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Pythagoras in der Schmiede
aus Wikipedia, der freien Enzyklopádie
Pythagoras in der Schmiede ist eine Legende, in der beschrieben wird, wie Pythagoras von Samos in einer Schmiede den
Wohlklang von zusammenklingenden Hámmern entdeckt hatte, deren Gewichte in bestimmten ganzzahligen Verháltnissen
standen.
Diese Beobachtung hatte die Grundlage für die musiktheoretische Beschreibung von Intervallen dargestellt und die Entwicklung
des Monochords angeregt. Pythagoras wird schon seit der Antike in der Literatur daher auch háufig als Erfinder der Musik
bezeichnet. [1]
Die ursprünglichen Quellen aus dem antiken Griechenland sind verloren gegangen, und nach naturwissenschaftlicher Analyse
ergibt sich, dass die tradierten Sachverhalte zumindest in mehreren Aspekten nicht zutreffend sein können.
Inhaltsverzeichnis
=
1
Beschreibung
=
1.1 Grundlage der Musiktheorie
=
1.1.1 Bedeutung für die spätere Weiterentwicklung der Tonsysteme
2 Ursprung
3 Rezeption
=
3.1
=
3.2 Guido von Arezzo
=
3.3 Später
Boéthius
4 Widerlegung
= 4.1 Tonhöhe von Hammer
=»
4.2 Tonhöhe / Hammergewicht
=» 4.3 Tonhöhe / Saitenspannung
5 Physikalische Betrachtungen
= 5.1 Longitudinale Schwingungen von Festkörpern
=
5.1.1 Eigenfrequenz von Hämmern
=
5.1.2 Eigenfrequenz von Ambossen
= 5.1.3 Eigenfrequenz von Metallstäben
= 5.2 Schwingungen von Saiten
6 Literatur
7 Einzelnachweise
Beschreibung
Pythagoras hätte im 6. vorchristlichen Jahrhundert in einer Schmiede, wo fünf
Handwerker mit Hämmern bei der Arbeit waren, bemerkt, dass die einzelnen
Schläge Töne unterschiedlicher Tonhöhe hervorrufen. Er ließ die Schmiede die
Hammer tauschen und hätte festgestellt, dass die Tonhöhen nicht von den Händen
der Schmiede bestimmt waren. Es wurde úberliefert, dass er die Tonhóhen jedoch
den Gewichten der Hammer zuordnen konnte und dass ein Wohlklang entstand,
wenn ein bestimmter Hammer nicht geschlagen wurde. Dieser eine dissonant
klingende Hammer hätte nicht in einem ganzzahligen Verhältnis zu den anderen
Hämmern gestanden, die anderen aber im Verhältnis 6 zu 8 zu 9 und zu 12.
Bei weiteren häuslichen Untersuchungen hätte Pythagoras dann festgestellt, dass er
diese Beobachtung auch auf Becher und Schalen mit verschiedenen
Gewichtsverhältnissen und auf Saiten mit verschiedenenen Längenverhältnissen
übertragen konnte. Mit der Erfindung des Monochords zur Untersuchung und
Demonstration von Tonhöhen von Saitenpaaren mit verschiedenen ganzzahligen
Längenverhältnissen hätte er schließlich die Grundlage der Musiktheorie gelegt.
By150248 pbus
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aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Pythagoras in der Schmiede ist eine antike Legende, in der beschrieben wird, wie
Pythagoras von Samos in einer Schmiede den Wohlklang von zusammenklingenden
Hämmern entdeckte, deren Gewichte in bestimmten ganzzahligen Verhältnissen
standen. Diese Beobachtung habe den Ausgangspunkt für Experimente gebildet,
welche zur Grundlage für die musiktheoretische Beschreibung von Intervallen
wurden. Mit den auf diesem Weg gewonnenen Erkenntnissen habe Pythagoras die
Musiktheorie begründet. Die Legende hatte zur Folge, dass Pythagoras in der
römischen Kaiserzeit und im Mittelalter pauschal als Erfinder "der Musik" bezeichnet
wurde, womit die Musiktheorie gemeint war.
Die ältesten griechischen Quellen zu der Legende, die erst in der römischen
Kaiserzeit bezeugt ist, sind verloren gegangen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die
Erzählung abgewandelt. Erst in der Neuzeit konnte dank neuer Erkenntnisse über
die Akustik gezeigt werden, dass die Angaben der Legende physikalisch falsch sind.
Nach heutigem Forschungsstand ist die Legende reine Erfindung. Die
musiktheoretischen Ergebnisse, zu denen die Beobachtung in der Schmiede
angeblich geführt hat, sind jedoch korrekt.
Unabhängig von der Frage, wie und durch wen die Pythagoras zugeschriebene
Entdeckung von musikalischen Zahlenverhältnissen tatsächlich erfolgt ist, handelt es
sich bei der Formulierung dieser Zahlenverhältnisse um die erste überlieferte
korrekte, experimentell gesicherte mathematische Beschreibung eines
physikalischen Sachverhalts.[1]
Inhaltsverzeichnis
1 Inhalt der Legende
2 Weitere Überlieferungen
3 Interpretation der Legende
4 Grundlage der Musiktheorie
5 Bedeutung für die spätere Weiterentwicklung der Tonsysteme
6 Rezeption
6.1 Antike
6.2 Mittelalter
6.3 Neuzeit
7 Widerlegung
8 Physikalische Betrachtungen
8.1 Konsonanz
8.1.1 Ganzzahlige Frequenzverhältnisse
8.1.2 Rationale Frequenzverhältnisse
8.2 Longitudinale Schwingungen und Eigenfrequenz von
Festkörpern
8.2.1 Hämmer
8.2.2 Ambosse
8.2.3 Metallstäbe
8.3 Saitenschwingungen
9 Quellen
10 Literatur
11 Anmerkungen
Pythagoreische Hämmer im
Gewichteverhältnis 12 : 9 : 8 : 6
Inhalt der Legende
Der ältesten überlieferten Version[2] der Legende zufolge hat Pythagoras, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte, ein Hilfsmittel
gesucht, mit dem akustische Wahrnehmungen gemessen werden können so wie geometrische Größen mit dem Zirkel oder
Gewichte mit der Waage. Als er an einer Schmiede vorbeikam, wo vier (nach einer späteren Version fünf) Handwerker mit
Hämmern bei der Arbeit waren, bemerkte er, dass die einzelnen Schläge Töne unterschiedlicher Tonhöhe hervorriefen, die
paarweise Harmonien ergaben. Dabei konnte er Oktave, Quinte und Quarte unterscheiden. Nur ein Paar, welches das Intervall
zwischen Quarte und Quinte (große Sekunde) ergab, empfand er als dissonant. Darauf lief er freudig in die Schmiede, um
Versuche anzustellen. Dabei fand er heraus, dass der Unterschied in der Tonhöhe weder von der Gestalt des Hammers noch von
der Lage des geschlagenen Eisens oder der Kraft des Schlags abhängt. Vielmehr konnte er die Tonhöhen den Gewichten der
Hämmer zuordnen, die er genau maß. Darauf kehrte er nach Hause zurück, um dort die Experimente fortzusetzen.
