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Die stereometrischen Bücher der Elemente Euklids: Untersuchungen über den mathematischen
Aufbau und die Entstehungsgeschichte
Author(s): E. Neuenschwander
Source: Archive for History of Exact Sciences, Vol. 14, No. 2 (31.X11.1974), pp. 91-125
Published by: Springer
Stable URL: http://www jstor.org/stable/41 133425
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Page 3
View in PDF(opens in a new window)Untersuchungen über den mathematischen Aufbau
und die Entstehungsgeschichte
E. NEUENSCHWANDER
Vorgelegt von B. L. VAN DER WAERDEN
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung. +...
91
I. Der mathematische Aufbau der stereometrischen Bücher .
.
92
Schemal...........
+...
ee ee + . +.
92
Bei der Aufstellung der schematischen Darstellung befolgte Richtlinien.
Schematische Darstellung der stereometrischen Bücher.
. . . . . . .
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II. Zur Entstehungsgeschichte der stereometrischen Bücher
Kritische Betrachtung der Textüberlieferung
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Untersuchung der Bücher XI—XITI. ......
2.2 2 2 . . . . . . . 101
Buch XIII... . 103
Buch XII
.....................
. . . . ..
109
Buch XI.........................
. ..
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Folgerungen für die Frühgeschichte der Stereometrie
Literatur
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00000.
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Finleitung
Die vorliegende Arbeit behandelt die stereometrischen Bücher der Elemente
EuxKLIDS. Dabei wurde dieselbe Methode verwendet, wie in der vorangegangenen
Untersuchung der planimetrischen Bücher!: Vorerst wird der mathematische
Aufbau der Biicher analysiert und schematisch dargestellt, darauf die Zitierweise
der einzelnen Propositionen untersucht und schlieBlich mit Hilfe der so gewonnenen Resultate und weiterer Angaben eine Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte gegeben. Im Gegensatz zur vorangegangenen Arbeit wurde hier auf
die explizite Wiedergabe von Schema II (Untersuchungen der Zitierweise) verzichtet. Die Zitierweise der planimetrischen Sätze in den stereometrischen Biichern
ist bereits in der ersten Arbeit kurz gestreift worden; zudem werden die stereometrischen Sätze bedeutend weniger zitiert, so daß ein Vergleich ihrer Zitierweise
im allgemeinen nicht sehr aussagekräftig ist.
1 E. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids, in Archive
for History of Exact Sciences, 9 (1973).
Arch. Hist. Exact Sci., Vol. 14
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View in PDF(opens in a new window)I. Der mathematische Aufbau der stereometrischen Biicher
Schema I
Bei der Aufstellung der schematischen Darstellung befolgte Richtlinien
1. In der schematischen Darstellung werden für jede Proposition der stereometrischen Bücher der Elemente alle Sätze, Postulate, Axiome und Definitionen,
die EUKLID zu ihrem Beweis beniitzt, angegeben. Ubergeht EUKLID in einer Proposition einen Konstruktions- oder Beweisschritt stillschweigend und läßt sich
mit Bestimmtheit oder großer Wahrscheinlichkeit feststellen, wie EUKLID diese
Lücke geschlossen hätte, so werden die dazu benötigten Sätze im Schema notiert.
Läßt sich diese Lücke mit Hilfe von EUKLIDs Postulaten, Axiomen und Sätzen
nicht schließen oder läßt sich nicht feststellen auf welche Art EUKLID sie geschlossen hätte, so wird sie offen gelassen. Für die Diskussion der einzelnen Beweislücken sei auf die Kommentare zu den Propositionen in der Euklidausgabe von
T. L. HEATH verwiesen.
2. Die zum Beweis einer Proposition benötigten Postulate, Axiome, Definitionen und Sätze werden in der schematischen Darstellung folgendermaßen angeordnet:
Zuerst die Postulate und Axiome, dann die Definitionen und Sätze des I.
Buches, dann die Definitionen und Sätze des II. Buches usf.
Für die Notierung werden Abkürzungen verwendet, z.B. I Def 15 =15. Definition
im ersten Buch, Zus = Zusatz.
3. Zur Eintragung der zum Beweis einer Proposition benötigten Postulate,
Axiome, Definitionen und Sätze in die schematische Darstellung werden verschiedene Auszeichnungen verwendet:
Fett:
Falls der ganze Satz oder sein wesentlichster Teil wörtlich zitiert ist.
Falls der ganze Satz zwar nicht wörtlich, aber dem Sinne nach
genau zitiert ist.
Normal: Falls der benötigte Satz im Text angedeutet wird.
Kursiv:
Falls der zum Beweis benötigte Satz ohne Hinweis benützt wird.
Die in einer Proposition verwendeten Konstruktionsaufgaben werden somit im
allgemeinen normal oder kursiv gedruckt, je nachdem ob die Ausführung der
Konstruktion im Texte explizite verlangt wird oder nicht. Fett werden sie nur
dann eingetragen, wenn eine komplizierte Aufgabenstellung auffallend genau
wiederholt wird.
4. Wenn ein Satz (bzw. Postulat, Axiom, Definition) in einer Proposition mehrmals verwendet wird, so wird er jeweils in der Auszeichnung des besten Zitates
in der schematischen Darstellung eingetragen.
Nach diesen allgemeinen Richtlinien noch einige spezielle, die bei der Eintragung
der Definitionen, Postulate und Axiome befolgt wurden.
5. Um die schematische Darstellung übersichtlicher zu gestalten, werden nicht
alle beim Beweis einer Proposition verwendeten Definitionen in ihr angegeben.
Es werden nur solche Definitionen in der schematischen Darstellung vermerkt,
Page 5
View in PDF(opens in a new window)die vollständig oder wenigstens dem Sinne nach genau zitiert sind, die also fett
gedruckt werden miissen.
6. Postulat 2 wird in den stereometrischen Biichern der Elemente nie zitiert.
Fir die Verlangerung einer Strecke werden neben dem in der Formulierung von
Postulat 2 verwendeten &xßdAAsıy auch die Verben xoooexBalleir, dudyew und
noootıdevaı benützt. Um die Nuancen im Gebrauch von
Postulat 2 besser
hervorzuheben, wird Postulat 2 nur bei der Benützung von &xßdAMeıw und
noocex Ballet als angedeutet betrachtet.
7. Die Axiom 1—3 werden in den Elementen selten zitiert. Um die Nuancen
in ihrem Gebrauch in der schematischen Darstellung besser hervorzuheben, wird
folgendermaßen vorgegangen: Die Axiome 1—3 werden bereits als angedeutet
betrachtet, falls bei ihrer Verwendung folgendes im Text steht:
Ax. 1:
a=bund b=c
also a=c
Ax. 2:
a=bundc=d
alsoa+c=b+d
Ax. 3:
a+c=b+dunda=b
alsoc=d
Axiom 5 und 6 werden von den meisten Autoren als unecht betrachtet!. Axiom 5
ist dabei leicht aus Axiom 2 herleitbar, während Axiom 6 nicht aus den Axiomen
1—3 gefolgert werden kann. Aus diesem Grunde setze ich bei impliziter Verwendung von Axiom 5 meist Axiom 2, bei Verwendung von Axiom 6 dagegen
dieses selbst.
8. In Beweisen verwendet EUKLID immer wieder die Tatsache, daß gilt:
AB=CD € (AB)? =(CD)?.
DaB diese beiden Schliisse richtig sind, wird in den Elementen aber nicht bewiesen?. Falls EUKLID einen dieser beiden Schliisse in einem Beweis beniitzt;
wird dies in der schematischen Darstellung durch die Abkürzung Q angegeben.
Dabei wird Q normal gedruckt, falls explizite steht
AB=CD,
daher
(AB)?=(CD)?
(oder umgekehrt)
und kursiv, falls einer dieser Beweisschritte stillschweigend verwendet wird.
Schematische Darstellung der stereometrischen Bücher
Buch XI
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1 Vgl. z.B. T. L. HEATH, Euclid's Elements, Bd. 1, S. 223; als echt dagegen von
A. SzAB6, Anfánge des euklidischen Axiomensystems, S. 73—78.
2 PROKLOS bringt in seinem Euklidkommentar (S. 461) einen Beweis dafiir.
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1 Der erste Teil des Beweises wird im zweiten Teil wórtlich zitiert.
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1 Die Stellen, die sich auf den Beweis von XII, 2 beziehen, sind vermutlich erst
nachträglich interpoliert. Vgl. S. 101.
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E. NEUENSCHWANDER
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XIII 18a:
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View in PDF(opens in a new window)II. Zur Entstehungsgeschichte der stereometrischen Biicher
Kritische Betrachtung der Textiiberlieferung
Betrachtet man in der Euklidausgabe von C. THAER die stereometrischen
Bücher, so fallt auf, daB dort viele Textstellen! aus philologischen und mathematischen Gründen als verdächtig eingeklammert sind, die in anderen Editionen
(HEIBERG, HEATH) als echt gelten. Diese Streichungen erreichen teilweise ein
beträchtliches AusmaB. So wird z.B. der Beweis von XII,7 durch die Einklammerungen THAERS
auf einen Drittel seiner urspriinglichen Lange reduziert.
Bevor wir also die stereometrischen Biicher analysieren, ist unbedingt abzuklären,
aus welchen Griinden diese Streichungen erfolgten und ob sie gerechtfertigt sind.
Aus den Anmerkungen erfährt man?, daB THAER an den zur Diskussion stehenden
Stellen jeweils arabische Uberlieferung mitberiicksichtigte, wahrend sich HEIBERG
fiir seine Textausgabe ausschlieBlich auf griechische Handschriften beschrankte.
Die Beantwortung der obigen Frage läuft somit auf das Problem hinaus, ob in
gewissen Fällen die arabische der griechischen Textüberlieferung vorzuziehen ist.
Dieses Problem wurde Ende des letzten Jahrhunderts von M. KLAMROTH in
Angriff genommen. In seinem Artikel ,, Über den arabischen Euklid‘ untersuchte
er die Überlieferung der Elemente bei den Arabern. Nach Angaben im Fihrist?,
einem bio- und bibliographischen Handbuch des X. Jahrhunderts, wurden die
Elemente von folgenden Autoren ins Arabische übersetzt.
Es (das Buch der Elemente) wurde übersetzt von AL-HAGGAG IBN YUSUF IBN MATAR
zwei Mal: die eine Übersetzung ist bekannt unter dem Namen der Härünischen
und diese ist die erste, die andere trägt den Namen der Mämünischen, diese ist die
zuverlässigere. Ferner übersetzte IsHAQ IBN HUNAIN das Werk, verbessert wurde
diese Übersetzung von THABIT IBN QURRA ‘AL-HARRANI: auch übersetzte ABO
‘UTMAN AL DIMASHQI einige Bücher desselben
.
(nach SUTER)
Von diesen Übersetzungen ist nur diejenige des IsHAQ (+ 910) in der Fassung von
THABIT (+ 901) vollständig erhalten und zwar in mehreren Handschriften®. Von
der Übersetzung des HAGGAG (um 800) besitzen wir aus der zweiten Fassung die
Bücher I—VI in einem Leiden-Manuskript® und vielleicht
XI— XIII in einer
Kopenhagener Handschrift. Die übrigen Übersetzungen gelten als verloren. Aus
späterer Zeit existieren noch die Euklidausgaben von AT-TOsi (+ 1274) und CamPANUS (13. Jahrh.).
Nach einer genauen Examination der obigen Handschriften kommt KLAMROTH
zu folgendem Resultat: Die Ausgaben von AT-TOsi und CAMPANUS sind für die
Textkritik nahezu unbrauchbar. TUsi wie CAMPANUS sind beide Mathematiker;
ihnen lag mehr an der Vermehrung des mathematischen Wissens als an der Reinerhaltung des Euklidtextes. Von den beiden älteren Übersetzungen ist diejenige
des IsHAQ bei weitem die wortgetreuere. Sie weist eine einfache, konsequente
Terminologie auf und wirkt eleganter als die mit ständigen Rückverweisungen auf
frühere Sätze überlastete des AL-HAGGAG. Weiter stellt KLAMROTH fest, daß
1 besonders im XII. Buch.
2 THAER, Elemente, S. 467.
3 Siehe H. SUTER, Das Mathematiker-Verzeichnis im Fihrist des Ibn Abi Ja'kúb
an-Nadim.
4 KLAMROTH benutzte die Codices Oxford 279 und Kjöbenhavn LXXXI.
5 Codex Leidensis 399,1 herausgegeben von HEIBERG und BESTHORN.
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View in PDF(opens in a new window)zwischen den verschiedenen arabischen Handschriften keine groBen sachlichen
Differenzen bestehen, selbst dort nicht, wo der griechische Euklid einen wesentlich andern Text hat. Da nun die arabische Tradition bis ins VIII. Jahrhundert
zurückreicht, zieht KLAMROTH diese in solchen Fallen der griechischen vor.
Seiner Ansicht nach ergibt sich somit aus dem arabischen Euklid fiir die Textkritik der Elemente folgendes:
1) Alle Anuuara und oxóla, der Excurs hinter XIII 5, die meisten zogiopata
und dAlws, 22 nootäoex und 17 door in unsern Ausgaben rühren nicht von
Euklid her, sondern sind sehr späte Zusätze.
