrhunderts gesehen wird, die die Philosophie statt
als kosmische Spekulation als Ausbildung zu ethischer
und politischer Tüchtigkeit verstand und sie so »vom
Himmel herunterholte« - denn dies war gewiß nicht
erst die Leistung des Sokrates, wie Marcus Tullius
Cicero meinte -, stand er in seiner Zeit fast ein halbes
»Schulec in Athen, bildete Redner, Geschichtsschrei-
Jahrhundert hindurch in sehr realer Konkurrenz mit
einem unmittelbaren Nachfahren der Sophistik, mit
Gorgias’ Schüler Isokrates. Auch Isokrates hatte eine
ber und Politiker aus; auch er hatte ein ausgefeiltes
schaftlichkeit praktikable Vernünftigkeit, politische
Platz hatte, da es der menschlichen Natur nicht
erreichbar sei (Antidosis-Rede 261-271), und das statt
der vermeintlich kleinlichen Genauigkeit der Wissenentwickelt werden. Es handelte sich um einen Verder Rede verhieß. Es ist nicht leicht nachzuvollziehen,
daß für die gebildete Öffentlichkeit Griechenlands die
rhetorische »paideia« und »philosophia« des Isokrates
Weitsicht und vor allem die Vollendung in der Kunst
cherte theoretische Wissen (die &rıotnun) keinen
chen Philosophie Platons auszuspielen; in einem historisch adäquaten Platon-Bild muß sich die Interpreta_ tion beider Komplexe ergänzen.
Die philosophisch schwierige Rekonstruktion die-
Konzept von @1A000@ia, in dem allerdings das gesiser mündlichen Philosophie kann hier nicht in extenso
such, alle Züge der Wirklichkeit auf zwei letzte Prinzipien (dpxai) zurückzuführen. Das Wesen der »Idee
des Guten«, die als àpy1 auch im VI. und VIL Buch der
eine ernsthafte Konkurrenz zum platonischen Bilden Rang abzulaufen. Isokrates’ politische Sendschreikeit entfalten. In der Mitte des 4. Jahrhunderts konnten
Isokrates und sein Kreis noch hoffen, der Akademie
che, Denken und Empfinden der Griechen konnte sich
aber erst im Lauf der Jahrhunderte zu voller Wirksamüber die ‚Rhetorik< geprägt. Das ungleich größere präheute eben vom schließlichen Sieg der »Philosophie«
dungsideal darstellen konnten. Doch ist diesesDenken
Politeia fungiert, faßte Platon als das Eine: (év), dem er
als Prinzip der Vielheit, der Andersheit, der Bewegung
gende Potential der platonischen Schriften für Spra-
Dialoge. Ja, die Ideen sind nicht einmal das erste in
dieser unzeitlichen Erzeugung, >vorc ihnen kommen
Boch die idealen Zahlen; »nach den Ideen hat Platon
~ und der Negativität die »Unbestimmte Zweiheit« (döPlato buds) entgegensetzte. Durch die Einwirkung
© des positiven Formprinzips auf das unbestimmte ma.- teriale Prinzip wird alles »generiert, auch die Ideen,
die vermeintlichen ontologischen Letztinstanzen der
nicht gewagt, die philosophische Fehde auch als lit
es .
rarisches Kräftemessen aufzunehmen.
Die unvermindert fortwirkende Ausstrahlung. À "=
kraft der Dialoge als philosophischer Dichtung hat die
moderne Platon-Forschung auf einen seltsamen Ir.:
weg geführt: Man konnte sich nicht damit abfinden, :
daß Platon, der unvergleichliche Darsteller lebendigen ”
Denkens, alle schriftliche Darstellung von Philosophie
als starr verurteilt und vom Philosophen bewufté#
Zurückhaltung in der philosophischen Mitteilung for.
dert (Phardros 274b-278e). So verfiel man auf den =?
Ausweg, zu erklären, Platons Verurteilung der Schrift
lichkeit schließe alles ein, nur nicht die eigenen Schrif
ten — eine Auffassung, die am Text nicht den gering-* ,
sten Rückhalt findet. Man ersann eine ganze Theorie # |
des Dialogs als eines Buches, das seinen Charakter als
Buch zu überspringen vermag (Schleiermacher, Friedländer, Gundert und andere), nur um ihn Platons Verdikt gegen alles schriftlich Fixierte zu entziehen.
Schließlich vergaß man, daß es sich um Platons eigenes Verdikt handelt und machte denen, die folgerichtig mit einer nur mündlich entwickelten, über die Diain der Mitteilung wesentlicher philosophischer Einsicht - eine »esoterische Haltung also - bezeugt. Zelloge hinausgehenden Prinzipientheorie rechneten,
den Vorwurf, die Dialoge sabzuwerten«. Indes hatte
schon Eduard Zeller im 19. Jahrhundert gesehen, daß
der 7. Brief für Platon selbst bewußte Zurückhaltung
schen Standpunkte gestellt wird: In voller Lebensgröße und in ungeschwächter, bisweilen dämonischer
Grund für unecht zu erklären (Die Philosophie der
Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung II 1,
nischen Darstellungsweise, die nicht etwa dazu mißbraucht wird, die eigene Sicht dem Leser aufzuzwingen, sondern die ebenso in den Dienst der gegneriseinen Sokrates ringen läßt, vor dem Auge des Lesers.
So erhält das von Platon abgelehnte Credo aller echten
Demokratie, daß jedermann das politisch Gute zu
Lebendigkeit stehen die Partner, mit denen Platon
beurteilen imstande ist, eine glänzende Verteidigung
lers allzu einfacher Ausweg, den Brief aus eben diesem
durch den »liberak denkenden Protagoras (Protagoras
zusagen. Über kurz oder lang wird man die Künstlichkeiten einer Dialogtheorie, die sich an den klaren Aussagen des Phaidros und des 7. Briefes vorbeidrücken
320cff.). Die relativistische Erkenntnistheorie desselben Denkers wird im Theaitetos in einer Auseinandersetzung entwickelt, die Schritt fiir Schritt nachzuvollziehen gerade für den heutigen Zweifler an letztgültiger Wahrheit lohnt: Man wird nicht finden, daß der
Gegner unter Wert repräsentiert ist, und ftir manch
einen Interpreten bleibt er sogar unwiderlegt.