An einem Pflock, der schräg über die Ecke an den Wänden befestigt war, hängte er der Reihe nach vier gleich lange, gleich starke
und gleich gedrehte Saiten auf, die er unten durch Anbinden unterschiedlicher Gewichte beschwerte. Dann schlug er die Saiten
paarweise an, wobei die gleichen Harmonien erklangen wie in der Schmiede. Die mit zwölf Gewichtseinheiten am stärksten
beschwerte Saite ergab mit der am geringsten belasteten, an der sechs Gewichtseinheiten hingen, eine Oktave. So zeigte sich,
dass die Oktave auf dem Verhältnis 12 : 6, also 2 : 1 beruht. Die gespannteste Saite ergab mit der zweitlockersten (acht
Gewichtseinheiten) eine Quinte, mit der zweitstraffsten (neun Gewichtseinheiten) eine Quarte. Daraus folgte, dass die Quinte auf
dem Verhältnis 12 : 8, also 3 : 2 beruht, die Quarte auf dem Verhältnis 12 : 9, also 4 : 3. Für das Verhältnis der zweitstraffsten
Saite zur lockersten ergab sich wiederum mit 9 : 6, also 3 : 2, eine Quinte, für das der zweitlockersten zur lockersten mit 8 : 6, also
4 : 3, eine Quarte. Für das dissonante Intervall zwischen Quinte und Quarte zeigte sich, dass es auf dem Verhältnis 9 : 8 beruht,
was mit den schon in der Schmiede durchgeführten Gewichtsmessungen übereinstimmte. Die Oktave erwies sich als das Produkt
von Quinte und Quarte:
Dann dehnte Pythagoras den Versuch auf verschiedene Instrumente aus, experimentierte mit Gefäßen, Flöten, Triangeln, dem
Monochord usw.; dabei fand er immer die gleichen Zahlenverhältnisse. Schließlich führte er die seither geläufigen Benennungen
für die relativen Tonhöhen ein.
Weitere Überlieferungen
Mit der Erfindung des Monochords zur Untersuchung und Demonstration der Zusammenklänge von Saitenpaaren mit
verschiedenen ganzzahligen Längenverhältnissen soll Pythagoras ein bequemes Mittel zum Aufzeigen der von ihm entdeckten
mathematischen Grundlage der Musiktheorie eingeführt haben. Das Monochord – altgriechisch kanōn, lateinisch regula genannt –
ist ein Resonanzkasten, über den eine Saite gespannt ist. Auf dem Kasten ist eine Maßeinteilung angebracht. Das Gerät ist mit
einem verschiebbaren Steg ausgestattet, durch dessen Verschiebung man die schwingende Länge der Saite teilen kann; anhand
der Maßeinteilung lässt sich die Teilung genau bestimmen. Damit wird eine Messung der Intervalle möglich. Trotz des Namens
"Monochord", der "einsaitig" bedeutet, gab es auch mehrsaitige Monochorde, mit denen man die Intervalle simultan zum Klingen
bringen konnte. Allerdings ist unklar, wann das Monochord erfunden wurde. Walter Burkert datiert diese Errungenschaft erst nach
der Zeit des Aristoteles, der das Gerät anscheinend noch nicht kannte; demnach wurde es erst lange nach Pythagoras' Tod
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eingeführt.[3] Leonid Zhmud hingegen meint, dass Pythagoras sein Experiment, das zur Entdeckung der Zahlenverhältnisse führte,
wahrscheinlich mit dem Monochord durchgeführt hat. [4]
Hippasos von Metapont, ein Pythagoreer der Frühzeit (spätes 6. und frühes 5. Jahrhundert v. Chr.), hat quantitative
Untersuchungen zu musikalischen Intervallen durchgeführt. Das Hippasos zugeschriebene Experiment mit verschieden dicken frei
schwingenden Kreisplatten ist im Gegensatz zu den angeblichen Versuchen des Pythagoras physikalisch korrekt. Ob Archytas von
Tarent, ein bedeutender Pythagoreer des 5./4. Jahrhunderts v. Chr., einschlägige Experimente durchgeführt hat, ist unklar.
