Pythagoras in der Unterwelt

Autore
Hoche, G.R.
Pubblicato in
Deutsche Beitrage
Anno
1946
Argomento
AFTERLIFE
Lingua
Deutsch
Categoria
C12 Religione
Numero d'archivio
7949

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Mostra testo completo27 pagine

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KA R.: Pythagorasin der Unterwelt Deutsche Beiträge. Eine Zweimonatsschrift. Herausgeber Berthold Spangenberg, Wolf Lauterbach, Hermann Uhde-Bernays und ERnst Penzoldt. München, Nymphenburger. 23 cm. . - Jahrgang 1.1946/47. Heft 5. Anbieter: Wenner Antiquariat, D - 49074 Osnabrück - AGB. Frage an den Anbieter stellen. p Got _ ur

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man sich fragt nach den Gründen, warum dies und jenes Werk Dauer gewinnen konnte, Würde und Bestand — wird man wieder und wieder auf den Raum des Ungesagten stoßen, des Heilig-Verschwiegenen, in dem dieses Werk lebt, aus dem es aufstand und dem es entgegengeht: es seien nun die frühchristlichen Mosaiken, die Verse Tersteegens oder ein hohes Werk der Musik. Unwillkürlich werden dem Suchenden zuletzt die Fragen nach der Einübung ins Schweigen dringlich werden. Er wird nun wohl nicht gleich nach dem Trappistenkloster oder der tibetanischen Einsiedelei trachten; er wird auch — ein Freund des Lebendigen, ein Vertrauter der Lebenszusammenhänge — nicht so sehr aus sein auf Methode und Schweigekult. Er wird vielmehr zwischen der Welt der Worte rings den Wert der stillen Zeit neu erkennen, das heimliche Leben schlafloser Nächte lieben, den Glanz der blauen Stunde, die Schülerschaft der Lauschenden. Wie von Stollen zu Stollen im Bergwerk tastet er sich von Geheimnis zu Geheimnis und wenn er weit kommt, so kommt er bis zu der Erkenntnis des biblischen Predigers: „Alles, was da ist, das ist ferne und ist sehr tief; wer wills finden?“ Im Zusammenhang endlich gelten ihm beide gleich: der Fugenton und die Pause, das Reden und das Schweigen. Beide weisen auf das letzte Ja der Seele, das ein Ja ist zum Empfangen und zum Abschiednehmen, zum Vogel und zum Fisch, zum Rauber und zum Raub. Wer in Kraft solchen Einklangs zu leben wüßte, der wäre — dem dritten Mönch aus der Legende gleich — gehalten; und sein Mantel bliebe in den Wind gelehnt. GUSTAV.R-HOCKE PYTHAGORAS IN DER UNTERWELT Der Roman „Der tanzende Gott“, erster Teil einer Trilogie, erscheint demnächst in der Nymphenburger Verlagshandlung, München. Er spielt im großgriechischen Sybaris der Antike, an der Küste des ionischen Meeres. Es handelt sich um einen modernen Versuch, das Historische nur als phantasmagorische Kulisse wirken zu lassen, damit das Menschliche in Ereignis und Gestalt in dichterisch reinerer Form auftreten kann. Ähnliches unternahmen Giraudoux und Anouilh im zeitgenössischen Drama. Das Hauptthema des Romans ist eine seelische Epidemie, die in der legendären Metro-

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polis des Mittelmeeres in vorplatonischer Zeit ausbricht. Erleben, Verhalten, Versagen und Selbstbehauptung der Menschen darin sind ebenso Leitmotiv wie die Versuche, dem Verderben durch echte Geistigkeit, durch ein straffer gefügtes Bild des Menschen entgegenzutreten. Der nachfolgende Abschnitt schildert — als moderne Abwandlung eines antiken Motivs — den Besuch Pythagoras in der Unterwelt und den ersten Teil der Erfahrungen, die er dort macht. „Lange Wochen“, erzählte Pythagoras den dicht gedrängten, atemlos lauschenden Zuhörern, „wanderte ich in den Wäldern, die Hänge und Täler um den Pollinosberg bedecken. Unter mir wachte die Erde auf und über mir wurde der Himmel lichter und lichter. Das Wenige, das ich zum Leben brauchte, gaben mir die Bauern. Ich mußte sie nicht darum bitten. Mit einem stillen Wort gaben sie es mir. In ihren Augen lagen Erde und Himmel gebunden. Je tiefer ich in die Wälder der Hochebene drang, desto ruhiger wurde es in mir. Meine Gedanken waren ein Weizenfeld gewesen, in dem der tote Mohn stärker wucherte, als die Ahren wuchsen; allmählich zerfielen die vielen roten Punkte, und nur die gelben Ahren blieben. Zu stark kreisen in uns die Gedanken der andern. Wir wissen nicht mehr, was unsere eigene Seele ist. Auch mir blühte sie im Schatten der schweigenden Wälder erst langsam wieder auf. Ich suchte nichts. Ich wartete. Hätte ich gesucht, so hätte gleich den Weizen wieder die Meute der roten Punkte durchsetzt. Die Stille wurde mir heilig, und es kam der Tag, wo ich mich so weit im Dickicht verlor, daß ich keinen Menschen mehr sah. Hunger und Durst spürte ich nicht. Leise nur setzte ich den Fuß auf, um diesen süßen Hauch von Stille nicht zu zerreißen. Glücklicher atmete ich und tiefer. Rehe und Vögel flohen nicht mehr vor mir. So sehr eins war ich geworden mit Baum und Erde, mit Blatt und Himmel, mit Knospe und Wind, daß ich eines Tages gar nicht mehr dachte, wie wir es zu tun gewohnt sind. Wie der Mohn, so verschwanden nun auch die Ähren. In das sternenruhige Ahnen des Geistes zog sich die Seele hinauf. Anfangs dachte ich, es sei leicht und mühelos gewesen, die bebende Seele so in das Sein des Geistes hinaufzuziehen, aber ohne daß ich es wußte, gebrauchte ich viel Kraft. Mühsamer nur schritt ich weiter, bis ich an eine Lichtung kam. Eine große Müdigkeit überfiel mich. Ich legte mich unter eine Eiche und schlief ein, bis ich zu erwachen träumte.

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Ich stand auf, überquerte die Lichtung und stieg in eine schmale Schlucht hinab. Über Klippen floß ein Quell in eine Erdhöhle hinein. Es war eine runde grüne Höhle. Sie sah aus wie ein Tor. Nicht Neugierde trieb mich, sie zu betreten, ein Zwang war es, ein unmerklicher Zwang, dem ich, ohne wählen zu können, folgen mußte. Der Quell bohrte sich tief in die Höhle hinein. Es wurde dunkel um mich. Mit beiden Händen tastete ich mich weiter, aber die Wände verbreiterten sich. Ich fand sie nicht mehr, so daß bald nur noch das Rieseln des Quells meine Schritte leitete. Lange ging ich, und das Atmen wurde mir schwer, denn die Luft war feucht. Oft glitt mein Fuß über Körpern wie von Echsen und Schlangen aus, aber ich fürchtete mich nicht; der Zwang war stärker als jede Sorge. Mit einem Mal wurde es heller vor mir; noch versperrten mir Nebelwände die Sicht, aber das fahle Leuchten wurde immer durchsichtiger. Nach einiger Zeit erkannte ich eine unabsehbar weite Wiese mit zahllosen Asphodelesblüten. Aus dem Quell war ein Fluß geworden, der eine schroffe Wendung machte, so daß ich nicht weitergehen konnte. Unzählige durchsichtige Menschengestalten bewegten sich zwischen den Blüten. Ich schauderte und begriff sofort. Ich war in die Unterwelt, in das Tal der Toten geraten. Dem Erkennen folgte, als sei es ein Ruf gewesen, auf schwarzer Barke Charon. Stumm führte er mich über den Lethe. Als ich mich dem jenseitigen Ufer näherte, ward ich aber erstaunt gewahr, daß ich nicht vergaß; reiner und klarer leuchtete mir im Gegenteil alles Vergangene auf; auch nicht die Wehmut der scheidenden Toten überkam mich. Charon selbst mußte gemerkt haben, daß ich nicht zur üblichen Tracht gehörte, denn er blickte mich oft erstaunt an. Er sagte aber nichts. Schon auf die Wiese der Toten steigend, umringten mich neugierig die fast schwebenden Gestalten. Sie fragten mich viel, aber ich verstand sie schwer, denn ihre Sprache war nur ein Lispeln. Da trat einer auf mich zu, der größer und leuchtender war als alle anderen. Er verjagte die Verschwebenden mit unwilligen Zeichen und winkte mir zu, ihm zu folgen. „Fürchte dich nicht!“ sagte er mit klarer Stimme. „Ich bin Thales aus Milet, der älteste Weise. Ich kenne dich und werde von Apollo geschickt, dich zu begleiten. Nur diejenigen, deren Geist rein blieb, weilen hier. Wir warten hier alle, bis wir oben auf der Erde wiedergeboren werden, um erneut die Möglichkeit zu erhalten, uns eine höhere Stufe der Reinheit zu schaffen. Nur wenige haben noch eine einzige Wiedergeburt nötig. Der meisten Seele ist noch trübe, sehr trübe. Sie werden den leidvollen Weg noch oft machen müssen. Sieh sie dir an!“

