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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)rombach hochschul paperback band 23
Fritz Krafft
redaktion gerd-klaus kaltenbrunner
Geschichte
der Naturwissenschaft |
Gestartet in einer Periode leidenschaftlicher Diskussion über die möglichen Wege einer Hochschulreform, will die Sammlung »rombach
hochschul paperback« als Beitrag zur Uberwindung der Misere an den
Universitäten verstanden sein. Auf ihrem Programm stehen durchweg
Grund- und Einführungsvorlesungen aus allen natur- und geisteswissenschaftlichen Lehrfächern. In handlichen und preiswerten Ausgaben erscheinen jahrlich an die zwanzig Vorlesungen aus deutschx
Die Begründung einer Wissenschaft von der Natur
durch die Griechen
sprachigen Universitäten.
Die neue Reihe will die Vorlesungen nicht ersetzen, sondern ergänzen.
Den akademischen Lehrern bietet sie die Möglichkeit, den mündlichen
Vortrag sowohl zu entlasten als auch zu vertiefen; den Studenten
liefert sie authentische Arbeitsunterlagen, die vom Zwang andauernden
Mitschreibens befreien und den Riickgriff auf die oft unzuverlässigen
»Skripten« überflüssig machen. Während die großen Lehrbücher für
Studenten kaum erschwinglich sind und überdies angesichts der Akzeleration wissenschaftlicher Erkenntnis immer rascher veralten, sind die
Bände der Sammlung »rombach hochschul paperback« bewußt auf die
Bedürfnisse der Studierenden zugeschnitten und so konzipiert, daß sie
den Erfordernissen der einzelnen Lehrgegenstände maximal entgegenkommen und in den häufig notwendigen Neuauflagen jeweils auf den
letzten Stand gebracht werden können.
Über die für jede akademische Ausbildung unumgängliche Vermittlung von Fakten und Methoden hinaus bietet die Sammlung »rombach
hochschul paperback« den Studierenden repräsentative Beispiele wissenschaftlicher Argumentation und Orientierung, die zur begrifflichen
Schulung und Durchdringung des Wissensstoffes, vor allem aber zum
kritischen Mit- und Weiterdenken stimulieren wollen.
Hervorgegangen aus Vorlesungen und bestimmt zur Vertiefung des in
Vorlesungen erworbenen Wissens, sind die Bände der Sammlung
»rombach hochschul paperback« eine authentische Dokumentation akademischen Unterrichts in einer Gesellschaft, die wie nie zuvor auf
Wissenschaft, Forschung und Bildung angewiesen ist.
Verlag Rombach Freiburg
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)8 » Physische « Mathematik im fünften
vorchristlichen Jahrhundert
zu einem der Natur in manchen oder allen Bereichen angemessenes Hilfsmittel der Erkenntnis ihrer Formen und Beziehungen
werden kann. Hekataios war, wie gesagt, noch davon überzeugt,
daß die Natur geometrisch aufgebaut ist, daß bestimmte Land-
Wir haben uns in der letzten Stunde mit dem geometrischsymmetrischen Erdbild des Hekataios von Milet beschäftigt;
und ich möchte nochmals betonen, daß es Hekataios nicht etwa
nicht auf die genauen Formen und Umrißlinien der Kontinente,
Länder und Landschaften ankam. Hekataios kam vielmehr gar
nicht auf den Gedanken, daß die von natürlichen Grenzen
gebildeten Umrißlinien etwa nicht einfachen Figuren entsprechen
würden. Er steht damit noch ganz im Banne des Anaximandros,
schaften von Flüssen und Meeren in geometrischer Form, ja sogar
in Form von Quadraten abgegrenzt werden, daß die ganze Erde
kreisförmig ist und Delphi, den »Nabel der Welt«, als Mittelpunkt hat, daß sie auf natürliche Weise von Flüssen und Meeren
unterteilt wird, deren südliche Hälfte wiederum durch einen
Fluß, nämlich den Nil, halbiert wird.
Im Falle des Nils als Grenze zwischen Asien und Libyen hatte
Herodotos zwar auf die Willkür einer solchen Teilung durch
Flüsse hingewiesen, darauf, daß exakte Symmetrie nicht bestehe,
doch blieb er letztlich doch noch in diesem Symmetriedenken
gefangen — wir hatten es als Erkenntnisprinzip im Falle des
Nillaufes kennengelernt, den Herodotos sich analog zu dem des
gegenüber dem Nil mündenden Istros vorstellt, und bei dem
Versuch, die Existenz des fabulösen Volkes der Hyperboreer
der ja Geometrie und Symmetrie als die Mittel entdeckt hatte,
dadurch zu widerlegen, daß er auf das Fehlen eines diesem entmit deren Hilfe man sich den Kosmos und die Natur veranschaulichen kann, weil Kosmos und Natur in solchen gesetzmäßigen
sprechenden Volkes im äußersten Süden hinwies. Herodotos
Formen und Beziehungen aufgehen und sich ausbilden. Für
lehnt also diese Denkweise noch nicht grundsätzlich ab, er ist nur
bestrebt, der Willkür dort Einhalt zu gebieten, wo die empirisch
Anaximandros ist dies ebenso wie noch für Hekataios oder die
Pythagoreer Archytas und Philolaos eine unbewußt vorliegende
Voraussetzung; die Geometrie ist gleichsam noch in den Formen
gewonnenen Erkenntnisse zeigen, daß geometrische Formen der
Wirklichkeit aufgezwungen sind und ihr nicht entsprechen —
ohne daraus dann allerdings bereits den Schluß zu ziehen, daß
der Natur und Kunst gegeben, sie besteht nicht neben der sichtbaren Welt.
Für die frühe Zeit des sechsten und fünften Jahrhunderts kann
man die Mathematik noch nicht als Hilfsmittel des Erkennens
der Natur und ihrer Formen bezeichnen, als Mittel einer vereinfachenden Veranschaulichung, weil der Eigenbereich der Mathematik als einer nur im Geiste des Menschen entstandenen und
bestehenden Wissenschaft erst im Anschluß an Parmenides und
Zenon von Elea, also seit der Mitte des fünften Jahrhunderts
erkannt und entdeckt wurde, wie wir noch sehen werden. Erst
danach kann man zu der Überzeugung gelangen, daß die Natur
den Bereich einer idealen Mathematik anzustreben bemüht ist
diese Formen auch dort, wo er sie nicht empirisch widerlegen
kann, den natürlichen Gegebenheiten nicht entsprechen.
Er hatte die in seinem Sinne wahren Formen der Erdteile, die der
Wirklichkeit weitaus besser entsprechen, allerdings nur erkennen
können, indem er eine ursprünglich angesetzte allgemeine Form
als zu einfach, als zu willkürlich erweisen konnte. Ohne jenen —
wie wir sagen würden — Schematismus, ohne jene Idee, die Erde
nach geometrischen Prinzipien aufgebaut und unterteilt sein zu
lassen, wären die herodotischen Detailkenntnisse gar nicht möglich gewesen. Das Allgemeine geht stets dem Speziellen und dem
Detail voraus. Man bedarf allgemeiner Prinzipien, um der Dinge
Herr werden zu können. Erst, wenn man das Erdbild mittels
fünften Jahrhunderts allmählich zu dem wird, was man ın
solcher allgemeiner Formen einmal in den Griff bekommen hat,
kann ein Vergleich mit den vorliegenden oder neuen, mit Hilfe
200 späterem und modernem Sinne als Mathematik ansprechen kann,
jenes Erdbildes gewonnenen Erkenntnissen zu Differenzierungen
und daß deshalb diese Mathematik, die erst gegen Ende des
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)und Korrekturen führen. Herodotos lehnt so zwar im großen
jene hekataiischen Anschauungen ab, im kleinen wird er sich
ihrer Willkürlichkeit aber noch nicht bewußt.
Zu einer solchen generellen Skepsis konnte der Empiriker Herodotos sich noch nicht durchringen, weil dazu erst die Mathematik
einer Reform bedurfte. Diese erfolgte in der vorplatonischen
Zeit, und erst Platon wird es daraufhin gelingen, jene generelle
Skepsis als richtig zu erweisen und in seinem System zu begründen — er kennt allerdings auch andere Versuche, mathematische
dergebrannt wurden und viele Ordensmitglieder ins griechische
Mutterland und nach Tarent flohen.
Es gab jedoch unter der Führung des neben Archytas von Tarent
wohl bedeutendsten Pythagoreers Hippasos von Metapont, der
um die Mitte und in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts lebte, auch eine ansehnliche Gruppe, die für eine liberalere
und demokratischere politische Haltung eintrat und sich jetzt
umgekehrt auch gegen die in Syrakus allmählich aufkommende
Gesetzmäßigkeiten direkt in der Natur aufzufinden oder an den
Tyrannis auflehnte. Als sich der Machtbereich von Syrakus auf
Sizilien weiter ausdehnte, kam es zu einem zweiten Exodus von
reer, die aber — wie wir an den Beispielen Anaximandros und
Hekataios gesehen haben — keineswegs als einzige dieser Auf-
Pythagoreern nach Tarent und ins Mutterland, wo sie vielfach
als Wanderprediger und Bettlerphilosophen auftraten. Zu
Beginn des vierten Jahrhunderts erlischt der Orden allmählich;
Phänomenen abzulesen, und hier besonders jene der Pythagofassung waren und diese Vorstellungswelt auch keineswegs erst
schufen. Pythagoras selber ist nämlich erst um 570/560 vor Christus auf Samos geboren worden, während Anaximandros bereits
im Jahre 546 starb.
In der Zeit um 530/525 wanderte Pythagoras, der zuvor ausgedehnte Reisen bis nach Ägypten und Babylon unternommen
haben soll, aus seiner samischen Heimat nach Unteritalien in die
Magna Graeca aus — angeblich, um nicht unter dem Tyrannen
Polykrates leben zu müssen. Hier gründete er in Kroton eine
religiös-philosophische Gemeinschaft, eine Art Orden mit strengen Regeln für die Lebensführung, der bald auch in anderen
Städten Unteritaliens eigene Zentren hatte, die größten wohl in
Metapont und Tarent. Der Orden besaß hier zeitweilig auch
bedeutenden politischen Einfluß. Um das Jahr 490 hat dann
anscheinend unter der Führung eines vom Orden abgewiesenen
angesehenen und einflußreichen Bürgers von Kroton eine erste
stärkere Gegenbewegung gegen die Pythagoreer eingesetzt, die
Pythagoras veranlaßte, nach Metapont überzusiedeln, wo er um
das Jahr 480 auch starb. Der Orden konnte jedoch bald seinen
Einfluß zurückgewinnen und bildete aufgrund seiner hierarchischen Ordnung sogar eine der Hauptstützen der Aristokratie
gegen die neuen demokratischen Bestrebungen. Um die Mitte des
fünften Jahrhunderts kamen jedoch nach dem Vorbild Athens
auch in Unteritalien starke antiaristokratische und deshalb
antipythagoreische Strömungen auf, in deren Folge die Versammlungshäuser jener Außenstehenden suspekt erscheinenden
202 Geheimbündler in den meisten unteritalienischen Städten niees lassen sich dann für längere Zeit keine Pythagoreer nachweisen, bis im ersten vorchristlichen Jahrhundert in Rom und im
griechischen Osten wieder einzelne Anhänger der pythagoreischen Lehren auftauchen, sich für eine »pythagoreische« Lebensführung einsetzen und die Weisheit des Pythagoras wiederzugewinnen suchen, ohne daß es allerdings unter diesen Neupythagoreern noch zu dauerhaften Schulgründungen gekommen
wäre.
