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Brunelleschis Domkuppel, Pythagoras und Fibonacci
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»Il cupolone«, die große Kuppel, wie die von 1420 bis
chitekturgeschichte, das von der Verwirklichung eines
1436 erbaute Vierungskuppel des Florentiner Domes
seit 1367 geträumten Traumes kinder und die Fachwelt
S. Maria del Fiore als Mutter aller nachantiken Großin Atem hielt und hält.” Denn nach wie vor ist ihre Erkuppeln genannt wird, gilt noch heute als ein Wunderwerk (Abb. 1). Wenn man bedenkt, tiber welch beschränkte technische Möglichkeiten ihr Architekt und
Konstrukteur Filippo Brunelleschi (1377-1446) nach
heutigen Maßstäben verfügen konnte, sucht ihre bauliche Kúhnheit in der Tat ihresgleichen.’ Mit ihren 45 m
im Durchmesser und 88 m Scheitelhóhe' ist sie überdies die größte jemals aus Stein gemauerte Kuppel. Ihre
Entstehung ist eines der aufregendsten Kapitel der Ar-
“ Mein herzlicher Dank an dieser Stelle an Dr. Christof
Hangkofer, München, für die zahlreichen Gespräche über
die Kuppel, insbesondere über die Bedeutung von Loten
und den Einsatz mathematischer Vermessungsmethoden.
Im Folgenden werden nur ungefähre Maße genannt, da in
der Forschungsliteratur die Angaben teilweise erheblich
differieren. S. dazu u.a. Howard Saalman, Filippo Brunelleschi. The Cupola of Santa Maria del Fiore, London 1980
(mit Angabe der älteren Literatur), S. 244.
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Brunelleschis Domkuppel, Pythagoras und Fibonacci
»Il cupolone«, die große Kuppel, wie die von 1420 bis
chitekturgeschichte, das von der Verwirklichung eines
1436 erbaute Vierungskuppel des Florentiner Domes
seit 1367 geträumten Traumes kündet und die Fachwelt
S. Maria del Fiore als Mutter aller nachantiken Großin Atem hielt und hält.2 Denn nach wie vor ist ihre Erkuppeln genannt wird, gilt noch heute als ein Wunderwerk (Abb. 1). Wenn man bedenkt, über welch beschränkte technische Möglichkeiten ihr Architekt und
* Mein herzlicher Dank an dieser Stelle an Dr. Christof
Konstrukteur Filippo Brunelleschi (1377-1446) nach
Hangkofer, München, für die zahlreichen Gespräche über
die Kuppel, insbesondere über die Bedeutung von Loten
und den Einsatz mathematischer Vermessungsmethoden.
! Im Folgenden werden nur ungefähre Maße genannt, da in
der Forschungsliteratur die Angaben teilweise erheblich
differieren. S. dazu u.a. Howard Saalman, Filippo Brunelleschi. The Cupola of Santa Maria del Fiore, London 1980
heutigen Maßstäben verfügen konnte, sucht ihre bauliche Kiihnheit in der Tat ihresgleichen.” Mitihren 45 m
im Durchmesser und 88 m Scheitelhöhe! ist sie überdies die größte jemals aus Stein gemauerte Kuppel. Ihre
Entstehung ist eines der aufregendsten Kapitel der Ar-
(mit Angabe der älteren Literatur), S. 244.
Página 3
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)bauung von Geheimnissen umgeben, zentrale Fragen
sind immer noch unbeantwortet. Bis heute sind die
Verfahren nicht bekannt, mit denen Brunelleschi die
Kuppel während ihrer Entstehung vermaß, auch wenn
hierzu mehrere Hypothesen vorgestellt wurden.3 Je
mehr es gilt, solch ein im wörtlichen wie übertragenen
Sinne herausragendes Bauwerk zu schützen, und für
die Florentiner Domkuppel trifft dies in besonderem
Maße zu, desto mehr sollte indes über Art und Weise
ihrer Entstehung bekannt sein.
I. Vorgeschichte
Dimensionen und Form waren im Wesentlichen durch
ein Modell aus dem Jahr 1367 festgelegt. Der Tambour
sollte bei einer Höhe von 89 braccia (52 m, 1 braccia
= 0,584 m) enden, die Kuppel dann 55 braccia (32 m)
aufsteigen, so dass sich vom Vierungsboden bis zum
Kuppelscheitel eine Gesamthöhe von 144 braccia ergab
(84,1 m). Diese Maße wurden dann allerdings nicht eingehalten. Die Oberkante des Tambours liegt bei 54,3 m;
die Kuppelhöhe misst 33,7 m und die Gesamthöhe
88 m. Die Abweichungen wurden hauptsächlich durch
den zu hoch geratenen Tambour verursacht, der statt
9,9 m im Modell 13 m Höhe erreicht. Das Modell sah
kein Rundgewölbe, sondern ein achteckiges Kloster-
2. Florenz, Schnitt der Domkuppel durch die Ecken
des oktogonalen Klostergewölbes und mit offenem
Scheitel für die spätere Laterne (Dieses Schema wird
im Folgenden beibehalten). In fünf Teile geteilter
Durchmesser mit Konstruktionspunkten des quinto
acuto (Q). Bei den Kuppelschalen Ausrichtung der
Bauglieder nach dieser Kriimmung. r = Radius des
quinto acuto (= 36 m). a = zum Kuppelscheitel hin
kontinuierlich ansteigender Neigungswinkel der
Kuppelschalen, identisch mit dem Anstiegswinkel
zwischen Radius des quinto acuto und Basislinie
der Kuppel
gewölbe vor, das eine eingeschriebene Halbkugel deutlich überragen sollte. Zur Ausführung kam das schon
1367 vorgesehene Profil des so genannten quinto acuto,
Den Modellentwerfern diirfte jedoch bewusst geweeine in der Gotik häufig verwendete geometrische Fisen sein, dass der Plan fiir ihre Méglichkeiten utopisch
gur, die folgendermaßen entsteht (Abb. 2, 3): Der Gewar. Sie setzten auf Gottvertrauen und hofften auf die
wölbedurchmesser, bei der Florentiner Domkuppel
durch die Ecken gemessen (45 m), wird in fünf gleiche
Teile geteilt. Vier dieser Teile bilden den Radius der
Kreisbögen, auf denen bei »il cupolone« die Eckrippen
liegen. Der Radius des quinto acuto bei der lichten
Kuppelweite beträgt also 36 m (45:5 = 9; 9 x 4 = 36),
und der Abstand vom Mittelpunkt der Kuppel zu den
Konstruktionspunkten des quinto acuto beträgt 13,5 m
(45 : 2 = 22,5; 22,5 - 9 = 13,5).
Sodann präferierte man schon 1367 eine Kuppel ohne
äußere Stützen (Strebepfeiler) und offenbar auch aus
berechtigten Gründen der Gewichtsersparnis statt einer massiven eine zweischalige Bauweise.
* Die Geschichte über die Kuppel und ihren Architekten
Brunelleschi wurde jüngst sogar zum Bestseller. Ross
King, Brunelleschi’s Dome, London 2000. Zitiert wird im
Folgenden nach der deutschen Ausgabe (R. King, Das
Wunder von Florenz. Architektur und Intrige: Wie die
schönste Kuppel der Welt entstand, München 2001).
3 Diese sind zusammengefasst in: Thomas Krämer, Die
große Kuppel von Florenz, Stuttgart 2001, S. 76ff., sowie
in: Andrea Chiarugi, La Cupola del Brunelleschi: problemi di tracciamento e costruzione; il modello dell’ ACMAR, in: INARCOS. Ingegneri Architetti Costruttori,
Juni-September 1984; Demore Quilghini, La Cupola del
Brunelleschi: la geometria, in: ebd.
4 Auch diese Maße sind nur als ungefähre Angaben zu verstehen.
Página 4
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)den zwei
ugen und Bauglieder beit (M)
er Ausrichtung der Stoßf
Grundriss mit radial
3. Florenz, Domkuppel.
und Konlpunk
Mitte
Stern,
er
rablig
Achtst
acuto.
= Konstruktionspunkte des quinto
Kuppelschalen. Q
s des quinto acuto
struktionspunkte des quinto acuto (Q) waren im Vierungsboden markiert. r = Radiu
(= 36 m). Nach Krämer 2001.
schließlich durchsetzen. Mit seinen exzeptionellen Vorin einem Modell präsentierte,
ren vermochte. Im Jahr 1418 schrieb die Dombauhiitte, schlägen, die er auch
für die Ausführung angevorher
was
alles,
die Domopera, einen Wettbewerb aus, um den Traum stellte er
n. Die Frage, welche
Schatte
den
n war, in
von der Kuppel endlich Wirklichkeit werden zu lassen, dacht worde
storische Forschung ernsthaft lange Zeit
oder pragmatisch ausgedrückt: um das riesige Loch im die kunsthi
h umgetrieben hat, ob die Kuppel noch goDom endlich schließen zu können. Nach zahlreichen hauptsächlic
doch schon der Renaissance angehört,
und hitzigen Debatten konnte sich Brunelleschi tisch ist oder
Ankunft eines Architekten, der ihr Modell zu realisie-
Página 5
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)4. Florenz, Domkuppel. Stereometrischer Schnitt durch die
zweischalige Kuppel in Saalman
1980 nach Hans Siebenhiiner:
Schnitt durch die Ostwange.
Südostwange (in gestrichelten
Linien) mit Aufstieg bis zur
Laterne. Súdwange mit Treppenanlagen, den Zwischenrippen
und den Reihen der Horizontalbögen. Südwestwange mit den
Durchgängen durch die Rippen
auf verschiedenen Ebenen.
sollte angesichts dieser Leistung ein für alle Mal abge-
Insgesamt 24 Rippen, acht Hauptrippen in den Ecken
hakt werden.
und je zwei Nebenrippen pro Gewölbewange, bilden
das vertikale Skelett beider Kuppelschalen. Die acht
Haupt- oder Eckrippen treten an der Außenschale
II. Grundzüge der Kuppelstruktur und der Ausführungsvoraussetzungen
plastisch hervor und wurden mit Platten aus weißem
Marmor verblendet (Abb. 1). Der horizontalen Verfestigung dienen bei der inneren Schale in das Mauer-
Brunelleschi sah ein durchdachtes System aus Vertikalwerk eingebettete Ketten aus Sandsteinbalken und ein
und Horizontalverstrebungen fiir die bis zur Laterne
hölzerner Ringanker und bei der äußeren Schale kombegehbare, zweischalige Kuppel vor (Abb. 4), ein System, das zu Baubeginn im Jahr 1420 in einem 12-
pakt gemauerte, horizontale Ziegelsteinbögen. Die mit
Punkte-Bauprogramm schriftlich fixiert wurde.