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Ich blickte um mich und erkannte nun deutlich, daß nicht jeder in der dichten Menge der Schwebenden gleich durchsichtig war. Vom schwärzlichen Grau bis zum gläsern Klaren fand ich verschiedene Tönungen; je aufmerk_ Samer ich beobachtete, desto reicher und vielfältiger wurden die Stufen. „Erst wenn du lange hier bist, wirst du erkennen können, daß keiner dem andern gleicht“, sagte Thales. „Nie habe ich auf Erden geahnt, daß es zwischen Dunkel und Hell so viele Stufen gibt. Selbst wir, die wir doch auf Erden viel erkannt haben, erfassen erst hier die unendliche Leiter. Aber man lernt es schnell. Der, der alles Seiende bestimmt, gibt allen nämlich Gelegenheit, während der Pause in diesem Tal zu erkennen, wie bedeutungsvoll das Helle ist. Oben zurückgekehrt, bleibt uns etwas von dieser hier gewonnenen Erfahrung in Träumen und Ahnungen. Wenn wir alles Dunkle des Tuns mit dumpfem Gefühl meiden und alles Lichte sehnsüchtig erstreben, so war es hier angelegt.“ „Der Stoff, aus dem diese Gestalten gebildet sind, ist es, wie wir oben glauben, der zarte Wagen Psyche, der den Geist trägt?“, fragte ich glücklich und neugierig. „Auch ich war glücklich, hier wiederzufinden, daß das Bild, das wir uns Oben gemacht hatten, richtig war“, antwortete er. „Und sind alle so beschaffen?“ „Alle! Aber viele gibt es, die sich nicht nur durch die Stufen des Leuchtens unterscheiden. Vier Reiche birgt das endlose Tal: das Reich der leuchtenden Schatten, das Reich der falsch Erhellenden, das Reich der Lichtlosen und das Reich der Befreiten. Hier bist du im Reiche derer, die trotz vieler Schwankungen ein Gleichgewicht erreicht hatten. Es ist das Reich der leuchtenden Schatten. Gerechte, die manchmal irrten, Laue, die hin und wieder sich zur Größe hochrafften, Gleichmütige, die vielleicht einmal gütig die Hand aus- Streckten — jenes Mittelmaß der Vielen siehst du hier: Breite und Länge der Menschheit machen sie aus. Diejenigen sind es, die zwischen Dunkel und Licht grau blieben. Willst du einen hören?“ Er wartete meine Antwort nicht ab und faßte einen der unruhig Verschwebenden mit der Hand. „Wer warst du und was tatest du?“ fragte Thales. „Kraft meines Leuchtens gebe ich dir kurz die Erinnerung wieder.“ „Richter war ich in Ephesus“, antwortete der Schatten schnell und blickte geblendet auf den leuchtenden Thales. „Mein Leben war redlich. Meine sterbliche Hülle wurde mit großen Ehren bestattet. Nach dem Gesetz sprach ich Recht. Ich war ein guter Gatte und ein liebevoller Vater. Selten log ich, und dann nur, wenn ich durch äußere Umstände dazu gezwungen wurde. Oft erschien mir das Recht grausam, aber ich nahm es hin, denn

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alles was geschrieben ist, ist heilig, und ich rechnete es mir hoch an, die Gesetze der Obrigkeit zu ehren. Der König belohnte meine Treue und Zuverlässigkeit. Ich wurde reich, besaß ein großes Haus und viel Gesinde. Fünfzig Jahre lang tat ich täglich aufs Pünktlichste meine Pflicht. Keinen gab es, der die Gesetze hersagen konnte wie ich. Ich galt als streng, und man fürchtete mich.“ „Und sonst geschah nichts in deinem Leben?“ fragte Thales. „Irgend etwas? Etwas Winziges, das aus dieser Ebene deiner Zeit hinausführt?“ „Doch!“ antwortete der Schatten rasch. „Einmal wurde während einer Dürre ein Bettler zu mir gezerrt. Er hatte Brot gestohlen. Ich empfand Mitleid für ihn und ließ ihn laufen. Meine Amtsgenossen zeigten mich beim König an. Er machte mir heftige Vorwürfe. Ich wagte zu sagen, daß man die Gesetze in Notzeiten milder anwenden müsse. Da schalt er mich zornig aus. Ich nahm mir vor, das Geschriebene nie mehr anzutasten. Ich weiß noch genau, was ich dachte, ‚Was würde wohl geschehen?‘ ging es mir damals durch den Kopf, als ich betrübt nach Hause ging, ‚wenn man die Grammatik dem sprachlichen Unvermögen der Stotterer anpassen würde?‘ Ich war sehr zufrieden über diesen Gedanken. Er beruhigte mich, und fortan hatte mein König nie mehr zu klagen.“ „Du weißt doch, woher das schwache Leuchten in deinem Schatten kommt?“ sagte Thales. „Täglich fühle ich es in mir! Es sind die aufleuchtenden Augen des Bettlers, als ich ihm die Freiheit schenkte.“ „Vergiß es später nie!“ rief Thales und ließ ihn los. Er entschwebte und flüsterte noch mit einem glücklichen Lächeln: „Ich nehm es mit das Leuchten . . .“ „Und das war ein ganzes Leben?“ fragte ich. „Ein ganzes Leben“, antwortete Thales. „Willst du noch einen anderen hören?“ fragte er. Ich nickte stumm und beklommen. Mit einer schnellen Handbewegung erhaschte er einen anderen Schatten. „Wer warst du und was tatest du? Kraft meines Leuchtens gebe ich dir kurz die Erinnerung wieder“, sagte wieder Thales. „In Theben wurde ich geboren und Bogenschnitzer war ich“, sprudelte es zischend aus dem Schatten hervor. „An zwei Kriegen nahm ich teil. Meine Frau schenkte vier Söhnen das Leben. Unzählige Bögen schnitzte ich. Sie waren berühmt; Fürsten nannten meinen Namen, wenn sie die kunstvollen Waffen prüften. Der Ruhm bürdete mir viel Arbeit auf; ich schnitzte unaufhörlich, und mein Rücken krümmte sich. Vom Leben sah ich in meiner dunklen Werkstatt wenig, aber ich war glücklich, denn ich wußte,

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reiche Feldherrn, Philosophen und Dichter treffen kann als in Theben Ziegenhirten, Feigenverkäufer und Käsehändler. Die Arbeit wurde mein ganzes Glück; bald wünschte ich, die Werkstatt nicht mehr zu verlassen. Worte des Lobes in meinem Halbdunkel waren mir wie Sonne, Mond und Sterne. Ich hatte einen eigenen Himmel in der verrußten Stube. Mein Weib betrog mich. Ich wußte es, aber ich ließ sie gewähren. Ich war sanftmütig und wollte durch ein Aufsehen meine blendende Laufbahn nicht stören. Mit zunehmendem Alter wurden meine Augen schwächer. Schließlich erblindete ich und konnte nicht mehr arbeiten. Das Leben wurde mir öde und stumpf. Ich starb bald vor Gram. Mein Weib vergrub meine sterbliche Hülle wie die Leiche eines Hundes. Sie verkaufte das Anwesen, ließ ihre Söhne im Stich und floh mit ihrem Buhlen. Mein Ruhm aber wird nie erlöschen.“ „Und sonst ereignete sich nichts?“ fragte Thales. „Siehst du in deiner Erinnerung nur die dunkle Werkstatt mit dem kleinen Fenster, deinen gebeugten Rücken und deine emsigen Hände?“ „Eins sehe ich noch!“ antwortete der Schatten ohne zu zögern. „Als meine Augen so schlecht wurden, empfahl mir ein Arzt, die Arbeit für eine Weile einzustellen und eine Reise zu unternehmen. Ich begab mich nach Athen. Die Agora lockte mich. Etwas verwirrt stand ich unter den vielen glanzvollen Fremden. Einige hielt ich an und fragte sie, ob sie meinen Namen kennten. Sie zuckten mit den Achseln und lachten mich erstaunt aus. Kleinlaut und betrübt stieg ich auf die Akropolis hinauf und geblendet schloß ich vor der Fülle der Schönheit die Augen. Obwohl man mir sagte, größere und prunkvollere Tempel würden bald entstehen, erschien mir schon das, was ich sah, so erhaben, daß ich mich plötzlich meiner kleinen Schnitzereien schämte, die nicht wie das Schöne hier dem Preise der Götter dienten, sondern nur meiner eigenen Eitelkeit. Lange blieb ich dort oben und tastete mit zitternden Händen den kunstvoll geformten Marmor. Dann ging ich wieder fort. Je mehr ich mich wieder meiner Werkstatt in Theben näherte, desto stärker wurde der Bann, der von meinen zurückgelassenen Hölzern und Werkzeugen ausging. Ich arbeitete wieder und vergaß,“ „Du weißt aber jetzt, warum das milchige Leuchten deinen Schatten verklärt?“ fragte Thales, und ein gütiges Lächeln verklärte sein Antlitz. „Wie ein weißes Lied leuchtet die Schönheit des Tempels in mir auf.“ „Trag es mit hinüber!“ rief Thales und ließ ihn los. „Es soll in mir klingen! Immer, immer!“ jubelte der Entschwebende mit leiser, glockenhaft klingender Stimme. 409 daniella inne daß ich berühmt war, und daß mein Name sogar einmal auf der Agora von Athen genannt worden war, dort, wo man an einem Tage mehr ruhm-

