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Seite
Einleitung ..........................
I Aegypter. . . oo
1. Kapitel. Die Aegypter. Arithmetisches
2. Kapitel. Die Aegypter. Geometrisches
U. Babylonier . LL... n.
_ 8, Kapitel. Die Babylonier:
2 . . . . . . . our . . . ..
UIt Griechen 2... ...........,........
4, Kapitel. Die Griechen. Zahlzeichen. Fingerrechnien. Rechenbrett
5. Kapitel. Thales und die älteste griechische Geometrie . . .
6. Kapitel. Pythagoras und die Pythagoräer. Arithmetik , . .
7. Kapitel, Pythagoras und die Pythagoräer. Geometrie
8. Kapitel. Mathematiker ausserhalb der pytbagoräischen Schule
9. Kapitel. Mathematiker ausserhalb der pythagoräischen Schule.
Hippokrates von Chios . . . . .. . . . . . . . .. Fur
10, Kapitel. Platon 2... . . . en
11, Kapitel. Die Akademie. Aristoteles . . . , , . . , . . .
12. Kapitel, Alexandria, Die Elemente des Euklid crues
18, Kapitel. Die übrigen Schriften des Euklid . . ,°.
, , ..
14. Kapitel. Archimedes und seine geometrischen Leistungen
© 15. Kapitel. Die übrigen Leistungen des Archimedes . , . . .
‚ 16. Kapitel. Eratosthenes. Apollonius von Pergù,
Loe
17. Kapitel. Die Epigonen der grossen Mathematiker . , . . .
18. Kapitel, Heron von Alexandria . . . . . , .. ee
19, Kapitel. Heron von Alexandria (Fortsetzung) . . . . . . ,
20. Kapitel.: Geometrie und Trigonometrie bis zu Ptolemäus , .
1—16
17—72
19
52
73—104
76
105—482
"107
124
137
175 oma
24, Kapitel,
IV. Römer
25, Kapitel.
26. Kapitel.
mensoren
Die griechische Mathematik in ihrer Entartung. .
eee
eee eee eee
Aelteste Rechenkunst und Feldmessung . . . . .
Die Blüthezeit der römischen Geometrie. Die Agri-
.........
bios
188 mms —, 64 Le 5
201
222
244
263
280
295
312
333
347
0607
361°
378
21. Kapitel. Neupythagoräische Arithmetiker. Nikomachus. Theon
22. Kapitel. Sextus’ Julius Africanus. Pappus von Alexandria
23. Kapitel. Die Neuplatoniker. Diophantus von Alexandria . .
1869
409
427
457
483— 552
485
boo)
rennen
27. Kapitel, Die spätere mathematische Literatur der Römer .
Vv. Inder
2.2.2 onen.
28, Kapitel. Finleitendes, Elementare Rechenkunst nn
29. Kapitel. Höhere Rechenkunst, Algebra
80. Kapitel Geometrie und Trigonometrie
IN GESCmicne DER ANTACMAT e €
Page 2
View in PDF(opens in a new window)Geometrie und Arithmetik, die geometrische Versinnlichung der Zahlenlehre, wie sie in der Ebenen- und Kôrperzahl, in der Dreiecks- und
Quadratzahl, in der Vielecks- und Gnomonzahl zu Tage tritt. Pythagoräisch war nach unserer durch mannigfache Ueberlieferung gestützten Darstellung die Erfindung des Satzes von den Quadraten
der
Seiten des rechtwinkligen Dreiecks als eines arithmetischen ausgehend
von dem bestimmten Zahlenbeispiele 3? + 4° = 5?.
Pythagoräisch war
endlich eine Regel zur Ermittelung 'anderer Zahlen als 3, 4, 5, welche
als Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks dienen können, pythagoräisch
die Lehre vom Irrationalen.
Vom Irrationalen sagen wir und müssen
wir sagen, nicht von der Irrationalzahl, denn das Irrationale war den
Griechen keine Zahl.
War den Pythagoräern doch sogar die Einheit
noch keine Zahl, sondern erst eine Vielheit von Einheiten.
Brüche
mögen dem Rechner vorgekommen sein, sei es als wirkliche Brüche
mit Zähler und Nenner, sei es als Unterabtheilungen von Münzen,
von Gewichten, von Feldmaassen, jedenfalls immer als concrete Brüche.
Der abstrakte Bruch war für den Arithmetiker nicht vorhanden.
Er kannte Brüche nur mittelbar als Verhältniss zweier Zahlen.
Um
so weniger konnte ihm das Irrationale eine Zahl sein, welchem nicht
einmal ein
reihe
aussprechbares Verhältniss. den Eintritt in
gestattete.
Diese
wichtige
Beschränkung
Zahl erhielt sich über die Zeit der Pythagoräer
des
die Zahlen-
Begriffes
der
weit hinaus.
Sie
blieb, was den Ausschluss des Irrationalen betrifft, so lange, als überhaupt von griechischer Arithmetik die Rede ist.
8. Kapitel.
Mathematiker ausserhalb der pythagoräischen Schule.
Die Mathematik nahm, wie wir weitläufig gesehen haben, einen
mächtigen Aufschwung
durch die pythagoräische
Schule.
Es war
wohl eng damit verbunden, sei es als Ursache, sei es als Folge, dass,
wie uns berichtet wird, die Mathematik den Pythagoräern als erstes
und
wichtigstes
Lehrelement
diente').
Damit ist aber
nicht ausgeschlossen, dass auch andere Schriftsteller sich noch verdient machten.
Hören wir, wie das alte Mathematikerverzeichniss fortfährt:
„Nach ihm (dem Pythagoras) lieferte der Klazomenier Anaxagoras
Vieles über Geometrie, ingleichen Oinopides von Chios, der etwas
') Porphyrius,
Pythagor.
lib, TIL,
De
vita
abgedruckt
Venedig, 1781, pag. 216.
Pythagor.
bei
Ansse
47.
Jamblichus,
de Villoison,
De philosophia
Anecdota Graeca.