Eisenbahngleisen vergleichbar - längs und quer verlegt,
Eisenklammern verbundenen Sandsteinbalken sind —
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)immer größer wurde. Die höchsten Ziegelschichten der
cupola neigen sich in einem steilen Winkel von 60 Grad
nach innen. So abenteuerlich dieses Vorgehen zunächst
anmutet: Es ist von großem Vorteil, da die nach unten
geneigten Steine sich gegenseitig abstützen und am Abgleiten hindern können. Die auf diese Weise gemauerten Steinschichten halten sich also selbst.
Doch wie sollten die fraglos entscheidend verbesserten Mauertechniken zur Anwendung kommen? Die
Kuppel setzt erst bei Schwindel erregenden 54,3 m
Höhe an! Diese Höhe war mit Abschluss des Tambours
über der Domvierung erreicht worden, der von 1410
bis 1413 mit einer Mauerstärke von 4,5 m und knapp
13 m Höhe errichtet worden war. Und - wie sollten
die über 20000 Tonnen Material hinaufbefördert
werden, die für den Bau der Kuppel benötigt wurden?‘
Brunelleschis Lösungsvorschläge irritierten zunächst
zutiefst und brachten ihm sogar den Ruf eines Schwätzers und Narren ein. Ganz selbstverständlich waren die
Meister des Modells von 1367 und mit ihnen die Verantwortlichen der Domopera im Jahr 1420 davon ausgegangen, dass die Kuppel mit Hilfe von hölzernen
Lehrgerüsten, die auf dem Boden der Vierung verankert sind, errichtet werden sollte. Brunelleschi hingewobei die quer verlegten wie auch alle anderen quer gegen sah keinerlei Lehrgerüste vor (»sanza alcuna armasetzten Elemente radial zur Mittelachse der Kuppel
dura«), sondern stattdessen Arbeitsplattformen, die an
ausgerichtet sind, so wie Speichen in Richtung Radnabe
den bereits errichteten Mauerringen — zuerst also am
(Abb. 3),
Tambour - befestigt wurden. Von ihnen aus wurden die
Um die innere Stabilität der beiden Kuppelschalen zu
nächsten Steinschichten gemauert, die dann wieder den
gewährleisten, revolutionierte Brunelleschi die Mauertechnik. In den oberen Partien, ab 14 m Kuppelhöhe,
5 Das Konstruktionssystem wird im Folgenden nur so weit
kam der so genannte Fischgrätverband zum Einsatz
resümiert, wie es für die Argumentation erforderlich ist.
Grundlegend hierzu wie auch zu Vorgeschichte, Bauorganisation, Logistik, zur praktischen Umsetzung, Rezeption, etc.: Saalman (wie Anm. 1) sowie jüngst Salvatore di
Pasquale, Brunelleschi La costruzione della cupola di
Santa Maria del Fiore, Venedig 2002 und Giovanni Fanelli,
Michele Fanelli, Die Kuppel Brunelleschis. Geschichte und
Zukunft eines großen Bauwerks, Florenz 2004. Auf die
Laterne der Kuppel wird nicht eingegangen. Beabsichtigt
ist lediglich eine Beschreibung der Prinzipien von Brun-
(Abb. 5). Hierbei fungieren vertikal gemauerte Ziegelsteine wie Buchstützen für die horizontal gemauerten
Lagen zu beiden Seiten. Vor allem aber ist das Mauerwerk, das bis zur Höhe von 14 m aus Sandsteinen und
darüber aus Gründen der Gewichtsersparnis aus Ziegelsteinen besteht, nicht horizontal gesetzt. Die Steine
der Kuppelwände sind vielmehr nach unten gekippt,
und zwar in einem Winkel, den die geometrische Figur
des quinto acuto diktierte (Abb. 2). Dies hatte zur
Folge, dass der mit dem ansteigenden Winkel zwischen
quinto acuto-Radius und Basislinie identische Winkel
a zwischen Radius und aktuellem Kuppeldurchmesser
elleschis Messverfahren beim Bau der Kuppel.
a
Frank D. Prager u. Giustina Scaglia, Brunelleschi. Studies
in his technology and inventions, Cambridge/Mass./London 1970, S. 89. Ihre Studien über die Florentiner Domkuppel hat Giustina Scaglia zusammengefasst in: Der Bau
der Florentiner Domkuppel, in: Spektrum der Wissenschaft, 1991, Heft 3, S. 106-112.
Página 7
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)nach oben geschobenen Arbeitsplattformen Halt gagibt die Konstruktion der Kuppel immer noch Ratsel
auf, und Kardinalfragen konnten bisher nicht überzeu-
Trotz massiven Widerstands setzte sich Brunelleschi
gend beantwortet werden.
durch und baute die Kuppel ohne Lehrgeriiste. So irrwitzig sein Vorschlag den Zeitgenossen vorkommen
Wie konnte die geometrische Figur des guinto acuto auf
musste, er war nicht nur realisierbar, sondern auch
pragmatisch und ökonomisch gedacht. Hölzerne Lehrdiese Krümmung kontrolliert werden, und zwar nicht
gerüste für solche Dimensionen waren technisch ebennur bei der inneren, sondern auch bei der äußeren Kupdie riesige Kuppel übertragen werden? Wie konnte
so fragwürdig wie logistisch und finanziell kaum machpelschale? Uberdies wird die Neigung jeder einzelnen
bar. Durch das gewaltige Eigengewicht bei diesen
Höhen hätten Lehrgerüste kaum die erforderliche Sta-
Steinlage von der Figur des quinto acuto bestimmt.
bilität garantieren können, und die lange Bauzeit hätte
je einer an den acht Seiten des Klostergewölbes arzu zusätzlichen destabilisierenden Deformationen des
beitete, die nach dem quinto acuto geneigten Mauern
Holzes geführt. Außerdem war Holz rar und fast so
teuer wie Marmor, und man hätte nicht weniger als 700
so aufeinander abstimmen, dass sie an der Spitze der
große Baumstämme benötigt, die von weit her mit immensem Aufwand nach Florenz hätten transportiert
chung im unteren Bereich von Zentimetern bei einer
werden müssen.7
am Scheitel der Kuppel katastrophale Folgen nach sich
Kurzum: Wie konnten acht Maurertrupps, von denen
Kuppel zusammentrafen? Eine unkontrollierte Abweieinzigen Gewôlbewange gegenüber den anderen hatte
Mit der Entscheidung gegen ein Lehrgerüst musste die
gezogen, da die Abweichung sich mit zunehmender
Entwicklung von neuartigen, tragfahigen Hebevorrichtungen einhergehen, die Tonnen schweres Material
auch bis zur Scheitelhöhe von 88 m hinaufbefördern
Höhe vervielfacht hatte.
konnten. Wieder war es Brunelleschi, der einen außerhalb des Domchores und dicht neben diesem aufgestellten Lastenaufzug mit ausgeklügelter Mechanik
konstruierte. Für die Verteilung des Materials auf der
werdenden Kuppel erfand er zudem Kräne mit Auslegern, die gehoben, gesenkt und gedreht werden konnten. Diese Apparaturen wurden zu den meistbewunderten mechanischen Geräten der Renaissance, die von
Im Folgenden werden Antworten auf diese Fragen
vorgestellt, die überlieferte Dokumente und die gestellte Aufgabe des Kuppelbaus selbst nahe legen.
7 Roland J. Mainstone, Brunelleschi’s Dome, in: The Architectural Review, CLXII, September 1977, S. 158-166,
hier: S. 159.
a
2
pola« (1417-1436) transkribiert. Sie werden in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Wissenwieder studiert und nachgezeichnet wurden.
Mit Brunelleschis »Maschinen< konnte die Kuppel
schaftsgeschichte Berlin im Internet zugänglich gemacht.
URL: http://duomo.mpiwg-berlin.mpg.de. Die hier zur
endlich in Angriff genommen werden und die gut dokumentierten Arbeiten schritten voran.” Die Maurer
mussten allerdings stets so lange warten, bis der Mörtel der zuletzt gemauerten Schicht der in der Höhe anscheinend genormten Ziegelsteine? die erforderliche
Festigkeit erreicht hatte, bevor die nächste Lage gemauert werden konnte. Der verwendete, schnell bindende Mörtel erlaubte eine durchschnittliche Geschwindigkeit von circa einer fertig gemauerten Ziegelsteinlage pro Woche.'? Auch wenn der Entstehungsprozess detailliert nachvollzogen werden kann,
Margaret Haines (The Harvard University Center of Italian Renaissance, Villa I Tatti, Florenz) hat in jahrelanger
Arbeit die mehr als 20000 Dokumente der »anni della cunachfolgenden Architekten und Ingenieuren, darunter
Leonardo da Vinci und Giuliano da Sangallo, immer
Diskussion stehenden Dokumente stehen allerdings noch
nicht im Netz, weswegen sie nach Saalman (wie Anm. 1)
u.a. zitiert werden.
D
S. hierzu weiter unten.
‘© Rowland J. Mainstone, Brunelleschi’s Dome of S. Maria
del Fiore and some Related Structures, in: Transactions of
the Newcomen Society, 42, 1969-79, S. 107-126, hier:
S. 114. Dies ist durchaus eine beachtliche Leistung.
Schließlich besitzt die innere Kuppelschale unten eine
Mauerstärke von knapp 3 m und oben von 1,8 m und die
äußsere unten eine Mauerstárke von knapp ı m und oben
ca. 40 cm. Außerdem mussten im Unterschied zu einer gerade hochgezogenen Mauer laufend aufwändige Messungen durchgeführt werden.
Página 8
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)III. Erste Vermessungsmethode: das empirische
Verfahren
Die radiale Ausrichtung der Bauglieder, aber ebenso die
Kontrolle des quinto acuto-Kreisbogens an allen acht
Wangen setzten die präzise Bestimmung der Mittelachse der Kuppel voraus." Doch wie lässt sich diese
gewinnen? Zu denken wäre zunächst an einen in der
Mitte der Domvierung aufgepflanzten Mastbaum.
Bäume, die eine Höhe von 88 m erreichen, wachsen im
gesamten Mittelmeerraum natürlich nicht.'? Selbst
wenn man einen kalifornischen Mammutbaum zur
Verfügung gehabt hätte, der bis zu 100 m hoch werden
kann
auch dieser wäre unbrauchbar gewesen. Höhenwinde und Erschütterungen mittleren Ausmaßes am
Boden, die sich durch das Transportieren des Tonnen
schweren Baumaterials zwangsläufig ergaben, hätten
die Baumspitze beständig zum Ausschwingen gebracht. Ein exaktes Messen wäre unmöglich gewesen.
