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PYTHAGORAS UND DIE ANFANGE DES MUSIKTHEORETISCHEN
DENKENS BEI DEN GRIECHEN*
FRIEDER ZAMINER
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Der antike Pythagoreismus, seit alters ein heftig umstrittenes Gebiet philologischer,
philosophiehistorischer und ideologischer Aktivitäten, ist in den vergangenen Jahrzehnten erneut zu einer Stätte umfassender wissenschaftlicher Auseinandersetzungen geworden. Gelehrte verschiedener Fachrichtungen haben sich an ihnen beteiligt, Mathematiker, Philosophen, Philologen, Sprachwissenschaftler. Ich nenne nur die Namen
Oskar Becker, Walter Burkert, Kurt von Fritz, W.K.C. Guthrie, Johannes Lohmann,
Arpad Szabó, C.J. de Vogel und Bartel L. van der Waerden. In einer der wichtigsten
Fragen der antiken Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte aber herrscht nach wie
vor bedrückende Ungewißheit: Was hat Pythagoras selbst eigentlich gelehrt, und wie
ging es zu, daß die pythagoreischen Disziplinen entstanden? Soweit der Überlieferung
zu trauen ist, scheint es, als habe Pythagoras keine Schriften hinterlassen. Da er andrerseits nur den engsten Kreis seiner Anhänger in seine zentrale Lehre eingeweiht haben
soll, die Eingeweihten aber zum Schweigen verpflichtete, schien es bisher müßig, das
Problem weiter zu verfolgen.
Nun ist zwar die authentische Lehre verschollen, ihre Wirkungsgeschichte aber wird für
uns von einem relativ frühen Stadium an und auf verschiedenen Gebieten greifbar,
allerdings nur sehr fragmentarisch. Bisher hatte die Forschung ihre Aufmerksamkeit
vor allem auf die mathematikhistorisch aufschlußreichen Zeugnisse dieser Wirkungsgeschichte konzentriert. Sie ist dadurch zu einem einseitig mathematisch geprägten
Bild vom frühen Pythagoreismus gekommen, in welchem sich Pythagoras selbst, dieses
einzigartige religiöse Genie, als zentrale Gestalt seltsam fremd und unglaubwürdig ausnahm.
:
Die mathematische Sicht hat aber auch die Auffassung von der pythagoreischen Musiktheorie (Harmonia-Lehre) weitgehend bestimmt. In der Musikwissenschaft wurde diese
Auffassung ohne Widerspruch akzeptiert. Daf man sich dadurch allerdings der Möglichkeit begeben hatte, iiber die anstehenden Probleme des antiken Fachs, z.B. iiber die
des griechischen Tonsystems, unvoreingenommen nachzudenken, fiel nicht weiter auf.
So blieb neben dem schmalen mathematisch erschlossenen Streifen ein breites Feld
nicht aufgearbeiteter Probleme stehen — Probleme, die z.B. den Ursprung des klassischen Zweioktavensystems, der Tetrachordeinteilung, der zugehörigen Terminologie
* Der Beitrag wurde für den Internationalen Musikwissenschaftlichen KongreB Bayreuth 1981
geschrieben, Er versucht, gewisse Fragen, die sich während einer gröBeren Arbeit über die Geschichte der griechischen Musiktheorie ergeben und zu Thesen verdichtet haben, in einer für
Zuhörer verständlichen Form zusammenzufassen. Für Zitate, Belegstellen und die Erörterung
von Einzelfragen sei auf den entsprechenden Beitrag in der vom Staatlichen Institut für Musikforschung betreuten mehrbändigen Geschichte der Musiktheorie hingewiesen.
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Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)wieder einmal ganz von vorn anzufangen, bei Pythagoras.
Wenn es stimmt, daß Pythagoras seine geheime Lehre nur dem engsten Kreis seiner
Jänger anvertraute und die Wissenden fortan zum Schweigen verpflichtete, kann dies
für die Forschung nicht ohne methodische Konsequenzen bleiben. Vielmehr muß sie
dann zwischen der authentischen Lehre des Meisters, die der Geheimhaltung unterlag,
und den Lehren der Anhänger, für die dies nicht galt, prinzipiell unterscheiden. In den
Äußerungen und Aufzeichnungen der Altpythagoreer wird man demnach die originale
Lehre vergebens suchen. Was man hingegen aus altpythagoreischer Zeit (bis ca.