Auch die
bewußte Befürwortung des Unrechts im politischen
wie im individualethischen Rahmen als von der Natur
legitimiertes ‚Recht des Stärkeren« wächst durch die
verlebendigende Kraft des literarischen Porträts - des
Kallikles im Gorgias, des Thrasymachos in PoliteiaI -
über die Dimension einer nur theoretischen Streitfrage
hinaus. Platon konnte es wagen, die Verteidigung der
Página 7
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)ben fanden jedenfalls Gehör; wie einst Gorgias forderte auch er den panhellenischen Krieg gegen die Perser,
aus charakteristisch für das intellektuelle Selbstbe.
wußtsein der Akademie und wohl auch des Jungen
“als dessen Anführer er zuerst Athen und Sparta, später
Makedonien sah. Gleichzeitig waren aber Anhänger
Aristoteles selbst ist jenes Fragment des Protreptikos in *
“der Akademie als politische Berater, mitunter als Geten Jahre die Erwartung des baldigen definitiven Ap.
setzgeber in verschiedenen Städten tätig. Der Sturz
der größten griechischen Militärmacht, der des Tyschlusses der Wahrheitsbemühungen der PAOGOQig
geäußert wird (Fr. 8 Ross). Mit dem ungeahnten Fort.
schritt kann nur die Gesamtheit der philosophisch fun.
dierten Einzelforschung gemeint sein, die in Platons
Akademie von namhaften Gelehrten auf zahlreichen
Gebieten - der Astronomie, Geometrie und Arithme.
tik ebenso wie in Botanik und Biologie - geleistet wur.
rannen Dionysios II. von Syrakus, war das Werk Dions,
eines Freundes Platons. Während Athens Macht nach
dem Zusammenbruch des Zweiten Seebundes gering
blieb, war der geistige Einfluß der beiden so unterschiedlichen Vertreter athenischer P1A000gia auf das
267
983, 5 u.ö.) ist diese Art von Philosophie, weil sie sich
mit den ersten Prinzipien und Ursachen (üpxui kai
aitiaı) aller Dinge befaßt. Da diese philosophische
Aitiologie der Erklärung aller Dinge (alles »Seienden«,
dem auf Grund des ungeheueren Fortschritts der letz.
aller Gvta) dienen soll, ist sie zudem allgemeine Ontologie, Untersuchung des Seienden als solchem
(Émotun Tod Övrog À Sv). Die alte Frage, was das
»Seiendet ist, reduziert sich für Aristoteles auf die präzisere Frage, was die Substanz ist: Substanz (oboiu)ist
die primäre Art von Sein, deren Verständnis für das
Verständnis der sekundären Arten (die in den übrigen —
»Kategorien« oder Aussageweisen von »ist« zum Ausdruck kommen) Voraussetzung ist. So ist die Ontolopolitische Denken von größter Bedeutung. Wenige
Epochen der griechischen Geschichte zeigen eine so
de. Aristoteles selbst hat im Laufe seines Lebens im
naturwissenschaftlichen Bereich vor allem die Biolo.
gie primär Usiologie. Und da es schließlich um erste
unmittelbare Wechselwirkung von Philosophie und
Politik.
gie in exemplarischer Weise zur Wissenschaft ausgebaut, sein Nachfolger Theophrastos tat die gleiche
und höchste Prinzipien geht, und Gott sowohl erste
Arbeit für die Botanik; beide konnten an Speusippos
Werk Homoia anknüpfen. Weniger bekannt ist, daß
unter allen oboiaı ist, ist die erste Philosophie vor
Aristoteles auch für die Geschichtsforschung bedeuAristoteles
tende Grundlagenarbeit leistete: Er erstellte eine Liste
der Sieger bei den delphischen Spielen, was für die
Chronologie wichtig war; er liefs die Verfassungen von
Noch zu Lebzeiten Platons und Isokrates’ versuchte
der junge Aristoteles, dem akademischen Ideal des
geistigen Lebens auch vor dem Forum der Gebildeten
zum Sieg über die isokrateische Konzeption zu verheleinhundertneunundfünfzig Griechenstädten aufnehmen, wovon allein die von ihm selbst geschriebene
Verfassungsgeschichte Athens erhalten ist; vor allem
aber zeigen die doxographischen Abschnitte seiner
fen. Kurz vor 350 veröffentlichte er ein Sendschreiben
systematischen Werke, daß erst bei ihm so etwas
an einen kyprischen Fürsten, den im Hellenismus und
noch zur Zeit Ciceros viel gelesenen Protreptikos, der
heute nur noch in Fragmenten (die sich vor allem aus
wie eine quellenmäßig breit orientierte, trotz gewisser
lamblichos’ Protreptikos gewinnen lassen) faßbar ist.
Diese Fragmente genügen, um die überlegene Antwort, die die Akademie durch ihr genialstes Mitglied
Gewaltsamkeiten auf Genauigkeit bedachte Erfassung der Ergebnisse früherer Denker, kurz der Ansatz
zu einer ernstzunehmenden Philosophiegeschichtsschreibung, zu erkennen ist. Auch hierin führte Theophrast seinen Lehrer fort: Seine Physikön doxat wurden
Bewegursache, erste Finalursache und höchste ovoia
allem auch Theologie (oder ‚Theologik«, JeoAoyıkr)
‚Aristoteles. Römische Marmorkopie eines Bronzeoriginals
s
des späten 4. Jahrhunderts v. Chr. Wien, Kunsthistorische
mlung
ensam
Antik
© Museum,
gemacht. Das mag der stoischen Logik und der Logik
2 des Hochmittelalters nicht gerecht werden, es zeigt
jedoch das überragende Gewicht der grundlegenden
Tat, die in der Formalisierung der Logik bestand. Den
Späteren schien Aristoteles in seinen logischen Schriften, zu denen sie im weiteren Sinne auch die Theorie
des wissenschaftlichen Beweises (in den Analytika Posteriora) zählten, ein umfassendes Werkzeug, Organon, des Denkens hinterlassen zu haben.
Auf das Organon folgen in der überlieferten Anord-
E1, 1026a, 19).
Wie sich diese vier Kennzeichnungen der versten
Philosophie« zueinander verhalten, ist nicht ohne weiteres ersichtlich. Vor allem nahm man Anstoß daran,
daß die gleiche Disziplin allgemeine Seinslehre, mithin
»metaphysica generalist oder Ontologie im Sinne der
neuzeitlichen Terminologie, und Theorie eines besonderen Seinsbereichs, des göttlichen, mithin »metaphysica specialis sein soll. Man sprach von einem offenen
Widerspruch und suchte ihn in einer von zwei Weisen
zu beseitigen: Für die einen gibt es so etwas wie eine
allgemeine Seinslehre bei Aristoteles nicht, »das Seiende als Seiendes« bezeichne nichts anderes als das
reine Sein der unsinnlichen, geistigen Substanz - die
aristotelische Metaphysik ist wesentlich Theologie
(Philip Merlan, Joseph Owens); für die anderen kann
die Theorie des göttlichen Seinsbereichs nur eine Teilaufgabe der ersten Philosophie: sein, daher bemühen
sie sich, das Kapitel El, das gerade der Theologik eine
die Grundlage aller späteren philosophischen Doxonung seiner Schriften die naturwissenschaftlichen
graphien und bleiben damit weitgehend auch für das
heutige Wissen von den Vorsokratikern bestimmend.