Diese Einschränkung gilt auch für die schlotartige
Konstruktion an Stelle eines bis zum Kuppelscheitel
hinaufreichenden Mastbaumes, mit deren Hilfe nach
dem Modell Salvatore di Pasquales aus dem Jahr 2002
(Abb. 6) die Kuppel vermessen worden sei. Die Konstruktion, die in den Archivalien nicht einmal andeutungsweise ermittelbar ist, schließt mit einer Plattform
11 Giovanni di Gherardo da Prato, neben Lorenzo Ghiberti
der Hauptkritiker Brunelleschis beim Bau der Kuppel,
unterstellte Brunelleschi Ende 1425, er errichte die Kuppel angeblich nicht im Profil des quinto acuto, sondern des
»mezzo acuto«, also halbrund, vgl. Saalman (wie Anm. 1),
S. 124f. Giovanni ignorierte dabei, dass der quinto acuto
gleichwohl eingehalten wurde. Gherardo da Prato warf
Brunelleschi letztlich vor, dass er die Kuppel von ihrer
Mittelachse aus vermaß, er bestätigte deren Einsatz also
ausdriicklich. Sein Vorwurf ist jedoch insofern absurd, als
die Mittelachse für die Konstruktion des quinto acuto im
Kuppelschnitt zwar nicht benötigt wird, um aber zu garantieren, dass alle acht Wangen exakt dieser Krümmung
folgen, war die Kenntnis der Mittelachse hingegen unbedingt erforderlich. Räumliches Denken war demnach
Gherardo da Pratos Sache nicht.
'2 Der höchste Baum im Mittelmeerraum ist im Übrigen
die auf Korsika, Sizilien und in Kalabrien wachsende
Schwarzkiefer, Pinus nigra Subspecies laricio Poiret. Sie hat
in der Regel einen geraden Stamm und kann eine Héhe
von bis zu 45 m erreichen. Herzlichen Dank fiir diese
Auskünfte an Herrn Prof. Dr. Herbert Hurka, Fakultät
fiir Biologie, Universitat Osnabriick.
Página 9
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)ab, an der ein schwenkbarer Ausleger mit Loten be-
Ecken heruntergelassen und stimmte unten am Viefestigt ist.'3 Wie folgenschwer beständig anhaltende
rungsboden der Abstand der Lote zum dort fixierten
Vibrationen am Boden sein kônnen, belegt die Tat-
Mittelpunkt der Kuppel jeweils überein, entstand ausache, dass nicht Erdbeben der Kuppel bedrohlichen
tomatisch ein gleichseitiges Oktogon. Selbstverständ-
Schaden zufügten, wohl aber der inzwischen verbannte
lich reagierten auch, oder vielmehr: gerade die Lote auf
Massen- und Schwerlastverkehr in unmittelbarer Nahe
Erschütterungen. Nur - und dies ist ihr Vorteil: Sie zeivon S. Maria del Fiore. Ihm ist hauptsächlich anzugen jede Erschütterung unmittelbar an. Pendelten die
lasten, dass in den 7oer Jahren des 20. Jahrhunderts als
Lote, gab es Vibrationen, und auf der Baustelle mussten
Dehnungsfugen beabsichtigte Risse in der Kuppel sich
für den kurzen Moment der Vermessung die Arbeiten
alarmierend vergrößert hatten.'*
eingestellt werden. Trafen sie in ruhigem Fall den vor-
Brunelleschi hatte noch ein weiteres Problem zu lögesehenen Punkt, war buchstäblich alles ım Lot.
sen. Der Tambour, auf dem er seine Kuppel errichten
Der Einsatz von Loten mit Mafeinteilungen lässt sich
musste, bildet kein gleichseitiges Achteck. Die Längen
im Übrigen aus dem 12-Punkte-Bauprogramm von
seiner acht Seiten schwanken zwischen 16,40 m und
1420 erschließen. In Punkt 8 wurde festgelegt, dass
17,40 m, sie differieren also bis zu einem Meter.
"5 Das
nach Erreichen einer Kuppelhöhe von 24 braccia (=
Tambourachteck besitzt folglich keinen geometrisch
14m) aus Gründen der Gewichtsersparnis entweder
exakten Mittelpunkt, der beim Kuppelbau jedoch für
Ziegelsteine oder Tuffsteine benutzt werden sollten.
die Festlegung der Mittelachse zur radialen Ausrich-
(Man entschied sich dann für Ziegelsteine.) Wie aber
tung der Bauelemente wie auch zur Bestimmung der
hätte man die 24 braccia messen können, wenn nicht
Konstruktionspunkte des quinto acuto unerlässlich
mittels Loten mit Maßeinteilungen? Letztere mussten
war (Abb. 2, 3).
bei dieser Kuppelhöhe 68,3 m (= 117 braccia) anzeigen;
die Meterzahl resultiert aus 14m Kuppelhöhe plus
54,3 m vom Vierungsboden bis zur Oberkante des
III, A. Der Einsatz von Loten, der Kettenstern
und die »cientine«
Tambours.
Auch die Bestimmung der Mittelachse erfolgte durch
ein Lot, das am Vierungsboden den Mittelpunkt an-
Dieser Mittelpunkt konnte bei 54,3 m Höhe am Kuppelfuß nicht gefunden werden,'* wohl aber am Boden
der Vierung. Da auch das Vierungsoktogon keineswegs
regelmäßig ist, existierten auf dem Boden außer dem
'3 Di Pasquale (wie Anm. 5), Abb. 54. Abgeschen von dem
gewaltigen materiellen und finanziellen Aufwand, der für
diese schlotartige Konstruktion nötig gewesen wäre, stellt
Mittelpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach weitere
Kontrollmarkierungen, und zwar: der Grundriss der
sich die Frage, ob sie damals angesichts der Höhe von
knapp 90 m technisch überhaupt machbar gewesen wäre.
Kuppel in Form eines achtstrahligen Sterns, der außer
dem Mittelpunkt die Rippen der acht Wangen des Klosseinen Loten ab circa 14 m Kuppelhöhe eingesetzt werden
sollte, also beim Materialwechsel von Sand- zu Ziegelsteitergewölbes widerspiegelte und auch die Konstruktionspunkte des quinto acuto enthielt (Abb. 3). Weitere
20 m. Ein Ausleger mit 20 m Reichweite erscheint indes
reichlich illusorisch. Hervorzuheben sind in di Pasquales
Aus dem Modell ist zu erschließen, dass der Ausleger mit
nen. Dort maß der halbe Durchmesser immer noch circa
Modell aber die Lote, die auch bei den hier vorgestellten
entscheidende Instrumente waren Lote, die alle am Seil
exakte Maßeinteilungen aufwiesen und mit Senkbleien
4 Mainstone (wie Anm. 10), $. 121f.
endeten. Mit Hilfe dieses Grundrisssterns und von Lo-
'$ Krämer (wie Anm. 3), $. so.
ten konnte Gewissheit darüber erlangt werden, ob die
Steinlagen der Kuppel im Grundriss immer kleiner
werdende gleichseitige Oktogone bilden, die jenem am
Kuppelfuß konzentrisch eingeschrieben sind. Wurden
die Lote von ein und derselben Steinlage, also in (mittels Loten messbarer) identischer Höhe in den acht
Vermessungsverfahren eine gewichtige Rolle spielen.
Um den Mittelpunkt zu eruieren, ware an cine durchgehende Plattform zu denken, die jedoch in 54,3 m Höhe und
bei 45 m ım Durchmesser auszuschließen ist. Theoretisch
möglich wären auch von den Ecken zu den jeweils gegenüberliegenden Ecken gespannte Seile, die aber bei 45 m
Durchmesser zum einen erheblich durchhängen würden
und zum anderen käme wegen der Unregelmäßigkeit des
Tambouroktogons kein Mittelpunkt zustande.
Página 10
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)problemlos in Kongruenz gebracht werden konnte
Die Überprüfung der Deckungsgleichheit ließ sich
jederzeit durchführen. Ob die Kettenarme in identischer Höhe eingehängt waren, konnte ebenfalls
mittels
Loten auf den Zentimeter genau gemessen werden. Waren die Lote, die an der für die Befestigung
der Kettenarme vorgesehenen Stelle heruntergelass
en wurden,
jeweils gleich lang, war die Héhe identisch.
Der eiserne
Kettenstern hing aber stets deutlich unterh
alb der
gerade entstehenden Steinlage. Sein sicher
beträchtliches Gewicht hätte sonst zu einer Destab
ilisierung
oder gar zum Herausbrechen frisch verma
uerter Steine
Die Bestimmung der Mittelachse genüg
te für die Vermessung der Kuppel selbstverstä
ndlich nicht. Ihre
Krümmung wie auch die Neigung
sämtlicher Steinschichten werden schließlich vom quint
o acuto determiniert, Dessen Mittelpunkt liegt aber
nicht auf der
Mittelachse der Kuppel, sondern im
vierten Punkt des
in fünf Teile geteilten, von Ecke zu Ecke
Durchmessers der Kuppel (Abb. 2, 3).
auf den Kuppelbau musste also ein weiteres Messgerät
angewendet
werden,
Abermals helfen in diesem Zusammenhang
sterns und eines am Mittelpunkt des Kettensterns
(MK) befestigt.
Für die Ubertragung der Krümmung des quinto acuto
7. Florenz, Schnitt der Domkuppel mit Kettenstern
(KS) an der Basis der Kuppel und mit Loten (L).
Diese sind an den Aufhängungshaken des Kettengemessenen
Q = Konstruktionspunkte des quinto
die Quellen weiter. Wie beim Kettenstern gleich zu Baubeginn
im Juni 1420, werden mehrmals acht »cientine« eracuto.
wähnt. Gemeint sind Lehrbögen (centine), die nach der
quinto acuto-Krümmung gebogen waren und für
peilte und die Mittelachse der Kuppel bildete. Wo aber
war es befestigt? Einen entscheidenden Hinweis liefert
diese
als Schablonen dienten (Abb. 8).!9 Sie bestanden aus
Fichtenholz und waren etwa 2,60 m lang und 60 cm
ein zu Baubeginn erstelltes, vom 20. Mai 1420 datierte
s
Dokument, in dem von einem Stern der großen Kuppel, einer »stella della Chupola grande«, und seiner
ersten Eisenkette (»1° Chatena di ferro«) die Rede ist.!7
Dieser Stern wies demnach mehrere Eisenketten auf.