300 v. Chr.) vorfindet, sind durchweg nichtauthentische, nichtgeheime Äußerungen
und Lehren, die zum einen Teil auf eingeweihte Anhänger zurückgehen und zum
andern aus dem größeren Kreis der nichteingeweihten Anhänger stammen (so z.B. die
pythagoreischen Anklänge bei Platon). Mit großer Vorsicht aufzunehmen sind demnach Aussprüche von Anhängern, die man gern mit der originalen Geheimlehre in
Verbindung bringt, wie z.B. „Alles ist Zahl‘; denn authentisch können sie nach unsern
Voraussetzungen keinesfalls heißen. Unserm methodischen Leitgedanken entsprechend, gehe ich im folgenden von der Voraussetzung aus, daß sich die eingeweihten Anhänger durch Eid verpflichtet hatten, die heilige Lehre des Meisters weder
anzutasten noch zu verraten, daß es ihnen aber freigestellt war, ihre eigenen Gedanken
im Anschluß an diese Lehre zu entwickeln. Genau an dieser Stelle scheint mir nämlich
der Ansatz für die Entstehung der vier pythagoreischen Mathemata Astronomie, Harmonielehre, Arithmetik und Geometrie zu liegen. Unter Umständen konnten sich die
Anhänger dabei erlauben, eine von der heiligen Lehre partiell abweichende Auffassung
zu vertreten, ohne deshalb aus der Bruderschaft ausgestoßen zu werden (z.B. Philolaos
einerseits mit seiner neuen Lehre einer unsichtbaren Gegenerde, die andrerseits aber
um der heiligen Zehnzahl willen erfunden war).
Die genannte Voraussetzung schließt zwei Grundthesen in sich. Erstens bestehen enge
ideelle Bande zwischen der heiligen Grundlehre und den ‚profanen‘ Anschlußdisziplinen. Es ist daher methodisch zulässig, ja geboten, im Rahmen der eng begrenzten
Möglichkeiten von diesen Disziplinen auf jene ‘Urlehre zu schließen. Wir sind also
berechtigt und gehalten, von den vier pythagoreischen Mathemata aus (einschlieBlich
der Lehre von der Sphärenharmonie) nach himmelskundlichen, musikalisch-harmonischen, arithmetischen und geometrischen Vorstellungen und Begriffen innerhalb der
geheimen Grundiehre zu fragen. Nur was durch Berufung auf Pythagoras als legitim
nachgewiesen war — “autos epha” (ER hat es gesagt) hieß eine bezeichnende Redewendung bei den Pythagoreern —, fand offenbar Gehör. Zweitens und vor allem gibt es
eine Fülle konkreter Bezüge im Sachlichen wie im Terminologischen. Solche konkreten
Anhaltspunkte gilt es in den Mathemata aufzuspüren und auf ihre mögliche Herkunft
aus der Urlehre hin zu prüfen.
Ein letzter Hinweis noch, bevor wir uns der skizzierten Aufgabe zuwenden. Es versteht
sich wohl von selbst, daß Pythagoras seinen Jüngern kein profanes Wissen, sondern eine
religiöse, eine heilige Botschaft offenbarte. Die ganzen Umstände sprechen dafür, daß
diese Botschaft nicht zuletzt die Summe damaliger religiös-philosophischer Weisheit in
sich barg: einerseits die Erfahrungen der hochentwickelten babylonischen Astronomie
und andrerseits die geistige Schau und Erkenntnis des frühen Griechentums. — Ich
glaube schon jetzt die These wagen zu können, daß Pythagoras, der m.E. selber weder
204
er
betreffen, von Problemen der sogenannten Tonarten und der Tonzeichensysteme zu
schweigen. Um hier aus der Stagnation herauszukommen, schien es unumgänglich,
n voll4 Astronom noch Mathematiker war, seinen Jüngern die ideale, die schlechthi
kommene Gestalt des Weltalls offenbart hat (den Begriff des Kosmos soll er gepragt
Niedergang des
haben). Daher blieb diese Lehre unüberholbar und unantastbar bis zum
À alten Pythagoreismus.
