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Page 1
View in PDF(opens in a new window)ACTA
ANTIQU
MaAsaREsT
-
26
vj
Rene, A
INDEX
J. Harmatta: Migrations of the Indo-Iranian Tribes ..,..,......,...,........... 185
A, Kammenhuber: Historisch-geographische Nachrichten ........ be t renee
ee eeees 195
V. Haas: Medea und Jason im Lichte hethitischer Quellen ...... weese. us... 241
G. Duma —Ce. Ravasz: Farbetoffe aus Tell-el-Amarna ...,,..................... 255
©. R. Wason: Iron and Steel ……........ sevens
serene eener enn 269
G. M. Anziferowa: Medium in den NY-Präsentia der homerischen Sprache ......... 275
A, Madardaz-Zeigmond: Die Anfänge der griechischen Logik ....,..,.......,,..... 291
E. Pepyman: “H napaxaraloyf U TPH BHAA IBYHAHHA «evene
eee ee eee
enseee 347
B. B. Xodoproeckan: Cuctema HHTEPMYHKUHH B APEBHCHTANHHCKOH THCMEHHOCTH H CBASb
ee C FEMHHALIME! COTNACHWIX
oenen een ere eeen eeen 361
A. Dreizehnter: NOMOZ APIA. Ein Gesetz gegen Müßiggangt ……
eee 371
J.P. Weinberg: Die «außerkanonischen Prophezeiungens in den Chronikbüchern ... 387
R. Falus: L’énigme du splus beau triangles ............. eneen
esse res 405
E. Maröti: Bemerkungen zur Interpretation einiger Togaten-Fragmente .......,.. 423
Za. Rüoök: Ein neuer griechischer Zauberpapyrus ..,..,.....,,....,......,..... 433
Th. S. Burns: Calculating Ostrogothic Population
................,.,,...,..... 457
M, Maréth: Griechische Theorie und orientalische Praxis in der Staatakunst von
al-Färäbi
eee een eee eee eee ee eee 465
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View in PDF(opens in a new window)«Aristoteles ist eins der reichsten und umfassendsten (tiefsten) wissenschaftlichen Genies gewesen, die je erschienen sind — ein Mann, dem keine
Zeit ein gleiches an die Seite zu stellen hat . . . und die meisten philosophischen
Wissenschaften haben ihm ihre Unterscheidung, ihren Anfang zu verdanken.»!
— sagt Hegel.
Ganz gleich, vom Gesichtspunkt welcher philosophischen Disziplin man
auf Aristoteles zurückblickt, man muß Hegel rechtgeben. Wir sehen heute
in Aristoteles nicht nur den gréBten Denker der Antike, sondern — indem er
gleichsam neu entdeckt wird — einen der großen Schöpfer der modernen Wissenschaft, ihren auch heute wirkenden geistigen Demiurgen.
Selbst unter den Voraussetzungen der modernen Forschung ware es ein
vergebliches Unterfangen, in einer einzigen Arbeit ein Gesamtbild von Aristoteles’ Bedeutung geben zu wollen. Deshalb beschränken wir uns auch nur
auf die Darstellung dessen, was die Logik des Aristoteles dem auf dem Wissensniveau des 20. Jh. stehenden Menschen bedeutet, zu sagen hat. Unzweifelhaft
verstanden die Schöpfer der mathematischen Logik seit langen Jahrhunderten
zum ersten Male die wirkliche logische Aussage, den Wert und die Aktualität
von Aristoteles’ Organon. In dieser Arbeit möchten wir die Ergebnisse dieser
neuen Sicht benutzen und zur Herausbildung eines neuen Aristoteles-Bildes
verwenden.
Es ist zwar ein Gemeinplatz, aber doch im positiven Sinne Gemeinplatz,
daß man den historischen Fragen nur von der für die Wissenschaft der Epoche
gegebenen Ebene nahekommen kann. Und das bedeutet auch für den Aristoteles-Forscher von heute, daß er sich darüber im klaren sein muß, wss auf dem
Wissensniveau der verschiedenen Epochen von Aristoteles gesehen wurde oder
zu sehen möglich war. Weshalb man z. B. Hegel nicht zur Last legen kann,
daß bei ihm das System des Aristoteles die Totalität einer spekulativen Philosophie bedeutet, er aber gleichzeitig einer charakteristischen Eigenschaft des
1G. W. Heser : Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. B. IT. Stuttgart
1959. S. 298 —99.
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View in PDF(opens in a new window)griechischen Denkens, der «Beliebtheit der Trivialitäten» verständnislos gegenüber steht. Heute wissen wir schon — eben als Ergebnis der modernen mathematischen und hauptsächlich meta-mathematischen Forschungen — daß die
Griechen mit den Trivialitäten nicht ihre «oberflächliche Denkweise» bezeugen
wollten, sondern daß das Aussprechen der Trivialitäten gerade eine notwendige
Begleiterscheinung
der
glänzendsten
und
originellsten
griechischen
Entdeckung, der deduktiven Denkweise, war. Die Griechen bahnten sich auf beispiellose Weise einen Weg in das Dickicht der deduktiven axiomatischen Mathematik; eine bewundernswerte Leistung, die wir aus der Perspektive von 2000
Jahren auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe der Axiomatik erst wirklich
schätzen können. Wir wissen wohl, daß diese große Tat der Griechen die Schaffung der beweisenden Wissenschaft bedeutete.
Durch die neuen Ergebnisse der Wissenschaftsgeschichte über die Entwicklung der antiken Wissenschaft wird die Logik des Aristoteles notwendigerweise in ein anderes Licht gerückt, erfahren unsere Kenntnisse darüber eine
Modifizierung. Wir sehen heute die griechische Mathematik — nachdem wir
die hohe Entwicklungsstufe der ägyptischen und babylonischen Mathematik
kennen — anders als früher. Nicht als Entdecker der Arithmetik, sondern als
Wissenschaftler, die die empirischen Angaben ordneten, sie zu einer Wissenschaft erhoben, stehen die griechischen Mathematiker vor uns. Heute stehen
wir nicht mehr verständnislos vor dem unvergleichlich schönen deduktiven
System von Eudoxos, Hippokrates und Euklid, und ebenso muß man auch
den Mythos von der «aus dem Nichts geschaffenen Welt» im Falle des Aristoteles
zerstören. (In erster Linie aufgrund der Forschungen von C. Neugebauer, van
der Waerden, Th. Heath, O. Becker, J. Klein, K. Reidemeister und dem Ungarn
A. Szab6 ergibt sich ein adäquates Bild der Anfänge und der Entwicklung
in der frühen griechischen Mathematik. Diese Ergebnisse, Rekonstruktionen
lassen sich als von grundlegender Bedeutung in Hinsicht auf die griechische
Wissenschaft und folglich auch auf die Beurteilung von Aristoteles’ Logik
betrachten.)
Schon das bisher Gesagte erhellt, warum es begründet ist, unser Aristoteles-Bild immer aufs neue zu überprüfen. Die marxistische PhilosophiegeschichtsForschung hat viel dafür getan, Aristoteles, von den «Unterschiebungen» der
unterschiedlichen Epochen und philosophischen Strömungen gereinigt, im
Besitz
der
höchstentwickeltsten
wissenschaftlichen
Schuldig bleibt die Forschung aber noch immer eine
Mittel,
neuzuschaffen.
Neubewertung der aristotelischen Leistung auf dem Gebiet der Logik, obwohl auch hier schon bedeutende
Schritte unternommen wurden.?
2 In erster Linie denken wir an die Arbeiten von A. C. ACHMANOW, ATH. JOJA,
G. N. OrreNBERGER, S. PoPow, A. SUBBOTIN, weiterhin an die Monographie von P.
SANDOR
: Aristoteles logikäja (Die Logik des Aristoteles) und das Vorwort von S. SZALAI:
Aristoteles, Organon I.
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View in PDF(opens in a new window)Es gibt zwei Typen von Auffasungen iiber die aristotelische Logik (einbegriffen auch die Nuancen) : entweder eine vom ontologischen oder eine vom
rein formalen logischen Aspekt interpretierte Aristoteles-Logik. Fiir den ersten
Typ ist Prantl, für den zweiten Lukasiewicz das eklatanteste Beispiel.? Solche
Alternativen tragen natiirlich den Zwang zur Auflésung, zur Verbesserung
gleichsam in sich.
In der Aristoteles-Auffassung vom Prantl-Typ wird die eigentliche logische Aussage unterschlagen, so z. B. die Frage, unter welchen Bedingungen
man aus einer wahren Behauptung wahre Behauptungen bekommt. Die Wahrheitsbedingungen wurden ausschlieBlich vom philosophischen Gesichtspunkt
betrachtet, und in bezug auf die logische Notwendigkeit kulminierten die
Erklärungen héchstens im «Kopula-Mystizismus». Im Hintergrund blieb alles
dus unverständlich, was die Griechen über die Natur der formalisierten Systeme wuBten, alles, was in diesem Prozeß relevant ist, die bewußte, erkannte
Logik der Wissenschaft hervorbringenden Tatigkeit überhaupt. Der Anspruch,
eine Erklärung zum Verständnis des demonstrativen Charakters der griechischen Wissenschaft zu finden, tauchte gar nicht auf. Dabei ist es dann selbstverständlich, daB die unvergleichlich schéne Theorie der aristotelischen Logik
von den Konstanten und Variablen und seine ebenfalls alleinstehende kombinatorische Methode zum Erforschen der gültigen Folgerungen
verloren ging.*
Aber ähnlich ging es auch der Beweistheorie der Analytika Posteriora, der
ähnliches die wissenschaftliche Forschung erst zweitausend Jahre später, durch
die Herausbildung der modernen Beweistheorie, geschaffen hat.
Die Leistung der Aristoteles-Interpretation vom Lukasiewicz-Typ besteht
darin, daß sie mit der modernen Terminologie all das beschrieben hat, was
in den Analytika wirklich enthalten ist. Es wurde erkannt, daß hier von einem
axiomatischen System die Rede ist, das über seine eigenen Axiome und Verfahrensregeln verfügt, und das sich zu einem geschlossenen axiomatischen
System ergänzen läßt. So erfolgreich Lukasiewicz’ Methode bei der Erschlie-
Bung des Wesens der aristotelischen Syllogistik auch war, bei der «Entdeckung»
der Bedeutung der logischen Technik führte ihn die Präkonzeption, die aristotelische Logik sowie von ihrer ontologischen als auch epistemologischen Grundlage und Gerichtetheit befreien zu wollen, auf einen Irrweg. Eine AristotelesInterpretation von diesem Typus — auch wenn sie in bezug auf die ErschlieBung der logischen Struktur mit Vorteilen verbunden ist — führt unweigerlich
zu einer Simplifizierung des Themas und ist gezwungen, die aufregendsten
Fragen der Wissenschaftsentwicklung ohne Antwort zu lassen.
3C. PRANTL: Geschichte der Logik im Abendlande. Berlin 1955. J. LUKASIEVICZ:
Aristotele’s Logic from the Standpoint of Modern Formal Logic. Oxford 1951.
‘ Die Bedeutung der kombinatorischen Methode wird besonders gut in der ungarischen Einleitung zum Organon des Aristoteles von S. SzALAI hervorgehoben. Budapest
1961. LXVIII-LXXIII.
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View in PDF(opens in a new window)Nach unserer Meinung ist es weder aufgrund der einen noch der anderen
Konzeption möglich, eine Antwort auf die Fragen in Verbindung mit dem
Charakter, der Entstehung, der philosophischen Herkunft und den Konsequenzen der griechischen Axiomatik zu finden.5
Wir sind der Auffassung, daB man die Logik des Aristoteles ohne die
Geschichte der griechischen Mathematik ebensowenig verstehen kann wie ohne
die Geschichte der griechischen Philosophie. Es stellt sich uns also die Frage :
Wie wurde aus der Logik eine deduktive Wissenschaft? Und wir versuchen,
sie auf dem Boden dieser beiden — das griechische Denken auf jeder Stufe
durchdringenden — Wissenschaften zu beantworten.
11
Die wissenschaflichen, historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen
für die Herausbildung der griechischen Wissenschaft
Wie bekannt, ist die Zeit fiir die Herausbildung der wisseaschaftlichen
Denkens der Griechen ungefähr auf das 6. Jh. vor der Zeitrechnung anzusetzen.
Damals begann diese Art von Gedankengang, ohne die eine wissenschaftliche
Erkenntnis nicht existiert. Wenn von früher griechischer Wissenschaft gesprochen wird, denkt man vor allem an die Philosophie und an die Mathematik.
Und weder die eine noch die andere kann als voneinander isolierte Wissenschaft angesehen werden. Es ist fast gleichgültig, ob man Thales als Philosophen oder Mathematiker betrachtet, auf jeden Fall datieren wir den Beginn
der griechischen Wissenschaft von diesem Philosophen, Mathematiker Thales
an. Das Entstehen der griechischen Wissenschaft fällt mit dem Auftreten der
spekulativen Philosophie bzw. der Thesen und Beweise zusammen. Die Logik
aber ist ihrer Natur nach eine solche Wissenschaft, zu deren Zustandekommen
schon andere Wissenschaften vorhanden sein müssen. Von der Logik zu sprechen und davon, daß die Logik zu einer Wissenschaft wird, bedeutet also auch
in der Antike zwei verschiedene Dinge. Die Beobachtung der einen ist jedoch
der Schlüssel für die andere. Die Entwicklung der Logik des Denkens bildet
die Voraussetzung den Begleiter und das Ergebnis für die Herausbildung
der Wissenschaften. Wenn wir eine Antwort darauf suchen, wie aus den empirischen Angaben eine Wissenschaft wird, dann muß im Mittelpunkt der Antwort
5 Die Rolle der Philosophie beim Zustandekommen des deduktiven mathematischen
Denkens weist A. SzAB6 in einer ausgezeichneten Studie nach: The Transformation of
Mathematics into Deductive Science and the Beginnings of its foundation of definitions
and axioms. Scripta Mathematica, Vol. XXVII. No. 1. 1960. — Die Grundlagen in der
frühgriechischen Mathematik. Studia Italiani di Filologia Classica Vol. XXX. Fasc. 1.
1958. — Eleatica. Acta Ant. Hung. 3 (1955). — Anfänge des Euklidischen Axiomensystems. (In: Zur Geschichte der griechischen Mathematik. Darmstadt 1965.)
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View in PDF(opens in a new window)unbedingt die Analyse der logischen Verfahren stehen. Eine Untersuchung der
Entwicklung der Methoden ist vom Gesichtspunkt der Wissenschaftsgeschichte
deshalb so wesentlich, weil sich häufig darin das tatsächliche Voranschreiten
in der Wissenschaft realisiert. Das Ergebnis kann auch zufällig sein, oder
umgekehrt besteht die Méglichkeit, daB sich hinter naiven, irrtümlichen Annahmen und Ergebnissen glänzende methodische, logische Entdeckungen verbergen. Die Methode der Pythagoreer, mit der sie die SchluBfolgerung auf die
Kugelgestalt der Himmelskörper zogen, war völlig falsch. Andererseits ist
der Zahlenbegriff nach Pythagoras zwar ein Irrtum (seine mathematische
Vorstellung vom Universum: das Himmelszelt besteht aus Harmonie und Zahl),
die mit den Zahlen jedoch vorgenommenen Operationen, die pythagoreische
Methode, führten zu solchen Entdeckungen, die mehrer Bücher der Elemente
des Euklid ausmachen. (Beweise für das Gerade und Ungerade, die Vergleichbarkeit und die Entstehung der Zahlentheorie überhaupt).
Die Anfänge der griechischen Wissenschaft lassen sich vom Erscheinen
der Lehrsätze, der argumentierenden, begründenden Verfahren an datieren.
Offensichtlich aber ist dem Anspruch auf Begründung schon einiges vorausgegangen; das Auftreten dieser vom Typ her neuen Form der Wissenschaft
kann deshalb nur verstanden werden, wenn man weiß, über welche Kenntnisse die Griechen verfügten, woher sie diese gewannen, und was es ist, was
sie begründen wollten. Eine grundsätzliche Feststellung des Aristoteles bezieht
sich auf diese Voraussetzungen der Forschung: «Aller Unterricht und alles
Lernen geschieht, soweit beides auf dem Denken beruht, mittels eines schon
vorher bestandenen Wissens... denn man erlangt die mathematischen Wissenschaften auf diese Weise und ebenso jede andere Wissenschaft.»9 Die Griechen
können ihre mathematischen Kenntnisse teils von den Ägyptern, teils von den
Mesopotamiern gewonnen haben. Eine Berufung auf die Sachkenntnis der
ägyptischen Mathematik finden wir auch bei Aristoteles. (Metaph. A. 981/b).
Das Hauptcharakteristikum der ägyptischen Mathematik? besteht darin, daß
sich das Gepräge der Probleme bezeichnenderweise aus dem Bereich der praktischen Arithmetik ergibt. Für jede Wissenschaft gilt — wenn man wirklich
ihr Wesen erkennen will —, daß sie sich nicht von ihren gesellschaftlich-historischen Funktionen trennen läßt. In diesem Zusammenhang zeigt sich besonders
bei der ägyptischen Mathematik, welche Rolle sie im gesellschaftlichen Leben
tatsächlich spielte. Die Erkenntnis des Aristoteles — daß die Mathematik
sich deshalb dort herausgebildet hat, erst und dann, als schon Kenntnisse
8
$ Aristoteles: Anal. post. 1. 71* 5. (Übersetzt von J. H. v. KIROHMANN, Leipzig
1877.)
7 Zur Vermittlung der sich auf die ägyptische Arithmetik beziehenden Kenntnisse,
die Angabe von Beispielen, verwendeten wir folgendes Material: O.
NEUGEBAUER: Vorleseungen über die Geschichte der antiken mathematischen Wissenschaften. Berlin 1934.
B. L. van DER WAERDEN
: Science Awakening. Groningen 1954. B. FARRINGTON
: Science
in Antiquity. London 1936. D. STRUIK: A Concise History of Mathematics, New York.
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View in PDF(opens in a new window)vorhanden waren und es auBerdem Menschen gab, die Zeit hatten, sich damit
zu beschäftigen — weist auf jene unentbehrliche Bedingung der Wissenschaftsentwicklung hin, die wir heute mit dem Begriff der Herausbildung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bezeichnen.® Eines der
Hauptmerkmale dieser Mathematik besteht in der Fixierung der Erfahrungen. Diese praktische Arithmetik
hatte die Aufgabe, die Fragen, die im Zusammenhang mit den Problemen der
Kalenderrechnung, der Feldmessung, der Steuereinnahme usw. auftraten, zu
beantworten. Es versteht sich von selbst, daß beim Lösen der praktischen
Aufgaben die durch die Schule gegebenen Möglickeiten das Wissen weiterentwickeln, denn wenn einmal die Ausbildung von Spezialisten (Feldmesser,
Steuereintreiber usw.) beginnt, dann entstehen unbedingt auch die Tendenzen
zur Abstraktion. Allerdings kann wirklich nur von Tendenzen gesprochen
werden. Diese Mathematik stellte nur den Rohstoff der Wissenschaft zur Verfügung, nicht mehr. Keine Angabe, kein Zeichen läßt vermuten, daß sich hinter
den ausgezeichneten technischen Lösungen
irgendeine, bewußte
abstrakte
Tätigkeit voraussetzende, verallgemeindernde, gesetzmäßigkeiten ergründende
Forschung verbirgt. Und gewiß werden in dieser Beziehung die verschiedensten
späteren Entdeckungen unsere Kenntnisse nicht modifizieren können, weil
auf dem hier gegebenen Niveau der gesellschaftlichen Entwicklung eine wissenschaftliche Systematiserung, d.h. die Entstehung der Wissenschaft, grundsätzlich nicht möglich war. Ihre Elementar-Mathematik trug additiven Charakter, die Mehrzahl der Probleme war so einfach, daß sie über die Gleichungen
ersten Grades mit einer Unbekannten nicht hinausgingen. Das Hauptmerkmal
der ägyptischen Arithmetik ist der Gebrauch der Bruchzahlen. Man schrieb
jeden Bruch als Summen von Einheitsbrüchen, von solchen Brüchen, die
den gleichen Zähler hatten, auf, z.B. 2/9 = 1/6+1/18. Der Rhind-Papyrus
enthält eine Tabelle zur Ableitung der Brüche vom Typ 2/n auf die Summe
von Einheitsbrüchen. Der Papyrus gibt 2/n für jedes ungerade n von 5 bis 33 an.
Diese Rechentechnik hat von der Methode her gesehen zwei Seiten.
Einerseits macht sie die Arithmetik außerordentlich schwerfällig, man könnte
sagen unnötig kompliziert — damit wird auf jeden Fall die Entwicklung der
8 Wir unternehmen noch nicht einmal skizzenhaft den Versuch, die Genese der
Wissenschaft im allgemeinen wiederzugeben. (Diese Aufgabe würde uns weit von unserem
Thema fortführen. Den Interessanten an dieser Frage empfehlen wir das Studium solcher
Arbeiten die das Problem nicht im Licht der Entwicklung je einer Fachwissenschaft
untersuchen, wie z.B. O. NEUGEBAUER, VAN DER WAERDEN, oder TH. Heats, sondern
komplexe Arbeiten, die das Problem auf die Weise untersuchen, daß sie die in die Gesellschaft eingebettete dialektische Wechselbeziehung der Sprache, des Denkens erschließen.
Die so geschehende Rekonstruktion der Herausbildung der Wissenschaft und ihrer Charakteristika findet der Leser unserer Meinung nach in der Konzeption von Gy. Luxáos,
die eine wahre Fundgrube philosophischer Tiefen und Höhen erglänzen läßt: G. LuKAcs:
Die Eigenart des Ästhetischen. Neuwied am Rhein Berlin— Spandau 1963. Kapitel I.
und II., sowie in der klassischen marxistischen und bürgerlichen Literatur, auf die LuKAcs
in diesem seinem Werk hinweist: z.B. K. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen
Ökonomie. A. GERLEN : Der Mensch. G. CHILDE : Stufen der Kultur usw.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Wissenschaft behindert; andererseits setzt sie aber recht ernste rechnerische
Fertigkeiten voraus, das Erhalten der Summen verlangte beträchtliche geistige
Anstrengungen. Bei den Lösungen einiger Probleme findet man die Keime
der Theoriebildung; es zeigt sich z. B., daß die Summengleichung der geometrischen Reihe
bekannt
war.
Die
Probleme
geometrischen Charakters
stehen in Verbindung mit der Lösung von Meß-Aufgaben. Die Ergebnisse sind :
Die Berechnung der Fläche des Dreiecks (die Hälfte der Multiplikation von
Basis und Höhe), die Berechnung der Kreisfläche, wo bei man für die Zahl
ze den annähernden Wert von 3,1605 bekam.
Vielleicht das bedeutendste
Meßergebnis der Ägypter war die Berechnung des Rauminhaltes vom quadratischen Pyramidenstumpf.