Eine stella di catene di ferro, ein eiserner Kettenstern,
wiirde sich in der Tat fiir die Anbringung eines
zur Bestimmung der Mittelachse hervorragend
Lotes
eignen
(Abb. 7). Er wies acht Arme auf, die zunächst
in den
Ecken der Kuppelbasis befestigt waren. Diese
Arme
verliefen radial zur Mittelachse der Kuppel
. Dort zusammengefasst, markierten sie einen Punkt,
der
das Lot mit dem Mittelpunkt der Vieru
über
ng am Boden
17 Saalman (wie Anm. 1), S. 254.
** Einen vergleichbaren Kettenstern schlagen auch Wolfgan
g
Braunfels und Volker Hoffmann vor, ohne jedoch ein
Lot
als Mirrelachse zu thematisieren: Wolfgang Braunfel
s,
Drei Bemerkungen zur Geschichte und Konstruktion der
Florentiner Domkuppel, in: Mitteilungen des kunsthistorischen Instituts in Florenz, 11, 1963-1965, S. 203-225;
Volker Hoffmann, Filippo Brunelleschi: Kuppelbau und
Perspektive, in: Saggi in Onore di Renato Bonelli, a cura
di C. Bozzoni, G. Carbonara, G. Villeti, vol. 1, S, 317326, Rom 1992 (Quaderni dell’Istituto di Storia dell’Architettura.
Dipartimento
di
Storia
dell’Architettura,
Restauro e Conservazione dei Beni Architettonici,
Nuova
Serie, Fascicioli 15-20, 1990-92).
12 Saalman (wie Anm. 1), S. 254; vgl. dazu auch Hoffman
n
(wie Anm. 18), S. 320.
Página 11
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)mung an den centine. Er ließ laut Giovanni Battista
Gelli ein Stück abwärts von Florenz am Ufer des Arno
eine Fläche von ungefähr 800 m? ebnen, um dort an-
8. Florenz, Domkuppel. Schema einer
der acht Schablonen
(centine) fiir die Einhaltung der quinto
acuto-Kriimmung.
Angebracht an den
acht plastisch vortretenden Eckrippen
an der Außenseite der
Kuppel (Abb. 1). Die
Lehrbögen dienten
der Kontrolle der
Krümmung und
wurden entlang der
Eckrippen wie auf
Schienen nach oben
geschoben.
schließend einen Aufrissplan der Kuppel im Maßstab
1:1 in den Sand zu ritzen.** Anhand dieses riesigen
geometrischen Entwurfs dürften der Durchmesser an
der Basis der Kuppel, ihr Mittelpunkt, der Radius des
quinto acuto (= 36m) und damit der Schnitt und
Grundriss der Kuppel inklusive der Konstruktionspunkte des quinto acuto sowie die präzise Form der
Lehrbögen ermittelt worden sein.
III. B. Der »gualandrino con tre corde«
Ab 1426 wurde noch ein weiteres Messinstrument eingesetzt. Die Kuppel hatte eine Höhe von circa 14 m erreicht, und ihre Neigung kam in die kritische Phase.
Für die Arbeiter wurde deshalb — Ergänzungen zum
12-Punkte-Bauprogramm von 1420 zufolge — an der
Innenseite der Kuppel »per piu loro sicurtà« eine Briisbreit.2° An der gebogenen Seite wurden die centine mit
tung aus Holz gezimmert. Dariiber hinaus heift es an
Blechplatten versteift, so dass sie sich nicht verbiegen
oder verziehen konnten. Befestigt wurden die Lehrbögen an der Außenseite der äußeren Kuppelschale,?!
und zwar - ihrer Bezeichnung »cientine deglangholj«*?
zufolge - an den Eckrippen. Hier wurden sie auch belassen und waren an der gebogenen, mit Blechplatten
beschlagenen Seite wohl V-förmig gebildet.” Der Winkel zwischen den beiden Schenkeln des V entsprach
dem Innenwinkel des Kuppeloktogons, d.h. dem Innenwinkel eines jeden regelmäßigen Oktogons, ob
groß oder klein: es sind 135 Grad. Erleichtert wurde
der Einsatz der Lehrbögen durch das plastische Vortreten der Eckrippen an der Außenseite der Kuppel
(Abb. 1), wodurch die Eckrippen wie Schienen für die
Schablonen fungieren konnten. Die Schablonen wiedieser Stelle in den Ergänzungen von 1426: »E murisi
derum kontrollierten die Einhaltung der quinto acuto-
Krümmung an den Eckrippen und trugen maßgeblich
dazu bei, dass sie in der Höhe schließlich zusammentrafen. Um diese Kontrolle verlässlich durchführen zu
können, ist anzunehmen, dass die centine nach jeder
frisch gemauerten Steinlage für die nächste Steinlage
um deren Höhe an den Eckrippen nach oben geschoben wurden. Brunelleschi bemühte sich offenbar um
eine 100 %ige Wiedergabe der quinto acuto-Krümcon gualandrino con tre corde, faccia dentro e si di fuori«.2° Die innere und äußere Kuppelschale sollten
demnach mit einem in seiner Funktion noch zu klärenden »gualandrino« mit drei Seilen gemauert werden.
»Gualandrino con tre corde« ist zu Recht als Begriff für
ein Messinstrument gedeutet worden.” Wie kam es mit
seinen drei Seilen zum Einsatz? Optimale Ergebnisse
lassen sich folgendermaßen erzielen (Abb. 9):
22 Die Länge entsprach 4,5 braccia und die Breite 1 braccia.
Saalman 1980 (wie Anm. 1), S. 254.
2 Ebd.
22 Ebd.
3 Ebd., S. 125
ff.
24 Quelle für diese wichtigen Angaben ist der im 16. Jahrhundert entstandene Bericht von Giovanni Battista Gelli
in den Brevi vite di artisti fiorentini, nach King (wie
Anm. 2), S. 121 und Anm. so. Solche Zeichnungen im
Maßstab 1:1 auf speziellen »Zeichenböden« waren durchaus schon zuvor geläufig, ebd.
2
»E da lato della volta dentro si pongha per parapetto assi
che tenghino la veduta a’ maestri, per piu loro sicurtä. E
murisi con gualandrino ...«. Saalman (wie Anm. 1), S. 76.
26 U.a. von Cornel von Fabriczy, Filippo Brunelleschi. Sein
Leben und seine Werke, Stuttgart 1892, S. 538f., Anm. 2;
und Hoffmann (wie Anm. 18), S. 320.
Página 12
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Die drei Seile waren am Mittelpunkt des Kettensterns
befestigt und gleich lang, etwa 30 m. Damit hatte man
über den Radius der lichten Kuppelweite von 22,5 m
hinaus noch genügend Spielraum für die Mauerstärken
der inneren und äußeren Kuppelschale gehabt.? Bei
der Anwendung des »gualandrino con tre corde« sollten ja beide berücksichtigt werden. Die Seile, die
ebenso wie die Lote mit genauen Maßeinteilungen versehen waren, wurden zu den centine, den Schablonen
mit ihrem quinto acuto-Profil, geleitet. Mittels der
Schablonen an den Eckrippen und den vom Mittelpunkt des Kettensterns und damit von der Mittelachse
der Kuppel ausgehenden Seilen konnte der Neigungswinkel der Mauerschichten festgelegt und zugleich deren radiale Ausrichtung überprüft werden. Die Seile
fungierten also gleichsam wie materialisierte Vektoren
oder präziser: Sie mussten Teilstrecken des quinto acuto-Radius sein (vgl. Abb. 9). Zu diesem Zweck mussten
sie allerdings gespannt werden.
Die für die Einhaltung der quinto acuto-Krümmung
an den Eckrippen benötigten, für die neu zu mauernde
Steinlage immer ein wenig herausragenden Schablonen
konnten einer Zugkraft nicht ausgesetzt werden. Gespannt wurden die Seile vermutlich über hölzerne Ständer, die auf den Arbeitsplattformen an der äußeren
Kuppelschale postiert waren. An diesen Ständern wa-
9. Florenz, Schnitt der Domkuppel mit Kettenstern
(KS), »gualandrino con tre corde« (G) und centine
(C). L = Lot am Mittelpunkt des Kettensterns (MK).
Q = Konstruktionspunkte des quinto acuto. X markiert in etwa die Höhe, bei der zum ersten Mal der
»gualandrino con tre corde« eingesetzt wurde.
ren Winden angebracht, mit denen die Seile aufgewickelt, gespannt und fixiert wurden. Anzunehmen ist
überdies, dass alle drei Seile gleichzeitig festgezurrt
zu bestimmen, in welcher Anordnung und Neigung die
wurden, um leichter und schneller eine gleichmäßige
Ziegel und der Mörtel vermauert werden mussten.«28
Außer der prinzipiellen Bestätigung der hier vorge-
Spannung herzustellen. Die Gleichmäßigkeit konnte
dabei jederzeit überprüft werden: durch die Mittelachse
alias das Lot am Mittelpunkt des Kettensterns, das auf
stellten Messmethoden liefert Scala einen weiteren bedeutsamen Hinweis: Mit dem Seil sei ein vollständiger
Brunelleschis bisher beschriebene, jedoch keineswegs
Kreis gezogen worden. Dies wäre ohne Schwierigkeit
möglich gewesen und hätte sogar neben der Bestimmung des richtigen Neigungswinkels und der radialen
schon vollständig vorgestellte Verfahren zur Gewin-
Ausrichtung noch eine weitere Überprüfung zugelasden Mittelpunkt in der Vierung auftreffen musste.
nung des richtigen Neigungswinkels werden im Wesentlichen bestätigt durch den Historiker, Dichter und
Humanisten Bartolomeo Scala. Er schreibt in der zwischen 1492 und 1497 entstandenen Historia Florentisen. Die Seile wären in diesem Fall am Mittelpunkt des
Kettensterns an einem Drehgelenk befestigt gewesen,
und die Ständer mit den Seilwinden konnten auf Rädern bewegt werden. Geführt von den Seilen hätte man
norum: »Als die Mitte [der Kuppel] bestimmt und markiert worden war, spannte Filippo ein Seil von der Mitte