5 Anfangs war es eine vorsichtige Vermutung, daß die pythagoreische Harmonielehre von
Vor: einer älteren Himmelskunde abhängen konnte. Inzwischen ist auf Grund unsrer
der Pytha© aussetzungen (daß nämlich zwischen der Lehre des Meisters und den Lehren
= goreer prinzipiell unterschieden werden muß) soviel klar, daß diese Himmelskunde
allein
Ü nichts anderes sein kann als ein authentisches Stück Geheimlehre; denn dieses
war unantastbar. Demgegenüber ist zu bedenken, daß allen anderen astronomischen
“ Anfügungen die Authentizität der Grundlehre fehlte und somit eine von nichtauthentiUnd
schen Lehren abhängig gemachte Harmonielehre sich selbst diskreditiert hätte.
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Bleibt jetzt die Frage nach dem konkreten Inhalt der beiden geheimen Lehrstücke
ihrem gegenseitigen Verhältnis.
Über die vorplatonische Himmelskunde der Pythagoreer weiß man wenig. Eine Nache der
richt aber läßt aufhorchen. Die Pythagoreer sollen als erste die richtige Reihenfolg
Planeten gekannt haben. Nach antiker Auffassung bedeutet das:
Mond — Merkur — Venus — Sonne — Mars — Jupiter — Saturn.
Diese Reihenfolge ist umso bemerkenswerter, als Platon (Staat, Timaios) eine andere
nennt:
Mond — Sonne — 5 Planeten.
Der Grund für diese Abweichung ergibt sich zwanglos aus unsrer Prämisse: Platon war
kein Pythagoreer und kannte deshalb die Geheimlehre nicht. Daß die Kunde von der
richtigen Reihenfolge aus Babylonien stammt, steht heute außer Zweifel. Nach unsrer
Voraussetzung kann sie niemand anderes als Pythagoras selbst nach Unteritalien mitgebracht haben (andernfalls wäre sie in der zunehmend an Astrologie interessierten
Öffentlichkeit zweifellos längst bekannt geworden). Von grundlegender Bedeutung
dürfte für Pythagoras zweierlei gewesen sein: Erstens die in Griechenland damals sehr
wahrscheinlich noch unbekannte Siebenzahl der Planeten (Sonne und Mond mitgerechbenet) und zweitens die ebenfalls unbekannte eindeutige Mittelstellung des weitaus
deutendsten Planeten, der Sonne. Von den babylonischen Astronomen konnte Pythagoras überdies erfahren haben, daß die Planeten zwar unterschiedliche, aber feste Umlaufzeiten haben.
Was die Idee des Musikalisch-Harmonischen in der verschollenen Geheimlehre betrifft,
kann es über ihren Inhalt kaum Zweifel geben. Vordergründig geht es naturgemäß um
‚Harmonie und Zahl‘ (vgl. Aristoteles, Metaphysik A 5), wobei aber nicht nur an
die
Konsonanzen und die ihnen zugrundeliegenden Zahlenverhältnisse (Oktav 2 : 1, Quint
3:2 und Quart 4:3) zu denken ist, sondern auch und wesentlich um die
zahlhafte
Ausgewogenheit und ‚Stimmigkeit‘ des gesamten Systems. Die genannte Idee hat aber
noch einen bedeutenden philosophischen Hintergrund. Entsprechend werden wir
mehrere Ebenen unterscheiden, wobei wir uns die Sachverhalte anhand einer graphischen Darstellung klar machen wollen (Abb. 1).
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4. Den sieben Planeten sind nun die sieben konsonierenden Töne zugeordnet, und
zwar in der Weise, daß das bekannte Intervallsystem dieser Konsonanztöne das Modell
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Die Analogie geht aber noch weiter. Von einem höheren Standpunkt aus kann die
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dort nach Geschwindigkeiten gestaffelte gleichbleibende Bewegungen, im Falle der
Planeten mit unterschiedlichen, jedoch konstanten Umlaufzeiten, und im Falle der
konsonierenden Töne mit unterschiedlichen, jedoch konstanten Bewegungsdichten
gung im eben genannten Sinne nur bei klarer Begrenzung der Saitenlänge möglich ist.
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3. Ist die Idee, zwei so heterogene Dinge wie das Planetensystem und das (an sich über
zwei Oktaven hinausgehende) Konsonanzensystem zu verbinden, nicht absurd? Und
dennoch verrät sie einen Blick für das Wesentliche, der genial genannt zu werden
verdient. Anhand der schwingenden Saite sind hier fundamentale gemeinsame Wesenszüge geahnt und aufgedeckt: hier das Raum-, dort das Tonraum-Kontinuum;
hier feste
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nicht beantworten, ohne den entscheidenden nächsten Schritt vollzogen zu haben.