2) Bei den meisten Sätzen außer etwa in Buch 7—9 sind einzelne kleinere
begriindende, erklärende, zurückverweisende und weiter ausführende Glossen in
den Text gedrungen.
3) Nicht wenige Sätze, besonders in Buch 10 und 11—13, hatten früher einen
viel kürzeren und einfacheren, bez. unvollkommeneren Beweis, der erst in späterer
Zeit erweitert und vervollständigt wurde.
(KLAMROTH, S. 326)
HEIBERG ist nicht dieser Meinung!. Er glaubt, daß ‚‚die arabische Tradition
bedeutend hinter der griechischen zurückbleibt und als mutiliert zu betrachten
ist”. Dazu führt er folgende Gründe an: Erstens gibt es griechische Handschriften,
die älter sind als die arabische Überlieferung (Palimpsest BM Add. 17211).
Zweitens stehen die Auslassungen der Araber im Widerspruch zur Numerierung
der Euklidzitate bei spätantiken Autoren (PAppos, PROKLOS, EUTOKIOS, SIMPLIKIOS). Drittens lassen die Araber auch solche Propositionen weg, die im weiteren
häufig gebraucht werden. Selbst die Entdeckung einer griechischen Handschrift
(Bologna Nr. 18—19, im folgenden mit b bezeichnet), die viele Gemeinsamkeiten
mit den arabischen Übersetzungen hat (THAER folgte bei seinen Streichungen in
den stereometrischen Büchern meist dieser Handschrift), änderte nichts an HEIBERGS grundsätzlicher Einstellung?. Er gibt zwar zu, daß demzufolge viele Abweichungen des arabischen EUKLIDs nicht der Willkür der Araber, sondern den
von ihnen benutzten griechischen Handschriften zuzuschreiben sind. Doch die
von den Arabern und dem Codex b gegebene Fassung der Elemente entspricht
nach HEIBERG keinenfalls der ursprünglichen; sie ist vielmehr aus der Rezension
eines byzantinischen Mathematikers entstanden, dem die euklidischen Beweise
der Bücher
XI— XIII zu lang und zu ermüdend schienen.
Die vor allem in HEIBERGS erstem Artikel zu Tage tretende Skepsis gegenüber
der arabischen Euklidüberlieferung hat sich vermutlich eher hemmend auf die
Untersuchung der arabischen Codices ausgewirkt, obwohl HEIBERG den Wert
einer solchen Untersuchung immer wieder hervorhob. Auf alle Fälle ist bis heute
keine Ausgabe der ISHAQ-THABIT’schen Fassung der Elemente erfolgt, und weitere
Arbeiten auf diesem Gebiete blieben aus. Spätere Autoren beziehen sich meist
auf HEIBERG. So schreibt z.B. HEATH (Euclid’s Elements, Bd. 1, S. 82) ,,HEIBERG
comes to the general conclusion that, not only is the Arabic tradition not to be
preferred offhand to that of the Greek MSS., but it must be regarded as inferior
in authority.“ Rückblickend stellt sich die Frage, ob HEIBERG’s Kritik gegenüber
KLAMROTH gerechtfertigt war. Ich glaube ja, soweit sie eine absolute Priorität
1 Vgl. I. L. HEIBERG, Die arabische Tradition der Elemente Euklid’s, in Zeitschrift
für Mathematik und Physik.
2 Vgl. HEIBERG, Paralipomena zu Euklid, S. 46ff.
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View in PDF(opens in a new window)des arabischen Euklids bekämpfte. Sofern sie aber, eigentlich ungewollt, den
Wert des arabischen Euklids herabsetzte, ist ihr nicht beizupflichten. Der Wert
des arabischen Euklids kann meines Erachtens nicht hoch genug eingeschätzt
werden; liegen den arabischen Übersetzungen doch eindeutig vortheonische Handschriften zu Grunde!. Im arabischen Euklid besitzen wir also eine Art zweite
vortheonische Handschrift, die zur Textkritik verwendet werden kann. Es ist
deshalb nicht erstaunlich, daß HEIBERG 20 Jahre nach der Veröffentlichung
seiner ersten Arbeit, in der er den von KLAMROTH geforderten textkritischen Wert
der arabischen Handschriften negierte, auf Grund von neuentdeckten Quellen
diesen Handschriften in gewissen Punkten den Vorzug gegenüber der griechischen
Überlieferung zugestehen mußte. So schrieb HEIBERG in seiner ersten Arbeit bei
der Diskussion der Differenzen zwischen arabischem und griechischem Euklid
noch folgendes:
Zu Gunsten der Araber könnte man geltend machen wollen, dass EUTOKIUS in
Apollon. S.44 III, 15 statt III, 16 citirt; denn bei den Arabern bilden III, 11+12
nureinen Satz; hier scheint aber bei EUTOKIUS nur ein zufälliger Fehler vorzuliegen,
da der etwas ältere SIMPLICIUS in Aristot. phys. fol. 14a Elem. III, 33 mit dieser
Nummer citirt.
Dagegen ist es von grosser Bedeutung, daß, wenn die Angabe KLAMROTH'S S. 315
vollständig ist, von den im Griechischen vorhandenen Corollarien nur VI,
8;
VIII, 2 und X, 3 auch im Arabischen enthalten sind, da wir doch mehrere der übrigen
schon im III. und V. Jahrhundert nachweisen können. So ist das Corollar XIII,
17 von Pappus V S. 436, 5 angeführt, 77, 4 und 111,1 von Proklus S. 304, 2 flgg.,
das nach VII, 2 von demselben S. 303, 22; IV, 15 von Simplicius in Aristot.
phys. fol 15. I, 15 kennt schon Proklus S. 301.
(HEIBERG: Die arabische Tradition der Elemente, S. 5)
In seiner zweiten Abhandlung? dagegen mußte er in beiden Fällen der arabischen
Überlieferung den Vorrang geben, da 111,12 nach AN-NAIRIZI von HERON stammt
und ein neuentdeckter Papyrus (Oxyrhynchus Papyri I, Nr. 29) II,4 Zusatz
nicht aufweist, wie übrigens auch der ursprüngliche Codex P®. Aus diesen Fakten
geht hervor, wie problematisch die von HEIBERG gezogenen textkritischen Rückschlüsse aus Euklidzitaten spätantiker Autoren sind. Offenbar existierten schon
damals neben textgetreuen Euklidhandschriften verhältnismäßig stark überarbeitete. Denn nur so kann die unterschiedliche Numerierung und Zitierung
spätantiker Autoren erklärt werden.
In weit mehr Fällen, als HEIBERG zuerst wahrhaben wollte, dürften die Araber
auch in den stereometrischen Büchern die ursprünglichere Fassung des Textes
überliefert haben‘. So z.B. im XIII. Buch, wo sie den Würfel (XIII,15) vor dem
Oktaeder (XIII,14) behandeln. Codex P geht nämlich auf eine Vorlage zurück,
die dieselbe Anordnung besaß. Wie aus der Formulierung der Protasis in Codex P
ersichtlich ist, müssen dem Oktaeder ursprünglich 2 reguläre Polyeder vorangegangen sein, dem Würfel dagegen nur eines, die Pyramide. Die alte Reihenfolge
findet man übrigens im ersten Teil der Proposition XIII,18 wieder bei der Dar1 Vgl. dazu HEIBERG, Die arabische Tradition der Elemente Euklid’s,, S. 19.
2 HEIBERG, Paralipomena zu Euklid, S. 47f., S. 54.
8 Im Codex P ist II,4 Zus. nach HEIBERG von späterer Hand.
4 Vgl. dazu auch C. THAER, Euklidüberlieferung, Quellen und Studien, Bd. 3,
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View in PDF(opens in a new window)stellung der Kanten der regulären Polyeder. — Im weiteren ist die von Codex b
gegebene kürzere Fassung, die mit der arabischen häufig übereinstimmt!, derjenigen der Vulgata aus mathematischen Gründen meist vorzuziehen. In XII,7
z.B. ist die Weitschweifigkeit der griechischen Fassung direkt verwirrend. Nachdem der Satz mit S. 174,21 (ed. HEIBERG) bewiesen ist, setzt der griechische Text
nochmals an und zeigt explizite, daB dieselbe Pyramide, bei der man bloB eine
andere Seitenflache und Ecke als Grundfläche und Spitze bezeichnete, ebenfalls
ein Drittel des Prismas ist. Sämtliche im Codex b fehlenden, mit éxeônneo
eingeleiteten Erläuterungen, die Konstruktion und Beweis immer wieder unterbrechen, dürften wohl eher von einem spätantiken Schulmeister als von EUKLID
stammen. Besonders störend sind sie zu Beginn der Proposition XII,17; fehl am
Platze in den Beweisen zu XII,10, X11,11 sowie XII,12. Denn dort werden für
denselben Sachverhalt stets zwei Erläuterungen hintereinander gegeben. So wird
z.B. in XII,10 (S. 367 ed. THAER) die Tatsache, daß das über dem Quadrat
ABCD errichtete Prisma größer als die Hälfte des Zylinders ist, zuerst durch
die in XII,2 bewiesene Ungleichung Quadrat ABCD >1/2 Kreis ABCD gestützt.
Darauf folgt eine zweite mit énedmneo eingeleitete, längere Begründung, die im
Gegensatz zur ersten mit den in den Elementen EUKLIDs bewiesenen Sätzen
auskommt. Die mit Eneiönneo eingeleitete Begründung kann demnach unmöglich
vor der ersten entstanden sein. Aber auch diese wird kaum von EUKLID stammen.
Codex b, der beide wegläßt, dürfte hier die ursprüngliche Fassung bringen. Dasselbe gilt auch für die Stellen S.
374 unten sowie S. 383 unten (ed. THAER), wo
Codex b die wörtlichen Zitate von V,12 nicht hat: Im vorangegangenen Beweis
zu XII,4 fehlt nämlich das Zitat von V,12 in sämtlichen Codizes. Dagegen sind
Elem. Bd. IV, S. 146, 10—12, S. 168, 3—6, S. 202, 6—8 und S. 214, 7—9 (ed.
HEIBERG) mit den griechischen Handschriften vorläufig beizubehalten, denn auch
Codex b bezieht sich später jeweils ausdrücklich auf den in ihnen erwähnten
Sachverhalt?. Die von THAER in den stereometrischen Büchern eingeklammerten
Stellen dürften also zumindest teilweise unecht sein. Eine genaue Beurteilung
wird aber erst möglich, wenn die nach KLAMROTH beste Euklidübersetzung von
IsHAQ und THABIT herausgegeben ist.
Untersuchung der Bücher XI—XIII
Die Zitierweise der planimetrischen Propositionen in den stereometrischen
Büchern unterscheidet sich im groBen und ganzen nur wenig von derjenigen im
planimetrischen Teil. So werden z.B. 1,8, 12, 23, 46 und III,30 auch hier mit derselben Normalform benützt. Im allgemeinen zeigt sich bloß eine durchaus verständliche Tendenz zur Abkürzung: Gewisse Sätze werden manchmal in gekürzter
Form zitiert (z.B. 1,4 in XI,31, 33 und 38), andere oft überhaupt nicht mehr
(1,13—15, 29, 43, 111,28, 29, 31 usw.). Ferner werden Beweisschritte hin und wieder
übersprungen (z.B. in XII,17). Das Fehlen signifikanter Unterschiede in der
Zitierweise deutet darauf hin, daß auch die stereometrischen Bücher zumindest
sprachlich von EUKLID überarbeitet worden sind.
! Zur genauen Abklärung dieser Frage fehlt vorläufig eine vollständige Edition
der Elemente nach IsHAQ und THABIT.
2 Vgl. HEIBERG, Paralipomena, S. 199.
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View in PDF(opens in a new window)Betrachten wir die 3 Bücher im einzelnen. Das älteste der stereometrischen
Bücher ist das XIII. Es enthält eine in sich geschlossene Abhandlung über die
regulären Polyeder und wird allgemein auf THEAITETOS zurückgeführt. EUKLID
hat es in seine Elemente aufgenommen und teilweise überarbeitet. Die Formulierung der Lehrsätze selbst übernahm er dabei, vermutlich weil sich die in ihnen
benutzte Ausdrucksweise bereits eingebürgert hatte. Dadurch erscheint in Protasis
und Beweis eine verschiedene Terminologie. In der Protasis und ihren Zitaten
werden Beziehungen zwischen Quadraten im allgemeinen! mit ôwaoÿa oder
dvvduet elvaı ausgedrückt; im Beweis dagegen mit dem bei EukLID üblichen ro ano.