Page 3
View in PDF(opens in a new window)jünger ist als Anaxagoras.
Beider gedenkt Platon in
bulern als berühmter Geometer.“
den Neben-
|
Anaxagoras von Klazomene!) wurde
boren und starb 72 Jahre alt 428.
vermuthlich 500 ge-
Er gehôrte einem vornehmen und
reichen Hause an, achtete aber aus Liebe zur Wissenschaft weder auf
die Verwaltung seines Vermögens, noch auf eine ihm leicht erringbare politische Stellung.
Seinen verwahrlosten Besitz soll er schliesslich seinen Angehörigen überlassen, die Nichteinmengung in staatliche Verhältnisse aber damit erklärt haben, dass ihm der Himmel
Vaterland und die Beobachtung der Gestirne seine Bestimmung sei.
Um 464 etwa dürfte er nach Athen gekommen sein, wenn anders
der Bericht der Wahrheit entspricht, dass sein dortiger Aufenthalt
30 Jahre gedauert habe.
Er verliess nämlich diese Stadt um 434,
wenige Jahre vor dem Beginne des peloponnesischen Krieges. Anaxagoras lehrte in Athen als einer der Ersten Philosophie, und unter
seinen Schülern waren zwei Männer von verschieden begründetem,
aber gleich hohem Ruhme: Euripides und Perikles.
Perikles insbesondere blieb zu seinem Lehrer in fortwährend freundschaftlichem
Verhältnisse, und als in der angegebenen Epoche, wenige Jahre vor
431, die Gegner des grossen athenischen Staatsmannes ihrer Feindschaft gegen ihn in Gestalt von Verfolgung seiner Freunde Luft zu
machen begannen,
war
grade Anaxagoras
Angriffes geeignete Persönlichkeit.
dächtigen,
eines
Denkers,
eine
zur Eröffnung des
Lehren eines Philosophen zu verwelchen
nicht
Jeder
aus
dem
grossen
Haufen versteht, ist bei einigem guten Willen niemals unmöglich,
und das musste Anaxagoras erfahren.
Er wurde ins Gefängniss gebracht und entkam diesem, sowie der Stadt Athen, man weiss nicht
genau wie.
Die Einen berichten von Flucht aus dem Gefangnisse,
die Anderen von Verbannung, die Dritten
von Freisprechung und
darauf folgendem nichterzwungenem Verlassen der ihm zuwider gewordenen Stadt.
Sicher ist, dass Anaxagoras die letzte Zeit seines
Lebens in Lampsakus zubrachte.
Wir haben über den eigenen Bildungsgang des Anaxagoras nichts gesagt.
Die Nachrichten aus dem
Alterthume schweigen entweder über einen Lehrer,
dem er gefolgt
wäre, oder sie nennen ihn Schüler des Anaximenes.
Wieder Andere
wissen von einer Studienreise nach Aegypten zu erzählen. Die erstere
Angabe lässt sich mit dem gemeiniglich auf 499 angesetzten Todesjahr des Anaximenes nicht vereinigen.
Die zweite ist an sich nicht
unwahrscheinlich, da, wie wir bei Thales und Pythagoras
|
1)
Schaubach,
188—791.
Fragmenta Anaxagorae.
Leipzig,
gezeigt
Zeller],
Page 4
View in PDF(opens in a new window)haben, ein Handelsverkehr zwischen den ionischen Städten und Aegypten
stattfand und selbst Studienreisen wohl beglaubigt sind.
Von dem, was Anaxagoras als Mathematiker leistete, sind wir
so ziemlich, davon, wie er es leistete, gar nicht unterrichtet.
etwas Hervorragendes gewesen
erwarten.
Dass es
sein muss, lässt sich zum Voraus
Da in den Nebenbulern, einem Gespräche in Platons Art,
wenn auch nach heutiger Annahme nicht von Platon verfasst,
ein
Streit tiber astronomische und mathematische Dinge kurzweg als Streit
über Anaxagoras oder über Oinopides bezeichnet wird’), so geht schon
aus dieser Redeweise hervor, dass zur Zeit, als jenes Gespräch entstand, beide hochberühmt in ihrem Fache waren.
Plutarch erzählt,
also um 434, die
Anaxagoras habe im Gefängnisse, das wäre
Quadratur des Kreises
gezeichnet?).
So
fraglich dieser Bericht früher erscheinen mochte, jetzt ist er sehr
glaubwürdig geworden, nachdem wir wissen, dass die Aegypter mehr
als ein Jahrtausend vor Anaxagoras die Quadratur des Kreises zeichneten, d. h. eine Figur construirten, welche als Quadrat die Fläche
des Kreises mehr oder weniger genau darstellte.
Dass Anaxagoras
der mangelnden Genauigkeit sich voll bewusst gewesen sein sollte,
ist nicht anzunehmen.
Er wird wohl, wie Viele nach ihm, die volle
Quadratur zu erreichen gesucht haben.
Aber auch darin liegt ein
Verdienst, eine Aufgabe an die Tagesordnung gebracht zu haben,
welche später als fruchtbringend sich erwies.
Ein anderes Verdienst schreibt Vitruvius dem Anaxagoras zu.
Als Aeschylus in- Athen Dramen aufführen liess, also um etwa 470,
habe ein gewisser Agatharchus die Schaubühne hergerichtet und
eine Abhandlung darüber geschrieben.
Daraus haben sodann Anaxagoras und Demokrit Veranlassung genommen den gleichen Gegenstand zu erörtern, wie man die gezogenen Linien den aus den Augen
kommenden Sehstrahlen bei Annahme eines bestimmten Mittelpunktes
entsprechend ziehe, so dass z. B.
Gebäude auf Dekorationen dargestellt werden konnten, und was in einer Ebene gezeichnet war bald
zurückzutreten, bald vorzurücken schien?).
Das ist wenn auch. in
ungenügender so doch in nicht misszuverstehender Weise beschrieben
eine Perspektive.