Vermutlich war er in der Musik eher Theoretiker als Praktiker, doch nahm er auf akustische Beobachtungen seiner Vorgänger
Bezug. Die musikalischen Beispiele, die er zur Stützung seiner akustischen Theorie anführt, betreffen Blasinstrumente; Versuche
mit Saiteninstrumenten oder einzelnen Saiten führt er nicht an. Archytas ging von der falschen Hypothese aus, dass die Tonhöhe
von der Verbreitungsgeschwindigkeit des Schalls und der Wucht des Stoßes auf den Klangkörper abhängt; in Wirklichkeit ist die
Schallgeschwindigkeit in einem gegebenen Medium konstant und die Wucht beeinflusst nur die Lautstärke. [5]
Interpretation der Legende
Walter Burkert ist der Ansicht, dass die Legende trotz der physikalischen Unmöglichkeit nicht als willkürliche Erfindung zu
betrachten sei, sondern einen Sinn habe, der in der griechischen Mythologie zu finden sei. Die Idäischen Daktylen, die mythischen
Erfinder der Schmiedekunst, waren einem Mythos zufolge auch die Erfinder der Musik. Von einem Zusammenhang zwischen
Schmiedekunst und Musik ging somit offenbar schon eine sehr alten Überlieferung aus, in der die mythischen Schmiede als
Kenner des Geheimnisses der magischen Musik dargestellt wurden. Burkert meint, die Legende von Pythagoras in der Schmiede
sei eine späte Umformung und Rationalisierung des uralten Daktylen-Mythos: In der Pythagoras-Legende erscheinen die
Schmiede nicht mehr als Besitzer alten magischen Wissens, sondern sie werden ohne es zu wollen zu (unwissenden)
"Lehrmeistern" des Pythagoras. Im Frühmittelalter bezeichnete Isidor von Sevilla den biblischen Schmied Tubal als den Erfinder
der Musik; darin folgten ihm spätere Autoren. In dieser Überlieferung zeigt sich wiederum die Vorstellung einer Beziehung
zwischen Schmiedekunst und Musik, die auch in außereuropäischen Mythen und Sagen vorkommt. [6]
Eine andere Erklärung schlägt Jørgen Raasted vor, dem Leonid Zhmud folgt. Raasteds Hypothese besagt, dass der
Ausgangspunkt der Legendenbildung ein Bericht über Experimente des Hippasos gewesen sei. Hippasos verwendete Gefäße, die
sphaírai genannt wurden. Dieses Wort sei durch ein Schreiberversehen mit sphýrai (Hämmer) verwechselt worden, und statt
Hippasos' Namen sei der des Pythagoras als Urheber der Versuche eingesetzt worden. Daraus sei dann die Schmiedelegende
entstanden.[7]
Grundlage der Musiktheorie
Die ganzen Zahlen 6, 8, 9 und 12 entsprechen bezogen auf den tiefsten Ton (Zahl 12) den reinen Intervallen Quarte (Zahl 9),
Quinte (Zahl 8) und Oktave (Zahl 6) nach oben:
Ganze Zahl
Verhältnis zur Verhältnis,
Verhältniszahl Intervallbezeichnung
größten Zahl 12 gekürzt
12
12:12
1:1
1,000
Prime
9
9:12
3:4
0,750
Quarte
8
8:12
2:3
0,667
Quinte
6
6:12
1:2
0,500
Oktave
In Notenschrift kann dies zum Beispiel mit der Tonfolge c' - f' - g' - c" ausgedrückt werden:
Die Tonfolge c' - f' - g' - c"
Wird diese Tonfolge nicht vom tiefsten, sondern vom höchsten Ton (Zahl 6) aus betrachtet, ergeben sich ebenfalls eine Quarte
(Zahl 8), eine Quinte (Zahl 9) und eine Oktave (Zahl 12) – in diesem Fall allerdings nach unten:
Ganze Zahl
Verhältnis zur Verhältnis,
Verhältniszahl Intervallbezeichnung
kleinsten Zahl 6 gekürzt
6
6:6
1:1
1,000
Prime
8
8:6
4:3
1,333
Quarte
9
9:6
3:2
1,500
Quinte
12
12:6
2:1
2,000
Oktave
Die Quinte und die Oktave tauchen in Bezug auf den Grundton zwar auch bei Naturtonreihen auf, nicht jedoch die Quarte oder
deren Oktavierungen. Dieser Quartton kommt bei den schon in der Antike bekannten ventillosen Blechblasinstrumenten und bei
Flageoletttönen von Saiteninstrumenten nicht vor; seine Entdeckung war eine Neuerung.
In der Musik spielen diese vier harmonischen Töne in der Pentatonik, besonders auf der ersten, vierten, fünften und achten
Tonstufe von diatonischen Tonleitern (insbesondere bei Dur und Moll) und bei der Komposition von Kadenzen als Grundtöne von
Tonika, Subdominante und Dominante eine herausragende Rolle. Diese Tonfolge tritt oft bei Schlusskadenzen mit den
entsprechenden Akkorden auf:
Hörbeispiel ? / i Vollkadenz in C-Dur mit
der Stufenfolge: Tonika (C-Dur) Subdominante (F-Dur) - Dominante (GDur) - Tonika (C-Dur)
Diese Tonfolge taucht auch in vielen Kompositionen auf, wie zum Beispiel in der Passacaglia c-Moll von Johann Sebastian Bach.
Das Thema besteht aus 15 Tönen, von denen insgesamt zehn Töne und insbesondere die letzten vier Töne aus diesen vier
Pythagoreischen Tönen geschöpft wurden.
Bedeutung für die spätere Weiterentwicklung der Tonsysteme
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Die weitere Untersuchung von Intervallen mit Tonhöhen mit ganzzahligen Verhältnissen führte schließlich von diatonischen
Tonleitern mit sieben verschiedenen Tönen in Pythagoreischer Stimmung zu einer chromatischen Tonleiter mit zwölf
verschiedenen Tönen, die zur Vermeidung der unangenehm klingenden, „heulenden“ Pythagoreischen Wolfsquinte zunächst in
mitteltöniger und später in temperierter Stimmung gebraucht wurden. Beim Vergleich von sieben aufeinanderstehenden reinen
Oktaven mit zwölf aufeinanderstehenden reinen Quinten kommt es zwischen dem jeweils ersten und letzten Ton nicht zu zwei
identischen Intervallen, sondern zu einer Abweichung, dem sogenannten Pythagoreischen Komma.
In gleichstufiger Stimmung, in der nur Oktaven vollkommen rein klingen, stellt die zwölfstufige Tonskala die Grundlage für die
Dodekaphonie dar. Diese gleichstufige Stimmung wird heute auch häufig zur Stimmung von Tasteninstrumenten, Idiophonen und
Elektrophonen verwendet.
Rezeption
Antike
Zeitstrahl: Autoren, die Versionen der Schmiedelegende überliefern (grün). Die blau
gekennzeichneten Philosophen haben sich mit dem Verhältnis von Mathematik und Musik
auseinandergesetzt.
Die früheste Erwähnung von
Pythagoras' Entdeckung der
mathematischen Grundlage der
musikalischen Intervalle findet sich
bei dem Platoniker Xenokrates (4.
Jahrhundert v. Chr.); da es sich nur
um ein Zitat aus einem verlorenen
Werk dieses Denkers handelt, ist
unklar, ob er die Schmiedelegende
kannte. [8] Im 4. Jahrhundert v. Chr.
wurde auch schon – allerdings ohne
Bezugnahme auf die PythagorasLegende – Kritik an der
pythagoreischen Zahlentheorie der
Intervalle geäußert; der Philosoph
und Musiktheoretiker Aristoxenos
hielt sie für falsch.