bis zur Kuppelwandung, um mit diesem Seil dann ei-
27 Vgl. Anm. 10.
nen vollständigen Kreis zu ziehen und auf diese Weise
28 Nach Saalman (wie Anm. 1), S. 13. u. S. 164.
Página 13
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)mit den Ständern tatsächlich kreisförmige Bahnen ziehen und zugleich die korrekte Aufmauerung der zahl-
S. Jacopo oltr’Arno erprobt. Bei dieser habe er als
reichen Ziegelsteinbögen (Abb. 4) kontrollieren könund für die Kreislinien der Ziegelschichten einen Mess-
Messinstrument fiir die radiale Ausrichtung der Ziegel
nen.*? Der von Rowland J. Mainstone und Salvatore di
Pasquale nach intensiven Untersuchungen in den 7oer
Jahren des 20. Jahrhunderts gewonnene Eindruck, das
oktogonale Klostergewölbe der Kuppel sei wie eine
Rundkuppel konstruiert, die man um die Mittelachse
rotieren lassen kann (»Rotationskuppel«), lässt sich
dadurch plausibel begründen.3° Die Eigenschaft einer
Rotationskuppel erhält die Kuppel aber bezeichnenderweise erst ab einer Höhe von circa 14 m, als der »gualandrino con tre corde« zum Einsatz kam. Bet dieser
Höhe wurde auch die erste Reihe von Horizontalbogen gemauert (Abb. 4). In dieser Höhe wurde zudem
das Material von Sand- zu Ziegelsteinen gewechselt
und begonnen, im Fischgratverband zu mauern. In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Funktion des
»gualandrino« klären. Er war dieses am Mittelpunkt
des Kettensterns fixierte Drehgelenk, an dem die als
Winkelmaße für die geometrische Figur des quinto
acuto fungierenden drei Seile befestigt waren und unabhängig voneinander einzeln bewegt werden konnten.3' Ob man dabei zwei oder alle drei Seile kreisen
ließ oder nur eines, was sich aus Scalas Angaben erschließen lässt und was bei korrekter Ausrichtung und
Spannung des Seiles gleichfalls zu verlässlichen Ergebnissen geführt hätte, bleibt offen. Das Drehgelenk des
»gualandrino« wies allerdings drei Seile auf. Denn wie
hätte mit einem einzigen Seil eruiert werden können,
ob es schon genügend gespannt ist oder noch durchhängt? Und wie hätte der für die Kontrolle erforderliche Stillstand des am Kettenstern befestigten Mittellotes, eine der wichtigsten Messinstanzen überhaupt,
gewahrt werden können, wenn mit diesem einen Seil
Kreise gezogen worden wären? Die Kontrollanforderungen verlangten vielmehr ein sich selbst korrigierendes Messsystem, das nur über drei gleichmäßig gespannte Seile möglich war, so wie es sich aus der Quelle
zum »gualandrino con tre corde« erschließen lasst.>”
Aufschlussreiche Angaben zur Kuppelvermessung
liefert auch der Biograph Brunelleschis, Antonio dı
Tuccio Manetti. Er behauptet, Brunellschi habe die
Messmethoden der Domkuppel beim Bau der Kuppel
der im 18. Jahrhundert zerstörten Ridolfi-Kapelle in
29 Vgl. hierzu die in den Quellen in diesem Zusammenhang
geforderte »perfectione del cerchio che gira intorno la Cupola di fuori«, Saalman (wie Anm. 1), S. 75.
3° Mainstone (wie Anm. 7), S. 164; Salvatore di Pasquale,
Primo rapporto sulla Cupola di Santa Maria del Fiore, Florenz 1977. Angesichts der hier vorgestellten neuen Vermessungsverfahren bedürfte es allerdings neuer Untersuchungen. Vgl. dazu auch Marvin Trachtenberg, der für
diese Konstruktionsweise die Kuppel des Pantheon in
Rom als Inspirationsquelle in Erwägung zieht: Marvin
Trachtenberg, On Brunelleschi’s Choice: Speculations on
Medieval Rome and the Origins of Renaissance Architecture, in: Architectural studies in memory of Richard Krautheimer, hrsg. v. Cecil L. Striker u.a., Mainz 1996, S. 169
173, hier: S. 171.
3! Der »gualandrino con tre corde« war also in der Tat cin
dreiarmiges Winkelmaís, wie Fabriczy diese Formulierung
übersetzte: Fabriczy (wie Anm. 26), S. 538f. Und er ist
vom Aufbau her identisch mit dem schon in der Antike
gebräuchlichen »triquetrum« (Hoffmann [wie Anm. 18];
vgl. dazu weiter unten Anm. 32) und dem späteren »calandrino« mit drei über cin Gelenk drehbaren Armen;
Fabriczy (wie Anm. 26), S. 538f. Das Gerät des »calandrino« ist nur erheblich kleiner geworden und die Arme
bestehen nicht aus Scilen, sondern aus festem Material, aus
Holz oder Metall. Demnach ging der Begriff »gualandrino« für das Drehgelenk auf das ganze Instrument über.
Generell ist eine noch zu begründende etymologische
Herkunft des Wortes »gualandrino« vom Monte Gualandro am Trasımener See in Erwägung zu ziehen. Der
Monte Gualandro war Ort einer ebenso berühmten wie
vernichtenden Niederlage der Römer gegen die Truppen
Hannibals 217 v. Chr. im zweiten Punischen Krieg.
2 Auch
Hoffmann (wie Anm. 18) und Mainstone (wie
Anm. 7), S. 164, sowie Saalman (wie Anm. 1), $. 162-164,
sehen im »gualandrino« eine Messvorrichtung. Ihre Deutungen crlauben hingegen nicht annähernd die Genauigkeit, die mit der hier vorgestellten Methode méglich ist.
Bei Mainstones bzw. Saalmans Rekonstruktion werden
die Seile in komplizierten Dreiecksformationen horizontal durch die Kuppel gespannt. Das Verfahren ist jedoch
ebenso aufwändig (und letztlich nicht durchweg nachvollzichbar) wie unpräzise für die erforderlichen Messungen an beiden Kuppelschalen; vgl. dazu auch Hoffmann
(wie Anm. 18), S. 320. Hoffmann glaubt im gualandrino
ein schon in der Antike gebräuchliches »triquetrum« zu
erkennen. Das Instrument »bestcht aus drei Stäben, von
denen zwei gegeneinander bewegt werden können; der
eine ist mit einer Skala versehen, der andere mit cinem
Diopter, also einer Peilvorrichtung, besetzt. Das Gerät
dient zu Erd- und Himmelsbeobachtungen und kann für
Winkelmessungen, folglich auch für trigonometrische
Höhen- und Entfernungsmessungen verwendet werden.«
Página 14
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)stab benutzt, der »in Kreisen nach oben bewegt wurde,
acuto-Radius über den Mittelpunkt des Kettensterns
wobei er nach und nach verkürzt wurde, je nachdem,
auf die Kuppelwandung übertrugen: Die Seile mussten
wie er mit seiner unbefestigten Seite gegen das Mauerdeshalb vom Mittelpunkt des Kettensterns an Teilwerk der Kuppel drúckte.«33 Die »befestigte Seite:
strecken des Radius sein und stetig in Richtung Kupkonnte sich nur an einer Stange, sozusagen einem verpelscheitel wandern. Sollten die Seile bet den neuen
mutlich aus Holz konstruierten Stativ befinden, das die
Steinlagen Teilstrecken des Radius bleiben, musste
Mittelachse der Kuppel bildete. Mit der Stange war der
auch der Mittelpunkt des Kettensterns kontinuierlich
Messstab mittels eines Drehgelenks verbunden und
ansteigen, wofür es eine einfache Methode gab.
entlang dieser wurde er horizontal Steinlage ftir Stein-
Die stella di catene bestand, wie der Name sagt, aus
lage nach oben geschoben. Die Ridolfi-Kapelle unter-
Ketten, deren Glieder mit Sicherheit in der Größe geschied sich jedoch in wesentlichen Punkten von »il cunormt waren. Jeder der acht Arme wurde um die gleipolone«. Sie war von kleinem Format mit circa 4 x
4m
che Anzahl von Kettengliedern verkürzt und an dem
Grundfläche und besaß kein Klostergewölbe, sondern
vorhandenen Haken in den Ecken des wachsenden
nach Manetti eine Sonderform der Pendentifkuppel,
Klostergewölbes
eine Schirmkuppel mit halbkreisförmigem Schnitt. Beı
Mittelpunkt des Kettensterns automatisch entlang der
ihr war ein »Mastbaum« als Mittelachse ebenso möglich
Mittelachse nach oben rückte (Abb. 10). Über die Anwieder
eingehängt,
wodurch
der
wie cin stabiler, schwenkbarer Ausleger, der im rechten
zahl der ausgehängten Kettenglieder konnte die An-
Winkel zur Mittelachse kontinuierlich nach oben gestiegshohe gesteuert werden. Mit dem Mittelpunkt des
schoben wurde. Die Domkuppel hingegen hat nicht
Kettensterns rückte zugleich der »gualandrino« mit
nur gigantische Dimensionen, sondern die Konstrukseinen drei Seilen nach oben.
tionspunkte ihrer Krümmung liegen obendrein nicht
Des Weiteren war die Hohe der nächsten Steinlage beauf ihrer Mittelachse. Bei der Domkuppel konnte wekannt. So wurde selbstverstandlich kein beliebiges Bauder mit einem Mastbaum noch mit horizontalen Auslegern operiert werden, sondern nur mit Loten und den
Das Instrument erlaubt mehr oder weniger genaue Anpeilungen von Punkten, was für den Bau der Kuppel jedoch wenig dienlich sein konnte. Benötigt wurden vielmehr sozusagen materialisierte Vektoren, wie sie in den
gespannten Scilen realisiert waren, die jederzeit und überall einsetzbar waren und Teilstrecken des guinto acutoRadius darstellten (s. dazu weiter unten). Außerdem vergisst Hoffmann die Beifügung »con tre corde, die ein triquetrum ausschließt. Hoffmanns Verdienst ist es jedoch,
auf die Absurdität einer matertalisierten Mittelachse in
Form eines Mastbaums hingewiesen zu haben, und dies
schließt auch di Pasquales Konstruktion eines »Fabrik-
Seilen des »gualandrino«, die zwar in der Mitte befestigt waren, aber wegen der Krümmung des quinto acuto
nicht horizontal kreisen konnten.
IV. Die mathematischen Vermessungsverfahren
nach Pythagoras und Fibonacci
Überzeugend ist Manettis Information, wonach beim
schlots< mit ein. Unzutreffend ist des Weiteren die Annahme Battistis, der gualandrino sei kein Messinstrument
gewesen, sondern ein Sicherheitsgurt, der von den Mau-
Kuppelbau der Ridolfi-Kapelle der Messstab Steinlage
für Steinlage entlang der Stange als Mittelachse nach
oben geschoben wurde. Auch der Kettenstern in der
rern getragen wurde: Eugenio Battisti, Brunelleschi. The
Complete Work, London 1981, S. 361. Sicherheitsgurte
waren nicht erforderlich; im Satz vor der Erwahnung des
wachsenden Domkuppel mit dem daran befestigten
Mittellot und dem »gualandrino con tre corde« wurde
gualandrino werden ausdrücklich Holzbrüstungen »per la
sicurità< der Arbeiter erwähnt, s. o.
hinaufgezogen. Dies geschah allerdings nur alle paar
Höhenmeter.’* Überdies konnte er wegen seines Gewichts an den frisch vermauerten Steinlagen ohnedies
nicht befestigt werden. Außerdem sorgten nicht die
Ketten für die Einhaltung des quinto acuto-Kreisbogens, sondern die centine an den Eckrippen und die
Seile des »gualandrino«. Sie waren es, die den quinto
3 —_
Manetti/Saalman, nach Howard Saalman (Hrsg.), The life
of Brunelleschi by Antonio di Tuccio Manetti, The Pennsylvania State University Press, University Park/London
1970, Zeile 665 ff.