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2. Dies Kernstiick findet sich eingebunden zunächst in das Oktavsystem und dann in
die höhere Ordnung von zwei benachbarten, völlig symmetrisch gebauten Oktavsystemen. Die Frage, weshalb es ausgerechnet zwei Oktavsysteme sein müssen, läßt sich
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reische Uberlieferung behauptet, oder ob er dies Wissen aus dem Orient mitgebracht
hatte, wie moderne Skeptiker glauben, wissen wir nicht. Doch diirfte die Frage eher
‘von untergeordneter Bedeutung sein.
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(Oktav, Quint und Quart). Ob Pythagoras dabei auch das Verdienst zukommt, die
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1. Kernstück ist die nachweislich seit der frühen Platonischen Akademie mit Pythago# ras in Verbindung gebrachte Lehre von der Zahlhaftigkeit der Grundkonsonanzen
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Daher lautet die Bedingung eindeutig: ohne klare Begrenzung in der Längsrichtung
(Saitenlänge, Planetenentfernung) gibt es keine geordnete Bewegung in der Querrichfür das nicht genauer verifizierbare Intervallsystem der Planetenbahnen oder -sphären
abgibt. Ein kühner Gedanke, fürwahr! Doch findet er zusätzlich eine bedeutsame
Stütze durch die jeweils zentrale Stellung der Sonne wie der Oktav.
Schließlich die eminent wichtige Frage der musikalischen Raumorientierung. Sie wird
denkbar einfach und klar gelöst. Ist im Falle der Himmelsbeobachtung die Erde fester
Ruhepunkt und der. Mond der nächste Planet, so im Falle der gespannten Saite der
‚Anhang‘ (wo die Saite zuerst befestigt, ‚eingehängt‘ wird) Ausgangspunkt und folgerichtig der höchste Ton des Zweioktavensystems die nächste Station. Da es keinen
näheren Planeten als den Mond gibt, wurde auch kein höherer Ton als der des Zweioktavensystems gebraucht. Die oben gestellte Frage, weshalb die Griechen über zwei
Oktaven nicht hinausgegangen sind, erledigt sich damit. Daß dem Mond wirklich der
höchste und nicht der tiefste Ton entspricht, findet seine überraschende Bestätigung
durch die vielleicht schon auf Pythagoras zurückgehende Terminologie der Saitenmessung, die hier noch ganz in ursprünglicher Bedeutung zu verstehen ist. Der um eine
Quart tiefere zweite Ton ‚übertrifft‘ nach griechischer Terminologie den ersten um ‚ein
Drittel‘, d.h. um das Einundeindrittelfache, der um eine Quint tiefere dritte Ton den
Abb. 1: Schema der Analogie
zwischen dem Planeten- und dem Konsonanzensystem
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ersten um ‚die Hälfte des Ganzen‘, d.h. um das Anderthalbfache, und der um eine
Oktav tiefere um das ‚Zweifache‘. Von der Mitte, d.h. von der Sonne und der Oktav
an, beginnt die neue Messung, nunmehr in doppelten Maßstab. Ganz anders als es um
Pagina 4
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)OT <] Proslambanomenos
r = 1 Hypate hypaton
Quint
300 v. Chr. die Sectio canonis und später Ptolemaios zeigen, hat Pythagoras demnach
nicht die Teilung der Saite gelehrt (also auch nicht den Gebrauch des Monochords),
sondern deren sukzessive Verlängerung.
.
Daß sich die klassischen Darstellungen des griechischen Tonsystems mit ihrer Orientierung von den hohen zu den tiefen Tönen an das geheime kosmische System des
Pythagoras anlehnen, dürfte demnach feststehen. Doch auch die entsprechende Terminologie des Tonsystems muß von dorther stammen. So hieß der am höchsten klingende
Ton Nete (der Unterste), weil er mit dem erdnächsten Planeten assoziiert wurde, und
umgekehrt der am tiefsten klingende Ton Hypate (der Oberste), weil man ihn auf den
erdfernsten Planeten bezog. Selbst eine so naheliegende Erklärung wie die der Mese als
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_Quart
wesenhafte Mitte kam es an.
5 Hypate meson
Quast
‚Mitte‘ (im Sinne von Mittelsaite) scheint mir zu unscharf und unverbindlich zu sein.