Um den Quellenwert antiker Berichte über Pythagoras und die
älteren Pythagoreer ist in der jüngsten philosophiehistorischen
Forschung eine besonders heftige Auseinandersetzung entbrannt.
Die meisten Berichte stammen aus hellenistischer und spätantiker
Zeit, die ältesten Philosophie und Wissenschaft betreffenden
Nachrichten aus der aristotelischen Schule und von Aristoteles,
der auch eine leider verlorengegangene Schrift »Über die Pythagoreer« verfaßt hat. Teilweise werden alle späteren Berichte
über Lehrmeinungen und Erkenntnisse der Pythagoreer Pythagoras selbst zugeschrieben, teils wenigstens den älteren Pythagoreern — man spricht dann meist von Pythagoreern der Mitte
des fünften Jahrhunderts — in neuerer Zeit werden die Angaben der Neupythagoreer allerdings kritischer analysiert, was
besonders auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte zu glaubhafteren Aussagen über den Wissensstand des Pythagoras und
der älteren Pythagoreer führte.
Es gibt nämlich eine im Mittelmeerraum besonders ausgeprägt
auftretende antihistorische Reaktion unter den Völkern und geistigen Gemeinschaften, der zufolge diese sich in geistigen und 203
Página 4
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)politischen Krisenzeiten gern auf ihre hervorragenden Gestalten
aus der Vergangenheit besinnen oder sich solche zu diesem Zweck
erst schaffen, um sie als Sammelpunkte all dessen zu benutzen,
worin sich die Gegenwart in ihrem Bestand durch das Neue der
geistigen oder machtpolitischen Unterdrücker bedroht fühlt. Die
Legende stellt dann die Geschichte des eigenen Volkes oder das
eigene Wissen und Denken wenigstens als sehr viel älter und
prunkvoller dar denn jene der Neuerer oder Unterdrücker.
Moses ist eine solche Gestalt, ebenso der Sesostris der Agypter
bei Herodotos, Ninus und Semiramis bei den Babyloniern,
Achilleus und Alexander bei den Griechen, aber auch der Pythagoras der griechischen Neupythagoreer. Auch seine wenig
umrissene Gestalt diente seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert als ein solcher Sammelpunkt für all die fremden religiösmystischen Einflüsse aus dem Osten, die — mit den philosophischen Richtungen dieser Zeit verflochten — als Lehren des
Pythagoras und seiner unmittelbaren Jünger proklamiert und
damit als Leistungen des eigenen Volkes und der selbst vertretenen Geisteshaltung hingestellt wurden.
Da Platon aufgrund seiner freundschaftlichen Beziehungen zu
Archytas von Tarent und der mit Sicherheit von den Pythagoreern seiner Zeit empfangenen Anregungen zudem als treuer
Schüler des Pythagoras galt, wurden seine philosophischen
Anschauungen, wenn sie nicht gerade als typisch platonisch von
Aristoteles und den älteren Akademikern ausgewiesen waren, in
besonders starkem Maße für die »Rekonstruktion« pythagoreischer Lehren herangezogen. Hier zwischen Möglichem und
Unmöglichem zu unterscheiden, ist nicht immer leicht, zumal
auch die neben den erhaltenen Schriften vertretenen eigenen
Lehrmeinungen Platons nicht genau genug bekannt sind.t Es
spricht allerdings mehr für das Selbstverständnis der hellenistischen Griechen, daf sie (oder doch die Neupythagoreer und
-platoniker unter ihnen) in diesem Zusammenhang stets auch die
mathematischen Wissenschaften als ihre (das heißt: des Pytha1 Zur sogenannten esoterischen oder ungeschriebenen Lehre Platons vergleiche man Konrad Gaiser: Platons ungeschriebene Lehre. Studien zur
systematischen und geschichtlichen Begründung der Wissenschaften in der
Platonischen Schule. Stuttgart 1963 (21968), aber auch die im Nachwort
204
zur 2. Auflage, S. 575-577, verzeichneten Rezensionen dieses Buches
und neueren Arbeiten zu diesem Problem.
goras) ureigenste Leistung hinstellen, als fiir das mathematischnaturwissenschaftliche Wissen des Pythagoras und sogar der
meisten der älteren Pythagoreer oder selbst Platons. Ihnen wird
nämlich das gesamte Wissen der Gegenwart an Mathematik und
angewandter Mathematik (Harmonik, Astronomie) zugesprochen, was möglich war, weil Pythagoras selber seine Lehren nie
schriftlich fixiert hatte und fiir Platon die esoterische Lehre
genügend Spielraum lief.
Pythagoras war aber mit Sicherheit nie Mathematiker oder
Naturwissenschafter im Sinne des vierten Jahrhunderts. Seine
Lehre vollzog sich in Form von kurzen Sinnspriichen und
Regeln, »akusmata« (äxobouara) oder »symbola« (cúufoka)
genannt, und sie wurde auch in dieser Form — urspriinglich nur
mündlich — weitergegeben. Die in ihnen zum Ausdruck kommende »Weisheit« — Seelenwanderungslehre und sich daraus
ergebende [Tabu-]Regeln zur Lebensführung, Schamanentum
und Priestertum — war noch lange keine Wissenschaft im
späteren Sinne. Pythagoras war allerdings nach den alten
voraristotelischen Berichten der weiseste aller Menschen. Fiir eine
Zeit, die Wissenschaft noch nicht kannte, waren Zauberer und
Schamanen die »Weisen« gewesen; und in einen solchen Umkreis
gehörten, wie die ältesten Zeugnisse in Spott oder Bewunderung
erkennen lassen, auch im wesentlichen noch Pythagoras und seine
akusmata. Doch schon bald konnte im Zuge der jonischen Aufklärung diese Art von Weisheit nicht mehr anerkannt werden —
wir werden bald von Empedokles als einem Mann des Umschlags
von der einen zur anderen Denkrichtung erfahren. Sollte der
noch eine Generation ältere Pythagoras Vorbild bleiben, so
mußte sein Bild entsprechend abgewandelt werden. War er
»weise« gewesen, dann weise und wissend im Sinne der neuen
Zeit, und das bedeutet kein Schamane oder von den Göttern um
das Leben Wissender, sondern ein Wissenschafter. Und so wurden aus seinen mystischen Andeutungen und Umschreibungen im
nachherein wissenschaftliche Erkenntnisse.?
2 Man vgl. Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon. Nürnberg 1962. Dort wird diese These radikal vertreten, was aber nicht unwidersprochen blieb. Bezüglich der angeblichen mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnisse des Pythagoras
stimme ich dem Verfasser jedoch zu; Differenzen in der Auffassung werden sich allerdings bezüglich der älteren unter den älteren Pythagoreern
ergeben.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Trotzdem gab es eine konservative Gruppe unter den Pythagoreern, welche die von den unmittelbaren Schülern gehörten?
und niedergeschriebenen Regeln des Meisters auch später buchstäblich auslegte, befolgt wissen wollte und im politischen und
gesellschaftlichen Leben in die Praxis umzusetzen versuchte. Sie
wurden deshalb die »Akusmatiker« genannt, im Gegensatz zu
den »Mathematikern«, einer anderen Gruppe der Pythagoreer,
die unter der Führung des Hippasos meinte, mehr im Sinne des
Meisters zu handeln, wenn man seine Lehren durch eigenes, zeitgemäßes Denken fortzubilden suchte. Ihnen wurde deshalb von
der anderen Gruppe Verrat des pythagoreischen Erbes vorvor mehr als 70 Jahren von Paul Tannery fälschlich ein Lehrbuch »Geometrie des Pythagoras« erschlossen, das seitdem trotz
des bald erfolgten Hinweises, daß diese Deutung auf einem Übersetzungsfehler beruht, immer wieder als ein Faktum pythagoreischer Mathematik erwähnt wird.5 — Daß sowohl der Ausdruck
vadnuara als auch das Wort iotopia dieses Wissen Geometrie
bezeichnen konnten, zeigt uns jedenfalls, daß die spätere Bedeutungsverengung von »Mathematik« noch nicht für das fünfte
Jahrhundert gilt, aber auch, daß die Geometrie der Pythagoreer
nicht unbedingt bereits eine mathematische Wissenschaft im
geworfen, was sich auch schon darin zeige, daß sie ihr Wissen
späteren strengen Sinne gewesen zu sein braucht.
Auch damit, daß sie ihr Wissen als pa&fuara ansahen, stehen
entgegen der Gepflogenheit des Meisters in Büchern veröffentdiese Pythagoreer keineswegs allein unter ihren Zeitgenossen da.
lichten. Nur deshalb soll allerdings, wie von der Gegenseite
behauptet wurde, Hippasos mit seinem Unfalltod bestraft
Die gleichzeitigen Sophisten der zweiten Hälfte des fünften
Jahrhunderts priesen sich ja gerade damit an, daß man bei ihnen
worden sein — nicht, weil er etwa Lehren des Meisters veröffentlicht habe, wie später hinzugedichtet wurde.
alles lernen könne, und der Titel einer verlorenen Schrift des
Protagoras, zeoì tv uaËmuétov (peri ton mathematön) wird
Wir dürfen den Ausdruck »Mathematiker« aus dem fünften
Jahrhundert nur bedingt mit Mathematik im späteren Sinne
zusammenbringen; eher müßte man diese Gruppe mit »Theore-
Lernmethode anzeigen sollen. Dazu bedurfte es für jedes Gebiet
tiker« umschreiben. Ein uóônua (mathema) ist nämlich zu jener
Zeit noch das »Lernbare« und »Lehrbare« — und allein dieser
Vorstellungsbereich steht ja dem eines Geheimbundes, als den
sich die konservativen Pythagoreer durchaus noch verstehen,
schon entgegen. Unmittelbar lern- und erfahrbare und deshalb
lehrbare Erkenntnisse wollen die »Mathematiker« erhalten und
vermitteln, und sie konnten deshalb die Geometrie als eines dieser Erkenntnisgebiete ebensogut auch eine iotogia (historia),
»erkundetes, erfahrenes Wissen«, nennen wie jedes andere Wissen. Der spätantike Neupythagoreer Jamblichos (um 250 — um
330) sagt jedenfalls, daß Pythagoras (das heißt: die Pythagoreer) die Geometrie eine iotogia genannt habe (xadsitar dè 7
vemuetoia 296g Ilvdoyögov fotogiat). — Aus diesem Satz wurde
kaum auf die Behandlung bloß »mathematischer« Probleme im
späteren Sinne hinweisen, sondern eine allgemeine Lehr- und
einer gewissen »Technik« (t£xvn), und es gab im ausgehenden
fünften Jahrhundert eine regelrechte Theorie, die bestimmte,
woraufhin eine Tätigkeit den Rang einer lehrbaren »Technik«
erreichte.f
Allerdings trugen die Pythagoreer zu der dann etwa seit Platon
eingetretenen Bedeutungsverengung, zwar nicht von uéönua,
aber von dem dazu gehörigen Adjektiv uadnuatixds (mathematikos), insofern bei, als sie die Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Harmonik, die eigentlichen Disziplinen der späteren
Mathematik, die dann zum Quadrivium zusammengeschlossen
wurden, zu in besonders hohem Grade lernbaren gemacht und
sich intensiv mit ihnen beschäftigt hatten. Uns interessieren unter
diesen Disziplinen nur die Harmonik und Astronomie, obwohl
eine Trennung von den »rein mathematischen« Disziplinen
3 Deshalb wurden diese Aussprüche dxotopata (von éxobw ,hôren‘)
genannt. — Man vergleiche bezüglich der beiden rivalisierenden Gruppen Kurt von Fritz: Mathematiker und Akusmatiker bei den alten
Pythagoreern. Sitzungsbericht der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse. Jahrgang 1960, Heft 11.