34 Genaueres hierzu lässt sich nicht sagen, da bekannt sein
müsste, wie weit der Kettenstern bei der jeweils erstmaligen Einhangung nach unten sackte. Die beabsichtigte
Computer-Simulation dürfte mehr Klarheit bringen.
Página 15
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Bau der Kuppel benötigt wurden, übertreibt Manetti sicherlich. Doch waren für Brunelleschi Form und Qualität des verwendeten Baumaterials offenbar sakrosankt.
Die centine waren fraglos funktionstüchtige Richtmaße für die Einhaltung der quinto acuto-Krümmung
an der Außenseite der Hauptrippen. Doch sich ausschließlich auf diese Schablonen zu verlassen, wäre viel
zu riskant gewesen. Wie leicht konnte es passieren, dass
eine Schablone nur wenige Zentimeter von der Krümmung abwich. Die Folgen wären verheerend gewesen,
weil sich die Abweichung nach oben potenziert hätte.
Diese Gefahr verlangte es vielmehr, auch die Lage der
centine immer wieder zu kontrollieren.
Es wird daher noch auf anderem, nämlich mathematischem Wege ermittelt worden sein, dass
1. die centine präzise sitzen,
2. die Seile im richtigen Winkel zur neu entstehenden
|
L
10. Florenz, Schnitt der Domkuppel mit Kettenstern
(KS), dessen Ketten dreimal verkürzt werden (bei
gleich bleibenden Aufhängungshaken), wodurch der
Mittelpunkt (MK) und damit auch der »gualandrino
con tre corde« (G) nach oben rückt. C = centine.
Q = Konstruktionspunkte des quinto acuto.
Steinlage aufsteigen und somit ein Teilabschnitt des
quinto acuto-Radius von 36 m sind (nur als solche Teilabschnitte konnte man sie dann mittels der Ständer
kreisen lassen),
3. folglich auch der Kettenstern-Mittelpunkt, dessen
Höhe über die Anzahl der ausgehängten Kettenglieder
steuerbar war, exakt auf diesem Radius lag.
Der Einsatz von Loten, des Kettensterns und Drehgelenks des »gualandrino«, dessen Seile an der obersten
Steinlage über die Eckrippen gespannt wurden, legte
material verwendet. In Florenz waren die mattone, die
Ziegelsteine, gemäß eines Statuts von 1325 in ihrer
die Anwendung mathematischer Methoden zur Überprüfung des vom quinto acuto diktierten Neigungs-
Größe genormt. Ihre Länge musste circa 29 cm betrawinkels sogar nahe (Abb. 11). Und so wurde ein Sysgen, ihre Tiefe die Hälfte davon (14,5 cm) und ihre Höhe
temwechsel vollzogen - von der schlichten Aufmauedavon noch einmal die Hälfte (7,25 cm). Nur mit einem
rungstechnik hin zur Mathematik, zur angewandten
Gütesiegel versehen, das ihre korrekte Größe garan-
Geometrie.
tierte, durften sie von den Ziegeleien ausgeliefert werden.35 Zwar wurde beim Kuppelbau dieses Basismodell
offenbar kaum und stattdessen in Form, Länge und
IV. A: Nach dem pythagoreischen Lehrsatz
Tiefe sehr unterschiedliche Ziegel (dreieckige, geknickte
für die Oktogonecken oder Ziegel mit Verzahnungen)
Zur Durchführung des ersten Verfahrens bedurfte es
verwendet, doch die Höhe von 5 cm} wurde anscheizum einen der Kenntnis des pythagoreischen Lehrsatnend beibehalten, was den komplizierten Messbedingungen nur dienlich sein konnte. Selbst wenn von dieser Höhe abgewichen wurde, geschah dies mit Bedacht
35 Alle Angaben nach Richard A. Goldthwaite, La costruund kontrolliert. Manetti berichtet, Brunelleschi habe
zione della Firenze rinascimentale. Una storia economica
e sociale, Bologna 1984, S. 295 f.
jeden einzelnen Ziegelstein persönlich begutachtet.’
Angesichts der etwa vier Millionen Ziegel, die für den
36 Vgl. dazu Fanelli (wie Anm. 5), S. r8ff.
37 Manetti/Saalman (wie Anm. 33), Zeile 1033-1041.
Página 16
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)3. der halbe Durchmesser bei der aktuellen Kuppelhöhe (r)
Konstant bleibt der Abstand von den Konstruktionspunkten des quinto acuto (Q) zum Mittelpunkt (M)
(= 13,5 m). Und eine Binsenweisheit ist es, dass durch
den Einsatz des Lotes die Strecken k + r und H bzw. k
und MMK jeweils einen rechten Winkel bilden. Gemäß
dem pythagoreischen Lehrsatz ergeben folglich (k + r)?
+ H? = QG? und h? + r? = GMK?. Entsprach QG: dem
Quadrat über dem Radius des quinto acuto von 36 m
(= 1296) und GMK? dem Quadrat über der bekannten
Lange des gualandrino-Seiles, stand fest: GMK, das
gespannte Seil vom Mittelpunkt des Kettensterns bis
zur obersten Steinlage, ist ein Teilabschnitt des vorTambour
gegebenen quinto acuto-Radius. Und der Winkel a entsprach dem kontinuierlich ansteigenden Neigungswinkel, der identisch ist mit dem Anstiegswinkel zwischen
dem Radius des quinto acuto und der Basislinie der
Kuppel. Entsprach (k + r)? + H? nicht 36? und h? + 1?
nicht dem Quadrat über der bekannten Länge des Sei11. Florenz, Schnitt der Domkuppel: Q = Konstruktionspunkte des quinto acuto, M = Mittelpunkt der
Kuppel, markiert im Kuppelgrundriss am Vierungsboden, G = Anschlagstelle der Seile des »gualandrino« an oberster Steinlage, MK = Mittelpunkt des
Kettensterns mit Drehgelenk, dem »gualandrino«
für die drei Seile (»gualandrino con tre corde«),
L = Lote, KS = Kettenstern, S = Schnittpunkt von
Basislinie und Lot bei G, H = über das Lot ermittelte
aktuelle Kuppelhöhe (= Gesamthöhe bei G vom
Vierungsboden, davon abgezogen die 54,3 m Höhe
des Unterbaus mit Tambour), h = Gesamthöhe H
minus MKM (über Lot ermittelt, davon abgezogen
die 54,3 m Höhe des Unterbaus mit Tambour),
r = über das Lot ermittelter halber Durchmesser
(durch die Ecken gemessen) bei der aktuellen
Kuppelhöhe, k = konstant bleibender Abstand
von Q zu M (= 13,5 m), a = Neigungswinkel
les, gab es nur eine Größe, die korrigiert werden muss-
3% Darunter der angesehene Mathematiker Giovanni dell’Abaco. Er wird zusammen mit Brunelleschi am 19. Mai
1417 für Ratschläge bezüglich der Kuppelwölbung bezahlt: vgl. Fabriczy (wie Anm. 26) S. 543f. Zu den Beratern ist auch einer der berühmtesten Gelehrten der Florentiner Frührenaissance, Paolo dal Pozzo Toscanelli
(1397-1482), zu zählen, der nach Manetti u.a. mit Brunelleschi befreundet war: vgl. Manetti/Saalman (wie
ff.
Anm. 33), Zeile 409
39 Vitruv beschreibt im 9. Buch seiner De Architectura Libri
Decem (Vorrede, 214, 6ff., Edition von Curt Fensterbusch, Darmstadt 1981) ausführlich den pythagoreischen
Lehrsatz (inklusive des klassischen Modells 32 + 42 = 52),
sogar mit der Empfehlung, ihn etwa beim Treppenbau
praktisch umzusetzen. In Florenz war Vitruv seit Mitte
des 14. Jahrhunderts gut bekannt. Sowohl Petrarca als
auch Boccaccio besaßen eine Vitruv-Handschrift, und Lozes, die man bei Brunelleschi und seinem Beraterstab3®
voraussetzen kann.39 Zum anderen waren ein konstantes Maß sowie zwei leicht ermittelbare Maße erforderlich (Abb. 11):
1. 36 m. Das ist der vorgegebene Radius des quinto
acuto (in der Zeichnung die Strecke QG)
2. die jeweils aktuelle Höhe der Kuppel (H)
renzo Ghiberti, Brunelleschis schärfster Konkurrent beim
Bau der Domkuppel, rezipierte den Traktat ausgiebig in
seinen Commentarii: vgl. u.a. Hanno-Walter Kruft, Geschichte der Architekturtheorie, München 71986, S. 42. Bei
Evers und Thoenes findet die Vitruv-Rezeption vor Alberti keine Erwähnung: vgl. Bernd Evers und Christof
Thoenes u.a., Architekturtheorie von der Renaissance bis
zur Gegenwart, Köln u.a. 2003. Außer der Domkuppel
verweisen auch Brunelleschis andere Bauten auf eine Auseinandersetzung mit Vitruvs De Architectura Libri Decem, worauf an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen werden kann.
Página 17
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)te: GMK. Denn k blieb konstant (= 13,5 m) und r war
praktiziert wurde. In seinem gegen 1220 verfassten
ebenso gegeben wie die aktuelle Kuppelhôhe H. In
Werk Practica geometriae setzt sich Fibonacci ausdiesem Fall musste ftir die korrekte Lage der nachsten
giebig mit Euklids Elementen auseinander und liefert
Ziegelschichten der Mittelpunkt des Kettensterns über
u.a. einen weiteren Beweis für den pythagoreischen
das Aushangen der entsprechenden Anzahl von Ket-
Lehrsatz. Außer geometrischen Theoremen behandelt
tengliedern so lange austariert werden, bis er an der
Fibonacci darin aber auch praktische Fragen zur Land-
Stelle saß, die zur richtigen Lange der gespannten guavermessung, zur Berechnung von Polygonen oder zur
landrino-Seile führte.
Höhenberechnung hoher Objekte mit Hilfe ähnlicher
Dreiecke. Deren Basisdefinition lautet: Zwei Dreiecke
heißen ähnlich, wenn man sie durch Kongruenzabbil-
IV. B: Mit Hilfe geometrischer Figuren Fibonaccis
dungen zu einer Strahlensatzfigur ergänzen kann.
Nichts anderes gilt für die Dreiecke QMKM und QGS.