Und doch hätte Aristoteles selbst das bisher Ge-
Werke, von denen aber die Physikvorlesung und die
Bücher Yon der Seele nicht so sehr Naturwissenschaft
nannte wohl nur als Beiwerk betrachtet, dazu vielleicht auch noch dieses: Er befaßte sich mit Rhetorik,
und es entstand das bedeutendste Werk dieses an reflektierten Handbüchern reichen Wissensgebietes; er
ten: die prinzipielle Reflexion der Begriffe, mit denen
die Natur als das Bewegte überhaupt und die pflanzliche und tierische Natur als das durch Seelec Bewegte
zu verstehen sind. Auch hier weiß Aristoteles, daß er
befaßte sich mit Dichtkunst, und es entstand die einzum Teil in Neuland vorstößt, so mit seiner berühmten
Nußreichste Poetik der Geschichte, die zugleich Bausteine für eine philosophische Ästhetik überhaupt
enthält. Er arbeitete die Denkformen der reichentwikkelten griechischen Disputierkunst auf und war sich
des pionierhaften Charakters dieser Leistung auch bewußt (Sophistische Widerlegungen 34).
Untersuchung über den Begriff der Zeit (Physik IV,
Von entscheidender historischer Bedeutung war
aber seine Entdeckung und systematische Beschreiund kritisch fortführte, war für ihn nur »zweite Philonent Frageweise auf die scheinbar eingeengtere der
Theorie der unbewegten und nicht wahrnehmbaren
Substanz ergibt sich unmittelbar aus dem aristotelischen Seinsbegriff - das sich in den Kategorien zeisophie« (Metaphysik Z11, 1037a, 15). Was er als verste
gende »Sein ist uneinheitlich, ungleich; was es eint, ist
Philosophie« bezeichnete (E1, 1026a, 15 u.ö.), nennt
die gemeinsame Zuordnung auf die erste Kategorie,
die Wissenschaften als auch das Nachdenken über die
bung der Struktur der gültigen Schlüsse - Kant konnte
mehr als zweitausend Jahre nach ihm sagen, die for-
Prinzipien (üpxui) des Seins und des Denkens. Übermale Logik habe seit Aristoteles keinen Fortschritt
man heute mit einem unaristotelischen Wort »MetaPhysik«. Die verste und sranghöchste« (Tiuiwrarn A2,
die Substanz; alles »Seiende« wird vauf eines hin, auf
die Substanz als dpxn, ausgesagt (npög Ev A€yetat):
dem Bildungsideal der isokrateischen Antidosrs-Rede
(353 v. Chr.) erteilen ließ, mit hinreichender Deutlichkeit hervortreten zu lassen. »Philosophiac als reine
theoretische Forschung ist zwar »unnütz« im Sinne des
banausischen Nützlichkeitsdenkens, indes ist sie die
einzige Betätigung, die wirklich Selbstzweck sein kann
— alles andere muß seinen Nutzen für sie ausweisen, sie
selbst hingegen ist als die &v£pyeıa des Höchsten und
Besten im Menschen, des Geistes. zugleich die Erfüllung des eigentlich Menschlichen und somit der dem
Menschen durch seine Natur vorgezeichnete Weg zur
Eudämonie. Diese anthropologische Grundlegung
des Strebens nach Wissen um des Wissens willen blieb
für Aristoteles nach dem Ausweis der Metaphystk (A2)
und der Nrkomachischen Ethik (X 7) unverändert gültig
in allen Perioden seines Schaffens.
Die als »Betrachtung der Wahrheit: (Sewpía tig
üAnYeius) verstandene piÀogoptu umfaßt sowohl
als vielmehr deren philosophische Grundlegung bie-
10-14).
Doch die Philosophie der Natur, mit der Aristoteles
-über Platon hinweg die ältere Tradition aufgreifend die Denkbemühungen der Vorsokratiker auf einem
fortgeschritteneren Reflexionsniveau wiederbelebte
Art von ontologischer Allgemeinheit zuschreibt, zu
entschärfen (Paul Natorp, Karl Bärthlein, Walter
Leszl).
Beide Interpretationsansätze dürften verfehlt sein.
Selbstverständlich gibt es die ontologische Frageweise
in der Metaphysik, und das war von vornherein zu
erwarten: Sie setzt die Universalontologie der platonischen »Dialektik« fort. Die Reduktion dieser vallgemei-
Página 8
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)auch das, was nur in dieser (zugegebenermaßen lockeren) Form geeint ist, ist Gegenstand einer Wissenihrerseits ungleich, die verste unter ihnen ist die ein-
334 - nicht monarchistisch dachte, darf man vermu
ten, daß er diese Freiheit auch den Mächtigen gegen.
über wahrte. Die Distanziertheit des im Sichselbstden.
ken seligen Gottes ist symbolisches Leitbild der anzufache und von Potentialitat freie geistige Substanz, der
strebenden Existenzform: »Seine Lebensweise ist aber
sich selbst denkende Geist, als den Aristoteles Gott
von der Art wie die beste, die wir für kurze Zeit errei.
definiert (A7, 1072b, 13-30). Der Seinscharakter dieser
ersten Substanz ist in irgendeinem Sinne bestimmend
chen« (Metaphysik AT, 1072b, 14).
schaft (F2, 1003b, 12-15). Die Substanzen sind aber
für den Seinscharakter der nachgeordneten Substanzarten. In welchem Sinne, wird gerade in ontologischer
Hinsicht nicht restlos klar — es wird nirgends durchgeführt oder auch nur unmißverständlich ausgesproar
nn etwas erkennbar wäre, dieses nicht mitteilb
äre. Alles in allem präsentiert sich die Philosophie
‘des Hellenismus als Sieg der altgriechischen Tradition _
über den idealistischen Ausbruchsversuch der Akade-
Akademie eine harte Herausforderung für die dogmatische Erkenntnistheorie der Stoa. Später milderte sich
An der Seligkeit weltabgewandter Götter orientierte
sich auch Epikur: Ihr Freisein von Sorge und Leid
sinnlos wären. Es bleibt sogar fraglich, ob sich dieser
Gedanke durchführen ließe. Und doch scheint die
Vollendung des unvollendet gebliebenen Baus der aristotelischen Metaphysik — nach der Begründung der
‚Allgemeinheit der Theologik in El und nach der
Andeutung einer doppelten Reduktion in A7 (1072a,
30-32) zu schließen - in dieser Richtung geplant
Sicherheit ist, ist evident: Wer nichts für gesichert
ansieht, braucht den Verlust keines Glaubens zu fürchin
ten und ist gefeit vor Jenseitsängsten, wie sie noch
dient dem Menschen, der sich die innere Ruhe gegen
Furcht, Leidenschaft, Not, Krankheit und Todesangst
erkämpfen muß, zum Trost und zur Hilfe. Doch der
Platz, der den Göttern im epikureischen Weltbild
"fung an das Nichtwissen des platonischen Sokrates
und in anderen wichtigen Fragen Leerstellen aufweist,
hat Aristoteles seine reife Sicht des Bereichs der Ethik
in einem stilistisch ausgefeilten Buch zu einer abschlieBenden Darstellung gebracht. Die N'komachische
Ethik
- benannt nach seinem Sohn Nikomachos - ist in
gewissem Sinne Aristoteles’ persönlichstes Buch.