Die älteste überlieferte Version der Legende präsentiert – Jahrhunderte nach der
Zeit des Pythagoras – der Neupythagoreer Nikomachos von Gerasa, der im 1. oder
2. Jahrhundert n. Chr. die Geschichte in seinem Harmonikon encheiridion
(„Handbuch der Harmonielehre“) festgehalten hat. Er beruft sich für seine
Darstellung der Zahlenverhältnisse in der Harmonielehre auf den Philosophen
Philolaos, einen Pythagoreer des 5. Jahrhunderts v. Chr.[9]
Der berühmte Mathematiker und Musiktheoretiker Ptolemaios (2. Jahrhundert)
kannte die von der Legende überlieferte Gewichtsmethode und lehnte sie ab; er
hatte allerdings nicht die Falschheit der Gewichtsexperimente erkannt, sondern
bemängelte nur ihre Ungenauigkeiten im Vergleich mit den genauen Messungen am
Monochord. [10] Wahrscheinlich bezog er seine Kenntnis der legendenhaften
Überlieferung nicht von Nikomachos, sondern aus einer älteren, heute verlorenen
Quelle. [11]
Der chronologisch schwer einzuordnende kaiserzeitliche Musiktheoretiker
Gaudentios schilderte in seiner Harmonikḗ eisagōgḗ („Einführung in die Harmonie“)
die Legende in einer Fassung, die etwas kürzer ist als die des Nikomachos. Der
Neuplatoniker Iamblichos, der im späten 3. und frühen 4. Jahrhundert als
Philosophielehrer tätig war, verfasste eine Pythagoras-Biographie mit dem Titel Über
das pythagoreische Leben, worin er die Schmiedelegende in der Version des
Nikomachos wiedergab.
In der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts ging der Schriftsteller Macrobius in seinem
Kommentar zu Ciceros Somnium Scipionis ausführlich auf die Schmiedelegende ein,
die er ähnlich wie Nikomachos schilderte.[12]
Nikomachos von Gerasa in einer
mittelalterlichen Darstellung aus dem
12. Jahrhundert, Universitätsbibliothek
Cambridge, Ms. Ii.3.12, fol. 61 v
Die stärkste Nachwirkung unter den antiken Musiktheoretikern, welche die
Erzählung aufgriffen, erzielte Boethius mit seinem im frühen 6. Jahrhundert
verfassten Lehrbuch De institutione musica („Einführung in die Musik“), in dem er
die Erkenntnisbemühungen des Pythagoras zunächst in der Schmiede und dann zu
Hause schildert. [13] Ob er dabei von der Darstellung des Nikomachos oder von einer
anderen Quelle ausging, ist unklar. Im Unterschied zur gesamten älteren
Überlieferung berichtet er von fünf Hämmern, statt wie die früheren Autoren vier
Hämmer anzunehmen. Er behauptet, den fünften Hammer habe Pythagoras
verworfen, weil er mit allen anderen Hämmern eine Dissonanz ergeben habe. Nach
Boethius' Darstellung (wie schon bei Macrobius) überprüfte Pythagoras seine erste
Vermutung, der Klangunterschied beruhe auf unterschiedlicher Kraft in den Armen
der Männer, indem er die Schmiede die Hämmer tauschen ließ, was zur
Widerlegung führte. Über die Versuche im Hause des Pythagoras schreibt Boethius,
der Philosoph habe zuerst an die Saiten gleich schwere Gewichte gehängt wie die
der Hämmer in der Schmiede und dann mit Rohren und Bechern experimentiert,
wobei alle Versuche zu denselben Ergebnissen geführt hätten wie die ersten mit den
Hämmern. Anhand der Legende thematisiert Boethius die wissenschafts- und
erkenntnistheoretische Frage nach der Zuverlässigkeit von Sinneswahrnehmungen.
Wesentlich ist dabei der Umstand, dass Pythagoras zunächst durch
Sinneswahrnehmung zu seiner Fragestellung und zur Hypothesenbildung angeregt
wurde und durch empirische Überprüfung von Hypothesen zu unumstößlicher
Gewissheit gelangte. Der Erkenntnisweg führte von der Sinneswahrnehmung zur
Boethius (links) im Wettstreit mit
ersten Hypothese, die sich als irrig erwies, dann zur Bildung einer richtigen Meinung
Pythagoras (rechts, mit Abakus).
und schließlich zu deren Verifizierung. Boethius anerkennt die Notwendigkeit und
Darstellung von Gregor Reisch mit einer
den Wert der Sinneswahrnehmung und der Meinungsbildung auf dem Weg zur
allegorischen weiblichen Figur, die zwei
Einsicht, obwohl er als Platoniker der Sinneswahrnehmung wegen ihrer
Bücher und den Schriftzug Typus
Irrtumsanfälligkeit prinzipiell misstraut. Wirkliches Wissen ergibt sich für ihn erst,
arithmeticae trägt, Margarita philosophica,
wenn die Gesetzmäßigkeit erfasst ist, womit der Forscher sich von seiner
1508
anfänglichen Abhängigkeit von der unzuverlässigen Sinneswahrnehmung
emanzipiert. Das Urteil des Forschers darf nicht bloß als Sinnesurteil auf der
empirischen Erfahrung beruhen, sondern es darf erst gefällt werden, wenn er durch Überlegungen eine Regel gefunden hat, die es
ihm ermöglicht, sich jenseits des Bereichs möglicher Sinnestäuschung zu positionieren. [14]
Im 6. Jahrhundert schrieb der Gelehrte Cassiodor in seinen Instititutiones, Gaudentios habe in seinem Bericht über die
Schmiedelegende die Anfänge "der Musik" auf Pythagoras zurückgeführt. Gemeint war die Musiktheorie, wie schon bei
Iamblichos, der ebenfalls mit Bezug auf die Schmiedeerzählung und die dort beschriebenen Experimente Pythagoras als Erfinder
"der Musik" bezeichnet hatte. [15]
Mittelalter
Im Frühmittelalter erwähnte Isidor von Sevilla in seinen Etymologien, die zu einem
maßgeblichen Nachschlagewerk der mittelalterlichen Gebildeten wurden, die
Schmiedelegende kurz, wobei er Cassiodors Formulierung übernahm und ebenfalls
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Pythagoras als Erfinder der Musik bezeichnete. [16] Da Cassiodor und Isidor im
Mittelalter erstrangige Autoritäten waren, verbreitete sich die Vorstellung,
Pythagoras habe das Grundgesetz der Musik entdeckt und sei somit deren
Begründer gewesen. Trotz solcher pauschaler Formulierungen gingen die
mittelalterlichen Musiktheoretiker aber davon aus, dass es Musik schon vor
Pythagoras gegeben hatte und dass mit der "Erfindung der Musik" die Entdeckung
ihrer Prinzipien gemeint war.[17]
Im 9. Jahrhundert berichtete der Musikwissenschaftler Aurelian von Réomé in seiner
Musica disciplina („Musiklehre“) von der Legende. Aurelians Darstellung folgte im
10. Jahrhundert Regino von Prüm in seiner Schrift De harmonica institutione
(„Einführung in die Harmonielehre“). Beide legten Wert auf die Feststellung, dass
Pythagoras durch eine göttliche Fügung die Gelegenheit erhalten habe, in der
Schmiede seine Entdeckung zu machen. [18] Schon in der Antike hatten Nikomachos
und Iamblichos von einer daimonischen Fügung gesprochen, Boethius hatte daraus
einen göttlichen Ratschluss gemacht.