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„Auch das war ein ganzes Leben?“ fragte ich. „Ein ganzes Leben“, wiederholte Thales gleichmütig. „Viele, viele Monde brauchten wir“, fuhr er fort, „um die Wiese mit den Asphodelesblüten zu überqueren und wie durch eine Gasse durch die endlose Schar zu schreiten. Doch an einen anderen Ort führe ich dich jetzt. Ahnlich wie die Beiden sind sie hier alle! Könige findest du und die kleinen Trommelschlager, die ihr Leben damit verbrachten, ihren Wachen zur Ablösung rhythmische Wirbel zu schlagen; Gelehrte und Köhler, Wäscherinnen und Goldschmiede, Philosophen und Barbiere, Baumeister, Priester, Fiirsten, Sklaven, Haushiiterinnen und Arzte — ihr Leben war gerecht und inhaltlos bis auf ein, zwei kleine Begebenheiten, die sie von der Grenze zwischen dem Dunkeln und dem Lichten, auf der sie ihre Zeit verbrachten, einmal auf die Lichtseite zog. Ein König verschonte einmal Gefangene, eine Mutter nahm einmal ein verlassenes Kind auf, ein Arzt schenkte dem Weibe eines sterbenden Sklaven Geld, ein Priester betete einmal inbriinstiger als sonst — so trugen sie in dem zarten Wagen Psyche das Glimmen mit sich, und sie werden es in ihr neues Erdenleben tragen; sie werden daran wachsen, ihre Seele wird reicher werden, bis sie in das nächste Reich gelangen, in das Reich der Befreiten. Doch vorher führe ich dich an zwei andere Orte, ins Reich der falsch Erhellenden und ins Reich der Lichtlosen.“ Wir wanderten, immer umringt von den Schwebenden, lange weiter. Endlos kam mir die Reise vor, aber ich verspiirte keine Miidigkeit. Lichter schien alles als auf der Erde und beschwingter. Es war, als werde man vom Duft der vielen, vielen Asphodelesbliiten getragen. An einer Stelle stockten wir, denn wir mußten einen Bach überqueren. Winzige blaue Fische stoben vor unseren Füßen auseinander. Sanft führte der Weg nun bergab in eine griine Talmulde. Auch hier sah ich viele Schatten, wenn auch weniger als vorher. Sie schwebten höher als dis vorigen, aber sie leuchteten nicht. Erstaunt bemerkte ich, daß sich um ihre Umrisse ein farbiges bebendes Band schlang; es war indes nicht einfarbig. Deutlich erkannte ich alle sieben Farben und alle Zwischentöne vom dunkelsten Blau bis zum hellsten Rot. „Hinter dem Bach begann das Reich der falsch Erhellenden“, flüsterte mir Thales zu, da uns auch hier die farbigen Schatten neugierig umdrängten. „Alle die findest du hier, welche eine gute Absicht hatten, aber Falsches erkannten. Sie alle haben in ihrem Leben das Glühen der Psyche in sich gefühlt, sie wurden unruhig und begeistert und strebten danach, die geistig Blinden dort oben zu erhellen. Aber sie haben alle falsche

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Mittel gewählt, alle Falsches gelehrt. Sie haben auf das Geheimnis gewiesen, sie haben es auch in seinem Wesen richtig erkannt. Deswegen stehen sie auch höher, die Farbigen als die nur Leuchtenden. Aber sie haben nicht die tiefste und letzte Weisheit gehabt, um das Geheimnis in seiner ganzen Fülle in richtigen Bildern vor sich selbst zu sehen, um es richtig zu zeigen. Ihr Wert ist der Helligkeit ihrer Farbe nach gestuft; die hellsten sind die Höchsten. Auch sie müssen neu verkörpert werden, bis sie dann in das Reich der Befreiten kommen. Hier findest du vom kleinsten, aber aufrichtigen Winkelphantasten bis zum berühmtesten Philosophen die Verzückten ohne Weisheit!“ „Ob ich darunter einen der größten Griechenlands finde?“ fragte ich leise. „Viele wirst du entdecken können. Suchen wir etwas. Achte auf die hellrote Umrißlinie! Dort! Gib acht! Siehst du jenen dort! Komm, eilen wir! Er ist sehr scheu.“ Thales riß mich mit sich fort. Er faßte den Schatten und zwang ihn zum Stehen. Das hellrot umrandete Antlitz kam mir vertraut vor. Ich dachte unruhig nach und konnte mich nicht erinnern. Verlegen senkte ich die Augen, denn das würdevolle, strahlende Antlitz schaute mich prüfend an. „Du kennst mich nur aus Steinbildern, seltener und undurchsichtiger Besucher“, sagte der Schatten mit wohllautender Stimme. „Ich bin Homer!“ „Homer?“ rief ich erschrocken. „Du Edler und Großer! Gepriesen sei die Stunde, wo ich dir gegenübertreten darf! Du unser geistiger Vater, Schöpfer unserer Sprache, unser unsterbliches Vorbild, du hier?“ „Uns wurde die Erinnerung gelassen“, antwortete mit einer schlichten Handbewegung der Schatten. „Eine größere Qual als die, einen schweren Irrtum erkennen zu müssen, wenn es zu spät ist, wenn man nicht mehr lebt und weiß, daß sich dieser Irrtum durch die Jahrtausende fortpflanzen wird, kann sich kein Lebender vorstellen. Würde ich von Schlangen umwunden an einem Baume hängen, so wäre das, verglichen mit diesem Schmerz, so wie die erste Stunde der Ruhe, die Odysseus nach dem Strafgericht in seinem Hause gefunden hat. Ja, ich bin hier! Und mit Recht! Nicht allein bin ich hier. Warte!“ Er streckte die Hand aus, ergriff einen Schatten und zog ihn vor uns hin. „Hier ist Hesiod, den ich liebe wie einen Bruder. Auch er wartet nun mit mir schmerzlich auf das Neue. Denn uns, die wir um das Höchste gewußt haben, es aber falsch darstellten, uns bürdet man ein größeres Leid auf, als denen dort drüben im Reiche der leuchtenden Schatten, die das Höchste nur geahnt haben.“

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„Er versteht dich nicht“, griff Thales ein. „Du mußt ihm erklären, “warum gerade du und Hesiod hier seid. Siehst du denn nicht, wie fassungslos er dich anblickt?“ »Hesiod und ich“, antwortete der König der Dichter, und seine Stimme glich flüssigem Gold, „sind hier, weil wir, anstatt des Höchsten, Götter und diese Götter auch noch unwiirdig darstellten. Wir begriffen nicht, daß die Götter für sich genommen nicht göttlich sind. Sie alle sind nur Abbilder des höchsten Gottes, die wir uns machten, um ihn mit unserem menschlichen Verstande verstehen zu können. Es sind Bilder. des höchsten Gottes, aber Gott selbst sind sie nicht. Unser Irrtum war noch schwerer! Wir ließen uns vom dichterischen Zauber, der uns in seinem Bann hielt, von der schönen Wirksamkeit der Worte hinreißen und legten sogar den Göttern noch allerlei menschliche Eigenschaften bei; wir ließen sie zänkisch und rachsüchtig sein, eitel, kleinlich, lasterhaft und verlogen. Diebstahl, Ehebruch und Frondienste haben wir ihnen angedichtet. Aber nicht nur das! Sie verschlingen ihre eigenen Kinder, entmannen ihre Väter, fesseln ihre Mütter und betrügen sich, heiter mit dem Bösen spielend. Gerecht aber sind sie zuweilen aus olympischer Kurzweil. Vielleicht machten wir das aus ihnen, was viele zu sein wünschen: gesteigerte Menschen, die sich unsichtbar machen, die Blitze schleudern und fliegen können, ja alltägliche, wenn auch bunte, erregende Übermenschen machten wir aus ihnen. Oh, “wenn ich an das Grauen in Troja denke, wegen der verletzten Eitelkeit dieser himmlischen Schloßherrn! Ich schame mich heute noch! Keinen Vers mehr davon will ich hören! Nur Odysseus ist mir lieb! Ich habe es nie ausgesprochen, aber ich weiß es: er war so klug, daß er um die Fragwürdigkeit meiner Götter gewußt hat. Wie nachlässig er opfert! Das tröstet mich oft. Oh, er hat viel Zukunft in sich, Odysseus! Er ist der rechte Mensch! Und wie schön sind doch diese Verse, wie schön, wie himmlisch schön, Hätte ich doch diesen unseligen Irrtum nicht begangen! Er, der Höchste, gab sie mir doch ein, diese Klänge und Rhythmen. Und ich erkannte ihn nicht.“ Homer verhüllte sein Haupt, aber es schien mir, als leuchte der hellrote Kranz kräftiger als je durch seinen Arm hindurch. „Hesiod! Sag du ihm, wer er ist, der höchste Gott“, griff Thales ein. „Denn auch das ahnt er ja nur, der Besucher von oben, er ahnt es als einer der wenigen dort oben, die sich alle noch im Finstern bewegen und die verfälschte Bilder für das Letzte halten.“ „Das Wesenhafte in Gott“, antwortete Hesiod in seiner schweren, getragenen Sprache, „ist der unteilbare Geist, das Unveränderliche, Ewige,