Besonders deutlich tritt dies jeweils am Ende der Propositionen zu Tage, wo der
Abschluß des Beweises mit tó áxó, und die auf die Protasis zurückgreifende,
allgemeine Schlußzusammenfassung mit dvvacda: oder dvvduer elvaı formuliert
ist. In der Protasis der Propositionen
XIII, 1—5 blieb ebenfalls der Ausdruck
evdela yoauun erhalten? Einzig in der Protasis von XIII,6 tritt eödeia auf
(vgl. Tab. unten). Nach den von uns bei der Analyse des II. Buches gemachten
Zum Ausdruck eddela yoauun
XIII 1
Protasis
Ekthesis
evdela yoauur
evdcia yao yoauur
Zitate
XIII
6: eddeta
XIII 11:
XIII 2
ev0cia yoauur
evdela ydo yoauur
(AT)
——
XIII 3
eddela yoauur
eddeia
XIII 16: eödela yoauun
XIII 4
eUdeia yoauur
evdeia
XIII 17,: eödela
2:
(NZ)
3: eddeia yoauun
XIII 5
eddcia yçauur
evdela ydo yoauur
XIII 17: eödela yoquuí
XIII 6
eddeia Ont?
eddela Inn
XIII 17: 6nt7) yoauur
Erfahrungen? müßte demnach XIII,6 späteren Datums sein. Dieses Ergebnis
wird im nächsten Kapitel bestätigt werden. Ferner wird im XIII. Buch für die
Abtragung einer Strecke häufig dparpeiv und nicht das in den planimetrischen
Büchern übliche xeio dai verwendet‘.
Im jüngern XII. Buch, welches größtenteils auf Eupoxos zurückgehen dürfte,
ist die Terminologie einheitlicher. Beziehungen zwischen Quadraten werden hier
stets mit ta and ausgedrückt. Das XII. Buch ist demnach in seiner heutigen Form
noch stärker überarbeitet. Dies wird bestätigt durch die abweichende Fassung von
1 Die einzige Ausnahme bei der Protasis ist XIII, 4. In den Zitaten ist die Terminologie schwankend.
2 Wir finden ihn, abweichend von der normierten Form, auch im Zitat von I, 11
in XIII, 16. Vgl. dazu NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente
Euklids, S. 343.
8 NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids, S. 371.
4 Vgl. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids, S. 357.
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View in PDF(opens in a new window)Codex b! sowie die Vertrautheit, mit der die Terminii Parallelogramm und Parallelflach verwendet werden?.
Das XI. Buch schließlich bringt die Grundlagen der Stereometrie (XI,1—23)
sowie die Parallelflachtheorie (XI,24—37). Einiges darin ist zweifellos sehr alt,
anderes diirfte kaum vor EUKLID entstanden sein. Die Terminologie ist auch hier,
von wenigen Ausnahmen abgesehen, durchaus die euklidische.
Im folgenden soll die Entstehungsgeschichte der 3 Biicher in chronologischer
Reihenfolge untersucht werden. Dabei wird zu priifen sein, welche Teile den beiden
großen Mathematikern THEAITETOS und EUDOxos zugeschrieben werden können.
Diese Ergebnisse werden später dazu beitragen, die Frühgeschichte der Stereometrie zu klären.
Buch XIII
Das XIII. Buch behandelt die regulären Polyeder. Der eigentlichen Untersuchung gehen 6 Sätze über die stetige Teilung (XIII, A—6), sowie 5 Sätze über
das reguläre Fünfeck (XIII,7—11) voran. Aus dem Auftreten dieser planimetrischen Hilfssátze, sowie den abweichenden Formulierungen in der Protasis3, kann
geschlossen werden, daß EUKLID das Buch als Ganzes von einem früheren Mathematiker übernommen hat, nämlich von THEAITETOS, wie man heute allgemein
annimmt. Dieser schrieb nach einer Mitteilung in der SUDA als erster über die fünf
regulären Polyeder. Ob er diese auch selbst entdeckte, war lange Zeit umstritten.
Die Entdeckung der regulären Polyeder wurde früher meist den PYTHAGOREERN
zugeschrieben, dies auf Grund einer Bemerkung in dem aus EUDEMOS entnommenen Geometerverzeichnis des PROKLOS:
Ihnen folgte PYTHAGORAS, der ihren wissenschaftlichen Betrieb in das System
der höheren Bildung einbezog. Seine Untersuchungen galten ihren obersten
Prinzipien, und seine theoretischen Forschungen bewegten sich frei von materiellen
Einflüssen im Bereich des reinen Denkens. Er war es auch, der die Lehre von
den Proportionen und die Darstellung von den fünf Weltkörpern schuf.
|
(PRoKLOS, Euklidkommentar, S. 211, 17—23)
Nach den kritischen Untersuchungen von Eva SACHs vertraut man heute eher
dem folgenden Scholion zu den Elementen EUKLIDS:
In diesem Buche, dem 13., werden die sogenannten fünf platonischen Körper konstruiert, die aber nicht von Platon sind, sondern drei von den eben genannten fünf
Körpern sind von den PYTHAGOREERN, der Würfel und die Pyramide und das
Dodekaeder, von THEAETET aber das Oktaeder und das Ikosaeder. Den Namen
erhielten sie nach Platon, weil er sie im Timaios erwähnt. Den Namen des EUKLID
trägt aber auch dies Buch, weil er ihm seine Stellung innerhalb der Elemente
gegeben hat‘.
(HEIBERG, Euclidis Elementa, Bd. 5, S. 654)
1 Siehe S. 101.
2 Vgl. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids, S. 364f.
3 Vgl. dazu S. 102.
1 BURKERT übersetzt den letzten Satz des Scholions wie folgt: ‚Nach Euklid
ist auch dieses Buch betitelt, weil er ihm die oroixeiov-Ordnung gegeben hat (vgl.
BURKERT, Weisheit und Wissenschaft, S. 420, Anm. 122).**
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View in PDF(opens in a new window)Die betreffende Stelle im Geometerverzeichnis stammt nämlich, teilweise sogar
wörtlich, aus JAMBLICHOS, wie Eva SAcHs und W. BURKERT zeigten!. Für die
Mitteilung über die fünf Weltkörper kann somit nicht die Autorität des EUDEMos?
in Anspruch genommen werden. PROKLOS dürfte bei EUDEMOS über PYTHAGORAS
nichts vorgefunden haben, worauf er seine Vorlage aus Jamblichos ergänzte.
Die Aussage des Scholions dagegen erweckt größtes Vertrauen gerade dadurch,
daß sie etwas scheinbar mathematisch Unmögliches bringt. Sie kann somit nicht
von einem späteren Kommentator erfunden worden sein, sondern muß auf eine
alte Quelle zurückgehen. Bei einer genauen Prüfung erweist sie sich zudem als
durchaus vernünftig. Eva Sacus* und W. C. WATERHOUSE? führen die folgenden
Gründe dafür an, daß die PYTHAGOREER zwar das Dodekaeder, nicht aber das
Oktaeder und Ikosaeder kannten:
1. Die Theorie der regulären Polyeder muß in zwei Stufen entwickelt worden
sein.
a) Studium einzelner regulärer Polyeder, die von ihrer Form her schon früh
das Interesse auf sich zogen (Würfel, Tetraeder).
b) Studium der regulären Polyederim allgemeinen.
Vorbedingung für die
zweite
Stufe ist
die
Abstraktion
des
Begriffes
des
regulären Polyeders. Diese führte zur Erkenntnis, daß es nur fünf reguläre
Polyeder gibt. Das Oktaeder gehört in die zweite Stufe; handelt es sich doch nur
um eine doppelte Pyramide mit quadratischer Basis, die für eine nähere Untersuchung an sich zu wenig interessant war.
2. Für Würfel, Tetraeder und Dodekaeder hatten die alten Griechen populäre
Bezeichnungen: Für Tetraeder ,Pyramide” und für Dodekaeder® ‚die Kugel
aus den zwölf Fünfecken‘. Für die restlichen zwei Körper existieren dagegen bloß
die systematischen Namen ‚Oktaeder‘‘ und ,,Ikosaeder“.
3. Nach der Überlieferung? muß das Dodekaeder bei den Pythagoreern eine
besondere Rolle gespielt haben. Funde® von künstlichen Dodekaedern bestätigen
die frühe Kenntnis dieses Körpers. Seine Form konnte von den in Italien häufigen
Pyritkristallen übernommen werden.
Die frühen PYTHAGOREER beschäftigten sich somit erst mit drei der regulären
Polyeder. Sie haben sich dabei vermutlich mehr für ihre Form (Verhältnis von
Diagonale zur Seite, Anzahl der Flächen usw.), als für die mathematische Kon1 Eva Sachs, Die fünf platonischen Körper, S. 23ff.; BURKERT, Weisheit und
Wissenschaft, S. 386 ff.
2 EUDEMOS spricht stets nur von den PYTHAGOREERN und nicht von PYTHAGORAS.
3 Vermutlich auf Eupemos. Vgl. Eva Sachs, Die fünf platonischen Körper, S. 87
unten.
4 Eva Sachs, Die fünf platonischen Körper, S. 82ff.
5 W.C. WATERHOUSE, The discovery of the Regular Solids, S. 212—218.
€ Für Stellenangaben siehe: Eva Sachs, Die fünf platonischen Körper, S. 82ff.;
sowie W.C. WATERHOUSE, The Discovery of the Regular Solids, S. 216, Randanmerkung 24.
7 TAMBLICHOS, Vita Pythagorica, 88 und 247. Zur Diskussion dieser Stellen siehe
BURKERT, Weisheit und Wissenschaft, S. 433 ff.
8 Vgl. F. LINDEMANN,
(1896), S. 625—768.
Sitzungsber.
Bayr.
Akad. Wiss., Math.-Phys.
Page 17
View in PDF(opens in a new window)struktion interessiert!. Die erste Theorie der regulären Polyeder stammt nach der
Mitteilung in der SuDA von THEAITETOs. Auf diesen diirfte im groBen und ganzen
auch das XIII. Buch der Elemente Euklids zurückgehen. Zwar kann man, wie
PAPPOS? zeigte, die regulären Polyeder auch anders als in den Elementen EUKLIDs
konstruieren. Doch nach allem was wir wissen ist nicht anzunehmen, daß EUKLID
eine von THEAITETOS abweichende Konstruktionsmethode benutzte:
Erstens
geht die Formulierung der Sätze und Hilfssätze und somit auch die Konstruktionsmethode des XIII. Buches auf einen älteren Mathematiker zurück. Zweitens
hat EUKLID nach dem Geometerverzeichnis? für seine Elemente Vorarbeiten des
THEAITETOS verwendet und drittens erwähnt keine der uns bekannten Quellen
einen weiteren Mathematiker zwischen THEAITETOS und EUKLID, der eine Theorie
der regulären Polyeder aufstellte. Wir wollen deshalb im folgenden voraussetzen,
daß THEAITETOS dieselbe Konstruktionsmethode wie EUKLID benutzte und unter
dieser Annahme analysieren, welche Teile des XIII. Buches auf THEAITETOS
zurückgehen müssen. Die einzelnen Rekonstruktionen lassen sich anhand des
Schemas auf S. 108 verfolgen.
Geht man bei der Konstruktion des Tetraeders (XIII, 13) wie EUKLID und
THEAITETOS vom gegebenen Kugeldurchmesser (KL) aus, so sollte man zuerst
die Höhe des Tetraeders (KH) kennen. Dazu betrachtet man das rechtwinklige
Dreieck KHG. KG ist Seite des Tetraeders; HG Radius des Kreises in den man ein
gleichseitiges Dreieck mit der Tetraederseite einbeschreiben kann, also (nach
XIII,12) HG? =1/, KG?. Damit ist das Verhältnis von KG? zu HG? und wegen der
Ähnlichkeit der Dreiecke auch von KL zu KH gegeben. Zur Konstruktion des
Tetraeders benötigt man noch XI,12 sowie die speziell auf das XIII. Buch zugeschnittene Kugeldefinition XI, Def. 144. Die Analyse der Proposition XIII,13
1 Vgl. NIKOMACHOS, Introd. in arithm. II 26,2.
2 Pappos (Collectio III, S. 142—163 ed. Huttscn) schreibt die regulären Polyeder
direkt in die gegebene Kugel ein. EUKLID errichtet jeweils zuerst ein Polyeder der
gewünschten Größe und umschreibt diesem nachträglich eine der gegebenen Kugel
gleiche.
3 PROKLOS, Euklidkommentar, S. 213, 23.
4 Die übliche Definition der Kugel (vgl. PLATON 33
B sowie ARISTOTELES 1033014)
dürfte analog zu der des Kreises (Elem. I, Def. 15) gewesen sein. Das in Elem. XI,
Def. 14 benutzte Verfahren geht jedoch auf einen Autor vor EUKLID zurück, wie man
aus Arist. Meteor. IIIS 376512 entnehmen kann.
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View in PDF(opens in a new window)hat uns also unmittelbar auf den Hilfssatz XIII,12 geführt. Das gleiche wird sich
auch bei den übrigen Propositionen zeigen. Die Hilfssätze müssen somit bei der
Konstruktion der regulären Polyeder entstanden sein. Sie kénnen nicht, wie das
Eva SACHS behauptet!, auf eine Schrift des EuDoxos über den goldenen Schnitt
zurtickgehen. Sie selbst hat übrigens auf S. 30 die Authentizität jener Proklosstelle im Geometerverzeichnis in Frage gestellt, auf die sich ihre Behauptung
stützt.