In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts erzählte Guido von Arezzo, der
berühmteste Musiktheoretiker des Mittelalters, im letzten Kapitel seines Micrologus
Guido von Arezzo (links) unterweist einen
die Schmiedelegende, wobei er von der Version des Boethius, den er namentlich
Bischof am Monochord. Wien,
nannte, ausging. Einleitend bemerkte Guido: Auch würde wohl niemals ein Mensch
Österreichische Nationalbibliothek, Codex
etwas Bestimmtes über diese Kunst (die Musik) erforscht haben, wenn nicht
Lat. 51, fol. 35v (12. Jahrhundert)
schließlich die göttliche Güte auf ihren Wink das nachfolgende Ereignis
herbeigeführt hätte. Dass die Hämmer 12, 9, 8 und 6 Gewichtseinheiten wogen und
so den Wohlklang erzeugten, führte er auf Gottes Fügung zurück.[19] Er erwähnte auch, dass Pythagoras von seiner Entdeckung
ausgehend das Monochord erfunden habe, ging aber dabei nicht näher auf dessen Eigenschaften ein.
Zu den mittelalterlichen Musiktheoretikern, welche die Schmiedelegende nach der Version des Boethius erzählten, gehören ferner
der im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert tätige Juan Gil de Zámora (Johannes Aegidius von Zamora), im 14. Jahrhundert
Johannes de Muris und Simon Tunstede, im 15. Jahrhundert an der Schwelle zur Neuzeit Adam von Fulda.
Als Gegner der pythagoreischen Auffassung, wonach die Konsonanzen auf bestimmten Zahlenverhältnissen beruhen, trat im
13. Jahrhundert Johannes de Grocheio hervor, der von einer aristotelischen Sichtweise ausging. Er stellte zwar ausdrücklich fest,
dass Pythagoras die Prinzipien der Musik entdeckt habe, und erzählte die Schmiedelegende mit Berufung auf Boethius, den er für
vertrauenswürdig hielt, doch verwarf er die pythagoreische Konsonanzlehre, die er auf eine bloß metaphorische Redeweise
reduzieren wollte. [20]
Neuzeit
Franchino Gaffurio veröffentlichte 1480 in Neapel sein Werk Theoricum opus musice
discipline („Theoretische Musiklehre“), das 1492 in einer überarbeiteten Fassung
unter dem Titel Theorica musice („Musiktheorie“) erschien. Darin präsentierte er eine
Version der Schmiedelegende, die an Ausführlichkeit alle früheren Darstellungen
übertraf. Er ging von der Fassung des Boethius aus und fügte einen sechsten
Hammer hinzu, um möglichst alle Töne der Oktave in der Erzählung unterzubringen.
In vier bildlichen Darstellungen präsentierte er Musikinstrumente bzw.
Klangerzeuger mit jeweils sechs harmonischen Tönen und gab dazu die den Tönen
zugeordneten Zahlen 4, 6, 8, 9, 12 und 16 in der Beschriftung an. Den vier
traditionellen Verhältniszahlen der Legende (6, 8, 9 und 12) fügte er die 4 und die 16
hinzu, die einen Ton um eine Quinte tiefer und einen weiteren Ton um eine Quarte
höher repräsentieren. Die gesamte Tonfolge erstreckt sich also nun nicht nur über
eine, sondern über zwei Oktaven. Diese Zahlen entsprechen zum Beispiel den
Tönen f - c' - f' - g' - c" - f":
Die Tonfolge f - c' - f' - g' - c" - f"
Auch Gioseffo Zarlino erzählte die Legende in seiner Schrift Le istitutioni harmoniche
(„Die Grundlagen der Harmonie“), die er im Jahr 1558 publizierte; dabei legte er wie
Gaffurio die Darstellung des Boethius zugrunde. [21]
Franchino Gaffurio, Theorica musice
(1492): Der biblische Erfinder der Musik,
Jubal, mit sechs Schmieden um einen
Amboss (links oben); Pythagoras beim
Experimentieren mit sechs Glocken und
sechs Gläsern (rechts oben), mit sechs
Saiten (links unten) und zusammen mit
Philolaos mit sechs Flöten (rechts unten)
Der Musiktheoretiker Vincenzo Galilei, der Vater von Galileo Galilei, veröffentlichte
1589 seine Streitschrift Discorso intorno all'opere di messer Gioseffo Zarlino
(„Abhandlung über die Werke des Herrn Gioseffo Zarlino“), die gegen die Ansichten
seines Lehrers Zarlino gerichtet war. Darin wies er darauf hin, dass die Angaben der Legende über die Belastung von Saiten mit
Gewichten nicht zutreffen. [22] Definitiv geklärt wurde der Sachverhalt im 17. Jahrhundert, nachdem Galileo Galilei und Marin
Mersenne die Gesetze für die Schwingungen von Saiten entdeckt hatten. Mersenne veröffentlichte 1636 seine Harmonie
universelle, in der er den physikalischen Fehler in der Legende darlegte: Die Tonhöhe ist nicht zur Spannkraft, sondern zu deren
Quadratwurzel proportional.