München 1960.
4 Tamblichos: De vita Pythagorica $ 89 (Iamblichos: Pythagoras. Legende,
Lehre, Lebensgestaltung. Griechisch und deutsch herausgegeben, übersetzt
und eingeleitet von Michael von Albrecht. Zürich und Stuttgart 1963,
S. 96 £.); vgl. Iamblichos: De communi mathematica scientia, edidit
N. Festa (Leipzig 1891), S. 78.
5 Dazu vergleiche Walter Burkert (siehe Anm. 2), S. 385 f.
6 F. Heinimann: Eine vorplatonische Theorie der téxvn. In: Museum Helveticum 18 (1961), S. 105-130.
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Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Arithmetik und Geometrie eigentlich das Bild verfalschen muf.
Aber ich hoffe, daß auch so das Wesentliche pythagoreischen
Denkens zum Ausdruck kommt:
Wir hatten gesehen, daß Anaximandros noch keine Kenntnis von
also einer neuen Theorie, neuer, auf die Anzahl der Himmelskörper zugeschnittener Zahlenreihen oder Streckenverhältnisse,
um die Planetenwelt zu einem Planetensystem nach der Art
den Planeten als Gestirnen, die sich nicht wie der Fixsternhimmel, sondern wie Sonne und Mond relativ zu dem Fixstern-
Abstände der Himmelskörper machen zu können, die — nach
orientalischem Vorbild — für die Seelenwanderungslehre der
himmel bewegen, gehabt hat, da er nur Sonne und Mond neben
dem Fixsternhimmel kennt. Das babylonische Wissen von den
Relativbewegungen der Planeten am Fixsternhimmel scheint
erstmals von Anaximenes in seiner Kosmologie verwendet worden zu sein, der auch den Fixsternhimmel wieder zu oberst anordnete, und zwar mit einem physikalischen Argument: Da die
Sterne im Gegensatz zur Sonne nicht wärmen, müssen sie weiter
entfernt als diese sein. Wir hatten dann erfahren, daß er unter
dem festen krystallenen Himmelsgewölbe die Planeten, Sonne
und Mond sich frei als flache Scheiben bewegen ließ. Über irgendwelche Ausmaße hat er sich dabei im Gegensatz zu Anaximandros für Sonne und Mond keine Gedanken gemacht.
Solche Erwägungen spielen erst in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts wieder eine Rolle, nachdem bei älteren Pythagoreern aufgrund der Siebenzahl der Planeten und einer auf
ganz anderer Ebene gewonnenen Vorstellung von einer Sphärenmusik, wie sie später genannt wurde, die Überzeugung wuchs,
daß die als mathematisch gefundenen Proportionen zwischen den
verschiedenen musikalisch-harmonischen Intervallen in irgendeiner Form auch bei den Planetenbewegungen oder -abständen
auftreten müßten, so daß diese Planeten eine harmonische Musik
ertönen ließen. Daß man diese nicht wahrnehmen könne, erklärten die Pythagoreer nach den Worten des Aristoteles damit, daß
der Mensch diese Musik von der Geburt an gewöhnt sei, so daß
er sie nicht als etwas Erkennbares heraushören könne.
Hatte Anaximandros die Abstände der Himmelskörper aus
»natürlichen« Zahlen abgeleitet, so erwiesen sich die zugrundegelegten Zahlen für die Einbeziehung der fünf Planeten als nicht
ausreichend. Sie erschienen sicherlich auch der weiterentwickelten
Mathematik des fünften Jahrhunderts, die eine ganze Reihe von
ausgezeichneten Zahlen gewonnen hatte, als zu primitiv. Aber
optische Mittel und optisch-astronomische Theorien, um die
Abstände der Planeten oder auch nur des Mondes auf empiri208 scher Grundlage zu erhalten, fehlten noch lange. Man bedurfte
des anaximandrischen und um überhaupt Aussagen über die
Pythagoreer, den himmlischen Aufstieg der Seelen, eine wichtige
Rolle spielten. Für die Pythagoreer lag also hier ein direktes, mit
ihrer Lehre verbundenes Anliegen vor. Da sie (nicht Pythagoras
selber) die anaximandrische Vorstellung von in der Natur gegebenen Zahlen und Zahlenverhältnissen nach Auskunft des
Aristoteles verallgemeinerten zu der Grundanschauung: »Alles
ist Zahl«, lag es für sie besonders nahe, auch auf diesem
empirisch unzugänglichen Gebiet auf andere Weise gewonnene
und bestätigte Zahlen als Ordnungsprinzip anzunehmen.
Wann ein Planetensystem zum ersten Mal nach solchen Gesichtspunkten ausgeführt wurde, ist unsicher. Wir wissen, daß die
Planetenabstände bei Platon auf einem solchen harmonischen
System beruhen und daß Platon damit zumindest eine pythagoreische Idee aufgreift — ob eine bereits im Detail durchgeführte oder eine erst von ihm selbst realisierte, bleibt allerdings
unklar. Die spätantiken Theorien der harmonischen Folge der
Planeten haben sich jedenfalls aus Interpretationsversuchen dieses pythagoreisch-platonischen Systems ergeben. Nicht eindeutig,
einmal die Geschwindigkeiten, ein anderes Mal die Abstände
betreffend, ist ihre Tradition so stark gewesen, daß noch
Johannes Kepler in seinen Untersuchungen über das »wahre«
Planetensystem von der Suche nach solchen harmonischen Verhältnissen ausging, die für ihn auch zeitlebens das Wichtigste an
der Astronomie geblieben sind, wie die Entwicklung von der
ersten Schrift »Mysterium Cosmographicum« bis zu seiner
»Harmonike mundi« zeigt, während die aus späterer Sicht als
Großtaten erscheinenden Entdeckungen der sogenannten Keplerschen Gesetze von ihm selber nur als notwendige Vorarbeiten aufgefaßt wurden. In der Nachfolge Platons gab es also solche Versuche, von denen wir nicht sagen können, wie weit sie ihm schon
vorlagen. Sicher ist jedoch, daß manche vorplatonische Pythagoreer von der Achtzahl (im Gegensatz zur Siebenzahl bei Platon)
ausgingen und zu den sieben Planeten noch den Fixsternhimmel als
Tonerzeuger hinzunahmen, um eine volle Oktave zu erhalten.
Página 7
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Man hatte an einem »Kanon« genannten Monochord — einer
über zwei Stege gespannten Saite, unter der ein weiterer Steg hin
und her bewegt werden konnte — festgestellt, daß eine Oktave
erklang, wenn man einmal die ganze Saite zum Erklingen
brachte und dann ein Stück, das entstand, wenn man die ganze
Saite mit dem beweglichen Steg halbierte, beide Saitenlängen
also im Verhältnis von 2:1 standen. Dieselbe Oktave erklang,
wenn man zwei im Querschnitt gleiche Pfeifen von verschiedener
Länge im Verhältnis von 2:1 anblies. Ein Verhältnis von 3:2
ergab eine Quinte, ein solches von 4:3 eine Quarte. Diese Entdeckung wird in manchen antiken Quellen fälschlich Pythagoras
zugeschrieben, in anderen wohl richtiger Hippasos.
Da es sich hier um Zahlenverhältnisse handelt, zeigt sich die
Zusammensetzung von Intervallen für uns als Multiplikation,
die Differenz als Division der Zahlenverhältnisse. So erumrechnen lassen. In der Antike konnte man das selbstverständlich noch nicht, und darum war damals ein Ausgleich zwischen
beiden Systemen unmöglich. Die Anhänger einer jeden dieser
beiden Richtungen warfen sich gegenseitig Unvermögen und
Unverstand vor, weil die einen etwas als Ton und Tonfolge
gelten ließen, was in der anderen Theorie als ein irrationales
Zahlenverhältnis erschien, dem keine musikalische Realität zugesprochen werden konnte. Zwar mußte die Vorführung am
Monochord den Anhängern der proportionalen Harmonik vor
Augen führen, daß die Tonabstufung gleich kontinuierlich
erfolgt wie die Streckenteilung am Monochord, doch erklärte
man das Experiment dann für ungenau. Man gestand
zwar zu, daß die tonerzeugenden Bewegungen bei jeder Unterteilung nach einem irrationalen Verhältnis erfolgen können,
doch sagte man, dies seien bloße Geräusche, aber keine musikagibt sich die Oktave als Summe von Quinte und Quarte:
lischen Töne.
(3:2) - (4:3) = 12:6 = 2:1, und der Ganzton als Division von
Platon macht sich später lustig über die Anhänger der wohl
später entstandenen zweiten Theorie, gemäß der die Intervalle
allein durch die »Zwischenräume« gegeben sind. Auf der Suche
nach der kleinsten Intervalleinheit quälten sie die Saiten, horch-
Quinte und Quarte: (3:2) : (4:3) = 9:8, usw. Ein Halbton
bleibt, wenn man von einer Quarte zwei Ganztöne abzieht:
(4:3) : (9:8) : (9:8) = 256 : 243 usw. Antike Theoretiker rechnen jedoch in der Regel etwas umständlicher, indem sie die Verhältnisse schrittweise erweitern, bis sie in unserer Ausdrucksweise
denselben Nenner erhalten, also beispielsweise: Quinte = 3:2 =
9:6, Quarte = 4:3 = 8:6, die Quinte verhält sich also zur
Quarte wie 9 : 8, was einen Ganzton ergibt. Die umständliche
Rechnungsart erklärt sich aus der auch später den Griechen gültigen strengen Auffassung, daß nur Gleiches miteinander verglichen, in eine Analogie gesetzt werden kann (also nur die Sechstel,
die sechs ist tertium comparationis), die in der Frühzeit sogar im
Bereich der Zahlen selbst galt.
Dies ist die eine Art griechischer Musiktheorie. Eine andere faßt
die Intervalle, wie schon der Name Intervall »Zwischenraum«
andeutet, als Strecken auf. Die Einheit bildete die Differenz
zwischen Quinte und Quarte, also der Ganzton. Die Quarte
umfaßte danach 21/2, die Quinte 31/2 und die Oktave 6 Ganztöne. Größere Intervalle sind hiernach also aus kleineren additiv
zusammengesetzt. Wir wissen heute, daß diese Strecken sich als
die Logarithmen der aus dem anderen System genommenen
ganzzahligen Zahlen(Strecken-)verhältnisse ergeben, so daß sich
210 beide Systeme als gleich exakt erweisen und sich ineinander
ten auf die Töne und seien sich dann uneins, ob die zwei gehörten
Töne noch unterschieden oder die gleichen seien. Im Bereich der
proportionalen Harmonik ergäben sich die Tonsprünge aus den
Unterschieden in den Zahlenverhältnissen. Auch hier lassen sich
aber die verschiedenen Tongeschlechter ableiten, und es ist
bezeugt, daß Archytas von Tarent, ein älterer Zeitgenosse Platons und Pythagoreer, dies im einzelnen getan hat.
