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ist, findet sich bei den Griechen bis auf Aristote
Alle Bestrebungen sind auf Strukturerkenntnisse,
das Verifizieren zwar in dem, was man als
die wisnicht nur auf richtige Voraussagen gerichtet. Sofern
die positivistische Auffassung der Wissenschaft richtig sein sollte, haben die alten Griechen zur eigentlichen Wissenschaft nur beigetragen, indem sie in
Wirklichkeit etwas anderes suchten. Ferner spielt
zeichnen kann, von sehr früher Zeit an eine
sehr
senschaftlichen Bestrebungen der alten Griechen bewird, durchaus in das Gebiet der „science“ fallen,
große Rolle, aber kaum oder nur selten in der Form
des Verifizierens auf Grund des Eintreffens vorausgesagter Ereignisse. Das zeigt zugleich, daß die oben
angeführte Definition der Wissenschaft eine schr enge
ist, Läßt man aber andere Formen des Verifizierens
gelten, von denen einige übrigens, wie sich zeigen
so öffner sich sogleich ein weites Feld von Problemen, von denen das Problem der möglichen Arten
des Verifizierens in den Naturwissenschaften und den
Geisteswissenschaften im üblichen Sinne — ich sage
im üblichen Sinne, weil dieMathematik, die üblicherweise zu den Naturwissenschaften gerechnet wird, in
Wirklichkeit eine Geisteswissenschaft ist, wenn auch
ganz anderer Art als die übrigen Geisteswissenschaften — und der Abgrenzung dieser beiden Arten von
Wissenschaften gegeneinander nicht das geringste ist.
Dieses Feld auch nur abzustecken würde eine lange
Abhandlung erfordern. Dasselbe gilt natürlich für
den Versuch, andere Begriffsbestimmungen der Wissenschaft als diejenige durch das Verifizieren zu geben und zu prüfen?.
eine Korrektur im einzelnen, sondern eine völlige
als fiktive Hilfskonstruktionen sind?, währen
siven Denkens sich weiter behelfen, also mit Fiktionen. Die
einzige fiktionsfreie Behauptung in der Welt ist die des kritischen Positivismus. Jede nähere, eingehendere Behauptung über
2 Die positivistische Auffassung der Wissenschaften ist in
1 Vel. Acta Congressus Madvigiani, vol. II: Formation of
d die
the Mind. Kopenhagen 1958, und meine Rezension dieses
Bandes in Götr. Gel.Anz., 213, S.4—34 (1959).
ergibt, ist fikeiv. Insbesondere ist jedes weitere darauf gebaute
System ‘wertlos, insofern es sich nur im Kreise der Hilfsmittel,
Hilfsbegriffe und Instrumente des diskursiven Denkens bewegen kann.“ Im übrigen ist es natürlich der Zweck des Vaihinfür
gerschen Werkes, den außerordentlichen Wert der Fiktionen
die Erkenntnis, aber eben nur als im Endergebnis wieder auszuschaltende Hilfsmittel, zu erweisen.
3 Als eines von vielen möglichen, aber als besonders wichtiges Beispiel erwähne ich hier noch anhangsweise die Definition
ersten
der Wissenschaft, die W. Dilthey im zweiten Kapitel des
Studium Generale (Berl.), 14. Jahrg.
38
das Seiende als solches, welche sich aus diesen Beobachtungen
vielen verschiedenen Varianten aufgetreten, die nicht alle anist
geführt werden können. Am konsequentesten durchgeführt
sie vielleicht in Hans Vaihingers „Philosophie des Als Ob"
(zuerst erschienen 1911, 4. Aufl. Leipzig 1920), hier allerdings
in einer Form, die das Verifizieren nicht auf das Eintreffen
vorausgesagrer Ereignisse beschränkt. Die positivistische Auffassung wird dort auf S. 115 (Kap. XVIII) in folgender
„Für ihn (sc. den kritischen Positivismus)
Weise beschrieben:
existieren nur die beubachteren Koexistenzen und Successionen
der Phacnomenc; an diese allein hält er sich. Jede Erklärung,
welche weiterscht, kaan nur mit den Hilfsmitteln des diskur-
Erneuerung der Grundlagen, wie es in der Geschichte
der physikalischen Erforschung der Welt mehrfach
der Fall gewesen ist, so können diese nicht mehr als
Gegenstand eines Wissens im Sinne faktischer Erkenntnis gelten und bleibt diese letztere im Endergebnis eben auf das Zutreffen der Voraussagen
selbst beschränkt. Dies ist denn auch die Meinung
einer positivistischen Philosophie der Wissenschaft,
der alle vermeintlichen Strukturerkenntnisse nichts
Mehrzahl wohl nicht nur der Laien, sondern auch
der Naturwissenschaftler, an die Möglichkeit wirklicher Strukturerkenntnisse glaubt.
Es ist natürlich nicht möglich, den Versuch zu machen, an dieser Stelle einleitungsweise die Frage der
Richtigkeit und der Bedeutung der erwähnten Definition der Wissenschaft zu lösen. Aber auf einige
Dinge ist es notwendig, zur Klärung hinzuweisen.
Von der positivistischen Auffassung des Wesens der
Wissenschaft, wie sie soeben charakterisiert worden
n und der Primat der Griechen
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebunge
sus Madvigianus im Jahre 1953 in Kopenhagen
viel
stattgefunden hat, ist von dieser Vaterschaft sehr
ionen
die Rede gewesen!. Aber eben diese Diskuss
Verhaben gezeigt, daß über das Wesen und die
der
sondienste dieser Vaterschaft ebenso wie über das Wesen dessen, was hier erzeugt worden sein soll, weder
Übereinstimmung noch Klarheit herrschte, Selbst
wenn man den Begriff der Wissenschaft nicht so weit
die
fac, wie es im Deutschen üblich ist, wo er auch
sogenannten Geisteswissenschaften mitumfaßt,
dern sich auf den engeren Begriff beschränkt,
“ bedurch den angelsächsischen Terminus „science
zeichnet wird, ergeben sich nicht unbeträchtliche
Schwierigkeiten.
Eine in angelsächsischen Ländern verbreitete und
beliebte Definition der Wissenschaft ist die eines Wissenssystems, auf Grund dessen man Voraussagen
machen kann, die eintreffen, bzw. eines Systems von
Wissen, das eben durch das Eintreffen der Voraussagen verifiziert bzw. durch ihr Nichteintreffen kontrolliert und berichtigt wird. Aber auch hier ergeben
sich nach den verschiedensten Richtungen hin Schwie-
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Congresrigkeiten. Die ptolemaeische Astronomie konnte zutotalitä
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Band, 2. Heft, S. 13, Leipzig 930.
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University Press Go. Joachim:
künftige Gestirnstellungen mit einer sehr beträchtlichen Annäherung — und mehr als, wenn auch wesentlich größere, Annäherungen lassen sich mit keiner Methode erzielen — voraussagen. Trotzdem
gelten ihre theoretischen Grundlagen nicht mehr als
richtig. Darauf läßt sich antworten, das Wesen der
Wissenschaft liege eben in der unaufhörlichen Korrektur der Grundlagen auf Grund einer immer genaueren Verification. Bedeutet dies jedoch nicht nur
Tode vergöttlicht
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Farrz:. Der Beginn universalwisseuschaftlicher Bestrebungen
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Axiom vertrict®, Der Grund dafür ist wahrscheinlich
herausnahmen und nach Belieben
der Antwort ist in drei Dingen gelegen. Es ist dem
Menschen zunächst natürlich, alles, was sich ‚von
Form erhoben und beantwortet worden. Das Neue
Die Frage nach dem Ursprung aller Dinge ist fast
dem Inhalt, sondern der Form nach das Neue sei.
um giiltig oder ausreichend zu sein, und was gegebenenfalls an Stelle des Verifizierens treten kann,
wo dieses nicht möglich ist.