Dennoch ist noch im 19. Jahrhundert Hegel in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie von der physikalischen
Richtigkeit der angeblichen Messungen, die in der Pythagoras-Legende mitgeteilt werden, ausgegangen. [23] Auch heute werden
Darstellungen veröffentlicht, in denen die Legende unkritisch wiedergegeben wird, ohne Hinweis auf ihre physikalische und
historische Falschheit. [24]
Werner Heisenberg betonte in einem erstmals 1937 veröffentlichten Aufsatz, die pythagoreische „Entdeckung der mathematischen
Bedingtheit der Harmonie“ beruhe auf „dem Gedanken an die sinngebende Kraft mathematischer Strukturen“, einem
„Grundgedanken, den die exakte Naturwissenschaft unserer Zeit aus der Antike übernommen hat“; die Pythagoras
zugeschriebene Entdeckung gehöre „zu den stärksten Impulsen menschlicher Wissenschaft überhaupt“. [25]
Widerlegung
Absolute Tonhöhe von Hämmern
Die Eigenfrequenz von Stahlhämmern, die von Menschenhand bewegt werden können, ist meist im Ultraschallbereich und somit
unhörbar. Pythagoras kann diese Töne nicht wahrgenommen haben, insbesondere wenn die Hämmer in der Tonhöhe einen
Unterschied von einer Oktave aufwiesen.
Tonhöhe in Abhängigkeit vom Hammergewicht
Die Tonhöhe eines longitudinal frei schwingenden Festkörpers ist in der Regel nicht proportional zu seinem Gewicht
beziehungsweise seinem Volumen, wohl aber proportional zur Länge, die sich bei ähnlicher Geometrie nur mit der Kubikwurzel
des Volumens ändert.
Für die pythagoreischen Hämmer gelten bei ähnlicher Geometrie also die folgenden Verhältniszahlen (Angaben in willkürlichen
Maßeinheiten):
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Gewicht / Verhältniszahl zum Hammerkopflänge / Verhältniszahl zum
Volumen größten Hammer
Tonhöhe
größten Hammer
12
1,000
2,289
1,000
9
0,750
2,080
0,909
8
0,667
2,000
0,874
6
0,500
1,817
0,794
Tonhöhe in Abhängigkeit von der Saitenspannung
Die Annahme, dass die Tonhöhe einer Saite proportional zur Spannkraft ist, trifft nicht zu, vielmehr ist die Tonhöhe proportional zur
Quadratwurzel der Spannkraft. Um die Tonhöhe zu verdoppeln, muss also eine vierfache Zugkraft ausgeübt und somit ein viermal
so schweres Gewicht an eine Saite gehängt werden.
Physikalische Betrachtungen
Konsonanz
Ganzzahlige Frequenzverhältnisse
Die Tatsache, dass ein Ton mit der Grundfrequenz f 1 in Konsonanz zu einem
zweiten Ton mit einem ganzzahligen Vielfachen n (mit
und n > 1) dieser
Grundfrequenz
steht, ergibt sich zwar schon unmittelbar daraus,
dass die Maxima und Minima der Tonschwingungen zeitlich synchron sind, kann
aber auch folgendermaßen erklärt werden:
Vielfaches der Schwebungsfrequenz
in Abhängigkeit vom ganzzahligen
Verhältnis n zweier Frequenzen
Vielfaches der
Vielfaches der
Grundfrequenz n Schwebungsfrequenz n-1
Die Schwebungsfrequenz f S der beiden gleichzeitig klingenden Töne ergibt sich
rechnerisch aus der Differenz der Frequenzen dieser beiden Töne und ist als
sogenannter Kombinationston hörbar:
f S = f 2 − f 1 (siehe Mathematische Beschreibung der Schwebung)
Diese Differenz steht ihrerseits in einem ganzzahligen Verhältnis zur
Grundfrequenz f 1:
2
1
3
2
4
3
5
4
Für alle ganzzahligen Vielfachen der Grundfrequenz beim zweiten Ton ergeben sich auch ganzzahlige Vielfache für die
Schwebungsfrequenz (siehe nebenstehende Tabelle), so dass alle Töne konsonant klingen.
Rationale Frequenzverhältnisse
Auch für zwei Töne, deren Frequenzen in einem rationalen Verhältnis von (n +
1) zu n stehen, gibt es eine Konsonanz. Die Frequenz des zweiten Tones ergibt
sich hierbei nach:
Demzufolge ergibt sich für die Schwebungsfrequenz der beiden gleichzeitig
klingenden Töne:
Schwebungsfrequenz als Vielfaches
der Grundfrequenz in Abhängigkeit
vom rationalen Verhältnis
zweier Frequenzen
Rationales Verhältnis
Grundfrequenz
der Frequenzen
als Vielfaches der
(n+1) : n
Schwebungsfrequenz
Daraus folgt:
Die Grundfrequenz ist also unter dieser Bedingung immer ein ganzzahliges
Vielfaches der Schwebungsfrequenz (siehe nebenstehende Tabelle). Daher
entsteht ebenfalls keine Dissonanz.
2:1
1
3:2
2
4:3
3
5:4
4
Longitudinale Schwingungen und Eigenfrequenz von Festkörpern
Zur Abschätzung eines Metallklotzes möge ein homogener Quader mit einer maximalen Länge l und aus einem Material mit der
Schallgeschwindigkeit v betrachtet werden. Dieser hat für den Schwingungsmodus entlang seiner längsten Seite
(Longitudinalschwingung) mit Schwingungsbäuchen an den beiden Enden und einem Schwingungsknoten in der Mitte die tiefste
Eigenfrequenz f von [26]
.
Die Tonhöhe ist also unabhängig von der Masse und der Querschnittsfläche des Quaders, die Querschnittsfläche darf sogar
variieren. Ferner spielen auch die Kraft und die Geschwindigkeit beim Anschlagen des Körpers keine Rolle. Zumindest dieser
Sachverhalt deckt sich mit der Pythagoras zugeschriebenen Beobachtung, dass die Tonhöhe nicht von den Händen (und somit
den Kräften) der Schmiede abhängig gewesen sei.