Deren Erfindung oder Ausbildung ist
sicherlich
nicht ohne Bedeutung, namentlich wenn die Reise des Anaxagoras
nach Aegypten als wahr gelten darf, da er dort sein Auge nur an
unperspektivisch entworfene Gemälde zu gewöhnen im Stande war,
1) Platon, Rivales 132 A.
*) Plutarchus, De exilio cap. 17 «17 ’Ava-
Exydous piv ¿v tà desuornoleo tov Tod xdxdov tergayavicuòv Eygayps.
vius VII, praefat, 11.
Qantor, Geschichte der Mathematik I.
u
2. Aufl.
o
a
°) Vitru-
Page 5
View in PDF(opens in a new window)und die gewohnte Darstellung ihn eben so wenig gehindert haben
wird als Tausende, die vor ihm, die nach ihm bewundernd die bemalten
Tempelwände anstaunten.
|
Der andere durch die erwähnte Stelle in den Nebenbulern
allbekannt erwiesene Geometer war Oinopides von Chios.
etwas jiinger als Anaxagoras,
meldet
glaubwürdige Mathematikerverzeichniss.
das
in jeder Beziehung
Hine annähernde Gleichaltrigkeit beider bestätigt Diogenes Laertius').
in Aegypten gewesen sein.
uns
als
Er sei
Oinopides soll gleichfalls
Gekommen sei zu ihnen ingleichen Demokritos von Abdera und Oinopides von Chios?), meldet Diodor an
einer früher (S. 140) von uns angeführten Stelle.
Geometrisches
wissen wir von Oinopides nur, was Proklus in seinem Commentare
zum ersten Buche der euklidischen Elemente ihm zuschreibt?), dass
er nämlich die beiden Aufgaben gelöst habe‘), von
einem Punkte
ausserhalb einer unbegrenzten Geraden ein Loth auf letztere zu
-
fallen und an einem in einer
Geraden gegebenen Punkte einen
Winkel anzulegen, der einem gegebenen Winkel gleich sei.
Bei
ersterer Aufgabe bedient sich Oinopides des „alterthümlichen“ Wortes
(S. 150) einer nach dem Gnomon gerichteten Linie.
Aus dem ungemein elementaren Gegenstande der ihm zugeschriebenen Aufgaben
einen Schluss auf die Verdienste des
Oinopides ziehen zu wollen,
hiesse seinen griechischen Verehrern jede Urtheilsfihigkeit absprechen.
Er muss noch Anderes und Bedeutenderes geleistet haben, was wir
Seine Beziehung zu den beiden Aufgaben des
Lothes und der Winkelanlegung ist gewiss dahin richtig gedeutet
worden’), Proklus wolle nur sagen, die bei Euklid gelehrten Auflösungen rührten von Oinopides her, während andere Auflösungen
derselben dem Praktiker auf Weg und Steg vorkommenden Aufgaben
aber nicht kennen.
längst vorher in Aegypten wie in Griechenland bekannt gewesen
sein müssen.
Im Zusammenhang mit beiden Geometern, mit Anaxagoras wie
mit Oinopides, haben wir einen dritten genannt: Demokritus. Abdera, jenes thrakische Krähwinkel des Alterthums, von dessen Bewohnern die schnurrigsten Geschichten erzählt werden, war die Heimath des Demokritos, dessen Ruhm, so bedeutend er war, nicht hinreichte, das Abderitenthum in Schutz zu nehmen.
Nach eigener
Aussage 40 Jahre jünger als Anaxagoras®) muss er um 460 geboren
sein. Nach Diodor sei er dagegen im 1. Jahre der 94. Olympiade,
1) Diogenes Laertius IX, 37 und 41.
(ed. Friedlein) 288 und 888.
8. 65.
?) Diodor I, 96.
*) Euklid I, 12 und 28.
* Diogenes Laertius IX, 41.
®) Proklus
°) Bretschneider
Page 6
View in PDF(opens in a new window)das ist 404 auf 403, im Alter von 90 Jahren gestorben’), was einen
unlésbaren Widerspruch herstellt.
Beglaubigt ist, dass Demokritus
ein hohes Alter von mindestens 90 Jahren erreichte; manche Berichte lassen ihn sein Leben sogar auf 100, auf mehr als 100, auf
109 Jahre bringen?).
Vereinigen wir seine Geburtsangabe als muthmasslich glaubwiirdigste mit dieser Lebensdauer, so wird der Irrthum
keinesfalls sehr gross sein, wenn man sein Leben etwa von 460 bis
370 ansetzt, den Mittelpunkt seiner Thitigkeit in die Jahre 420 bis
400 verlegt.
Demokritus gehörte, wie aus der Diodorstelle hervorgeht,
zu den Fremden, deren Namen in den Matrikellisten der ägyptischen
Priester aufgeführt wurden.
verweilte
er
fünf Jahre
Nach einem weiteren Berichte des Diodor
in Aegypten?), und wenn
in einem bei
Clemens von Alexandria erhaltenen Bruchstücke des Demokrit selbst
von 80jährigem Aufenthalte die Rede ist*), so dürfte die Erklärung
stichhaltig sein, hier habe
Zahlbezeichnung II — 5
einfach eine Verwechslung der älteren
mit
der jüngeren
== 80
stattgefunden.
Auch Vorderasien und Persien bereiste Demokrit, wie allgemein berichtet und geglaubt wird’).
Wir glauben diesen Umstand betonen
zu sollen, da er je nach den persönlichen Ansichten des Einen oder
des Andern entweder
dazu führen
kann
ähnlichen Reisen, welche
Pythagoras etwa 100 Jahre früher unternommen haben soll,
einen
gewissen Wahrscheinlichkeitshalt zu gewähren, oder eine Erklärung
uns
darbietet,
auf welche
Weise
ungefähr
durch andere Reisende
schon im V. 8. vorchristlicher Zeitrechnung babylonische Lehren in
das fast vollendete Gebäude pythagoräischer Schulweisheit Eingang
finden konnten.