In der universalen Spekulation des Thales zeigt
sich das Neue in einer anderen Form. Der bekannteste Satz des Thales in dieser Hinsicht ist die Behauptung, daß der Ursprung aller Dinge das Wasser
sei. Es ist zu fragen, was an dieser Behauptung, nicht
auf, welchen Charakter das Verifizieren haben muß,
im selben Augenblick tritt auch schon das Problem
stimmte historische Situation, das Verifizieren. Aber
für exakt hielt. So erscheint gleich am allerersten
Anfang des Neuen, hervorgerufen durch eine be-
Art wie Thales die Methode beniitzte, nicht mehr
der, daß Euklid, der sich der Methode des Beweisens
jedem einzelnen Gebiete die Approximarionen für
durch Aufeinanderlegen nur noch in drei Fallen und
hier mit séhr sorgfaltiger Unterbauung bedient, die
das Gebiet, auf dem eine Aufgabe zur Anwendung
kam, ausreichend waren. Die Griechen, die sich nie,
wie manche andere Völker, gegen das Fremde ängstalles,
lich abgeschlossen haben, sondern wißbegierig
was von andern zu lernen war, aufzunehmen suchbiet
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mehr als einem Volk
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in Berührung kamen und die Welterklärungen verschiedener Völker einander widersprachen. Ähnlich
mußten sie in Schwierigkeiten geraten, wenn sie von
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den Babylone
anzuwenden Versuchten So waren sie gezwungen
dem Ubernommenen gegenüber Kritik zu entwickeln
2.
und nach festeren Grundlagen der Erkenntnis zu
.
suchen.
festen Grundlage zeigt sich nun in charakteristischer
Weise sogleich bei dem Ionier, mit dem man die Geschichte der griechischen Philosophie zu beginnen
selbst bewegt, was wirkt und eine Macht auszuüben
und so weit vom Anfang die Rede ist, stehen im
wesentlichen auch göttliche Mächte am Anfang. Aber
die göttlichen Mächte sehen bei den verschiedenen!
scheint, nach Analogie seines eigenen Wesens, also
pflegt, bei Thales (ca. 620 bis ca. 550 v. Chr.), aber
als lebendig, zu betrachten. Daher wird die Welt mit
Göttern und göttlichen Wesen aller Art bevölkert;
am deutlichsten nicht in seinen die Welt als Ganzes
betreffenden Theorien, sondern auf dem Gebiet der
Mathematik, die fiir ihn fiir die Welterklärung im
großen noch keine Rolle gespielt zu haben scheint.
Es wird ihm nämlich die Beschäftigung mit einer
Reihe von mathematischen Lehrsätzen zugeschrieben,
Völkern verschieden aus, und es ist schwer, ein Kriterium dafür zu finden, welche Gestalt, wenn irgendine, die richtige ist. Auch bei Thales ist die Vorstellung von dem Wirken götlicher Mächte nicht
verschwunden, wenn der Satz, daß alles voll von
Göttern sei, den ihm die Überlieferung zuschreibti?,
die er auch zu praktischen Zwecken, wie der Bestimmung der Höhe der Pyramiden oder der Bestimmung des Abstandes eines auf See befindlichen Schiffes von der Küste von zwei Punkten am Lande aus,
verwendet haben soll. Aber von einem Lehrsatz,
dem Lehrsatz nämlich, daß der Durchmesser den
werden braucht. Aber wo er einen bestimmten und
festen Anfang für alles braucht, da geht er nicht
von etwas aus, das bei verschiedenen Völkern versehen muß, dem Wasser.
15 Diogenes Laertius, 1, 1, 27.
33°
—
.
% Euclid, Elem. 1, def. 17; über das Problem selbst vel.
ausführlicher Archiv für Begriffsgeschichte 4, S. 77 ff. sowie
ibid. ZV, S. 58. und 68 #.
Das zweite ist nicht so offenbar, aber, wie mir
wie dem auch sei, das Interessante ist, daß dieser
dabei der Methode des Aufeinanderlegens der beiden
wirklich von ihm stammt, was nicht bezweifelt zu
guten Überlieferung? gesagt, daß er ihn bewiesen
habe. Gewisse Anzeichen führen darauf, daß er sich
kann und im wesentlichen jeder in gleicher Weise
Kreis in zwei gleiche Teile teile, wird in einer sehr
Hälften bediente, die er dann wahrscheinlich durch
weitere Betrachtungen zu stürzen versuchte". Aber
—
Satz von späteren Mathematikern nicht mehr als
Visba
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enten vielmehr in der Form
bewe
betrs
achtElem
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de und daß er infolgevon grundlegender Bedeutung, nicht nur für
scheint,
Thales, sondern für vieles, das folgt. Bei den meisten älteren Welterklärungen ist der Anfang in
eigentiimlicher Weise unbestimmt. Irgendwann entsteht etwas. So heißt es bei Hesiod: zuerst wurde
20 ff.
5 Plutarch, Septem Sap. Conv. 2, 147 A, p. 301,
Wegehaupt.
© Endem von Rhodos bei Proklos in Euclid, Elem. p. 352,
:
Er
f. Friedlein.
14
.
7 Ibid, p. 157, 10f.
,
4 Vel. Th. Heath, A History of Greek Mathematics 1, p.
Pagina 3
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Chaos (was
sondern salva
aber, wie sich hier zeigt, keine
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Studium
Generale
venia math
angeborene Eigenematicorum auch im Vergleich zu seine
r Behandlung in
neuesten Gebieten der Mathematik,
wo die sich aus
der Behandlung des
Unen
dlic
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erge
benden Schwierigkeiten zwar durch besondere Rege
ln und Kunstgriffe ausgeschaltet, aber nicht von
innen her überwunden werden. Dieser griechische
Finitismus ist
tesimalrechnung,
K.von Frivz: Der Beginn universalwis
senschaflicher Bestrebungen und der
Primat der
das Chaos, dann die Erde, die zuglei
ch eine Gottheit
ist, und Eros, usw. Zudem ist in
diesem Fall das
Kluft) ein
nicht ein unbestimmtes Durcheinander
bedeutet, sondern einen Abgrund,
eine
ist,
eigentümliches Mittelding zwischen einem
Seienden
gesagt.
daß es von
und einem Nichts. Woher das erste
gekommen
darf man nicht weiter fragen. Aber auch
Ewigkeit her bestanden habe, wird nicht
schaft der griechischen Seele gewes
en, da er bei Hesiod fehlt, sond
ern
er
hat
sich
als
ein Aspekt des
Strebens nach dem Exakten von
Thales an entDas dritte ist, daß Thales für
seine These Gründe
angegeben zu haben scheint, wenn
auch, was späte
Bei seinen unmit
re
Schriftstell
er
darü
ber
im
einze
lnen
zu berichten wissen, wahrscheinlich nur Erweiter
ungen von Vermutungen des Aristoteles sind’,
telbaren Nachfolgern jedenfalls kann
an der Begründung allgemeiner Lehren und Schlü
sse aus Beobachtungen kein Zwei
fel
sein;
und
bei
der
Ähnlichkeit
der Fragestellungen ist es zum mindeste
n sehr wahrt den Anfang gescheinlich, daß schon Thales dami
macht hat, wenn auch das einzelne
sich nicht mehr
mit Siche
rheit
nach
weis
en
lift.
Anaximander
von
Mile:
(ca.
61
—
0
ca. 545) hat
bekanntlich das Wasser als Urgegebenh
eit, aus der
alles hervorgegangen ist, durch das
Gzeigov ersetzt,
was bei ihm sowo
hl
das
in
sich
völli
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Unbes
timmte
wie das
Unen
dlic
he
zu
bede
uten
scheint. Das
mag auf den ersten Blick als Abwei
chung von dem
bei Thale
s beobachteten Fin itismus erscheinen,
da
ausdrücklich ein Unbestimmtes
und Unendliche
s als
Urwe
sen
anges
erzt
wird.
Aber
ein
wesentlicher Zug
bleibt doch gewahrt: Das Apeiron
ist immer und
ewig;® man kann nicht frage
n, was noch weiter
davo
r
gewe
sen
sei.
Auch
werd
en
sich
bei Anaximander noch weitere und sogar ersta
unliche Z üge des
|
|
À 12/13.
“Vel. die Zusammenstellung
der Überlieferung bei Diels/
Kranz, Vorsokratik er I, 11
gesagt, alles sei aus dem Wasser
hervorgegangen,
finden sich bei Anax
iman
der
aus dem Apeiron. Nach
Während
von Thales nur überliefert ist,
er habe
einzugehen.
Finitismus finden. Doch ist es n
Stig, zuvor noch auf
andere Aspekte seiner Welterklär
ung
* die Entstehung der , Welt“16 genauere Angaben über
Von Thales wird freilich auch nicht ausdr
ücklich
berichtet, daß er
gesag
t
habe,
das
Wasse
r
selbst
als
der Ursprung aller Dinge habe von Ewigk
eit her
bestanden: aber es scheint sich aus der
Art seiner
Erklärung zu
ergeb
en;
und
daß
in
dieser
Zeit
in
dieser Hinsicht ein Umschwung im griech
ischen
Denken eingetreten ist, wird nicht nur
dadurch bewiesen, daß von
späte
ren
Philo
sophe
n"
ausdr
ücklich
berichtet wird, sie hätten die Ewigkeit
der Welt!?
angenommen, sondern auch dadurch
auf das schlagendste illustriert, daß der um die Mirte
des fünften Jahrh
underts, also zu der Zeit, als Thale
s ein
wurde ...“, sonalter Mann war, lebende Mythograph
Pherekydes
von Syros, seine mythische Weltgeschichte
nicht mehr
wie Hesiod anfängt: „Am Anfang
dern: „Zeus und Chronos und Chthonie
(die Erde)
waren immer #*, Es mag vielleicht parad
ox erscheinen,
diese
Neuer
ung
als
Finit
ismus
zu bezeichnen,
da ja durch sie die als immer seiend
und gewesen
aufgefaßten Gegeb
enhei
ten
zu
zeitli
ch
un endlichen
gemacht werde
n.