Ich vermute, daß die Mese von der Mitte des Planetensystems, deren Stelle ja die Sonne
innehat, ihren Namen erhielt. Nicht auf die äußere oder zufällige, sondern auf die
Teilen zusammengefügt denken. Es fällt nicht schwer, von solchen Feststellungen aus
zur geheimnisvollen Tetraktys der Pythagoreer zu gelangen.
In unsrer Betrachtung über die verschollene Geheimlehre des Pythagoras stand das
Problem der Planeten im Vordergrund, das offenbar auf eine geniale Weise musikalisch-harmonisch und zugleich zahlhaft-symmetrisch gelöst wurde. Kehren wir nun zu
_______, NL = — — 5 2 Nete diezeugmenon
er
das Planetenbeispiel von Abbildung 1, daß das ganze System (zusammen mit der Erde)
eine Einheit bildet; gleichwohl läßt es sich auch aus zwei, drei oder vier gleichgroßen
&
Quart
trische, arithmetische und überhaupt philosophische Aspekte umfaßt. Sicher spielt
beim Nachdenken über die Mitte die Symmetriefrage eine wichtige Rolle, wie bereits
ein flüchtiger Blick auf unsere Abbildung 2 ahnen läßt. Es ist nicht unsere Aufgabe, die
vielfältigen Ansätze, die zur Entstehung der Mathemata geführt haben, hier im einzelnen zu verfolgen. Auf die Sonderstellung der Zahlen aber sei wenigstens mit zwei
Beispielen hingewiesen. Den Unterschied zwischen einer geometrisch und einer harmonisch zusammengefügten Strecke konnte man sich gewiß schon damals durch Zahlen
hinreichend klar machen. Doch auch einfachere Dinge spiegeln sich in Zahlen. So zeigt
Quint
Mit der Frage der wesenhaften Mitte rühren wir, wenn nicht alles täuscht, an ein
universales Thema der geheimen Grundlehre, das astronomische, harmonische, geome-
-- - --- -- - -
4-2 Nete hyperbolaion
unsrer Prämisse zurück, daß die authentische Lehre des Meisters über mehrere Jahrhunderte strikt geheim gehalten wurde, und fragen wir uns, was das für die vier Mathemata
bedeutet. Wenn an unserm Rekonstruktionsversuch etwas wahr ist, muß sich die vorwiegend astronomisch-harmonische Ausrichtung der geheimen Lehre indirekt auch in
den Mathemata spiegeln. Und tatsächlich finden wir deutliche Anzeichen hierfür. Es
scheint sehr fraglich, ob wir berechtigt sind, besonders unglückliche Umstände dafür
verantwortlich zu machen, daß uns so wenig von der altpythagoreischen Astronomie
und Harmonielehre überliefert ist. Hatte doch der Meister auf diesen beiden Gebieten
das Wesentliche bereits selbst geleistet. Was zu tun übrigblieb, lag zunächst am Rande
und kam erst mit zunehmender Loslösung vom großen Vorbild allmählich zum Vorschein (Archytas, Platon). Am meisten aber beleuchtet die Lehre von der Sphärenharmonie die entstandene Lage. Wer die authentische Lehre kannte, wußte, daß es etwas
Vollkommeneres nicht gibt. Und wer sich auf eigene Faust eine Lehre zurechtlegte,
versuchte ein Rätsel zu lösen, dessen Schlüssel er nicht kannte. Daß Harmonia hier
nicht Tonleiter bedeutet, war offenbar die Pointe, auf die niemand kam (ausgenommen eine entlegene späte Quelle). Ganz anders das Bild der Geometrie und Arithmetik.
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Abb. 2: Schema der Beziige
zwischen dem Planeten- und dem griechischen Tonsystem
Die Symmetrie beider Systeme
Pagina 5
Vedi nel PDF(si apre in una nuova finestra)haben, was man über den Zusammenhang von Zahl und Konsonanz bereits wußte.
Hippasos soll außerdem die Konsonanzen in eine neue Reihenfolge gebracht haben. Es
fällt auf, daß die von Pythagoras wahrscheinlich getrennt aufgefaßten Oktaven (wie wir
erschlossen hatten) hier zu einem Doppeloktavraum zusammengefaßt sind und dadurch ein neues Problem entsteht: die Undezime (= Quart über der Oktav) paßt nicht
in das Konzept der bisherigen Konsonanzlehre, die mit den Zahlen 1 bis 4 auskam, da
sie auf dem Verhältnis 8 : 3 beruht. Wenige Jahrzehnte jünger ist die bekannte Darstellung des musikalischen Oktavraums von Philolaos. Hier sind in die Quart-Quintzusammensetzung des Oktavraums die nicht-konsonierenden musikalischen Intervalle
passend eingefügt: Ganztöne 9 : 8 und Diësen (kleine Halbtöne) ohne Zahlenangabe.