Die ägyptische Geometrie darf nicht als Wissenschaft im Sinne
der
griechischen Wissenschaft gewertet werden, sie stellte einfach eine angewandte
Arithmetik dar. So, wie auch die arithmetischen Probleme mit der praktischen Tätigkeit zusammenhingen (Beständigkeit der Qualität des Bronzegusses,
des Brotes und des Biers), so waren die geometrischen Probleme mit der
Bestimmung von Fläche und Rauminhalt verbunden. In all diesen Fällen
kannte der Rechner, der die Messungen Verrichtende die Regeln, von denen
die Berechnung abhing. Aber eine systematische Ableitung der Regeln kommt
nirgends vor.
Die Griechen konnten also von den Ägyptern die Multiplikation, das
Rechnen mit Einheitsbrüchen gelernt haben, und selbstverständlich wurde
dies von ihnen weiterentwickelt. Gleichfalls von den Ägyptern mögen sie
einige Regeln der Flächen- und Rauminhaltsbestimmung übernommen haben.
Diese Kenntnisse bedeuteten jedoch für die Griechen nicht die Mathematik
als Wissenschaft. Sie führten sie aber zu der Frage, wie man diese beweisen
kann.
.
Eine stolze Bemerkung des Demokritos erhellt, daB er den prinzipiellen
Unterschied zwischen der griechischen und ägyptischen Mathematik erkannt
hat : «Niemand übertrifft mich in der Konstruktion von Geraden durch Beweis,
auch keiner unter den ägyptischen Seilspannern».? Wahrscheinlich spricht
Demokritos hier von Feldvermessern, denen als Arbeitsgerät zu diesem Zweck
das Seil diente.10
Gegen die Annahme, daß die Ägypter über mehr Kenntnisse verfügten,
als sich aus den uns bekannten Papyri zeigt, und daß auch die Griechen dies
wußten, sprechen zwei Bedenken. Einerseits, daß auf dem gegebenen Niveau
der Entwicklung die wissenschaftliche Systematisierung, d. h. die Entstehung
der Wissenschaft, grundsätzlich nicht möglich war. Andererseits das, worauf
van der Waerden hinweist, nämlich daß die allgemeine Charakteristik der
? Zitiert von VAN DER WAERDEN: a. W.S. 15.
10 Ebd. VAN DER WAERDEN: a. W.
Page 9
View in PDF(opens in a new window)Mathematik unverändert bleibt, gleichgültig ob man elementare oder entwickeltere Texte in Betracht zieht. Betrachtet man z. B. in unserer Zeit ein Handbuch
für Ingenieure, dann läßt sich ohne weiteres das mathematische Niveau der
Epoche daraus abstrahieren. Das Merkmal der ägyptischen Mathematik war
das Rechnen mit Einheitsbrüchen, und das konnte keine Grundlage für höhere
algebraische oder geometrische Verfahren liefern.
Die Fachliteratur stimmt darin überein, daß die mesopotamische Mathematik auf einer viel höheren Entwicklungsstufe gestanden hat als die ägyptische. Ein Beweis dafür ist unter anderem, daß man höhere Zahleneinheiten
nicht durch ein neues Zeichen, sondern durch Stellenwerte ausdrückte. Dadurch wurden Schwierigkeiten bei der Multiplikation und dem Rechnen mit
Brüchen vermieden. Eine logische Konsequenz der Einführung des Stellenwertsystems war die Einführung des Zero. Bedeutung der Einführung des
60er-Systems und des Stellenwertsystems wird auch durch unsere gegewärtige
Praxis bestätigt. Die Multiplikationstabellen verlieren — in ihrer Gesamtheit
gesehen — ihre Trivialität. Sie enthalten nämlich das gesamte 60er Zahlensystem. Das Stellenwertsystem ermöglichte, daß die Tabellen die Durchführung
aller möglichen Multiplikationen (von 1 bis 59) angeben, so, wie dies unsere
10er Multiplikationstabellen angeben.
Die höhere Entwicklungsstufe, auf der die babylonische Mathematik
gegenüber der ägyptischen stand, zeigt sich auch darin, daß man nicht nur
einfache Gleichungen ersten Grades lösen konnte, sondern — wie die Keilschriften bezeugen (um 1700 vor der Zeitrechnung, zur Zeit der Herrschaft
Hammurapis )— auch die Lösungstechnik der Gleichungen zweiten Grades
gut kannte. Diese Arithmetik machte die Herausbildung der Algebra methodisch
schon môüglich. Diese Tendenz läßt sich durch die mathematischen Texte
in beiden Gruppen beweisen.
Es gibt jedoch eine andere Voraussetzung für die Entwicklung und das
hohe Niveau der Rechentechnik, nämlich daß die Babylonier die Schrift der
Sumerer ideographisch verwendeten. Die Ideogramme waren als Sprache der
Algebra außerordentlich geeignet. Einer der Schlüssel für den algebraischen
Charakter der babylonischen Mathematik, bzw. für das Entstehen deren algebraischen Gepräges, ist — ebenso wie für die moderne Algebra — das Finden
des entsprechenden Bezeichnungssystems. Für die Forscher der Wissenschaftsentwicklung bedeutet es nichts Überraschendes, daß die Wahl oder Ausarbeitung der geeigneten Symbolik nicht nur die Lösung des gegebenen Problems,
sondern auch solche Entdeckungen ermöglichte, an die man gar nicht gedacht
hatte.!?So kam den frühen sumerischen und später akkadischen Ideogrammen
11 Unsere auf den Charakter der babylonischen Algebra und Geometrie bezüglichen
Kenntnisse entnahmen wir den Werken von O. NEUGEBAUER: The Exact Sciences in
Antiquity, sowie Vorlesungen.
12 Über die Frage siehe besonders: O. NEUGEBAUER
: Vorlesungen. S. 67
Page 10
View in PDF(opens in a new window)bei der Herausbildung der mathematischen Terminologie entscheidende Bedeutung zu, weil damit die Möglichkeit ständiger Symbole für die Operationen
und arithmetischen Variablen gegeben war, und die einzelnen Operationen
leicht zu überblicken und infolgedessen lehr- und lernbar wurden. In den Verwaltungsschulen der Babylonier gehörte die «algebraische Sprache» zum normalen Lehrstoff.
In bezug auf die Gesamtleistung der babylonischen Mathematik lassen
sich folgende methodisch relevante Ergebnisse fixieren :
Das Wesen der babylonischen Algebra ist die Lösung von Gleichungen
zweiten Grades in allgemeiner Form. Es gibt in den sogenannten Problemtexten zahlreiche Beispiele für Gleichungen höheren Grades und Verfahren
zur Zurückführung derselben auf den zweiten Grad. Bewiesen ist die Tatsache,
daß man Forschungen auf dem Gebiet solcher Probleme vornahm, die über
die Algebra hinausgehen; dazu gehören die sich mit der Bestimmung der
Exponenten befassenden Tabellen, oder — in konkreterer Form ausgedrückt —
das Logarithmusproblem, ohne Erreichen eines allgemeinen Nutzens.
Ein außerordentlich wichtiges Moment stellt die Beurteilung des Charakters der babylonischen Geometrie dar. Wenn man das Problem unter dem
Aspekt der dialektischen Wechselwirkung der wissenschaftlichen Kenntnisse
und der gesellschaftlichen Praxis untersucht, muß man einsehen, daß die
Geometrie auf dieser Stufe noch keinen geometrischen Charakter trug. Nicht
die Geometrie war entwickelt, sondern die Arithmetik. Es besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen der Aufteilung des Geldes und des Vermögens
nach den Regeln oder der Aufteilung irgend einer Fläche. Die meisten Beispiele,
Rauminhalts- und Flächenberechnungen, zeigen keine reine geometrische Auffassung, d. h. kein Bestreben, geometrische Theoreme aufzustellen und zu
beweisen. Die Frage ist, wie sich diese Feststellung mit der Tatsache vereinbaren läßt, daß die Babylonier den Satz des Pythagoras kannten, daß sie den
Wert von x annähernd gut angaben (3 1/8), und daß sie den Kreisumfang in
360 Grad einteilten.
Man hat nachgewiesen, daß der Satz des Pythagoras mehr als tausend
Jahre vor Pythagoras bekannt war. Wenn man das Problem historisch betrachtet, kann man unmöglich sagen, die gesellschaftliche Formation, der statische
Charakter des Ostens biete eine Erklärung für die Annahme, daß bei den
Babyloniern eine geometrische Wissenschaft existiert hat. Das würde die
theoretische Einstellung nicht nur als Tendenz, sondern als Realität voraussetzen, in einer Epoche, in der die Verrichtung der Arbeit und jede Art von
Objektivation technischen Charakter trägt und sozusagen nur das Ergebnis
einer Einstellung ist. Der Gebrauch des «Satzes des Pythagoras» wird durch
viele Beispiele bezeugt. Nach zwei Tafeln (aus 2000 v. u. Z.) ist eine Formel
130. NEUGEBAUER: The Exact Sciences... S. 45 —47.
Page 11
View in PDF(opens in a new window)fiir gewisse Dreiecke gegeben, bei denen man in Kenntnis der Katheden die
Länge der Hypotenuse ausrechnen kann. Diese empirische Formel läßt sich
in dem Falle verwenden, wenn das Verhältnis der Katheden 10 : 40 ausmacht.14
Unbestreibar haben wir is hier jedoch mit einem methodischen Fortschritt
zu tun, da innerhalb der Empirik nicht mehr von Einzelmessungen, sondern
von einer Formel die Rede ist. Gleichzeitig aber beweisen alle Angaben, daß
auf das Erkennen der geometrischen Gesetzmäßigkeit keine Frage danach
folgt, was diese geometrische Form bedeutet, und warum sie die gegebene
Gesetzmäßigkeit zeigt. Die Kenntnisse geometrischer Art ähneln eher einem
Kochbuch, in dem eine ausgezeichnete Hausfrau die Erfahrungen langer Jahre
niederlegt : das «wie» schreibt sie auf, aber die Frage nach dem «warum» wird
von ihr nicht gestellt. Dabei ist jedoch das gegebene Problem und seine Lösung
von Gesichtspunkt der Wissenschaftsentwicklung nicht nur deshalb interessant,
weil es die Kenntnisse in bezug auf die Eigenschaften des rechtwinkligen Dreieecks vermehrte (und dies die Griechen nicht mehr zu entdecken brauchten),
sondern auch deshalb, weil es schon Anzeichen des abstrakten Interesses
enthält. Diese Entdeckung schließt nämlich — wenn ein Nivau vorausgesetzt
wird, auf dem man die algebraischen Gleichungen zweiten Grades lösen kann —
die Erkenntnis ein, daß jede Dreierzahl, 1, b und d, die die Relation 1?+
hb? = d?
erfüllt, als Seiten des rechtwinkligen Dreiecks zu verwenden ist. Aus dieser
Kenntnis ergibt sich wirklich die Frage, welche diese Zahlen sind. Im Zusammenhang mit dieser Tatsache, der herrschenden mathematischen Anschauung
stellt Neugebauer mit Recht fest: Es ist nicht besonders überraschend, daß
die babylonischen Mathematiker das zahlentheoretische Problem der Herstellung der pythagoreischen Zahlen erforschten. Diese pythagoreischen Zahlen
waren nicht der einzige Fall des Forschens nach den Relationen zwischen den
Zahlen. Dabei spricht aber nichts dafür, daß man die Primzahlen erkannt hat."
Über die wissenschaftliche Leistung!® der Mesopotamier läßt sich ungefähr die Feststellung machen, daß der Gehalt der babylonischen Mathematik
elementar geblieben ist, so bewundernswert das numerische und algebraische
Bewanderstein bei der Lösung der praktischen Aufgaben auch erscheint,
und wie sehr auch das abstrakte Interesse innerhalb der durch dieses Bewandertsein gegebenen Möglichkeiten zustandekam.
Trotzdem besitzen die Ergebnisse der Babylonier bei der Herausbildung
der griechischen Wissenschaft unzweifelhaft eine größere Bedeutung als die
der Ägypter. Mit den sehr primitiven Mitteln der ägyptischen Mathematik
wäre die Entdeckung der Irrationalität von y2 ein wahres Wunder gewesen.
Die babylonische Mathematik hat dagegen ein solches System und die Mittel
geschaffen, jene Formen der Arithmetik, in denen die Griechen dies später
14 Siehe FARRINGTON: a. W. S. 24—25
15 O, NEUGEBAUER: a. W. S. 35—40
16 Ebd. $. 48
Page 12
View in PDF(opens in a new window)entdecken konnten. Anders formuliert: Die Babylonier trugen wirklich die
Bausteine der Wissenschaft, sowohl im Tatsachenmaterial als auch in der
Methode, zusammen. Wieder hat Neugebauer ein bemerkenswertes Argument
gegenüber denjenigen, die die Ergebnisse überbewerten. Und zwar: Es ist
möglich, daß die Babylonier in Hinsicht auf p? = 2q? erkannten, daß es für
p und q keine Lösung in einer ganzen Zahl gibt. Wenn wir dies nur deshalb
nicht wissen, weil wir keine Information darüber haben, die Quellen nicht
kennen, dann bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Konsequenzen dieses
Ergebnisses nicht realisiert wurden. D. h. die babylonische Mathematik konnte
die Schwelle der präwissenschaftlichen Denkweise nicht überschreiten. Diese
historische Aufgabe blieb den Griechen vorbehalten.”
Am Ende des zweiten Jahrtausends v.u.Z.
wuchs im Bereich des
Mittelmeeres — infolge der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen
(Völkerwanderung, die auf die Bronzezeit folgende Eisenzeit, Verfall der Macht
von Ägypten und Babylonien usw.) — die Rolle und Bedeuteng neuer Völker
an, unter anderem die der Phönizier und der Griechen. Nach diesen kritischen
Jahrhunderten stabilisiert sich zwar der Alte Orient — unter Bewahrung seiner
traditionellen Formen — aufs Neue und gewinnt frische Kraft, aber die Geschichte der Wissenschaft setzt sich nicht hier, sondern im 7. und 6. Jh. v.
u. Z. in der einen neuen Typus darstellenden griechischen Gesellschaft fort.
Bei der Herausbildung der griechischen Wissenschaft spielte unzweifelhaft das Kenntnismaterial, das sich in der ägyptischen und babylonischen
Kultur bzw. unmittelbar in den ägäischen Kulturen angehäuft hatte, eine
große Rolle. Dieses angehäufte Kenntnismaterial an sich gibt aber noch keine
Erklärung auf die Frage, warum gerade aus diesem Kenntnismaterial bei den
Griechen eine Wissenschaft wurde. Es wäre äußerst verlockend von einem
«Griechischen Wunder» zu sprechen, auch schon deshalb, weil aus dem Zeitraum
um 1000 v. u. Z. das beweisende Tatsachenmaterial außerordentlich lückenhaft
ist. Aber die Konzeption des «griechischen Wunders» beweist gar nichts.
Die Erklärung liegt in der qualitativ von Grund auf anderen gesellschaftlichen und historischen Situation, die die griechische Entwicklung als
Ganzes determinierte. Und dementsprechend muß vom Gesichtspunkt unseres
Gegenstandes der wesentlichste Unterschied zwischen der Entwicklung des
Alten Orients und Griechenlands in der — den Unterschieden der gesellschaftlichen Struktur entpsringenden — Denkweise gesucht werden.
17 Wir haben keine Möglichkeit für einen Überblick über eine im wissenschaftlichen
Denken des Altertums keine geringe Rolle spielende Wissenschaft, die Astronomie. Dieser
Faden der Entwicklung würde uns von unserem Thema abbringen. Nur soviel sei angemerkt, daß die exakten Berechnungen, die oben behandelten Kenntnisse, die babylonische Astronomie völlig durchdringen. Auf diesem Gebiet überschreiten sie — besonders
in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitrechnung — das präwissenschaftliche Niveau !
In all diesen Fragen verweisen wir den Leser jedoch wieder auf die Facharbeiten der
Wissenschaftsgeschichte.
Page 13
View in PDF(opens in a new window)Nach Marx’ genialer Analyse ist das entscheidendste Moment der Entwicklung der Zerfall der Formen der Urgemeinschaft, die Herausbildung des
Privateigentums. Wie Marx sagt : «Voraussetzung bleibt hier für die Aneignung
des Grund und Bodens Mitglied der Gemeinde zu sein, aber als Gemeindemitglied ist der Einzelne Privateigentiimer».1% Diese neue gesellschaftlich-ökonomische Formation schafft grundsätzlidh neue Voraussetzungen auch für die
Entwicklung der Wissenschaft.
«In dem Akt der Reproduktion selbst ändern sich nicht nur die objektiven
Bedingungen, z.B. aus dem Dorf wird Stadt, aus der Wildnis gelichteter
Acker etc., sondern die Produzenten ändern sich, indem sie neue Qualitäten
aus sich heraus setzen, sich selbst durch die Produktion entwickeln, umgestalten, neue Kräfte und neue Vorstellunegn bilden, neue Verkehrsweisen, neue
Bedürfnisse und neue
Sprache». Der
Mensch, das
Individuum
wird als
Schöpfer und als Produkt der Stadt, der städtischen Kultur befreit. «Die
klassische alte Geschichte ist Stadtgeschichte».2° Die Kultur bildet nicht mehr
das Privileg der östlichen Beamtenschicht oder der anonymen Gruppe des
Priesterordens.
Gemeinsamer Ausgangspunkt der verschiedenen Eigentumsformen, der
asiatischen, antiken und germanischen Eigentumsform (auch wenn sie sich
unter ungleichartigen historischen Bedingungen und zu verschiedenen Zeiten
herausgebildet haben) ist das gemeinsame Stammeseigentum.?! Dies wurde
von den asiatischen Völkern konserviert, die Griechen und Römer entwickelten
daraus die antike Form und die Germanen die feudale Form. Diese drei Formen
bilden je ein Kettenglied der Menschheitsentwicklung und sind nur in ihrer
Aufeinanderfolge möglich. Die frühe naturgegebene Stammesgemeinschaft ist
die Voraussetzung und der Eckpfeiler der Herausbildung aller drei Eigentumsformen, aber in unterschiedlichem Maße, und wenn man die drei Formen
von diesem Gesichtspunkt aus nebeneinander bzw. — richtiger — hintereinander stellt, ergibt sich das Bild der Verselbständigung des Individuums, des
Zerreißens der «Nabelschnur» zur natürlichen Gemeinschaft. In Asien geschieht
dieses Zerreißen nicht, im europäischen Alterum wird es durch die Spaltung
der frühen Form bewirkt, die schließlich im europäischen Feudalismus die
Basis der Gesellschaft bildet.
Bei der Herausbildung der Eigentumsform, dabei, welche sich herausbildet, spielen zahlreiche äußere und innere, allgemeine und besondere Faktoren
eine Rolle. Bei der Herausbildung der antiken Form hatte die Begrenztheit
18 K. Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie. Berlin 1953, S. 379
99, W. S. 394
20 a. W. S. 382
2! Siehe: F. T6xEI: Zur Frage der asiatischen Produktionsweise. Neuwied und
Berlin 1969. (Im Weiteren nehmen wir die Darlegungen und Zusammenfassungen von F.
TöKEI zur Grundlage, besonders 8. 45 — 87)
Page 14
View in PDF(opens in a new window)des Bodens unbedingt einen Einfluß, so wie bei der asiatischen die natürliche
Gegebenheit der unermeßlichen Bodenfläche.
Die Herausbildung des griechischen Privateigentums an Boden — das
zum Maßstab der europäischen Entwicklung wurde, das ermöglichte, daß
gerade die Griechen «die normale Kindheit der Menschheit» erlebten (Marx) —
kam durch die zufällige Vereinigung und besonderen Voraussetzungen zahlreicher Faktoren zustande und wurde gleichzeitig zum grundsätzlichen Faktor
der Entwicklung der ganzen Menschheit. In diesem Prozeß, in dieser Zusammenfassung, spielte das Vorhandensein der asiatischen Zivilisation keine geringe
Rolle. Also konnten z. B. die griechischen Handelsleute im Besitze eines stabilen
Absatzmarktes ihre Tätigkeit ausüben und Handelsstädte gründen. Dabei,
daß die griechische Stadt überhaupt anders sein konnte als die östliche, spielt
der Charakter der asiatischen Produktionsweise eine ebenso große Rolle wie
der Feudalismus bei der Herausbildung des Kapitalismus. Die Unzerstörbarkeit
des Stammeseigentums in Asien und die Entstehung des Privateigentums an
Boden in Griechenland sind einerseits der Grund für das Stagnieren der östlichen Gesellschaft und andererseits für die sprunghafte Entwicklung der griechischen Gesellschaft und als Folge davon der Entwicklung anderer Völker
Europas. D. h. die Gesellschaft produziert in Griechenland eine andere Basis
für die Wissenschaft als im Osten. Diese andere gesellschaftliche Aktion schafft
andere Objektivationen in diesem strengen Zusammenhang, wie er in der
prägnanten Formulierung von Marx vor uns steht:
«...und eine andere
Basis für das Leben, eine andere für die Wissenschaft ist von vornherein eine
Lüge.»
Die griechische Stadt stellt den Stadtstaat der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, der Grundbesitzer, Händler, Handwerker dar.
Im Gegensatz zur östlichen Hierarchie erweitert die Polis den Bewegungsradius sowohl in der Produktion als auch in den Staatsformen. Das Auftreten
der Demokratie in den Institutionen, den Bewußtseinsformen, d.h. auf allen
Gebieten des Lebens der Polis (jetzt abgesehen von den unterschiedlichen
Erscheinungsformen derselben) ist eine notwendige Begleiterscheinung dieser
Gesellschaftsordnung neuen Typus’, die entscheidende Voraussetzung für das
Entstehen der Wissenschaft. Die politische Demokratie machte es möglich,
daß sich die Wissenschaft von der Religion lösen konnte. Wie Gy. Lukäcs
sagt: «Natürlich bedeutet die so errungene Freiheit zur Selbstbewegung der
Wissenschaft nicht ihre konfliktlose Evolution.» Andererseits werden als
#2 G. CHILDE: The Prehistory of European Society (Harmondsworth 1958), Er
analysiert ausführlich aufgrund archäologischer Funde das Verhältnis der ägäischen Kultur zur östlichen, und sieht in erster Linie in den Möglichkeiten des Handels den Grund
dafür, daß diese Völker wegen der Teilnahme an der östlichen Akkumulierung ihre Städte
weiterentwickeln konnten, ohne daß eine zentralisierte Macht zustande gekommen wäre.