Aber
in
Wirk
lich
keit
verschwindet
dadurch die Unbestimmtheit der zeitl
ichen Unen
dlichkeit, die darin gelegen ist, daß vor
allem immer
noch etwas, und sei es auch ein Nich
ts oder ein Zwitter
zwis
chen
Sein
und
Nicht
s,
davo
r gewesen sein
kann. Durch die Annahme, daß diese
s Wasser, das
wir sehen und kennen, immer so,
wie es jetzt ist,
sozusagen in
‘dagewesen ist, verliert d as Ganze seinen
Unendlichkeitscharakter und bek,ommt man es
die Hand.
Dieser Finitismus, der sich hier sogle
ich am Anfang geltend macht und den Spengler
als einen Wesensz
ug
der
griec
hischen Seele erklärt hat, nimmt im
Verlauf
. der Entwi
k cklung sehrmYverschiedene Formen
rnen Infini-
.
an, spielt aber
in
der
Folge
zeit
eine
außerordentliche
Rolle und kommt auch dari n
zum Ausdruck, daß
das Unendliche, wo es in der
Mathematik vorkommt, von den
Griec
hen
imme
r
mit
einer vorbildlichen
Saube
rkeit
behan
delt
word
en ist, nicht nur,
wie allgemein bekannt ist, im
Vergleich zu seiner
Behandlung in den Anfängen der mode
4 So schon Anaximander; vgl. unten
p.551 ff.
kid
ander freilich unterschied das
Apeiron von den
„Welten“, die aus ihm auftau
chen
und wieder in es zurückvergänglich, aber das erstere wurde
von ihm ausdrücklich als ewig
bezeidinet.
1 Diog. Laert. I, 11, 6, 119.
% Vel. vor allem Aristoteles,
Physik II, 4, 203 b, 13 f. Daß
A ristoteles hier nicht die ihm geläuf
igen
Ausdr
ücke dyévnrov
und d@pdagrov, sondern éféva
rov und à vÓkedeov gebraucht,
beweist wohl,
d:
iB
er
sich
unmitt
elbar
a
uf
einen Text bezieht.
Da es hier r nur indirekte Uberlic
ferung gibt, ligt sich
nicht
mit
unbed
r
Sicherh
eit
feststel
le n, ob Anaximander
für das, was
„Welt“ im engeren Sinne
nennen, die Bezeichnung véguvés oder Kosmo
s gebraucht har. (Zur Frage
vgl. die noch unveröffendl ichte
Habilitationsschrift von J. Kerschensteiner über Kosmos.) Aber
er den Sinn seiner Lehre
kann kein Zweifel bestehen.
=
:
hrgang 14
Zeo (1961)
wörtlich zitierte Satz: „Woran ar ange
rscheiden, die
7
P: Timat der
n
Grieche
i
P} 5 1
ter Menschen und menschenartigen | être:
hehe pflegt. Denn ihre Buße pese > darin,
ältesten
iechi
den gegensa
griechischen
p
ï
p
ine, al
Philosophen traditionell als
i
den Lehrbiichern der Geschichte der
Ibst aufgeben.
i
n
de in Weis eine Zwischenstellung zwische
Lebendigem und nicht Lebendigem ein. das was
> as
Aber noch in einer anderen Hinsicht ist
a
Anaximander sagt, außerordentlich inter an
een Zurückkchren und also zur Wiederherstelung
der Gerechtigkeit nicht aur a ds se ezen,
wieder in
kämpfen begonnen und so die we re ne
daß sie, die aus dem Mutterschoß es Alls ervan
oe
gegangen sind und als Gegensieze mn
D
i
de
denen dies ausgesagt wird, durchaus n ; , vie
d göttlichen Wesen etwa Hesio s, als me
ö
endlich oder gar menschen” oder tergetalge
ander
Wesen gedacht. Auch ist ie Art, wie s
Bue tun, völlig verschieden von derjenigen, In des
on
den. Auf der anderen See sind de Dingea
schen oder menschenähnlichen Wesen susagen rar
tiaw ddóvar „Gerechtigkeit geben ‚d ee &
rechten Zustand durch Geben ner Pars ng mg
5
wiederherstellen und „Buße zahlen
Te tewbhalichen Umgangssprache und der mense
lichen Sphäre entnommen. Es wird also von den
„Dingen“ etwas ausgesagt, was wir nur vi Men
Anaximander selbst wie auch der folgenden Tat
wicklung sehr viel darauf an, genau zu verst hen,
5
was er hier sagt. Die Ausdrücke dan on
Es kommt aber fiir das Verständnis sowohl des
er Bestre
5 nu Di d d ue
str bunge
universalw ssenschaftlich
K. von Fritz: Der B eginn
51
aus dem
ch m
eferung!” habe sich
einer indirekten Überliief
chzuApeiron
ï
igen“, das wohl mit dem
a
setzen
ee ist, ise cin » Kaltes und Heißes Erzeugendes
en wie ‘ e
die Erde umgebende Luft herumgewachs
geschieden, daraus sei eine Flammensphäre um de
;
a liche
der
Anfangg der
i nde um einen B aum. Das seii der
in der wir leben. Und dann
“
x
0
| Wer
sich der erstaunliiche wörtlı
aus!® die Dinge ihre Entstehung haben, cabin mis:
i
en gemäß der À o
n sie auch wieder vergeh
u
.
.
°
Entschädigung nd
k it.1® Denn sie geben einander id «2
rT
der anders geschrieben und die Dinge
0 Dieses xeinzig 5
Buße gemäß der Ordnung der Zeit.
.
tras me
wörtlich erhaltene Fragment zeigt, daß
I
e:
chen hat, als man aus den indirekten Bericht
i was er sa:= a
1 ophie erkennen kann, die,
: eine Philos
weise
; die Terminologie und Betrachtungs
in
späteren Zeit umgesetzt haben.
|
.
|
7 Vel, Diels/Kranz 1,12 A 10.
" Me riechischon Text steht das Nemum Plucalis, also:
.
.". Char!
„aus welden ee hervorggeht, in diese.. rigins of Greek Cosin seinem Buche „Anaxi
and ff.)the hat
© aus
rk mander„166
u
:
mology" Nn
Faß nie woraus die Dinge enn
ziehen za mnebt
EA zurückkehren,
nicht das Apeiron en
;
5
sehen ae El mente. Das Apciron habe mt dem ne Untere
sondern die un Aber damit wird wohl eine subelers Schot
del ches ein geführt als Anaximander
gemacht rae Twit:
scheidung s Wort Elemente (orauxeta) nicht nur in dem nder
nicht vor, sondern kann bei fe erst
nie
cher
=,
in,
da es nachwe
.
überhaupt nit voren Fe. Deon kann man zwar in Sn
else ZW:
zen
ib i len
er in De
Die ie ater
die seiner
dem samit
Apeiron, aus
ele
Materie
x
Arı
das schon
|
|
checceter hats ferner da
dE
ge Aber
Stoffarti
daß dieses
scheint.
zu sein
Weise belebt
z
8 : 8,
: :
berte en NE art eine Scheidu
ner
i.
in
eidung zwicheidung
lamitBue
, eis
a irgendei
Ars
am Anfang
5 das Wasser,> bald
: steht,
bei 1 Thales
ht, Luft,
s
i
un
enes später die
one “
j
1
72
tig beobachtet,
scellung eine
alle in irgendeine
belebten Materie ausgegangen seien. Para ie ich
walt bei thnen überall ein Stoffartig
,
en,
ing einesie
beden soll,
as bedeuten
ylozoi smusbereid
t, was
bezeichne
Hylozoi
das
dem cher erwähnten Dinge beziehen, sondern
ern
ends
gie
Aber wie Kahn selbst hervorampf sind,
Kampf
mit ung 7de enniden.
seine Interpretation richtig wire, as
M
Subjekt „sie“ in
ja ausdrücklich bezeust, daf reien die Analogie, daß alles
ie ge
c
Ta
sh
r vorSans
aber einem antiken Leser
Das wäre
unmittelba
auf die
auf das „aus welchen “fallen als einem modernen. Ferner ist
imander alles aus dem Apeikaum weniger schwergefal
eit ma
Schwierigker
ließ. So
ron . entstehen
kei
Derer Plural kannkann keine
m
n Satzierigkeit
kan
handelt, etma
allgemeine
je
dahin zurückkehr
fre. t. Der Plural
das Apel
.
sich erstens um einen allg
|
thm
alle in ER
ihre Teileist,sil
chen,- da Welten
ne
nz nach
der
als Potenz
er und luralität
Schwierigkeit machen, da
ie k
ron insofern eine P
enthalten. ist. Ebe
;ander Buße, und nicht idem
Dion
e nsowenig
nschließt, braucht
gesagt wird, die Dinge zahlen ileen
|
ier keine
“leicht genau
gensätze,
au
|
en fr
mesweise
werden
Gen“ wie
eh,
entsteht,
8
m d Die Ge
zum indo
s denen die „Welt“
Laf
ae
wasser oder Lu:
bezeichnet, nen als da |
net, sondern
als £ s Heife
Mibe
und das Kalte; und das läßt si ka
bei äihm nicht mit den Namen von „
ergibt, ist die Beschreil
si
tragungsw ied die
t hineinge
undderBelebthei
Stoffvon
schen
n Berracht
ich erst
moderne
“aus
Sines
begangen werden
gkeit begangen
es keine Ungerechti
Apeiron,weilDas
Apeiron,
gegen
schrie
ake
all
ie Gegensätze, aus denen
1
Da
an,
entstchen, einander,
8
1 können
dafür
Buße tun,
und
sein
r, zunur
miteinande
de einander
enone “aden
each,
fhören. Das aber wiederum
kimpfen anfangen. Sie k ij
Ap
i
ibt,
ander
nicht au
überhauptbung.