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das erste und das letzte Sein. Das Große Eine ist er und sein Zeichen ist das Feuer. Außerhalb der Natur ist er und in der Natur wirkt er. In seiner Wirkung erscheint er uns daher als Zweiheit. Einmal ist er unteilbare Einheit, dann teilbare Zweiheit: das zeugerisch Männliche und das empfangend Weibliche. Der Höchste aber ist mehr als Einheit und Zweiheit. In sein Sein gehört auch die gesamte Menschenwelt. So umfaßt der Höchste die Dreiheit: geistiger Urgrund, Natur-Welt und Menschenwelt. Fassen wir jedoch diese Dreiheit, die doch eine Einheit ist, durch die Kraft des gläubigen Willens, der alles vereint, zusammen, so erhalten wir das höchste Eine, das letzte unaussprechbare Geheimnis des höchsten Gottes, den Weltenkreis. Das ist die heilige Vierheit. Begreifst du nun, wie entsetzlich mein Irrtum war und warum ich jetzt leide? Wie rauh waren meine Götterbilder. Verzweifelt habe ich oft darüber nachgedacht, wie ich diesen Irrtum begehen konnte. Blicken wir nämlich nur mit unseren Sinnen auf Gott, so erscheint er uns aufgespalten in viele bunte Götterbilder, die alle menschliche Züge haben. Schauen wir mit unserer Seele auf Gott, so erscheint er uns doppelt, als Geist und Natur. Betrachten wir ihn geistig, so erkennen wir ihn als Geist, Seele und Körper. Aber er ist doch eins, über alle Trennungen hinaus eins. Und nur wenn wir alles wieder vereinen, haben wir Ihn, den geteilt Erscheinenden und unteilbar Seienden. Nun wirst du fragen, was mit dem Menschen ıst. Du weißt schon etwas. Er ist Geist, Seele und Körper. In seinem Geist ist etwas vom göttlichen Wesen enthalten. Vergiß das nie! Das macht Größe, Würde und Schicksal des Menschen aus. Sein Körper aber ist Erde, Natur, Zerfallen-. des, Vergängliches, Staub. Die Seele aber, das ist der feine Wagen, der diesen Geist trägt. Das fast unkörperlich Schwebende unserer Schatten, das ist unsere Seele und sie besteht aus jenem unwägbaren Stoff, aus jenem Äther, der den ganzen Weltenraum erfüllt; ein Teil der Psyche, die den Kosmos durchflutet. Auch im Menschen ist diese Seele und nun, merke auf, der Geist im: Menschen ist es, der ihn sich zu einem Körperhaften formt. Daher die Gestalt unseres Schattens, die den vergänglichen Körper überlebt. Was aberdort drüben im anderen Reiche leuchtet und hier farbig erscheint, das ist der Geist, je nach der Stärke, mit der er die Seele bereits zu sich hingezogen hat. Ist einmal durch die rechte Weisheit dieser zarte psychische Wagen, unser jetziger Schatten also, genügend vergeistigt, so steigt er in die Sphäre:

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des Höchsten auf, wo unser Geist ewig in seinem Glanze ruhen darf. Wird aber die Seele durch falsches Leben immer mehr verunreinigt, so sinkt sie in den Stoff hinab; der geistige Funke erlischt und sie verfällt schließlich mit dem Körper zu Staub. Wie die Welt zwischen Natur und Gott schwankt, so schwankt die Seele immer zwischen Geist und Körper. Haben wir in uns die Harmonie des Unteilbar-Einen erreicht, dann sind wir wie dieser da fast befreit. Hüte dich vor dem Irrtum! Verurteile aber mein Werk nicht ganz! Es atmet kräftig das Ewige! Weise auf sein Irren, aber lobe seine dichterische Ursprünglichkeit!“ Auch Hesiod verhüllte sein Haupt und legte einen Arm um die Schulter Homers. Sie gingen langsam fort, und ich bemerkte, daß viele Schatten vor dem gewiß gottähnlichen Paar scheu zur Seite wichen. Bewundernd blickte ihnen Thales nach. „Schwer ist es“, flüsterte er, „nach ihnen zu sprechen, denn in Homers Wort klingt die Schönheit so rein und in Hesiods Wort leuchtet die Wahrheit so klar auf, daß die dort droben nur noch ähnliches erreichen werden, niemals aber etwas, was sie übertreffen könnte.“ „Das Vollkommene wäre doch dann erreicht“, wagte ich zu sagen, „wenn einmal einer ein Werk schüfe, in dem Schönheit und Wahrheit so miteinander verschmolzen sind, daß — — —“ „Ein solches Buch wird es geben“, unterbrach mich Thales. „Wie wir Befreiten um das Vergangene wissen, so ahnen wir auch alles Zukünftige; es zeigt sich uns, wenn auch in undeutlichen Bildern, denn genaues Wissen um alles Kommende hat nur der Höchste. Ein solches Buch wird es geben, sage ich dir, und die Menschheit wird dann einen anderen Weg gehen, denn wie jeder einzelne Mensch, so wandert auch die Menschheit durch ‚verschiedene Verwandlungen. Wir stehen in der drittletzten. Nach dem großen Buch beginnt die vorletzte. Es wird eine schreckliche und selige Zeit sein, die vorletzte; auch die letzte wird schwer sein. An ihrem Ende aber steht der Sieg. Mehr darfst du mich nicht fragen, denn mehr könnte ich dir nicht antworten. Wir müssen weiter jetzt! Dort ist der Weg! Die Mulde hinab. Sieh dir noch die Schatten an. Dort drüben ein thrakischer Sektierer. Er schaute die Welt an, aber nur Zerrbilder boten sich seinem wirren Geiste dar. Er war hochmütig und lehnte es ab, die Lehren der vielen Weisen vor ihm zu erforschen. Eine willkürliche dürre Welt baute er sich auf, obwohl er um den Höchsten wußte. Sieh, wie dunkelblau sein Kranz ist. Dort etwas hinter ihm ein Philosoph aus dem Nilland! Aus der Erforschung des Ewigen machte er eine kalt rechnende Wissenschaft und

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glaubte töricht, er könne es mit irdischen Maßen und Gewichten einfangen, wie man Fische in feste Netze zieht. Die lebendige Welt verlor er, und war er auch sehr klug in seinem Fach, so war er in der Welt töricht wie ein Bauernjunge. Viele solcher gibt es; Eigensinn und Hochmut sind ihre größten Laster. Sie überschätzen sich selbst; ihr Ich würgt sie, und sie ahnen es nicht. Dann kommen die falschen Urteile, die unendliche Kette der falschen Urteile. Sie zweifeln leicht, wenn es um Dinge ihres Faches geht, doch leichtgläubig sind sie im Leben wie Kinder.“ „Wie unerbittlich hier alles ist“, rief ich mit einem tiefen Mitleid für die Unvollkommenen aus. „Unerbittlich, aber nicht hart“, antwortete Thales milde, „denn was. du hier spürst, ist nicht menschliches, sondern göttliches Gesetz. Ist es nicht trostreich zu wissen, daß sie alle hier ihren Irrtum erkennen können, um ihn dann im neuen Leben zu vermeiden?“ Ich gab ihm keine Antwort, denn ich fühlte, wie die Tränen mir in die Augen stiegen. Wir schritten jetzt schneller bergab, denn die Mulde senkte sich steiler, und ich mußte, was der Schatten nicht zu tun brauchte, oft fest mit den Absätzen auftreten, um nicht abzugleiten. „Noch einen Letzten aus diesem Reich sieh dir rasch an!“ rief Thales. „Der dort ist es, der einsam am Hange emporsteigt. Es ist ein Geheimnis um ihn, denn man weiß nicht seinen Namen, Er selbst hat ihn vergessen, und doch ist er ein Großer. Als Erster erfand er die schöne Bauweise unserer Tempel. Er baute den ersten in unserem Stil, und wann und wo weiß auch keiner. Wieviel vom Höchsten mußte er in sich haben, um diese schöne Harmonie zu erfinden, denn das heimliche Gesetz, das die vollkommene Ausgewogenheit unserer Tempel schafft, ist ja die Dreiheit, von der Hesiod dir erzählte. Basis, Säule und Fries bilden sie. Darüber schwebt — und das ist der unvergeßliche Hauch, der um den Stein liegt — unsichtbar, die göttliche Einheit, die der Glaube schafft, so daß also auch hier vollkommen die heilige Vier sich fügt. Vielleicht blieb er, der dort geht, so namenlos, weil so viel vom Höchsten im vollkommenen Bau lag, den er zuerst erschaute.“ „Warum wartet auch er denn hier?“ fragte ich erstaunt. „Warum: wandelt er nicht unter euch, unter den Befreiten?“ „Auch er ließ es zu“, antwortete Thales, „daß viele falsche Bilder in. den Tempeln aufgestellt wurden, bis schließlich jede Stadt ihren eigenen. Gott hatte. Viele aber kamen und bewunderten den Tempel, anstatt zum. lebendigen Gott zu beten. Aber siehst du nicht, wie hell seine Umrissestrahlen?“