23 K. Marx: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte. Leipzig 1970. S. 194
#4 G. LuxAcs: ebd. S. 142 und 139— 145
Page 15
View in PDF(opens in a new window)Folge dieser Situation durch das Befreien von der offiziellen Religion neue
Anspriiche und Bediirfnisse geschaffen: die Philosophie wird geboren. Diese
gesellschaftliche Form bewirkt, daß die verschiedenen schon vorhandenen
Kenntnisse (Mathematik usw.) im Prozeß ihrer Verallgemeinerung zur Weltanschauung einen neuen Sinn gewinnen. Die Verallgemeinerung zur Weltanschauung tritt inhaltlich und methodisch gleicherweise in einer neuen Qualität in der Entwicklung der Menschheit auf. Vor allem dadurch, daß die Frage
nach dem wissenschaftlichen Spezifikum der Erforschung und Erkenntnis der
Wirklichkeit aufgeworfen und geklärt wurde. Diese Fragestellung und Antwort
kann nur, philosophisch existieren! Völlig mit Gy. Lukäcs übereinstimmend,
lassen sich die methodischen Grundlagen der Entwicklung der griechischen
Wissenschaft in folgendem erfassen: «Die wissenschaftliche Art der Widerspiegelung der Wirklichkeit ist einDesanthropomorphisieren sowohl desObjekts
wie des Subjekts der Erkenntnis ... Der konkrete Ausbau wird das Ergebnis
einer späteren Entwicklung sein, die methodologischon Grundlager sind aber
bereits hier niedergelegt ; daß das Subjekt der Erkenntnis eigene Instr. ımente,
Verfahrungsweisen ersinnt, mit deren Hilfe es einerseits die Rezeption der
Wirklichkeit unabhängig von den Schranken der menschlichen Sinnlichkeit
macht, andererseits aber die Selbstkontrolle sozusagen automatisiert ... Es
entspricht derLage der griechischenKultur, daß die desanthropomorphisierende
Tendenz der Vorsokratiker notwendig in einer Kritik der Mythen, die Inhalt
und Form des religiösen Weltbildes der Zeit bestimmen, kulminiert.»2
Der Bewußtmachung des Denkens über die Welt kommt in der Entwicklung der Wissenschaft eine entscheidende Rolle zu. Wir wollen bei weitem
nicht behapten, daß von einer ungebrochenen Entwicklung die Rede sein
wird, denn in der platonischen Philosophie z. B. kehrt die Erhöhung des Bewußtseins zu einer weltanschaulichen Ordnung wieder zum Anthropomorphismus zurück. Doch zu dieser Zeit existiert die Wissenschaft schon. Sie kann
nur so und in dem Sinne philosophisch begründet existieren, wie aus dem Alltag
von «man weiß es nicht, aber man tut es» das «man weiß es und tut es» als
höhere menschliche Tätigkeitsform, Wissenschaft, entsteht. Im Wissenschaftsbegriff des Aristoteles ist dieses hochstehende Verhalten von neuem Typus
klar zu erkennen : «Das Wissen dessen, was etwas ist, bedeutet genau dasselbe,
wie das Wissen dessen, was der Grund dafür ist, daß es dieses Etwas gibt.»
Die neue Leistung, mit der die Griechen die Wissenschaft ermöglichten,
ist die Philosophie. Aus ihr und mit ihr zusammen entwickeln sich im Rahmen
ihrer Möglichkeiten und Grenzen die exakten Wissenschaften. Um den Faden
der griechischen Wissenschaft — Philosophie — Mathematik — Logik abwickeln zu können, gilt es die Besonderheiten der griechischen Sprache und
28 G. LuxAos: ebd. S. 146— 147
26 Aristoteles, Anal. post. II. 9. 93°5
Page 16
View in PDF(opens in a new window)Schrift als vom Gesichtspunkt der obengenannten Disziplinen nicht gleichgültigen Faktoren in Betracht zu ziehen. Unsere bisherigen Kenntnisse über
die Schriftdenkmäler in griechischer Sprache wurden durch die Entzifferung
von Linear B* modifiziert. Aufgrund der frühesten Schriftdenkmäler der griechischen Sprache, der Linear B-Tafeln aus der
mykenischen Epoche,
läßt
sich die Gesellschaftsstruktur dieser Zeit als der Gesellschaftsstruktur der
(in erster Linie kleineren) Staaten des Alten Orients verwandt betrachten.
Und daraus kann man vielleicht auch die Schlußfolgerung ziehen, daß Niveau
und Charakter der wissenschaftlichen Kenntnisse der Epoche ebenfalls einander
ähnlich waren. Dies unterstützt die Tatsache, daß — wie die Tafeln bezeugen
(obwohl sie doch recht praktischen Charakter tragen) — die Menschen jener
Zeit die zur Feststellung der Summierungen, Subtrahierungen und Proportionen
nötige Fertigkeit besafen.28 Und obwohl es keinerlei Texte wissenschaftlicher
oder didaktischer Art gibt (z.B. Multiplikationstafeln) besteht kein Grund
anzunehmen,”® daß die Griechen im Gebrauch der sinn- und wirkungsvollen
Meßmethoden und der arithmetischen Technik, die den alltäglichen Zizlen
der Palastwirtschaft, des Handels und der Baukunst dienten, hinter ihren
Nachbarn zurückgeblieben wären. Ihre Silbenschrift jedoch war ebenso ungeeignet, mathematische Symbolik auszudrücken, wie die östlichen — nicht
ideogrammatischen — Silbenschriften. Uns fehlt die Grundlage, aus diesen
entzifferten Denkmälern der mykenischen Kultur, auch den späteren Zustand
(8.
Jh. v. u. Z.) der griechieschen Geistesentwicklung in seiner Ganzheit verstehen zu können. So nützliche Quellen diese Denkmäler für das Kennenlernen
des wirtschaftlichen gesellschaftlichen, und — in weit geringerem Maße —
geistigen Lebens der Epoche darstellen, können sie doch, schon von ihrem
Gepräge her, als Widerspiegelung der Bewußtseinsentwicklung nicht mit den
homerischen Epen verglichen werden. In Homers Gedankenwelt und Sprache
stehen wir einer hochentwickelten Objektivation gegenüber. Seine Helden
sind komplizierte Charaktere. Nach Homers Intention wählt Achilles selbst
sein Schicksal und nimmt es freiwillig auf sich. Er ist der einzige Mensch, der
weiß, was ihn erwartet, und das gewählte Schicksal bedeutet für ihn ein Gesetz !
In der Verquickung von historischen Geschehen und menschlichem Charakter
wird er zum Lenker und Erwähler des Menschenschicksals. Die ersten Schriftwerke berichten schon von dem entwickelten Weltbild eines zum Menschen
gewordenen Menschen. Nach Goethes Meinung kann man nicht mehr vom
Menschen zeigen als eben sie : Achilles, den mutigen und Odysseus, den klugen
Menschen. Homer zeigt in der «Ilias» von der Despotie der Götter befreite
Menschen. Dies ist die Voraussetzung ihres Handelns.
27 SIEHE : M. VENTRIS— J. CHADWICA : Documents in Mycenaean Greek. Cambridge
1956.
28 VENTRIS-CHADWICK: a. W.S. 290
2° ebd. S. 117
Page 17
View in PDF(opens in a new window)Die Werke Homers?® fixieren eine solche Stufe der menschlichen Geschichte, die bereits in vieler Beziehung desanthropomorphe Tendenzen aufweist,
deshalb projiziert diese Epoche die Möglichkeit des Zustandekommens der
desanthropomorphen Wissenschaft schon voraus.
Vom Gesichtspunkt der Wissenschaftsentwicklung gesehen dokumentiert
das erste große griechische Schriftwerk das Vorhandensein einer grundlegend
wichtigen Voraussetzung. Das aber ist der Reichtum der Sprache im Ausdruck
und ihre strukturelle Gegliedertheit, was dann zum natürlichen und notwendigen Mittel der spekulativen griechischen Philosophie wird. Wir kommen später
noch darauf zu sprechen, daß die Griechen nicht nur in einer gegebenen Sprache
denken, sondern auch über die Sprache nachdenken, philosophieren, und daß
diese Untersuchungen der Sprache, die eigentlich schon mit Herakleitos und
hauptsächlich den Sophisten ihren Anfang nehmen, sich in «Kratylos| und
«Sophistes» von Platon, der Hermeneutik des Aristoteles und weiterhin in der
stoischen Logik fortsetzen — durch die Herausbildung der formalen Denkweise entscheidend am Zustandekommen der stoischen Logik beteiligt waren.31
Zu den größten Erfolgen der griechischen Entwicklung im 9.—8. Jh.
v.z. Z.
gehört das Neuerscheinen der Schriftlichkeit, und zwar auf einer
höheren Stufe als vorher, unter der Verwendung des alphabetischen Schriftsystems.32 Die Schriftlichkeit wurde zu einer der entscheidendsten Voraussetzungen
für die Weiterentwicklung des Denkens, für die Fixierung der Kenntnisse und
damit für die Herausbildung des wissenschaftlichen Denkens in Europa, zum
Schatz der Griechen.
Die
griechische
phonetische
Schreibweise
brach
mit
der primitiven
Schreibweise des Alten Orients, d. h. die Griechen fanden die ihrer reichen
Ausdrucksmöglichkeit entsprechende Schreibweise und bahnten damit auch
der theoretischen Forschung den Weg. Besonders für das Zustandekommen
der mathematischen Wissenschaften, der Geometrie oder auch der Logik,
stellt die alphabetische Schrift eine unerläßliche Bedingung, ein wichtiges
Mittel dar. Als Beispiel soll einer der in allgemeiner Form formulierten Syllogismen des Aristoteles dienen :# Wenn A das Objekt von jedem B und B das
30 In der Beurteilung der homerischen Werke schließen wir uns wieder dem Standpunkt von T6KEI an: «... die homerischen Epen waren für die Menschen des Altertums
einfach politische ’Handbücher’ — das ist eine bekannte Tatsache
— die Handbücher
der Polis-Organisation und -Verwaltung, des Polis-Lebens. Jeder Mythos, jede Sage, jede
Episode, ja sogar jede Formel, jeder Ausdruck der ’Ilias’ und der ’Odyssee’ bezogen sich
für die Menschen des Altertums genauso auf die ursprüngliche (und ideale) Struktur der
Polis wie die Geschichte von Achilleus’ Zorn und Odysseus’ Heimkehr in ihrer Gesamtheit
und ihrer Komposition. TÖKEI: Antikvitäs és feudalizmus (Antike und Feudalismus).
S. 124
31 Siehe: R. H. RoBIns: Ancient and Mediaeval Grammatical Theory in Europe.
London 1961.
82 In bezug auf die Geschichte der griechischen Schrift siehe: H. JENSEN: Die
Schirift in Vergangenheit und Gegenwart, Glückstadt (Hamburg) 1932. D. DIRINGER
:
The Alphabet, London 1968. Band I-II.
33 Aristoteles, Anal. prior. I, 4. 25° 35.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)Objekt von jedem C ist, dann ergibt sich notwendigereeise, daß A das Objekt
von jedem C ist; (el yay to A xatà navrös tod B xai tó B xatà navrös rod T,
dvdyxn TO A xatà navrös tod I' xarnyopeodaı). Es leuchtet sofort ein, daß die
allgemeine Gültigkeit des Syllogismus von der Ordnung der in ihm enthaltenen
Varianten und Konstanten abhängt, dafür aber ist das gutgewählte Buchstabensymbol der rationalste Ausdruck. Am besten wird dies durch die Tatsache bewiesen, daß man in der Mehrzahl unserer Lehrbücher die Syllogismen
noch auf diese Weise schreibt.
III
Die frühe griechische Wissenschaft
1. Die Ionische Wissenschaft
Die griechische Wissenschaft nimmt an der Kiste Kleinasiens in den
ionischen Städten ihren Anfang. Historische und
wissenschaftsgeschichtliche
Arbeiten stimmen darin überein, daB dies nicht zufällig ist. Die Ionier standen
in intensiver vielseitiger Handels-, Kultur- und Sprachverbindung mit ihren
ôstlichen und südôstlichen Nachbarn. Der von der klassischen attischen Polis
abweichende Charakter dieser kleinasiatischen Städte erklart sich eben dadurch,
daß sie sich in Kleinasien und an der Küste befinden. Aus den gesellschaftlichhistorischen Verhältnissen des ionischen Polis-Typus, und allein nur daraus,
ist der Naturanschauungs-Charakter der ionischen Philosophie zu verstehen,
und auch, daB die sich daraus entwickelnde mathematische, geometrische
Betrachtung sich auf das Niveau der Anfänge der Wissenschaft erhoben hat.
Der ionischen Philosophie wird häufig ihr spekulativer Charakter, ihre
Uninteressiertheit an den gesellschaftlichen Problemen vorgeworfen. Diese
Beurteilung ergibt sich wahrscheinlich daraus, daB die Anhänger der traditionellen Betrachtungsweise* die Ergebnisse der neuesten historischen Forschung
nicht beriicksichtigen, nicht die Konsequenzen daraus ziehen. Wir wissen,
daB die kleinasiatischen griechischen Städte in mancher Hinsicht verwandte
Züge mit der ôstlichen Zivilisation beibehielten, und daB sie infolge ihrer
«Kiistenlage» als Zwitter teils durch das Bewahren der östlichen Tradition,
teils durch die Herausbildung des griechischen Typus gekennzeichnet waren.
Es entspricht wirklich den Tatsachen, daß die klassische antike Polis-Struktur
sich nicht hier herausgebildet hat. Daß in Ionen eine Naturphilosophie zustandekam, ist unter anderem auch eine Folge des Kontaktes mit den östlichen Kulturen. Aber das Zustandekommen der Naturphilosophie darf nicht als Nega-
34 Diese traditionelle Betrachtungsweise kommt in den Werken von G. THomson
:
Frühgeschichte Griechenlands und der
Ägäis. Berlin 1960; und A. HELLER: Az
aristotelési etika és az antik ethos (Die aristotelische Ethik und das antike Ethos). Budapest
1966. Kap. II. zum Ausdruck.
Page 19
View in PDF(opens in a new window)tivum aufgefaBt werden, wie es die traditionelle Betrachtungsweise, die Sokrates-zentrische Auffassung eingibt. Die Naturphilosophie muß man als erste
Erscheinungsform der Wissenschaft werten. Sie bezeichnet die Herausbildung
einer Denkweise von neuem Typus, jener Denkweise, die die Fachgemäßheit
der babylonischen und ägyptischen empirischen Angaben synthetisiert. Hier
wurden jene methodologischen Prinzipien ausgearbeitet, die die unumgänglichen Voraussetzungen einer Fachgemäßheit auf hoher Ebene, der Fachgemäßheit auf hoher Ebene, der Fachgemäßheit des wissenschaftlichen Systems,
darstellen. Die neuartige Fragestellung, die die Wissenschaft der Mathematik,
der Geometrie in Gang bringt, ist das historische Verdienst der ionischen Philosophen. G. Childe irrt sich, wenn er behauptet daß die Vorgänger der heutigen
Wissenschaftler die Töpfer des Altertums sind.* Die Vorgänger der heutigen
Wissenschaftler sind all die namenlosen Mathematiker, Astronomen und Geometer, deren Arbeiten in der Bibliothek des Assurbanipal gesammelt wurden,
und die sie wahrscheinlich kennenden und aufgrund dieser fachgemäßen
Kenntnisse «spekulierenden» ionischen Philosophen, die jene Grundhaltung
entdeckten, die der Wissenschaft unveräußerlich zugehört.
Ein anderer Grund für die irrtümliche Beurteilung des ionischen Denkens
ist in der Betrachtungsweise zu suchen, wonach die Syllogistik des Aristoteles
durch sein biologisches Interesse zustandekam. Die Logik des Aristoteles hätte
ohne die Ausarbeitung der beweisenden Verfahren (die hypothetische Methode
usw.), die Entdeckung der Gesetze der Logik und ohne die Existenz der formalen Betrachtungsweise nicht entstehen können. Dies jedoch wurzelt in der
ionischen Naturphilosophie, dort ist ihr Anfang zu suchen.
Die Bedeutung des ionischen Erbes besteht eben darin, daß durch das
Entdecken der Wirksamkeit der rationellen menschlichen Erkenntnis auch die
Natur in den Wirkungsbereich der Untersuchungen geriet. Und zwar so, daß
man die Ursachen, die Gründe suchte. Gerade das nahm man wahr, wodurch
die Wissenschaft zur Wissenschaft wird. Methodologisch bedeutet nämlich
die Erforschung der Antwort auf die Frage, was das Wesen oder der Grund der
Welt ist, einen Schritt von unermeßlicher Tragweite. Es stimmt nicht, daß
die Ionier nur «spekuliert» haben und nicht die Gesetze suchten. Ihre Bedeutung
besteht gerade darin, daß sie auch ohne empirische Kenntnisse Gesetzmäßigkeiten erforschten und entdeckten, die Natur in ihrer Ganzheit «so wie sie sich
gibt» (Engels) auffaßten.
Aristoteles selbst — auch wenn er die Einseitigkeit der frühen ionischen
Philosophen feststellt — sieht trotzdem in ihnen die ersten Begründer der
Wissenschaft. In seiner Metaphysik schreibt er : «Von den ältesten Philosophen
nun waren die meisten der Ansicht, daß die Ursachen von materieller Art
allein als die Prinzipien der Dinge zu gelten hätten. Das woraus alle Dinge
35 G. CHILDE: a. W.
Page 20
View in PDF(opens in a new window)stammen, woraus alles ursprünglich wird und worin es schlieBlich untergeht,
während die Substanz unverändert bleibt und sich nur in ihren Akzidenzen
wandelt, dies bezeichnen sie als das Element und als das Prinzip der Dinge...
Was dagegen die Anzahl und die nähere Bestimmung eines derartigen Prinzips
betrifft, so findet sich darüber keineswegs bei allen die gleiche Ansicht. Thales,
der erste Vertreter dieser Richtung philosophischer Untersuchung, bezeichnet
als solches Prinzip das Wasser. Auch das Land, lehrte er deshalb, ruhe auf dem
Wasser.»%6
Aristoteles greift im Geiste der eigenen Wissenschaftsauffasung auf die
Vorgänger zurück, indem er gleichsam gemeinsame Gedanken bzw. Bestätigung
bei ihnen sucht. Die Tatsache, da8 Aristoteles nach Vorfahren in den ionischen
Vorgängern sucht, ist an sich noch kein Beweis fiir unsere Behauptung, dient
aber unbedingt zu ihrer Unterstützung. Schließlich kann es kein Zufall sein,
daß die Ursache, die Gründe bzw. die Prinzipien, auf die die Gründe zurückgehen, — also alle Seiten der die Wissenschaft durchdringenden Tätigkeit,
im Sinne des Aristoteles alle Ursachen und alle Prinzipien, — eben durch die
ionischen Philosophen erhellt wurden.
Aristoteles’ Anleitung, wie man einen Gedanken bewerten, ihn aus den
ihm eigenen historischen Verhältnissen verstehen und seine Bedeutung erkennen kann, ist noch heute maßgebend: «Demzufolge müßte man annehmen, es
gebe nur eine Art des Grundes, diejenige, die man als den materiellen Grund
bezeichnet. Als man aber in diesem Sinne weiter vorging, zeigte die Sache
selbst den Forschern den Weg nach vorwärts und zwang sie, weiter zu suchen
»°?
Es scheint, daß Aristoteles klar gesehen hat, worin die Bedeutung der
ionischen Philosophie besteht; er entdeckte, daß die Ionier trotz ihrer Einseitigkeit Ursachen suchen, logische Zusammenhänge zwischen den beobachteten Erscheinungen und den davon abgeleiteten, abzuleitenden allgemeinen
Thesen finden. Der Gedanke des Thales, wonach das Urprinzip (Arche) das
Wasser ist (weil ohne es kein Leben möglich ist), stellt den ersten wissenschaftlichen Schritt dar, der deshalb getan werden mußte, damit sich diese durch und
durch neue und im Grunde richtige Methode, die Welt aus sich selbst — wir
würden heute sagen: aufgrund ihrer eigenen Gesetze — zu erklären, in der
Unendlichen oder Unbestimmten des Anaximandros («Anfang und Ursprung
des Bestehenden ist das Apeiron»)?® verallgemeinern konnte. Sehr recht hat
B. Farrington, wenn er die Gesamtleistung der miletischen Philosophen darin
sieht, daß ihre Methode richtig war, daß sie die Erscheinungen des Himmels
und der Erde im wesentlichen für identisch hielten.
Entsprechend der Hauptzielsetzung unserer Forschung stellen wir die
Frage, ob die von Thales ausgehende, erste Prinzipien forschende, begründende
38 Aristoteles, Metaphysik, Jena 1907, Übers. A. Lasson I. Buch II. 983 b
ebd.
38 VSt 1922, 2. 1. (Diog. II. 1.).
Page 21
View in PDF(opens in a new window)Tatigkeit die Basis für die Thesen, für die Ableitungen, d. h. die Beweise, — also
fiir das Erscheinen der Wissenschaft in der Geometrie — sein konnte? Unserer
Meinung nach, ja. Dieselbe Denkweise, die anstelle von Mythen eine philosophische, also wissenschaftlichen Anspruch befriedigende Erklärung der Welt
gibt, rückt die Geometrie von der Ebene der empirischen Kenntnisse weg und
ermöglicht es, daß neben dem praktischen Feldmesser auch der theoretisch
eingestellte Geometer, der Wissenschaftler, erscheint. Thales ist schon das
Symbol des Geometers von neuem Typus. Der Überlieferung nach hat Thales
von den Ägyptern die Geometrie und von den Babyloniern die Astronomie
gelernt.
Die Behandlung der griechischen Geometrie beginnen die Facharbeiten
im allgemeinen mit der Thales-Methode, der Methode zur Messung der Pyramide. Welche Vorbehalte auch in bezug auf die Kenntnisse des Thales bestehen
(diese Vorsicht wird durch den Mangel an unmittelbaren Quellen begründet),
muß man der Überlieferung doch Glauben schenken, nicht so sehr aufgrund
historischer, sondern eher logischer Überlegungen. Die Geometrie einer kaum
zwei Jahrhunderte späteren Epoche legt Zeugenschaft von einer äußerst
hohen Entwicklungsstufe, von der Vollkommenheit des mathematischen Denkens ab. Die Ergebnisse des Pythagoras, der außerordentlich hoch zu bewertende Fortschritt der Pythagoreer in der Schaffung der modernen Mathematik
und Geometrie, die Tätigkeit des Oinopides und die Stoichea des Hippokrates
von Chios usw. sind unvorstellbar, prinzipiell unmöglich ohne jene Ergebnisse,
die die Überlieferung Thales zuschreibt.
In der Beurteilung des Proklos können wir folgendes über ihn lesen :32
«Thales, der zuerst nach Ägypten gegangen war, verpflanzte diese Theorie
(die Geometrie) nach Hellas, andererseits hat er vieles selbst gefunden (edger),
den Anfang vieler Dinge (rà; doyds) aber lehrte er die Nachfahren.»
Sehen wir also die Methode zur Messung der Pyramide! Auch davon
gibt es unterschiedliche Formulierungen. Die wahrscheinlichste Version‘? ist
bei Diogenes Laertius in seiner Aufzeichnung über Hieronymus zu finden.
Danach hat Thales die Höhe der Pyramide gemessen, indem er die Länge
seines eigenen Schattens in dem Moment beobachtete, als sie der Größe seines
Körpers identisch war. Thales stellte fest, daß es einen solchen Moment gibt,
in dem die Höhe eines Gegenstandes mit der Länge seines Schattens übereinstimmt. Es läßt sich annehmen, daß er diese Erfahrung durch viele Beobachtungen auf dem Wege der Induktion festgestellt und verallgemeinert hat.
Diese Methode an sich enthält jedoch — unserer Ansicht nach — noch
kein geometrisches Theorem über die Ähnlichkeit zweier Dreiecke. D. h. diese
Methode des Thales stellt zwar ein Beispiel für die Entfernung vom Niveau
der empirischen Beobachtungen dar, bedeutet aber noch nicht das deduktive
% Proclus (ed. FRIEDLEIN) S. 65
#0 L. T. Heats: A History of Greek Mathematics. Oxford 1921. I. Band $. 129.