Körper mit komplizierterer Geometrie, wie zum Beispiel Glocken, Becher oder Schalen, die eventuell sogar noch mit Flüssigkeiten
gefüllt sind, haben Tonhöhen, deren physikalische Beschreibung erheblich aufwendiger ist, da hier nicht nur die Form, sondern
auch die Wanddicke oder sogar der Ort des Anschlagens mit berücksichtigt werden müssen. Hierbei werden unter Umständen
auch Transversalschwingungen angeregt und hörbar.
Hämmer
Ein sehr großer Vorschlaghammer aus Eisen (ungefähre Schallgeschwindigkeit v =
5000 Meter pro Sekunde) mit einer Hammerkopflänge l = 0,2 Meter hat also eine
Eigenfrequenz von 12,5 Kilohertz. Bei einer quadratischen Querschnittsfläche von
0,1 Meter mal 0,1 Meter hätte er bei der Dichte von Eisen von 7,874 g/cm³ eine
Masse von fast 16 Kilogramm. Bereits Frequenzen oberhalb von etwa 15 Kilohertz
können von vielen Menschen nicht mehr wahrgenommen werden (siehe Hörfläche);
daher ist die Eigenfrequenz selbst eines solch großen Hammers kaum hörbar.
Kleinere Hämmer und Hämmer aus Stahl haben noch deutlich höhere
Eigenfrequenzen, die daher keinesfalls hörbar sind.
Ambosse
Ein großer Amboss aus Eisen mit einer Seitenlänge l = 0,5 Meter hat eine
Eigenfrequenz von nur 5 Kilohertz und ist somit gut hörbar.
Es gibt eine Vielzahl von Kompositionen, in denen der Komponist die Verwendung
von Ambossen als Musikinstrument vorschreibt. Besonders bekannt sind die beiden
Opern aus dem Musikdrama Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner:
Das Rheingold, Szene 3, 18 Ambosse in F in drei Oktaven
Siegfried, 1. Aufzug, Siegfrieds Schmiedelied Nothung! Nothung! Neidliches
Schwert!
Schmiedehammerkopf, Darstellung aus
einem US-amerikanischen
Schmiedehandwerkslehrbuch von 1899
Materialien mit geringerer Schallgeschwindigkeit als Eisen, wie zum Beispiel Granit oder Messing, erzeugen bei kongruenter
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Geometrie noch tiefere Frequenzen. Jedenfalls ist von den hörbaren Klängen der Ambosse in den überlieferten Versionen der
Legende nicht die Rede, sondern die Klänge werden immer nur den Hämmern zugeschrieben.
Metallstäbe
Es ist
möglich,
Metallstäbe
zu
vergleichen,
wie zum
Beispiel
Metallstab mit der Länge l und der Querschnittsfläche A
Meißel von
Steinmetzen
oder Spaltkeile zum Steinbrechen, um auf eine ähnliche wie die Pythagoras
zugeschriebene Beobachtung zu kommen, dass nämlich die Tonhöhe von
Werkzeugen proportional zu deren Gewicht ist. Wenn die Metallstäbe unter der
Vernachlässigung der spitz zulaufenden Werkzeugschneiden alle dieselbe
gleichmäßige Querschnittsfläche A, aber verschiedene Längen l haben, ist ihr
Gewicht proportional zur Länge und somit auch zur Tonhöhe, sofern die Metallstäbe
durch Schläge entlang der Längsachse zu longitudinalen Schwingungen angeregt
werden (Klangbeispiele siehe im Kasten rechts).
Für Biegeschwinger, wie zum Beispiel Stimmgabeln oder die Plättchen von
Metallophonen, gelten allerdings andere Bedingungen und Gesetze; daher sind
diese Überlegungen nicht auf sie anwendbar.
Vier Meißel mit verschiedener Länge (12,
9, 8, und 6 Einheiten) und gleicher
Querschnittsfläche, die bei Anregung
entlang der Längsachse mit Tonhöhen
proportional zur Länge und zur Masse
schwingen.
Klangbeispiele von Meißeln mit Tonhöhen,
die in ganzzahligen Verhältnissen
zueinander stehen:
Saitenschwingungen
Saiten
können an
zwei Seiten
auf jeweils
einem Steg
fixiert
werden.
Genau
Schwingende Saite mit der Länge l und der Spannkraft F zwischen zwei
Stegen auf einem Resonanzkasten
andersherum als bei einem Festkörper mit longitudinalen Schwingungen stellen die
beiden Stege die Randbedingungen für zwei Schwingungsknoten her; daher
befindet sich der Schwingungsbauch in der Mitte.
Eigenfrequenz f und Tonhöhe von Saiten mit der Länge l sind nicht proportional zur
Spannkraft F, sondern zur Quadratwurzel der Spannkraft. Außerdem nimmt die
Frequenz bei höherem Zuggewicht und somit höherer Spannkraft zu und nicht
ab:[27]
Grundton (12 Längeneinheiten)
Quarte (9 Längeneinheiten)
Quinte (8 Längeneinheiten)
Oktave (6 Längeneinheiten)
Meißel mit nicht-ganzzahligem Verhältnis
zum Grundton (Tritonus = ½ Oktave):
Tritonus (8,485 Längeneinheiten)
Nichtsdestoweniger ist die Tonhöhe bei konstanter Spannkraft streng umgekehrt
proportional zur Länge der Saite, was mit dem – angeblich von Pythagoras
erfundenen – Monochord direkt nachgewiesen werden kann.