In
Erinnerung
an
seinen
ägyptischen
Aufenthalt
gebrauchte
Demokrit das stolze Wort: „Im Construiren von Linien nach Maassgabe der aus den Voraussetzungen zu ziehenden Schlüsse hat mich
Keiner je übertroffen, selbst nicht die sogenannten Harpedonapten
der Aegypter“, dessen wir (S. 62) gedachten, als von jenen Seilspannern die Rede war.
Auch Cicero rühmt Demokrit als gelehrten,
in der Geometrie vollkommenen Mann®).
Mathematische Schriften des
Demokrit nennt uns Diogenes Laertius”), doch ist es leider nicht
möglich, aus diesen Büchertiteln mehr als nur allgemeinste Kenntniss
ihres Inhalts, und das nicht immer, zu gewinnen.
Ueber Geometrie;
Zahlen, das
ob wir unter der
sind Titel
allgemeinster Art, und
Geometrie etwa Feldmessung in unmittelbarer Beziehung zur Thätig-
*) Diodor XIV, 11. *) Vergl. Zeller I, 686.
* Diodor I, 98. *) Clemens Alexandr. Stromata I, 304A.
5) Zeller I, 688.
*) Cicero, De
finibus bonorum et malorum I, 6, 20. ”) Diogenes Laertius IX, 47.
Page 7
View in PDF(opens in a new window)keit jener Harpedonapten zu verstehen haben, wagen wir kaum in
Gestalt einer Frage zu äussern.
Was mag aber der Titel xsel diapoons yrvauovos Y wep wavorog xvudov xal opalens (wörtlich: über
den Unterschied des Gnomon oder über die Berührung des Kreises
und der Kugel) bedeuten?
Als môgliche Erklärung ist vorgeschlagen
worden‘), Demokrit habe einen rechten Winkel so mit dem Kreise
beziehungsweise
der Kugel in Verbindung
gesetzt, dass
der eine
Schenkel durch den Mittelpunkt ging, die Spitze des Winkels auf die
Kreislinie (Kugeloberfläche) fiel, weil alsdann der andere Schenkel zur
Berührungslinie wurde.
Ein weiterer durch Diogenes Laertius überlieferter Titel ist: mepl dA070v yocuudv xal vaoroy B’ (zwei Bücher
von irrationalen Linien und den dichten Dingen)?*).
eine Erklärung versucht worden’).
Auch dafiir ist
Der Titel sei nämlich verderbt
aus mweol aAoymv.yoauumav xAacıov d. h. über irrationale gebrochene
Linien, und unter dieser Ueberschrift habe die Untersuchung sich
theils mit solchen Irrationalitäten beschäftigen können, welche Summen
von rationalen und irrationalen Theilen waren, theils mit Zerbrechung,
d. h. Theilung von irrationalen Linien nach gegebenen Verhältnissen.
Jedenfalls können wir,
mag das
letzte Wort des Titels
geheissen
haben, wie es will, seinen ersten Worten die nicht unwichtige Thatsache
entnehmen,
dass Name
und
vermuthlich auch Begriff des
Irrationalen trotz der mystischen Scheu der Pythagoräer verhältnissmässig frühzeitig ausserhalb der Schule in Anwendung kam.
wäre
uns
Wichtig
vielleicht noch ganz besonders eine Stelle bei Plutarch,
Demokrit habe den Kegel
parallel
zur Grundfläche
geschnitten‘),
wenn über Art und Zweck der Schnittführung nur irgend Genaues
gesagt wire.
Wir würden Einzelangaben
etwa im Mathematikerverzeichnisse oder bei Proklus mit Freuden begrüssen.
Da wie dort
kommt der Name des Demokrit nicht einmal vor!
Das Schweigen des Proklus lässt allerdings als absichtliches sich
auffassen.
Proklus gehörte zu den begeistertsten Spätplatonikern.
Platon war Gegner des Demokritus, dessen Werke er vernichtet wissen
wollte, dessen Namen er in seinen zahlreichen Schriften niemals nennt).
Proklus mochte nach Platons Beispiel handeln.
Aber das Mathematikerverzeichniss?
Aristoteles, Theophrastus, Eudemus schätzten
Demokritus und beschäftigten sich eingehend mit ihm.
1) Allmann,
Greek geometry from Thales to Euclid,
Dass das
pag. 80.
*) Dass
yoruuel &loya nicht Asymptoten bedeuten kann, wie in einer sonst brauchbaren Programmabhandlung gesagt ist, versteht sich von selbst.
°) Hultsch
in den Neuen Jahrbüchern f. Philol. u. Pädagog. (1881) Bd. 123. 8. 578—579.
*) Plutarchus, De communibus notitits adversus Stoicos cap. 39, $ 3.
genes Laertius IX, 40.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Mathematikerverzeichniss ihn,
vielgeriihmten Geometer,
nennt, kann nur in doppelter Weise erklärt werden.
Proklus
aus
dem Verzeichnisse
181
nicht
Entweder liess
den ihm missliebigen Namen weg,
oder der Verfasser des Verzeichnisses hat ihn mit Unrecht vergessen,
eine Vergesslichkeit, welche uns einen der zahlreichen Belege für den
Satz liefert, dass aus dem zufälligen Schweigen eines Schriftstellers
Schlüsse nicht gezogen werden diirfen!).
Der Vollständigkeit entbehrt das Mathematikerverzeichniss auch
in einer anderen Beziehung, indem es über die Sophisten, welche
der Mathematik sich befleissigten, insbesondere über Hippias von
Elis in halbes Schweigen sich hüllt
Schweigen, weil der Name
Wir nennen es ein halbes
dieses Mannes, wie wir uns erinnern
(8. 136), einma# bereits vorkam.
Es handelte sich um den geometrischen Ruhm des Mamerkus, für welchen Hippias von Elis als Gewährsmann angerufen wurde, und diese Anrufung selbst genügt zum
Nachweise, dass Hippias nach der Meinung des Verfassers des Verzeichnisses wohl fähig war über geometrische Tüchtigkeit ein Urtheil
zu fällen.
Allein der eigentliche Ort, des Hippias von Elis und seiner
Verdienste um die Mathematik zu gedenken, würde doch erst neben
oder nach Anaxagoras und Oinopides gewesen sein,
und hier vermissen wir seine Erwähnung.