Daß aber auch die proportionale Harmonik ursprünglich direkt
von den Intervallunterschieden etwa der Quarte und Quinte am
selben Monochord ausging, zeigt uns schon ihre mathematische
Terminologie, die ja die Oktave, das heißt die Länge des Saitenstückes, das im Zusammenklang mit der gesamten Saite eine
Oktave ergibt, als Summe der Quarte und Quinte auffaßt und
den Ganzton als ihre Differenz. Die Rechenoperationen, die
vom einen Zahlenverhältnis zum anderen führten, erscheinen uns
dabei einmal als Multiplikation und das andere Mal als Division
der beiden Ausgangsverhältnisse, sie wurden aber als »Addition«
und »Subtraktion« bezeichnet. Daß diese Bezeichnungen in der
gesamten Proportionenlehre der Antike beibehalten wurden,
beweist dann seinerseits, daß die mathematische Proportionen- 211
Página 8
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)lehre hier in der anfangs empirischen Harmonik ihren Anfang
nahm und sich erst hieraus entwickelt hat.”
Aus den Zahlenverhältnissen oder Streckenverhältnissen am
Monochord hat man dann, sicherlich schon vor Platon (vermutlich ist auch hierfiir Archytas verantwortlich), auf die Abstände
der Planeten und des Fixsternhimmels geschlossen, welche acht
Berechnungen der Umlaufszeiten bekannt waren und somit auf
die Höhe des durch ihre Bewegung erzeugten Tones geschlossen
werden konnte.
Aber bereits hier ergibt sich eine Schwierigkeit, deren verschiedene Lösungen auch zu verschiedenen Ergebnissen im Anschluß
Himmelskörper ja genau acht Töne erzeugen könnten, so daß
an diese Theorie führten: Entweder wird von den Planeten der
sich eine Oktave ergibt. Hinzu kam noch die Erkenntnis, die
Saturn, also der äußerste, oder der Mond, der innerste, als der
schnellste bezeichnet, wobei von den Pythagoreern um 400
bezeugt ist, daß sie den äußersten Planeten als den schnellsten
Hippasos® schon zugeschrieben wird, daß ein hoher oder ein
»spitzer« Ton, wie die Griechen vom Ertasten der Schwingungen an der Saite oder an der Pfeife her sagen, von einer
schnell schwingenden Saite, ein tiefer oder schwerer (»drückender«) Ton von einer langsam schwingenden Saite erzeugt wird,
die kurze Saite also in schnellerer Bewegung ist als die längere
Saite. Daraus schloß Archytas, vielleicht auch schon Hippasos,
daß der von der kurzen schnell schwingenden Saite erzeugte helle
Ton sich auch schneller in der Luft fortpflanzt als der von der
langen langsam schwingenden erzeugte tiefe Ton: Der helle Ton
erreiche das Ohr schneller als ein tiefer, er sei zudem kraftvoller
und pflanze sich deshalb weiter fort als der schwächere tiefere
Ton? Die Schallübertragung hatte nämlich schon Empedokles
einigermaßen richtig als eine kugelförmige Fortpflanzung von
Schlägen, die von dem schallerzeugenden Körper entsprechend
seiner Schwingungszahl der Luft mitgeteilt werden, die dadurch
verdichtet werde und sich wieder verdünne, gedeutet.!?
Daraus, daß aufgrund dieser Theorie der helle Ton und die den
hellen Ton erzeugende Saite sich schneller bewegen als der dunkle
Ton und die diesen erzeugende Saite, schloß Archytas, daß auch
die jene Sphärenmusik erzeugenden Planeten sich schneller
bewegen, wenn sie einen hellen Ton, und langsamer, wenn sie
einen dunkleren Ton erzeugen. Damit schien man nun endlich
eine exakte Methode gefunden zu haben, über die relative Entfernung der einzelnen Planeten eine Auskunft geben zu können,
7 Vergleiche hierzu Árpád Szabó: Anfänge der griechischen Mathematik.
München und Wien 1969, insbesondere S. 185 ff.
8 Hippasos: Testimonium 13 Diels-Kranz.
9 Archytas von Tarent: Fragment B 1 Diels-Kranz.
10 Zu Archytas und Empedokles vergleiche man in diesem Zusammenhang
Leander Schénberger: Studien zum 1. Buch der Harmonik des Claudius
212
da deren Winkelgeschwindigkeiten durch die babylonischen
Ptolemaeus. Augsburg 1914 (Programm Gymnasium Metten), S. 26 ff.
ansahen. — Wie ist diese Alternative möglich?
Die Bewegung des Fixsternhimmels ergibt sich fiir einen Beobachter auf der Erde aus der täglichen Rotation seines Standortes, und die Bewegung der Planeten aus dieser Rotation und
der Eigenbewegung der Planeten um die Sonne. Da diese Bewegung der Planeten mit geringerer Winkelgeschwindigkeit in der
jener Erdrotation entgegen gesetzten Richtung erfolgt, scheint es
dem Beobachter auf der Erde so, als ob Fixsternhimmel und
Planeten zwar in derselben Richtung um die Erde kreisen, die
Planeten aber gegeniiber dem Fixsternhimmel zuriickbleiben,
und zwar in derselben Zeit verschieden weit zuriickbleiben, am
wenigsten der Saturn als äußerster Planet, am meisten der Mond
als innerster, was daraus resultiert, daß der Mond in einem
Monat die Erde umkreist, das heißt in einem Monat wieder dieselbe Stelle am Fixsternhimmel erreicht, während der Saturn für
eine Umkreisung der Sonne fast 30 Jahre benötigt. Es kommt
somit darauf an, ob man die aus Eigenbewegung und Erdrotation (Fixsternbewegung) resultierende Bewegung, also die im
eigentlichen Sinne erscheinende Bewegung, als die Bewegung der
Planeten ansprechen will oder nur die Eigenbewegung relativ
zum Fixsternhimmel. Rein deskriptiv besteht darin zwar kein
Unterschied, jedoch sehr wohl in der Bezeichnung und damit in
der spezifischen Auffassung von der Bewegung. Denn im zweiten Fall, in dem nur die Relativbewegung gegenüber dem Fixsternhimmel berücksichtigt wird, machen die Planeten eine
»Gegenbewegung« zum Fixsternhimmel; im anderen Falle bleiben sie gegenüber dem Fixsternhimmel zurück, wie die Griechen
sagen.
Diese zweite Erklärung findet sich deshalb natürlicherweise bei
den Vertretern der Atomistik und anderer Wirbeltheorien, so bei
Página 9
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)tos: Sie stehen auf physikalischer Basis. Der allgemeine Wirbel
ist außen am schnellsten und kommt innen auf der Erde zum
Sullstand. Danach ist also der Fixsternhimmel der schnellste,
ihm folgen Saturn, Jupiter, Mars, dann Venus, Merkur und
Sonne, deren Umlaufszeit geozentrisch gesehen jeweils ein Jahr
beträgt, schließlich der Mond. Der Fixsternhimmel würde also
im Anschluß an diese Wirbeltheorien für die Vertreter einer
Sphärenmusik in Verbindung mit jener Theorie, wonach die
Schnelligkeit die Höhe des Tons bewirkt, den hellsten Ton erzeugen, den nächsthelleren der Saturn, dann Jupiter usw., während
der Mond den tiefsten Ton erzeugte. Diese Reihenfolge ist ausdrücklich für die Pythagoreer bezeugt.!!
Aus dem Verhältnis der Intervalle zwischen den acht Tönen, die
nee
Anaxagoras, Hippokrates von Chios, Leukippos und Demokriden Fixsternhimmel, von einer Eigenbewegung, die als die
eigentliche Bewegung von der Mitnahmebewegung durch den
Fixsternhimmel zu abstrahieren ist, läßt sich jetzt natürlich nicht
mehr wie bei Anaxagoras und Demokritos »physikalisch«mechanistisch erklären. Darin sieht Platon jedoch keinen Nachteil, im Gegenteil, er faßt diese Folge aus der anderen Theorie
gerade als eine Bestätigung für diese auf, als das große Ergebnis
seiner Zeit, das die Gestirne endlich wieder zu dem macht, was
sie sind, nämlich zu Göttern, die ihre eigenen Bewegungen ausführen. Und diese Bewegungen nach mathematischen Proportionen sieht Platon als einen Beweis für ihre Göttlichkeit an.
Das ist zwar eigentlich ein Zirkelschluß, doch wird die Göttlichkeit der Gestirne als so evident hingestellt, daß sie an sich gar
nicht eines Beweises bedürfe, so daß dieser Beweis vielmehr ein
eine ihnen entsprechende verhältnismäßige Schnelligkeit der ton-
Beweis für die Richtigkeit jener Theorie wird. Es ist die Vorerzeugenden Gestirne erfordern, ließe sich somit, nachdem einstellung, die auch die Babylonier hatten, von denen ja die
Kenntnis der Planeten übernommen wurde und mit dieser die
mal die Reihenfolge und die andersartige verhältnismäßige Zeit
feststeht, in der sie jeweils eine Kreisbahn durchlaufen, die Länge
dieser Kreisbahnen bestimmen, also auch deren Durchmesser.
Jedenfalls ließen sich, weil die Geschwindigkeiten der verschie-
Vorstellung von deren Göttlichkeit, während Mond und Sonne
auch bei den Griechen von alters her Götter waren, deren Göttlichkeit nur in der in den Augen Platons endlich überwundenen
dene Töne erzeugenden Saiten auch nur relativ bestimmt sind,
Zwischenzeit von solchen Leuten wie Anaxagoras, Anaximenes
diese verschiedenen Abstände als relative Abstände bestimmen,
und so etwas geschieht in dem Schlußmythos der platonischen
»Politeia«. Platon tut im Prinzip genau das gleiche, beziehungsweise er führt es zum erstenmal wirklich durch, wenn er auch
von jener anderen Vorstellung ausgeht, daß der Mond das
und Demokritos geleugnet worden war; denn für die Babylonier bewegten die Planeten sich ja als Lebewesen höherer Ordschnellste Gestirn ist und nicht der Saturn, so daß der Fixsternnung — als Böcke der Himmlischen, als Hunde der Persephone,
wie sie später bezeichnet wurden — auf bestimmten Wegen am
Fixsternhimmel entgegengesetzt zu dessen Bewegung. Man hatte
deshalb den Tierkreis auch als Weg des Mondes und Weg der
himmel aus diesen Betrachtungen eigentlich herausfallen muß,
Sonne gefunden. Diese Vorstellung von einer Eigenbewegung
weil er noch schneller sein müßte als der Mond, obgleich er, wie
jetzt nicht mehr geleugnet werden kann, nicht wie bei Anaximandros unterhalb des Mondes anzusetzen ist, sondern jenseits
oder der »Gegenbewegung« findet sich bei Alkmaion, bei
aller Planeten. Aber er wird jetzt bei Platon der Träger der
Bewegung, die allen anderen Himmelskörpern mitgeteilt wird,
so daß seine Bewegung die Grundbewegung auch der Planeten
ergibt und im ganzen doch acht Töne erzeugt werden: Acht
Sirenen sitzen auf je einem Kreis (auf einer Planetenbahn), wie
Platon es bildlich ausdrückt.
Diese Auffassung von der Gegenbewegung des Planeten gegen
2I4 11 Vergleiche Walter Burkert (siehe Anm. 2), S. 314.