Page 22
View in PDF(opens in a new window)Denken, nur den Beginn desselben. Anders steht es aber mit den weiteren
Theoremen, die gleichfalls ihm zugeschrieben werden.
Die Thales zugeschriebenen Theoreme :*!
Er hat als Erster bewiesen, daß der Kreis durch den Durchmesser in
zwei Teile geteilt wird. (Proklos 157. 10.)
Er behauptet, daß die an der Basis des gleichschenkligen Dreiecks liegenden Winkel gleich sind. (Proklos 299. 1—5.)
Wenn sich zwei gerade Linien schneiden, dann sind die Scheitelwinkel
gleich. (Das übringens Euklid 1. 15.)
Eudemos schreibt in seiner Geschichte der Geometrie Thales das Theorem
zu : Wenn bei zwei Dreicken je eine Seite und die daranliegenden je zwei Winkel
gleich sind, sind die zwei Dreiecke gleich. (Euklid I. 26.)
Die Methode des Thales zur Messung der Entfernung von Schiffen vom
Ufer (Proklos 352. 14—18) schließt den Gebrauch des vorigen Theorems ein.
Nach Pamphile war Thales der erste, der sah, daß das in den Halbkreis
eingezeichnete Dreieck rechtwinklig ist. (Apollodoros führt diese Erkenntnis
auf Pythagoras zurück.)
Die Thales zugeschriebenen Theoreme, genauer den Charakter dieser
Theoreme, muß man mit
ernstlichen Vorbehalten auffassen.# Anstelle der
Formulierung «er hat bewiesen, daß» ist es zweckmäßiger, die Ausdrücke «er hat
gesehen», «er hat beobachtet» zu verwenden. In diesem Sinne schreibt Proklos,
unter Berufung auf Eudemos, über Thales. Nach Eudemos hat zwar Thales
als Erster das Theorem gefunden (tó dewonua... edenuévor pév... inò Oaloù
newtov), im Gegensatz zur Haltung von Euklid, der dies wiederum als wissenschaftlichen Beweis würdigte. (tij¢ de émornuonxÿs dnodsi~ews HE wuévov naga
TO otoryerwty)"4
Diese kritischen Anmerkungen sind unbedingt notwendig und schwächen
unsere Feststellung, daß die griechische Geometrie mit Thales ihren Anfang
genommen hat, in keiner Weise ab. Schließlich hat ja auch Euklid nicht bewiesen, daß der Kreis durch den Durchmesser in zwei Teile geteilt wird, sondern
dies lediglich nur als Tatsache behauptet. (I. Buch, XVII. Def.). Aller Wahrscheinlichkeit nach wählte er (wie Cantor auch annimmt) den halbierenden
Durchmesser aus der Aufteilung durch die Durchmesser im figuralen Bild
des Kreises auf dem Wege einfacher Beobachtung aus. Die Methode der Beobachtung ist wahrscheinlich noch in jedem hier angeführten, dem Thales
zugeschriebenen Theorem
vorhanden.
Aber diese Beobachtung ergibt sich
schon aus der konstruktiven Tätigkeit, nicht mehr aus dem bloßen Praktikum.
Darauf läßt sich auch aus der Tatsache — (genauer, aus der Formulierung,
“ebd. S. 130 —131
* ebd. S. 131
4 Proklos a. W. 299, 1—5 = VS MA 20 = Eudemos fr. 135 WEHRLI.
Page 23
View in PDF(opens in a new window)die die Uberlieferung Thales zuschreibt) —, schlieBen, daB Thales anstelle
der «Gleichheit» (í0os) der Winkel des gleichscheinkligen Dreiecks das Wort
«ähnlich» (dvdloyos) verwendet. Daraus ergibt sich die Schlußforlgerung, daß
die Anschaulichkeit der geometrischen Figuren, und nicht ihre Zahlenmäßigkeit
die Grundlage seiner Behauptung bildete. Ebenso kann man als wahrscheinlich
annehmen, daß Eudemos Thales deshalb das Theorem von der Gleichheit der
zwei Dreiecke zuschreibt, weil er glaubt, daß die Methode zum Messen der Entfernung des Schiffes vom Ufer die Kenntnis dieses Theorems voraussetzt. Nur
ist auch dies eine bloße Annahme. (Handelt es sich doch um eine bekannte
praktische Methode, die angeblich auch die Soldaten Napoleons angewandt
haben.)
Was aber den berühmten sogenannten Thales-Satz betrifft (die rechten
Winkel der in den Halbkreis eingezeichneten Dreiecke) : Wenn dies eine solche
geometrische Behauptung wäre wie ein Lehrsatz, bzw. dessen Entdeckung
wäre, dann könnte man auch annehmen, daß Thales die Tatsache kennen
mußte, daß die Summe der Winkel im Dreieck zwei rechten Winkeln entspricht.
Aus der gesamtheit von Argumenten und Gegenargumenten, den sich widersprechenden Formulierungen des Eudemos usw. zieht Heath mit Recht die
Schlußfolgerung: Thales konnte zu dem Satz kommen, ohne daß sein Wissen
in bezug auf die Winkelsumme des Dreiecks glaubhaft zu machen wäre. Die
Entdeckungen entstanden häufig durch das Aufzeichnen der verschiedenen
geometrischen Formen, auf die Weise, daß man die offensichtlichen, naheliegenden Zusammenhänge, «Ähnlichkeiten, d.h.
Gleichheiten zwischen Seiten
Winkeln usw. beobachtete. Die Behauptung von Pamphile, Thales habe Winkel
in den Halbkreis eingezeichnet und so gefunden, daß diese rechte Winkel
werden, läßt sich also akzeptieren.
Neben den oben angeführten kritischen Argumenten und Vorbehalten
muß man jedoch sehen, daß die Beobachtung in der Geometrie eine große
Rolle gespielt haben muß, das aber ist die dem theoretischen Interesse, nicht
lediglich der praktischen Messung entsprungene Beobachtung! Es zeigt sich
also die qualitativ andere Einstellung, die weiter zu entwickeln die Wissenschaft berufen ist.
Das Doppelgesicht der miletischen Geometrie stellt den Ausdruck ontologischer und philosophischer Probleme dar. Die Naturbeobachtung und die
Naturerklärung führte noch nicht zu dem Interesse an den reinen theoretischen
Konstruktionen. Herakleitos wird jener ionische Philosoph, der das Problem
schon sah und einen Unterschied zwischen den Sinnen und dem Verstand macht.
Er formulierte das Erfassen der Dinge nicht auf sinnliche, sondern andere
Weise : «Keiner von allen, deren Worte ich vernommen, gelangt dazu zu erkennen, daß die Weisheit etwas von allen abgesondertes ist.»15
“VS! 1922. 12 B 108
Page 24
View in PDF(opens in a new window)2. Die Schulen von Magna Graecia
Aus unseren sich auf Thales beziehenden Uberlegungen zeigten sich der
Anschauungscharakter der Geometrie, die empirischen Evidenzen ihrer Beweise.
Trotzdem wurden die hier auftretenden anfänglichen theoretischen Verallgemeinerungen zum Urheber der Wissenschaftsentwicklung.
In Wirklichkeit
jedoch erreichen die charakteristischen Merkmale des griechischen wissenschaftlichen Denkens in der italienischen Schule (bei den Pythagoreern und
den Eleaten) ihre Vollkommenheit.
Die ein halbes Jahrhundert nach Thales beginnende Epoche — die die
direkte Fortsetzung der ionischen Naturphilosophie und mathematisch-geometrischen Philosophie darstellt — scheint nicht nur deshalb ein unlösbares
Rätsel zu sein, weil sie die mathematischen Werke in beträchtlicher Menge,
eine Masse von originellen Arbeiten produizierte, sondern auch, weil sie in
der Wissenschaft noch heute bestehende, strenge Ergebnisse erzielte.
Auf diese Tatsache gibt weder die in der gesellschaftlichen Struktur
eingetretene Veränderung noch die sich im philosophischen Denken im Vergleich zur ionischen Epoche vollzogene Entwicklung eine Antwort. Die in der
gesellschaftlichen Struktur eingetretene Veränderung ist fast unbedeutend, da
die Städte von Magna Graecia die Traditionen der übergesiedelten ionischen
Polis bewahrten, diese weiter lebten. Wenn es auch außer Zweifel steht, daß
die gesellschaftlichen und politischen Kämpfe, der Kampf zwischen der Aristokratie und der Schicht der Handelsleute, in diesen Städten in entwickelterer
zugespitzter Form verlaufen.
Die Teilnahme an den politischen Kämpfen
zieht nämlich ein Bewandertsein in den Auseinandersetzungen nach sich,
vermittelt Diskussions- und Argumentationserfahrung, was wieder mittelbar
zur Herausbildung der wissenschaftlichen Methoden beitragen kann. Es wäre
jedoch
nicht
sachdienlich,
das
außerordentlich
abstrakte,
mathematische,
wissenschaftliche Denken unmittelbar aus solchen gesellschaftlichen Faktoren
zu
erklären.
Die
Pythagoreer entwickelten reine
mathematische Begriffe.
Völlig unempirischen Charakter trug jene Untersuchungsmethode, die für die
Pythagoreer bezeichnend war. Offensichtlich bedeutete die Ausgestaltung der
Zahlentheorie keine oder nur indirekt recht gringe Hilfe bei der Arbeit der
Schiffsbauer, Reisenden und Feldmesser. Von den sich auf das Gerade und
Ungerade beziehenden Beweisen gar nicht zu sprechen: diese konnten auf
keine Weise den täglichen Zielen der Gewerbe dienen.
Was aber den Fortschritt in der Philosophie betrifft, so setzten die
Pythagoreer die Arche-Forschung, die die ionischen Philosophen begonnen
hatten, mit Hilfe der pragmatischen Methode fort, und in gewissem Sinne
nimmt sie bei ihnen auch einen anderen Charakter an. Es fragt sich nur, ob
allein diese Tatsache das Entstehen der beweisenden Wissenschaft erklärt.
Page 25
View in PDF(opens in a new window)Wenn wir den inhaltlichen Ernst der pythagoreischen Mathematik berücksichtigen, jene strenge wissenschaftliche Form, in der sie später im Buch
des Euklid erscheint, dann muß man sagen, daß weder die Methode noch der
Inhalt der pythagoreischen Mathematik sich aus der Philosophie des Pythagoras erklären lassen.
Wenn wir aber von der glaubhaft zu machenden historischen Tatsache
ausgehen, daß Pythagoras selbst und die frühen Pythagoreer Philosophen mit
mathematischem Hang waren, dann lassen sich die Anfänge ihrer mathematischen Theorie als organischer Teil ihres allgemeinen philosophischen, kosmogonischen Weltbildes betrachten. Das reine mathematische System aber wird
später von ihnen enwickelt, daraus abstrahiert. (Nicht nur chronologische Überlegungen begründen es, daß wir zwischen Pythagoras und dem Pythagoreer
Archytas einen wesentlichen, fast epochemachenden Unterschied sehen.) Aristoteles, der die pythagoreische Theorie einem strengen Urteil unterwirft, sieht
klar, daß der Mathema-Begriff der Pythagoreer einen Lehrsatz bedeutet, ein
System, das aus Begriffen, Sätzen und Beweisen besteht. Sein Urteil richtet
sich nie gegen die Lehrsätze und ihre Beweisart, sondern es handelt vom Gepräge, dem Sachverhalt (ro ri %v elvat) der mathematischen Objekte. Davon
also, was eigentlich schon eine extra-mathematische Frage, eine der großen
Fragen der Philosophie darstellt.“
Die vom Gesichtspunkt der Entwicklung der Wissenschaft (ja, man kann
ruhig sagen, ihrer Entstehung) hervorragende Bedeutung der von der Insel
Samos nach Kroton geflohenen Pythagoras-Schule besteht darin, daß sie den
Weg, das Verfahren, die Methode entdeckte, mit deren Ergebnissen sich gewisse
Behauptungen aus anderen ableiten lassen, d. h. auf rein gedanklichem Wege
zu erfassen bzw. auf diesem Wege zu beweisen sind. Mit anderen Worten : Sie
schuf die Betrachungsweise der theoretischen Wissenschaft und entdeckte
gleichzeitig die Kraft und Wirksamkeit der Logik.
Auf die Frage aber, woher die Pythagoreer diese «Betrachtungsweise»
gewonnen haben, ist es schon sehr schwer, eine Antwort zu geben. Das theorethische Interesse gehört — wie wir gesehen haben — bereits zum Wesen
der ionischen Naturphilosophie, und es ist selbstverständlich, daß es sich in
den italienischen Schulen weiterentwickelt.
Das Ergebnis dieser Entwicklung unterscheidet sich jedoch in seinem
Wesen von den im Rahmen der ionischen Naturphilosophie erzielten Ergebnissen. Zur Illustration dessen nehmen wir unter den mathematischen Ergeb-
46 Siehe z. B. Aristoteles: Metaph. XIII. 2. 1077 b, XIV. 1. 1088 a und XIII. 8.
1083 b.
17 Die wissenschaftsgeschichtlichen Verdienste der Pythagoreer werden ähnlich
gesehen von O. REIDEMEISTER, VAN DER WAERDEN und A. SzaBÓ. In der gegebenen
Frage s. besonders: O. REIDEMEISTER: a. W.S. 52, . Szas6: The Transformation of
Mathematics... II.
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View in PDF(opens in a new window)nissen der pythagoreischen Mathematik die Lehre von dem Geraden und
Ungeraden heraus, weiterhin die größte Leistung dieser Epoche, den Beweis
über die Inkommensurabilität der Seiten und Durchmesser des Vierecks.
Die Theoremreihen, die heute als pythagoreisch gelten, enthalten zwei
charakteristische Beweisformen. Die eine ist die Rückführung des zu beweisenden Satzes auf eine früher ausgesprochene Definition oder eine einfachere
These; die andere der indirekte Beweis, d.h. der Nachweis dessen, daß es
unmöglich ist, auf das Gegenteil zu schlußfolgern. Beide Beweisarten lassen
die bewußte Anwendung von logischen Verfahren bzw. logische Kenntnisse
und deren vorbehaltlose Akzeptierung annehmen. Als Platon in seiner Politeia die gebräuchliche Praxis der
Mathematiker und Geometer zum
Ausdrücken ihrer Wissenschaft beschreibt, spricht er davon, daß diese ihre Thesen
nur auf
die zugrundegelegte Hypothese zurückführen
(entweder auf dem
direkten oder auf dem indirekten Wege), aber nicht hinter die Grundbegriffe
«dringen.
Ja, wirklich davon ist die Rede, doch bleiben wir einen Moment bei dieser
Besonderheit der pythagoreischen Denkweise. Schon früher haben wir darauf
hingewiesen, daß der sogenannte Pythagoras-Satz schon um 2000 bekannt
war und auch praktisch angewandt wurde, man hat ihn nur nicht auf Thesen
zurückgeführt. Das ließe sich auch so ausdrücken, daß man nicht versucht
hat, jene Bedingungen zu geben, die zum allgemeinen Beweis jeder mathematischen Wahrheit notwendig sind.
Wie haben das die Pythagoreer gemacht ?* Zum Beispiel: (der IX 22.
Satz des Euklid heißt) wenn man beliebige ungerade Zahlen auf die Weise
addiert, das die Zahl der Addenden gerade ist, dann ergibt die Summe eine
gerade Zahl. Der Beweis in der ebenfalls bei Euklid vorkommenden Form
geschieht ungefähr so : die fragliche These wird auf die vorhergehende, XI. 21.,
zurückgeführt, die besagt, daß die Summe einer beliebigen Anzahl gerader
Zahlen eine gerade Zahl ist. Der Ablauf der Rückführung ergibt sich folgendermafen: Von jeder der zu addierenden ungeraden Zahlen wird die Einheit
substrahiert. Die 7. Definition des Buches VII. sagt, daß die ungerade Zahl
sich um die Einheit von der geraden unterscheidet. Durch das Substrahieren
der Einheit werden die ungeraden Zahlen in gerade umgewandelt, und es wird
noch eine neue gerade Zahl gewonnen, weil man aus dem Addenden von
geraden Zahlen die Einheit substrahiert hat. (Beispiel: Addanden 3, 5, 7, 9,
aus allen vier Zahlen die Einheit substrahiert: 2, 4, 6, 8 und 4.) Die neuen
Addanden sind also immer gerade Zahlen, unsere vorhergehende These, die
48 Platon, Pol. VI. 510. C—D.
19 Die hier folgenden Beispiele, die Kommentare dazu sind zu finden bei K. v.
Fritz: Die APXAI in der griechischen Mathematik. Mathematic, Archiv für Begriffsgeschichte, Bonn 1955. VAN DER WAERDEN
: Die Arithmetik der Pythagoreer I. Math.
Ann. 120. 1947. 4, O. BECKER: Grundlagen der Mathematik. A. SzañÓ : a. W.
Page 27
View in PDF(opens in a new window)21., enthielt aber schon daß die Summe beliebiger gerader Zahlen ebenfalls
gerade ist. Damit wurde die fragliche These bewiesen.
Der Beweis der These geschah also unter Verwendung einer bedingunslos
angenommenen Definition und mit jener Logik von deduktiver Natur, daß
wenn das Vorhergehende wahr ist, auch das Folgende wahr ist, weil es sich
auf das Vorhergehende zurückführen läßt. Diese Praxis weist darauf hin,
daß die Pythagoreer wußten : beim Beweis gibt es kein regressus ad infinitum ;
es muß also solche Prinzipien, Axiome geben, die man nicht mehr beweisen
kann, bei denen man stehen bleiben muß. Das ist die Voraussetzung allen
deduktiven Denkens. Ein noch interessanteres Problem enthält die andere
— als authentisch zu bezeichnende — Form der pythagoreischen Beweise,
der indirekte Beweis. Von unermeßlichem Wert sind hier die Rekonstruktionen
von O. Becker und besonders die Arbeit von v. der Waerden, aufgrund deren
sich heute ohne Zweifel der pythagoreische Ursprung des VII. Buches von
Euklid behaupten läßt.5° Hier eine der indirekten Beweisführungen unter den
vielen: (Euklid VII. 31) Der zu beweisende Satz heißt: Der Divisor jeder
zusammengesetzten Zahl ist irgendeine Primzahl. Die zum Beweis des Satzes
notwendigen Definitionen?! aus dem VII. Buch des Euklides :
2. Def. Die Zahl ist eine aus Einheiten bestehende (endliche) Menge.
11. Def. Eine Primzahl ist die Zahl, die außer der Einheit und sich selbst
keinen Divisor hat.
13. Def. Eine zusammengesetzte Zahl ist die Zahl,
die einen echten
Divisor hat.
Der Verlauf der Beweisführung: a soll irgendeine zusammengesetzte
Zahl sein. Wir wollen beweisen, daß
ihr Divisor irgendeine Primzahl ist.
Da a eine zusammengesetzte Zahl ist, stellt sie im Sinne der 13. Definition
den echten Divisor irgendeiner Zahl 6 dar. Die Zahl b ist entweder eine Primzahl oder eine Nicht-Primzahl (zusammengesetzte Zahl). Wenn sie eine Primzahl ist, dann ist der fragliche Satz bewiesen. Handelt es sich um eine NichtPrimzahl, dann ist, wieder im Sinne der 13. Definition, irgendeine Zahl c
der echte Divisor von 6, aber dieses c ist dann auch der Divisor von a. Von c
ergibt sich wieder, daß sie entweder eine Primzahl oder eine Nicht-Primzahl
50 van DER WAERDEN macht in seiner angegebenen Arbeit mit dem Satz des
Archytas bekannt und weist nach, daß sich Archytas schon auf eine bewiesene These
beruft, welche bisher im VII. und VIII. Buch des Euklid zu lesen ist. S. 127 — 153
51 Die Bekanntgabe des Beweises: A. SzaBÓ : The Transformation... II. p. 8. 123.
Zum Gebrauch des Wortes Definition sei folgendes angemerkt. In der griechischen philosophischen Sprache ist das für die Definitionen verwendete Wort das zur Zeit des Platon
schon gut bekannte öoos. Proklos dagegen bezeichnet in seinem Euklkid-Kommentar die
«Definitionen» nicht mit dem Wort ögoı sondern mit önodecıs. Das Wort Hypothese ist
aber auch der Name der mathematischen Sätze. Und in zahlreichen anderen Zusammenhängen bedeutet die Hypothese sowohl Satz als auch Definition. Mit welcher Bedeutung die Hypothese übersetzt wird, entscheidet praktisch die Tatsache, ob die damit
verbundenen Aussagen bewiesen werden oder nicht; in diesem Falle ist das Wort Satz
die richtige Übersetzung.
Page 28
View in PDF(opens in a new window)ist. Wenn c eine Primzahl ist, haben wir den 31. Satz bestatigt. Wenn sie es
nicht ist, dann muß c einen Divisor d haben usw., bis wir die fragliche Zahl
finden, die Primzahl und Divisor von a ist. Warum sollte es unmöglich sein,
eine solche Zahl zu finden? Denn wenn wir sie nicht finden, würde es bedeuten,
daß a unendlich viele Divisioren von immer kleiner werdenden Zahlen hat.
Das aber ist unmöglich, weil es der 2. Definition widerspricht, derzufolge die
Zahl a eine aus Einheiten bestehende endliche Menge ist.
Diese Beweisführung — und dies ließe sich noch an einigen Beispielen
illustrieren — war in der griechischen Mathematik sehr verbreitet. Der Gedankengang der Beweisführung zeigt, daß es zwei Bezugspunkte gibt, der eine
ist die Definition, der andere die Unmöglichkeit der Definition zu widersprechen. Und das bedeutet, daß man wußte: Wenn die Behauptungen von der
Gestalt A und Nicht-A sind, dann können diese zusammen nicht wahr sein.
Das ist die elementare Voraussetzung jedes sinnvollen Denkens. Ohne das
wäre alles gleich, man könnte alles sagen. Aber ein solcher Beweis setzt noch
mehr voraus. Und zwar, daß die Behauptungen vom Typus A und Nicht-A
auch nicht gleichzeitig falsch sein können. Entweder ist die eine wahr oder die
andere, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Das folgende Problem besteht
darin, welche von den beiden wahr ist. An sich könnte man diese Frage nur
unter Berufung auf die Anschauung entscheiden, aber in einem Beweis ist
das nicht möglich. Und hier spielen die vorher gegebenen Definitionen eine
entscheidende Rolle. Die Behauptung, die der Definition widerspricht, wird
die irrige, und die andere, ihre Negation, wird die wahre.
Kurz: Daß die als Definition bezeichneten Thesen vorher angegeben
werden, ist der letzte Punkt, bis zu dem der Beweis gehen kann. Auf dierkte
Weise geschieht es durch die Rückführung, auf die indirekte Weise über die
Widerlegung solcher Thesen, welche die Negierung der gegebenen, angenommenen Definition darstellen.