Nicht daß es Bekenntnischarakter hätte - es handelt
sich weder um Confessiones noch um eine Genealogie
der Moral. Vielmehr gibt Aristoteles ein ruhig beobachtendes, überlegen wertendes Gesamtbild der
menschlichen Verhaltensweisen und ihrer Vollendung
(der »Bestheiten« oder petui), die er strukturell als
‚Mitter zwischen gegensätzlichen Formen des Fehlverhaltens bestimmte. Da der Mensch seine äperrj nur
in Gemeinschaft verwirklichen kann, ist die Ethik die
Erfüllung der »Politik«. Der Selbstgenügsamkeit nahe
kommt allein der geistig Tätige. Persönlich wirkt diese
distanzierte Sicht des zwischenmenschlichen Verhaltens durch die unzweideutigen Wertungen, die ein
vornehmes und humanes Menschenideal erkennen
den Mythen Platons geweckt werden. Um so seltsamer ist es, daß die Skepsis von den großen »Schulen«
allein in der Akademie Fuß fassen konnte; die Anknüpzukommt - sie sind nicht transzendente Beweger der
ihr Standpunkt zu einer Philosophie des Wahrscheinlichen, der noch Cicero anhing, auch wenn.er mehr
und mehr dazu neigte, sich zum bewunderten »Dogmatikerc Platon zurückzuwenden.
Die unerreichbar gewordene Sicherheit versprach
die Stoa von vornherein nur dem »Weisenc: Der
Mensch, der seine Affekte vollkommen beherrscht
und ohne die geringste Abweichung der Vernunft
folgt, erlangt die Autarkie; seine bloße Gpeth macht
ihn glücklich, günstiger äußerer Umstände bedarf er
nicht,
ja selbst ungünstige Umstände, Folter und Qua-
Welt, sondern sitzen funktionslos in den Räumen zwischen den zahllosen selbstbewegten Welten -, zeigt
len können seine Eudaimonie nicht beeinträchtigen.
Die Wirklichkeitsferne dieses Ideals tut seiner Wirkung als Ideal keinen Abbruch: Die stoische Ethik und
Gesellschaftstheorie war die beherrschende Weltanschauung der Jahrhunderte nach Alexander und beentgegen der scheinbaren Ahnlichkeit die grundlegend veränderte geistige Atmosphäre der hellenistischen Epoche. Das Gefühl der Bedrohung und Ausgesetztheit des einzelnen scheint rapid überhand gestimmte auch weitgehend das Denken der römischen
Nobilität bis in die Zeit des Kaisers Marcus Aurelius,
nommen zu haben: Die Philosophie ist fortan in erster
Linie Ethik und in zweiter Linie, in ihren theoretischen
Aspekten, dogmatischer Materialismus; in beiden
Funktionen aber zielt sie darauf ab, das noch erreichbare Maß an Sicherheit und Unabhängigkeit zu gewährleisten. Dies gilt nicht nur für den Epikureismus,
sondern gleichermaßen für die beiden anderen neuen
Philosophien: den Stoizismus und den Skeptizismus.
zumindest ist ihre Widerlegung eine schwierige (viel-
"ihm aufgehoben, die aristotelische Begrifflichkeit zur
Weise vom Seinssinn der ersten oboia abhängt, in der
die übrigen Kategorien ohne die Substanzkategorie
gewesen zu sein.
Während die Metaphysik in dieser entscheidenden
Skepsis ein bedeutendes theoretisches Interesse hat leicht unmögliche) Aufgabe, die bedeutende Denker
von Augustinus bis Schopenhauer gereizt hat und .
die Interpreten heute wieder in vermehrtem Maße beschäftigt. Im 3. Jahrhundert bedeutete die skeptische|
bestimmenden Kraft auch des künftigen abendländi"schen Denkens werden lassen.
: Daß der Skeptizismus primär eine Philosophie der
chen, daß der Seinssinn der übrigen oboiat in eben der
war sicher mehr äußerlich. Im übrigen soll nicht geleugnet werden, daß die prinzipielle philosophische
ie und die nahe verwandte Geistphilosophie ihres
kongenialen Widerparts Aristoteles. Erst der Neupla© tonismus hat mit der Überwindung der hellenistischen
= Grundhaltungen den platonischen Idealismus und, in
Hellenismus
269
der die Herrschaft mit dem Verantwortungsbewußtsein des stoischen Weisen zu führen versuchte.
Das Verantwortungsbewußtsein des Stoikers ist
der ethische Ausdruck seiner Überzeugung, Teil eines
Ganzen zu sein. Dieses Ganze umfaßt nicht allein die
menschliche Gesellschaft, sondern Natur und Weltall
gleichermaßen. Der Kosmos ist ein lebendiger Orga-
5
=
Wie Aristoteles bereits den Rückgriff
auf Vorplatonismus, dessen Teile in einer alles umfassenden Wirnisches eingeleitet hatte, so haben die hellenistischen
kungs-und Empfindungsgemeinschaft - das stoische
Wort hierfür ist »sympatheiac — verbunden sind. Der
Glaube an die Göttlichkeit des Kosmos (den die Stoa
Philosophen ihre Wurzeln jenseits der attischen Begriffsphilosophie, deren Reflexionshöhe sie freilich im
Gegensatz zu Aristoteles verlassen - fast will es scheinen, als geschähe dies bewußt. Epikur greift auf Demit Platon und Aristoteles teilt) verträgt sich gut mit
mokrits Atomismus zurück und ersetzt dessen Ethik
dem Festhalten an der Volksreligion: Zeus ist nur ein
der »Wohlgemutheit« (e}9vpin) durch eine solche der
anderer Name für die den Kosmos lenkende Weltvernunft (den Logos). Der Logos durchdringt und bestimmt alles: Während Epikur die existentielle Unanlassen, und durch den Geist der Gelassenheit und
»Lust« oder »Freude« (NdovN]); die Stoiker knüpfen an
den Monismus Heraklits an, der göttliche Logos ist
auch für sie nicht unkörperlicher Natur, und mit dem
Freiheit, der sich gerade in der überlegenen Distan-
Ideal des autarken » Weisen« (s0P6G) scheinen sie den
ziertheit der Wertungen verrät.