Oinipides und bei Euripides; und daß sie von den Babyloniern
übernommen wurde, beweist wohl der Umstand, daß Oinipides
gleichzeitig, wie der antike Astronomiehistoriker Eudemos von
Rhodos berichtet, den Tierkreis gefunden, das soll heißen: als
erster in Griechenland eingeführt hat, also den Weg der Sonne,
auf dem sie sich kraft ihrer Göttlichkeit wie der Mond und die
anderen Planeten entgegen der Bewegungsrichtung des Fixsternhimmels bewegt. Von ihm scheinen dann Alkmaion und der
Tragiker Euripides diese Vorstellung übernommen zu haben; sie
alle lebten und wirkten in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts.
Página 10
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)Nun ist aber nicht bekannt, ob schon Oinipides von der Fünfoder Siebenzahl der Planeten wußte; denn Anaximenes,
Alkmaion und Empedokles, dann Anaxagoras, der etwa von 500
bis 425 lebte, nahmen noch eine Vielzahl teils sichtbarer, teils
unsichtbarer Gestirne neben Sonne und Mond unterhalb des Fixsternhimmels an. Anaxagoras hält auch die Kometen für ein
Zusammentreffen zweier solcher Gestirne oder Planeten, und
noch Hippokrates von Chios in der Mitte der 2. Hälfte dieses
Jahrhunderts deutet einen Kometen am Nordhimmel als Planeten. Der entscheidende Fortschritt ist erst bei Demokritos
anzutreffen, der eine eigene Abhandlung »Über die Planeten«
schrieb, in der diese in der Reihenfolge Mond, Venus, Sonne,
Planeten, Fixsternhimmel angeordnet wurden. Daß die Venus
mäßig erfolgen und kein Herumirren darstellen. Dieses Modell
von Eudoxos ist jedoch ein rein kinematisches Modell — eine
mathematische Beschreibung der Bewegungen aus ihren Einzelbewegungen — die Aristoteles später mechanisch umdeutete,
indem er die mathematischen Sphären in feste, aus Ather bestehende verwandelte, die ihre Bewegung und die ihr von der über
ihr befindlichen mitgeteilten jeweils der nächsten mitteilen, so
daß ein kompliziertes System von materiellen Sphären entsteht,
die jeweils eine spezifische Eigenbewegung ausführen und daneben die der anderen mit ihrer eigenen jeweils weiter übertragen
bis hin zum Mond, wozu Aristoteles im ganzen 55 solcher Sphären zu benötigen meint.
Von Archytas her scheint dann über Eudoxos jene Theorie zu
Platon gekommen zu sein, nach der die Schwingungsdauer
gesondert genannt wird, kann nur auf babylonischen Einfluß
zurückgehen; denn in Babylon spielten eben Sonne, Mond und
Venus die Hauptrolle in der Planetenastrologie. Außerdem geht
beziehungsweise Schwingungsgeschwindigkeit einer angeschlaaus dieser ersten in Griechenland bezeugten Reihenfolge hervor,
daß es Planeten mit größerer Umlaufszeit, das heißt mit kleinerer relativer Geschwindigkeit als die Sonne gibt, die außerhalb von ihr anzuordnen seien. Erst gegen Ende des fünften
geschwindigkeit der erzeugten hellen oder tiefen Töne ergeben,
so daß die Geschwindigkeit der Planeten der Höhe oder Tiefe
des von ihnen erzeugten Tones entsprechen muß.
All dieses komprimiert sich nun im Schlußmythos des Platoni-
Jahrhunderts scheint also die Kenntnis von den fünf Planeten
neben Sonne und Mond und ihrer einheitlichen Bahn entlang des
Tierkreises aus Babylon zu den Griechen gekommen zu sein,
schen Werkes über den Staat, der »Politeia«, in folgender
Weise:12
»Ich werde Dir indes, so fuhr ich fort, nicht eine Geschichte
erzählen, wie sie Alkinoos zu hören bekam [das sind die Erzählungen in den Büchern 9 bis 11 der Odyssee, wo von der Hadesfahrt des Odysseus berichtet wird], sondern die eines tapferen
Mannes, des Er, der ein Sohn des Armenios war und aus
Pamphylien stammt [Pamphylien liegt in Kleinasien, womit
Platon wohl auf die teilweise babylonische Herkunft des seinem
Bild zugrundeliegenden Wissens hinweisen möchte]. Dieser Er
war im Kriege gefallen. Als man nun nach zehn Tagen die schon
verwesten Leichen aufhob, fand man ihn noch unversehrt und
brachte ihn nach Hause, um ihn zu bestatten; doch am zwölften
Tag, als er bereits auf dem Scheiterhaufen lag, wurde er wieder
lebendig und erzählte nun, was er im Jenseits gesehen hatte.
Nachdem seine Seele aus ihm herausgetreten sei, sagte er, habe sie
sich mit vielen anderen auf den Weg gemacht, und sie seien zu
einem wunderbaren Ort gelangt, wo sie unmittelbar nebenwährend vorher immer nur von Gestirnen allgemein, vielleicht
sogar schon von Planeten allgemein die Rede gewesen war, wenn
das Wort Planet auch erst seit Demokritos benutzt wurde. Erst
in dieser Zeit könnte also auch eine solche Theorie der Sphärenmusik unter den Pythagoreern entstanden sein, wie sie Platon
dann eine Generation später umformt oder überhaupt erst in
Einzelheiten ausführt; denn erst jetzt wird die Planetenzahl
kanonisch und kann mit sieben oder acht Tönen in Verbindung
gebracht werden.
Platon polemisiert gegen diesen Begriff Planet, wörtlich: »Irrstern«, als ob diese Gestirne, die doch Götter seien, planlos
herumirrten. Das konnte er erst, nachdem Eudoxos von Knidos,
der von 407 bis 355 lebte, die scheinbaren Irrläufe der Planeten
auf mehrere gleichförmig erfolgende Rotationsbewegungen von
einzelnen Sphären zurückgeführt und damit gezeigt hatte, daß
sie als eine zusammengesetzte Bewegung aus mehreren gleich216 förmigen und kreisförmigen Bewegungen resultieren, also plangenen kurzen oder langen Saite auch die Fortpflanzungs-
12 Platon: Politeia X 13 f. 614 A ff.
Página 11
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)einander zwei Offnungen in der Erde fanden, und gegenüber,
am Himmel oben, zwei andere. Zwischen ihnen aber hätten
Richter gesessen. Wenn diese ihr Urteil gefällt hätten, so ließen
sie die Gerechten den Weg einschlagen, der rechts hinauf durch
zen seien es acht Wirtel, die einer im anderen liegen und deren
Ränder, von oben gesehen, als [konzentrische] Kreise erscheinen
und rings um die Stange die zusammenhängende Oberfläche
eines einzigen Wirtels bilden; diese sei aber mitten durch den
den Himmel führt, nachdem sie ihnen Zeichen des Urteilsspruches an die Brust geheftet hätten. Die Ungerechten aber wieachten Wirtel hindurchgetrieben. Der erste und äußerste Wirtel
nun habe den breitesten Randkreis; an zweiter Stelle folge der
sen sie nach links und nach unten... Als nun auch er hinzutrat,
des sechsten Wirtels, an dritter der des vierten, an vierter der des
achten, an fünfter der des siebten, an sechster der des fünften, an
siebter der des dritten und an achter Stelle der des zweiten Wirhatten sie ihm gesagt, er solle den Menschen von den Dingen im
Jenseits Kunde bringen, und hätten ihm befohlen, auf alles zu
héren und zu achten, was sich dort abspielte.« Dariiber berichtet
tels. Und der Kreis des größten Wirtels sei bunt, der des siebten
dann Er an Hand von Gesprächen, die er mit den Seelen geführt
habe, die von unten und von oben aus dem Himmel hierher
gekommen seien. Von einer dieser letzteren habe er auch von der
sei der hellste, der des achten habe seine Farbe vom siebten, der
ihn beleuchte; der des zweiten und der des fünften seien
einander ähnlich, und zwar gelblicher als derjenige der beiden
Losung der zukiinftigen Schicksale nach einer neuen Inkarnation
vorigen; der dritte habe die weißeste Farbe, der vierte sei rötder Seelen gehört, die von Lacheses vorgenommen würde, und
zwar an einem bestimmten Ort, wohin folgender Weg gefiihrt
lich, und der sechste stehe mit seiner Weiße an zweiter Stelle. Die
ganze Spindel aber drehe sich im Kreise, in einer gleichmäßigen
Bewegung. Und während sie sich als Ganze drehe, bewegten sich
habe:
»Nachdem dann aber alle sieben Tage auf der Wiese verbracht
in ihr die sieben inneren Kreise langsam in der dem Ganzen
hätten, hätten sie am achten Tag von dort aufbrechen und sich
auf den Weg machen miissen. Nach weiteren vier Tagen seien sie
dann an eine Stelle gelangt, von wo aus man ein geradliniges
Licht erblickte, das sich wie eine Säule von oben herab durch den
entgegengesetzten Richtung herum. Am schnellsten von ihnen
gehe der achte Kreis, am zweitschnellsten und zugleich miteinander der siebte, der sechste und der fünfte [also Sonne, Venus
ganzen Himmel und die Erde zog, ganz ahnlich wie der Regen-
Umlaufszeit haben wie die Sonne], am drittschnellsten, schien es
ihnen, kreise der vierte, an vierter Stelle folge der dritte und an
bogen, aber glanzender und reiner. Nach einem Tagemarsch
wären sie in dieses hineingelangt und hätten dort, mitten im
Licht, gesehen, wie am Himmel die Enden seiner Bander
befestigt waren. Dieses Licht sei nämlich das Band des Himmels,
das, wie die Gurte der Triéren [also die kreisförmigen Dollen
eines Ruderbootes das Ruder], die ganze Wélbung zusammenhalte. An den Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit
befestigt, durch die alle Wölbungen [alle Himmelssphären oder
Planetenkreise] in Umdrehung gebracht werden. Ihr Schaft und
der Spindelhaken beständen aus Erz, der Wirtel aber aus einer
Mischung von Erz und anderen Stoffen. Die Natur des Wirtels
aber sei folgendermaßen beschaffen: In seiner äußeren Gestalt
sei er gleich wie die unsrigen, doch muß man sich ihn nach seinen
Worten so vorstellen, als ob in einem grofen und vollständig
ausgehöhlten Wirtel ein kleinerer von gleicher Art eingepaßt
liegt wie die Gefäße, die ineinander eingepaßt sind; in diesem
218 liegt ein dritter, dann ein vierter und noch vier weitere. Im ganund Merkur, welche ja als innere Planeten geozentrisch dieselbe
fünfter der zweite. Es drehe sich aber die Spindel im Schoße der
Notwendigkeit; und oben auf jedem Kreis stehe eine Sirene, die
sich mit ihm drehe und ihre Stimme ertönen lasse, jede einen
bestimmten Ton; alle acht Töne aber klängen in einer einzigen
Harmonie zusammen.«
Soweit soll der Mythos uns hier interessieren. Er ergibt folgende
Tabelle (Tabelle 3, s. S. 220).
Der innerste Planet ist der schnellste, der äußerste der langsamste
gegenüber dem Fixsternhimmel; dadurch ergeben sich durch
spekulative Überlegungen die Dicken der einzelnen Intervalle
zwischen den Planeten. Die Farben stimmen mit den auch heute
beobachteten überein; sie spielten bei den Babyloniern und
später in der griechischen Astrologie eine entscheidende Rolle.