Die
indirekte
Methode
verdient
vom
logischen
Gesichtspunkt,
vom
Gesichtspunkt der Entwicklung der Logik, besondere Aufmerksamkeit. Denn
diese Methode kann nur der verwenden, der das Gesetz des Widerspruchs und
des AusschlieBens des Dritten kennt und akzeptiert. D. h. man muß wissen,
daß entweder die gegebene These wahr ist oder ihre Negierung, eine dritte
Möglichkeit gibt es nicht. Da ein bedeutender Teil der pythagoreischen Thesen
indirekt ist, muß als Tatsache festgehalten werden, daß man im V. Jh. das
Gesetz vom Widerspruch und dem Ausschließen des Dritten gekannt hat.
Auf die Frage nun, woher die Pythagoreer diese entwickelte Logik — wir
könnten auch fragen, diese entwickelte Beweismethode — genommen haben,
existieren die unterschiedlichsten Theorien. Die interessantesten und die bedeutendsten unter ihnen sind die Theorien von K. v. Fritz und A. Szab6.5?
5 K. v. Fritz: a. W., À. SzAB6: Transformation of Mathematics... A. SzaBÓ:
Anfänge der griechischen Mathematik. Budapest 1969.
Page 29
View in PDF(opens in a new window)Die Theorie von K. v. Fritz gehört zu jenem Typus, der die griechische
Mathematik und innerhalb derselben die Logik der Beweise aus den mathematischen Untersuchungen selbst erklärt. Also z. B. aus solchen Tatsachen,
daß in den unterschiedlichen empirischen Materialien, die sich in den Kenntnissen der Ägypter und Babylonier, weiterhin in der eigenen praktischen Tätigkeit angehäuft hatte, für bestimmte Aufgaben jeweils andere Lösungen zu
finden waren. Deshalb versuchten die Griechen gleichsam Ordnung im empirischen Material zu schaffen, indem sie die Kenntnisse der Reihe nach anordneten; zuerst kamen die einfacheren, und die komplizierteren wurden auf sie
zurückgeführt. Diese Wertung ist zu akzeptieren, wenn man nur die direkten
Beweise berücksichtigt, sie sagt aber nichts darüber, durch welcher Überlegung die Pythagoreer zum indirekten Beweis kamen und damit oder davor
zur Erkenntnis des Gesetzes vom Widerspruch und der Ausschließung des
Dritten. Das wird nämlich durch das mathematische Tatsachenmaterial an
sich in keiner Weise erklärt.
Die Theorie von A. Szabé gehört zu denen, die die deduktive Mathematik (und innerhalb derselben die indirekten Beweise) für von philosophischer
Herkunft halten, und zwar für den Einfluß der aus der eleatischen Philosophie
übernommenen Methode auf die pythagoreische
Mathematik. Seine Argumente sind vollkommen stichhaltig, vor allem deshalb, weil die erste Thesenreihe deduktiven Charakters, über die wir heute verfügen, von Parmenides
stammt.
Für die Tätigkeit des Eleaten Parmenides und seiner Schule ist wirklich
bezeichnend, daß sie bei der Untersuchung der Probleme des Seins eine strengere Logik anwendeten als ihre Vorgänger, die ionischen Naturphilosophen,
und der Zeitgenosse und Widersacher Herakleitos. In der Lehrdichtung des
Parmenides kann man zum ersten Male über die logische Unterscheidung der
für das Denken möglichen Wege lesen. Der erste Weg zeigt, daß das Bestehende
ist, existiert, und daß das Nichtsbestehende nicht existiert. Das ist der richtige
Weg der Überzeugung, der zur Wahrheit führende Weg. Der zweite Weg ist,
daß was es nicht gibt, ist, und daß das Nichtexistierende notwendigerweise
auch besteht, dieser Weg ist aber unerkennbar. Weil das Nichtseiende weder
zu erkennen noch zu benennen ist. Weil Denken und Sein eins sind (to ydo aùtò
voeiv éotiv te xai elvaı)
53 Nach der Interpretation von A. Szabó hat hier Parmenides in dem «dreifachen Weg» die drei Grundprinzipien der Logik folgenderweise formuliert : 1. das Existierende gibt es, 2. das Nichtexistierende gibt es
nicht, 3. das Existierende gibt es und gibt es nicht. Das Verwerfen dieses
dritten Weges ist von ebensolcher Struktur wie der beschriebene Beweis. So,
wie Parmenides den dritten Weg verwirft, so verwirft die pythagoreische
Beweisführung den Gedanken, daß eine Zahl gleichzeitig gerade und ungerade
53 VS! 1922 18 B 5. (Parm.)
Page 30
View in PDF(opens in a new window)sein kann. Es gibt nur zwei Méglichkeiten, gerade oder ungerade, wie bei Parmenides — es gibt — oder — es gibt nicht — 4
Es tauchen allerdings Zweifel auf, ob man die Lehrdichtung des Parmenides als reine logische Konstruktion ansehen darf. Wenn nicht — da es in
dieser Epoche noch unvorstellbar wäre, von philosophischen Kategorien, absolut ohne materielle Träger, zu sprechen — dann ist die Behauptung anfechtbar,
daß die Pythagoreer eine klar ausgearbeitete Logik, die drei Grundprinzipien
übernommen, für ihr bis dahin amorphes empirisches Material verwendet
haben, und sofort Meister des indirekten Beweises waren.55
Es wäre unbescheiden, wenn wir unsererseits sachlich in die außerordentlich gründliche philologische Arbeit, die die verschiedenen Parmenides-Interpretationen zum Ergebnis hatte,5® hineinreden wollten.
Das ist auch nicht
unsere Absicht. Wir meinen aber, man müßte dieses sehr häufig und berechtig
verlautende Prinzip, daß die griechische exakte Wissenschaft aus der Philosophie entstanden ist, in seiner ganzen Vielseitigkeit auffassen.
Wie die griechische Gesellschaftsstruktur, die antike Form als Gesamtwirkung besonderer historischer Umstände zustande kam, läßt sich eine solche
Gesamtwirkung auch bei der Herausbildung der Wissenschaft, in diesem Falle
der deduktiven Mathematik, beobachten. So wurzelt z. B. die Herausbildung
der von der praktischen Notwendigkeit weit entfernten Zweige der pythagoreischen Mathematik — zahlreiche Ergebnisse der Zahlentheorie — unbedingt in
der Philosophie, genauer in der pythagoreischen Naturspekulation. Zu einer
umfassenden Erklärung der über die empirischen Untersuchungen hinausgehenden Tätigkeit dient auch die pythagoreische Philosophie selbst. Schon
allein die pythagoreische Arche-Auffassung zeigt dies. Das Arche ist die Zahl.
Auch dann ist hier schon von Anschauungslosigkeit die Rede, wenn die abstrakte Beschaffenheit der Zahl noch nicht rein, noch nicht klar zum Ausdruck
kommt, wenn man ihre Mathematik von ihrer Physik noch nicht unterscheiden
konnte. Die Kosmologie, nach der der ganze Himmel Harmonie und Zahl ist,
involviert schon die theoretische Untersuchung der Zahlenverhältnisse. Natürlich läßt sich auch der Einfluß der eleatischen Philosophie nicht leugnen,
wie umgekehrt von zahlreichen eleatischen Lehren der pythagoreische Ursprung
nachweisbar ist.
Unserer Meinung nach kann die Entstehung der griechischen Mathematik und der deduktiven Methode nicht aus einer einzigen philosophischen
Konzeption erklärt werden. Gemeinsam existierten und zeigten sich die durch
die gesellschaftliche, politische Tätigkeit gegebene Geschultheit, philosophische
Bildung und wissenschaftliche Ansprüche als unerläßliche Begleiterscheinung
“A. SzABO: Eleatica. S. 75
5 À. SzABÓ : The Transformation of Mathematics... II.
5 Siehe die Diskussion in dem Werk von R. FALUS : Parmenides-Interpretationen.
Acta Ant. Hung. 8 (1960).
Page 31
View in PDF(opens in a new window)der in der griechischen Polis herausgebildeten Traditionen. Die politischen
und gesellschaftlichen Probleme, die Probleme der Institutionen, Staatsformen,
die Beurteilung derselben — all dies trug unbedingt zur Entwicklung der
Argumentationstechnik der griechischen Denkweise bei.
Die theoretischen Konsequenzen des Kampfes zwischen der Aristokratie
und dem Demos — z. B. das Aufwerfen des Problems vouos — péois,
5? und daß
es später in der sophistischen Philosophie zum zentralen Thema wird) — beeinflu8ten entscheidend das Allgemeinwerden der griechischen Dialektik und das
Entstehen der sich
daraus entwickelnden deduktivem Argumentation. Zu
diesen auf gesellschaftlischer Ebene auftauchenden Fragen — «was ist die Wahrheit» — hat ohne Zweifel das Erscheinen der Geschichtsschreibung, die geographischen Beschreibungen, die Schilderung anderer Völker, anderer Gebräuche (so wurde z. B. der Vergleich mit den für ewig geglaubten griechischen
Gebräuchen und Sitten möglich) ernste Impulse gegeben. Besonders lehrreich
unter diesem Gesichtspunkt sind die Beschreibungen des Herodotos.5®
So zeigt sich also in der Entstehung der griechischen deduktiven Mathematik auf komplexe Weise die Notwedigkeit, in den politischen Auseinandersetzungen bewandert zu sein (die Diskussionsfertigkeit; die Ansprüche der
Gerichtsbarkeit ; die Technik, den Widersacher durch Argumente zu besiegen),
das Vorhandensein der philosophischen Richtungen, die sich aus der Natur
der Philosophie ergebene motivierende Denkweise und die theoretische Einstellung sowie das schon gewaltig angeschwollene Material der geometrischen
Kenntnisse; das glückliche Zusammenspiel des allen, d. h. die gesamtgesellschaftliche Praxis, erklärt die Herausbildung der deduktiven Wissenschaft
schon lange vor Platon. In diesem «Zusammenspiel kam in der eleatischen
Philosophie die Praxis der indirekten Denkweise mit seiner unzweifelhat kristallklaren Logik auf. Das Erkennen dieser Tatsache, ihr Herausarbeiten durch
schöne und genaue philologische Analyse ist die großartige Leistung von K.
Reinhardt und A. Szabo.
Wenn man für die logische Konstruktion des Parmenides vom «reinen
Sein» eine Erklärung sucht, so wird man sie wahrscheinlich dann bekommen,
wenn man den Grundgedanken des Herakleitos eluev te xal 00x eluev (wir sind
und sind nicht) mit der parmenidischen Grundthese td ¿ov ¿ori (das Seinde
existiert) vergleichen. Unbedingt gehört hierher der Gedanke Lenins von der
Notwendigkeit, die Prozesse der Wirklichkeit anzuhalten, um sie abbilden
zu kónnen.? Auch die Gegenüberstellung der Methoden des dies dauernde
#7 Die eingehende Behandlung der Frage findet der Leser z. B. im Werk von F.
Heinemann :
Nomos und Physis. Basel 1945, außerdem in RITOÓK
— SARKADY — SZILAGYI :
A görög kultura aranykora (Das goldene Zeitalter der griechischen Kultur). Budapest
1969., usw.
58 Besonders lehrreich ist die Analyse der Auffassung: das Gesetz achten und frei
sein, die Unterscheidung von Tugend, Armut und Tyrannei: VII. Buch, Kap. 101 —104,
weiter der Meinungsstreit über die Demokratie, VII. Buch, Kap. 80
— 84.
5 W. I. LENIN: Aus dem Philosophischen Nachlaß. Wien
— Berlin. SW 61 $. 195.
Page 32
View in PDF(opens in a new window)Bewegung und Veränderung der Wirklichkeit beobachtenden und sehenden
Herakleitos und des in den Gedanken Ordnung schaffen wollenden und damit
eine deduktive Wissenschaft hervorbringenden Parmenides läfit sich nur so
verstehen.
Besondere Bedeutung vom Gesichtspunkt der Herausbildung des griechischen wissenschaftlichen Denkens und der wissenschaftlichen Methode haben
einerseits die Entdeckung der Irrationalität und andererseits die Aporien des
Zenon.
Die irrationale Größe entdeckten die Pythagoreer über die inkommensurablen geraden Strecken. Die Beweise iiber das Gerade und Ungerade fiihrten
zur Erkenntnis der inkommensurablen Verhältnisse. Auf die Frage nämlich,
was die geometrische Mitte der 1 und der 2 ist, wäre zu antworten, man solle
das Verhältnis von Diagonale und Seite im Einheitsquadrat untersuchen, und
dann stellt sich heraus, daß sich dieses Verhältnis mit Hilfe sich heraus, daß
sich dieses Verhältnis mit Hilfe des Quotienten positiver ganzer Zahlen nicht
ausdrücken läßt. Für die pythagoreische Zahlenphysik und Zahlenphilosophie
bedeutete die Entdeckung der Inkommensurabilität einen ungeheuren Schlag.
Der Überlieferung nach versuchte man, die Entdeckung eine Weile geheimzuhalten. Der Eleat Zenon war es (in der Mitte des V. Jh.), der den Zusammenbruch der phythagoreischen Zahlenphysik schonungslos aufdeckte. Wenn man
nämlich die Diagonale und die Seite des Quadrats nicht miteinander vergleichen kann, dann kommt man nie, so oft auch die gegebenen Linien aufgeteilt
werden, auf eine ganze Zahl, mit der man das Verhältnis der zwei Längen
ausdrücken könnte. Das bedeutet, daß sich die Linien unendlich teilen lassen.
Wenn man das aber akzeptiert, dann können die Linien auch nicht aus Punkten
von endlicher Zahl bestehen. Die pythagoreische Konzeption von den Bausteinen der Welt ist also in ihren Grundfesten erschüttert worden.
Die Bedeutung der Aporien des Zenon läßt sich nur ermessen, wenn man
die Tragweite, die Wirkung von Parmenides’ Theorie für die Entwicklung der
Wissenschaft klar sieht. Hauptsächlich die Argumentationsmethode verdient
Beachtung, die die Möglichkeit für solche theoretische Konstruktionen schafft,
die sich auf der Dichotomie wahr— falsch aufbauen. Betrachten wir also jetzt,
womit Parmenides das Existieren des Seienden und das Nichtexistieren des
Nichtseienden, bzw. als Folge davon, die Unbegehbarkeit des dritten Weges
begründete. Eine ontologische Vorbedingung stellt auf alle Fälle das dar, daß
das Seiende eins ist und sich nicht in wirkliches und gedankliches Sein unterscheidet. Es muß also die Frage «was ist das, was man denken kann» gestellt
werden. Dieser Gedanke muß am allgemeinsten sein (will er doch die Welt
erklären, wie jede griechische philosophische Theorie). Dies ist das allgemeinste,
allgemeiner nicht mehr zu erdenkende Prädikat des «existiert». Auf dieser
abstrakten Ebene wird wiederum das einzige mögliche Subjekt des Prädikats
«existiert» das «Seiende». Der folgende Schritt besteht darin, die logischen
Page 33
View in PDF(opens in a new window)Konsequenz zu ziehen: Wenn sich allein nur «das Seinde existiert» als Allgemeinstes denken läßt, dann läßt sich das «nicht-existiert nicht denken (weil,
wenn man es dächte, es schon existierte). Und wenn wir jetzt in Hinsicht auf
die chronologische Unsicherheit vorsichtig formulieren und nicht mit völliger
Gewißheit behaupten, daß hier von einer bewußten Auflehnung gegen die
dialektische Denkweise des Herakleitos die Rede ist, können wir doch folgendes feststellen: Parmenides verwirft aus ontologischen Überlegungen ein solches Denken, das ein gegebenes Subjekt mit einem gegensätzlichen (behauptenden und verneinenden) Prädikat verbindet. Das involviert gleichzeitig auch,
daß er jede Berufung auf die sinnliche Wahrnehmung zurückweist (für die
sinnliche Wahrnehmung ist die Vielfaltigkeit selbstverständlich), also die Dialektik der konkreten Wirklichkeit.
Kehren wir zur Struktur der Argumentation zurück: Auf der Begriffsebene (also bei absoluter Außerachtlassung der tatsächlichen Prozesse der Wirklichkeit, dem völligen Nichtbeachten der Sinneswahrnehmung) ist nur ein
einziges Kriterium zur Entscheidung, ob etwas wahr oder falsch ist, möglich :
Die Aussagen, die sich selbst widersprechen, können nicht wahr sein. Aus der
Grundkonzeption «Das Gedachte = (ist soviel wie) das Seiende» ergibt sich,
daß es für den wahren Gedanken (d. h. das Sein) bzw. für die wahre Gedankenreihe nur eine einzige Gewißheit gibt, die logische Gewißheit. Obwohl philosophisch gesehen dieser Weg auch eine Sackgasse ist und für eine Zeit der empirischen Forschung den Weg versperrt, besitzt diese Erkenntnis vom Gesichtspunkt der Wissenschaftsentwicklung und damit der Entwicklung der Logik
eine außerordentlich große Tragweite. Es ist für jedermann selbst verständlich,
daß er nicht solche Sätze wie: «Jeder Junggeselle ist verheiratet» usw. sagt.
D. h. jeder, der sich die Sprache aneignet, vermeidet fast automatisch die
semantischen Widersprüche, ohne zu wissen, im Sinne welcher Regel der Logik
er so handelt. Die Eleaten jedoch waren unseres Wissens die ersten, die darüber
nachdachten, daß der gegensätzliche Sinn der Gedanken (z. B. der der Bewegung)
auf theoretischem Wege zu einem solchen Durcheinander führt, wie wenn
jemand die erwähnte Antinomie Junggeselle-verheiratet sagen würde. Zwar
war die Grundlage des Nachdenkens über die logischen Kritierien eine irrige
ontologische Überzeugung, sie führte aber trotzdem zur Suche nach dem
Ordnungsprinzip für das abstrakte Denken und dann zu dessen Formulierung :
Was widerspricht, ist nicht wahr. Die Wirkung dieser Erkenntnis auf den
mathematischen Beweis hat historische Bedeutung.
In der pythagoreischen Zahlentheorie wird diese Methode außerordentlich häufig angewandt. Die ontologischen Grundlagen der pythagoreischen
Philosophie ähneln denen der eleatischen. Die Zahl (also abstrakte Entität)
ist das Seiende. Was kann man über die Zahl denken? Nur das, was unwidersprüchlich ist, also von dem Geraden, daß sie gerade ist, von der Eins, daß sie
nicht mehr ist usw. Die Definition der Eins z. B., die in der parmenidischen
Page 34
View in PDF(opens in a new window)Philosophie eine große Rolle spielt, heißt : «Eins ist das, wonach jedes Ding als
eins bezeichnet wird.» Die Folge davon bedeutet, daß die Eins unteilbar ist.
Denn wenn sie teilbar wäre, wäre sie nicht eins, dann wäre die Eins viel. Dies
jedoch ist ein Widerspruch, d. h. nur die Behauptung kann wahr sein, derzufolge die Eins unteilbar ist. Hier haben wir die Erklärung dafür, warum die
pythagoreische Zahlentheorie die Brüche nicht kannte, nur die Vervielfachung
der Eins und die sich aus Einheiten zusammensetzende Menge.
Zenon hat unter Verwendung von Parmenides’ Methode folgendermaßen
zur Schaffung der deduktiven Wissenschaft beigetragen: Zenon wendet sich
gegen jene Gegner des Parmenides, die die Lehre von der Eins für lächerlich
hielten, weil sie zu Widersprüchen führt.5° Er weist nach, daß die Auffassung
des Viel auf dem Wege einer vorschriftsmäßigen logischen Ableitung noch eher
zu Widersprüchen führt. Wenn man das aus vielen Teilen bestehende Seiende
akzeptiert, dann bedeutet das aufgrund des Gedankenganges von Zenon, daß
man ein Seiendes von bestimmter (endlicher) und unbestimmter (unendlicher)
Zahl annehmen muß. Der Gang der Beweisfiihrung: Zenon akzeptiert die
Hypothese des Gegners, daß nämlich das Seiende nicht eins ist. Es sei angenommen, daß das Seiende aus zwei Teilen besteht. Wird das akzeptiert, dann
müssen die zwei Teile durch irgendeinen dritten voneinander getrennt werden.
Dann besteht das Seiende schon aus drei Teilen. Die Teile müssen wieder durch
etwas voneinander getrennt werden, d. h. das Seiende besteht aus fünf Teilen,
und so weiter bis ins Unendliche. Das jedoch ist ein Widerspruch. Aufgrund
des erlaubten logischen Verfahrens auf einen Widerspruch zu kommen, beweist
aber, daß die These falsch ist.
Die Paradoxa des Zenon wurden, wie wir wissen, von Aristoteles bewahrt.
Die Paradoxa sind berufen, Licht in die Widersprüchlichkeit des Begriffs der
Bewegung und die deshalb logische Unmöglichkeit der Bewegung zu bringen.
Seine Argumente bezeugen unanfechtbar, daß man eine Strecke von endlicher
Länge in unendlich viele Strecken von endlicher Länge aufteilen kann. Eine
Folge der Argumentation von Zenon (unabhängig davon, ob er sich darüber im
Klaren war) ist, daß sich die Konzeption, nach der die Gerade aus endlich
vielen Punkten besteht, nicht aufrechterhalten läßt. Diese Erkenntnis, zusammen mit der Entdeckung der Irrationalitàt von |/2 versetzt der mathematischen Auffassung vom Universum einen endgültigen Schlag.
Wenn wir nun die Verdienste des Zenon vom Gesichtspunkt der Entwicklung der logischen Wissenschaft zusammenfassen wollen, können wir folgendes
sagen : Zenon leitete mit Hilfe der formalen logischen Gesetze aus den Bedeutungen gewisser Begriffe deren Konsequenzen ab, und zwar enthält eine Folgerungsreihe eine These und auch deren Negation. Es sei betont, daß er von der
6° Die Charakteristik der Denkweise des Zenon, die Beweggründe seiner Argumentation, siehe im Parmenides-Dialog Platons.
Page 35
View in PDF(opens in a new window)Bedeutung des gegebenen Begriffs ausging. Diese Erkenntnis hat von Gesichtspunkt der Wissenschaftsentwicklung ungeheure Bedeutung."
Die von Zenon erschlossenen Widersprüche und die Entdeckung der
Irrationalität eröffneten neue Wege für die Entwicklung der Wissenschaft.
Da es unmöglich ist, die Paradoxa des Zenon rein theoretisch zu widerlegen, mußten die Mathematiker neue Wege suchen. In den Werken des Theaitetos, des Eudoxos und dann in den Werken des Euklid sind die Ergebnisse dieser
neuen Mathematik zu finden. Auf die Paradoxa des Zenon (z. B. die halbe
Zeit ist gleich ihrer doppelten) ist nur die Antwort möglich, daß aufgrund
empirischer Tatsachen unbeweisbare Behauptungen aufgestellt wurden, indem
man allen solchen Erscheinungen auswich, in denen die infinitesimalen Probleme auftraten. In diesem Zusammenhang stimmen wir vollkommen mit der
Theorie von A. Szabo überein, der bei der Untersuchung der Axiome 5—8 im
I. Buch von Euklid nachweist, daß einige unter ihnen nichts anderes sind,
als die empirische Widerlegung des Paradoxon von Zenon. Und zwar:
5. Die Doppelten ein und derselben Menge sind untereinander gleich.
6. Die Halften ein und derselben Menge sind untereinander gleich.
7. Die Aufeinanderspassenden sind untereinander gleich.
8. Das Ganze ist größer als der Teil.
Das sind mit Ausnahme der 8. These Behauptungen von empirischem
Ursprung und sie entstanden im V. Jh. Gerade wegen ihrer Empirik befriedigten sie die Ansprüche der Eleaten auch nicht. Trotzdem sind es diese Thesen,
die die Geometrie aus ihrer Krise herausführen und zur Grundlagenschaffung
der euklidischen Geometrie beitragen.