Nach einem späteren Zeugnis kommen rechnerisch ermittelte Mikroabstände hinzu,
Komma, Schisma und Diaschisma
— alles Dinge, die erkennen lassen, in welcher Richders.: Mathematiker und Akusmatiker bei den alten Pythagoreern.
(Sitz.-Ber. Bayr. Akad, d. Wissenschaften. Phil.-hist. Klasse. 1960. Heft 11.)
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In ihnen erlebten die pythagoreischen Mathemata als beweisende Wissenschaften ihren
eigentlichen Aufschwung und Höhepunkt. Das Mathematiker-Verzeichnis des Aristoteles-Schülers Eudemos gewährt einen kostbaren Einblick in die Frühgeschichte der griechischen Mathematik und zugleich in jenen geistigen Freiraum, den sich die Anhänger
auf diesem Gebiet erringen konnten,
Von den erhaltenen und glaubhaften Zeugnissen zur Harmonielehre der Pythagoreer
erscheinen die ältesten wie Randbemerkungen zur ausgesparten geheimen Lehre.
Hippasos von Metapont (um 450 v. Chr.), vielleicht der Entdecker der Inkommensurabilität, soll akustische Experimente mit Metallscheiben unterschiedlicher Dicke und
mit unterschiedlich gefüllten Trinkgläsern durchgeführt und dabei bestätigt gefunden
ders. Artikel Pythagoras und Pythagoreer, 1 B.
In: RE Suppl. X. Sp. 172—268.
W.K.C. Guthrie: A History of Greek Philosophy. The Earlier Presocratics and the Pythagoreans.
Vol. I. Cambridge 1962.
Johannes Lohmann: Musiké und Logos. Aufsätze zur griechischen Philosophie und Musiktheorie,
Hrsg. v. A. Giannarás. Stuttgart 1970.
Arpad Szabé: Anfänge der griechischen Mathematik. München und Wien 1969.
CJ. de Vogel: Pythagoras and Early Pythagoreanism. An Interpretation of Neglected Evidence on
the Philosopher Pythagoras. Assen 1966,
Bartel Leendert van der Waerden: Die Harmonielehre der Pythagoreer.
In: Hermes 78, 1943. S, 163-199.
ders: Die Pythagoreer. Religiöse Bruderschaft und Schule der Wissenschaft, Zürich und München
1979.
ders.: Erwachende Wissenschaft. Agyptische, babylonische und griechische Mathematik. Basel und
Stuttgart 2/1966.
ders.: Erwachende Wissenschaft. Band 2. Die Anfänge der Astronomie. Basel und Stuttgart 1968.
ders.: Artikel Pythagoras und Pythagoreer, 1 D.
In: RE Suppl. X. Sp. 848—864 und 277-300.
tung das musiktheoretische Denken zunehmend selbständig voranschritt. Daß Philolaos
bei seinen mathematischen Berechnungen auch ein grober Denkfehler unterlief, kennzeichnet sowohl seine Absicht als sein begrenztes Können auf diesem Gebiet. Ich
schließe mit dem Hinweis auf Archytas von Tarent, der nunmehr die Ära der streng
mathematisch aufgebauten Musiktheorie eröffnete.
Der vorliegende Versuch, die verschollene Grundlehre des Pythagoras, soweit sie in den
Blickwinkel des Musikhistorikers fällt, in groben Zügen zu rekonstruieren, und umgekehrt, die überlieferten Quellen zur antiken Musiktheorie von jener Lehre her neu zu
beleuchten, wirft naturgemäß viele Fragen auf. Sie im einzelnen zu verfolgen wird
Aufgabe einer größeren Monographie sein.
LITERATURHINWEISE
Oskar Becker: Das mathematische Denken der Antike. Göttingen 1957.
ders.: Die Aktualität des pythagoreischen Gedankens.
In: ders., Dasein und Dawesen. Pfullingen 1963.
ders.: Frühgriechische Mathematik und Musiklchre.
In: AfMw XIV. 1957. S. 156-164.
Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon.
1962.
Kurt von Fritz: Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft.
1971.
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Nürnberg
Berlin und New York