Die Konstruktion des Oktaeders (XIII,14) und des Wiirfels (XIII,15) wird
in analoger Weise durchgeführt. Aufbau und Formulierung der drei Propositionen
stimmen größtenteils überein. In X111,14 wird X1,12, in XIII,15 die Sätze XI,4
und 12 wesentlich benutzt. Um zu zeigen, daB der konstruierte Kôrper ein Würfel
ist, wären allerdings noch weitere stereometrische Sätze notwendig.
Zur Konstruktion des Ikosaeders (XIII,16) sollte man das Verhältnis der
Strecken YW, WV und VX kennen. Bei der Analyse des Problems stößt man bald
auf die beiden rechtwinkligen Dreiecke YUW und UKO. WU ist gleich der Sechseckseite im Kreise RSTUQ, YU gleich der Fünfeckseite im selben Kreis. Im
Dreieck UKO ist UO gleich der Fünfeckseite und OK gleich der Zehneckseite. Die
beiden Dreiecke scheinen kongruent zu sein. Damit wäre das Quadrat der einem
Kreis einbeschriebenen Fünfeckseite gleich der Summe der Quadrate der demselben Kreise einbeschriebenen Zehn- und Sechseckseiten. Dies ist genau die
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Aussage des Satzes XIII,10. Nun kônnte man das Ikosaeder wie folgt errichten:
Im Halbkreis ABCD konstruiere man das Quadrat ZKCD. Darauf, wie bei
EUKLID, vom Kreis mit dem Radius LD aus das Ikosaeder. Daß der Ikosaederdurchmesser YX gleich dem Kugeldurchmesser AB wird, kann folgendermaßen
begründet werden: Aus der Figur von 11,14 ergibt sich, daß LD in H stetig
geteilt ist; und aus der Umkehrung eines zu XIII,9 analogen Satzes, daB LH,
LD Zehn- bzw. Sechseckseiten in demselben Kreise sind. Da LD = WU ist, muß
AL =WY sein, also auch AB = YX. DaB die Kugel dem Ikosaeder umbeschrieben,
der Winkel ADB also ein Rechter ist, folgt wiederum aus 11,14, denn AL-LB
muß nach 11,14 gleich LD? sein. Die oben gegebene Konstruktion beruht somit
1 Vgl. Eva Sachs, Die fünf platonischen Körper, S. 96.
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View in PDF(opens in a new window)wesentlich auf der Figur von II,11. Die übrigen Sätze des XIII. Buches zeichnen
sich jedoch gerade durch ihre Unabhängigkeit von dieser Figur aus. HEATH!
bemerkt, daß die Resultate von XIII,1—5 viel einfacher mit Hilfe des zweiten
Buches hätten gewonnen werden können. THAER? sieht in dieser Unabhängigkeit
ein Zeichen für die nicht vollständige Zusammenfügung früherer Vorlagen. Die
Nichtbezugnahme auf das II. Buch dürfte also daher rühren, daß EUKLID
THEAITETOS folgte, der das II. Buch nicht voraussetzen konnte. Die in den Elementen (XIII,16) gegebene Konstruktion des Ikosaeders, welche das II. Buch
ebenfalls nicht benützt, und nicht die oben entwickelte, wird also diejenige des
THEAITETOS sein. Bei ihr geht man analog wie bei den übrigen Polyedern vor.
Man sucht eines der Verhältnisse YW, WV zu YX zu bestimmen (WV: YX ergibt
sich leicht aus dem rechtwinkligen Dreieck
ZUW) und konstruiert damit das
Ikosaeder. Wenn die Kugel dem Ikosaeder umbeschrieben sein soll, muB der
Winkel YUX ein Rechter sein. Also wäre YW:WU =WU:WX, YV in W
stetig
geteilt und es müßte daher Satz XIII,9 gelten. Untersucht man darauf die Gleichheit von Kugel- und Ikosaederdurchmesser, so stößt man auf Satz XITI,3. Auch
beim Ikosaeder ergeben sich somit die Hilfssätze aus der Analyse des Problems.
Die Konstruktion des Dodekaeders vom Durchmesser der Kugel aus ist kompliziert. EUKLID macht in seinen Elementen (XIII,17) von der Möglichkeit
Gebrauch, das Dodekaeder über dem eingeschriebenen Würfel zu errichten.
Diese Idee dürfte von THEAITETOS stammen, denn wenn dieser auch hier in analoger Weise vom Kugeldurchmesser ausgegangen wäre, hätte dies EUKLID sicher
beibehalten. Aus der untenstehenden Figur ist ersichtlich, daß die Würfelseite
x
coko
e” —
~
>
r
O
gleich der Fünfeckdiagonale sein muß. Bei der Analyse des regulären Fünfecks
folgt, daB sich seine Diagonalen gegenseitig stetig teilen und die grôBeren Abschnitte gleich der Fünfeckseite sind®. Dies ist die Aussage der Proposition
XIII,8. NP ist demnach in R
stetig geteilt, OH in T. Nun gilt es
XP und WT
zu bestimmen. Aus Symmetriegriinden diirften sie gleich sein. Wegen der Ahnlich1 T.L. HEATH, Euclid’s Elements, Bd. 3, S. 441 ff.
2 C. THAER, Euklid, S. 472.
3 Vgl.
E. NEUENSCHWANDER,
S. 3721.
8
Arch, Hist. Exact Sci., Vol. 14
Die
ersten
vier
Bücher der
Elemente
Euklids,
Page 20
View in PDF(opens in a new window)keit der Dreiecke XHP und HWT ist HP:XP =WT:
HT. Somit auch NP: XP =
XP:NR und wegen der Eindeutigkeit der mittler
en Proportionalen folgt
XP =
RP. Damit ergäbe sich BU? zu NP?+ NR?+
RP?, Es ist aber BU? =4RP2.
Demnach wäre 3 RP? =N P?-+NR!, was durch
Satz XIII,4 bestätigt wird. Damit ist die Konstruktion des Dodekaeders gefunde
n.
Fraglich bleibt, wie THEAITETOS im einzelnen
gezeigt hat, daB das Fünfeck
eben ist. Sicher beniitzte er die Gültigkeit der
Proportion
HP:XP=WT:H T,
um daraus die Ähnlichkeit der Dreiecke XH P und
den Satz VI,32 explizite ausgesprochen hat, ist
diesen EUKLID zuzuschreiben!.
H WT herzuleiten. Ob er aber
zweifelhaft, da Gründe bestehen,
Will man die Gleichwinkeligkeit beweisen, so muß
ist.
Nach
dem
man zeigen, daB BV = BC
Lehrsatz ist BV2—NP? + NS? + PS?. Also
ist, NS2+ PS? =3NP? sein. Analysiert man
diese Bepythagoreischen
müßte, damit BV = BC
dingung, so stößt man auf die Propositionen XIIL4
und
sich dann unter Benutzung von I,8 die Gleichheit
XIII,5. Daraus läßt
der Winkel
BU V, UVC und
s folgt schließlich aus XIII,7.
BWC erweisen. Die Gleichwinkligkeit des Fünfeck
Auch hier ergeben sich die Hilfssätze aus der Analyse
des Problems.
Schema zu Buch XIII
X a
1 Vgl.
S. 362.
E. NEUENSCHWANDER,
[X6,9,12,15,73,84a Def, 94,97|
ersten vier Biicher der Elemente
Euklids,
Page 21
View in PDF(opens in a new window)Davon auszunehmen sind einzig Hilfssätze, die bereits vor Theaitetos bekannt
waren (vermutlich XIII,8 z.B.) und allfällige spätere Ergänzungen. Auf letztere
soll abschließend noch eingegangen werden. Nachträglich ausgearbeitet könnten
einige Beweise sein, die zeigen, daß die konstruierten Körper die gesuchten regularen Polyeder sind. Besonders auffällig ist dies in XIII,17. Die Sätze VI,32 und
XI,38, die dort zitiert werden, scheinen nicht auf THEAITETOS zurückzugehen.
VI,32 stammt vermutlich von EUKLID und XI,38 fällt durch seine Stellung im
XI. Buch sowie durch die das Zitat begleitenden Worte ‚dies ist nämlich im
vorletzten Satz des XI. Buches bewiesen‘ aus dem Rahmen. Nachträglich ergänzt
könnte weiter die Klassifizierung der Polyederkanten sein. Aufgrund des Kommentars von Pappos zum X. Buch der Elemente ist nicht klar, ob THEAITETOS
bereits die vollständige Einteilung der Irrationalitäten kannte!. GewiB ist bloß,
daß er nach dem dort überlieferten Zeugnis des EUuDEMOS ,,die in der Länge kommensurabeln Potenzen von den inkommensurabeln unterschied und die bekannten Irrationallinien nach den Medietäten einteilte, indem er die Mediallinie
dem geometrischen, das Binomium dem arithmetischen und die Apotome dem
harmonischen Mittel zuteilte‘. Die Sätze XIII,6 und XIII,11 sowie die betreffenden Stellen in XIII,18 (Vergleich der Polyederkanten) könnten somit nachtheaitetisch sein. Für XIII, 6 trifft das sicher zu. Die Proposition steht im Codex P
an einem falschen Ort und fehlt im Codex b. Zu XIII,17, wo sie verwendet wird,
findet man Scholien mit demselben Inhalt. HEATH? schließt daraus, daß XIII,6
nachträglich interpoliert worden ist. Entgegen der Ansicht von Eva Sachs? ist
dem zuzustimmen; tritt doch in der Protasis von XIII,6 ausnahmsweise das
neuere eddela OntyH auf, im angeblichen Zitat dagegen das alte 6717) yoauun*.
THAER andererseits zweifelt an der Echtheit gewisser Teile der Proposition
XIII,18, in welcher die Kanten der regulären Polyeder miteinander verglichen
werden.
Der Schlußsatz XIII, 18a dagegen, der feststellt, daß man nur fünf reguläre
Polyeder errichten kann, muß zumindest dem Inhalte nach bekannt gewesen
sein, denn er wird schon von PLATO im Timaios® vorausgesetzt. Die heutige
Formulierung des Satzes mit der falschen Umschreibung® des Begriffs ‚reguläre
Polyeder‘ wird aber auch hier kaum auf THEAITETOS zurückgehen.
Buch XII
Das XII. Buch behandelt die Lehre von den Rauminhalten, soweit sie mit
elementaren Mitteln nicht mehr durchführbar ist. Es werden speziell die Volumen
von Pyramide und Kegel bestimmt und eine Reihe von Sätzen über Verhältnisse
1 PAPPOS widerspricht sich in diesem Punkt selber: S. 13 oben (ed. Suter) meint
er, daß ,,die genauen Unterscheidungen und die scharfen Beweise‘‘ zu den rationalen
und irrationalen Größen hauptsächlich durch THEAITETOs festgelegt wurden, auf S. 13
unten schreibt er ‚die Errichtung der verschiedenen Ordnungen für die Irrationallinien‘‘ dagegen EUKLID zu,
2 T. L. HEATH, Euclid’s Elements, Bd. 3, S. 451.
3 Eva Sachs, Die fünf platonischen Körper, S. 112ff.
4 Vgl. die Tabelle auf S. 102.
5 PLATO, Timaios 55.
6 Vgl. dazu H. FREUDENTHAL und B. L. VAN DER WAERDEN, Over een bewering
van Euclides, in Simon Stevin, 1 (1948), S. 115—121.
Page 22
View in PDF(opens in a new window)zwischen Pyramiden, Kegeln und Kugeln aufgestellt. Die Beweise verlaufen
meistens! gleich: Zu zeigen ist, daß zwei nicht elementare Größen A und B in
einem gewissen Verhältnis C:D stehen. Dazu werden die beiden Größen durch
zwei gesetzmäßig steigende Folgen elementarer Größen a,, a,, 43... und b,, bg, bg...
approximiert, für die stets a, :b, =C:D gilt. Darauf wird indirekt unter Benutzung
des theaitetischen Lemmas (X,1) begründet, daß dann auch A:B=C:D ist.
Diese Beweismethode, die in leicht modifizierter Form auch von Archimedes angewandt wurde, bezeichnet man heute als Exhaustion.
Aus den Mitteilungen (1) und (2) bei ARCHIMEDES (siehe unten) wissen wir,
daß Eupoxos die Sätze XII,7 und 10 erstmals exakt bewies. Er dürfte somit der
Entdecker der obigen Beweismethode gewesen sein. Unter Benützung der Mitteilung (3) hat B. L. VAN DER WAERDEN weiter gefolgert, daß auch XII,2? und
18 von Eupoxos stammen müssen. Dieser Schluß wird beinahe zur Gewißheit,
wenn man die von VAN DER WAERDEN? und HEATH nicht erwähnten Mitteilungen
(5) und (6) noch herbeizieht 4. Bisher wenig beachtet wurde im weiteren die Aussage (4). Zudem wird das Auftreten der zwei Lemmata in (3) ganz verschieden
interpretiert. Es sollen deshalb im folgenden sämtliche die Entdeckungen des
Eupoxos im XII. Buch betreffenden Aussagen zusammengestellt und der ganze
Problemkreis ausführlich diskutiert werden.