Die im wissenschaftlichen Sinne genommene große Lesitung des V. Jh.
ist die Entstehung der mathematischen Wissenschaften im Rahmen der Philosophie (Eleaten und Pythagoreer) und gleichzeitig auch ihr Lösen daraus,
auf dem Wege, daß man die entdeckten logischen Verfahren zu Feststellungen
mathematischer Art verwendete.
Aus ontologischen Überlegungen, manchmal schweren Irrtümern, der
völligen Ablehnung der sinnlichen Wahrnehmung entfaltet sich der axiomatische Aufbau der Geometrie. (Das Axiom ist hier Forderung. Die Axiome appellieren noch an die Anschauung. Erst später werden sie im aristotelischen Sinne
selbst auch zu evidenten Wahrheiten.)
y
€! Die in der modernen Wissenschaftsgeschichte vertretene Auffassung (z. B. bei
TANNERY, bei RUSSELL), daB die von Zenon aufgeworfenen Probleme Probleme der
Mengenlehre sind (daB zwei aktuell unendliche Mengen auch dann einander äquivalent
sein können, wenn die eine eine Teilmenge der anderen darstellt), ist wahr, nur wäre es
übertrieben zu sagen, daß dies Zenon entdeckt hat. Bei ihm ist gerade deshalb die Aussage
«die halbe Zeit ist gleich der ganzen» sinr.los, weil er die Möglichkeit des konsequenten
Aufbaus einer solchen Theorie nicht kannte, nicht kennen und nicht ahnen konnte.
Page 36
View in PDF(opens in a new window)Kurz gesagt, besteht also die Gesamtleistung der Schulen von Magna
Graecia in der Erkenntnis der drei Grundprinzipien der Logik, deren Anwendung — erst in der Arithmetik, später in der Geometrie — und sich daraus ergebend in der Ausarbeitung der Methode der indirekten Beweise, was das
Entstehen der deduktiven Mathematik bedeutet.
IV
Die Rolle Platons und der platonischen Akademie bei der Entwicklung der
Logik
Nicht nur in der antiken Überlieferung, sondern auch in der modernen
Forschung wird Platons Beziehung zur Mathematik seiner Zeit betont. Archytas war der Freund Platons, aber dasselhe berichtet die Überlieferung auch von
Eudoxos und Theaitetos, den großen Mathematikern der Epoche. Sie und
andere waren nach den Aufzeichnungen des Proklos die Lehrer des Platon
in der Mathematik und seine Schüler in der Philosophie. Die Beurteilung des
Platonismus vom Gesichtspunkt der Entwicklung der Wissenschaft ist außerordentlich extrem. Bald sieht man in ihm den Schöpfer der deduktiven Wissenschaft, bald aber etwas, was die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens
hemmt. In wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenfassungen trägt das Kapitel
Platon häufig solche Untertitel, wie : «Angriff gegen die ionische Wissenschaft»,
während
man bei Aristoteles findet: «Die Wiedergeburt der ionischen Tradition».
Das Problem, das für uns Wichtigkeit besitzt, ist, wie weitdie Entwicklung
und das Bewußtwerden der wissenschaftlichen Methoden auf dem zum logischen System des Aristoteles führenden Wege gelangt ist.
In dieser Beziehung aber müssen wir jener geistigen Atmosphäre, die
das Charakteristikum der Akademie des Platon war, eine hervorragende Bedeutung zuschreiben. Die bisher erzielten Ergebnisse und Grundlagen der Mathematik nahm man als Objekt der philosophischen Auseinandersetzungen, und
das hauptsächliche positive Ergebnis davon war, unzweifelhaft, daß
man
die Methode, die Methode der Mathematik bzw. der Wissenschaft, klärte und
bewußt machte. In dieser Beziehung leistete man der Entstehung der Logik
den größten Dienst. Die philosophische Verallgemeinerung stellt nämlich das
verbindende Kettenglied zwischen der Schaffung der deduktiven Mathematik
und dem deduktiven logischen System dar, auch dann, wenn diese philosophische Verallgemeinerung in bezug auf den Charakter der mathematischen
Kenntnisse auf einem Irrtum, auf nicht zu beweisenden ontologischen Voraussetzungen basierte. Ehe wir die Rolle Platons in der Schaffung der aristotelischen Logik untersuchen, sollen noch ein paar Worte über die Mathematiker
der platonischen Epoche gesagt werden.
Page 37
View in PDF(opens in a new window)Jene Art der Arithmetik, die wir euklidische nennen, verbindet sich mit
dem Namen des Archytas (430— 365). Boethius hat einen Beweis des Archytas
bewahrt, der im wesentlichen dem des Euklid identisch ist.
Heute bestehen keine Zweifel mehr daran, daß die im VIII. Buch des
Euklid enthaltene arithmetische Theorie von Archytas stammt. Weiterhin
wurde — nach den Forschungen von Heath — ein großer Teil des XI. Buches
über die zwei Hauptproportionen in den Elementen des Archytas schon ausgearbeitet, außerdem läßt sich diese These auch in der Lehre des Theaitetos
von den fünf regelmäßigen Körpern finden. Aufgrund der Ergebnisse von
Heath kann man heute schon sagen, daß das mathematische und geometrische
Niveau zur Zeit Platons praktisch mit dem in den euklidischen Elementen
niedergelegten identisch ist. (Der Inhalt von I.— IV. lag praktisch schon gánzlich vor, die Proportionalitätstheorie des V. Buches war im Buch des Eudoxos
bereits ausgearbeitet, die im VI. Buch befindlichen Theoreme waren im allgemeinen schon in der Proportionalitätstheorie der Pythagoreer begründet, diese,
die im VI. Buch behandelten numerischen Verhältnisse, wurden
von ihnen
benutzt. Das X. Buch vermittelt die Ergebnisse des Theaitetos über die unvergleichbaren Mengen, die im XII. Buch enthaltene Ausschöpfungs-Methode
wird Eudoxos zugeschrieben, aber schon Hippokrates von Chios hat sie in
seinem Satz — die Kreise verhalten sich so zueinander wie ihre Durchmesser —
antizipiert. Ebenfalls Schuldner von Theaitetos ist Euklid — nach Heath —
für die Beschreibung der fünf regelmäßigen Körper im XIII. Buch.)
Die bisherige Forschung läßt keinen Zweifel daran, daß in der Gesamtheit
der euklidischen Elemente wenig solches Material enthalten ist, das seinem
Wesen nach nicht in der Geometrie und Arithmetik der Platon-Zeit vorhanden
war, wenn auch die Form und Anordnung des Materials und die Methoden
sich in einigen Fällen von dem, was bei Euklid zu finden ist, unterscheiden.
Es ist jedoch nicht gleichgültig, worin der Unterschied in der Anordnung des
Stoffes bestand. Vom philosophischen und besonders vom logischen Gesichtspunkt erweist sich die Frage, ob in der Praxis der griechischen Geometrie und
Arithmetik schon vor Euklid das Verfahren verbreitet war, vor die Ableitung
unbewiesene Prinzipien zu stellen, wie dies in der Behandlung des Euklid
geschah, nicht als einerlei, sondern von grundlegender Bedeutung. Für die
Wahrscheinlichkeit, ja Gewißheit dessen lassen sich mathematikhistorische
und philosophische Argumente in gleicher Weise anführen. In erster Linie die
Praxis der Dialektik spricht für die Allgemeinheit der Methode, weiterhin die
berühmte Formulierung des Platon über die Betrachtungsweise der Geometer
und die Natur der Geometrie : «Denn ich denke, du weißt, daß die, welche sich
mit der Meßkunst und den Rechnungen und dergleichen abgeben, das Gerade
und Ungerade und die Gestalten und die drei Arten der Winkel und was dem
€ Die Beweisführung siehe: HEATH: a. W. S. 215
6° Die gesamte Abhandlung siehe HEATH: a. W.S. 216—217
Page 38
View in PDF(opens in a new window)sonst verwandt ist in jeder Verfahrensart voraussetzend, nachdem sie dies als
wissend zugrunde gelegt, keine Rechenschaft weiter dariiber weder sich noch
anderen geben zu miissen glauben, als sei dies schon allen deutlich, sondern
hiervon beginnend gleich das Weitere ausführen und dann folgerechterweise
bei dem anlangen, auf dessen Untersuchung sie ausgegangen waren.»%
Hinter dieser weit mehr als ein halbes Jahrhundert vor Euklid entstandenen Wertung des Platon läßt sich mit Recht eine solche Art von denkerischer Tätigkeit und logischen System vermuten, wie sie in den Elementen zur
Vollkommenheit gelangt ist, auch wenn keine Hoffnung darauf besteht, daß
wir jemals über zuverlässige Kenntnisse in bezug auf den Aufbau der Stoichea
des Hippokrates von Chios® verfügen werden.
Einer der hervorragenden Vertreter der durch Platon charakterisierten
Betrachtungsweise ist Eudoxos (408— 355). Seine Proportionstheorie wird als
neue Etappe in der Entwicklung der Wissenschaft betrachtet. Von ihm stellten
die verschiedenen Wissenschaftshistoriker übereinstimmend fest, daß er die
«Krise» der griechischen Mathematik überwunden hat, er war es, dessen Wirken
die neue Richtung der axiomatischen Entwicklung der griechischen Mathematik festlegte.° In den Aufzeichnungen des Proklos kann man über ihn lesen:
«...er vermehrte als erster die Vielzahl der als universal bezeichneten Theoreme und gab zu den drei Analogien noch drei andere hinzu, die aus den Ideen
des Platon stammenden Schnitte vervollkommnete er und verwendete im
Zusammenhang mit ihnen die Methode der Analyse.f?
Die epochemachende Bedeutung des Eudoxos bestand darin, daß er
unter Verwerfung der arithmetrischen Theorie der Pythagoreer eine strenge
geometrische Theorie ausarbeitete, die in ihrer axiomatischen Form jede Berufung auf eine kommensurable oder inkommensurable Menge überflüssig machte.
Mit diesem Schritt war die Geometrisierung der Arithmetik und gleichzeitig
ihre Lösung von der Philosophie geschehen. Jene rein geometrische Betrachtungsweise und Behandlungsart, die die Elemente des Euklid charakterisiert, ist schon
in der Epoche des Platon und besonders bei Eudoxos entstanden.
Eudoxos’ Methode war das sogenannte «Ausschöpfungsverfahren» (Exhaustionsmethode). Diese Methode machte das Vermeiden von infinitesimalen
Fallen möglich. Sie war die mathematische Antwort der Mathematiker der platonischen Epoche auf die von Zenon aufgeworfenen Probleme. Die zur Infinitesimal-Rechnung führenden Probleme wurden auf solche Probleme «zurückgeführt» die sich mit logischen Mitteln lösen lassen, man wich also den Schwierig-
% Platon, Politeia VI. 510 a (Ubers. : F. SCHLEIERMACHER)
$ Proklus: S. 60 «Hippokrates hat die Elemente zusammengeschrieben... Leon
hat sich mit den Elementen auch befaßt, er suchte, was zu lösen ist und was nicht.»
6 DIRK STRUIK: a. W. S. 52—53
$7 Proklos, a. W. S. 67
58 Über die Methode der Ausschópfung, die Kritik der Benennung siehe VAN DER
WAERDEN: a. W.S. 184—87
Page 39
View in PDF(opens in a new window)keiten aus. Der Beweis dessen z. B., daß der Rauminhalt eines Tetraeders V
gleich einerm Drittel des Rauminhaltes von einem Prisma mit gleicher Basis
und Höhe ist, bedeutete den Nachweis, daß V > 1/3 P und V < 1/3 P in gleicher
Weise unmöglich sind. (Hier ist von der Begründung der allgemein verbreiteten
Methode der Flächen- und Rauminhaltsberechnung die Rede.) Diese Behauptung aber beruht auf der Proportionstheorie des Eudoxos. Nach der IV. Definition des V. Buches: wir sagen, daß Mengen miteinander im Verhältnis sind
(d.h. im Bruchverhältnis), wenn multiplitziert eine die andere übertrffit.
Das ist die Grundlage für einen solchen Beweis, zu welchen wir das eingeleitete
Axiom unter der Bezeichnung Axiom des Archimedes kennen.
Einer der Nachteile jener Theorie besteht darin, daß sie nur auf bekannte
Behauptungen anzuwenden war; d.h. man mußte das Ergebnis kennen, um
es dann beweisen zu können. Das Erscheinen der historisch und für die Wissenschaftsentwicklung unausbleiblichen Methode, der definierenden axiomatischen
Methode, bedeutet den Beginn einer immer wieder aufflackernden, auch in
unseren Tagen nicht uninteressanten Debatte: Wir stehen an den Anfängen
des Wettstreites zwischen der Tätigkeit des forschenden und entdeckenden
menschlichen Geistes und der fertige Kenntnisse in exakter Form aufschreibenden Tätigkeit, d. h. zwischen der heuristischen und der axiomatischen Denkweise.
Da Platon und seine Akademie die bei Eudoxos formulierte und sich
dann bei Euklid fortsetzende axiomatische Geometrie übernommen hat und
sie zum Beweis von Problemen philosophischen Charakters anzuwenden versuchte, ist vielleicht das summarische Urteil der um die Physik, die Naturforschung, das entdeckende Denken, der um die schöpferische Mathematik
Besorgten über Platon als ein Hemmnis für die Wissenschaft oder über das
System des Euklid als eines oder das hauptsächliche Hindernis des vielseitigen
mathematischen Denkens zu verstehen.”
Es bleibt die Tatsache, daß die Methode der geometrischen Abbildung
der Größenverhältnisse, und zwar die definierende, postulierende, also axiomatische Methode diejenige ist, die die Geometrie der Platon-Epoche charakte-
69 Die Formulierung des Archimedes (in bezug auf das Eudoxos zugeschriebene
Axiom): «Wenn zwei Räume (richtiger wäre, Strecken zu sagen. A. M-Zs.) nicht gleich
sind, dann kann man den Unterschied, mit dem der größere den kleineren übertrifft, so
vielmal zu sich hinzugeben, daß er jeden endlichen Raum übertrifft.» (übernommen aus
DIRK STRUIK: a. W. S. 54)
70 Heute nehmen schon mehrere das Bestehen einer mathematischen Schule der
Demokritos-Epoche in Rivalitát mit Eudoxos und seiner Richtung an. z. B. hatte nach
Luria die sogenannte «Atommethode» gegenúber der Methode der Ausschépfung den
Vorteil, daß sie die neuen Entdeckungen erleichterte, S. LURIA: Die Infinitesimaltheorie
der antiken Atomisten. Quellen und Studien 2. 1932. 106—185. Die Annahme, daß der
Mathematiker des Altertums zwischen einer strengen aber verhältnismäßg unfruchtbaren
und einer locker begründeten aber fruchtbaren Methode wählen konnte, ist interessant
und zu verteidigen, aber das war nicht unbedingt die Alternative zwischen Idealismus
und Materialismus, wie dies DIRK STRUIK behauptet (a. W. 8. 55—56)
Page 40
View in PDF(opens in a new window)risierte. Von einer solchen Geometrie ist jetzt schon die Rede, in der man die
Raumverhältnisse völlig unabhängig von der Zahl bezeichnen, ohne Messung
untersuchen kann. B. Farring behauptet zu Recht, daß (dies jene bewußte
unabhängige Welt, geschaffen aus dem reinen Verstand,) jene Mathematik ist,
von der Platon der Meinung war, daß ihr Studium eine unerläßliche Vorbedingung des Philosophierens sei.?!
Die persönliche Rolle Platons in der Entwicklung der Wissenschaft, der
Mathematik und der Logik besteht darin, daß er — von Sokrates veranlaßt —
die Philosophie der Mathematik und die Logik begründete. Alles beides auf
die Weise, daß er sie einer philosophischen Prüfung unterzog und so das implizite Wissen der Griechen auf beiden Gebieten zu einem expliziten Wissen
machte. Die zwei Untersuchungssphären sind voneinander untrennbar, sowohl
in Hinsicht auf die Ausgangsbasis als auch auf die Methode und schließlich
das Ergebnis. Die Ergebnisse der griechischen Mathematik aus der Platon-
Epoche «offerieren» gleichsam die Erkenntnis, daß die Logik in der axiomatischen Betrachtung und dem axiomatischen Verfahren eine zentrale Rolle spielt.
Wieveil Platon von dieser Logik erkannt hat, das läßt sich unserer Ansicht
nach nicht von seiner über den Charakter der mathematischen Kenntnisse
vertretenen Auffassung trennen.
In Fachbüchern findet man häufig Behauptungen der Art, daß Platons
Bemühen, die formale Logik aufzubauen, gescheitert ist.?? Das stimmt zwar,
den Grund dafür muß
man aber im Wesen der platonischen Philosophie
(mathematischen Philosophie) suchen. Schon jetzt im voraus riskieren wir
die Behauptung, daß das Aufstellen der Thesen von der Unabhängigkeit der
Welt der Ideen und der mathematischen Welt eine solche Schranke in der
Auffassung Platons bedeutete, die von vornherein auf der gegebenen Stufe
der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung die Niederschrift
einer korrekten Logik ausschloß.
Was hat also Platon geklärt, a) in bezug auf den Charakter der mathematischen Kenntnisse und b) in bezug auf die Natur der logischen Verfahren,
Gesetze? Die Tatsache, daß Sokrates die Natur der mathematischen Erkenntnis
unter Weiterführung der pythagoreischen Tradition untersuchte, daß er in der
Mathematik die Wissenschaft des Ewigen, Unveränderlichen sah, daß er die
Methoden der Mathematik in seinen Untersuchungen ethischer Natur anwendete, findet wieder nur in den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen ihre
Erklärung. Unter anderem darin, daß die Krise der griechischen Polis in diesem
Zeitabschnitt schon offensichtlich wurde. Die Analysen des Thukydides über
den Verfall der gesellschaftlichen Moral, der Skeptizismus der Sophisten veranlaßten Sokrates, dem Skeptizismus ein Ende zu bereiten, den überraschenden
71 B. FARRINGTON
: a. W.S. 66
7 7. B. BocHENSKI: Ancient Formal Logic. North-Holland, Amsterdam, 1951.
Page 41
View in PDF(opens in a new window)Thesen des Gorgias : «Es ist nichts. Wenn etwas wäre, wäre es nicht erkennbar ;
wäre es erkennber, so wäre es nicht mitteilbar.»” entgegenzutreten. Neben
dem persönlichen Vorbild setzte er die Mittel der Wissenschaft ein. Auf die
Frage, warum er zur Verwirklichung seines ethischen Programms nicht auf
die Ergebnisse der Philosophie des Demokritos, sondern auf die der pythagoreischen Philosophie zurückgreift, bietet sich die Antwort an, daß in jener Philosophie die Mittel ausgearbeitet waren, mit deren Hilfe er den der an die Natur
appellierenden Philosophie entspringenden Relativismus
und Skeptizismus
besiegen konnte.
Der in der platonischen Philosophie zur Vollkommenheit gelangende,
und auch heute den Typus der platonischen Philosophie charakterisierende
Gedanke wurde bei Sokrates konzipiert. Er heißt: Die Produkte der mathematischen Erkenntnis und im allgemeinen deren Entitäten können ihren Ursprung nicht in den Sinnen haben. In der Natur gibt es keinen vollkommenen
Kreis, kein vollkommen gleichseitiges Dreieck oder eine solche Parallele. Der
Geometer arbeitet mit idealen Formen. Der reifen platonischen Antwort auf
die Frage «was wird durch die mathematischen Theorien beschrieben » kommt
die sokratische auf folgende Weise zuvor: Sokrates sagt, ich sehe Menschen,
ich sehe Pferde, Menschheit, Pferdeheit jedoch nicht. Die Kenntnis des letzteren
d. h. die Kenntnis der Universalien, ist die wahre Erkenntnis, welche nur auf
nicht-empirischem Wege zu erreichen ist.
Die Verdienste des Sokrates vom Gesichtspunkt der Entwicklung der
Logik bestehen mit den Worten des Aristoteles in folgendem: «Sokrates, der
sein Nachdenken auf das im Sinne der sittlichen Willensbetätigung Rechte
und Übliche richtete, und der erste war, der darüber feste allgemeine Bestimmungen zu ermitteln suchte ... also Sokrates erst suchte auf dem Wege
strenger Erörterung den Begriff der Sache. Denn was er anstrebte, war ein
Schlußverfahren,
das Prinzip des
Schlußverfahrens aber ist der Begriff.»
Zweierlei vernehmlich ist es, was man mit Recht dem Sokrates als sein Verdienst anrechnen darf: das induktive Verfahren und die begriffliche Bestimmung des Allgemeinen : beides Dinge, die die Grundlegung aller Wissenschaft
betreffen. Aber Sokrates faßte das Allgemeine noch nicht als gesonderte Existenz
auf und ebensowenig die begrifflichen Bestimmungen. Erst die Urheber der
Ideenlehre nahmen diese Verselbständigung des Allgemeinen dem Sinnlichen
gegenüber vor und nannten dann diese Art von substituierenden Wesen Ideen.»
Es ist Tatsache, daß man die erste gut aufgebaute Argumentation in
bezug auf die idealistische Auffassung der Mathematik auf dem Boden des
logischen Realismus bei Platon findet. Der Nachweis der prinzipiellen Untragbarkeit dieser Konzeption, die Ableitung der logischen Konsequenzen aus dieser
78 VS4 1922 76 B3
74 Aristoteles, Metaph. XIII. 2. 1078 b
Page 42
View in PDF(opens in a new window)Argumentation erscheint dagegen zuerts bei Aristoteles. Die platonische Konzeption taucht (abgesehen von zahlreichen Abweichungen) immer wieder auf
bei heutigen Mathematikern, wie Gödel, Russell, Church, während das sie
widerlegende Ansichtssystem z. B. durch Quine oder Kolmogorow vertreten
wird.
Bei der Untersuchung dessen, welche Rolle Platon in bezug auf die
Entstehung der Logik zukommt, stehen wir vor der sonderbaren Frage, warum
die in der platonischen Akademie eine so hohe Stufe erreichte theoretische
und methodologische Tätigkeit nicht zur Bildung einer Logik führte, in dieser
Akademie,
wo die Beweisverfahren der Mathematiker, d.h.
die deduktiv
postulierende, also axiomatisch demonstrative Verfahrensweise nicht nur implizit mathematische, sondern auch explizit philosophische Entfaltung erfuhr.
Das heißt, es war all das Wissen und die Methode vorhanden, die notwendig
ist, damit das in ihnen enthaltene logische System abstrahiert werden kann,
und — für den die Genesis der Logik Erforschenden ein subjektiver Faktor
von nicht geringer Bedeutung — auch das leidenschaftliche Interesse an der
Logik war gegeben.