‘Anaxim
das
indem sie augleich zu aufhören, Gegensätze zu sein, was
in
ensdes Ungeschiedenden Zustand
sie nur, indem sie
können Sonn
ie inaufhöre
s zurückkehren:
ins
tore
was sein muß.
dem,Aperen,
gemäß
sot 1 Wörtlich:
© cigenwillig geformte Aus-
5
leicht
ganz indem
Ausdrücke
griechischen
Di grie
20 Die
2
A
an erreicht sind
das nicht
Ziel kaum,
man
zu übersetzen. A den „Holzwes
Gin dis al) im
nändnis oder Umdeutung der Gr
cache,
ies
:
‘
à
s
im wesentlich
4
n
n Ausdrücke
die griechische
e; und entstamme
zwar werangssprach
sn
dde
einsetzt, dean
rücke cetera,
zahlen“
erung Ursprun
direkten
seinen
Überlief
abtun, g aller Dinge mit
Anaximander
„Buße
K
rücke
N de
j
Seas
ba
ans
Ha und claw dra:
en
synonym gebraucht.
hai ‘and
erechtig
os coegebe
Pagina 4
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)K. von Frrrz: Der Beginn
universal wissenschaflicher Bestr
ebungen und der Primat der
Griechen
einem substantivierten Adje
ktiv
der wirken
best
Studium
wirkenden Kraft
emotionalen
Vereicht am behkeit gefaßt wird,
* Obwohl in der indirekten
Überlieferung über Anaximan
der öfter das Wort Kosmos
vorkommt, scheint es doch,
daß
Anaximander für das, was wir
in dem oben genauer bestimmten Sinn „Welt“ nennen würde
n, den A usdruck obgavés gebraucht
har.
Vgl.
die
(noch
unged
ruckte) Habilirationsschrift
von Jula Kerschensteiner über
die Geschichte des Kosmosbegriffes in der Antike.
—__
nis von Endlichkeit und Unendlic
r, wie das Verhältmerkenswertesten daran ist wiede
gehen der „Welt“? zu erklären.
Viell
Anaximander die Entstehung,
das Werden und
ebenheiten sucht
gewendet werden können.
Aus diesen so gefaßten Grundgeg
des Buße Gebens, wenn auch
in einer von der
menschlichen verschiedenen Absc
hattung, auf sie anser Ungeschiedenheit ihrer Aspe
kte aber erscheinen
die Urgegebenenheite
n
dem
Mens
chen
noch so nahe,
noch so verwandt, daß selbst solch
e Begriffe wie die
r diesem, bald unter jenem Aspe
kt enthüllt. Eben in die-
Qualitäten, die doch auch nicht
ganz zufällig und
auf Grund einer willkürl
iche
n
„Übe
rtragung“ und
als ,Metaphern* denselben Nam
en tragen. Vielmehr
ist
es
für
Anax
iman
der
jewei
ls offenbar mehr
oder minder dasselbe, das sich bald
mehr unte
hat, oder endlich die physisch
en und
etwas von dem Charakter einer
immt, aber insofern sie wirkt
und affiziert, auch
pekt der Qualität
,
die
ja
auch
den
Stof
f als diesen
bestimmten von anderen Stoffen vers
chiedenen Stoff
seine verschiedenen Aspe
kte
ause
inandergelegt, wie
etwa in seinen stofflichen Aspe
kt des passiven Gegens
tand
es,
den
Aspe
kt
der
auf den Menschen, aber
auch auf andere Dinge, wirk
enden Kraft, den Asum?! bezeichnet hat,
tionalen Qual
ität
en
nicht bezweifelt werden kann
herge
leite
t
ist, zeigt, daß die
, und da nicht einzuPhys
isch
en
Qual
ität
sehen ist, warum die antiken
en
des
Heiß
en und Kalten als
Doxographen, die bei
mit den emotionalen
Thal
Qual
es
ität
und
en, die mit den gleiAnax
imen
es
von
Wasser und Luft reden,
chen Namen bezeichner werd
nicht auch bei Anaximander von
en, identisch betrachter
stofflichen Urgege- wurd
en;
und
wen
n
benheiten geredet haben sollten,
sich
auch
nicht strikte beweisen
wenn bei ihm selbst läßt, daß
dies schon
von
auf
solch
Anax
en
die
imander zurückgeht,
Rede
gewe
sen
war,
so ist dies doch äußerst wahr
scheinlich, da es höchst
Was bei Anaximander in dies
er Weis
selt
e
sam
durc
wäre
h
die
,
wen
n
dies
e
Nichtunterscheidung der
Neütra von Adjektiven bezeichn
et wird, hat nun physischen und emot
iona
len
Qual
ität
aber überhaupt die verschiedens
en, deren Sputen Aspekte. Wen
ren spater
deut
n
lich
nach
zuwe
isen
sind, gerade bei
in dem Bericht über die Entstehu
ng der
ihm,
„Wel
der
t“
die
aus
Ding
e
wie
mens
chli
che Wesen aneinandem Urgegensatz des Heißen und
Kalten das Heiße der Buße tun läßt für ihre Unge
rechtigkeit, nicht zu
unmittelbar darauf mit der Fla
mme gleichgese
finden gewe
tzt
sen
zu
sein
sollt
e.
werden scheint, welche die die Erde
umge
Dara
bend
us
e
Luft
läßt
sich
nun
auch
der
Grundcharakter der
wie die Rinde einen Baum „umw
ächst“, so scheint Weltauffassung des
Anax
iman
der genauer bestim„das Heiße“ doch auch einen stoff
lichen Aspekt
men. Wie
zu
bei
Thal
es
sind
die Gestalt gewordenen
haben oder geradezu etwas Stoff
liches zu sein; und göttlichen Mächte, die bei
verschiedenen Völkern ja
man mag fragen, ob und wie weit
„das Kalte“ eben- überall eben auch
in
vers
chie
denen Gestalten erscheifalls mit etwas Stofflichem wie
etwa der Luft oder nen, verschwunden, Was
am Anfang und auf dem
der Erde gleichgeserzt werden kann
,
ohne
Grun
aus
de
der
des
Sein
s
ersch
eint,
ist etwas allen Menschen,
unvollständigen Überlieferung eine
ganz klare Ant- gleich welcher Herk
unft
,
unmi
ttelbar in gleicher
wort auf diese Frage entnehmen zu
können. Auf der Weise Erfa
hrba
res.
Aber
dies
für alle Menschen in
andern
Seit
e
sind
das
Heiß
e
und
das Kalte gewiß gleicher Weise Erfahrbare
ist nicht analytisch in
nicht inerte Materie, sondern ersc
heinen in gewisser
Weise als Kräfte, die aufeinan
in der Darstelund miteinander im Kampfe liegen, wie
aus den Einzelheiten .der Entstehung der Gest
irne
lung des Anaximander®
,
auf
die
hier nicht im einzelnen eingegan
gen
werd
en
kann
, noch deutlicher
hervorgeht. Sie sind aber auch
nicht nur zugl
eich
etwas Stoffliches und Kräfte,
sondern, wie ihre Bezeichnung unmittelbar besa
gt, auch das,
was wir
etwa
phys
isch
e
Qual
ität
en
nenn
en
können. Damit
nicht genug. Die spätere Entwickl
ung, vor allem der
Lehre, daß Gleiches nur durch
Gleiches erka
nnt oder
wahrgenommen werde®, die offe
nbar von den emo# Die Substanti ierung von
Adjektiven mit
Hilfe
des
beStimmten Artikels trite bei
den Griechen schon sehr früh
auf,
Sie ist in gewisser Weise, wenn
auch noch nicht wie bei Anaxi
mander in der Form des Neut
rum Singularis, schon bei Home
r
und Hesiod
vorge
bilde
r
und,
was
uns
seltsam
ersch
einen
mag,
im Griechischen älter als
der generische Gebrauch des
bestimmten Artikels mit Subst
antiven („der Löwe“ nicht
als Bezeich
nung
eines
besti
mmten
Löwe
n, sonde
rn
der
Spezi
es,
wie
in dem Satz: der Löwe ist ein
Raubticr). Die einzelnen Phase
n
der Entwicklung dieses Sprac
hgebrauchs können hier nicht
erÖrtert werden (vgl. darüber
B. Snell, Die Entdeckung des
Geistes, 2. Aufl, 1948, S.