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Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern warnte mich mit einem lauten Schrei. Ich hatte wie gebannt auf den Einsamen geschaut, so daf ich nicht mehr auf den Weg geachtet hatte. Fast wäre ich in einen Abgrund gestürzt. Ich taumelte und blieb erbleichend stehen. „Wir sind vor dem Reich der Lichtlosen angelangt“, sagte Thales, und ich bemerkte, daß der Streifen seines Leuchtens so stark war, als sei ein glitzernder Komet in ihm erstarrt. Schaudernd blickte ich in den Abgrund hinab. Was ich in seiner Tiefe sah, war nichts als eine endlose, brodelnde Sumpffläche. Unzählige Blasen stiegen aus dem schwarzgrünen Schlamm, und es bildeten sich dann träge ausschwingende Kreise. So weit mein Auge reichte, sah ich nur diese stumpfe, schwarzgrüne Fläche; keine Pflanze, keine Lebewesen bemerkte ich. Der Hang des vor mir steil abfallenden Abgrundes war mit trockenem, hier schwarzgrauem Schlamm bedeckt, der vielfach klaffende Risse zeigte. Da fiel mir auf, daß die grüne Farbe im schwarzen Sumpf etwas Schimmerndes hatte, wie man es in den Pupillen von Menschenaugen findet, wenn das Licht auf sie fällt; etwas Erregtes, Selbständiges bebte in dem dicken schwarzen Leib des Sumpfes. Suchend glitt mein Blick wieder über die Wand des Abgrundes; ich bemerkte, daß die Fläche langsam, kaum wahrnehmbar, träge nach dem endlosen Horizont gegenüber dem Abgrund hinabfloß. „Ich sehe keine Schatten“, sagte ich furchtsam. „Wo sind sie?“ „Warte! Du wirst sie schon bemerken“, antwortete Thales. „Folge mir nur!“ Er schritt voran, und wir gingen am Rande des Abgrundes weiter. Der Anblick des öden Sumpfes machte mich traurig, verzweifelt. Es war unheimlich still. Ich hatte Lust zu schreien, in diese Einöde hineinzubrüllen, auf die ein farbloser, tiefhängender und gestaltloser Wolkenhimmel starrte. Es war kalt und feucht. Hier spürte ich den Tod zum ersten Male, das Nichts, das Auslöschen, das Vergehen, und so ungeheuer war dieses Nichts, daß mir war, als müsse ich ersticken. Schwarz, leer, nächtig legte sich das Fahle giftig um mich wie eine ebenso schwarzgrüne Schlange. Der Atem stockte mir. Ich rang nach Luft. Kein Lebender konnte dieses Nichts, diese ruchlose Schwärze ‚ertragen, ich spürte es genau. Die Haut wurde zu Pulver, die Zunge trocknete aus und riß ein, die Augen verdorrten und schrumpften zusammen. Mit jedem mühsamen Schritt wurde es schwärzer und schwärzer in meiner Seele. Der grausige Tod, das Ende des Endes, das entsetzliche Niemand,

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Nirgendwo, die schleichende, brodelnde quirlende Nacht: das Nichts, die augenlose Tiefe des stummen Nichts. Auf einmal erschrak ich. Ich fuhr unter einem furchtbaren Schmerz zusammen, denn ich ahnte, daß in diesem Nichts doch ein wehes, stumpfes und dumpfes Wissen um dieses Nichts sein mußte, so wie in der Schwarze des Sumpfes das grüne Schimmern matt und kraftlos zuckte. Das war das Grausigste, das ich je erlebte und mein Blut erstarrte. Genau so mußte es in diesem Reiche des Todes sein. Tot war man, in das schwarze unerträglich stumme Nichts der brodelnden Nacht versenkt, aber gequält wie von einem grausam unerträglichen Biß wußte man um dieses Verlorene, um dieses würgende, kalte, gleichgültige Nichts. Mühsam versuchte ich, einen Schritt weiterzugehen. Ich konnte nicht mehr. Mit aller Kraft schrie ich, aber nur ein gurgelnder Laut kam aus meinem Munde. Thales wandte sich um. Er sagte nichts. Nur sein Leuchten sah ich. Es war so herrlich, so sprühend von Gold und winzigen blütenweißen Strahlen, daß sofort meine Kraft zurückkehrte. Ich sprang an seine Seite und ging weiter, ließ aber jetzt seinen Kranz nicht mehr aus meinen Augen. Nichts mehr hätte mich zwingen können, in den Sumpf des Nichts hinabzublicken. „Nimm jetzt deine ganze Kraft zusammen!“ befahl Thales. „Dort drüben sind sie auf dem Felsen, der so weit in den Abgrund hineinragt.“ Vorsichtig wandte ich meine Augen in die mir gewiesene Richtung und sah eine dicht zusammengedrängte, endlose Menge von schwarzen Schatten aus einem riesigen Tor auf den Felsen schreiten. Nichts war an ihnen zu erkennen, keine Gestalt, keine Arme, kein Gesicht. Sie gingen blind auf den Felsen zu und stürzten, kaum hatten sie seinen Rand erreicht, bewegungslos und starr in den Sumpf. Gleichförmig, unaufhörlich stürzten sie; ein schwarzer, untergründiger Wasserfall in ewiger Nacht. Ganz geordnet gingen sie, keiner drängte den andern, keiner wehrte sich. Ergeben, mächtig gepackt von einer zwingenden Gewalt, überschritten sie den Rand, stürzten stumm wie Steine, und der Sumpf schwappte gleichmütig über .ihnen zusammen. Lange konnte ich den Anblick nicht ertragen. Ich spürte, wie mein Herz stockte. Ich konnte nicht schreien und nicht weinen. Auch das Leuchten von Thales konnte mir jetzt keine Kraft mehr geben. Die Sinne schwanden mir. Thales hatte meine Schwäche bemerkt. „Denke an den Einen, Unteilbaren, Höchsten, an das Licht des einzigen Gottes! Denke mit deiner letzten Kraft an ihn! Ich beschwöre dich! Möge er dir helfen!

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Ich flehe dich an! Denke an ihn! Denke an ihn!“ rief er außer sich vor Erregung. Wie er mir sagte, tat ich. Ich schloß die Augen und band die Dreiheit zu einem leuchtenden Kreis zusammen, der über Erde, Meere und Himmel strahlte. Wie mit einem Schlage wich die gefahrliche Erstarrung von mir. Die himmlische Kraft belebte mich und wieder hob ich fragend den Kopf. „Wir können nicht lange hier bleiben“, sagte Thales noch immer besorgt und trat mit mir in die Nahe der schwarzen Schar. ,,Der Sterbliche wird trotz seines Grauens zu sehr yon diesem geheimnisvollen Nichts angezogen. Du muft zurückkehren, denn umsonst hat man dich nicht hierher geschickt. Fasse dich also! Wir sind in schrecklicher Gefahr. Diese schwarze Stille ist wie ein mörderischer Sturm. Schließe die Augen und höre nur auf mich. Laß dir kein Wort entgehen! Sei unbesorgt! Während ich spreche, werde ich schon aufpassen. Die Schatten, die du hier siehst, sind die verdunkelten Seelen derer, die ungerecht, verbrecherisch und verräterisch waren, die Seelen aller der Abgeschiedenen, die nie darum Sorge getragen haben, sich zur Klarheit des Geistes zu erheben, diejenigen, deren Seelen von den zerstörerischen Leidenschaften im Laufe ihres Lebens wieder ganz zu Stoff wurden. Viele, viele sind es, wie.du sahst. Unaufhörlich ergießt sich der stumme Strom in die Schwarze des Sumpfes. Sobald sie mit der brodelnden Fläche in Berührung kommen, lösen sie sich auf, aber es bleibt ein winziger, mit den Augen nicht mehr wahrnehmbarer Rest von ihnen übrig; es ist der hauchfeine Rest von halbbewußter Weltseele, dies grüne Schillern im Schlamm, den Gott ihnen läßt, damit sie, wenn auch nur dumpf, um ihren verlorenen schrecklichen Zustand wissen, und damit das Unrecht, das sie taten, durch dieses schreckliche Wissen ausgeglichen wird. Gott aber ist nicht nur gerecht, er ist auch gütig, denn auch diese, zu einem winzigen Punkt zusammengefallene Psyche kehrt zu neuem Leben zurück, wenn auch vorerst nicht zu menschlichem Leben. Wie in abgestandenem Wasser, wie du weißt, nach einiger Zeit plötzlich Lebewesen entstehen, und keiner weiß, wie sie dorthin gekommen sind, so ist es mit ihnen in diesem Sumpf, dem Sumpf, der alles Anfängliche und einfachste Leben in sich trägt. Er fließt träge von hier fort, trägt die Seelenpunkte mit sich und mündet an tausend Stellen der Erde wieder ins Licht, in die Dämmerung einsamer Wälder, in die Weite menschenleerer Steppen oder in die Ufer verschlammter Flüsse. Dort aber, unter dem Licht der Sonne, unter diesem Abglanz des göttlichen Feuers regen sich die winzigen Punkte zu neuem Leben, oder sie werden, wenn die Sumpfränder vertrocknen, von der