Die Reihenfolge der Planeten, die sich aus ihrer Umlaufszeit
ergibt, nämlich Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter,
Saturn, findet sich dann auch bei Eudoxos, Kallippos, Aristoteles
Página 12
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)nische System, das sich sehr wahrscheinlich schon vor Platon aus-
Tabelle 3
gebildet hatte, nämlich bei dem Pythagoreer Archytas von
Reihenfolge der
GeschwindigHimmelskörper
Breiten der Ringe
Farben
keiten der rüdkläufigen
Eigenbewegungen
1. Fixsternhimmel
Fixsterne/Saturn: 1] bunt
—
2. Saturn
Saturn/Jupiter : 8] gelblich
5
3. Jupiter
Jupiter/Mars
7| weißest
4
4. Mars
Mars/Merkur
3| rötlich
3
5. Merkur
Merkur/Venus
: 6} gelblich
2
6. Venus
Venus/Sonne
2} zweitweißest
2
7. Sonne
Sonne/Mond
5| glänzendst
2
8. Mond
Mond/Erde
4| von der Sonne
1
beleuchtet
In der Zeit um 400 vor Christus ist auch jene eigenartige Kosmologie des Pythagoreers Philolaos von Kroton anzusetzen, die für
unseren Zusammenhang wichtig ist, weil sie ebenfalls auf einer
mathematischen Spekulation beruht, in der Überzeugung, daß
die als ausgezeichnet gefundenen Zahlen durch die Natur vorgegeben sind, da eine Scheidung zwischen Logik (Mathematik)
und Ontologie noch nicht erfolgt war. Philolaos geht nämlich
von der den Pythagoreern heiligen Dekas, der Zehnzahl, aus und
konstatiert, daß diese Zehnzahl in dem neu erschlossenen Kosmos direkt vertreten sein müsse.
Eine weitere Voraussetzung für seine Überlegungen war die allgemein anzutreffende Vorstellung, die uns bereits bei Parmenides
und Empedokles mit der daraus folgenden Konsequenz für die
und noch über Eratosthenes hinaus. Kontroversen ergeben sich
dann erst später, als die Abstande von Sonne und Mond genauer
Gestalt des Kosmos im vollkommenen Zustand begegnete, daß
die Kugel die vollkommenste Form darstelle, die deshalb auch
der Gestalt des Kosmos (Fixsternhimmels) und der einzelnen
Himmelskörper zukommen müsse. In dieser Zeit des ausgehenden fünften Jahrhunderts war deshalb auch auf rein spekulabekannt werden, das heißt sich zwischen Mond und Sonne ein
tivem Wege die Kugelgestalt der Erde als zentralen Pendants zur
und Merkur unterhalb der Sonne anzusetzen, da sie ja von der
umfassenden Himmelskugel von Pythagoreern erschlossen worden — die empirischen Bestätigungen, die etwa Aristoteles
später anzugeben weiß (unterschiedlicher Sternenhimmel für ver-
Erde aus gesehen mit der Sonne gleichlaufend sind, ihren Lauf
durch die Ekliptik also ebenfalls in einem Jahr vollenden, so daf
schiedene Breiten, kreisförmige Begrenzung des von der Erde
gebildeten Schattens bei Mondfinsternissen, allmähliches Aufallzu grofer von keinem Planeten erfiillter Raum ergibt. Dies
führt dann Ptolemaios auch als einzigen Grund dafür an, Venus
von dort her kein Kriterium fiir ihre relative Entfernung zur
tauchen eines Schiffes am Horizont), sind erst nachträglich
Sonne erhältlich ist; denn Parallaxenbestimmungen waren auch
gefunden worden, wahrscheinlich nicht von Pythagoreern, die
spater in der Antike nur mehr oder weniger genau fiir Mond und
Sonne méglich.
Die von Platon in der »Politeia« in eine wachsende Reihe
gebrachten Abstande zwischen jeweils zwei Planeten sind natiirlich nur relative Größen, die erst durch die exakte Bestimmung
einer Strecke näher gekennzeichnet wären. Darin ist also noch
kein Schritt über Anaximandros hinaus getan, der ja auch seine
kosmischen Ausmessungen in Erddurchmessern vornahm, ohne
die Größe der Erdscheibe selbst anzugeben. Die Voraussetzungen
220
Tarent, waren im Ausgang des fünften Jahrhunderts allerdings
gegeben.
mathematischer und empirischer Art für dieses relative harmodieser für ihre Überzeugung nicht bedurft hätten, sondern in der
platonischen Akademie.
Dafür spricht auch, daß noch Demokritos, der um das Jahr 370
starb, an der Scheibengestalt der Erde festhielt, jedoch im
Anschluß an die Kritik des Herodotos an dem jonischen Erdbild
nicht auch der Okumene jene Form, sondern die eines Rechteckes
mit Seiten im Verhältnis von 3:2 gab. In die Wirbeltheorie des
Demokritos, welche unsere Welt wie die unzählbaren anderen
aus einem allgemeinen Wirbel der Atome entstehen läßt, in dem
die schwersten sich in der Mitte zusammenballen, würde aller-
Página 13
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)dings eine kugelförmige Erde weit besser gepaßt haben; daß er
trotzdem eine scheibenförmige annahm, zeigt, daß die Vorstellung von der Kugelförmigkeit der Erde entweder noch gar
nicht aufgekommen war, oder — was sehr viel wahrscheinlicher
ist — eben nur eine in seinen Augen so vage Begründung erfahren hatte, wie es die Vollkommenheit ihrer Gestalt in Analogie
zur Vollkommenheit der geometrischen Kugel ergibt.
Ein auf dieser Grundlage gewonnenes spekulatives Erdbild des
fünften Jahrhunderts klingt denn auch in der mythischen Erdbeschreibung am Schluß des platonischen Dialogs »Phaidon« an,
der in den siebziger Jahren des vierten Jahrhunderts (vor dem
Tode Demokritos’) entstanden ist. Die Beschreibung setzt die
Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde voraus, die mit einem
ähnlichen Argument wie bei Anaximandros als in der Mitte des
jetzt eindeutig kugelförmigen Kosmos schwebend angenommen
wird. Einer Unterlage oder Stütze, etwa Luft (wie bei Anaximenes und späteren Vorsokratikern), bedürfe sie zu ihrem
Schweben nicht, sondern die gleichmäßige Gewichtsverteilung
ihrer eigenen kugelförmig angeordneten Masse und die nach
allen Seiten gleiche Beschaffenheit des sie umgebenden Himmels
genüge, sie in der Schwebe zu halten, weil ja »ein in Gleichgewichtslage befindliches Ding, in den Mittelpunkt eines Gleichmäßigen versetzt, weder durch Überschuß noch durch Mangel [an
Gewicht] nach irgendeiner Seite hin sich zu neigen Antrieb erhalten und gleichmäßig sich verhaltend unverrückt bleiben wird.«
Die Kugelförmigkeit wird also als Bedingung für das
Schweben der Erde in der Mitte des Kosmos vorausgesetzt. Auf
dieser Erde gebe es viele kleine Wohninseln oder Hohlräume,
von denen der eine, auf dem die Griechen wohnten, von den
Säulen des Herakles bis zum Phasis reiche. Das sind die Grenzen
Europas; wir waren ihnen bereits bei Hekataios und Herodotos
begegnet. »In diesen vielen Orten der Erde gibt es nun vier
Hauptströme«, fährt er wörtlich fort: »Von diesen läuft der
größte und äußerste rings im Kreis herum, der sogenannte
Okeanos, ihm entgegen, aber in ganz anderer Richtung, der
Acheron durch unbewohnte Gegenden und auch unter der Erdoberfläche.«
Den Okeanos kannten die Griechen aus eigener Anschauung nur
im Westen, und zwar hier in nord-südlicher Richtung verlau-
222 fend, entlang den Westküsten von Europa und Afrika. An dieser
nord-südlichen Richtung hält Platon auch fest und setzt ihr den
Lauf des Acheron in west-östlicher Richtung entgegen; denn er
läßt ihn durch öde und unbewohnte Gegenden fließen, und die
waren zu Platons Zeit, ähnlich wie bei Hekataios und Herodotos, vornehmlich in der verbrannten Zone, in der Zone südlich
der Ökumene, zu suchen. Wir haben hier eine eigenartige Verknüpfung des alten Weltbildes, das sich die Erde als Scheibe
vorstellt, deren südliche Gegenden ebenso wie die nördlichen
unbewohnt seien, weil in jenen die Sonne zu nah, in diesen zu
fern ist, mit der Kugelgestalt der Erde, so daß das von den
Ioniern spekulativ erschlossene Nordmeer, das nördliche Viertel
des kreisrunden Okeanos, ein anderes werden mußte wie das
Südmeer, das mitten durch die unbewohnten Gebiete der verbrannten Zone verläuft. Neben diesen beiden größten Strömen gibt
es noch jenen, der aus dem Innern der Erde kommt und sich in ein
großes Meer ergießt, welches das Mittelmeer ist, und als vierten
den Pyriphlegeton, den Feuerstrom des Tartaros. Jene beiden
rechtwinklig zueinander fließenden zwei größten Ringströme
denkt Platon sich folgendermaßen angeordnet (Abb. 15):
Da die Bezeichnungen der einzelnen Wohngebiete als pythagoreisch überliefert sind, wird auch dieses Erdbild pythagoreisch
sein. In diesem Schema sind die Gegenden, die an den Acheron
stoßen, wüst und unbewohnbar; das Bild setzt also die Kenntnis
der heißen verbrannten Zone im Süden unserer Okumene
voraus, und damit erweist es sich als spekulatives Konkurrenzunternehmen zu jenem anderen spekulativen Bild, dem sich
später Aristoteles anschließen sollte. Wir werden uns später
damit beschäftigen müssen und können es hier nur erst skizzieren
(Abb. 16). Beide Erdbilder scheinen jedoch älter zu sein als Platon und Aristoteles, und man nimmt in der Regel an, daß beide
oder zumindest jenes von Platon angesprochene von Pythagoreern des fünften Jahrhunderts aufgestellt wurden, ohne sie
jedoch in irgendeiner Form zu begründen und zu beweisen. Auf
jeden Fall fehlte diesen spekulativen Konstruktionen und Aufteilungen der spekulativ gewonnenen Kugelgestalt der Erde jede
empirische Bestätigung.
Philolaos, dem diese Erdbilder und die spekulativ erschlossene
Erdgestalt sicherlich bereits vorlagen, geht allerdings von einer
anderen mit der Kugel verbundenen Vorstellung aus. Bereits zu
seiner Zeit war die geometrische Kugel definiert als jene Figur,
Página 14
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)—
SONVII4 O |
Verbrannte Zone.
—
BS r= ——
Erfrorene gone
Abb. 15
Abb. 16
deren Punkte alle von einem Punkt gleichweit entfernt sind. Wir
Dieses Zentralfeuer kann nun aber nicht die relativ kleine Sonne
darstellen. Man muß sich vergegenwärtigen, daß unsere kosmischen Entfernungen für damalige Zeiten undenkbar waren. Die
hatten gesehen, daß diese Definition von Platon für das
Schweben der Erde in der Mitte der Himmelskugel mit benutzt
worden war. Philolaos schließt daraus auf eine Auszeichnung des
Zentrums, der Mitte, die auch im Kosmos von einem ausgezeichneten, göttlichen Körper eingenommen werden müsse, wie ihn
die Erde, die doch ständiger Veränderung und Wandlung unterworfen ist, nicht darstelle, wohl aber das göttliche Feuer. Hier
spielen bestimmte religiöse Vorstellungen herein, in denen dem
Feuer stets hohe Verehrung entgegengebracht wird, wohl aber
auch die ebenfalls dorther rührende Auffassung vom Feuer als
dem Urstoff, die Herakleitos vertreten und der sich der Pythagoreer Hippasos angeschlossen hatte.