218). Der homerisch-hesio
dische
Sprachgebrauch
hat
es
Anax
iman
der
zweif
ellos erleic
htert
oder
überhaupt erst ermöglicht, solche
Begriffe wie „das Unendliche
“,
„das Heiße“ etc. zu bilden
. Aber daß diese Bildungen
bei
ihm, wie
es
schein
t,
zuers
t
auftr
eten,
ist doch wiederum offenbar dadurch bedingt, daß
ihm die Grundgegebenheiten
der
Welt eben in einer Form ersch
ienen
Qualität in gewisser Weise unges , in denen Stoff, Kraft und
chieden beieinander lagen.
= Vgl, Diels/
Kranz,
Vorsok
ratike
r
12
A
11, 4,
B Vgl. darüber eingehender
K. v. F ritz, Democritus’ Theor
y
of Vision in Science, Medicine
and
of Charles Singer, p. 88 ff., Oxfo History, Essays in Honour
rd 1953.
hrgang 14
A0 (1951)
2 universalwissenschaftlicher Bestrebungen und de r j Primat der Gri echen
ITZ: Der Der Beginn
K. von Fritz:
u
553
:
. Existen
:
; ander auch
ipoden anz von
Antipo
Anaxim
é ieauf
der uns
entgegen
geserzten
das
früher
da
.
. darie besondere Art von
Finitismus, die sich
und ergibt.
we Wiie
aus
Oberfläc
che de
der Erde lebten, 23so kann dies nurlativiert
bedeuich daraus erhoben und
.
initismu
er als dieser
Finitism
' s in
vi
versucht
m
.
.
und
en Stoff-Kraft-Qu
f-Qualitäten
WS an dere aus dem Kampf der zuerst
entstan
tr
itei denen
miteina
nder und
a us ihrer Wirkung aufeinander zu
À
i
s
t
tedoch
nan
ders
interess
ant
ist
jedoch
sei seine Ererkläre
n. Beson
a
besonng der Lebewes
klärung
en
un der
der Entstehu
Ents
8
‘
ders
Th
hier wie der neue Prinzipien
ders des des Menschen, weil
treten. Daß
ünd:
der Theorie
Blitz, und
ee
.
eorologis
islauf der Jahresze .
iten,
die
met
Kreis
Winde. Donner und
A
Wolken, Regen,
Winde,
e, die ei En chune
|
ktur
ir
der
leben,
Welt,
die
Ents
in
der
wir
leben,
Struktu
’
irklichen
und denr scheinbaren
Umlauf der
oder
in wirklich
Standender
Sonne 1im
Gestirne, die Änderungen im Sta
chend
Anaximander
worauf sie sich stützt o
fd
Iles bezogen ist, so da
punkt,saut
auf den aendliches Weiterf
.
ragen geben
ben kann ;
auf sie kein unendliche ee ach
ieht??,
te für ihn offenbar die Richtung
sieht®’, bedeute
bedeute
ich
im Raum
ich
unten nicht
um,
mehr eine absolute Richtun
dern g im
die Richie sich
ins
Unendliche
fortsetzt
,
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die sich ins Unen
te
Rich di
ch
:
R
unkt
zu,
tung nach dem dem Mittelp
die
Ri tung na
er
D
+
ie Richtung von dem Mittelpu
nkt t weg. | Das
weg.
obeni die
Ri ilich bleibt
B
Hen Seiten.
unendli.ch nach allen
Apeiron
freilid
.
itrelP jede
jede in
in i: ihm entstehende Welt
Aber
À I hat
dafihren
es inMitte
bezug
hat. opm Erde
als
ganzes
als
Säulens
tumpf anhalt und
die Erde
a
te Richtung nach
i Beard
iffe oben
ten, daf
er die
oren»und
desunten
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für eben
. erörtert
à e wörtlich
lite
er erhalnicht
i
Wiederunter-
:
tene Fragme
nt seiner chrift zeigt, wollte
.
N
alt
bis
zum
gegenwärtigen
.
noch in gewisser
50
nur das Werden en, er sondern auch
4
Augenblick erklären,
ie
di
bestimm
bis zum
Weise
die
Zukunft
: en
ird das Ganze zu
m
Apeiron
. So wir
tauchen der. Welt iim
dlichen System.
.
ielich in sich
geschlossenen endli
Y
einem zeitlich in sich 8
iden
Seiten umis
i
i
f
Dies endliche
Systerm . ist nach i beiden
Aber
auch
die
schlossen von dem ewigen Apeiron. Apeiron :
wird
Unbestimmtheit
i desdes Anfangs aus dem
ch dieAp Annahme
i e überwu
Ui
i
in gewisser
ie Annahm:ist
nden
Weise
dur
;
i
n
der
wir
leben,
:
:
Diese Welt, in der w
>
der
. Wiederh
se olung: ieDi sich aus dem Apeiron
iron
erhoben
und in das Apart
nicht
hat die einzige, ae M zurückkehren wird, sondern
unzählige were
ee
he
5
Aber
ihre
Entsteh
sind dahin
ungen
i zurückgekehrt
ehrt”.
daß
.
.
änei
einander, so daß m man immer
sinc
nd nicht abhängi
g
könnte:
von
was
war
davor?
sondern
;
jede
weiter fragen könnte: llen anderen. Nur
durch die
5
Snot
eren.
ist unabhän
7
gig von allen
ist
gewisserma;
Wiederh
n ist 8
olung der Weltwerdunge
8
.
alle.
+
Ren die Ewigkeit der unendlichen Zeit ausgefül
.
bezug
maufie
i Zeit
Zee
die
ist der Finitismus des
ande Anaxim
im
Kk
ie Stellung der Erde
1 Raum.
der in bezug auf die
wurde woh! auch ch der
In den
dei Versuch
alten
Mythen
was d denn unter
gemacht, die Frage
ie
Frag zu beantworten,
ieß es dann wohl, die
i
i
Indern
hieß es
der Erde ist. Bei den
Elefanten, der Elefant auf
Erde ruhe
auf
einem
7
i"
x
einer LotosLex
ie Schildkr
öte
auf f ein
ciner Schildkr
öte, die
ht, darf man
.
N
ie,
daß
mit
Schalen
bedeckte
Seetier
die Theorie, daß m
Schalen
panzers
zu
Landtie
ren
g ewor_Ablegu
ng
des
Schalenp
i
°
.
id ien®, Interessanter jedo
jedoch ist seine Theorie
den seien”,
2
cine
h ung der Menschen, den er durchun
der Entsteh
i n oder,
Art Mutatio
der,
wie man früher sagte,
lebendige
generatiio
o
in
heterog
utero
eneo
von
dem
lebendig
neige
ärenden,
der Familie der Ceraceen
ang
Junge gebärenden,
M
leus
levis
ung
hörigen, sogenan
glatten Hai oder galeus
uführen
sein,
des Thales zurückz
Daß
er
er:
u
im die Wasser
Lebewesen durch ch generatio spontanea im
Wa n
gene
1
©
Theorie
ief, mag
mag wie ähnliche spätere
The
entstehen ließ,
then,
|
ebenso
einfach
auf ungen auer Beobachtung beruhen,re€ nach
Lebew
n zutage
der Begründungin
ItentstePhasen der Welten
er dem Wasser in den frühen
en!
inräumte
N
rs wichtig
en Platz cinr:
hung einen besonde
beso
©
ie Lebewesen zuerst im
Wasser entstehen
Un
und auch die
;
ilweise auf den Einfluß der der Theorien
lief,
mag teilwe
!
die
ersten
i
iter fragen, In Hesiods Theogonie
nicht
weiter
i
ume ruht,
blume. Aber worauf die Lotosbl
:
je ist unter-
Erde ein Abgrundd, den zu
halb der
Wurzel
,
n
der
hinunte
rwürfe,
durchfliegen ein Ambof,
bof, den man hinun
ürde?®.
Am
neun Tage und neun Nächte brauche
. .
iegt n derwii Tartaros
das Wasser erstrecke sich bis in die
anderen Ende des Abgrundes istliegt
:
, darfder man nicht
Tartaros ist, darf m
Aber was unter dem
i berichtet
i
habe anles wird
, erschwimm
fragen. Noch
von
Tha
e;
i Erde auf dem Wasser
asserï schwimme;
genommen, daß die
…
hen
die Frage zu
;
und die
modern
mn
en Erklärer suchen
“
wesen
sei,
beantworten, ob Tha les| deris Meinun
in
ge
die gUnendli
i
chkeit
),oderob
.
Richtung nach unten),
(aber doch nur in der
.
R
oder
einen leeren Raum
Wasser ruht, angenomer unterhalb des ous
Mi
N
genau ist.
len die Rede wäre, würde man a
sich unter Steinen verie i
chale abwerfen und sich
Le.
die indirekte Überlieferung
rie
eed
+ eeh wieweit
nten
etwas anderes, auf
7 ne
de: m . das
”
.
be. Aber die antike Überlieferung gibt kei
men habe.
i Anaximander
in dem z. T. vermutlich wörtlichen
So ausdrücklich
27
dage$
B5;
Antwort auf
indirekten Überlieferung
diese
Fragen.