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Luft anderswohin getragen und dort geschieht das gleiche mit ihnen. Neu beginnt dort der Anfang alles beseelten Lebens. Sie verwandeln sich in jene für uns unsichtbaren Lebewesen, die in solchen Sümpfen, wo Zeugung und Tod vereint, unzählig vorhanden sind. Damit haben sie die niedrigste Stufe ihrer neuen Wanderungsreihe wieder begonnen. Es ist eine schreckliche, schmerzliche Verwandlungsreihe, die gleiche, welche vor Urzeiten alle Lebewesen der Welt durchmachen muf ten, ehe sie zum Trager des Geistes, zum Menschen gelangten. Größer und größer werden unter dem schöpferischen Licht die Seelenpunkte, sie sterben dann und werden in einem nächst höheren Tier wiedergeboren, immer wieder, bis sie endlich so lebendig und stark geworden sind, daß der göttliche Funken in sie fallen kann, ihnen der Geist geschenkt wird, und sie dann wieder als Menschen geboren werden. Wie das vor sich geht, kann dir keiner von uns sagen. Das ist das Geheimnis der Geheimnisse. Nur jene wissen es, die verzückt sind im Anblick des Höchsten, seiner leuchtenden und ewigen Fülle. Hier ist einer der verlorenen, schwarzgewordenen Schatten. Sieh ihn dir an!“ Ich öffnete, noch verwirrt von dem Wunderbaren, das ich hörte, die Augen und sah ein finsteres, einförmiges Etwas ohne Gesicht vor mir. „Wer warst du und was tatest du?“ fragte Thales. „Kraft meines Leuchtens gebe ich dir kurz die ganze Erinnerung wieder.“ Matt leuchtete im Etwas ein anderes Etwas auf, was Augen gleichen mochte. „Eleios aus Sparta war ich“, tönte es matt aus dem Schatten. „Ein Wunder an Gelehrsamkeit nannte man mich. Die Geschichte aller Könige kannte ich, die kleinste Schlacht, die irgendwo in der Welt geschlagen wurde, war mir bekannt. In vielen Städten des Mittelmeers lernte ich und konnte früh schon meine Lehrer verhöhnen, denn sie erschienen mir ohne Gedächtnis, wenn ich sie mit mir verglich. Ich wurde Historiograph des königlichen Hofes. Die Morde, Lügen und Erpressungen des Königs verherrlichte ich mit prunkvollen Worten, belastete andere damit oder überging sie. Für Ruhm und Geld wurde ich ein Verräter des Geistes. Den jammerlichsten und. schmächtigsten Eroberer aller Zeiten, den grausamsten Tyrannen der Welt habe ich einen Helden und Vater des Volkes genannt. Ich lobte ihn so, daß ich einmal stutzig wurde, da ein Freund mich höhnisch tadelte. Für die Dauer eines kurzen Atemzuges schlug mir das Gewissen. Ich entschloß mich aber sofort, alles das, was ich schrieb und sagte, selbst zu glauben und tat es fortan mit gutem Erfolg. Meinen Freund zeigte ich heimlich beim König als Landesverräter an, Er wurde aufgehängt. Von da ab war ich glücklich. Ich genoß das Leben in vollen

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Zügen. Da ich schön, gesund, reich und klug war, flogen mir die Frauen zu. Ich starb in einem einsamen Schloß. Meine Schriften waren längst vergessen. Kurz bevor ich starb, wachte das Gewissen wieder auf. Ich erkannte das Verbrechen meines Lebens, den Verrat an der Wahrheit, den Betrug am minder Klugen. Ich sehnte den Tod herbei. Mein höchstes, echtes Glück war mein letzter Atemzug, als ich wußte, daß ich bald alles vergessen werde. Der Tod erlöste mich. Gerecht ist es, daß ich nun nichts _ anderes geworden bin als ein schwarzer, leerer Schatten. Leise, leise spüre ich jetzt schon die Sehnsucht nach dem Neuen; geduldig trete ich die lange Wanderung an. Laßt mich jetzt! Eilen möchte ich! Eilen, um meine Scham im unendlichen Nichts zu ertränken!“ Er riß sich los und preßte sich in die gleichmütig vorbeiflutende Schar hinein, die keinerlei Neugierde oder Erstaunen zeigte, uns zu sehen. „Auch das war ein ganzes Leben?“ fragte ich stöhnend. „Ein ganzes Leben“, antwortete Thales ruhig. Er faßte einen anderen Schatten an, stellte ihn vor mich hin und fragte ihn wieder in gewohnter Weise. „Demostipp war ich aus Samos“, antwortete der Schatten. „Mein Vater war Bauer, meine Mutter Hirtin. Ich war weder klug noch dumm, weder reich noch arm, immer aber war ich gesund. Das Notwendige tat ich, aber das Leben schien mir freudlos und leer. Wenn Freunde von Liedern schwärmten, zuckte ich mit den Achseln und legte mich schlafen. Frauen langweilten mich und Kinder stießen mich ab. Süßer und widerlicher zugleich war es mir, mich selbst zu befriedigen. Ich glaubte, das Leben der Menschen sei ekelhaft und dumm, und ich wäre am liebsten aus dem Leben geschieden. Ich war aber zu feige, um mich selbst zu töten und zu gesund, um untätig bleiben zu können. Eines Tages entdeckte ich, daß es mir Freude machte, wenn andere sich ärgerten und zankten. Mit vielen kunstvollen kleinen Schlichen hetzte ich die Menschen aufeinander, beschuldigte Unschuldige, zeigte Harmlose bei noch Harmloseren an, stiftete Unfrieden und lachte stumm in mich hinein, wenn Schlägereien ausbrachen oder gar Schlimmeres. Ein altes Weib, das mich durchschaut haben mochte, warnte mich einmal vor dem Zorn der Götter. Ich spie ihr ins Gesicht und ging meiner Wege. Ich liebte nichts, haßte nichts und tat ausgesprochen oder unmittelbar nie Unrecht; glücklich war ich nur, wenn. ich Unglück sah. Das paßte mir vortrefflich in diese langweilige, jämmerliche Welt hinein. Mit zunehmendem Alter wurde ich so mürrisch, daß. die Kinder vor mir flohen, wenn ich, unaufhörlich über die heiße Sonne fluchend, zu meinen Feldern kroch. Bevor ich pflügte, jagte ich die Vögel mit Steinwürfen fort. Wenn ich abends zurückkehrte, machte es mir unsäg420