Das Zentrum ist das Ehrwürdigste, und dieses Zentrum nimmt
224 deshalb nicht die Erde, sondern ein göttliches Zentralfeuer ein.
Sonne, die doch offensichtlich die Erde umkreist, konnte nicht
für so groß gehalten werden, daß sie das von der Erde umwanderte Zentrum hätte bilden können. Wir werden später sehen,
wie Empedokles den offenbaren Widerspruch zwischen Wirkung
und Ansehen der alles Geschehen auf der Erde beeinflussenden und auslösenden Sonne und ihrer scheinbaren Winzigkeit
dadurch zu lösen versuchte, daß er die uns erscheinende Sonnenscheibe nur als den Widerschein des Feuers ansah, das die eine
Hälfte der Himmelskugel ganz ausfüllt. Ähnliches finden wir
dann hier bei dem jüngeren Philolaos wieder: Die Sonne sei eine
kristallene Kugel, die den Schein des Zentralfeuers nur widerspiegele. Gleiches gelte für die anderen Gestirne und vermutlich
Página 15
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)auch für den gestirnten Himmel, außerhalb dessen sich ebenfalls
Feuer befinde.
Ausgehend von diesen Vorstellungen und der seit Demokritos
bekannten Siebenzahl der Planeten (Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn), die durch Erde und Fixsternhimmel
zu neun Himmelskörpern ergänzt wird, kommt Philolaos zu der
Überzeugung, daß es gemäß der heiligen Dekas auch zehn
Himmelskörper geben müsse. Da ein zehnter Himmelskörper
aber nicht entdeckt werden kann, muß er so angeordnet sein, daß
er den Erdenbewohnern prinzipiell unsichtbar bleibt. Vom Mond
wußte man bereits, daß er der Erde stets dieselbe Seite, dasselbe
»Gesicht« zukehrt. Die Rückseite bleibt unsichtbar. Gleiches
gelte für die Erde; auch sie soll — wie wir sagen würden — eine
LE
GA
gebundene Rotationsdauer haben. Auf der dem für irdische
Lebewesen unerträglichen Zentralfeuer zugekehrten Seite können
keine Menschen wohnen. Uns, die wir gleichsam auf der Rückseite der Erde wohnen, ist das Zentralfeuer deshalb unsichtbar.
Unsichtbar bleibe uns deshalb aber auch jener erschlossene zehnte
Körper, weil er sich ständig von uns aus gesehen jenseits der
Erde, das muß aber auch heißen: jenseits des Zentralfeuers,
befindet. Philolaos konstruiert so eine Gegenerde, &vriydov
(antichthön) genannt, die im selben Abstand und in derselben
I
Richtung wie die Erde das Zentralfeuer umkreise, so daß sie sich
stets genau der Erde gegenüber befinde (Abb. 17).
Wir sehen, daß dieser nur scheinbare Vorläufer eines nichtgeozentrischen Weltbildes, auf den sich übrigens später Nikolaus
Kopernikus berufen sollte, von rein spekulativen Voraussetzungen ausging, nämlich von der notwendig zentralen Lage des ehrwürdigsten Feuers, des »Herdes des Kosmos«, wie er sagt, und
der notwendigen Zehnzahl der Himmelskörper. Astronomische
Beobachtungen liegen dem ebensowenig zugrunde wie der Vereinfachung dieses Systems durch die beiden Pythagoreer aus
Syrakus, Hiketas und Ekphantos, welche die Sonne selbst als das
Zentralfeuer ansahen, ohne dann aber bereits die Konsequenz zu
ziehen und die Rotation der Fixsternsphäre als infolge der Erddrehung nur scheinbare aufzufassen. Astronomische Beobachtungen wurden im Laufe der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts, besonders von Eudoxos von Knidos, angestellt, und
mit ihrer Hilfe konnte die Theorie des Philolaos schnell verwor226 fen werden.
Abb. 17
Noch in einem anderen, älteren Beispiel spekulativer Kosmologie der Pythagoreer, ersetzen geometrische Form und als ausgezeichnet gefundene Zahlen die Wahrnehmung als Erkenntnismittel, weil das »Erkannte« außerhalb des Bereiches sinnlicher
Wahrnehmung liegt. Als die Lehre eines Petron von Himera,
Pythagoreers wohl der Mitte des fünften Jahrhunderts, überliefert Plutarchos aus älteren Quellen: »Es gäbe 183 Welten
(xöonoı), die in Form eines gleichseitigen Dreiecks angeordnet
seien, von dem jede Seite sechzig Welten umfasse; von den drei
übrigen Welten sei je eine an einem der Winkel gelagert, es
berührten aber die in jeder Reihe einander folgenden Welten
einander, indem sie wie in einem Reigen ruhig herumkreisten.«13 Es ist nicht mehr zu erschließen, wie Petron
13 Vergleihe H. Diels-W. Kranz: Die Fragmente der Vorsokratiker.
Band 1, 9. Auflage, S. 106 (Nr. 16: Petron).
Página 16
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)sich diesen Weltenreigen im einzelnen vorgestellt hat, auch nicht,
welche Uberlegung der Anzahl 183 zugrundeliegt; denn die
Ableitung der Zahl 180 aus der Winkelsumme im Dreieck ist
deshalb unmöglich, weil die Unterteilung des Vollkreises in 360
Teile (360°) von den Griechen erst spater eingeführt worden ist.
Mit dem babylonischen Sexagesimalsystem, das mit dem »schönsten« Dreieck verknüpft wurde, hängt die Anzahl allerdings
vermutlich zusammen.
Die Vorstellung, alles sei Zahl, die Prinzipien aller Dinge seien
die Prinzipien der Zahlen — nicht blof: alles ist nach Zahlen
geordnet oder aufgebaut — hat in all diesen und in weiteren
Fallen den Pythagoreern die Möglichkeit einer Natur-»Erkenntnis« aufgrund der Überzeugung gegeben, daß der Kosmos und
die natürlichen Dinge sichtbare Beispiele einer dem Kosmos
immanenten mathematisch-harmonischen Ordnung darstellen.
Arithmetische und geometrische Beziehungen und Figuren dienten dazu, der sinnlichen Wahrnehmung nicht Zugängliches zu
»erkennen« (oder zu konstruieren); auch empirisch gewonnene
Proportionen ganzer Zahlen wurden auf andere Bereiche nachträglich übertragen, als ihnen immanent angesehen, gleichsam als
überall wirksames allgemeines Naturgesetz. Aristoteles spricht
nämlich nur einmal und im Zusammenhang mit pythagoreischen
Zahlenspekulationen von »Naturgesetzen« im Sinne der Pythagoreer (vóuor ris Pboswgl*); der Ausdruck scheint also tatsächlich pythagoreischen Ursprungs zu sein.
Aber diese Geisteshaltung war keineswegs auf die Pythagoreer
beschränkt, und ich habe bereits dargelegt, daß nicht Pythagoras
der Begründer solcher Zahlenspekulationen gewesen sein kann.
Man war in dieser Zeit des griechischen Rationalismus, der bis
zum Ausgang des fünften Jahrhunderts währte, so sehr von der
mathematischen Formung und dem mathematischen Aufbau der
Natur überzeugt, daß umgekehrt diese neue Geometrie und
Harmonik auch in die Nachahmung und Nachbildung der
Natur, in Technik und Kunst, Einlaß fand. In der mechanischen
Technik, deren mathematischen Grundlagen von Archytas
geschaffen wurden,15 blieb die Mathematik auch fortan erhal-
228
14 Aristoteles: De caelo I 1 268213-15.
15 Vergleiche Fritz Krafft: Die Anfänge einer theoretischen Mechanik und
die Wandlung ihrer Stellung zur Wissenschaft von der Natur. In: Beiten, nachdem zu Beginn des vierten Jahrhunderts die Unterscheidung und ontologische Trennung von natürlichen und künstlichen, das heißt: von spontanen und gewaltsam hervorgerufenen
(widernatürlichen, »technischen«), Vorgängen gemacht worden
war und sich allgemein durchgesetzt hatte; denn die mechanischen Geräte galten als aus Kreisen und Geraden, den Grundfiguren der Geometrie, künstlich zusammengesetzt. Für das
fünfte Jahrhundert galt allerdings, wie wir bei Empedokles
sehen werden, diese Unterscheidung noch nicht. Damals standen
Kunst, Technik und »Natur« noch auf derselben Seinsstufe, für
sie galten noch dieselben »Gesetze«; und was an der Natur (als
schön) erkannt wurde, diente auch der Schönheit der Kunst.
Wir alle bewundern noch heute die Schönheit der gewaltigen
dorischen Tempel dieser Zeit, wie sie etwa in Paestum und
Agrigent und auf der Akropolis von Athen sich relativ gut erhalten haben. Dabei bedenken wir meist nicht, daß diese klassische
Schönheit zu einem großen Teil auf der Einhaltung bestimmter
ganzzahliger harmonischer Proportionen in den Bauteilen und
im Grundriß beruht.
Für die griechische Plastik gab es sogar eine Schrift aus dieser
Zeit über die angeblich im menschlichen Körper anzutreffenden
und einzuhaltenden Proportionen. Dieses »Kanon« (Richtschnur,
Lineal) betitelte Werk stammt von dem berühmten Bildhauer
Polykletos von Argos, der in der zweiten Hälfte des fünften
Jahrhunderts tätig war. Leider ist es bis auf wenige unbedeutende Fragmente verloren gegangen und läßt sich in Einzelheiten
auch nicht mehr rekonstruieren. Die antike Kritik läßt allerdings
noch erkennen, daß Polykletos statt der »normalen« Proportionen etwa des Gesichtes und des Körpers bestimmte ganzzahlige Verhältnisse unter Betonung der Trias und Dekas angewendet haben soll. Seine Standbilder werden später von Varro
als »vierschrötig breit« (quadrata) und »gleichförmig« (et paene
ad unum exemplum) bezeichnet.!% Zwar sind keine Originale
träge zur Methodik der Wissenschaftsgeschichte, herausgegeben von
Walter Baron. Wiesbaden 1967, S. 12-33 (Beiträge zur Geschichte der
Wissenschaft und der Technik, Heft 9).
18 Gaius Plinius Secundus: Naturalis historia. Buch 34, $ 56. — Die Angaben
über die Amazone des Polykletos verdanke ich einem Vortrag des Göttinger Archäologen Hans von Steuben, den er im November 1968 in
Hamburg hielt.