Wir haben unsererseits auf die gestellte Frage die folgende Antwort
gefunden: Der «platonische» Aristoteles ist eben an dem wesentlichen Punkt
«nicht
platonisch»,
wo er den dialektischen
Syllogismus
vom
beweisenden
unterscheidet. Das bedeutet mindestens, daß zwischen den beiden Entdeckungen — (auch das mitbegriffen, daß der erste, der den dialektischen d. h. polemischen Syllogismus formulierte, Platon war) — jener Prozeß verlaufen ist,
den wir nach W. Jaeger” die stufenweise Entfernung vom Platonismus nennen
könnten. Im vorliegenden Zusammenhang unterscheiden sich die zwei Epochen
unter anderem durch die Herausbildung der aristotelischen Ontologie und die
radikale Opposition gegenüber der platonischen Ideenlehre voneinander. Die
Frage ist also: Inwiefern war die Kritik der Ideentheorie zur Ausarbeitung
der Syllogistik notwendig? Wenn wir auf diese Frage antworten, beantworten
wir auch die, warum Platon nicht das erste logische System ausarbeiten konnte.
Wahrscheinlich hat Aristoteles recht, wenn er den Ursprung der platonischen Ideenlehre mit dem Bestreben des Sokrates, die abstrakten Begriffe
zu bestimmen, verbindet. Wenn man bedenkt, daß die durch die mathematische
Entwicklung augfeworfenen philosophischen Probleme im Mittelpunkt der
Untersuchungen der platonischen Akademie standen, — und wenn man dazu
noch jene Untersuchungen nimmt, die man heute als semantische bezeichnen
würde (und deren Ausarbeitung das Verdienst der Sophisten, besonders des
Gorgias war), bekommen wir die folgende Problemreihe: Stellen wir die mit
der allereinfachsten Aussage verbundene allereinfachste Frage: Was, welche
Sache beschreibt die Äußerung: «Sokrates ist ein Mensch»? Der Terminus
5 W. JAEGER: Aristoteles. Berlin
Page 43
View in PDF(opens in a new window)«Sokrates» ist der
Name eines Menschen, des Athener Philosophen, aber wovon
ist der Terminus «Mensch» der Name?
Das Problem läßt sich sowohl in ontologischer als auch in semantischer
Form formulieren,
und Platon formuliert es auch, in seiner Ideentheorie
aber unternimmt er den Versuch, das Problem zu lösen. Man könnte diese
Lésung so summieren: Die Idee wird dort angenommen, wo man die Vielfalt
einiger Dinge mit ein und demselben Namen bezeichnet.
Das Problem irgendeines Urteils — sei es von einfacher Subjekt-PrädikatStruktur oder komplizierterer Relationsstruktur —”f allgemein formuliert, die
Frage ist, ob das Prädikat (in seinem sprachlichen Ausdruck als Substantiv,
Adjektiv oder Verb)
irgendeine Art
von
Entität
bezeichnet. Diese Frage
kann deshalb semantisch genannt werden, weil sie nach dem Verhältnis zwischen dem linguistischen Ausdruck und den Dingen fragt, auf die sich der
Ausdruck bezieht.
Bei der ontologischen Formulierung des Problems spielt das Verhältnis
zwischen dem sprachlichen Ausdruck und seiner Referenz keine Rolle. Dagegen
stellt sich die Frage — da Sokrates, Gorgias und Protagoras existieren und es
Tatsache ist, daß sie Menschen sind — ob es eine solche Entität, wie Menschheit, gibt, zu der diese alle im gleichen Verhältnis stehen. Allgemeiner ausgedrückt: wenn A. B, C gleich Y ist, gibt es dann eine solche Entität, wie
Y-heit, mit der sich jeder einzelne auf gleiche Weise verbinden läßt?
Die zwei Fragen stellen zwei Seiten ein und desselben Problems dar.
Die auf die eine gegebene affirmative Antwort wird auch auf die andere bejahend sein un umgekehrt.
Platon, der die erste Konzeption des logischen Realismus ausgearbeitet
hat, gibt natürlicherweise eine bejahende Antwort auf alle beide Fragen.??
Die durch die Prädikate bezeichneten Entitäten existieren in der intellektuellen Erfahrung,”® es gibt schön, gut, tugendhaft usw. Für diesen Typus der
Entitäten verwendet Platon die Termini der Idee, der Form.
Wenn man bei Y die fraglichen Prädikate bezeichnet, dann ist die Bezeichnung Y der Name von etwas, d.h. von irgendeiner Idee. Wenn Y eine
adjektive Bezeichnung repräsentiert, wie «wahr», «schön» usw. und die «Y-heit»
den entsprechenden abstrakten Namen, dann ergibt sich nach der Ideenlehre
als entsprechende Substituierung für Y, daß es infolge des Anteils an der Idee
der Y-heit möglich ist, daß eine Sache Y ist. Das aber bedeutet offensichtlich,
daß eine Sache dann, und nur dann, Y ist, wenn sie an der Idee Y-heit Anteil
hat. Das «Anteil haben» läßt sich ersetzen durch die Ausdrücke : «verfügt über
die Eigenschaft Y» — «ist Y». Im Sinne der gegenseitigen Implikation stellt
76 In der Auffassung dieses Problems schließen wir uns hier und im folgenden der
Konzeption von A. WEDBERG an: Platos Philosophy of Mathematics. Stockholm 1955.
7 Platon, Pol. X. 569 a bzw. Parmenides 147.
78 Platon, Pol 596 a
Page 44
View in PDF(opens in a new window)also «X ist Y» einen synonymen Ausdruck zu dem Ausdruck «X hat Anteil an
der Y-heit» dar.7?
Da bei Platon solche alltägliche Behauptungen, wie Sokrates ist ein
Mensch, sowohl im semantischen als auch im ontologischen Sinne die Ideenlehre verlangen, wie kann es dann bei ihm anders sein, wenn sich auf die Geometrie oder die Arithmetik beziehende Fragen auftauchen?
Also
solche:
Wovon handeln die geometrischen oder arithmetrischen Behauptungen? Es
versteht sich fast von selbst, daB in diesem Gedankensystem die Objekte der
Geometrie gedankliche Elemente darstellen.®°
Das gleiche läßt sich über die Arithmetik sagen, die in der Rangordnung
Platons als Erbe der eleatischen Philosophie offensichtlich vor der Geometrie
steht.81 Wenn Platon von der Arithmetik spricht, denkt er vor allem an die
Wissenschaft über das Gerade und Ungerade.® Obwohl Platon im Beweis
artihmetischer Behauptungen nicht unbewandert war (z. B. der Beweisversuch
der unendlichen Reihe positiver ganzer Zahlen, oder die Erörterung der Probleme der mathematischen Induktion im Parmenides), spielte er auf diesem
Gebiet, also in der Entwicklung der realen Wissenschaft, in der Entdeckung
mathematischer oder geometrischer Wahrheiten
keine
Rolle.
Seine Rolle
bestand in der philosophischen Verallgemeinerung der mathemetischen Methoden. Das geschah freilich wieder nur innerhalb seiner allgemeinen philosophischen Vorstellungen, sie bestimmten den Platz der mathematischen Wissenschaften in seinem System.
Die platonische Wissenschaft — «geschaffen aus dem reinen Verstand»
läßt sich auf folgende Weise in ein Modell fassen.
Die Ideenlehre in explizite Form gegossen, auf die Geometrie und auf
die Arithmetrie bezogen :°8
I.
a) Die Geometrie ist wahr.
b) Die Wahrheit der Geometrie setzt das Vorhandensein jener Objekte
voraus, die das geometrischen Begriffe wirklich erklären.
c) in der sinnlichen Welt gibt es keine solchen Objekte.
d) Deshalb existieren die idealen Fälle der geometrischen Begriffe
außerhalb der sinnlichen Welt, in der Realität der Ideen.
?* Besonders charakteristische Behandlungen des gegebenen Problems, über die
Rolle der allgemeinen Ideen finden sich in den Dialogen Parmenides, Theaitetos, Sophistes.
80 Zwischen die sich auf die sichtbare, wahrnehmbare Welt beziehende Meinung
:
dóta und die sich auf nicht wahrnehmbare Welt beziehende wirkliche Erkenntnis: voùç
führt Platon den Terminus dwvoía, eben zur Kennenlernen der Wissenschaft des Raumes
ein. Platon, Pol. VI. 510 D, V, 476 E-477B 479D.
81 Platon, Staat VI. 511 D—E, VII. 533 —534A.
82 Platon, Gorgias 453E, Pol. 510C, Theaitetos 185D—198A, Parmenides 143D
—
83 Der ganze Gedankengang wurde von A. WEDBERG : a. W. $. 62 bzw. 67 übernommen.
Page 45
View in PDF(opens in a new window)a) Die Arithmetik ist wahr.
b) Die Wahrheiten der Arithmetik setzen die Existenz jener Objekte
voraus, die wirklich an der Idee der Ein-heit, der Zwei-heit usw. in den idealen
Zahlen teilhaben.
c) In der sinnlich wahrnehmbaren Welt tritt der Fall der idealen
Zahlen nicht auf.
d) Deshalb existieren die vollkommenen Falle der idealen Zahlen
irgendwo außerhalb der sinnlich wahrnehmbaren Welt.
Diese Zusammenfassung erscheint vielleicht übereilt, da ihr keine Untersuchung der Lehre der idealen Zahlen und überhaupt Prüfung der Frage, wie
die Zahl existiert, vorausgegangen ist. Der Charakter des ägıduos sióntixos kann
im Weiteren jedoch teils in der Platon-Kritik des Aristoteles, teils in der Fixierung der platonischen Methode und logischen Ergebnisse als Hintergrund,
als ontologische Basis sowieso nicht außer acht gelassen werden.84
Richten wir im Folgenden unsere Aufmerksamkeit auf die platonische
Denkweise und die Lehrpraxis der platonischen Akademie.
Die Analyse der Technik der Dialektik, überhaupt der Methode der
platonischen Dialektik im allgemeinen, geht wieder über den Themenkreis
des von uns untersuchten Problems hinaus. Es wird lediglich von zwei, die
Dialektik charakteristisch bezeichnenden, die Methodologie der Wissenschaft
wesentlich beeinflussenden und gestaltenden Faktoren die Rede sein, von der
Rolle der önddeoıs und der diaigeatc. Die erstere zeigt eine enge Verbindung
mit der allgemeinen Praxis der griechischen Mathematik, die andere mit der
platonischen Ideenlehre.
Die
Hypothese-Konzeption
involviert,
über ihre
allgemeine wissenschaftstheoretische Bedeutung hinaus, auch die Lösung einiger logischer Probleme ; die Diärese dagegen ist mittelbar bei der Herausbildung
der aristotelischen Syllogistik, vom Gesichtspunkt des Verstehens derselben,
bedeutsam.
Nach dem Zeugnis der Dialoge bestand das hypothetische Verfahren
darin,
daß sich die Diskussionspartner in
irgendeiner
als
Ausgangspunkt
gewählten These einigten. Die «Einigung» bedeutete, daß sie diese These als
Grundlage der Diskussion akezptierten, gleich, ob sie mit ihr einverstanden
waren oder nicht. In der Mathematik der Platon-Zeit und in der platonischen
Philosophie spielt die «Hypothesis» im wesentlichen eine gleiche Rolle.®
84 Die ausführliche Untersuchung des Problems findet der Leser bei: J. KLEIN : Die
griechische Logistik und die Entstehung der Algebra. Quellen und Studien zur Geschichte
der Mathematik, Astronomie und Physik. Abt. B. B. 3. Berlin 1936. (besonders 8. 87
— 90)
J. STENZEL: Zahl und Gestalt bei Platon und Aristoteles, Berlin 1924. A. WEDBERG : a. W.
85 Über die Rolle der Hypothese in der Mathematik der Platon-Epoche und der
platonischen Dialektik findet sich eine ausführliche und ausgezeichnete Analyes in dem
Artikel von À. SzaB6 : Die Grundlagen in der frühgriechischen Mathematik (a. a. O.) und
Anfänge des Euklidischen Axiomensystems. In: Zur Geschichte der griechischen Mathematik. Darmstadt 1963.
Page 46
View in PDF(opens in a new window)Proklos benutzt die Hypothese zur Bezeichnung jener Behauptungen,
die wir in der euklidischen Geometrie Definitionen, Postulate, Axiome nennen.®®
Aber, wie schon erwähnt wurde, ist diese Methode eine weit vor Euklid verwendete Praxis, sowohl in der griechischen Mathematik als auch in der griechischen Philosophie. So kénnen wir aus dem vielzitierten «Menon»-Beispiel
sehen, daß Sokrates zur Klärung der Frage «ist die Tugend lehrbar?», seinen
Partner bittet, von einer Annahme ausgehen zu dürfen
(¿2 ómodécews...
oxoretodaı).®” Das hypothetische Verfahren besteht, ähnlich dem des Geometers, darin, daß man von einer allgemeinen Annahme ausgeht und sieht, was
sich daraus ergibt, wenn sie wahr ist, und was, wenn sie nicht wahr ist. Die
auch von uns zitierte berühmte Stelle in Platons Staat (VI. 510 C—D) zeigt
alle Zweifel ausschließend, daß die von Proklos behandelte als HypothesenAusgang gewählte nichtbewiesene Annahme zur täglichen Praxis im griechischen wissenschaftlichen Denken der Platon-Zeit gehörte.
Die allgemeine Methodologie des Ausgehens von Hypothesen enthält
allerdings ein Problem, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Zwischen der
in der Dialektik gebrauchten Ausgangsthese, der nichtbewiesenen Annahme
und der in der Mathematik verwendeten besteht nämlich ein wesentlicher
Unterschied.
Ein dialektisches Streitgespräch kann eventuell mit einer solchen Wendung enden, daß man den Ausgangspunkt faktisch aufhebt und z. B. mit einem
solchen Gedanken schließt, daß auch Sokrates nicht mit sich einverstanden
sein kann, «Aber es scheint uns doch jetzt notwendig so aus unserer Rede.»®®
Dasselbe wäre im Falle der arithmetischen oder geometrischen Hypothesen
unausdenkbar, weil ja die Widerlegung in der mathematischen Tätigkeit ihrer
Richtung und ihrem Ziel nach (selbstverständlich auf indirekte Weise) dem
Beweis solcher Thesen dient, an deren Wahrheit keine Zweifel bestehen. Es
handelt sich also um die Widerlegung solcher Thesen, die sicher falsch sind.
Die sokratische Widerlegung aber dient (besonders nach dem Zeugnis der
frühen Dialoge) in erster Linie dazu, die Menschen zu überzeugen, daß sie
in bezug auf die Fragen unwissend sind, von denen sie glauben sie zu wissen.
Also er beweist höchstens, daß es kein Wissen gibt. Es fragt sich, was der
Grund für diese Erscheinung ist.
In dem hypothetischen Verfahren besteht kein Unterschied, er kann also
nur in den gewählten Hypothesen liegen. Allerdings blinkt hier schon der
heuristische Wert des Verfahrens auf, und zwar, daß es als fehlerfindende
Methode dienen kann, aber dann — und nur dann — wenn im Zusammenhang
mit den Hypothesen die Erwartung besteht, daß sie wahr sind. Auch für Platon
wird das völlig offensichtlich, besonders in den mittleren und späten Dialogen.
86 Proklos, a. W. $. 77.
87 Platon, Menon 86E.
88 Platon, Hippias II. 376 C.
Page 47
View in PDF(opens in a new window)In zahlreichen Dialogen, an zahlreichen Stellen spricht Platon dariiber, daB
zwischen den ausgewählten Hypothesen und den zu beweisenden Thesen ein
bestimmter Zusammenhang vorliegt. Dieser bestimmte Zusammenhang bedeutet nichts anderes als die deduktive axiomatische Auffassung, im wesentlichen
die Erkenntnis der entscheidenden Rolle des logischen Weges. Das heiBt, die
Unwiderlegbarkeit der logischen Wahrheit stand klar vor Platon. Im Kratylos®®
macht er z.B. darauf aufmerksam, daß man die Hypothese gut auswählen
muß, weil das Ausgehen von irgendeiner irrtümlichen Annahme schwere Folgen
nach sich zieht, denn alles, was darauf folgt, paßt sich der zu Beginn gewählten
Annahme an, um mit sich selbst in Einklang zu bleiben. Es ist klar, daß er
darauf hinweist, daß der Gedankengang, d. h. das, was sich aus der Hypothese
ergibt, nicht widersprüchlich sein darf. Um jedoch zu ermessen, ob im Gedankengang ein Widerspruch vorhanden, oder aber der logische Weg sicher ist,
reicht die Kunst des dialektischen Streitgesprächs, die Fähigkeit des geschichkt
Diskutierenden — (der z. B. vor seinem Widersacher verbirgt, daß sich aus
der Hypothese eventuell eine Unmöglichkeit ergibt) — nicht aus.
Bei den Hypothesen der Geometrie kann jedoch in bezug auf die Wahrheit
der gewählten Thesen kein Zweifel auftauchen, und vielleicht rät Platon deshalb
in vielen Fällen, in der philosophischen Diskussionen so zu verfahren wie die
Geometer. Nur gehörte es untrennbar zum axiomatischen, deduktiven Charakter der Geometrie, daß die als Ausgangspunkt gewählten nichtbewiesenen Thesen Tatsachen sind, wie wir schon früher gesehen haben. Gerade der Beweis
von durch die Erfahrung schon bekannten Thesen — über die Ableitung von
elementaren von jedem einzusehenden Thesen — zeigt die Kraft, die Vertrauenswürdigkeit der Logik, d.h. der Methode! Und es ist nicht zufällig, daß das
für Platon das Muster darstellte, die Dialektik und die Mathematik waren
natürlichweise infolge des gemeinsamen Ursprungs ihrer Methode verwandt:
«Ich gehe immer von einer solchen Behauptung aus, als Hypothese nehme ich
jene Behauptung, die ich für besonders stark halte; wovon ich dann sehe,
daß es in Einklang mit dieser Behauptung steht, das halte ich für wahr, wovon
ich aber merke, daß es nicht in Einklang mit der vorigen starken Behauptung
steht, das werte ich als falsch „9°
Die Konsequenz aus der Hypothese schreibt Platon im allgemeinen mit
dem Wort ovupóver («in Einklang stehen») nieder, während das Gegenteil
davon dtapdvew, «kein Einklang» bedeutet, was eigentlich einen logischen
Widerspruch zwischen den beiden Behauptungen bedeutet.?!
Es fragt sich nun, wie sich herausfinden läßt, welche Behauptungen mit
welcher Hypothese in Einklang stehen oder nicht in Einklang stehen. Oder,
89 Platon Kratylos 436 d.
% Platon, Phaidon 100 c.
9 vel. À. SzañÓ: Anfänge des Euklidischen Axiomensystems. In: Zur Geschichte
der griechischen Mathematik. Darmstadt 1965.
Page 48
View in PDF(opens in a new window)mit dem heutigen Wortgebrauch : Welches sind die erlaubten Verfahren, logischen Regeln, mit denen wir unterschiedliche Thesen mit den Hypothesen
verbinden kénnen
?
Vor allem muß man sehen, daß wenn Platon von irgendeinem Beweis
sagt, daß er mathematischen Charakter trägt, er eigentlich fast immer das
indirekte Beweisverfahren zur Annahme irgend einer von ihm erwünschten
philosophischen These anwendet. Jenes Verfahren also, daß wir bei der Behandlung der methodlogischen Probleme der pythagoreischen Mathematik schon
untersucht haben. Sei es, daß die Teilnehmer am Dialog entscheiden wollen,
daß die Eins unteilbar ist, da dies den grundlegenden Ausgangspunkt der
arithmetischen Konzeption des Platon darstellt, — sei es die Frage, ob die
sinnliche Wahrnehmung und das Wissen identisch sind oder sich unterscheiden
(und wir könnten noch sehr viel Probleme anführen), immer stellen sie das
Gegenteil der für richtig «angenommenen» These auf und führen die Diskussion
so, daß sich in jedem Falle herausstellen muß: die Annahme der Hypothese
führt zu einem Widerspruch.
Dieser Widerspruch läßt sich aber nur auf die Weise konstatieren, daß
— wie wir früher schon gezeigt, haben — man für den Gedankengang die
logische Regel : eine Behauptung und deren Widerlegung können nicht gemeinsam vorkommen, für gültig halten. Weiterhin hat der indirekte Beweis nur
dann einen Wert, wenn man sicher ist, daß man nicht durch einen im Gedankengang befindlichen Fehler auf den Widerspruch gekommen ist, sondern der
Widerspruch notwendigerweise aus der Unmöglichkeit der Hypothese eintrifft, d. h. wegen der mit ihr verbundenen und als wahr angenommenen Behauptungen.
Noch immer aber steht die Frage offen, woher man jene These nehmen
soll, mit deren Hilfe es möglich ist, die Unhaltbarkeit einer These durch den
indirekten Beweis aufzuzeigen. In dem vorhin erwähnten Beispiel, das die
Frage aufwarf, ob die sinnliche Wahrnehmung und das Wissen identisch sind,
können
wir folgende
Argumentation finden,” nachdem wir
angenommen
haben, daß sie identisch sind. (Natürlich will Platon beweisen, daß sie nicht
identisch sind.) Wenn das Wissen mit der sinnlichen Wahrnehmung identisch
ist, dann ist es auch mit dem Sehen identisch. Wer etwas sieht, der weiß es
auch, wer aber nicht sieht, der weiß es nicht. Von dem Menschen aber, der
etwas sieht (und nach dem eben Gesagten auch weiß), ergäbe sich, daß wenn
er die Augen schließt, also nicht sieht, auch nichts weiß. Tatsache ist aber,
daß derjenige, auch wenn er die Augen geschlossen hat, das wissen wird, was
er vorher gesehen hat. Unserem Gedankengang nach, müßte er aber sagen,
daß er es nicht weiß. Unsere Annahme, derzufolge das Wissen der sinnlichen
Wahrnehmung identisch ist, offensichtlich zu einem Widerspruch geführt. Nach
9 Platon, Theaitetos 162 e.
Page 49
View in PDF(opens in a new window)der Terminologie des Platon ergibt sich daraus etwas Unmögliches dddvatov.
Ein moderner Logiker, ein heutiger Leser Platons wird bei dem Argument,
«Tatsache ist aber... usw.» gewiß ausrufen : «Hier liegt der Hund begraben !»,
d. h.: «es wurde eine Extraprämisse eingeführt !» Das ist aber nur für einen
heutigen Denker offensichtlich, für Platon war es nicht so. Besonders im Parmenides sieht man seinen sich auf die Art der Widerlegung beziehenden Standpunkt, die Vorstellung nämlich, daß der Widerspruch als Ergebnis der Hypothese zustande kommt. Er nimmt die Annahme (die Annahme der Gegner
des Parmenides) als selbstverständlich hin, daß die Theorie selbst ihren eigenen
Widerspruch,
(128 c)
ohne Hinzunahme jeder äußeren Prämisse, erzeugt ;
und Platons Zenon bemüht sich, den Widersachern des Parmenides zu zeigen,
daß ihre Theorie zu noch lächerlicheren Konsequenzen führt und nichts darauf
hinweist, daß die lächerliche Konsequenz aus der Verbindung der Hypothese
mit anderen (äußeren) Behauptungen stammt (136 c). Platon betrachtete die
Widerlegung als die Folgerung auf einen Widerspruch aus dem zu Widerlegenden selbst. Darauf weist auch jener Satz aus dem Phaidon hin (101a): «Wenn
sich aber einer an die Voraussetzungen selbst hielte, würdest du den nicht
gehen lassen und nicht eher antworten, bis du, was von ihr abgeleitet wird,
betrachtet hättest, ob es miteinander stimmt oder nicht stimmt.»