Quellen
Boethius: Anicii Manlii Torquati Severini Boetii de institutione arithmetica libri duo, de institutione musica libri quinque, hrsg.
von Gottfried Friedlein, Minerva, Frankfurt am Main 1966 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1867, online
(http://12koerbe.de/pan/boe-mus1.htm#X.) ; deutsche Übersetzung online (http://12koerbe.de/arche/boe-mu1.htm) )
Franchino Gaffurio: Theorica musice, hrsg. von Ilde Illuminati und Fabio Bellissima, Edizioni del Galluzzo, Firenze 2005,
ISBN 88-8450-161-X, S. 66–71 (lateinischer Text und italienische Übersetzung)
Guido von Arezzo: Micrologus, übersetzt von Michael Hermesdorff, Trier 1876 (online
(http://www.lml.badw.de/info/guidomi.htm) )
Literatur
Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon. Verlag Hans Carl, Nürnberg
1962 (Erlanger Beiträge zur Sprach- und Kunstwissenschaft. Band 10)
Anja Heilmann: Boethius' Musiktheorie und das Quadrivium. Eine Einführung in den neuplatonischen Hintergrund von "De
institutione musica". Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-25268-0, S. 203–222 (online
(http://books.google.de/books?id=kdvxm-Z74VcC) )
Werner Keil (Hrsg.): Basistexte Musikästhetik und Musiktheorie. Wilhelm Fink, Paderborn 2007, ISBN 978-3-8252-8359-9,
S. 342–346 (online (http://books.google.de/books?id=-EKzOY01l2MC) )
Barbara Münxelhaus: Pythagoras musicus. Zur Rezeption der pythagoreischen Musiktheorie als quadrivialer Wissenschaft
im lateinischen Mittelalter. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn - Bad Godesberg 1976 (OrpheusSchriftenreihe zu Grundfragen der Musik. Band 19)
Jørgen Raasted: A neglected version of the anecdote about Pythagoras's hammer experiment. In: Cahiers de l'Institut du
Moyen-Âge grec et latin. Band 31a, 1979, S. 1−9
Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus. Akademie Verlag, Berlin 1997, ISBN
978-3-05-003090-6
Anmerkungen
1. Zhmud (1997) S. 193–196; vgl. Károly Simonyi: Kulturgeschichte der Physik, 3. Auflage, Frankfurt am Main 2001, S. 62.
2. Nikomachos von Gerasa, Handbuch der Harmonielehre 6, übersetzt bei Heilmann (2007) S. 345–347, wörtlich zitiert bei
Iamblichos von Chalkis, Über das pythagoreische Leben 115–121, übersetzt von Michael von Albrecht: Jamblich.
Pythagoras: Legende – Lehre – Lebensgestaltung, Darmstadt 2002, S. 109–113.
3. Burkert (1962) S. 353 und Anm. 28.
4. Zhmud (1997) S. 193−196; vgl. Münxelhaus (1976) S. 28f.
5. Burkert (1962) S. 362–364; Zhmud (1997) S. 196–199. Skepsis hinsichtlich akustischer Experimente des Archytas äußert
Carl A. Huffman: Archytas of Tarentum, Cambridge 2005, S. 129−148; vgl. S. 473−475. Er weist darauf hin, dass sich
Archytas hauptsächlich auf Angaben seiner Vorgänger und auf Alltagserfahrung beruft.
6. Burkert (1962) S. 355; Münxelhaus (1976) S. 38f., 46.
7. Raasted (1979) S. 6f.; Zhmud (1997) S. 192.
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8. Xenokrates Fragment 9 H.; siehe dazu Burkert (1962) S. 57 und Zhmud (1997) S. 193.
9. Diese Passage von Nikomachos' Werk ist herausgegeben, ins Englische übersetzt und kommentiert von Carl A. Huffman:
Philolaus of Croton, Cambridge 1993, S. 145–165.
10. Münxelhaus (1976) S. 52.
11. Burkert (1962) S. 355.
12. Macrobius, Commentarii in somnium Scipionis 2,1,8–13.
13. Boethius, De institutione musica 1,10–11, übersetzt von Heilmann (2007) S. 342–345.
14. Zum wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Hintergrund siehe Heilmann (2007) S. 205–218.
15. Cassiodor, Institutiones 2,5,1; vgl. Iamblichos, De vita Pythagorica 121.
16. Isidor, Etymologiae 3,16,1.
17. Münxelhaus (1976) S. 15–17.
18. Hans Martin Klinkenberg: Der Verfall des Quadriviums im frühen Mittelalter. In: Josef Koch (Hrsg.): Artes liberales. Von der
antiken Bildung zur Wissenschaft des Mittelalters, Leiden 1976, S. 1–32, hier: 24f.
19. Guido von Arezzo, Micrologus 20 (deutsche Übersetzung online (http://www.lml.badw.de/info/guidomi.htm) ).
20. Münxelhaus (1976) S. 16, 76; Frank Hentschel: Sinnlichkeit und Vernunft in der mittelalterlichen Musiktheorie, Stuttgart
2000, S. 148−150 (online (http://books.google.de/books?id=MB_FhdoRuMMC) ).
21. Werner Keil (Hrsg.): Basistexte Musikästhetik und Musiktheorie, Paderborn 2007, S. 56 (Übersetzung von Zarlinos Text).
22. Vincenzo Galilei: Discorso intorno all'opere di messer Gioseffo Zarlino (online
(http://emc.elte.hu/~pinter/szoveg/Galilei.Discorso.pdf) ).
23. Werner Keil (Hrsg.): Basistexte Musikästhetik und Musiktheorie, Paderborn 2007, S. 343.
24. Arnold Keyserling: Geschichte der Denkstile, 3. Das logische Denken (online
(http://www.schuledesrades.org/palme/books/denkstil/?Q=1/1/3/0/0/1/39) , abgerufen am 28. August 2010); Karl
Sumereder: Musik und Mathematik (online (http://www.genius.co.at/index.php?id=49) , abgerufen am 16. Januar 2011);
Arnold Keyserling: Der neue Name Gottes. Die Weltformel und ihre Analogien in der Wirklichkeit, Wien 2002, S. 71 (online
(http://books.google.de/books?
id=4HTSrLO3bGwC&pg=PA71&dq=pythagoras+schmiede&hl=de&ei=jG80Ta24MI3wsgbkkemrCg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=9&ved=0CFAQ6AEwCDgU#v=onepage&q=pythagoras%20schmiede
).
25. Werner Heisenberg: Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaft, 8. Auflage, Stuttgart 1949, S. 50.
26. Ludwig Bergmann, Clemens Schaefer: Lehrbuch der Experimentalphysik, Band 1, 9. Auflage, Berlin 1974, Kapitel 83:
Schallsender, Abschnitt Longitudinalschwingungen.
27. Ludwig Bergmann, Clemens Schaefer: Lehrbuch der Experimentalphysik, Band 1, 9. Auflage, Berlin 1974, Kapitel 83:
Schallsender, Abschnitt Saite.
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