Die distanzierte Gelassenheit des innerlich Freien
ist überhaupt das hervorstechendste Merkmal aristostrengen und verschlossenen Denker von Ephesos
selbst zum Leitbild erhoben zu haben. Die philosophische Skepsis war vorbereitet im theologischen Agnotelischer Geisteshaltung. Da er trotz naher Beziehunstizismus und erkenntnistheoretischen Relativismus
gen zum makedonischen Königshof - er war der
des Protagoras sowie in Gorgias’ drei radikalen The-
Erzieher Alexanders und stand Antipatros nahe, dem
sen, daß erstens nichts ist, daß zweitens, wenn etwas
Lehrer der skeptischen Akademie beim Vortrag. Marmorskulptur, aus dem Apollon-Heiligtum in Delphor, um 250%.
Verwalter makedonischer Macht in Griechenland seit
wäre, dieses nicht erkannt werden könnte und drittens,
Chr. Delphi, Museum
fechtbarkeit in der Vorstellung der reinen Zufälligkeit
und Ziellosigkeit und damit Irrelevanz des Weltgeschehens suchte, gewinnt der Stoiker Halt in der Bejahung eines durchgehenden Determinismus. Damit
war jedoch das nicht befriedigend zu lösende Problem
gestellt, wie die Entscheidungsfreiheit gewahrt sein
kann; denn daß der Weise - und nur er - frei ist, gehört mit zu den stoischen Grundüberzeugungen.
Zur Freiheit des Stoikers gehört die Möglichkeit
Página 9
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)deren fünf -piedenen „Akademien - Cicero zählte
en Konsenmisch
akade
inner
Machzuweisen. In diesen
des Freitodes, wenn die äußeren Umstände die Wahrung der apetrj unmöglich zu machen drohen. Weniger großartig wirkt die Haltung Epikurs, in der jedoch
tete dann
aus fremde Ansätze einzubeziehen bedeu
agen
: pur, ein bewährtes Interpretationsschema sozus
vielleicht mehr wirkliche Größe steckt: Von schwerer
Krankheit gedrückt, versuchte er, die innere Ruhe und
Freudigkeit des Gemüts bis zu seinem Tod zu bewahren. Seine Philosophie der }8ovn war nicht Hedonismus im vulgären Verstand, sondern entschlossene
Kontrolle der Reinheit und Ungetrübtheit seines Inneren. Freundschaft war die leitende Tugend, und sie
forderungen an die Restaurationsarbeit der Editoren
und Exegeten. Doch diesmal hatten die Pragmatien
ein besseres Schicksal als in der Generation nach Aristoteles’ Tod: Seit Andronikos von Rhodos entwickelte sich eine außerordentlich anspruchsvolle Kunst der
philologischen und philosophischen Textauslegung,
die schon sehr bald ein beachtlich hohes Niveau
heute noch eiKönnte - das Wort »Eklektizismus( hat
vergessen,
chen schlechten Klang. Dabei wird zu leicht
ion
daß die ‚Auswahl aus dem Angebot der Tradit
allem dazu, die Angst vor den Naturerscheinungen
|
und denJenseitserwartungen zu zerstreuen: Blitz und
= gperläflich ist für jede spätere Kultur und daß es folgn für die Rex lich ein nicht zu unterschätzender Gewin
diese
- "ektiertheit der Bildungstradition war, daß
iell
< Grundkategorie der geistigen Aneignung prinzip
sei
ei
nebenb
Nur
wurde.
en
gehob
sein
Bewußt
i
Donner sind physikalische Vorgänge, nicht Warnungen der Götter; wie jede andere Atomverbindung wird
sich auch die Seele auflösen; der Mensch lebt nicht
ewig; der Tod geht ihn nichts an.
Es ist ohne weiteres zu verstehen, daß diese programmatisch anspruchslose, im existentiellen Bereich
Forschung bewußt nicht beteiligte. Abgesehen von
bestand in der
"und Peripatos. Die erste Gewaltsamkeit
nen Systemen
einzel
den
in
sich
was
,
dessen
ahk
‚Ausw
eignen
für die angestrebte Harmonisierung etwa
gehörten auch Sklaven. Bildung hielt er dem Erreichen des einen Zieles der Seelenruhe eher für hinderlich. Was er als Naturphilosophie betrieb, diente vor
jedoch differenzierte Philosophie eine Art Außenseiterreligion blieb, zumal sie sich an Wissenschaft und
und in Umlauf gebracht. Als Gebrauchstexte für den
rung mit Stoa
Freudigkeit anstrebte - zu Epikurs Freundeskreis
Althabylonische Grunderkenntnisse zur Berechnung von
Länge und Breite eines Rechtecks bei gegebener Diagonale 7
und Fläche. Text mit geometrischer Zeichnung, eine der
er« Kultu: FE erwähnt, daß selbst der Begrifursprünglich
he, aus deBereic
die
weil
,
konnte
mmen
aufko
nur
fen
:
hatten,
nen diese ihrerseits ihre ‚Auswahl zu treffen
mais dem Blickfeld entschwunden waren. Die heilsa
ste Wirkung des Eklektizismus war die Entwicklung
s komparatistischen Blicks für das wahrhaft Große.
Irag Museum
‚50 meinte Cicero, obschon er sonst dem Skeptizismus
‚haftet blieb, er wolle lieber mit Platon irren, als mit
ıderen die Wahrheit besitzen (Tusculanae disputatioin den Osten lange nachwirkende Impulse gebracht; in
der Medizin machte man erste Schritte in Richtung
auf das wissenschaftliche Experiment, entdeckte neue
Eklektizismus
aton als eine Art Gott der Philosophen« ein. Hier
driickt sich neben der Tendenz zur Vereinigung des
isher Unvereinbaren auch die klassizistische Haltung
anatomische und physiologische Zusammenhänge;
schließlich fallen viele der reifsten Leistungen der
Griechen in den mathematischen Wissenschaften einschließlich der Astronomie, Harmonielehre und Me-
Die Zeit der kleinlichen Abgrenzung der Schulen: geder Grammatik, Sprachphilosophie und Logik der
Stoiker hatte sich im übrigen die Fachwissenschaft
weitgehend der philosophischen Bindungen entledigt
Quellenfür die pythagoreische und euklidische Lehre. Tontafel, vom Tell Dhiba'i, 18. Jahrhundert v. Chr. Bagdad,
und florierte in ihrer neuen Selbständigkeit nicht weniger als im 4. Jahrhundert. Für Biologie und Botanik,
Geographie und Ethnologie hatte der Zug Alexanders
chanik in die ersten beiden Jahrhunderte des Hellenismus - sie auch nur aufzählen zu wollen, würde den
geneinander war vorbei. Der Akademiker Antiochos -
von Askalon ging weiter und verkündete die tiefere
philosophische Übereinstimmung der drei Hauptrichtungen, Platonismus, Aristotelismus und Stoizismus, in
5 1,39), ja, der Skeptiker stufte den »Dogmatikerc
er verehrenden Überhöhung außergewöhnlicher
estalten aus. In einer ganz unklassizistischen Form
eigt sich die nüchterne Rationalität und intellektuelle
iberalität des Eklektizismus, wenn Lucius Annaeus
eneca mehrfach eingesteht, auch von Epikur gelernt
u haben - die Wahrheit ist offenbar doch nicht Alleinesitz des stoischen »Weisen«.