Proklus spricht dafür von ihm an zwei anderen Stellen”).
Man
hat freilich mehrfach Zweifel dagegen erhoben, dass der bei Proklus
genannte Hippias wirklich Hippias von Elis sei”), aber sicherlich mit
Unrecht.
Proklus besitzt nämlich in seinem Commentare eine Gewohnheit, von der er nie abgeht.
welchen er anführt,
Er schildert einen Schriftsteller,
sofern Missverständnisse möglich wären, mit
deutlicher Benennung, lässt aber später die Beinamen weg, wenn er
es unbeschadet der Deutlichkeit thun darf.
So nennt er einen Zenon
von Sidon später nur Zenon den früher erwähnten oder kurzweg
Zenon; Leodamas heisst beim ersten Vorkommen von Thasos, später
nur Leodamas; Oinopides von Chios wird später zum einfachen Oinopides, Theätet von Athen zum Theätet u. s. w.
Hippokrates der
Arzt wird an einer Stelle, Hippokrates von Chios an einer späteren
genannt, und wo noch später der Letztere wieder auftritt, heisst er
wieder Hippokrates von Chios, weil eben vorher zwei des Namens
genannt waren, und damit zum Missverständnisse Gelegenheit geboten
,
* Vergl. Zeller, I, 690.
*) Proklus (ed. Friedlein) 272 und 856.
*) F. Blass in den Neuen Jahrbüchern für Philologie und Pädagogik Bd. 105
in einem Referate über Bretschneiders Geometrie und Geometer vor Euklid,
Hankel S. 151; aber auch schon im Bulletino Boncompagni 1872, pag. 297.
Friedlein, Beiträge II, S. 8 (Programm für 1873).
Page 9
View in PDF(opens in a new window)war.
Wenn also Proklus uns einen Hippias schlechtweg nennt, so
muss das Hippias von Elis sein, der schon vorher einmal in demselben Commentare deutlich bezeichnet war.
von dieser Gewohnheit des Proklus ab.
Aber sehen wir sogar
Bei jedem Schriftsteller, insbesondere bei jedem, der den Werken Platons ein eingehendes Studium
gewidmet hatte, konnte Hippias ohne jedwede
andere Bezeichnung
nur Hippias von Elis sein, eine viele Jahrhunderte lang theils um
seiner Persönlichkeit willen, theils um seines mit zwei Dialogen verknüpften Namens wegen weit und breit bekannte Figur.
Hippias
von Elis war ein wegen seiner Eitelkeit, die selbst für einen Sophisten
etwas hochgradig gewesen zu sein scheint, berüchtigter älterer Zeitgenosse des Sokrates.
Seine Geburt dürfte auf 460 etwa anzusetzen
sein‘)
Die Geistesrichtung und die Thätigkeit def Sophisten ist
bekannt.
Den eignen Vortheil über alles stellend lehrten sie auch
Andere gegen mitunter recht hohe Bezahlung ihres Vortheils wahrnehmen und durch Künste der Beredtsamkeit, durch Schlüsse, welche
Trugschlüsse sein durften, wenn sie nur wirksam sich erwiesen, im
Staatswesen und vor Gericht Einfluss und Geltung sich erwerben.
Sittlichkeit kann die berufsmässigen Rechthaber nicht ausgezeichnet
haben, aber Scharfsinn,
Schlagfertigkeit, umfassendes Wissen den
Sophisten im Allgemeinen und dem Hippias als einem ihrer Hauptvertreter insbesondere abzusprechen ist man in keiner Weise befugt.
So darf es gewiss nicht als Ironie aufgefasst werden, wenn der Verfasser eines gleichviel ob mit Recht oder Unrecht Platon zugeschriebenen Gespräches sich zu den Worten veranlasst sieht: Was du am
besten verstehst, was die Sterne betrifft und was am Himmel sich
zuträgt?... Aber Etwas über Geometrie hören sie gern’),
Ironisch
klingt es auch nicht, wenn gesagt wird: Hippias sei des Rechnens
und
der Rechenkunst kundig vor allen Anderen und kundig auch
der Messkunst”).
Am allerwenigsten vollends kann ein solcher Beischmack in der Rede gefunden werden, welche Platon dem Protagoras
in den Mund legt: Die anderen Sophisten beeinträchtigen die Jünglinge. Sie führen dieselben, die von den Künsten sich abwendeten,
den Künsten wider deren Willen zu, indem sie Rechenkunst und
Sternkunde und Messkunst und Musik sie lehren — und dabei warf
er einen Blick auf Hippias — kommt er aber zu mir, wird er über
nichts anderes Etwas lernen, als weshalb er zu mir kam‘). Nach
allen diesen Aeusserungen glauben wir uns berechtigt anzunehmen,
dass Hippias von Elis als Lehrer der Mathematik mindestens in
1) Zeller, 1, 875.
867—368.
?) Platon, Hippias major 285.
*) Platon, Protagoras 318,
°) Hippias minor
Page 10
View in PDF(opens in a new window)gleichem Range wie als eigentlicher Sophist gestanden haben muss,
dass
er
in
naturwissenschaftlichem,
mathematischem
und
astronomischem Wissen auf der Höhe der Bildung seiner Zeit sich befand 5).
Damit stimmt nun vollkommen überein, was von Hippias
als
Mathematiker uns mitgetheilt wird. Proklus spricht, wie erwähnt,
zweimal von ihm.
Die erste Stelle heisst: Nikomedes hat jeden gradlinigen Winkel gedrittheilt mittels der conchoidischen Linien, deren
eigenthümlicher Natur Entdecker er ist, und von denen er Entstehung
Construction und Eigenschaften auseinandergesetzt hat. Andere haben
dieselbe Aufgabe mittels der Quadratricen des Hippias und Nikomedes
gelôst, indem sie sich der gemischten Curven bedienten, die eben den
Namen Quadratrix (tetoap@mvitovoa) führten; wieder Andere theilten
einen Winkel nach gegebenem Verhältnisse, indem sie von den Archimedischen Spirallinien ausgingen”).
auf die nämliche Weise
Die zweite Stelle lautet:
Ganz
pflegen auch die übrigen Mathematiker die
Curven zu behandeln, indem sie das jeder Eigenthümliche auseinandersetzen.