Auf Theoremen des Pythagoras aufbauend entwickelte
Dass Brunelleschi Fibonaccis Practica geometriae zu
Euklid in seinen Elementen die Geometrie über Stre-
Rate zog, als er es sich in den Kopf gesetzt hatte, das
ckenverhaltnisse, deren Anwendung auf anderem Wege, aber mindestens genauso einfach, die Bestimmung
knapp 90 m hohe Objekt der Kuppel ohne Lehrgeriiste zu hauen, liegt auf der Hand. Fibonaccis Schriften
der richtigen Position des Mittelpunkts des Kettensterns ermôglichte. Die hierfür erforderliche Strahlenwaren in Florenz schon seit dem Ende des 13. Jahrsatzfigur war gegeben (Abb. 11): Der Radius des quinto
acuto (36 m) und die Basislinie der Kuppel schneiden
übertrug Cristofano di Gherardo di Dino die Practica
geometriae ın die italienische Sprache und fügte zum
sich in Q und das Mittellot verläuft parallel zu H.
Die Kenntnis von Euklids Geometrie der Streckenhinzu.43 Die Zeichnung Nr. 141 zeigt eine gleichfalls
verhältnisse dürfte Brunelleschi allerdings indirekt verauf ähnlichen Dreiecken basierende Figur mit acb / ade
mittelt worden sein — über den vielleicht bedeutendsten
Mathematiker des Mittelalters, Leonardo da Pisa, bes-
(Abb. 12),44 die der Strahlensatzfigur QMS / QMKG
hunderts bestens bekannt.** Zwischen 1389 und 1443
besseren
Verständnis
auch
geometrische
Figuren
ser bekannt als Leonardo Pisano Fibonacci (ca. 1170-
ca. 1240).4° Fibonacci erlernte im heutigen Algerien indische Zahlenzeichen einschließlich des Zeichens o und
arabische Berechnungsmethoden. Die Einführung sowohl der indischen Zahlen als auch der arabischen Berechnungsmethoden im Abendland ist maßgeblich ıhm
4° Marcello Morelli und Marco Tangheroni (Hrsg.), Leonardo Fibonacci. Il tempo, le opere, l’eredità scientifica, Pisa
1994.
4 =
ct oder Lesevergniigen eines Mathematikers, Mannheim
1992.
4 he
zu verdanken. Er entdeckte sodann eine nach ihm be-
Door,
lange Zeit als das Lehrbuch der Rechenkunst schlechthin.* Dies hatte zur Folge, dass gerade in Florenz das
Rechnungswesen von den in den zahlreichen AbacıSchulen ausgebildeten Kaufleuten auf höchstem Niveau und mit einem legendären ökonomischen Erfolg
in:
Renaissance
Quarterly,
28,
1976
(Winter),
S. 483-503. Darin wird u.a. auch eine bisher offenbar
kaum näher beachtete Handschrift in italienischer Sprache
die Addition der beiden vorausgehenden Zahlen ergibt
- also 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, etc. Zum
geometrische Proportion des Goldenen Schnitts. Sein
Liber abaci von 1202 (1228 ergänzt) galt in der Toskana
Vgl. dazu Diane Finiello Zervas, The trattato dell’Abaco
and Andrea Pisnano’s Design for the Florentine Baptistry
nannte und im Folgenden noch bedeutsame Zahlenfolge, bei der eine beliebige Zahl dieser Folge sich durch
Komplex dieser Zahlenfolge gehört die von Fıbonaccı
gleichfalls beispielhaft theoretisch fundiert erklärte
Vgl. hierzu Heinz Liineburg, Leonardo Pisani Liber Abavon circa 1290 mit dem Titel Aritmetica e geometria di
Leonardo Fibonacci in der Florentiner Biblioteca Riccardiana (Codex 2404) erwähnt: ebd., S. 486.
4
Las
Gino Arrıghi (Hrsg. u. Einführung), Leonardo Fibonacci:
la pratica di geometria. Volgarizzata da Christofano di
Gherardo di Dino, cittadino pisano. Dal codice 2186 della
Biblioteca Riccardiana di Firenze (Testimonianze di Storia delle Scienze, 3), Pisa 1966, hier: S. 95.
44 Ebd., S. 95: »Se vuoj sapere la latitudine d’alcuno fiume, o
d’altra cosa, piglia uno legnio che cti giungha in fine agli
occhy et abbine un altro che sia minore uno ghovito. Et
pone lo primo legnio, cioé lo maggiore, alla riva dell’acqua et tu sta’ presso a lluj et sia lo legnio a.b.. Et or pone
altro legnio diricto dal lato .a., si come tu vedi questo
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)metrischen Entwurfs dürften alle erforderlichen Vorgaben für den Kuppelbau bestimmt worden sein: der
Durchmesser an der Basis der Kuppel, ihr Mittelpunkt,
der Radius des quinto acuto (= 36 m), dessen Konstruktionspunkte, die Form der certine und damit der
12. Figur 141 aus
Schnitt der Kuppel sowie deren achteckiger Grundriss.
Fibonaccis Practica
geometriae nach der
Auch für die Konstruktion eines gleichseitigen Okto-
Fassung von Cristogons großen Ausmaßes liefert Fibonacci nach Gherfano di Gherardo
di Dino aus Pisa (entstanden zwischen
ardo di Dino im Kapitel über »Ragione della tersa parte
della misura delle terre che änno piü latj« im Übrigen
1389 und 1443) mit
eine verlässliche Methode (Fig. 54, 55).*° Was und wied
viel Brunelleschi von Schnitt und Grundriss der Kupden Proportionen
gemäß dem erläuternden Text: ac: cd = acb
: be. Die Figur ist zum
besseren Verständnis
in diesem Zusammenhang um 90° gegen
den Uhrzeigersinn
gedreht.
pel bei der Vermessungsaktion am Arnoufer in den
Sand einritzen ließ, könnte ohne Weiteres im Versuch
eruiert werden. Dabei sollte auch eine Art Vorform des
Theodoliten eingesetzt werden — hölzerne Stangen als
Distanzmesser, wie sie Fibonacci empfahl: »Se vuoj
sapere la latitudine d’alcuno fiume, o d’altra cosa,
a
c
b
piglia uno legnio che cti giungha in fine agli occhj et
abbine un altro che sia minore uno ghovito. ...«47
Fibonacci war keineswegs nur dem Konstrukteur der
entspricht (Abb. 11); man muss Figur 141 nur um 90°
Domkuppel bekannt. Dokumentiert ist dies im Jahr
gegen den Uhrzeigersinn drehen, wie es in Abbildung
1436 und abermals fiir kein anderes Objekt als den Flo-
12 geschehen ist.
rentiner Dom und seine soeben fertig gestellte Kuppel.
Fibonacci gibt hierfür folgende Proportionen an:
Wie schon erwahnt, waren 1367 144 braccia als Maf fiir
ac:cd = acb:be. Auf die Strahlensatzfigur zur Kuppeldie Gesamthöhe vorgesehen. Auf die Distanz vom Vievermessung
rungsboden bis zum Tambour sollten 89 braccia entübertragen,
heißt
dies:
k:MMK
=
(k + r):H oder 13,5 m:MMK = (13,5 m + r):H.
fallen und auf die Kuppel selbst 55 braccia. 55, 89 und
Für die Einhaltung des quinto acuto-Radius (QG) bei
144 stellen aufeinander folgende Fibonacci-Zahlen dar.
den nächsten Steinschichten musste lediglich eine
Welche Bedeutung der Zahlenfolge beigemessen wur-
Strecke bestimmt werden: MMK, denn H und r waren
de, zeigt in frappanter Weise die eigens fiir die Domüber das Lot leicht zu ermitteln. Mit dieser Gleichung
weihe am 25. März 1436 von Guillaume Dufay (ca.
konnte die gesuchte Höhe MMK »sansa dubbio«* er-
1400—ca. 1474) im Auftrag Papst Eugens IV. komporechnet werden und damit auch die Position des Mitnierte Festmotette Nuper rosarum flores. Dufay, fühtelpunktes des Kettensterns (MK) auf dem quinto
render Musiker und Komponist seiner Zeit, nimmt im
acuto-Radius sowie die Länge GMK. Es mussten dann
nurmehr so viele Kettenglieder ausgehängt werden, wie
es die neue Höhe MMK erforderte.
Figur 141 war für die Ermittlung der Breite eines Flusses gedacht - allerdings auch für »d’altra cosa«. So
spricht auch nichts gegen ihre Verwendung beim Kuppelbau. In Erinnerung gerufen sei, dass Brunelleschi
nach Informationen Giovanni Battista Gellis am Ufer
des Arno einen Aufrissplan der Kuppel im Maßstab 1:1
in den Sand einritzen ließ. Anhand dieses riesigen geo-
.c.d., et or considera di vedere per .a.d. infine al’altra ripa
del fiume segniata .e.. Inperciò ch’io ti pognio che lo .b.e.
sia la larghessa del fiume et lo .a.e. è lo verso indirecto. Et
però considera quant lo .a.c. al .c.d., chè così come è lo
.a.c. al «c.d. così è lo .a.c.b. al .b.e.; pensa: se’ .c.d. è doppio del'.a.c. che ’1 .b.e. è doppio del .b.c.a. et s’è tre tanto
l’uno, tre tanto l’altro et se tanto, tanto. Et questo è sansa
dubbio.«
45 »... Et questo è sansa dubbio«, S. Anm. 44.
46 Arrighi (wie Anm. 43), S. 62f.
47 Vgl. Anm. 44.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Aufbau dieser Motette vielfach Bezug aut die Archiacuto = ca. 36 m, k = ca. 13,5 m) in der bisherigen Fortektur und spielt in der Anzahl der den einzelnen Stimschungsliteratur eine neue Vermessung, dic, was bisher
men zugeteilten Tönen, in der Tonhöhenstatistik und
kaum geschehen ist, vor allem den Unterbau, die Vieselbst in der Anzahl der Textbuchstaben unverkennbar
rung, einbeziehen sollte.5! Es wurden in jüngerer Zeit
auf die Fibonacci-Zahlenfolge und den mit dieser eng
zwar mehrere neue Kuppelmodelle vorgestellt,5? doch
verbundenen Goldenen Schnitt an.4® Die Festlegung
sagen diese trotz erkenntnisreicher Detailinformatiovon 55, 89 und 144 braccia als Maße für die zu erbaunen aus fotogrammetrischen Kurvenanalysen u.a. weende Kuppel bereits im Jahr 1367 klärt zudem, dass
nig über die angewandten grundsätzlichen Vermesschon damals Fibonaccis Zahlenfolge bekannt war. Insungsverfahren aus. Zudem gerät dabei die Kuppel als
sofern verwundert es nicht, dass auch der tatsächliche
Architekt und Konstrukteur der Kuppel Brunelleschi
eine Ganzheit, als der krönende Abschluss des archiauf die mathematischen Erkenntnisse des Leonardo da
Pisa zurückgriff, zumal da Brunelleschi den Eid auf das
Modell von 1367 leisten musste, wie es in den Statuten
der Domopera festgeschrieben war.” Dass die Maße
dann nicht eingehalten wurden, ist weniger Brunelleschi als vielmehr den Baumeistern des Tambours zuzuschreiben.