(1)
Diese Eigenschaften sind für die besagten Figuren von Natur aus vorgegeben,
wurden aber verkannt durch die, welche sich vor uns mit der Geometrie abgegeben
haben, da keiner von ihnen daran gedacht hatte, daß die Maße dieser Figuren vergleichbar sind. Daher möchte ich nicht zögern, die obigen Lehrsätze den Untersuchungen der andern Geometer zur Seite zu stellen sowie auch den stereometrischen Lehrsátzen des Eupoxos, die weit hervorzustechen scheinen <und besagen), daß jede
Pyramide ein Drittel des Prismas mit derselben Basis und gleicher Höhe wie die Pyramide ist, und daß jeder Kegel ein Drittel des Zylinders mit derselben Basis und gleicher
Höhe wie der Kegel ist. Denn obschon diese Zusammenhänge von Natur aus für jene
Figuren vorgegeben sind und es vor Eudoxos viele erwähnenswerte Geometer gegeben
hat, war es geschehen, daß sie allen unbekannt blieben und von keinem erkannt wurden.
(ARCHIMEDES, Über Kugel und Zylinder, Vorwort)
(2)
Und daher sollte man von diesen Lehrsätzen vom Kegel und der Pyramide, deren
Beweis Eupoxos zuerst gefunden hatte, daß der Kegel ein Drittel des Zylinders, bzw.
die Pyramide des Prismas, mit derselben Basis und gleicher Höhe ist, einen nicht
geringen Anteildem DEMOKRIT zuweisen, der als erster diese Aussage über die genannte
Figur ohne Beweis dargelegt hatte.
(ARCHIMEDES, Methode, Vorwort)
1 Einzig in XII,10 und 18 treten Abweichungen auf: In XII, 10 vereinfacht sich
der Beweis, da das Verhältnis 1 wird; und in XII, 18 muß der Beweis aus sachlichen
Gründen abgeändert werden.
2 Satz XII,2 war nach EupEMos bereits HIPPOKRATES bekannt. Einen exakten
Beweis dürfte dieser aber kaum besessen haben (vgl. Dictionary of Scientific Biography
„Hippocrates of Chios‘‘).
3 B. L. VAN DER WAERDEN, Erwachende Wissenschaft I, S. 307.
4 Vgl. F. LASSERRE, Die Fragmente des Eudoxos von Knidos, S. 30ff. Die übersichtlich zusammengestellten Fragmente sind mit einem ausführlichen Kommentar versehen.
5 Die Übersetzungen (1)—(4) stammen von W. D. MEIER.
Page 23
View in PDF(opens in a new window). sofern fiir den Beweis folgendes Lemma angenommen wird: Die Differenz
< zweier) ungleicher Flächen, um die sich die größere von der kleineren unterscheidet,
vermag, wenn sie zu sich selbst hinzugefügt wird, jede vorgegebene endliche Fläche
zu übertreffen. Auch die früheren Geometer haben dieses Lemma gebraucht: Daß
nämlich die Kreise im zweifachen Verhältnis ihres Durchmessers zueinander stehen,
haben sie bewiesen unter Benützung dieses selben Lemmas, sowie daß die Kugeln im
dreifachen Verhältnis ihrer Durchmesser zueinander stehen; und dazu noch, daß jede
Pyramide ein Drittel des Prismas mit gleicher Basis und gleicher Höhe wie die Pyramide ist, und daß jeder Kegel ein Drittel des Zylinders mit derselben Basis und
gleicher Höhe wie der Kegel ist, zeigten sie unter Annahme eines dem vorhergenannten
ähnlichen Lemmas.
(ARCHIMEDES, Quadratur der Parabel, Vorwort)
(4)
1. Kegel mit gleicher Höhe verhalten sich zueinander wie die Grundflächen. Kegel
mit gleichen Grundflächen verhalten sich zueinander wie die Höhen.
2. Wird ein Zylinder von einer Ebene parallel zur Grundfläche geschnitten, so
verhält sich Zylinder zu Zylinder wie Achse zu Achse.
3. Die Kegel mit denselben Grundflächen wie die Zylinder stehen im selben Verhältnis wie die Zylinder.
|
4. In gleichen Kegeln sind die Grundflächen den Hôhen umgekehrt proportional.
Und Kegel) in denen die Grundflächen den Höhen umgekehrt proportional sind,
sind gleich.
5. Kegel, deren Grundflächendurchmesser sich wie die Achsen verhalten, stehen
zueinander im dreifachen Verhältnis der Grundflächendurchmesser.
All dies wurde von den Früheren bewiesen.
(ARCHIMEDES, Über Kugel und Zylinder)
(Lemmata zwischen Proposition 16 und 17)
(3)
In ihren Anfängen beschäftigte sich die Geometrie, wie der alte Bericht uns lehrt,
mit den Landvermessungen und Landteilungen, wovon sie auch Geometrie (Landmessung) genannt ward. Da dies Geschäft für die Menschen nützlich war, so wurde
sein Gattungsbegriff erweitert, sodaß die Handhabung der Messungen und Teilungen
auch zu den festen Körpern fortschritt, und da die zuerst gefundenen Sätze nicht ausreichten, so bedurften jene Operationen noch weiterer Forschung, sodaß sogar bis
zum gegenwärtigen Moment manches davon noch ungelöst ist, obwohl ARCHIMEDES
und Eupoxos den Gegenstand vortrefflich behandelt haben. Denn vor des Eupoxos
Entdeckung war es unmöglich, den Nachweis zu liefern, daß der Zylinder dreimal so
gross ist, als der Kegel, der mit ihm dieselbe Basis und die gleiche Höhe hat, sowie
dafür, daß die Kreise sich zueinander verhalten wie die Quadrate ihrer Durchmesser
zueinander. Und vor ARCHIMEDES’ scharfsinniger Entdeckung ...
(HERON VON ALEXANDRIA, Vermessungslehre, Vorwort)
(6)
Neben den Propositionen XII,2 und 10 findet sich in den Handschriften die
Randbemerkung ‚„EuUDoxos“.
(HEIBERG, Euclidis Elementa, Bd. 5, S. 622 und 628)
Aus den Mitteilungen (1)—(6) ergibt sich, daB die Beweise des Eupoxos
schriftlich fixiert waren. Entweder kannte ARCHIMEDES noch die Originalschriften
oder dann entnahm er seine Angaben der Geschichte der Geometrie des EUDEMOS.
Daß in der letzteren die stereometrischen Entdeckungen des Eupoxos behandelt
sein mußten, läßt die Mitteilung (5) vermuten. Aus (5) oder einer gemeinsamen
Page 24
View in PDF(opens in a new window)älteren Quelle diirfte schlieBlich der Scholiast (6) geschôpft haben. Diese Reihenfolge erklärt, warum die Scholien bloß bei den Propositionen XII,2 und 10 auftreten. Nimmt man dagegen mit LASSERRE! die umgekehrte Reihenfolge an, so
ist nicht verständlich, weshalb beim eudoxischen Satz XII,7 kein Scholion mit
entsprechendem Inhalt auftaucht.
Die Arbeiten des Eupoxos müssen von seinen Zeitgenossen
worden sein.
ARCHIMEDES
(1)
spricht von
bewundert
„hervorragenden Lehrsätzen des
Eudoxos” und HERON (5) teilt uns mit, daß Eupoxos die Stereometrie vorbildlich
behandelte. Eupoxos selbst dürfte eher einen knappen Stil geschrieben haben.
Für viele Schulmeister war er zu knapp; deshalb das Einfügen der vielen mit
Eneiönneo eingeleiteten Erläuterungen in fast allen Codices des XII. Buches.
XII,7 wurde durch diese Veränderungen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt
(zur Textüberlieferung des XII. Buches siehe S. 101). Die von ARCHIMEDES gegebene Fassung der Protasis der Propositionen XII,2 und 7 ist für Eupoxos
der euklidischen gegenüber vorzuziehen: Das archimedische dinAaolova Adyov
in XII,2 stimmt mit dem archimedischen und euklidischen toizdaciova Adyov
in XII,18 überein, und daß Archimedes XII,7 mit der Formulierung von Elem.
XII,7 Zus. bringt, bestätigt die oben festgestellte Umgestaltung dieser Proposition.
Eupoxos dürfte die Sätze (XII,2, 7, 10 und 18) mit demselben Lemma wie
EUKLID bewiesen haben. Die Aussage der Archimedesstelle (3) über die Verwendung zweier verschiedener Lemmata ist nur schwer verständlich. Sicher hat
HEATH? recht, wenn er bemerkt, daß das in den Elementen EUKLIDs benutzte
Lemma auf dem archimedischen beruhe und damit ARCHIMEDES zu Recht sagen
durfte, das von ihm verwendete Lemma liege bereits den eudoxischen Beweisen
von XII,2 und 18 zugrunde. Das alles erklärt aber noch nicht, weshalb in dem
analog zu XII,2 verlaufenden Beweis XII,10% von Eupoxos plötzlich ein anderes
Lemma benützt werden sollte. Die von LASSERRE* vorgeschlagene Lösung, nämlich die Aufteilung der vier Sätze in die zwei bereits vor EuDoxos mit dem archimedischen Lemma bewiesenen (XII,2 und 18) und die beiden später von EuDoxos
aufgestellten (XII,7 und 10), scheint mir ebenfalls wenig wahrscheinlich. Beruht
doch der Beweis von XII,18 wesentlich auf XII,7. Ich neige eher dazu, die Textüberlieferung in (3) anzuzweifeln. Wäre es nicht möglich, daß die Erwähnung des
zweiten Lemmas auf einen Interpolator zurückgehen kénnte®, der die von HEATH
1 LASSERRE, Die Fragmente des Eudoxos von Knidos, S. 172.
2 T. L. HEATH, Archimedes, S. xlviii; Euclid’s Elements, Bd. 3, S. 15.
8 In XII,2 wie 10 wird der Kreis durch reguläre Polygone von innen her approximiert.
4 F. LASSERRE, Die Fragmente des Eudoxos von Knidos, S. 173f.
5 Auch vom Text aus läßt sich, wie mir W. D. MEIER mitteilte, die Annahme
einer Interpolation (urspr. Randnotiz?) rechtfertigen; neben einigen kleineren Auffälligkeiten legen v.a. folgende Beobachtungen eine solche nahe:
— Der Satz von ¿ri dé xai Ste an — schwerfällig wirkt nicht nur diese Einleitung,
auch der Schluß ist es — läßt die anschließende Wiederaufnahme sehr weit von
abt® tovt® ra Anunarı bzw. tHde tH Anuyarı wegrücken.
— Das Imperfekt ¿ypapov — hier in seiner sehr speziellen Bedeutung — erscheint
schwach neben dem bedeutungsgleichen, aber viel eindeutigeren Perfekt dnodeöelxaow.
— Die Theoreme 3 und 4 stimmen fast wörtlich mit Text (1) überein und weichen
stark vom Stil in Text (3) ab.
Page 25
View in PDF(opens in a new window)gemachte Feststellung nicht beriicksichtigte und deshalb falschlicherweise die
Aussage! des ARCHIMEDES berichtigen wollte. Soweit zur Interpretation der Mitteilungen (1)—(6).
Im folgenden sollen aufgrund der Mitteilungen (1)—(6) die dem Eupoxos
bekannten Sätze im XII. und XI. Buch der Elemente rekonstruiert werden. Im
XII. Buch sind dies sicher die Sätze XII,2, 7, 10 und 18, wie wir bereits früher
festgestellt haben. Sie bilden den Ausgangspunkt unserer Untersuchung und
wurden zur besseren Ubersicht in der schematischen Darstellung auf S. 116 eingerahmt. Ihr Beweis erfolgte, wie oben dargelegt, unter Benutzung des Lemmas
X,1. Ein Vergleich der Aussagen (3) und (4) wirft die Frage auf, ob auch die Sätze
XII,41, 12, 13, 14 und 15 auf Eupoxos zurückgehen könnten. Sie werden von
ARCHIMEDES, wie die als eudoxisch erkannten der Mitteilung (3), früheren Autoren
zugeschrieben. Die letztere Frage soll zuerst tiberpriift werden, und zwar durch
Analyse der Beweise der Sätze.
Satz XII,12 besagt, daB die Inhalte ähnlicher Kegel und Zylinder zueinander
dreimal im Verhältnis der Grundflachendurchmesser stehen. Da Eupoxos, wie
wir später sehen werden, die entsprechenden Sätze für Parallelflache (XI,33),
dreiseitige Pyramiden (X11,8) und für Kugeln (X11,18) aufstellte, ist anzunehmen,
daß er auch XII,12 bewiesen hat. Der Beweis läßt sich in der gewohnten Weise
durch Exhaustion unter Benutzung von XII,8 führen‘.
Der Satz XII,15 lautet wie folgt: ‚In gleichen Kegeln sowie Zylindern sind
die Grundflächen den Höhen umgekehrt proportional. Und Kegel sowie Zylinder
in denen die Grundflächen den Höhen umgekehrt proportional sind, sind gleich“.