Bei
Ar
ßFragment
Diels!Kranz 12 B53 inin der
de die
ist diese
diese
Frage
chende und gro
gen ist
von einem zylinderartigen Körper di Rede, 3 eine Umserzung
Frage aauf
uf eine überras
he auf nichts, weilist
in spätere Terminolo
gie.
artige derWeise
artig
gelöst.
Mitte
.
.
liegeDie
undErde
von ruhe
allen Seiten
gleichen
% Vgl. Diels/Kranz 12 A23 5 f.
N
H
stachligen Scha2 Diels/Kranz 12A 30. Wenn niche
von sae
Eee been
der
1
i
af
Abstand habe. Da zugleich auch berichte
t wird, d
sie in
À 9 und 15 und C. H. Kahn, a.a.0.,
gl. Diels/Kranz 12
% Hesiod, Theogonic 724/25.
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Hekataios von Milet™ für den enge
ren Kreis des
Menschlichen zu ergänzen
unte
rnom
men,
indem er
einerseits ein genaueres Bild der von
Menschen bewohn
en
K.von Frrrz: Der Beginn univer
salwissenschaflicher Bestrebungen
und der Primat der Griech
abstammen ließ®. Die
Begr
ündu
ng
dieser Theorie
lautet in der indirekten Oberliefer
ung®, der Mensch
müsse ursprünglich aus einer ande
ren Tiergattung
hervorgegangen sein, da die ande
ren Lebewesen
in
nun für die Verbesserung dieser Karte des
Anax
iman
der
entn
ahm Hekataios teilweise
den
gera
de
dama
ls
aufkommenden
Küst
enbe
schr
eibu
ngen
für
die
prak
tischen Zwecke
der Seefahrer. Das entsprechend
e Material für das
wesen waren. Das Material
einen südlichen, Asie
n,
getei
lt,
dere
n
Bezeichnungen
ihm schon durch ältere Überlieferun
gen gegeben gezwei Kontinente, einen nördlich
en, Europa, und
da er die Erde selbst
als
Säul
enst
umpf
ansah, aber
zum Teil wohl auch im Anschluß
an ältere orientalische Vorstellungen, als eine krei
srunde Scheibe betrachtete. Er hatte
scho
n
eine
Art
von Erdkarte zu
zeichnen versucht" und die gesa
mte Erdoberfläche
ten Erdoberfläche, andererseits der
schnell imstande seien, sich selbs
Geschichte
t zu erhalten, der
der Menschen herauszuar
Mens
beite
ch
n
aber
versu
einer
chte, Dies hat
länge
ren,
-Amm
enwa
rtung® (ôf zu neuen höchs
t
inter
mais) bedürfe. Das ist in
essan
ten
Prob
lemen der »Wis~
diese
r
For
mka
um
verst
änd_
senschaftlichen“ Behandlung des
lich, läßt sich aber wohl erk:ä
Gegenstandes geren, wenn man cine
führt.
ande
re
Über
lief
erun
g
dazu
nimm
t, nach welcher
Schon Anax
iman
der
hatt
e
versucht, ein Bild von
der Gesamtheit der Erdoberf
läche zu geben, die er,
von denen der erste
Anaximander die ersten
Mens
chen
ine ntwickelterem
Zustand der Reife als die mensc
hli chen Säuglinge
von
eine
m
fisch
ähnli
chen
Wese
n geboren werden
ließ. Man muß dann
wohl
die
zuerst angeführte
Version als
eine
bis
zur
Verd
unke
lung gekürzte Wiedergabe der ursprünglichen Theo
rie betrachten und
diese in zwei Teile zerlegen,
implizierte,
daß
größ
ere
Tier
e
nicht
durch generatio
spontanea, sondern durch Muta
tion aus anderen
Lebewesen zuerst entstehen, der
zweite aber besagte,
daß der Mens
ch
bei
seine
r
erste
n
Entstehung durch
Muta
tion
aus
eine
m
Seeti
er
in
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geboren worden sein müss
e,
als
dies bei den von
Menschen geborenen Säuglingen
der Fall ist, da er
suchte er
weitgehend durch eigene Reisen
in Persien und
Ägypten zu gewinnen? Dabei erga
b sich jedoch das
Problem der richt
igen
Anor
dnun
g
der in den Beschreibungen gefundenen und selbs
t besuchten Ortlichkeiten auf einer zweidimensio
nalen Fläche, wofür reine Distanzbestimmungen,
wie sie in den
Was Anaximandmit
er seiner BeschreibungderStruk
tur und
wir leben, im Großen unternom
en He ar
s be“Emmen, daß er zu der Zeit
des tonischen Aufstandes
(500
v. Chr.) ein Mana von sroß
em Ansehen gewesen ist, Ein
unmittelbarer Schüler des Anax
imander kann er kaum mehr
ge.
Wesen sein,
aber
daß
er
an
ihn
ankni
ipfee, ise offenbar und
rd auch in der antik
en
Liter
atur schon mehrfach bemer
kt
(el. Jacoby, FGrH 1 T 11/12
),
" Diels/Kranz 12
À 6.
B Über die bezeusten, die
mit Sicherheit zu erschließenden
lichkeit auf
geographischen Werkes zu Vermu Grund der Fragmente seines
tenden Reisen des Hekatatr
vgl. die ausgezeichneten Ausfü
hrungen von F. Jacoby
Pauly-Wissowa, Realenzyklopaed
ie VIL, 2689 ff.
_™ Die Lebenszeie des Hekataio
s läßt sich nur darau
Men sollten, voneinander getr
ennt wurden. Ferner
Küstenbeschreibungen enthalte
n waren oder auf
eige
nen
Reis
en
vorg
enom
men
werden konnten, naturgemäß nicht ausreichten. Hier
half sich Hekataios
damit, daß er die {immer noch
als kreisrund betra
ende Inland
der Entstehung aus einer
Ceta
cee
ließe
sich dann
leicht daraus erklä
ren,
daß
diese
Tier
e
einen Beutel
besitzen,
in
welc
hen
die
Jung
en
noch
längere Zeit
nach ihrer Geburt wieder zurückzu
kehren pflegen,
bis sie fast ausgewachsen sind. Es
handelt sich dann
also bei der Theorie um die Lösung
eines auf
von der Küste entfernter lieg
halten können) mit Hilfe einer
freil
ich
unvo
llkommenen, aber doch
eine
n
bewu
ßten
Umbl
ick erfordernden
Beob
acht
ung.
Auch
das
ist
eine
neue Form
der Behandlung eines in gewisser
Weise „wissenschaftlichen“ Problems.
chtete) Erdoberfläche in vier Quadrant
en einteilte, die
in der West-Ost-Richtung durch
das Mittelmeer,
Hellespont und Schw
arze
s
Meer
sowi
e
den
aus dem
Kaukasus
komm
ende
n
Fluß
Riom
,
der
als mit dem
in Verbin
dun
g
steh
end gedacht
wurde,
dlic
in
her
nord
Rich
-sü
tung
durc
h die Donau
und den Nil, die ebenfalls aus dem
Weltmeer kom
sonst hilflos zugrunde gegangen
wäre. Die Theorie
der Entstehu
ngsg
esch
icht
e der Welt, in der
men h atte, hat dann
beschrieb er einzelne
Teile
der
Erdo
berfläche als geometrische Fig uren, Skythien als
ein Quadrat, Klein-
Grund
einer umfassenderen Theorie
über die Entstehung der
Lebewesen entstandenen spezi
ellen Problems (wie
sich die ersten
Mens
chen
,
die
noch
keine Eltern oder
"sonstige Wärter ihrer eigenen
Art hatten, hatten er-
% Pluta
rch,
Symp
.
VIII,
8,
4,
730 E. C. H. Kahn, a. a. O.
P-70 bezweifelt die Anga
be des Plutarch über die
Abstamparole ape om
sie für “le
Censorin, in welchen nur
von der Abstammung
von
einem
fschähaliehen Wesen die Rede
ise Aber gerade die Andabe
über den glarten Hai erklä
rt, wie Weiter unten gen
5
sonst
schwe
r
verst
ändli
che
Theorie des dns
Auch
nchmen die Ceraczen wirkl
ich in gewisser Weise eine
Mitte].
stellung zwischen Fischen und
Säugetieren
so daß, was
Censorin über cin fischartiges
Wese
n sagt, nicht mir Kahn als
Unsic
herhe
it
da
er,
welche Ticrgattung Anaximan
der im
Sinn gehabr habe, gedeuter zu
werden braucht,
3 Diel/Kranz 12
A 10.
.
® Diels/Kranz 12 A 30.