# Rolf Dammann, Die Florentiner Domweihmotette Dufays (1436), in: Wolfgang Braunfels, Der Dom von Florenz, Olten 1964, S. 73-85. Hans Ryschawy, Guillaume
Dufay, München 1988 (edition + text), passim. Aufnahme/CD Sampler »The Hilliard Ensemble« EMI reflexe CDZ 767118-2. Zu Dufay s. a. die jüngst erschienene
umfangreiche Monographie von Peter Gülke, Guillaume
Du Fay. Musik des 15. Jahrhunderts, Stuttgart 2004.
49 Saalman (wie Anm. 1), S. 45 ff.
$2 Leon Battista Alberti konsultierte Fibonaccis Practica
geometriae offenbar für sein Malercitraktat, der gegen
V. Die Domkuppel und die zentralperspektivische
Konstruktion
Mit den vorgestellten Messmethoden konnte die Kuppel dreifach kontrolliert erbaut werden. Die empirische
Methode lieferte die Basis, d.h., sie lieferte mit dem
Grundriss der Kuppel im Vierungsboden, dem Kettenstern, den Loten, den »cientine« und dem »gualadrino
con tre corde« die erforderlichen Instrumente für die
mathematischen Verfahren nach Pythagoras und Fibonacci. Vor allem Letzterer dürfte mit seinem Lehrbuch
über angewandte Geometrie für die Berechnung des
1436, im Jahr der Domweihe entstand: vgl: Leonardo
Olschki, Die Literatur der Technik und der angewandten
Wissenschaft. Geschichte der neusprachlichen wissenschaftlichen Literatur vom Mittelalter bis zur Renaissance,
Heidelberg 1919, Bd. 1, S. 67. Zur Fibonacci-Rezeption
Albertis in seinen »Mathematischen Spiclen« siche Pierre
Souffrin, La geometria practica dans Les ludi rerum mathematicarum, in: Albertiana, 1, 1998, S. 87-104. In der
Brunelleschi-Forschung spielte Fibonacci bisher keine
Rolle. Trachtenberg halt bei der Domkuppel die Fibonacci-Zahlenfolge (55, 89, 144) fiir zufallig, und bei der
Motette Dufays wird die Zahlenfolge nicht erkannt: Marvin ‘Trachtenberg, Architecture and Music Reunited. A
New Reading of Dufay’s Nuper Rosarum Flores and the
Cathedral of Florence, in: Renaissance Quarterly, LIV/3,
2001, S. 741-775. Auf Trachtenbergs überzogenen ikono-
Neigungswinkels entscheidend gewesen sein. Diese
logischen Deutungen des Domes wird an anderer Stelle
bestätigt Brunelleschis schon zu Lebzeiten gerühmten
außerordentlichen Fähigkeiten nicht nur als Architekt
geometriae Fibonaccis auf Florentiner Stadtgriindungen
und Ingenieur, sondern auch als Mathematiker auf den
Spuren des großen Pisaners, wobei die kunsthistortschen Forschungen zur Rezeption der angewandten
Geometrie Fibonaccis allerdings generell noch am Anfang stehen.5? Beabsichtigte computergestützte Simulationen tiber die hier abgebildeten schematischen Darstellungen hinaus sollen Brunelleschis Vermessungsverfahren noch deutlicher und anschaulicher demonstrieren. Einhergehen miisste angesichts der divergierenden oder fehlenden Maßangaben (Radius des guinto
cingegangen. Friedman hat einen Einfluss der Practica
im 14. Jahrhundert erwogen (David Friedman, Florentine
New Towns. Urban Desings in the Late Middle Ages,
Cambridge/London 1988, S. 125-130). Zu Andrea Pisanos Auseinandersetzung mit Fibonaccis liber abaci s. Zervas (wie Anm. 42). Eine aufschlussreiche Grundlage besonders ftir Pisaner Bauten des Mittelalters ist Luigi A.
Radicati di Brozolos (Hg.) Aufsatzband (Fibonacci tra
arte e scienza, Pisa 2002).
$1 Die Neuvermessung erscheint auch geboten im Hinblick
auf das von Margaret Haines und anderen zur Zeit durchgeführte Projekt einer Präsentation aller Dokumente zum
Kuppelbau der Jahre 1417 bis 1436 im Netz. URL:
http://duomo.mpiwg-berlin.mpg.de.
$2 Vel. dazu di Pasquale (wie Anm. 5), Abb. 21 ff.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)tektonischen und liturgischen Zentrums des Domes,
Tafeln nicht wie ein Maler mit der verkleinerten Abder Vierung, ins Hintertreffen. Welche Bedeutung gebildung der Wirklichkeit begnügte. Ihm ging es vielrade die Vierung für den Bau der Kuppel hatte, belegen
mehr um die totale Illusion mit der zugegeben provodie angewandten Messmethoden.
kanten Vermutung: Brunelleschi hätte bewegte Bilder,
Der im Vierungsboden markierte Kuppelgrundriss
den Film, schon erfunden, wenn er gekonnt hatte. Weil
mit den Konstruktionspunkten des quinto acuto, der
er es nicht konnte, ließ er Malerei Malerei sein und beviclfältige Einsatz von Loten und nicht zuletzt die
schäftigte sich spätestens ab 1418 nicht mehr mit illumathematischen Methoden zeugen von einem Denken
sionistischer, sondern nur mehr mit der wahrhaften
in Projektionen, wie es zu Beginn des 15. Jahrhunderts
Raumkunst, der Architektur.
nur dem Erfinder der mathematisch entwickelten zentralperspektivischen Konstruktion zuzutrauen war.3
Diese steckt auch hinter Brunelleschis Vorgehen -
VI. Nachtrag
allerdings in umgekehrter Anwendung: Ein dreidimensionales Objekt wird nicht auf eine zweidimensio-
Um die Leistung der ohne Lehrgertiste erbauten Kupnale Oberfläche projiziert, sondern die Projektion, der
pel von S. Maria del Fiore ermessen zu kônnen, môge
Grundriss der Kuppel im Vierungsboden von S. Maria
man die 1945 zerstörte, inzwischen wieder hergestellte
del Fiore, dient der Errichtung des dreidimensionalen
Frauenkirche in Dresden, dem Elbflorenz, besuchen.
Körpers, der Kuppel. Projektion und Kuppel haben
Ihre
allerdings — im Unterschied
zu den verkleinerten
spruchsvolle, aber deutlich kleinere Kuppel als jene des
konstruktionstechnisch
gleichfalls
höchst an-
Scheinwelten zentralperspektivisch angelegter Bilder -
Florentiner Domes wurde beim Wiederaufbau mit imein und denselben Maßstab. Seit sich Brunelleschi spämensem
testens 1409 aktiv in das Geschehen um die Kuppel ein-
Computerprogramme
mischte,S* dürften Kuppelkonstruktion und zentralschließlich
perspektivische Konstruktion in seinen Überlegungen
Lehrgeriisten, die vom Fußboden der Frauenkirche bis
deshalb parallel geschaltet gewesen sein, oder vielmehr:
zum Kuppelscheitel reichten.
Hichtech-Aufwand,
aus
mit
dem
Hilfe
spezieller
Flugzeugbau
ein-
3-D-Simulationen errichtet — und:
mit
Die Überlegung von der zweidimensionalen Projektion, aus welcher der dreidimensionale Körper der
Kuppel entstehen sollte, war die Voraussetzung für den
Bau der Kuppel. Dass die Erfindung der zentralperspektivischen Konstruktion auch die Malerei revolutionteren würde, war Brunelleschi selbstverstindlich
bewusst, doch für ıhn anscheinend von geringerem
Interesse als das Gelingen der Kuppel. So schuf er zwar
gegen 1413 zwei nur durch Beschreibungen bekannte
53 Vgl. hierzu Manctti/Saalman (wie Anm. 33), Zeile 143 f.,
149, 167t., 204f. Giorgio Vasari, Le vite de pin eccellenti
pittori, scultori e architettori, (1568) Nachdruck hg. v. Paola della Pergola, Luigi Grassi und Giovanni Previtali,
9 Bde., Novara 1967, hier: Bd. 2, S. 245
ff. Auch für Brunelleschis Perspektivexperimente dürften Euklids Lehrsätze (vgl. hierzu Samuel Y. Edgerton, Die Entdeckung der
Perspektive, München 2002, S. 124ff.) im Übrigen über
Fibonacci vermittelt worden sein. Dazu ist eine eigene
Bildtafeln mit dem Florentiner Baptisterium respektive
Untersuchung in Bearbeitung. Auch Hoffmann (wie
dem Palazzo Vecchio, bei denen er u.a. durch den Ein-
Anm. 18) sicht einen Zusammenhang zwischen Kuppelsatz von Spiegeln alle erdenklichen Register illusionistischer Möglichkeiten eines zentralperspektivischen
Bildaufbaues zog. Doch die experimentelle, auf optische Täuschung angelegte Anwendung der Zentralperspektive legt nahe, dass sich Brunelleschi bei diesen
bau und zentralperspektivischer Konstruktion, jedoch in
cinem vollkommen anderen Verständnis.
54 Saalman (wie Anm. 1), S. 246. Zusammen mit Ghiberti
und anderen erstellte Brunelleschi schon 1404 ein Gutachten betreffs cines Fehlers, der bei der Aufmauerung der
Strebemauern der Chortribunen des Domes begangen
worden sein soll, vgl. Fabriczy (wie Anm. 26), S. 541.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Summary
lines and templates pushed upwards along the ribs on
Up to now it is not understood, how the Cupola of
describe a circle at the uppermost course of brick, thus
the outside of the cupola. The ropes were made to
Florence cathedral was surveyed while construction
creating in effect a >rotation cupola. Similar triangles
was in progress. This thesis postulates that Brunellewere generated with ropes and plumb lines, by which
schi used mathematical procedures according to Pymeans the essential measurements could be monitored:
thagoras and above all Fibonacci. His surveying inthe 36-metre radius of the guinto acuto, the geometric
struments were a chain-star hung across the cupola to
figure prescribed in 1367, and, therefore, the increase in
converge at the centre, a pivot joint fastened to this centhe angle of inclination of both rising shells as well as
tral point with three ropes leading to the course of brick
the radial alignment of the building elements and their
being laid and stretched taut there, as well as plumb
downwards tilt.
Abbildungsnachweis:
1: Archiv der Verfasserin. — 2, 3, 5, 7, 8, 9, 10, 11: Krämer (wie Anm. 3). — 4: Saalman (wie Anm. 1). - 6: Di Pasquale (wie
Anm. 5), Abb. 54. - 12: Arrighi (wie Anm. 43), Fig. 141.