sein umfassendes Wissen wieder eindeutig an einer
allen wesentlichen Fragen. Der Epikureismus wurde
als bloß auf das Individuum bezogene Heilslehre der
Aufnahme in den »consensus der drei spekulativen
Systeme nicht gewürdigt. Es ist nicht verwunderlich,
daß die Propagierung des umfassenden Konsenses der
philosophischen Richtung, der Stoa, orientiert und :
Philosophen gerade aus der Akademie kam: Von allen
zugleich in souveräner Weise die Leistung des Archegeten einer anderen )Schulec zu würdigen weiß: In der
Naturwissenschaft nimmt er Platons Timaros, in der
Ethik dessen Nomor auf.
Schulen: hatte sie die markantesten dogmatischen
Umorientierungen durchgemacht (die von Platon be-
*. Etwa gleichzeitig mit dem Versuch, die klassische‘
und die hellenistische Philosophie als Einheit zu sehen,
kämpfte Misologie, die Angst vor dem umstürzenden
neuen Argument, hatte in seiner Schule in der Tat am
"setzten in der Aristoteles- und der Platon-Philologie
Entwicklungen ein, die schließlich zur Überwindung
Rahmen dieser Skizze sprengen. Am Ende des Hellenismus steht mit Poseidonios ein Mann, der zugleich
Universalgelehrter und Geschichtsschreiber ist, der
wenigsten Fuß fassen können). Das brachte für die historisch Orientierten in der Akademie die Aufgabe mit
sich, die Kontinuität im Wandel, die Einheit der ververöffentlichten Schriften, vor allem dem Protreptikos
und dem Dialog Über die Philosophie; die Texte, die
Aristoteles seinem philosophischen Unterricht zugrundegelegt hatte, wurden erst jetzt kritisch ediert
tsamselbsttätig weiterwirken zu lassen. Ohne Gewal
keiten ging das nicht ab, weder innerhalb der Akade
Akaschen
skepti
der
sung
„mie - die Wahrheitsauffas
ja antiplatoni‚“Jemie war und blieb ein unplatonischer,
‘scher Entwurf- noch in der Harmonisie
konnte jedem gewährt werden, der die gleiche innere
271
Vorlesungsbetrieb waren sie reich an Überarbeitungen, Umstellungen und Einschüben, zudem stilistisch
nicht ausgefeilt und vor allem in schlechtem Zustand
überliefert. Dies alles stellte ungewöhnlich hohe Anerreichte - die Spuren der frühesten Phase finden sich
in Zitaten späterer Kommentatoren, vor allem des
Simplikios im 6. Jahrhundert -, zur vollen Reife aber
erst zweihundert Jahre später bei Alexander von
Aphrodisias, dem »Exegeten« schlechthin, gelangte.
Der Wert der hier geleisteten Arbeit zeigt sich eindrucksvoll im Vergleich mit den Resten der griechischen Dichterauslegung: Während diese hauptsächlich für sprachliche und sachliche Einzelheiten von
Nutzen ist und häufig auch auf diesen Gebieten in die
Irre führt, für die literarische Interpretation aber selten
Nennenswertes hergibt, enthält etwa der Kommentar
Alexanders zur aristotelischen Metaphysik weder in
der Einzelerklärung noch in der Gesamtdeutung
etwas, was nicht zumindest ernsthafter Überlegung
wert wäre.
Die entschlossene Hinwendung zu den problemreichen Pragmatien des Aristoteles hatte freilich zur
Folge, daß die bisher viel gelesenen veröffentlichten
Schriften immer weniger Beachtung fanden und
schließlich untergingen. Alexander scheint noch manches mehr von Aristoteles besessen zu haben als heute
vorhanden ist; vermutlich wären vor allem die Probleme der Entwicklungsgeschichte des aristotelischen
Denkens, die die Forschung des 20. Jahrhunderts allzu
lange beherrschten, besser zu lösen, wenn von diesen
Schriften mehr als nur Fragmente überliefert wären.
Aristoteles-Kommentierung
Man mag sich mit dem Gedanken trösten, daß die
Nachwelt, wenn es ihr schon nicht gegönnt war, den
ganzen Aristoteles zu besitzen, durch das Verdienst
© des Eklektizismus führten. Folgenreich war vor allem
die Wiederentdeckung der aristotelischen Pragmafen. Noch Cicero kannte Aristoteles nur aus seinen
der Kommentatoren die bedeutendere Hälfte überliefert bekam.
Über den Weg der Exegese wurde der Aristotelismus wieder zu einer bedeutenden Kraft in der weiteren
Entwicklung des griechischen Denkens. Alexander
zeigt in seinen kommentierenden wie in seinen selbständigen Werken eine philosophische Orientierung,
Página 10
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)von Milet bet der Erläuterung des Himmelsglobus. Mosajj :
Tafel vm
272
die vom platonischen Idealismus noch weiter entfernt
ontologische Analyse Gleiches leisten würde. Hierbei
stellte sich die Frage, ob der aristotelische Substanz.
begriff- nach der Kategorienschrift ist das aus Materig
platonischen Dialogen entgegenzustellen, die für die
nach einem Vorbild der hellenistischen Zeit, aus Pompe,
1. Jahrhundert n. Chr. Neapel, Museo Archeologico Nazip.
=
nale
Dre Sieben Weisen Griechenlands mit Thale;
scheint als es Aristoteles selbst war. Gleichwohl wurde
er wichtig für den aufkommenden Neuplatonismus,
nicht nur als Erklärer des Organon, an dem ernsthafte
Philosophie ohnehin nicht mehr vorbeikam, sondern
auch durch seine Auslegung der von Aristoteles undes menschlichen Geistes mit dem als Geist konzipiervollendet gelassenen Lehre vom »aktiven Geist«: Das
Zustandekommen des Denkens und die Verbindung
_. ten Ursprung der Dinge waren Fragen, auf die weder
‘Platon noch Aristoteles erschöpfende Antworten
gaben und die doch von beiden Ansätzen her als entscheidend betrachtet werden muften.
und Form »zusammengesetzte« sinnliche Einzelding
die Substanz oder das eigentlich Seiende, nach dem
Buch Z der Metaphysik ist es die in der Definition.
erfaßte Form oder das Wesen des Einzeldinges - mit
Porphyrios bestätigt denn auch in seiner Biographie Plotins, daß dieser im Kreis seiner Hörer auch die
a
dem platonischen Ideenbegriff vereinbar sei.