IS
hıgang
(1961)
AT
555
oo
asien und Nordafrika doch vels vollsändig, sels
man von
derr Griechen
im
de Primat
ad der
und
3
chaftli her Bestrebungen
wissens:chaftlic
Begtan universatwissens
: Fritz: Der Beginn
K ‚von
:
eftigen
Protest erl hoben gegen
der
da si mige
r der esErdober
Struktu
g
lichen
darüberlosgelös
Netz fläche
geschaffen
Irclich
gelegt werden.
über
N
i
.
ht, wenn die überin ähnliches Problem entsteht,
heit
. Ein ähn
zu bestimmen imstande sind, völlig von der tatseh
Breitengraden geschaffen hat, dessen a uns Reus
bedienen und durchan die zemen a ons
n Hilfe wir
i
1
die im Verhältnis zueinander Ben
a
Prades v. Chr. geschehen, wenn er ei
gewesen ist, der zuerst das Netz von Lä ge „nd
udoxos von Knidos in
das letztere aller Wabrscheiniketoe Se
notwendigen regelmäßigen Strukturen in | n win
gen selbst finden lassen oder den Dingen vom! en
schen um sie für die menschliche pen ais
stimmbar zu machen, künstlich ae er werden
müssen. Für die Topographie der Er obe fie it
wie weit sich die für eine Erkenntnis von | ngen
erstenmal in aller Deutlichkeit au trite,
müssen glaubte, so ist das Problem, da me
3
Gru
hert als Herodot auf
I Unregelmäßigkeit der Formen undns
an
der zusammenhängenden Landflächen zunehmen
bien der KE me nan de
er
der Tatsache ab, daß die racsichliche Get
; en
Erde sich einer idealen geometri ren |
on
ce | andeutungsweise beibehalten har
asien und Arabien als- Trapeze, und er
afrika von Norden nach Süden in drei zonen
cel) ein, die er wiederum durch cine “ree
Trennungslinie in der Mitte in je an or
eine östliche Hälfte teilte. Natür vw wedn durch
diese Geometrisierung der Wirklichl ci eae
Fite
getan, wenn auch Hekataios sich nicht see
Fan
täuscht haben kann, daß seine geometri hen
ren mit der Wirklichkeit nur sehr appre mat
übereinstimmten und daß weder die ds m Klin
r
asiens geradlinig verliefen 2 eine vn bea
Mittelmeer un
e
anne des Riom ins Schwarze Meer Ber
Linie gerade oder gar genau in vern her ier
ta is Ton
tung verlief. Aber man braucht si mers promi
sches Itinerar anzusehen, auf dem
ganz langer dünner Schlauch aussie ht, wei die Ons
bestimmungen rein nach Distanzen ren en
n
d die Straßen, an denen
i
arden, fast alle von Norden nach site
verlaufen, um gewahr zu werden, einen,Mi . 5 Fi
4
ung
Bes
ür eine genauere
mpi
One er Hebataios aus seiner Geometrisierung der Erdoberfläche gezogen hae bes Jahehun
Trotzdem hat etwas mehr als ein halbes
dert nach der vermutlichen Enmstehung5 dre
des Hekatatos
1
und Erdbeschreibung
.
satz.
Nn
40 Vgl. darüber ausführlicher den
;
in
Foe. 37
ierten Aufn) IV, 101
ien);
en und Arabie
(Kle
38/39
39 Herod
ien)s ot
(Nordafrika).
1818.
IV,IV,
(Skych
|
gebrauch
te Mi
Is die den geo2,
in vie
viel stärkerem Maße als
adäquat, in
di
Lies
ie
quat,
.
ischen
fgepreßt
en
eiten
geome
aufgep
graphischen Gegebenh
Geg
icht geleugnet
5
ata. Trotzdem kann nicht
schen
geleugn
Schemata
.
i
such mit
untaug lichen Mitwerden, daß diesem Ver
gische Sche
te!%,DDa dee
ordnen versu
da Material,. das Hekataio. s
Rss
en
sise
in ein System
:
suchte,
zu
bringen
im
in
dieser
à
Weise
d
ar das von 1 hm
wesentlic
ichenhen aus Sagen bestand, wd
.
erst recht inMittel dem Gegenstand ers
sch
‘ont
Vergangenheit systemati
Grund der ae à der Wirklichkeit durch geo- lieferten Ereigniss
sy
e oor ae bea cht werden
soldiese i ne
n. Er machte sich
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zueinand
in“lees
Mittel dazu ist die historische
metrische Schematis men.
ie
Erde1. sei cat rund als Jen. Das er
grundlegende Mi
die
N
„Ionier“,
kataios,
die
i
g
i
i
e
glaubten,
die
.
Erde
set
i . Auch hier hat nun Hekataios, da ihm
Ie
sei’,
und
Chronolo
gie.
Au
ie
auf
ei
öpferscheibe hergestellt
ise
,
fürfir die ältere
7
chronologische Zeugnisse
ob sie
auf
einer
Tp
haben mit dem unmittel
bare chronolog
er scheint
Reisen
i
nternom
u
n
men
zu
Mittel
14
gei
isen?”,
i
n
i
daß
Verfiigun
der Nil
standen,
g
ein
Zeit
nicht
zur
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‘
hr betrachtücklichen Zwe
ausdrückl
ck nachzuweisen?,
den Dingen bis zu cinem sehr
. cht
| cer stammen,
.
1
en
aus dem Weltm
den
Ding: antat, indem
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un d daß Kontisondern auf dem Land entspring
0.
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ö
pa viel
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südlichen.
;
önige bediente,
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d
s
+
Asien
spartanischen
un
Könige
der
spar
u
up
lichen
ie ;
nente oder angeblich
.
er Erdquadr
:
icht, : die
it eines Kônigs mit durchschnittlich
weit
:
38 eine Ansicht, die w weniger Regierungszei
durch Querver>
Be
Libyen zusamme
ahm
und
.
dann
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durch
.
den
ersten
Blick
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ara
er:
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e
n
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D
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uns
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bindung
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Kontinen
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t Asien
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chronolo
ir heute
:
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und er. also, wenn er das, was wir k
ù
hätte,
ckannt
2
nennen, In
i seiner 8; anzen Ausdehnungkorum,
g
i
le
Kaukasus, Karakor
um, Hindu‘
etions ‘of the
alles nördlichi vom
Europa,
zu
kusch und Himalay
pa, nicht
a Brg elegene‘ Landinder
.
er bezeichn
bezeichn end
zu Asien gerechne t hätte. Nicht mindann
zu der Bei es jedoch,
j
ist
da
daf Herodot,
ner wo er kommt,
die geoi
änder im einzelnen kommt, die
8e
von Skythien, KleinLei
rensende
de De
ibung
metrisier
Bes reiDu
i
nen K. v. Fritz, Herodotus and che
* Bergedarüber u
«
ir einzel
#7 Vel.
istori
Assoch
Philclogic
E (1936).
American Ph
ha alN
38 Herodot IV, 42 #.
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)K. von Farrz: Der B q
sinen Künfig Sohne dann Und Damos dem
die Rinder des G „
e
3
ee
bd
Primat der Griechen
ein ganz neues Element in
" DielsiKranz 13A 1-7.
" Diels/Kranz 12 A 9.
dfragen der
Studium
Generale
Thedes
wie auch
Anax
iman
der
die
Ding
e
sich aus di Ur.
gegebenheiten des Wassers
un
d
des
unbestim
mten
mmt
Unendlichen hätten aus- oder
abscheiden lassen,
wobei nicht
s
darü
ber
gesa
gt
wird,
ob diese Abscheidung bedeute, daß sie in
i
rgend
einer
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m den Urgegebenheiten enthalte
n gewesen waren
° er wie
sie
sons
t
dara
us
herv
orge
hen
konnten. Bei
Fa
mer ist diese Unbestimmtheit
besonders
geen ,
er sagte
,
es
sei
in
dem Apeiron ein
altes und Heißes Hervorbringe
ndes entstanden‘s,
sen, daß sowohl
drücklich darauf hingewie
un, ei
führe hat. In der Überlieferun
g wird überall aus.
ute noch
keine endgültige Lö
habe
n,
ist
es
nich
t
gut,
von
Poutschritt oes ae
schritt zu reden. Wichtig ist
nur daß Anaximen
ones
es
die Betracht
Erkenntnis
and nn wee ismerhoden hand
elt, von denen viele
a m es sich um Grun
E
de Luft, als Ursprung aller
Dinge bezcichnere
bezeichnet, daß Anaximen
es an Stelle des
be.
stimmten Apeiron wieder
einen bestimmten Se
die Spekulationen des Anax
iman
der
Weit
erzu
führen
7 enoe te den
Gesc
hich
ten
der
Phil
osop
hie
wird es
ach
als Rückschritt gegenüber Ana
ximand
n auch Für die Erforsch
7
ung
der
mens
chli
chen
V
gangenheit zu
finde
n,
wen
\
n
auch
zunä
chst
chst nur indidi
rekt und noch undeutlich,
ab,
_
. Nach einer
ganz
ande
ren
Rich
tung
als Hekatai
a Anaximenes von Mile
t (ca. 58
— 520
0 y Chr)
teln am untauglichen Objekt
die richtige Einsich
in
fern
en
Gege
zugrunde lag, daf eine gena
nden
anzu
tref
fen sein sollten, ke!
ue Erkenntni d Fak.