Hier müssen wir natürlich eine solche Unterscheidung vornehmen, die
Platon nicht vorgenommen hat, weil er es nicht tun konnte. Platon unterscheidet eigentlich nicht zwischen der Art der Widerlegung, die deshalb eine Widerlegung ist, weil die Konklusion der These widerspricht, und jener speziellen
Widerlegung, die zeigt, daß die These sich selbst widerspricht.
Aus der Tatsache, daß jede gelungene Widerlegung den Partner zwingt,
seine Meinung zu ändern, d.h. seiner früheren These zu widersprechen, zieht
Platon die Schlußfolgerung: die Widerlegung bedeutet, daß die frühere Meinung
mit sich selbst in Widerspruch steht.
Es ist klar, daß es zwei verschiedene Dinge sind, den Diskussionspartner
dahin zu bringen, daß er einsieht, seine unlängst angenommenen Prämissen
widersprechen seiner früheren Meinung, und die Widersprüchlichkeit einer
Theorie nachzuweisen.
Von den Hypothesen der Dialoge läßt sich im allgemeinen feststellen,
daß — obwohl sie die gleiche Rolle spielen, wie z. B. im pythagoreischen
Beweis die Hypothese spielte, daß «Die Seite und die Diagonale des Quadrats
kommensurabel» sind, was ebenfalls zu einer Unmöglichkeit führte — wir es
bei Platon doch eher mit solchen Behauptungen des dialektischen Meinungsstreites zu tun haben, bei denen sich eventuell auch das Gegenteil annehmen ließe,
und es möglich wäre, dazu Argumente zu suchen, um die Unmöglichkeit nachzuweisen.
93 Siehe die ausführliche Behandlung des Problems bei ROBINSON: Plato’s Earlier
Dialectic. Oxford 1953 8. 20.
Page 50
View in PDF(opens in a new window)In den platonischen Dialogen wird in zahlreichen Fallen die Beweistechnik, das hypothestische Verfahren, die indirekte Methode angewandet. Das
Wesen des Beweises besteht darin, daß die Hypothese und ihre Folgen untersucht werden. Das Ergebnis der Untersuchung zeigt dann, daß solche Behauptungen, die widersprüchlich sind, mit der Hypothese nicht in Einklang stehen.
Wenn zwischen der These und ihrer Konsequenz ein Widerspruch auftritt,
muß man die These als widerlegt betrachten. Dieser Gedanke bedeutet nichts
anderes, als die Gewährung des negativen Wahrheitskriteriums für jede beliebige Theorie. Von der bewußten Anwendung des Prinzips des Freiseins von
Widersprüchen ist es jedoch noch ein weiter Weg bis zum Auffinden des positiven Wahrheitskriteriums, der Entdeckung der gültigen Konsequenz. Trotzdem müssen wir sagen, daß diese hypothetischen Verfahren «von mathematischem Charakter», d. h. dieindirekten Beweise, vom Gesichtspunkt des Entstehens der Logik, vom Gesichtspunkt des Bewußtmachens der logischen «Praktiken» von unschätzbarem Wert sind. Zeichnet sich doch in jedem in den Dialogen verwendeten Beweis der «modus tollens» ab : Wenn A, dann B, aber nicht
B, also nicht A. Dazu gehört noch daß drei Viertel der in den Dialogen angewendeten Beweise indirekt sind.
Die kurz skizzierte platonische Praxis der Beweise und Widerlegungen
konzipiert sich in den frühesten logischen Arbeiten des Aristoteles, den Topika,
und in den SBphistischen Widerlegungen zu einer Regelsammlung.
Im Zusammenhang mit dem hypothetischen Verfahren muß vor allem
die explizite Formulierung des logischen Gesetzes, im gegebenen Falle des
Gesetzes des Widerspruchs, hervorgehoben werden. Selbstverständlich findet
sie sich noch nicht in der klaren Form wie später bei Aristoteles, aber schon in
rein umrissener Form, als Voraussetzung des logischen Denkens, der logischen
Argumentation und des logischen Meinungsstreites.TM
So sagt z. B. Sokrates in der Politeia: «Offenbar ist doch, daB dasselbe
nie zu gleicher Zeit Entgegengesetztes tun und leiden wird, wenigstens nicht
in demselben Sinne genommen und in Beziehung auf ein und dasselbe. So
daB, wenn wir etwas finden sollten, daB in diesen dies vorkommt, wir wissen
werden, daB die nicht dasselbe waren, sondern mehreres.» Und nach dem Ausspruch dieses allgemeinen Prinzips stellt er die Frage: «Ist es wohl möglich,
daß dasselbe zugleich in demselben Sinne stillsteht und sich bewegt
» worauf
Glaukons Antwort im Sinne des Prinzips lautet : «Keineswegs.»®
Die Formulierung des logischen Gesetzes geschieht in der Sophista in
einer solchen Beziehung, die auch den normativen Charakter oder den heuristischen Wert des Prinzips zeigt. Im Meinungsstreit geht es um das Beheben
der irrtümlichen Anschauungen und um die Erziehung, deren Hauptmittel
das «Ausfragen und Widerlegen» ist. «Sie fragen sie aus in dem, worüber einer
% Das Ideal der gültigen Gesetze des Denkens in Timaios 47 b.
% Platon, Pol. IV. 436 b, c.
Page 51
View in PDF(opens in a new window)etwas Rechtes zu sagen glaubt, der doch nichts sagt. Dabei forschen sie der
unsicher Schwankenden Meinung leidlich aus, welche sie dann in der Rede
zusammenbringen und nebeneinander stellen, durch diese Zusammenstellung
selbst zeigend, daB sie eine der anderen zugleich über dieselben Gegenstände
in denselben Beziehungen nach demselben Sinne widersprechen.»%
Unserer Meinung nach gehen diese Formulierungen schon darin über die
Formulierung der «drei logischen Grunsprinzipien» des Parmenides hinaus, daß
sie viel weniger ontologisch und viel eher logisch, wenn man so will, dieKriterien
des logischen Denkens, sind. Außerdem stellen sie nicht einfach Anwendungen,
wie in den bisherigen mathematischen Beweisen, sondern auch Auseinandersetzungen dar. Sie nehmen schon die Funktion des als Ausgangspunkt gewählten
Prinzips an, und es ist fast gleichgültig, ob es sich im Meinungsstreit um die
Arithmetik, die Geometrie, die Staatseinrichtung oder etwas beliebig anderes
handelt, dieses Prinzip muß angenommen werden. Mit dem heutigen Wortgebrauch würden wir sagen : die Grundlage der Diskussion bedeutet, daß man
in einem zweiwertigen logischen
System
denken und argumentieren darf.
In den platonischen Dialogen spielt bei der Anwendung der hypothetischen Methode die Diärese eine große Rolle. Viel breiter ist ihre Anwendung
aber in der platonischen Philosophie; das diäretsche Verfahren erwist sich
als außerordentlich zweckmäßig, besonders in Hinsicht auf das Schaffen eines
Systems der Ideen, ihre Ableitung von einem höheren Prinzip.
Die Diärese ist jenes Verfahren, dessen Ergebnis in der Schärfe der Begriffe, ihrer Abgrenzung und Unterordnung besteht. Man könnte also vielleicht
sagen, daß es sich hier um die Entdeckung des Gesetzes der Einteilung oder
noch eher um die Entdeckung des Prinzips der Unterordnung handelt. Eines,
und vielleicht das entscheidenste Verfahren der dialektischen Argumentationstechnik ist
die
Diärese.
Im
Sophistes wird die Frage gestellt:
«Das
Trennen nach Gattungen (ótapetodas), und daß man weder denselben Begriff
für einen anderen noch einen anderen für denselben halte, wollen wir nicht
sagen, dies gehöre für die dialektischen Wissenschaft ?»98
Diese Art von Fragestellungen und die darauf gegebenen Antworten
(abgesehen von ihrem ontologischen Wert) lassen sich vom logischen Gesichtspunkt nicht anders bewerten, denn als ein bewußtes Streben nach der Klärung
von logischen Kategorien und Verfahren.??
Unbedingt das Ergebnis dieser Tätigkeit ist, daß Platon einen klaren
Unterschied zwischen Begriff und Urteil macht. Eine Methode des Findens
% Platon, Soph. 230 b.
2° Siehe die Abhandlung des Problems der Diárese bei J. STENZEL: Zahl und Gestalt... und: Studien zur Entwicklung der platonischen Dialektik von Sokrates zu
Aristoteles. Stuttgart 1961.
98 Platon, Soph. 253 d.
% Platon gibt in seinem Phaidon (104b — 105b) ein schönes Beispiel für die Beleuchtung jenes Problems, welcher Begriff einem gegebenen Begriff untergeordnet werden
kann und welcher nicht.
Page 52
View in PDF(opens in a new window)der Definition,1°° überhaupt das Problem der Kategorieisierung, hängt ebenfalls mit der Diärese zusammen. Die Anwendung der Diärese bei der kiinstlichen Kategorisierung im Sophistes,*0l zeigt vor allem, daß Platon erkennt: Die
Bestimmung muß so beginnen, daß man den zu bestimmenden Begriff einem
umfassenderen Begriff unterordnet und durch dauerndes Zerlegen in Teile
auf dichotomische Weise zur gewünschten Bestimmung gelangt. Diese Art
der Einteilung ist in der Formulierung des Aristoteles ein schwacher Syllogismus,!° was bedeutet, daß er noch zu wünschen übrig läßt, da er das, was er
bestimmen will, annimmt oder weiß : «Das die Einteilung nach Gattungen nur
einen kleinen Teil der hier behandelten Verfahren bildet, kann man leicht einsehen; denn die Einteilung ist gleichsam ein schwacher Schluß, weil sie das,
was sie beweisen soll, voraussetzt, aber doch immer etwas von den oberen
Begriffen folgert. Gerade dieser erste Punkt wurde von allen, welche sich der
Einteilung bedienten, nicht bemerkt, und sie bemühten sich, glauben zu machen, es sei mittels der Einteilung möglich einen, Beweis für das Wesen und
das Was der Dinge zu liefern.»
Tatsache ist, daß Platon mit der Methode der Diärese, mittels der Einteilung der Begriffe, mittels des Forschens nach der Bestimmung!® logische
Probleme auf unmittelbarste Art und schon völlig aufexplizite Weise erschließt.
Das bedeutet, daß er die Bausteine der Syllogistik ganz bewußt zusammengetragen und wirklich den Weg zur Schaffung des logischen Systems bereitet hat.
Mit
der skizzenhaften Charakteristik des
hypothetischen Verfahrens
und der Diärese sollte gezeigt werden, daß Platon die in der Mathematik ausgearbeitete und in impliziter Form verwendete Logik wirklich in allgemeiner
Form anwendete und dabei zahlreiche logische Probleme auf explizite Weise,
wenn auch nur in der Form der Fragestellung, erschlossen hat.
Die bisherigen Untersuchungen beleuchteten in erster Linie die Methodologie, jetzt wollen wir noch auf solche Probleme übergehen, die sich auf
das Tatsachenmaterial der aristotelischen Logik beziehen.
In dieser Hinsicht besteht die größte Rolle Platons darin, daß er durch
die Untersuchung der Sprache die Aufmerksamkeit auf jene Strukturen lenkte,
die die Bausteine der Syllogistik, d. h. der Urteile von der Struktur SubjektPrädikat, werden.
Die Logik des Aristoteles ist eine Logik der Termini, im Gegensatz zu
der Behauptungslogik der Stoiker. Platons Rolle und Bedeutung bestand in
der Erschließung des Weges der peripatetischen Logik, gerade dadurch, daß
100 Platon, Polit. 258b, 267c.
101 Platon, Soph. 219a.
102 Aristoteles, Erste Analytik. I. 31, 46b.
103 Nach MAIER ist der obige Hinweis entscheidend für die Verknüpfung zwischen
Syllogismus und Diärese, obwohl Ross dies widerlegt und cher die Begriffsreihe als Vorläufer der Syllogistik bezeichnet. Siehe: ROBINSON
: a. W. 8. 49— 60.
108 W. D. Ross: Aristotle’s Prior and Posterior Analitics, S. 25
Page 53
View in PDF(opens in a new window)er über die Methode hinausgehend auch mit dem systematischen Zusammentragen des Tatsachenmaterials begann. Dies bestand in erster Linie darin, daß
er sich bemühte, die Struktur bestimmter Behauptungen und eigentlich jene
logischen Verhältnisse, zu klären, die dann bei Aristoteles die Grundlage der
mit Hilfe der feinen Struktur der Behauptungen vorgenommenen Folgerungen,
der Syllogistik, bilden.
Als Beginn dieser Tätigkeit ist jene großangelegte syntaktische Tätigkeit zu betrachten, die für die Sophistik und das philosophische Denken der
Platon-Epoche so charakteristisch war. Die Untersuchung der sprachlichen
Erscheinungen,
die
Entdeckung
und Charakterisierung
der syntaktischen
Kategorien bildet den organischen Teil jenes Prozesses, den wir als Grundlegung
der Logik bezeichnen.!® Da wir jedoch in Verbindung mit der Analyse der
aristotelischen Logik das Verhältnis von Sprache und Logik in seiner historischen Entwicklung ausführlich untersuchen, sollen hier lediglich die relevanten
Momente angegeben werden, die wir dann im Buch der Kategorien und in der
Hermeneutika auf einer höheren Abstraktionsstufe wieder studieren können.
Wir werden sehen, daß bei Aristoteles, anders als bei Platon, die Untersuchung
der Struktur der Behauptungen, die Prüfung der Verhältnisse der Begriffe von
rein formalem Gesichtspunkt geschieht, unabhängig vom Gehalt derselben, ja
von ihrer sprachlichen Ausdrucksform. Zur Herausblidung diees Standpunktes,
des Standpunktes der sprachlichen Logik, stellt jedoch die Gesamtheit der
Kenntnisse über die Sprache, welche wir in den Dialogen, im Kratylos und
im Sophistes des Platon gesammelt finden, eine notwendige Voraussetzung
dar.19 Eine der Hauptfragen bei der Untersuchung der Rede bedeutet die
Feststellung dessen, was das Kriterium für die Wahrheit ist, wie sich der Adyoc
zum Seienden bzw. zum Nichtseienden verhält, «denn Nichtseiendes vorstellen
oder reden, das ist doch das Falsche, was in Gedanken und Reden vorkommen
kann.»
Bei der Untersuchung der Bedingungen der verständigen Rede stellt
er fest, daB die nacheinander gesprochenen Worter «geht, rennt, schläft» und
die weiteren Verben (67a), oder «Löwe, Hirsch, Pferd» und alle aufgereihten
Substantive (övoua), mit denen die eine Handlung durchführenden benannt
werden, ein Nacheinander darstellen, aus dem sich niemals eine verständige
Rede ergeben wiirde.198
Wenn man uber die Verben mit den Substantiven vermischt, ist die
erste Verflechtung Rede, (d.h. Satz) z. B. «der Mensch lernt». Die Tatsache,
daß das Aneinanderreihen von Substantiven oder Verben keinen Satz ergeben
105 Die präsokratische Sprachphilosophie als Vorbereitung der archaischen Logik,
siehe: E. Horrmann
: Die Sprache und die archaische Logik. Tübingen 1925.
1% besonders Platon. Soph. 260
— 263 a—d.
197 a, W. 260 c.
108 a, W. 262 b.
Page 54
View in PDF(opens in a new window)kann, während dies mit ihrer Kombination möglich ist, unterstützt er auf
folgende Weise: Von verständiger Rede, Urteil, Satz (Logos) sprechen wir in
dem Fall: «Denn hierdurch macht er schon etwas kund über Seiendes oder
Werdendes oder Gewordenes oder Künftiges und benennt nicht nur, sondern
bestimmt auch etwas, indem er die Hauptwörter mit Zeitwörtern verbindet.
Darum könen wir auch sagen, daß er redet und nicht nur nennt, und wir
haben ja auch dieser Verknüpfung eben den Namen Rede beigelegt.»199
Es ist fast gleichgültig, ob wir Logos als verständige Rede, Aussage,
Satz oder Urteil übersetzen,!!° weil in der gegebenen Hinsicht, das wesentlich
ist, daß man grammatisch Substantiv und Verb miteinander verbinden muß,
in diesem Falle sind sie geeignet zur Behauptung einer Sache und, sich daraus
ergebend, wahr oder irrig.
Mit dem Gedankengang verbindet sich organisch die Analyse der Behauptung und Verneinung. Behauptung und Verneinung sind neben den Eigenschaften des Wahren und Falschen eine andere Eigentümlichkeit der Rede
(des Logos). Ergänzt sei noch, daß die Rede auch die Eigenschaft besitzt, von
etwas zu sprechen, weil es unmöglich ist, daß sie kein Objekt hat. Aufgrund
dessen muß die Aussage: «Der Theaitetos, mit dem ich jetzt rede, fliegt.»
gegenüber : «Theaitetos sitzt». als falsch bewertet werden :
ShHt
: «Und die wahre sagt doch das Seiende von dir, das es ist?
:Ja
: Und die falsche von dem Seienden Verschiedenes?
: Ja
: Also das Nichtseiende sagt sie aus als seiend
?
: Beinahe.
1
Nachdem sagt der Gast über den Satz «Theaitetos fliegt»: F: «Als von
dir also aussagend, aber aussagend Verschiedenes als Selbes und Nichtseiendes
als seiend, wird eine solche aus Zeitwörtern und Hauptwörtern entstehende
Zusammenstellung wirklich und wahrhaftig eine falsche Rede.»!!2
In diesem Philosophieren ist es nicht schwer, die spätere Aussage im
Buch der Kategorien zu entdecken : «Die Worte werden entweder in Verbindung oder ohne Verbindung gesprochen. Jede der hier genannten Kategorien
enthält an sich weder eine Bejahung noch eine Verneinung; aber durch die
Verbindung derselben miteinander entsteht eine Bejahung oder Verneinung.
Jede Bejahung oder Verneinung ist entweder wahr oder falsch, aber Worte,
die ohne Verbindung gesagt werden, sind weder wahr noch falsch, z. B. Mensch,
199 ebd. 262 d.
110 Die Übersetzung des gegebenen Textteiles könnte auch heißen; «dieser Verknüpfung haben wir den Namen Urteil beigelegt.»
N ebd. 263 b—d.
112 ebd. 263 d.
Page 55
View in PDF(opens in a new window)weiß, läuft, siegt.»18 Und es ist anzunehmen, daß in der obigen Abhandlung
Platons auch die Wurzel für eine der prägnantesten Wahrheits-Definitionen des
Aristoteles liegt: «Das Sein aber als das Wahrsein und das Nichtsein als das
Falschsein ist in einem Falle, wo Gegenstand und Bestimmung in der Aussage
verbunden sind wie in der Wirklichkeit, wahr, und wenn die in der Wirklichkeit vorhandene Verbindung verneint wird, falsch.»1!4
Wenn wir jetzt abschließend die Ergebnisse der griechischen Logik unmittelbar vor dem Wirken des Aristoteles und darin die Rolle Platons in einigen Gedanken zusammenfassen wollten, würden wir folgendes hervorheben
:
Bis zur Zeit Platons stand die deduktive axiomatische Mathematik mit
ihrer durch die begriffliche Präzisität
klar zu umreißenden Methodologie
bereit. Platon versuchte, die deduktive axiomatische Methode philosophisch
zu beschreiben (und auch die Philosophie mit Hilfe dieser Methode zu beschreiben). Das Ergebnis: die definitionsartige Formulierung von Denkgesetzen,
besonders die des Gesetzes des Widerspruches.
Die Methode der Diärese ermöglichte die Klassifizierung, Unterordnung
der Begriffe, die Einteilung des Genus in Spezies, indem man feststellt, welche
das Subjekt ist, dieses weiter aufs neue eingeteilt; das wurde zum Ursprung
des Syllogismus.
Bei der Untersuchung der sprachlichen Fakten, stellte Platon deren
Typen fest, beim Studium der einfachsten sprachlichen Strukturen und des
Verhältnisses der Sätze gelangte er auf das Gebiet der Logik, und er hat die
Elemente der Logik der Termina bewußt zusammengetragen, auch auf sie
die schon bewußten logischen Gesetze und Verfahren angewandt.
Für Aristoteles war also — über die Beschreibung der sprachlichen Strukturen, durch die Feststellung der Grundgesetze der Logik und die Erschließung
der beweisenden Verfahren der Wissenschaft — bedeutendes Kenntnismaterial
und eine Methodologie gegeben. Aristoteles konnte von den gut bereiteten
Grundlagen durch die Schaffung der Syllogistik solche Gipfel der Wissenschaft
erreichen, wie es in der Geschichte des menschlichen Denkens einmalig ist.
In Hinsicht auf seine Syllogistik, die Klarheit und Geschlossenheit der Begriffe war er selbst durch die Geometrie des Euklid nicht zu übertreffen.
Philosophie — Mathematik — und das Wissen über die Sprache (darunter
ist die Gesamtheit von Tatsachenmaterial und Methodologie zu verstehen)
waren die Quellen, aus denen die griechische deduktive Logik in ihrer unvergleichlichen Schönheit hervorgegangen ist.
Unser Ziel war, die deduktive Logik des Aristoteles aus dem deduktiv
axiomatischen Aufbau der griechischen Wissenschaft zu erklären. (Dies hat
die historische Forschung bisher noch nicht im erforderlichen Maße versucht.)
113 Aristoteles: Kategorien 2. 1 a und 4. 2a. 5
11 Aristoteles: Metaph. IX. 10. 1051 b.
Page 56
View in PDF(opens in a new window)Wir hoffen, daB sich aus den hier dargelegten Gedanken ergibt : welches
entwickelte und exakte wissenschaftliche Denken notwendig war, welch hohes
Niveau die Wissenschaft erreichen mußte, damit das erste logische System
zustandekommen konnte.
Die Leistung des voraristotelischen Erbes :
Auf explizite Weise wurden die Grundregeln der Logik formuliert: als
Folge davon gebrauchte man die direkten und indirekten Formen der deduktiven logischen Verfahren auf implizite Weise. Die große historische Tat des
Aristoteles besteht darin, daß er die implizite Logik zu einer expliziten machte ;
d. h. er schuf eine der Theorien der deduktiven logischen Verfahren, die Lehre
von den syllogistischen Schlußfolgerungen. Er hat also jene Bedingungen angegeben, unter denen man im Falle wahrer Aussagen von gewisser Zahl und
Struktur immer eine wahre Konklusion bekommt.
Budapest.