Die genaue, nicht mehr eklektische Lektüre der
platonischen Grundtexte hatte zwar nicht das Verlan-
Schriften der Aristoteliker des 2. Jahrhunderts studierte. In Plotins eigenen Schriften findet sich zwar kein
gen nach Harmonisierung der Lehren der beiden=
Eine Gruppe von Interpreten widersetzte sich dem
stetig wachsenden Einfluß der aristotelischen Denk:
formen und behauptete die prinzipielle Unvereinbar-"keit der beiden Positionen. Die Fragmente des Attikos, ”
eines der letzten Vertreter der heute als ‚Mittlerer Pla-~
tonismus« bezeichneten Epoche zwischen Antiochos-:
großen Metaphysiker beseitigt, wohl aber die unüber-z
windlichen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens gezeigt. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr.
existierte so etwas wie eine platonische Orthodoxie;a
und Plotin, zeigen ein erstaunliches Maß an Engagiertheit im Kampf gegen alles Aristotelische. Erklarbar
ist_
diese unerwartete Heftigkeit wohl nur daraus, daß der
expliziter Hinweis darauf, doch spricht dies gewiß
nicht gegen Porphyrios’ Behauptung: Plotin bezog
sich so unmittelbar auf Platon, daß er auch von den
Platon-Erklärern keinen einzigen namentlich erwähnen wollte. Und doch steht fest, daß sich im Platonismus seit Antiochos ebenfalls eine beachtenswerte exegetische Tradition herausgebildet hatte, der auch Plo-
»Mittlerert Platonismus
Platonismus in starkem Maße zur Religion geworden
tin verpflichtet war.
als die der Aristoteliker. Die unsystematischem, direk-
Die Probleme der Platon-Erklärer waren anderer Art
war - eine Entwicklung, die in jeweils anderer Weise: :
auch zwei weitere Zeugen des »mittleren« Platonismus :
geeignete Antworten auf die von der stoischen und
zwar nicht geistig, aber politisch unterliegen sollte.
der neuen Offenbarungsreligion zu, der sie schließlich
der christlichen Lehre bereichert. Erstmals wandte
sich hier die philosophische Religion der Spätantike
des Xenokrates ergänzt wird; und der ideologische
Kampf des Platonismus (der bei Plutarch auch die Bekämpfung von Epikureismus und Stoa einschließt)
wurde durch Kelsos um eine Auseinandersetzung mit
belegen: In Plutarchs Essays ist eine persönlich getönte und dennoch eindeutig platonische philosophischreligiöse Ethik erkennbar, die durch ein spekulatives :
Element und ein reges Interesse für die Dämonenlehre
tem Zugriff nicht leicht faßbaren Dialoge wurden auf
aristotelischen Systematik diktierten Fragen hin
durchsucht. So ergab sich etwa auf die Frage nach dem
téAog der Ethik als standardisierte platonische
Antwort: »Angleichung an Gott nach Maßgabe des
dem Menschen Möglichen«. Nicht alle Fragen konnten jedoch auf diese einfache katechetische Weise
gelöst werden. Seit Aristoteles die Ewigkeit der Welt
zur Grundlage seiner Kosmologie gemacht hatte,
waren auch die Platoniker zu einer Entscheidung
dafür oder dagegen aufgerufen, was auf die alte Kernfrage der Timazos-Exegese hinauslief: Ist das dort beschriebene „Werden: der Welt als zeitliche Entstehung oder nur als begriffliche Analyse zu verstehen?
Auch die Bestimmung der höchsten apx.der Welt als
‚Nus blieb für sie ein nicht eindeutig aus den Schriften
des Schulgründers lösbares Problem. Schließlich
Kategorienlehre eine entsprechende Theorie aus den
ergab sich die Notwendigkeit, der aristotelischen
Página 11
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Alt- und neutestamenthche Szenen mit der Darstellung
pagites. der die proklische Metaphysik ins Christliche
eines ste interpretrerenden Weisen. Relief auf einem Marmorsarkophag, aus Rom. um 270. Rom, S. Maria Antiqua
transponierte, nichts geändert, und so galt diese Auffassung denn auch in der Philosophie des Mittelalters.
Wie weit hingegen das Denken in Hypostasen - in
ontologisch klar unterscheidbaren Seinsbereichen, die
Plotin.
in gestufter Abfolge auseinander und somit letztlich
alle aus dem gemeinsamen Ursprung hervorgehen als spezifisch neuplatonisch zu gelten hat, ist umstrit-
Neuplatonismus
Vorerst erlebte der Platonismus aber noch einen
ingeahnten Aufschwung in der Bewegung, die heute
Neuplatonismus heißt. ‚Neu wollte diese Bewegung
allerdings nicht sein, weder bei Ammonios, dem Leh-
“fer Plotins in Alexandreia, der wie Pythagoras und
Sokrates nichts schrieb, sondern nur durch die mündliche Weitergabe seiner Lehre wirkte, noch bei Plotin,
der seit Platon der erste bedeutende Denker ist, dessen
Schriften vollständig erhalten sind. In diesen wie in
seinem philosophischen Unterricht wollte er nichts
bieten als die Wiederbelebung der platonischen Impulse. Heute jedoch ist das Neue am Neuplatonismus
unschwer zu erkennen. Es besteht in der Einführung
der >unio mystica« mit dem transzendenten Ursprung
der Dinge, dem Einen, als geradlinige Fortsetzung und
höchstes Ziel der philosophisch-begrifflichen Arbeit.