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lich Freude, mich in ein Haus zu schleichen, während seine Einwohner im Garten nach getaner Arbeit unter der Eiche scherzend beim Weine saßen, und auf dem blankgescheuerten Eßtisch der guten Stube meinen Leib zu entleeren. Süßere Schauer als in diesen Augenblicken empfand ich nie; sie versöhnten mich oft fast mit der Ode des Lebens. Tief und fest schlief ich, aber morgens war mir wieder alles grau und stumpf. Ich sehnte mich nun so nach dem Tode, der alles auslöscht, daß mir jeder nutzlose Tag mit Seinem Azur, seinem Vogelgezwitscher, seinem Kinderlachen unerträglich wurde. Es kam der Tag, wo ich mich einschloß und keine Nahrung mehr zu mir nahm. Als ich hinüberdämmerte, war wieder dieses süße Gefühl da, aber schöner, wohllüstiger als je. Ich schloß die Augen und versaß, und das war der Höhepunkt meines Daseins. Ich hasse dich trotz deines Leuchtens, weil du mir die Erinnerung wiedergegeben hast. Nimm Sie mir wieder und laß mich gehen! Hinabtauchen möchte ich wieder ins Dunkle! Nichts sehen, nicht hören! Nichts wissen mehr! Was dann geschieht, ist mir gleichgültig! Möge die Welt untergehen und der Tod mit ihr, wenn mir nur das Nichts verbleibt!“ Thales ließ ihn mit einer schroffen Bewegung des Ekels los, und der Schatten schleppte sich, ja er schleppte sich in die schwarze Schattenkaskade. Ich blieb vor Grauen stumm. In diesem Augenblick hätte ich für den Anblick des irdischen Himmels mein Leben hingeben können, „Du schweigst?“ fragte Thales und zog mich vom Rande des Abgrunds in die Mulde zurück. „Das war kein Menschenleben!“ ächzte ich. „Das war ein Menschenleben!“ erwiderte er. „Du irrst, wenn du glaubst, es sei keins, und du irrst noch mehr, wenn du glaubst, daß es davon nur wenige gibt. Alle, die ganze Schar, die du dort siehst, alle sind sich ähnlich. Nur die Formen, die Züge, die Gewohnheiten sind anders, aber in ihnen allen war im Leben das Nichts, die öde Hoffnungslosigkeit, das Blindsein vor der Schönheit, das Taubsein vor dem Aufrichtigen. Sie konnten das göttliche Leuchten in sich verstärken, denn als Menschen hatten sie ja einen Funken davon in ihrem Geiste, aber sie waren zu gleich- Sültig oder zu träge dazu, obwohl die Welt schwingt von Gottes Wort. In ihnen war die Einheit, in jedem Blatt eines Baumes die Zweiheit und Im Wort vieler Erleuchteter die Dreiheit, aber sie sahen und hörten nicht. Wirf noch einmal einen Blick auf die stürzende Schar! Könige, Kaufleute, Bettler, Dirnen, Fischer und Diener — alle, alle findest du darunter. Meinst du, Gott sei willkürlich? Alles in ihm ist Gesetz, beglückendes, freies, strahlendes Gesetz. Wende den Blick nur immer ab, aber vergiß Riel Du warst tapfer, Bald werden wir uns ausruhen können,“

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Naur flüchtig blickte ich auf den sich langsam voranwälzenden Schattenstrom, aber nur einen Atemzug lang, wie ein Schwindelnder, der in einen Abgrund blickt und verwegen prüft, ob er den Anblick ertragen kann. Ich konnte es nicht mehr. Wieder kam diese furchtbare Schwäche über mich. Beseligt aber fühlte ich, wie sie mit jedem aufsteigenden Schritt geringer wurde. Ich atmete auf. Eine blühende Wiese sah ich. Der zarte Duft belebte mich. Gedankenverloren folgte ich dem Leuchtenden und achtete nicht mehr der Lange des Weges. Ein froher Ruf Thales riß mich aus meinem Betrachten. Wir standen vor einem mit blühenden Bäumen bedeckten Hügel. Blinkende Bächlein fiossen singend zu Tal und im Himmel schwirrten jauchzend fremdartigbunte Singvögel. „Dort siehst du das Reich der Befreiten!“ sagte Thales erleichtert. „Ihm anzugehören, verdanke ich der Gerechtigkeit Gottes. Gerne hätte ich dich dorthin geführt, um dich dort ruhen zu lassen. Aber hier, an der Grenze mußt du stehen bleiben. Nicht erlaubt ist es dir, es vor deinem irdischen Tode zu betreten. Hier wollen wir uns ausstrecken! Den Hügel siehst du vor dir und den seligen Frieden magst du spüren.“ Wir legten uns auf die sanfte Böschung eines Bachrandes. Libellen summten vor mir und ein warmer Blütenduft schlug mir entgegen. Ich zog meine Sandalen aus und tauchte meine müden Füße in das frischsprudelnde Naß. Glücklich lächelnd reckte ich die Arme. Warm zog die Kraft der fruchtbaren Erde in mich ein. Thales schaute mir lächelnd zu. „Dein Gang ist bald zu Ende“, sagte er freundschaftlich. „Nicht lange mehr, und du wirst wieder oben sein. Es tut mir leid, dich scheiden zu sehen. Wenn du willst, kannst du mich noch dreimal fragen, bevor du zurückkehrst. Mehr Fragen darf ich dir nicht beantworten!“ Ich zögerte eine Weile, um meine heftige Neugierde zu meistern. Meine Hände bebten etwas, als ich mir das Gewand an der Brust öffnete, um sie von der milden Sonne bestrahlen zu lassen. „Kannst du mir sagen“, fragte ich, „welche Seelen im Reiche der Befreiten warten?“ „In diesem Reiche“, antwortete Thales, „warte ich mit weit weniger Schatten, als du vorher gesehen hast, auf die letzte Verkörperung. Solche Seelen sind es, die sich im Laufe ihres Lebens fast ganz aus dem Stofflichen, aus dem Gefängnis des Leibes gelöst haben und die den Ursprung erkannten und erfaßten. Was sie vor allem kennzeichnet, ist, daß dieses Erkennen wie ein Schauer über sie kam; sie wurden trunken davon, und

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es trieb sie mit unwiderstehlicher Gewalt, den Menschen von dem zu künden, was sie wußten. Besessene wurden sie, und ihnen ist es zu verdanken, wenn in den Völkern, die immer vom Stoffe angezogen werden, die riesigen wahrheitssatten Augen Gottes nicht untergingen. Sie hielten die Menschen in einem Gleichgewicht zwischen Gott und Stoff. Nur das letzte Bild, das letzte passende Wort fanden auch sie noch nicht, um den Urgrund ganz frei von jeglichem Irrtum den Aufhorchenden dort oben richtig zu kiinden. Schon mein Schicksal kann dich belehren. Der Erste war ich, der in Griechenland die Frage nach dem Urgrund des Seins stellte. Zum ersten Mal habe ich in Milet vor den Fluten des Ionischen Meeres in Worte fassen können, was viele ahnten; das Wissen um den Höchsten wurde damit in mir geboren, und den Vater der Weisen nannte man mich dort droben, weil ich nicht nur im Denken verharrte, sondern mich auch um die Geschicke der Polis kiimmerte und den Menschen zu einem starken, ausgleichenden Leben verhelfen wollte. Durch bessere Erkenntnis wollte ich sie von dem Verhängnis des Stofflichen erlösen. Mein Irrtum war es, den Urgrund als Wasser zu bezeichnen. Täglich sah ich vor mir das Meer; es war mir das Größte schlechthin; so wählte auch ich noch ein stoffliches Bild. Jetzt kenne ich das Richtige, und du hörtest es von Hesiods Schatten. Im Reiche der Befreiten wird den auf die letzte Verkörperung Harrenden nämlich endgiiltig das letzte Wissen nicht nur in Worten, sondern in Bildern geschenkt, wenn sie auch den Höchsten selbst noch nicht erblicken können. Deswegen mußte sich Hesiod noch, als er mit dir sprach, mit Begriffen begniigen. Mit mir warten im Reiche der Befreiten, in beseligende Bilder des Hôchsten versenkt, Akusilaos, der als ersten Urgrund noch das Chaos annahm, Anaximander, der nur das stofflich Unendliche pries, Anaximenes, der die Luft als Urgrund bezeichnete, und, vor kurzem erst angelangt, Xenophanes, der mit seiner Lehre vom Geist im Kosmos der Wahrheit Am nächsten kam. Alle erblidken den Urgrund in euch dort oben auf Erden noch unbekannten Bildern.“ „Was aber“, fragte ich weiter, „geschieht mit dieser ehrfürchtigen Schar am Ende der letzten Verkörperung, nach ihrer letzten Erlösung von der Wanderung dort oben?“ „In ihrem letzten Leben“, antwortete Thales und blickte sehnsüchtig zum blühenden Hügel hinüber, „werden sie auf Erden selten verstreute Propheten, Gotteskünder, allumfassende Weise, verzückte Dichter oder vorbildliche Staatsmänner sein, die den Menschen durch Recht und Güte Hoffnungen schenken und ruhige Gewißheit über die Würde der Menschen. Sie werden die Völker in großen Wendungen ihrer Geschichte zur Ent-