Könnte Eupoxos diesen Satz anders als in den Elementen EUKLIDs bewiesen
haben? Es wäre naheliegend, den Beweis mit Hilfe der Exhaustionsmethode zu
erbringen: Man nähert die Kegel durch einbeschriebene Pyramiden an und versucht darauf die Aussage von XII,15 für vielseitige Pyramiden aus derjenigen
von XII,9 für Pyramiden mit dreiseitiger Grundfläche herzuleiten. Dies gelingt
aber nicht bei Pyramiden mit beliebiger Basis: Bei der Aufteilung in dreiseitige
Pyramiden geht im allgemeinen die Gleichheit verloren. Man müßte also den
entsprechenden Satz für vielseitige Pyramiden direkt beweisen. Dabei wäre man
genötigt, gestützt auf XII,7, den Weg über das Prisma zu nehmen, wo man jedoch
wieder auf dasselbe Problem stößt. Es bieten sich zwei Auswege: Entweder
sucht man eine andere Beweismethode oder beschränkt den Hilfssatz auf Pyramiden mit ähnlichen
Grundflächen.
Bei der Durchführung des eigentlichen
Exhaustionsbeweises treten noch weitere Schwierigkeiten auf: Aus der Gleichheit
der Kegel muß auf die Gleichheit der einbeschriebenen Pyramiden mit ähnlicher
Grundfläche geschlossen werden, usw. Es scheint mir daher wenig wahrscheinlich,
daß Eupoxos zum Beweis von XII,15 die Exhaustionsmethode verwendete.
1 Die genaue Formulierung des Lemmas in dieser Aussage war natürlich für
Archimedes auch durch die Anwendung in Quadr. 16 bestimmt.
2 Der Exhaustionsbeweis in
XII 12
kann vermieden werden,
wenn man die
Beweismethode von XII,15 benutzt. Aus XII,13 folgt Z,:Z3,=d,:d, und aus XII 11
und 2 23:2, = (d,:d,)? (Z, ist ein Hilfszylinder mit der Höhe von Z, und der Grundfläche von Z,). Das einzige Problem stellt die Zusammensetzung der Verhältnisse.
Dazu ginge man am besten von einer stetigen Proportion mit vier Größen aus:
d,:d,=d,:....
Page 26
View in PDF(opens in a new window)Benützte er jedoch den Beweis der Elemente EUKLIDs, so muß er unbedingt die
Sätze X11,11 und 13 besessen haben. Beide sind anschaulich klar. XII,11 kann
mit Hilfe der Exhaustionsmethode über Kegel (XII,10) und Pyramide (XII,6)
exakt bewiesen werden.
Von den anfangs erwähnten Sätzen bleibt noch XII,14 übrig. Dieser ist eine
leichte Verallgemeinerung von XII,13. Es ist daher fraglich, ob beide Sätze zur
Zeit des Eupoxos bereits explizite bestanden haben. Der in den Elementen
gegebene Beweis von XII,14 über XII,13 bietet sich sofort an. Es wäre möglich,
X11,14 unabhängig von XII,13 mit Hilfe der Exhaustionsmethode zu beweisen.
Da jedoch die dazu benötigten Hilfssätze für Pyramiden und Parallelflache fehlen,
ist es wenig wahrscheinlich, daB EuDoxos diesen Weg beschritten hat.
Falls somit Eupoxos XII,
12 und XII,15 aufstellte, wird er auch XII 11
und 13 gekannt haben. XII,12 (Lemma 5) wird von ARCHIMEDES in einer von
den Elementen verschiedenen Form zitiert und in Sph. Cyl. 41 auch angewendet.
Satz XII,15 (Lemma 4) benutzt ARCHIMEDES gleich in der nächsten auf die Lemmata folgenden Proposition in Sph. Cyl. 17. Diese beiden Sätze können also nicht
nachträglich zu den übrigen Lemmata aus den Elementen hinzugefügt worden
sein!. Für das 2.und 3. Lemma wäre dies dagegen denkbar. Sie handeln im Gegensatz
zu den andern von Zylindern und werden von ARCHIMEDES nie direkt verwendet.
Da jedoch das 2. Lemma, wie oben gesehen wurde, sowieso zum Beweis des 4. notwendig ist, hat diese Möglichkeit keinen Einfluß auf das Resultat unserer Untersuchung. Ganz allgemein spricht die von den Elementen abweichende Formulierung eher gegen eine nachträgliche Interpolation. Die betreffenden Sätze könnten also durchaus auf Eupoxos zurückgehen.
Analysieren wir im weiteren die sicher von EuDoxos stammenden Sätze XII,2,
7, 10 und 18. Wie bereits früher gezeigt, hat EuDoxos diese Sätze mit Hilfe
desselben Lemmas wie EUKLID bewiesen. Er wird daher in den meisten Fällen
ähnlich wie EUKLID vorgegangen sein. Zum Beweis von XII,7 wird er ebenfalls
die in XII,3—5 dargelegten Schritte benutzt haben.
Formulierung und Gliederung
der Propositionen XII,3—7 dürfte freilich anders gewesen sein. So wurde XII,7
von Eupoxos verschieden formuliert? und XII,6 war vermutlich erst viel später
zwischen XII,5 und 7 interpoliert worden. Die Proposition fehlt im Cod. b und
tritt bei den Arabern nur zum Teil und als bloBer Zusatz auf?. Zum Beweis der
Sätze XII,3—5 sind die Propositionen XI,39 und 32 erforderlich. X1,39 könnte
Eupoxos eventuell nicht explizite formuliert haben“. Der Satz ist eine einfache
Folgerung aus X1,31. Der zweite Satz X1,32 beruht ebenfalls auf X1,31, der also
Eupoxos bekannt gewesen sein muß. Den Beweis von X1,31 dürfte er ähnlich
wie in den Elementen über die beiden Spezialfälle X1,29 und X1,30 geführt haben.
Hätte EuDoxos einen einfacheren, direkteren Beweis gegeben, so wäre dieser von
EUKLID sicher übernommen worden. Zudem ist es naheliegend, eine volumen1 XII,
12 wegen seiner abweichenden Formulierung und XII,15 weil durch seine
Verwendung die Stellung der Lemmata bei ARCHIMEDES bestimmt wurde.
2 Siehe S. 112.
8 XII,8 Zus., der XII,8 auf Pyramiden mit vieleckiger Grundfläche verallgemeinert, dürfte ebenfalls interpoliert sein. In XII,12 wird XII,8 Zus. bei seiner
Verwendung nochmals explizite bewiesen.
4 Der Satz scheint aufgrund seiner Stellung erst nachträglich zum XI. Buch
beigefügt worden zu sein.
Page 27
View in PDF(opens in a new window)erhaltende Umwandlung des einen Kôrpers in den andern durch schrittweise
Anpassung von Grundflächen und Kantenwinkel zu suchen, was zwangsläufig
zu den beiden Hilfssätzen führte. Zum Beweis der Satzgruppe XI,29—31 müssen
unbedingt die Aussagen der Sätze XI,24 und 25 bekannt gewesen sein. Der
damalige, genaue Wortlaut dieser beiden Sätze ist fraglich. Er hängt bei XI,24
wesentlich von der zugrunde gelegten Definition des Parallelflachs ab!. Die uns
überlieferte Fassung dieses Satzes ist ungenau?. Sie bringt im Gegensatz zu den
Definitionen XI, Def. 9 und 10 und den Propositionen X1,27, 31, 33 und XII,8
nur loog und nicht das im XI. Buch üblichere {ooç xai óuotoc?. Anderseits soll
XI,25 zur Zeit des Eupoxos nach BECKER noch mit Hilfe der Wechselwegnahme
bewiesen worden sein.
Für den Exhaustionsbeweis von XII,10 sind die Sätze XII,7 und XI,28 unbedingt erforderlich. XI,32 kann im gegebenen Fall auf XI,28 zurückgeführt
werden. Die Analyse ergibt somit nur Sätze, die Eupoxos bereits früher zugewiesen wurden.
Will man den Satz XII,
18 exakt beweisen, so bietet sich die Approximation
der Kugel durch konvexe Polyeder an. Für letztere läßt sich die Aussage von
XII,18 mittels XII,8° sofort herleiten. Damit ist der Exhaustionsbeweis durchführbar. Diese Lösungsmethode dürfte im großen und ganzen auch EuDOXOS
verwendet haben: Die Inbeziehungsetzung von Kugel und Polyeder war ihm von
den Atomisten her bekannt® und der Hilfssatz XII,8 ergab sich organisch aus den
von ihm bereits früher bewiesenen Sätzen. Des weitern muß er, wie wir von
ARCHIMEDES wissen, das Lemma X,1 benutzt haben. XII,8 und X,1 sind aber
ebenfalls die wichtigsten Hilfssätze des euklidischen Beweises?. EUKLID könnte
also auch hier in der Hauptsache EuDoxos gefolgt sein. Die Gliederung des
Beweises, die Aufteilung in die drei Propositionen XII,16—18, dürfte freilich
nicht auf Eudoxos zurückgehen:
Der Hilfssatz XII,16 ist nämlich ungenau
formuliert. Geleistet und auch gebraucht wird ‚ein gleichseitiges Vieleck von
gerader Seitenzahl so einzubeschreiben, daß auch das gleichseitige Vieleck von
halber Seitenzahl nicht an den kleineren Kreis rührt‘. Die für den Beweis von
XII,18 wesentliche Aussage XII,17 Zus. ist in den Elementen mitsamt ihrem Beweis an die Proposition XII,17 angehängt worden. Das alles erweckt den Eindruck, als sei der ursprüngliche, eudoxische Beweis von XII, 16—18 später redigiert und in Propositionen aufgeteilt worden. Auf jeden Fall sind große Teile der
1 Eine solche Definition fehlt bei EUKLID. Vgl. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier
Bücher der Elemente Euklids, S. 366.
2 HEATH, Euclid’s Elements, Bd. 3, S. 324.
® Zur Entwicklungsgeschichte dieser beiden Termini siehe CH. MUGLER, Platon
et la recherche mathématique, S.
45—108; sowie von FRITZ, Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft,
u.a.
S. 430ff.
und Platon, Theaetet und
die
antike Mathematik, S. 84. Zu XI, Def. 9 und 10 vgl. auch S. HELLER, Uber Euklids
Definitionen ähnlicher und kongruenter Polyeder, Janus, LI (1964).
4 BECKER, Eudoxos-Studien I, S. 326.
5 Satz XII,8 lautet: ‚Ähnliche Pyramiden mit dreieckigen Grundflächen stehen
dreimal im Verhältnis entsprechender Kanten.‘
€ DEMOKRITOS betrachtete die Kugel als Polyeder mit übersinnlich großer Seitenfláchenzahl. Vgl. dazu ARISTOTELES, de caelo 1118 30722 und 17 (=VS 68 B155a).
7 Vgl. Schema S. 116.
Page 28
View in PDF(opens in a new window)heutigen Proposition X11,17 neuern Datums!. Dies trifft vermutlich speziell
zu für die in dieser Proposition gegebene ausführliche Begründung der Ebenheit
der Vierecke sowie für den Beweis, daß das konstruierte Polyeder nicht an die innere
Kugel rührt. Letzterer ließe sich unter Zuhilfenahme der exakten Formulierung
von XII,16 sofort aus der Figur ablesen.
Der Exhaustionsbeweis von XII,18 unterscheidet sich in einem wesentlichen
Punkt von demjenigen in XII,2 und in den übrigen Propositionen. Während
in XII,2 die Exhaustion im einzelnen schrittweise durchgeführt wird, bezieht
sich XII,18 auf einen Hilfssatz (XI1,17), der besagt, daß man zwischen zwei
Schema zu Buch XII
V Def4
X 1
XI 2,6,7,9,10,11,12,16,18
XI 28
lly 29
— ll X31C
|
XI 30
X1 32
XI 33
XI 39
1 Beruht noch auf X 1 und XII 1
2 Beruht noch auf X 1
1 Vgl. dazu S. 101.
Page 29
View in PDF(opens in a new window)konzentrischen Kugeln stets ein konvexes Polyeder konstruieren kann, welches
der äußern einbeschrieben ist und nicht an die innere rührt. XII,2 könnte unter
Benutzung des Hilfssatzes XII,16 analog wie XII,18 bewiesen werden.
Aus unserer Analyse ergeben sich folgende Resultate (vgl. Schema S. 116):
I. Die meisten Sätze der Parallelflachtheorie (XI,24—37) müssen Eupoxos
bekannt gewesen sein.
II. Das XII. Buch geht größtenteils auf Eupoxos zurück.
Nimmt man speziell an, daß ARCHIMEDES in (3) und (4) mit oi xxpórepor jeweils
Eupoxos meinte, so läßt sich das ganze XII. Buch Eupoxos zuschreiben. Das
Resultat I ist von der Interpretation der Archimedesstellen (3) und (4) weitgehend unabhängig. Ein Verzicht auf die unsicherste Mitteilung (4)! ändert
überhaupt nichts und die Weglassung von (3)? nur wenig bezüglich seiner Aussagekraft.