So zeigt Apollonius
das Eigenthümliche jedes Kegelschnittes, Nikomedes dasselbe für die Conchoiden, Hippias für die
Quadratrix, Perseus für die Spiren®).
Eine dritte Stelle eines anderen
mathematischen Gewährsmannes allerersten Ranges, des Pappus von
Alexandria,
sagt uns
dagegen: Zur Quadratur des Kreises wurde
von Dinostratus, Nikomedes und einigen anderen Neueren eine Linie
benutzt, welche eben von dieser Eigenschaft den Namen erhielt.
Sie
wird nämlich von ihnen Quadratrix genannt‘).
Aus der Zusammenfassung dieser drei Stellen?) dürfte kaum ein
anderer
Sinn zu entnehmen sein,
zwar Hippias von Elis,
funden, welche
Dreitheilung
hat
als der
folgende
um 420 etwa
Hippias, und
eine Curve erzu doppeltem Zwecke dienen konnte, zur
eines
Winkels und Quadratur
des
Kreises.
Von letzterer Anwendung erhielt sie ihren Namen, Quadratrix,
wie
er in lateinischer Uebersetzung zu lauten pflegt, aber dieser
Name scheint nicht über Dinostratus hinaufzureichen, dessen Zeitalter als Bruder des Menächmus, eines Schülers des Eudoxus
von Knidos etwa in die zweite Hälfte des IV. S. gesetzt. werden
muss. Ob die Curve früher einen anderen Namen führte, ob sie
überhaupt mit Namen genannt wurde, wissen wir nicht. Der erste
ganz gesicherte Name einer von der Kreislinie verschiedenen krummen
Linie wird uns am Anfang des zweiten Drittels des IV. S., annähernd
1)
So
Karl
Steinhart in
2) Proklus (ed. Friedlein) 272.
pus,
Collectio
pag. 250.
Lib. IV,
cap.
seiner Einleitung zum grösseren Hippias.
*) Proklus (ed. Friedlein) 356.
XXX
(ed.
Hultsch). Berlin,
°) Vergl. Bretschneider 96 und 153—154,
Page 11
View in PDF(opens in a new window)bis
30 Jahre
Hippopede erfand.
vor Dinostratus
begegnen,
wo
Eudoxus
seine
Ist aber der Name Quadratrix erst nachträglich
der Curve des Hippias beigelegt worden, so schwindet die Nothwendigkeit anzunehmen, sie sei zum Zwecke der Kreisquadratur erfunden
worden, und man darf,ihren ursprünglichen Zweck in dem suchen,
was nach Proklus durch sie zu verwirklichen war, in der Dreitheilung
des Winkels.
‘ Dass diese Aufgabe selbst auftauchte, kann uns nicht in Verwunderung setzen. Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, dass die
Construction regelmässiger Vielecke eines der geometrischen Lieblingsgebiete der Pythagoräer bildete. Die Theilung des ganzen Kreisumfanges in sechs, in vier, in fünf gleiche Theile wurde gelehrt, und
namentlich letztere als bedeutend schwieriger erkannt als die anderen
längst bekannten Theilungen. Eine überwundene Schwierigkeit reizt
zur Besiegung anderer, und so mag das Verlangen wach geworden
sein nicht mehr den ‚ganzen Kreis, sondern einen beliebigen Kreisbogen in eine beliebige Anzahl gleicher Theile zu theilen. Schon bei
der Dreitheilung traten unbesiegbare Schwierigkeiten auf. Versuche
diese Aufgaben mit Hilfe des Zirkels und des Lineals zu lösen
mögen angestellt worden sein. Es ist uns nichts von ihnen bekannt
geworden. Sie mussten erfolglos bleiben. Aber das zweite grosse
Problem der Geometrie des Alterthums neben der Quadratur des
Kreises, deren wir bei Anaxagoras gedenken mussten, war gestellt,
und wie in der Geschichte der Mathematik fast regelmässig zunächst
unlösbaren
Aufgaben
zu Liebe
neue Methoden
sich
entwickelten
und kräftigten, so führte die Dreitheilung des Winkels, royorowa
yovías, die Trisektion, wie man gewöhnlich sagt, zur Erfindung
der ersten von der Kreislinie verschiedenen, durch bestimmte Eigenschaften
gekennzeichneten -und
krummen Linie.
in
ihrer
Entstehung verfolgbaren
|
Die Linie des Hippias entsteht durch Verbindung zweier BePr
y wegungen, einer drehenden und einer fortschreitenden.
„In ein Quadrat apyd
(Figur 29) ist um « als Mittelpunkt und mit
der- Seite des Quadrats af als Halbmesser
ein Kreisquadrant Bed beschrieben. Die Gerade af bewegt sich dabei so, dass ihr einer
|
&
|
4
9
Fig. 29,0
Endpunkt « fest bleibt, der andere 8 längs
6
des Bogens Bed fortschreitet. Andererseits
soll die By immer der ad parallel bleibend
mit dem Endpunkte f auf der Ba fortrücken, und zwar sollen die
beiden selbst gleichmässigen Bewegungen der Zeit nach so erfolgen,.
Page 12
View in PDF(opens in a new window)dass sie zugleich beginnen und zugleich endigen, dass also af in
seiner Drehung, By in seinem Fortgleiten im selben Moment in die
Lage «è eintreffen. Die beiden bewegten Geraden werden in jedem
Augenblicke einen Durchschnittspunkt gemein haben, der selbst im
Fortrücken begriffen eine gegen Bed hin gewölbte krumme Linie
Bén erzeugt, welche geeignet erscheint em der gegebenen Kreisfläche
gleiches Quadrat finden zu lassen.