Daß Plotin selbst Mystiker war, geht aus seinen Schrifsens aad
SSUES
ten hervor - bemerkenswert vor allem der stark persönlich wirkende Bericht über den »Abstieg aus der
Sn abe seit eben haa
273
Vereinigung in 4,8,1 - und wird durch biographische
Angaben bei Porphyrios bestätigt. Wenn Porphyrios
aber hinzufügt, daß ihm selbst die »unio« nur einmal, im
ten. Die platonische Prinzipienlehre, von der Aristoteles und Theophrast sprechen, und die Prinzipienentwürfe der Nachfolger Platons, Speusipp und Xenokrates, scheinen zumindest ein vergleichbares Modell
einer Stufenfolge von Seinsbereichen mit dem Einen
(dem Ev) an der Spitze gegeben zu haben, auch wenn
der ontologische Sinn der >Reduktiont der »späteren«
Schichten auf die »früheren« und der zugehörigen
Deduktion vom Ursprung nicht geklärt ist und sich
möglicherweise vom neuplatonischen Emanationsgedanken wesentlich unterschied. Der Monismus des
plotinischen Hypostasensystems dürfte allerdings ein
Ergebnis des Bemühens sein, den Gehalt der platonischen Dialoge getreulich zu bewahren: Da in der Po/rteva nur von der Idee des Guten als transzendentem
Ursprung die Rede ist, entfernt Plotin das von Aristoteles erwähnte gleichursprüngliche Gegenprinzip von
der Spitze des Systems und weist ihm einen Platz erst
in der Entstehung der zweiten Hypostase, des »Nus«,
an - und dies, obschon er andererseits die Gleichsetzung der Idee des Guten mit dem Einen, von der die
Dialoge gleichfalls nichts wissen, von Aristoteles übernimmt. Die Hypostasenfolge versteht Plotin als ein
Alter von achtundsechzig Jahren, zuteil wurde, so
unzeitliches Überfließen« der unendlichen Dynamis
zeigt er damit zunächst doch wohl, daß er seinerseits
Plotin auch Nichtmystiker die Möglichkeit und Notdes Ursprungs; aus der absoluten Einheit wird in der
Hypostase des Geistes die totale Vielheit, die jedoch
den höchstmöglichen Grad von Einheit in der Vielheit
wendigkeit des Überstiegs vom bloßen Denken zur
dadurch wahrt, daß im Ideenkosmos alles in überzeit-
Unmittelbaren
licher gegenseitiger Durchdringung und Spiegelung
existiert. Die weitere Entfernung von der einenden
nicht wirklich Mystiker war, zweitens aber, daß nach
überintellektuellen
Erfahrung
des
‚Ursprungs anerkannten. Hierin hat sich bis Proklos,
i dem die neuplatonische Systematik ihre scholastische Übersteigerung erfuhr, und bis Dionysios Areo-
Kraft des Ursprungs erzeugt die Hypostase der Seele,
deren Seinsweise durch die Zeitlichkeit geprägt ist:
Página 12
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Das Nacheinander des zeitlichen Ablaufs wird verstanden als Schwächung und Zerlegung der Simultaneität der Ewigkeit des Geistes. Dochist auch auf
dieser Stufe noch :ungeahnte Einheit: Die Seele
wesentlichen blieb man aufden von Plotin gewieseney
entgeht nicht nur der Zerstreuungim Raum, Plotin
glaubt überdies an die wesensmäßige Identität von
chen), da bleibt der philosophische Wert der Neue. :
allem, was Seele ist.
Der Hang zur Vermehrung der Hypostasen durch
das Ersinnen geeigneter Zwischenbereiche erklärt
sich aus dem religiösen Bedürfnis, die Kluft2zur Trans-
Mit der räumlichen Aufsplitterung der Vielheit
schwindet das »Leben«, das für Plotin ein grundlegendes Merkmal des Intelligiblen ist: „Unter: der Seele
liegt als eine Art vierte Hypostase (von Plotin jedoch
nicht als solche bezeichnet), die tote Materie. Die Seele, die mit ihr im Körper verbunden ist und ihr vorübergehend Leben verleiht, ist in Gefahr, durch eine am
Diesseits orientierte Existenzweise zu ihr hinabgezogen zu werden. Als totale Negation der Einheit und
Lebendigkeit des Einen und als Hindernis für die Seele
in ihrem Streben zum Ursprung ist die Materie zugleich Prinzip des Bösen - der von der Spitze: des
Systems verbannte Dualismus der platonischen Prinzipienlehre kehrt so in anderer Form wieder zurück.
Von unbestreitbarem Interesse ist aus heutiger
Sicht neben Plotins Philosophie der Zeit vor allem derjenige Teil seiner Seelenlehre, der die Möglichkeit des
intelligiblen Aufstiegs zum Einen begründen will. Hier
entwickelt Plotin eine überaus originelle Theorie des
»höheren Selbst«: Was seine eigentliche Identität ausmacht, ist dem Menschen für gewöhnlich verborgen;
seine Seele ragt mit ihrem reinsten Kern in den Bereich
des ‚Nus hinein, oder auch umgekehrt: Reiner ‚Nus
ist stets im Menschen gegenwärtig und ist stets unbe-
Denkwegen, und wo ginzlich anderes hinzukam,
bei Iamblichos die Theurgie (eine ritualistische Tech:
nik zur Erreichung der Verbindung mit dem Gatti,
rung fraglich.
FR
zendenz zu überbrücken. Am Ende ist bei; Proklos
auch das »Hen« noch vervielfältigt zu einem System
von Henaden, über deren Eigenschaften und Stufung
in streng beweisender Manier doziert wird. Gemessen
am sokratischen Wissen des Nichtwissens oder auch
gemessen am Philosophiebegriff der aristotelischen
Metaphysik mag dies als ein befremdlicher Schluß.
punkt erscheinen. Indes gilt es zu sehen, daß das geistige Bemühen, das als »Weisheit« begonnen hatte,
sich in der attischen Begrifflichkeit zur » Philosophie
gewandelt hatte, um im Hellenismus dann vorwiegend
der Orientierung der Lebensbewältigung des zunehmend seine Unfreiheit fiihlenden Menschen zu dienen,
mit der steigenden Daseinsangst des spätantiken Menschen gewollt oder ungewollt zur theologischen Spekulation werden mufte. Trotz aller befreienden Kraft
des Aristotelismus, der erst über Arabien wieder in den
lateinischen Westen gelangte, blieb die Philosophie
auch im Mittelalter nur Magd der Theologie. Die
Endphase des Neuplatonismus zeigt, daf sie dies nicht
allein durch das Diktat der Kirche, sondern ebenso aus
eigenen Zwängen heraus werden konnte.
wußt in überzeitlicher noetischer Denktätigkeit begriffen. Dank dieser mit dem Wesen des Menschen
vorgegebenen Verbindung zum Intelligiblen kann er
sich über den Horizont der Zeitlichkeit erheben. In der
»unio mystica: überwindet der Mensch vollends sein
begrenztes Ich und entdeckt als sein wahres Selbst
seine Teilhabe am Ursprung.
Die Originalität dieser Theorie, die das Unbewußte
erstmals als konstitutiven Teil des Menschen versteht,
kann nicht bestritten werden. Der Detailvergleich mit
Carl Gustav Jungs Theorie des kollektiven Unbewußten durch Hans RudolfSchwyzer brachte erstaunliche
Übereinstimmungen zutage. Hierüber sollte man
nicht übersehen, daß Plotin auch für diese Einsicht
keinerlei Originalität beansprucht hätte: An den Texten zeigt sich, daß er sie Schritt für Schritt aus der Exegese der platonischen Lehre vom verborgenen geistigen Kern der Seele (Politesa 611/612 u.ö) entwickelt.
Die potentielle Kreativität des exegetischen Philosophierens läßt sich selten so klar erkennen wie hier.
Die vielfach verzweigte Entwicklung des Neuplatonismus nachzuzeichnen, ist hier nicht der Ort. Im
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