Fügt man die anderorts®
gemachte
Feststellung hinzu, daß
die
Parallelogrammtheorie erst kurz vor EUKLID entstanden sein kann, so lassen sich
die Sätze unter I Eupoxos selbst zuschreiben. Eupoxos wäre demnach der
Schöpfer von Parallelogramm- und Parallelflachtheorie
sowie
der
Sätze des
XII. Buches gewesen. Scholien* zum Buch V entnimmt man, daß dieses ebenfalls
auf EuDoxos zurückgeht’. Damit dürften
auch große Teile des VI. Buches
(Anwendungen der Proportionen- und Parallelogrammtheorie)
von Eupoxos
stammen.
Der so erhaltene Komplex erweist sich als ein abgeschlossenes Ganzes. Neben
der Aussage für den ebenen Fall im I. oder VI. Buch stehen meist die analogen
räumlichen Sätze (für Parallelflach, Pyramide mit dreieckiger Grundfläche, Kegel
Koyrespondenz zwischen den Sätzen der Parallelogrammtheorie, der Parallelflachtheorie
und des XII. Buches
eben
I 34
I 36
VI18
VI22
I 38
VII
VI 1
VI 33
VI19
VI14
VI20
VI15
XII 1
XII 2
raumlich
Parallelfach
XI 24
XI 31
XI27
XI37
XI25
XI32
XI33
XI 34
XIIS
XII8
XII9
XII 11
XII 12
XII 15
XI 28
Pyramide mit dreieckiger Grundfläche
Kegel und Zylinder
XII 13
Kugel
XII 18
1 Die aus dieser Mitteilung gezogenen Schlüsse sind im Schema auf S. 116 gestrichelt eingetragen.
2 Es fielen die eingerahmten Sätze XII, 2 und 18 sowie die aus ihnen gezogenen
Folgerungen weg.
3 E. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente Euklids, S. 366.
4 HEIBERG, Euclidis Elementa, Bd. 5, S. 280f. und S. 282, 13ff.
5 Die Frage, ob Eupoxos das V. Buch vor dem XII. verfaBte ist umstritten:
Dafiir ist LASSERRE, Eudoxos-Fragmente, S. 173; dagegen BECKER, Eudoxos-Studien
I, S. 326ff.
Page 30
View in PDF(opens in a new window)und Zylinder) im XI. und XII. Buch. Analoge Sätze werden in den Elementen
fast immer mit denselben Worten formuliert, was die Einheitlichkeit hervorhebt.
Einige Beispiele mégen dies erläutern: In VI,1 wird der Satz behandelt, daB sich
Parallelogramme unter derselben Höhe zueinander verhalten wie die Grundlinien.
X1,32 bringt den entsprechenden Satz für Parallelflache, XII,5 für Pyramiden
mit dreieckiger Grundfläche und XII,11 für Kegel und Zylinder. Dem ebenen
Satz VI,22 entspricht der räumliche XI,37. Die Beweise der sich entsprechenden
Sätze VI,1, VI,33, XI,25 und XII,13 stimmen in großen Teilen wortwörtlich
überein. Sie beruhen alle auf der eudoxischen Definition V Def. 5. Weitere Beispiele lassen sich der Zusammenstellung auf S. 117 entnehmen. Diese auffallende
Konkordanz! bestätigt m.E. daß die wesentlichsten Teile des obigen Komplexes
auf die Schule des Eupoxos zurückgehen.
Buch XI
Das XI. Buch gliedert sich in 2 Teile: Im ersten werden die Grundlagen der
Stereometrie behandelt, im zweiten die Lehre von den Parallelflachen. Letztere
haben wir im vorangehenden Kapitel analysiert und erkannt, daß sie hauptsächlich auf Eupoxos zurückgeht. Nachfolgend wollen wir uns mit dem ersten
Teil (Propositionen XI,1—23) befassen. Sein Aufbau ist im Schema auf S. 119
dargestellt. Bei genauer Betrachtung desselben fällt auf, daß einige Propositionen
des ersten Teils in den Elementen nirgends benutzt werden (z.B. X1,15, 17, 23).
Diese könnten z.T. erst nachträglich beim Ausbau der Grundlagen entstanden
sein. Andere Sätze freilich müssen auf die Frühzeit der Stereometrie zurückgehen (z.B. die bereits THEAITETOS bekannten X1,12 und 21). Der erste Teil
enthält somit Propositionen ganz verschiedenen Datums. Da zudem wesentliche
Angaben über die Herkunft der Sätze bei antiken Schriftstellern fehlen, ist die
Rekonstruktion seiner Entstehungsgeschichte problematisch.
Am besten geht man dabei von der Proposition XI,12 aus. Für die Konstruktion der regulären Polyeder muß THEAITETOS eine Methode besessen haben, mit
der er die Senkrechte zu einer Ebene in einem gegebenen Punkt errichten konnte.
Es wäre möglich, hierfür das von HADAMARD? und Hajós? angegebene Verfahren
zu benutzen: Man zieht in der gegebenen Ebene zwei sich schneidende Hilfsgeraden, errichtet zu ihnen durch den gegebenen Punkt die Normalebenen und
bestimmt die Schnittgerade der letzteren. Diese ist dann (vgl. Elem. X1,19) die
gesuchte Normale. — Nun fehlt jedoch in den Elementen eine Proposition, welche
die Konstruktion der Normalebene behandelt. Diese wird in den Propositionen
XI,9 und 11 zwar sorgfältig durchgeführt, aber nicht als solche bezeichnet. Es
scheint mir daher unwahrscheinlich, daß THEAITETOS das von HADAMARD und
Hajós angegebene Verfahren benutzte. Viel eher dürfte er so wie EUKLID vorgegangen sein und hätte damit die Propositionen XI,4, 8 und 11 ebenfalls gekannt.
ı Im allgemeinen zeigt sich in den Elementen häufig die entgegengesetzte Tendenz.
Vgl. z.B. S. 107 sowie E. NEUENSCHWANDER, Die ersten vier Bücher der Elemente
EUKLIDS, S. 355.
2 J. HADAMARD, Géométrie élémentaire, Bd. 2, S. 22.
$ G. Hajós, Einführung in die Geometrie, S. 220.
Page 31
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Page 32
View in PDF(opens in a new window)Buch ebenfalls benutzten Propositionen XI,1—3!,
7 und 9 bereits explizite
formulierte. Aufgrund ihrer Zitierweise? und ihres Inhaltes könnte man vermuten,
daB diese Sätze zunächst der Anschauung entnommen und erst später bewiesen
worden sind’.
Einen
weitern
Ausbau
dürften
die Grundlagen der Stereometrie bei der
Entwicklung der Sphärik und der Parallelflachtheorie erfahren haben. AUTOLYKOS
verwendet in seiner rotierenden Kugel neben den Lehrsätzen der voreuklidischen Sphárik* auch Elem. X1,145, X1,16 und XI,19®; ferner werden die Propositionen XI,10 und 16 in der Parallelflachtheorie (X1,24) benötigt. Große Teile
sind somit auch hier der Schule des Eupoxos und nicht EUKLID zuzuschreiben.
Folgerungen für die Frühgeschichte der Stereometrie
Die zur Frühgeschichte der Stereometrie überlieferten Mitteilungen und Fragmente konzentrieren sich hauptsächlich auf die PYTHAGOREER und DEMOKRITOS.
Die ersteren haben sich mit den regulären Körpern sowie der Würfelverdoppelung
beschäftigt; letzterer untersuchte die durch den Atomismus bedingte Gestalt der
Körper, bestimmte ihre Volumina und schrieb Abhandlungen über die Perspektive. Wir wollen im folgenden die wenigen dazu überlieferten Mitteilungen zusammenstellen und anschließend versuchen, mit ihrer Hilfe ein Bild vom damaligen
Zustand der Stereometrie zu entwerfen. Dieses soll darauf mit den Folgerungen,
die sich aus unserer Arbeit ziehen lassen, verglichen werden.
Die Beiträge der PYTHAGOREER zur Entwicklung der Theorie der regulären
Polyeder wurden bereits früher diskutiert”. Es scheint, daß diese sich mehr für
die den Polyedern innewohnenden Verhältnisse als für ihre exakte mathematische
Konstruktion interessierten. Eva SAcHs® z.B. glaubt nicht, daß Hippasos das
Dodekaeder in einer gegebenen Kugel konstruierte. Sie übersetzt die IamblichosStelle (V. Pyth. 88) mit: „Er zeichnete die Kugel aus den 12 Fiinfecken”. In die
gleiche Richtung weist eine Bemerkung bei
NIKOMACHOS?, die zeigt, wie PHILOLAOS
den Würfel behandelte:
Einige aber glauben, in Übereinstimmung mit Philolaos, daß das Mittelharmonisch
genannt werde, weil es jeweilen geometrische Harmonie begleitet; als geometrische
Harmonie bezeichnen sie den Würfel, weil er in den drei Dimensionen dreimal mit
sich selbst multipliziert aufgebaut ist. Denn in jedem Würfel wird dieses Mittel
1 XI, 1 wird inden Problemata (914238), welche nicht auf ARISTOTELES zurückgehen,
mit abweichendem Wortlaut zitiert.
2 Die Zitierweise dieser Sätze ist sehr unterschiedlich innerhalb der stereometrischen Biicher. Besonders auffallend sind die isoliert dastehenden Zitate von XI,1, 7
und 9 im neuern Satz XI,38 sowie in den überarbeiteten Propositionen XII,17 und
XIII, 17.
3 Älter ist allenfalls noch XI,13. Ein ihm verwandter Satz wird in ARISTOTELES,
Problemata 913528 zitiert.
|
4 Eine Rekonstruktion dieser Sphärik, von den einen Eupoxos und von andern
ARCHYTAS zugeschrieben, wurde von verschiedenen Seiten versucht. Vgl. dazu
F. LASSERRE, Eudoxos-Fragmente, S. 179.
5 AUTOLYKOS, Die rotierende Kugel, Prop. 4.
6 AUTOLYKOS, Die rotierende Kugel, Prop. 7.
7 Vgl. S. 103 ff.
8 Eva SACHS, Die fünf platonischen Körper, S. 82f.
9 NIKOMACHOS, Introductio arithmetica, 11 26,2 = (VS 44 A 24).
Page 33
View in PDF(opens in a new window)gespiegelt. Jeder Würfel hat nämlich 12 Kanten, 8 Ecken und 6 Flächen. Also
ist 8 das Mittel von 12 und 6 beim harmonischen Mittel.
(nach W. D. MEIER)
Die Wiirfelverdoppelung wurde nach PRoKLOS und EuToxios! durch HIPPOKRATES
von CHios? auf die Konstruktion zweier mittlerer Proportionalen zurückgeführt.
Dieses Problem löste aber erst ARCHYTAS und zwar vermutlich nicht vor den
stereometrischen Arbeiten des THEAITETOS?.
DEMOKRITOS hat aufgrund einer Mitteilung des ARCHIMEDES als erster das
Volumen von Kegel und Pyramide bestimmt. Diese Mitteilung des ARCHIMEDES
wird gern mit dem folgenden DEMOKRITfragment® kombiniert:
Wenn ein Kegel parallel zur Grundfläche mit einer Ebene geschnitten wird, wie
soll man sich die entstehenden Schnittflächen vorstellen, gleich oder ungleich? Sind
sie ungleich, dann werden sie den Kegel ungleichmäßig machen, da er viele treppenartige Einschnitte und Vorsprünge erhält; sind sie dagegen gleich, so werden (auch)
die Schnitte gleich sein und der Kegel wird die Erscheinung eines Zylinders darbieten, insofern er aus gleichen, nicht aus ungleichen Kreisen bestehen wird, was
doch sehr ungereimt ist.
(nach Luria)
Daraus wird dann abgeleitet, daß DEMOKRITOS das Volumen des Kegels unter
Zuhilfenahme der Methode von CAVALIERI bestimmte®. Diese Annahme ist sehr
verlockend, doch sollte man dabei nicht übersehen, daB beide Aussagen auch
einzeln in befriedigender Weise in die Entstehungsgeschichte der Stereometrie
eingegliedert werden können: Aus der kürzlich von PARKER herausgegebenen
Sammlung demotisch-mathematischer Texte geht hervor, daß der Faktor */, für
das Pyramidenvolumen in Ägypten zur Zeit des DEMOKRITOS bekannt war”.
DEMOKRITOS, für den ausgedehnte Reisen nach Ägypten und Babylonien belegt
sind®, hätte somit seine Formel, vielleicht mitsamt eines heuristischen Beweisverfahrens, in Ägypten kennenlernen können. Auf die obige Kegel-Aporie sowie
zur Ansicht, daß die Kugel ein konvexes Polyeder mit übersinnlich großer Seitenflächenzahl ist®, könnte er gekommen sein, als er die Auswirkungen seiner atomistischen Theorie bezüglich der mathematischen Körper untersuchte. Auf alle
Fälle hat DEMOKRITOS den Satz über das Pyramidenvolumen nach der Meinung
des ARCHIMEDES nicht bewiesen und ein allfälliger heuristischer Beweis wäre zudem nicht sehr verbreitet gewesen. Kennt doch ARCHIMEDES einen solchen bei
der Abfassung seiner ersten Mitteilung (1) noch nicht 1.
1 PROKLOS, Euklidkommentar, S. 315, 27ff.; Eutoxios, Archimedeskommentar,
ed. Heiberg Bd. 3, S. 104, 11 =(VS 42 A 4).