Ihre
beherrschende Eigenschaft
besteht jedoch darin, dass eine beliebige Gerade obs bis zum Kreisquadranten gezogen das Verhältniss
dieses Quadranten zum Bogen
¿0 gleich dem Verhältnisse der beiden Geraden Ba und £0 zu einander macht.
Linie“
Das ist nämlich klar aus der Entstehung der krummen
So Pappus, der hier getreuer Berichterstatter über die alte
Erfindung zu sein scheint, Die Kreisquadratur mit Hülfe der Quadratrix
schliesst sich bei Pappus
unmittelbar
an.
Wir werden diese Anwendung erst in Verbindung mit dem Namen Dinostratus zur Rede
bringen!).
|
‘Noch von einer
anderen Persönlichkeit müssen wir hier einschaltend Einiges sagen, von Zenon von Elea.
Dieser Erfinder?)
der eigentlichen Dialektik dürfte noch um 20 Jahre älter als Demokritus, um 30 bis 40 Jahre älter als Hippias gewesen sein und seine
geistige Blüthe in der Zeit gefeiert haben, als Letzterer kaum geboren
war.
Würde
könnte man
Zenon als
uns
unrichtiger Stelle zu
musste.
Mathematiker
eine Bedeutung haben,
mit Recht den Vorwurf machen, seiner
so
hier an
gedenken, der weiter oben behandelt werden
Aber Zenon war nicht Mathematiker.
Man wäre fast versucht, ihn das Gegentheil eines solchen zu nennen.
Wenigstens versuchte er mit philosophischem Scharfsinne die mathematischen Meinungen zu stürzen statt
mit
sich.
sie zu stützen.
Die Zeit brachte das so
Die Atomistiker hatten die Theilbarkeit der Körperwelt
in Frage gestellt, indem sie untheilbar kleine Urtheilchen annahmen.
Noch ungeheuerlicher war der Bruch mit dem Gewohnten, als die
Pythagoräer den Begriff des Irrationalen unter die Denker warfen.
Beabsichtigt oder nicht, dieser Begriff drang, wie wir bei Demokritus
(S. 180) gesehen haben, in weitere und weitere Kreise.
Das Unaussprechliche war ausgesprochen, das Undenkbare in Worte gekleidet,
das Unenthüllbare den Augen preisgegeben.
Und wer nüchternerer
Auffassung diese pythagoräische Scheu nicht theilte, dem war wenigstens
msn
nn mn
eine
man creme
ganz
neue
Schwierigkeit
unterbreitet,
welche
strengen
ci Pepi
*) Diese ganze
Stelle. schliesst sich eng an Bretschneider 1. c. an.
?) Diogenes Laertius
XI, 25
. abtoy yevéoPar Prier,
gnol 8° 'Agrororéins
Ebenso derselbe VIII, 57,
16 Pope hernie
Page 13
View in PDF(opens in a new window)Schlüssen nicht Stand hielt.
Zahl und Raumgrösse, bisher als zur
gegenseitigen Messung oder Versinnlichung als unbedingt tauglich
erachtet, zeigten plötzlich einen Widerspruch.
Jeder Zahl entsprach
noch immer eine Länge, aber nicht jeder Länge entsprach eine Zahl.
Stetigkeit und Unstetigkeit waren
damit
sophen als neues Denkobject vorgelegt.
entdeckt und den Philc-
Kann man sich wundern,
wenn letztere, um des Widerspruches, der in jenem Gegensatze enthalten ist, sich zu erwehren, zu weit gingen, wenn sie dabei zur
Leugnung der Vielheit, zur Leugnung der Bewegung gelangten?
Man kennt ja die eigenthümlichen Schlüsse Zenons!).
Jede Vielheit ist eine Anzahl von Einheiten, eine wirkliche Einheit aber nur
das Untheilbare.
Jedes von den Vielen muss also selbst eine untheilbare Einheit sein, oder aus solchen Einheiten bestehen.
Was aber
untheilbar ist, das kann keine Grösse haben, denn Alles, was eine
Grösse hat, ist ° ins Unendliche theilbar.
Die einzelnen Theile, aus
denen das Viele besteht, haben mithin keine Grösse
Es wird also
auch nichts dadurch grösser werden, dass sie zu ihm hinzutreten,
und nichts
werden.
sie von ihm
hinweggenommen
Was aber zu Anderem hinzukommend
dadurch kleiner,
dass
dieses nicht vergrössert, und von ihm weggenommen es nicht verkleinert, das ist
nichts.
Das Viele ist mithin unendlich klein, denn jeder seiner Bestandtheile ist so klein, dass er nichts ist.
diese Theile auch unendlich gross sein.
Andererseits aber müssen
Denn da dasjenige, was keine
Grosse hat, nicht ist, so müssen die Vielen, um zu sein, eine Grösse
haben, ihre Theile müssen mithin von einander entfernt sein, d. h.
es müssen andere Theile zwischen ihnen liegen. Von diesen gilt aber
das Gleiche: auch sie müssen eine Grösse haben und durch weitere
von den anderen getrennt sein, und so fort ins Unendliche, so dass
wir demnach unendlich viele Grössen, oder eine unendliche Grösse
erhalten.
Man kennt den Ausspruch des Zenon gegen Protagoras,
ein Scheffel Frucht könne beim Ausschütten ein Geräusch nicht her-
‚vorbringen, wenn nicht jedes einzelne Korn und jeder kleinste Theil
eines Kornes ein Geräusch hervorbrächte Man kennt seine Beweise
für die Unmöglichkeit einer Bewegung. Ehe der bewegte Körper am
Ziele ankommen kann, muss er erst in der Mitte des Weges angekommen sein, ehe er an dieser. ankommt in der Mitte ‚seiner ersten
Hälfte, ehe er dahin kommt in der Mitte des ersten Viertels, und so
mme
1) Vergl. Zeller I, 497-507, woher wir unsere Auszüge meistens wörtlich entnehmen, Ferner Gerling, Ueber Zeno des Eleaten Paradoxen über die
Bewegung (Marburg, 1846). E. Raab, Die Zenonischen Beweise (Schweinfurt,
1880) und P, Tannery, Le concept scientifique du continu: Zénon d'Élée et
G, Cantor, im Octoberheft 1885 der Revue philosopbique pag. 885—410,
Page 14
View in PDF(opens in a new window)fort ins Unendliche.