Página 17
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)erhalten, doch zeigen teilweise mehrere römische Kopien von den
wichtigsten und bekanntesten Statuen, was Varro damit meinte
— natürlich in Kenntnis der klassischen und hellenistischen Bildhauerkunst. Polykletos bildet den Anfang der Auflösung des
strengen dorischen Stils der Zeit nach den Perserkriegen, gleichzeitig aber auch den Höhepunkt dieser langen dorischen Tradition. Nur aus retrospektiver Sicht waren seine Standbilder noch
»eckig«, sie lösen die dorische Strenge bereits durch den gegenseitigen Rhythmus der Teile auf. Die Kontrapostik bleibt erstmals
nicht auf das Stand- und Spielbein beschränkt, sondern wird auf
den ganzen Körper und sich entsprechende Teile bezogen. Jedes
Teil lebt nur durch ein anderes und ist damit Teil einer allgemeinen Proportionierung, die mit der Zentrierung der im Körper
spielenden Kräfte beginnt. Der Körper der Statue wird damit
erstmals zu einer in sich geschlossenen harmonischen Einheit.
Allerdings werden die Proportionen nicht unmittelbar sichtbar
gewesen sein, wie die Kopien zeigen, bei denen allerdings die
Gewähr fehlt, daß sie in allen Einzelheiten genau maßstabsgerecht beziehungsweise in den genauen Abmessungen verfertigt
wurden. Üblich scheint eine durchgehende Halbierung der Ausmaße zu einander bezogener Körperteile gewesen zu sein, was
einer Proportionenfolge von 4:2:1 entspräche. Dagegen beträgt
beispielsweise bei der in Rom befindlichen Kopie der Amazone
des Polykletos die Länge des Standfußes etwas mehr als 30 cm,
seine Breite mißt 4/10 der Länge, und die ausgezeichnete Strecke
vom Knöchel zur Kniespitze etwas mehr als 50 cm (eine Elle!)
oder vier Fußbreiten (Verhältnis = 8:5:2), die Länge des ganzen
Körpers beträgt 187 cm, die des Gesichtes 187 mm (Verhältnis
10:1). Jedenfalls stellt der »Kanon« die früheste kunsttheoretische Studie dar, deren Erkenntnisse in den Statuen ihres Verfassers einen Niederschlag fanden.
Als letztes Beispiel für diesen Hyperrationalismus des fünften
Jahrhunderts diene der führende Städtebauer der Antike,
Hippodamos von Milet, der etwa eine Generation jünger als sein
Landsmann Hekataios war und dessen Erdbild auf die Stadtplanung übertrug. Sicherlich waren zwar schon vorher jonische
Pflanzstädte teilweise nach einem Schachbrettmuster angelegt
worden, um die Landzuweisung an die Kolonisten gerecht und
jonischen Aufstand zerstörte Milet im Jahre 479 neu. Später
ging er nach Athen und führte hier 446 die von Themistokles
geplante, dann von Perikles in Auftrag gegebene Neuanlage der
athenischen Hafenstadt Piräus durch. Außerdem plante und leitete er neben anderen Stadtanlagen auch jene der in den Jahren
444 und 443 im Golf von Tarent errichteten Kolonistenstadt
Thurioi. Diese Gründung ging auf eine Anregung des Perikles
zurück und war als »panhellenische« Kolonie gedacht. Den
Kolonisten und Erbauern gehörten deshalb die besten Köpfe des
damaligen Griechenland an. Zu ihnen zählten etwa Herodotos,
Empedokles, der Sophist Protagoras aus Abdera, der die Verfassung für diese Neugründung an der Stelle des 510 zerstörten
Sybaris schuf, und Hippodamos von Milet, der den Stadtplan
entwarf. Schon das zeigt, daß er der angesehenste Städtebauer
seiner Zeit war.
All seinen und seiner Anhänger Stadtplänen gemeinsam ist nun
ein Schachbrettmuster von rechtwinklig sich kreuzenden Strafen,
die gewöhnlich nach den Haupthimmelsrichtungen orientiert
waren und zugleich der mathematischen Regelmäßigkeit der
Natur im großen hier im kleinen entsprechen sollten. Dieses
Schachbrettmuster ist, wie Ausgrabungen seiner und nach seinem
Vorbild später angelegter Städte zeigen, häufig mit einer uns
unbegreiflichen Willkür dem ihm widerstrebenden Gelände aufgezwungen worden — aus der Überzeugung, daß dies natur- und
kunstgemäß sei. Das nach 450 erbaute Priene (siehe Abb. 1817)
ist dafür ein besonders charakteristisches Beispiel.
Auch hier setzt wie am hekataiischen Erdbild etwa zur Zeit der
Abfassung des herodoteischen Geschichtswerkes nach 430 eine
heftige Kritik ein, die sich gegen diese »mathematische« Willkür
richtet, welche die Natur nicht berücksichtige. Sie spiegelt sich
besonders deutlich in einer Komödie des Aristophanes wider, die
im Jahre 414 zur Aufführung gelangte. In den »Vögeln« wird
nämlich gerade der in diese Richtung weisende Hyperrationalismus der Zeit mit beißendem Spott überschüttet: Zwei Athener
gründen mit Hilfe des Vogelkönigs Epops, des Wiedehopfs, einen
neuen weltbeherrschenden Staat, entsprechend griechischem
Staatsdenken einen Stadtstaat (nöAıs), genannt »Wolkenkudkucksheim« (Nephelokokkygia). Die Vögel begründen ihren
übersichtlich ausführen zu können. Hippodamos vervollkomm-
230 nete dieses Anlagesystem und plante dementsprechend das im
17 Aus: Lexikon der Alten Welt. Zürich und Stuttgart 1965, Sp. 2886.
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bei Hippasos, nützlich und angebracht war, um die Erscheinungen erst einmal in den Griff zu bekommen, die aber mit
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fortschreitender Entwicklung der Mathematik sich selbst ad
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absurdum führte — man denke etwa an den Pythagoreer
Eurytos von Kroton, einen Zeitgenossen des Philolaos, der den
Gattungen Mensch, Pferd, Esel usw. je eine bestimmte Zahl
zuwies, an die mit bestimmten abstrakten Begriffen oder ihren
göttlichen Personifizierungen identisch angesehenen Zahlen zeitgenössischer Pythagoreer — und zur Kritik herausforderte, galt
die Mathematik doch noch als identisch mit dem Sein oder den
Abb. 18: Plan von Priene
Formen auch der sinnlich wahrnehmbaren Welt.
Der Eigenbereich der Mathematik wurde erst allmählich im
Anschluß an Parmenides und Zenon von Elea erkannt und regelrecht konstruiert, jetzt als Reaktion gegen die ältere Auffassung
sogar mit bewußter Umgehung der Anschaulichkeit. Wir werden
Anspruch auf die Weltherrschaft mit dem Nachweis, daß sie vor
den Göttern vom Ursprung an die Welt beherrscht hätten. Die
uns später mit diesem Entstehungsprozeß der axiomatischdeduktiven Mathematik kurz beschäftigen müssen. Doch auch
Begründung erweist sich als Parodie auf eine orphische Theogonie und ist gegen den Machtanspruch Athens gerichtet. Im zweials eine solche nicht-physische, reine Mathematik vermochte sie
sich nicht sogleich durchzusetzen. Das zeigt etwa die Kritik des
ten Teil kommen Götter und Menschen, denen es im Himmel
und auf Erden nicht mehr gefällt, und bitten um Aufnahme in
die Bürgerschaft — womit Aristophanes seinen Spott über solche
Sophisten Protagoras, der um 410 starb. Er warf den Geometern vor, daß eine Tangente ja gar nicht den Kreis nur in
einem Punkt berühre, wie sie behaupteten, sondern mit einer
Gründungen wie Thurioi ergießt, deren Kolonisten sich aus
weltfremden Weltverbesserern rekrutierten, die in ihrer Heimat
wurf aber nur erheben, weil die Geometrie noch als den geokeinen Anhang fänden und deshalb solche Kolonien als Betätigungsfeld suchten. Der Stadtbauer ist ein gewisser Meton, womit
ohne Zweifel unser Hippodamos mit seinen Anhängern gemeint
ist. Meton tritt mit Lineal und Zirkel bewaffnet auf, um die
Stadt mathematisch regelmäßig anzulegen: In der Mitte der
Markt, von dem strahlenförmig die schnurgeraden Straßen nach
längeren Strecke, wie jeder sehen kônne.18 Er konnte diesen Vormetrisch geformten Dingen der Natur und Kunst inhärent, als
durch sie ausgedrückt angesehen wurde.
All die Kritik erhält erst dadurch ihre Berechtigung. Es war erst
Platon, der ihr dann den Stachel zog durch eine neuartige und
lange nachwirkende Lösung, die der Mathematik einerseits einen
neuen, nicht mehr so stark praxisbezogenen Spielraum schuf, ihr
der Peripherie zu verlaufen sollen. Aristophanes verhöhnt damit
232 einen Rationalismus, wie er dann im 18. Jahrhundert wieder
18 Protagoras: Fragment B 7 Diels-Kranz.
Página 19
Ver en el PDF(se abre en una ventana nueva)andererseits aber auch enge Zügel anlegte. Beides liegt in seinem
philosophischen System begriindet.
Bevor wir uns diesem zuwenden, müssen wir uns zunächst in
9 Parmenides von Elea und Empedokles
von Akragas
gleicher Weise mit der Entwicklung der Vorstellung von der
Materie beschäftigen; denn auch deren Kenntnis ist fiir das Verstandnis der platonischen Auffassungen erforderlich. Auch hierfiir spielte die eleatische Ontologie des Parmenides jene entscheidende und Neues auslösende Rolle, wie sie für die Entwicklung
der Mathematik oben kurz angedeutet wurde.
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Ich sprach in der Einführung davon, daß jede naturwissenschaftlihe Erkenntnis oder Idee in einem bestimmten Historischen
Raum entstanden ist und daß der Ideenkomplex, der unseren
heutigen Anschauungen oder denen früherer Zeiten zugrunde
liegt, eine mehr oder weniger systematisierte Zusammenfassung
scheinbar oder tatsächlich einander angepaßter Einzelideen ist,
welche die jeweilige geistige Haltung, aus der heraus sie entstanden sind, in den neuen Ideenkomplex mit hinein bringen. Ich
habe erwähnt, daß solche Ideen sich bisweilen als hemmende
Idole oder Dogmen erweisen, indem sie Anschauungsweisen in
die Naturwissenschaft der Gegenwart einschleppen, die an sich
längst überwunden sind, und daß man diese Ideen leichter überwinden oder abwandelnd neuen Anschauungsweisen anpassen
kann, wenn man ihren geistigen Ursprung kennt. Eine solche,
weniger in der Antike selbst als in der Neuzeit lange Zeit fruchtbare, dann im 20. Jahrhundert aber auch als Hemmschuh wirkende antike Idee ist jene des Atoms, deren Ursprung wir uns
nun zuwenden.
Unser Wort Atom stammt aus dem Griechischen. Das griechische
Wort ätouog ist ein Adjektiv, gebildet aus dem sogenannten oprivativum und einem Bestandteil, dem der auch in téuvo
(temnö, schneiden) und topi (tomé, Schnitt) enthaltene Wortstamm zugrundeliegt; es bedeutet »nicht zerschneidbar«, »nicht
zerteilbar«, nicht dagegen auch »nicht aus Teilen bestehend«.
Wenn Sie sich an das erinnern, was ich früher über das Entstehen
und erste Auftreten des generellen bestimmten Artikels ausführte, können Sie mit Recht schließen, das das substantivierte
tAdjektiv tò ätouov, »das Unteilbare«, erst im fünften vorchris
234
lichen Jahrhundert gebildet werden konnte und die Idee des
Atoms deshalb nicht älter sein kann. In der Tat ist der griechi-