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4 | scheidung stellen. Leuchttürme der Menschheit werden sie sein im Ozean der Irrungen und Wirrnisse, Kommt ihr letzter Tod, so geht ein Schauder der Wonne und des Schreckens zugleich durch die Menschen. Die endgültig Erlösten aber steigen auf in des ewigen Gottes Lichtkreis. Vergessen wird die Erde. Der Flug beginnt. Um Psyches nun hell strahlenden Wagen, der den siegenden Geist durch die Unendlichkeit trägt, wachsen Flügel der Verzückung. Hinauf in den höchsten Kreis der höchsten Seligkeit taucht die Seele. Sie ist in ihre himmlische Heimat zurückgekehrt. Gottes Anblick als Vierheit und die ewig erfüllte Liebe des Schönen wird ihr geschenkt in einem Kreis gleich Erlöster und selig Schauender. Orpheus finden sie dort, der mit seinen Mysterien die Seele zum Fluge frei machte, Musaios, der den Urgrund richtig erkannte und die Welt als Sphäre bezeichnete, Epimenides, der die Reinigungen erdachte, Pherekydes, der als erster der Seelen Wanderungen schilderte, sowie viele andere aus fremden Völkern. Aller früheren Daseinsstufen erinnert sich die erlöste Seele, denn ihre gesetzhafte Einmaligkeit bleibt ihr, weil sie selbst Spiegel der höchsten Einheit ist. Nur dessen jedoch gedenkt sie noch, was schön, wahr und gut gewesen ist. Alles andere vergißt sie für immer. Diese Seelen sind nun selbst das Licht geworden, das die unendliche Welt erhält, denn ihre Vermählung mit der großen Vierheit ist vollkommen. Nicht nur in seliges Betrachten jedoch versinkt sie. Ewig wirkt sie nun schöpferisch mit am Werden, Gestalten und Vertiefen des sich selbst bewegenden Gottes. Die geistige Dauer der erfüllenden Liebe wird in ihr zu einem sich ewig wiederholenden Ereignis. Trotzdem aber erneuert sich diese Liebe immer. Nie ist sie sich gleich, unaufhörlich schenkt sie sich selbst offenbarende Geheimnisse. In Lichtstürmen von Wahrheit atmet sie und in der atmenden Stille des seienden Guten ruht sie.“ Lange wagte ich nach diesen Worten, die mehr Gesang waren denn Sprache, nichts mehr zu sagen. Ein Gefühl des Glückes durchstrémte mich; nur getrübt von der Gewißheit war es, bald wieder dorthin zurückkehren zu müssen, wo alles noch unerlöst und verworren ist. Wie Thales blidkte auch ich zum Hügel der Befreiten hinüber. Der süße Duft der zahllosen Blüten drang wie lebendiges Feuer in meine EEN à

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Seele. Jubeln wollte ich, die Arme ausbreiten bis sie mir zu Flügeln wurden, mich auf die Fufspitzen stellen und mich hinaufschwingen zum verheißungsvollen, bilderschenkenden Gipfel. Wie ein Rausch war meine Sehnsucht nach diesem höchsten Licht. In diesem Augenblick hörte ich, was mein Ohr noch nie vernommen hatte. In vielen harmonisch gebundenen Tönen erklang der Himmel, Ein wunderbarer, langgezogener, ausschwingender Gleichklang war es, genau so, als sei das Licht des Höchsten nun hörbar geworden: die schwingende Harmonie der Sphären. „Der tanzende Gott! Der tanzende Gott!“ rief ich jubelnd. Ich erhob mich und breitete, unerklärlich getrieben, die Arme aus. Verziickt tanzte ich, getragen vom Brausen des tönend tanzenden Lichts. Rhythmus und Klang waren eins. Musik und Tanz waren vermählt. „Der tanzende Gott!“ rief ich wieder und tanzte, gleitend über die blinkenden Wiesen, sanft schwingend im rhythmisch bewegten Kosmos; jubelnd erfaßte ich endlich die höchste Harmonie. Während ich weiter tanzte, hörte ich Thales sprechen. „Die Harmonie der Sphären!“ rief er. „Jedesmal hören wir sie hier, wenn einer vom Hügel dort drüben seine letzte Wanderung beginnt. Unverkennbar tönt hier das Gesetz des Höchsten. Wie jeder bewegte Körper tönt, so tönen auch alle Himmelskörper. Die Tonhöhe hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der ein Gestirn sich bewegt und diese wiederum von der Entfernung, welche die Gestirne voneinander trennen. So ist es gefügt, daß ihr Zusammenklang der harmonischste Wohlklang überhaupt ist. Dauernd klingen die in ihrem Gesetz tänzerisch schwingenden Weltsphären so. Auf der Erde hört man sie nie, weil die Menschen von ihrer Geburt an daran gewöhnt sind. Sie ähneln dem, der von Jugend an in einer Schmiede lebt und ununterbrochen das gleiche Geräusch hört, so daß er es von der Stille gar nicht mehr unterscheiden kann. Nur wir hören sie gelegentlich, und ich sagte dir schon bei welchem Anlaß. Im höchsten Lichtkreis der endgültig Erlösten hört man sie dauernd, die Harmonie der Sphären; dem lichtesten Licht vermählt sich somit der vollkommenste Zusammenklang.“ Zwar folgte ich den Worten Thales, aber ich tanzte weiter. Das selige Glücksgefühl wollte nicht weichen; den Himmel hätte ich umarmen können. Die Wonne der irdischen Liebe kam mir dieser verzückenden Seligkeit gegenüber jämmerlich vor. „Der tanzende Gott! Der tanzende Gott!“ rief ich immer wieder und fühlte, wie der Tanz mich nach oben befreite, wie er mich geheimnisvoll hinzog in den letzten Lichtkreis der Seligen.

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Die Stimme Thales riß mich zurück. Nicht im mindesten ermiidet, blieb ich stehen. So erfüllt von Seligkeit war ich, daf ich vor Glück weinte. Thales näherte sich mir und zog mich zum Bachrand zurück. Er hielt mich bei den Händen und blieb eine Weile stumm. „Deine letzte Frage“, mahnte er schließlich mit seinem milden Lächeln. „Man wartet dort oben auf dich, und ganz anders vergeht hier die Zeit als da, wohin auch ich | | : | | { deider noch einmal zurückkehren muß.“ Versonnen blickte ich auf das fließende Wasser. Auf einmal stand die Frage klar vor mir. „Nicht begreifen kann ich jetzt“, begann ich erregt, „daß man vom Dasein des Höchsten wissen und dann überhaupt noch irgend etwas tun kann, was nicht mit wilder Ungeduld zu ihm hinlenkt. So ungeheuer ist dieses Wissen, daß es einen Lebenden dort oben vor Sehnsucht rastlos, drängend, unruhig, stürmisch, begehrend machen müßte, bis er hoffen darf, für diese Erlösung bereit zu sein. Einer, der jetzt mit mir dort oben lebt, hat diesen Hunger, und er tate einen gewaltigen Gedanken. Er meinte, es sei unerträglich schmerzlich, so oft verkörpert werden zu müssen, ehe man die letzte Reinheit, die zu dieser Seligkeit führt, erreicht. Heiß wünschte er sich, schon in einem einzigen Leben zum Höchsten zu gelangen. Dunkle und unbekannte Mächte sind es, die die Seele immer wieder in den Bann des Körpers ziehen und zerstörerische oder schöpferische Leidenschaften bilden. Deswegen muß sie die vielen Wandlungen machen, bis sie rein wird oder zerfällt. Glaubst du nicht, daß es schon in einem einzigen Leben möglich sein könnte, nur die schöpferischen Leidenschaften in sich wirken zu lassen? Glaubst du nicht, daß dieses einzige Leben dadurch heftiger, brennender, kräftiger in seiner geistigen Sehnsucht würde, daß es reicher und unbedingter würde, als wenn es auf immer wieder erneuerte Verkörperungen wartet, die ihm schließlich die Erfüllung bringen? Und das nun möchte ich dich fragen: Welches sind diese dunklen, unbekannten Mächte, die die Seele entweder verwirren und damit zerstörerische Leidenschaften zeugen oder gestalten und damit schöpferische Leidenschaften entstehen lassen?“ Während ich sprach, hatten wir beide unverwandt zum Hügel hingeschaut. Kaum hatte ich meine Frage gestellt, geschah etwas Seltsames Hoch über dem Gipfel der blühenden Hänge flammten im Azur vier ineinander schwingende Kreise auf. Bebend funkelten sie im unberührten Blau. Wie gebannt starrten wir beide das geheimnisvolle Zeichen an.

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„Noch nie sah ich es“, rief Thales mit zitternder Stimme. „Vier goldene Kreise. Wie herrlich glühen sie im unendlichen Blau!“ Wie lange wir in diesen unerwarteten Anblick versunken blieben, vermag ich nicht zu sagen. Er entrückte uns so, daß wir alles um uns vergaßen. Ebenso plötzlich wie sie gekommen waren, erloschen die Kreise. Wir warteten noch eine Weile, aber sie kehrten nicht mehr zurück. Nur eine goldene, kaum sichtbare Tönung lag noch im Himmel.“ HEINRICH RINGLEB DAS SPIEL So wäg ich wachsam dieses Wort: zu leicht. Und dies zu schwer und dieses ohne Laut. Der Abend blaut. Nacht, die im Laube streicht, Daß alle Wipfel blindlings aufgerauht, Weckt mich zu mir — und müde schiebt der Finger Das Werk beiseite, diese dünne Haut Von Wirklichkeit, und drüben der Bezwinger, Der grenzenlose, listig-stumme Tod, Der Zug um Zug, mit Läufer klug und Springer Mich armen König scheckigen Traums bedroht Zum Untergang: schon ist es leer, so leer, Mein weißes Volk der Rosse ist verloht, Nur ich bin, hier, und drüben, schweigsam, er.

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