187
Jeder Kôrper miisste daher, um von einem
Punkte zum anderen zu gelangen, unendlich viele Räume durchlaufen.
Es ist mithin unmôglich von einem Punkte zu einem anderen zu gelangen, die Bewegung ist unmöglich. Ebenso folgt die Unmöglichkeit,
dass die Schildkröte, wenn sie nur einen Vorsprung hat, durch den
schnellen Achilleus eingeholt werden könne, weil während Achilleus
den ersten Vorsprung durchläuft, die Schildkröte bereits einen zweiten
Vorsprung gewonnen hat, und so fort ins Unendliche.
Der mathematisch sein sollenden Form wegen ist ein letzter Einwurf Zenons gegen die Bewegungslehre erwähnenswerth.
von
Gegenständen
«,, &%, 0%, @,
ist
räumlich
mit
Eine Reihe
zwei
anderen
Reihen von Gegenständen ß,, Ba, Ps, B, und 71, Yo, Ya, Ya in Beziehung gesetzt, so dass sie nachfolgende gegenseitige Lage besitzen:
O,
Oy Os Oy
o Ba $3 B2 B1
V1 Va Ya Va:
Die « sind in Ruhe, die 6 und die y sind in entgegengesetzter Bewegung, jene von links nach rechts, diese von rechts nach links.
Wenn f, bei a, angelangt ist, ist y,
selben Zeit B, bei a,, y, bei a,.
bel a, angelangt, und zu der-
Demgemäss ist B, sowohl an a,
und a, als an y,, Ya, Ya, Pa vorbeigekommen, hat in emer und derselben Zeit an zwei und an vier Gegenständen von genau gleicher
Entfernung sich vorbeibewegen kônnen und folglich zugleich eine
einfache und eine doppelte Geschwindigkeit besessen, was unmöglich ist.
Wir haben dem Zenon weiter oben die Eigenschaft als Mathematiker abgesprochen.
Gerade dieser letzte Trugschluss rechtfertigt
uns, denn hier sind irriger Weise absolute und relative Bewegungsgrössen einander gleichgesetzt, was einem Mathematiker kaum begegnet wäre.
Anders dagegen verhält es sich mit den vorher hervorgehobenen Schlüssen und ihren sich widersprechenden Ergebnissen. Zenon
suchte darzuthun, dass ein Körper nicht
eine Summe von
Punkten, ein Zeitraum nicht eine Summe von Augenblicken, eine
Bewegung nicht eine Summe einfacher Uebergänge von einem Punkte
des Raumes zum anderen sei.
Dieser ganze in geistreich erfundenen
Widersprüchen geführte Streit richtete sich gegen die Pythagoräer!),
welchen der Punkt eine uovag !yovsa Seow, eine Einheit an bestimmtem Platze hiess.
War diese Erklärung richtig, dann war der
Körper als Vielheit eine Summe von Einheiten, d. h. von Punkten,
1) Die Gegnerschaft Zenons gegen die Pythagoräer ist von Tannery 1, c.
hervorgehoben worden.
Page 15
View in PDF(opens in a new window)und dagegen erhob Zenon seine Stimme.
Er sah hier, was vor ihm
vielleicht noch nicht gesehen, jedenfalls nicht in gleich scharfer Betonung bemerklich gemacht worden war: Schwierigkeiten, denen in
der That weder der Philosoph noch der Mathematiker in aller Strenge
gerecht werden kann, wenn auch der Mathematiker dazu gelangte
durch Einführung bestimmter Zeichen die Stetigkeit zu einer definirbaren Eigenschaft zu machen, und mit den
Grenzen zugleich den
Uebergang zu den Grenzen der Untersuchung zu unterwerfen.
Zwei
Jahrtausende und mehr haben an dieser zähen Speise gekaut, und
es wäre unbillig von den Griechen des fünften vorchristlichen Jahrhunderts zu
verlangen,
dass
sie
in Klarheit
gewesen
seien über
Dinge, welche, freilich anders ausgesprochen, noch Streitfragen unserer Gegenwart bilden.
9. Kapitel.
Mathematiker ausserhalb der pythagoräischen Schule.
Hippokrates von Chios.
Den Mathematikern scheint nächst dem Irrationalen bei Gelegenheit der Kreisquadratur der
erste Anlass geboten worden zu ‘sein,
Fragen des stetigen Ueberganges zu behandeln, und dieses führt uns
zurück zu dem Mathematikerverzeichnisse, welches mit den Worten
. fortfährt:
„Nach diesen wurde Hippokrates von Chios, der die Quadratur
des Mondes fand, und Theodorus von Kyrene in der Geometrie berühmt.
Unter den hier Genannten hat zuerst Hippokrates Elemente
-— oto.ysta — geschrieben.“
Von dem Leben des Hippokrates von Chios
wenige Züge bekannt').
sind uns nur
Ursprünglich Kaufmann kam er durch einen
unglücklichen Zufall um sein Vermögen:
Die Einen erzühlen, die
Zolleinnehmer von Byzanz, gegen welche er sich leichtgláubig erwies, hätten ihn darum geprellt, die Anderen lassen ihn durch Seeräuber geplündert worden sein.
Man hat beide Angaben so zu vereinigen gesucht, dass man muthmasste, athenische Seeräuber hätten
aus Veranlassung eines Krieges gegen Byzanz das Schiff des Hippokrates weggenommen.
Jener Krieg
sei
der
sogenannte
Samische
1) Die betreffenden Stellen des Aristoteles (Ethic. ad Eudem. VII, 14) und
des Johannes Philoponus (Comment. in Aristotel. phys. auscult. f. 18) sind abgedruckt bei Bretschneider 97, wo die im Texte dargestellte Vereinigung der
beiden Angaben versucht ist.