2 HIPPOKRATES stützte sich dabei wahrscheinlich auf Vorarbeiten der Pythagoreer
(vgl. Dictionary of Scientific Biography ,,Hippocrates of Chios").
3 Vgl. E. NEUENSCHWANDER, Zur Archytas-Lösung des delischen Problems, S. 1.
4 Mitteilung (2) auf S. 110.
5 PLUTARCH, de comm. notit. 39,1 =(VS 68 B155).
6 Vgl. z.B. S. Luria, Die Infinitesimaltheorie der antiken Atomisten, S. 138 ff.
7 Vgl. dazu VAN DER WAERDEN,
Erwachende Wissenschaft I,
S. 54—57, sowie
R. A. PARKER, Demotic Mathematical Papyri, Problem 40 (S. 52), wo das Volumen
einer Pyramide berechnet wird.
8 Vgl. DIELS, VS 68; speziell B299.
® Vgl. ARISTOTELES, de caelo III,8 30722 und 17.
10 Der Vergleich der beiden Archimedesstellen [(1) und (2)] bedingt eine Umstellung
in der bisher angenommenen Reihenfolge der Werke des ARCHIMEDES. Fiir letztere siehe
z.B. HEATH, Greek Mathematics, Bd 2, S. 22 oder Dictionary of Scientific Biography,
Bd. 1, S. 214.
Page 34
View in PDF(opens in a new window)Das Verfassen einer Schrift über Perspektive! setzt ebenfalls keine allzugroßen
Kenntnisse der Grundlagen der Stereometrie voraus, wie man aus der Behandlung
der Probleme in der Optik des EUKLID? ersehen kann. Es steht somit nichts im
Wege, die unten zitierte Rüge PLATONS3 auf den damaligen aktuellen Zustand
der Stereometrie (um 375 v.Chr.) zu beziehen.?
(Sokrates:)
«Gerade vorhin nach der Geometrie wahrten wir die richtige
Reihenfolge nicht!»
(Glaukon:) «In welcher Hinsicht denn? »
(Sokrates:) «Als wir auf die Lehre von der Ebene gleich die vom umlaufenden
Körper folgen ließen, bevor wir noch den Körper für sich selbst betrachtet hatten!
Und doch wäre die richtige Folge die, daß wir nach der zweiten Ausdehnung die
dritte hinstellten. Es gilt ja wohl hier der Ausdehnung der Würfel und allem,
was Tiefe hat. »
(Glaukon:) «Schon! Indessen scheint mir, Sokrates: das ist noch nicht gefunden. »
(Sokrates:) «Allerdings, und zwar aus doppelter Ursache: weil kein einziger
Staat diese Wissenschaft in Ehren hält, wird ihre Erforschung der großen Schwierigkeit wegen nur matt betrieben; sodann bedürfen die Forscher des Leiters, ohne
den sie schwerlich etwas erreichen. Aber erstens, daß uns ein solcher Geist erstehe,
ist kaum anzunehmen, und zweitens: auch wenn er erstünde — so, wie die Dinge
jetzt liegen, würden ihm die Fachgelehrten in ihrem Eigendünkel doch nicht folgen!
Nur wenn ein ganzer Staat, der diese Wissenschaft in Ehren hielte, die Gesamtleitung übernähme, würden sie folgen, und auch in diesem Wissensgebiet würde
dann durch beständiges und angestrengtes Forschen klar werden, wie die Sachen
liegen.
Wird dieser Wissenszweig doch auch jetzt schon, obwohl vom großen Haufen
verachtet und in den Hintergrund geschoben, doch von solchen, die ihn erforschen
wollen, ohne dabei an seinen praktischen Nutzen zu denken, allen Hindernissen
zum Trotz seines hohen Reizes wegen durch kräftiges Studium gehoben! Und da
wäre es nicht verwunderlich, wenn er an das Licht hervorträte. »
(nach VAN DER WAERDEN)
Die bisherigen Ausführungen zeigen, daß vor PLATO bloß vereinzelte stereometrische Sätze bekannt gewesen sind (Die Pythagoreer untersuchten einige der
regulären Polyeder; DEMOKRITOS anderseits bestimmte das Volumen verschiedener
Körper). Es fehlte aber eine systematische Grundlagenforschung, wie sie in der
Geometrie schon lange üblich war. Die Rüge PLATONS ist deshalb gut zu verstehen.
Sie hat ihre Wirkung auch nicht verfehlt: Kurz nach der Abfassung des „Staates‘“
löste ARCHYTAS das delische Problem und entwickelte THEAITETOS seine Theorie
der regulären Polyeder, die PLATO bereits im nachfolgenden ,,Timaios” benutzte®.
1 Nach Vitruvius (De Architectura, Bd. 7, Vorwort) schrieben DEMOKRITOS und
ANAXAGORAS über das Thema, ,,wie man Geraden in natürlichem Verhältnis dem scharfen Blick und der Ausbreitung der Strahlen entsprechen lassen muß, nachdem man einen
bestimmten Ort als Mittelpunkt angenommen hat, damit bestimmte Bilder einer
unbestimmten Sache auf den gemalten Kulissen den Schein von Gebäuden geben
und damit das, was auf der ebenen Vorderseite abgebildet ist, teils zurückweichend,
teils nach vorne gerückt erscheint‘. Nach DioGENES LAERTIOS (IX,47) verfaBte
Demokritos ein Buch mit dem Titel &xnerdouara (Projektionen).
2 Vgl.
dazu
A. LEJEUNE,
Euclide
et
Ptolémée,
deux stades
de
l'optique
géométrique grecque.
3 PLATO, Staat 528 A—D.
4 Zur weiteren Begriindung vergleiche die interessanten Ausfiihrungen von Eva
SACHS, Die fünf platonischen Körper, S. 146—160.
5 Vgl. dazu Eva Sachs, Die fünf platonischen Körper, S. 207ff.
Page 35
View in PDF(opens in a new window)Die so aufgrund der Quellen rekonstruierte Entwicklung der Frühgeschichte
der Stereometrie deckt sich mit den Resultaten unserer Untersuchung der stereometrischen Biicher. Nimmt man in den letzteren, die von uns THEAITETOS,
Eupoxos und Späteren zugeschriebenen Teile weg, so bleibt auBer gewissen
Grundlagensätzen und allfälligen bereits friiher bekannten Einzelergebnissen
nichts mehr übrig. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß bedeutende Teile der
Grundlagen (Elem. XI,1—23) bereits vor THEAITETOS entwickelt worden sind,
erwecken diese doch selbst bei EUKLID einen noch wenig überarbeiteten Eindruck!.
So wurden Postulate für die Stereometrie erst von PAPPOS aufgestellt und die
den Dreiecksätzen entsprechenden Kongruenzsätze für Dreikante erst von MENELAOS gegeben.
Literatur
Ausgaben der Elemente
Euclidis opera omnia, ediderunt I. L. HEIBERG et H.MeENGE, Teubner (Leipzig
1883—1916).
Euclidis elementa, post I. L. Heiberg edidit E. S. Stamatis (Leipzig 1969—1973).
The Thirteen Books of Euclid’s Elements, T. L. HEATH (Cambridge 1908, 1926; repr.
New York 1956).
EUKLID, Die Elemente, übersetzt von C. THAER (Darmstadt 1962).
Literatur über die Elemente
Antike:
PAPPOS VON ALEXANDRIA: Der Kommentar des Pappus zum X. Buche des Euklides,
iibersetzt von H. SUTER, in Abhandlungen zur Geschichte der Naturwissenschaften
und Medizin, IV (Erlangen 1922).
PAPPOS VON ALEXANDRIA: The Commentary of Pappus on Book X of Euclid’s
Elements: Arabic Text and Translation, Harvard Semitic Series, VIII (Cambridge,
Mass. 1930; repr. 1968).
PROKLOS DIADOCHOS: Procli Diadochi in primum Euclidis Elementorum librum commentarii, ed. G. FRIEDLEIN (Leipzig 1883, repr. 1967).
PROKLOS DıADocHos: Proklus Diadochus Kommentar zum ersten Buch von Euklids
Elementen, übersetzt von P. L. SCHÖNBERGER, herausgegeben von M. STECK
(Halle 1945).
PROKLOS DIADOCHOS: Proclus, A Commentary on the First Book of Euclid's Elements,
translated by GLENN R. Morrow (Princeton 1970).
Neuere:
FREUDENTHAL, H. und VAN DER WAERDEN, B. L.: Over een bewering van Euclides,
in Simon Stevin, 1 (1948).
HEIBERG, I. L.: Litterargeschichtliche Studien über Euklid (Leipzig 1882).
HEIBERG, I. L.: Paralipomena zu Euklid, in Hermes, 38 (1903).
HEIBERG, I. L.: Die arabische Tradition der Elemente Euklid’s, in Zeitschrift fiir
Mathematik und Physik, Hist.-lit. Abt., 29 (1884).
HELLER, S.: Uber Euklids Definitionen ähnlicher und kongruenter Polyeder, in Janus,
LI (1964).
KLAMROTH, M.: Über den arabischen Euklid, in Zeitschrift der Deutschen morgenländischen Gesellschaft, 35 (1881).
MURDOCH, J.:
Euclid:
Transmission of the Elements, in Dictionary of
Scientific
Biography (New York 1971).
1 Vel. auch I. T6TH, Das Parallelenproblem im Corpus Aristotelicum, S. 288, Randanmerkung 79.
Arch. Hist. Exact Sci., Vol. 14
Page 36
View in PDF(opens in a new window)SACHS, Eva: Die fünf platonischen Körper (Berlin 1917).
SzAB6, Ä.: Anfänge des euklidischen Axiomensystems, in Archive for History of
Exact Sciences, 1 (1960).
SzAB6, A.: Der älteste Versuch einer definitorisch-axiomatischen Grundlegung der
Mathematik, in Osiris, 14 (1962).
SzAB6, A.: Anfänge der griechischen Mathematik (Wien 1969).
THAER, C.: Die Euklid-Überlieferung durch At-Tüsi, in Quellen und Studien zur
Geschichte der Mathematik, Astronomie und Physik, Abt. B., Bd. 3 (1934).
TöTH, 1.: Das Parallelenproblem im Corpus Aristotelicum, in Archive for History of
Exact Sciences, 3 (1967).
Weitere Literatur
Antike:
HIPPOKRATES von CHios:
Der Bericht des
Simplicius
über die
Quadraturen des
Antiphon und des Hippokrates, griechisch und deutsch von F. Rupro, in Urkunden
zur Geschichte der Mathematik im Altertume, 1 (1907).
EuDpoxos von Knipos:
Die Fragmente des Eudoxos von
Knidos,
herausgegeben,
übersetzt und kommentiert von F. LASSERRE (Berlin 1966).
AUTOLYKOS VON PITANE: Autolycus de Pitane, Histoire du texte suivie de l’édition
critique des traités, par J. MOGENET (Louvain 1950).
AUTOLYKOS VON PITANE: Die rotierende Kugel, übersetzt und mit Anmerkungen versehen
von
A.CSWALINA,
in
Ostwald’s Klassiker
der
exakten Wissenschaften,
Nr. 232 (Leipzig 1931).
EukLID: Die Data von Euklid, nach Menges Text aus dem Griechischen übersetzt
und herausgegeben von C. THAER (Springer 1962).
ARCHIMEDES: Archimedis opera omnia cum commentariis Eutocii, ed. J. L. HEIBERG
(Leipzig 1880—81).
ARCHIMEDES: The Works of Archimedes, by T. L. HEATH (Cambridge 1897 und 1912,
repr. 1953).
HERO VON ALEXANDRIEN: Heronis Alexandrini opera quae supersunt omnia (Leipzig
1899—1914).
NIKOMACHOS VON GERASA: Introduction to Arithmetic, translated into English, by
M. L. d’OoGE, with Studies in Greek Arithmetic by F. E. RoBgins and L.C.
KARPINSKI (New York 1926, repr. 1972).
IAMBLICHOS: De Vita Pythagorica liber, griechisch und deutsch von M. von ALBRECHT
(Ziirich 1963).
PAPPOS VON ALEXANDRIEN: Pappi Alexandrini collectionis quae supersunt, ed.
F. HuLTScH (Berlin 1876).
Neuere:
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BURKERT, W.: Weisheit und Wissenschaft (Nürnberg 1962); englische Ausgabe: Lore
and Science in Ancient Pythagoreanism (Cambridge, Mass. 1972).
Diets, H.: Die Fragmente der Vorsokratiker.
GILLISPIE, CH. C.: Dictionary of Scientific Biography (New York 1970—).
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Haum, D. E.: Chrysippus’ Solution to the Democritean Dilemma of the Cone, in Isis,
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Hajós, G.: Einführung in die Geometrie (Leipzig 1970).
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HEATH, T. L.: Mathematics in Aristotle (Oxford 1949, repr. 1970).
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(Louvain 1948).
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MUGLER, CH.: Dictionnaire historique de la terminologie géométrique des Grecs (Paris
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Abteilung Geschichte der Wissenschaft
Universitat Ziirich
(Eingegangen am 24. Februar 1974)