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tizität des
verg
t,
da
ange
sich
nen
ohne
Gesc
hehe
Auge
ns
nschein
und
seiner kau-. nicht a Prior
i sagen läßt, was für Geschöpf
salen und sonstigen Zusammenh
e es ben
änge ohne ei i ro- kann
.
Hier
habe
nologisches System der Art wie
n
die
mode
rnen Kritiker ver essen,
er es zu
we ec
schahffen
af fe den rum
suchte, nich
des
t
mögl
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nur
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desh
alb
mi.
solcher Sicherheit feststelle
Dabei war de
n
kö
sich He kataios des sagenhaf
il
di
ten
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Cha
isch
en
in
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Ric
rakters der
hum
gen
rn vel ei ve
„Übe
rlie
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ng“
über
die frühere Verund daß wir ebensowenig
£5 angen! el t bis zu
a priori sageJn
eine
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könn
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ssen GIs ade durchaus
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nee
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Fakten
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Wiedererzihlung abgeleiteten
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Neig
ung der Mensche re
übertreiben und sprach die
Vermutung aus, c i 4.
ten wohl in beiden
Fall
en
zwar viele aber ve nu
lich weniger als zwanzig
gewesen sein’ W nn die
Sage berichtete, Herakles habe
gren von Ende der Welt
im Westen geholt, 20
:
ekat
aios
die
Ver
mut
ung
aus,
das End 4
Welt werde wohl der Golf
von
‘brakia
an dee
wise ss nördlichen
Cred ean
in, die eben den Alte
i
2
geogrophischen Kenntnisse a
e na eenden
erschienen sei*?, Bei der Gesc
hichte von dem Hell I
hund Kerberos werde es
sich wohl um ei
sie als Hadeshund
2 fe
Schlange gehandelt haben, an
deren Bissen ele
Menschen starben#, weshalb
man
sche
à
Kritik an der Sage
à
bezei
zeichnet habe, was dann später
wörtlich geno
men worden sei,
Bon
ae
A s das warr ein
ei Versuch am untauglichen
Obi at 2 urch
dies
e
Art
rati
onal
isti
sche
r Kritik das
gl der Sage
en pes
6
zerstôrt
wurd
e,
ohne
:
dadurch
\
pane
l iche historische Fakt
e
n
1
zu
gewi
' innen. « Und
Und ; doch
el der erste
Vers
uch
eine
r
historischen Kritik
Pare“ arf man auch zusä
tzlich bemerken daß
s gerade da
Vers
tand
und
Unte
rsch
eid
idun
g
vermögen bewi
esen
1
h
at,
wo
er
von einige n moder
ernen
en
Kritikern Am schärfsten geta
delt worden ist. Wah
vn ew
er seine rationalisti
>
da
dte, o ene
den
allg
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nen
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chli
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Ents
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den Berich
rich
ten ten über
ii :
tsame Tiere und menschenähnl
iche Geschöpfe, die
"" Jacoby, FGrH1 F 19.
* Ibid. 1 F 26.
# Ibid. 1 F 27.
* Ibid. 13 A 5.
4
Hai loen
557
der Proportion
% Die dem Pythagoras und dann wieder dem um dic Mitre
des fünften Jahrhunderts lebenden Hippusos von Metapont
in der Überlieferung zugeschriebenen Beobachtungen und Experimente mit Ton oder Musik erzeugenden Instrumenten oder
sonstigen Gegenständen sind in neuerer Zeit vielfach als Erfindungen der antiken Überlieferung erklärt worden, weil sie
akustisch unmöglich sind oder jedenfalls nicht die angeblich
erzielten Resultate ergeben. Es ist jedoch in Kürze eine Publiwelcher
kation von ©. Hertwig (München) zu erwarten,
der Versuch gemacht werden wird zu zeigen, daß die antike
Überlieferung zwar vielfach auf Mißverständnissen beruht, daß
dnisse korrigiert, heraussich aber, wenn man
x beachtenswerter Kern zustellt, daß ihr ein
grunde liegen muß.
den Grenzen der Intervalle.
heißen bis in die spätesten Zeiten der griechischen Mathemati
hinein Sgot, d. h. eigentlich „Grenzen“. Das ist nur aus der
Herkunft der Proportionenlehre aus der Musiktheorie zu erkläzen, wo die Verhältnisse den Intervallen auf der Tonskala
entsprechen und die Glieder der Proportion den Tönen als
eigentlich „Abstand“ genannt und die Glieder
ng wird vielfach das Verhältnis
3 In der ältesten Über
im mathematischen Sinne start Aöyog auch dorma, d. h.
Stöcke, die in irgendeinem bestimmten Längenverstellung erweitert werden, daß, wenn man drei
ein rechtwinkliges Dreieck von einer gewissen Form
entsteht, ohne daß dabei die absolute Größe des
Dreiecks oder der es konstituierenden Seiten einen
Unterschied macht. Das konnte leicht zu der Festreischen Lehrsatz zusammenhängende Kenntnis der
Tatsache, daß, wenn man drei Stöcke oder gerade
Strecken, deren Längen im Verhältnis von 3, 4 und 5
zueinander stehen, zu einem Dreieck zusammenfügt,
Lehre die sachlich mit dem sogenannten pythagonach im allerersten Stadium der Entwicklung der
zeugen lassen**, Dazu kam aller Wahrscheinlichkeit
sich auch mit Hilfe anderer Instrumente, bei denen
dieselben Zahlenkombinationen wiederkehren, erharmonisch klingende Tonkombinationen durch Saiten gleicher Art erzeugt werden, deren Längen in
ganz einfachen Zahlenverhältnissen zueinander stehen und daß dieselben Töne und Tonkombinationen
Beobachtung, daß bestimmte, für das Ohr besonders
Wesen der Dinge“ überliefert ist. Wie einige der
früher erwähnten Theorien der frühesten griechischen Philosophen ist auch dies seinem Ursprung
nach eine gewaltige Verallgemeinerung auf Grund
von zunächst auf ziemlich eng begrenztem Gebiete
gemachten Beobachtungen. Sowohl die Überlieferung wie auch die älteste in der ersten Stufe der
weiteren Ausbildung der Lehre verwendete Terminologie'? sprechen dafür, daß der erste Anstoß
von der Musik ausgegangen ist, nämlich von der
den hat, aber auch in der Form, „alle Dinge sind aus
Zahlen zusammengesetzt“ oder „die Zahlen sind das
in den Dingen selbst gefunden.
Es handelt sich natürlich um die bekannte Lehre
der Pythagoreer, die ihre lapidarste Formulierung
in dem Satz, daß „alle Dinge Zahlen seien“ gefunzip hier in viel stärkerem Mafe, zunächst jedenfalls,
Primat der Griechen
K. von Fritz: Der Beg inn universalwissenschaflicher Bestrebungen und der
Das Neue bei Anaximenes ist, daß er sich Gedanken
darüber gemacht hat, wie aus der einen Urgegebenheit, die auch er voraussetzt, die Mannigfaltigkeit
der verschiedenen Dinge habe hervorgehen können.
Seine Antwort war, daß aus der Luft einerseits durch
Während er aber dort nur bedeutet, was chronolo-
Kondensation oder Verdichtung zunächst Wasser,
dann Erde hervorgingen, andererseits durch Verdünnung das Feuer. Durch die Wirkung dieser
sekundären Urgegebenheiten aufeinander seien dann
die Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit entstanden.
Durch diese Erklärung wandelt sich zunächst der
Begriff der „Archö“, des Urgrundes, der bei den Vorgängern des Anaximenes überall am Anfang steht.
gisch am Anfang aller Dinge steht, aus dem alles
hervorgegangen ist, und das alle Dinge umgibt, wird
nun aus dieser „Arche“ etwas, das auch in der
Gegenwart weiterhin allem zugrunde liegt. Denn
auch Erde, Wasser, Nebel und Feuer sind nach
Anaximenes dem Wesen nach Luft, nur in einem anderen Aggregatzustand. Hier ist also der Begriff
der „Arch“ entstanden als eines allen Dingen immer
und jederzeit zugrunde liegenden, der dann vor
allem bei Aristoteles eine so beherrschende Rolle
spielt.
Auf der anderen Seite hat Anaximenes offenbar
nicht das Bedürfnis empfunden, weiter zu erklären,
was Verdichtung und Verdünnung bedeutet, ob es
sich dabei, wie später Aristoteles angenommen hat,
um eine Veränderung von Eigenschaften (Akzidenoder ob Verdichtung nur als ein näheres Zusammentien) handele, für die höchstens eine kausale, aber
keine weitere strukturelle Erklärung notwendig ist,
rücken von Teilchen, Verdünnung als deren weiteres
Auseinanderrücken aufgefaßt werden könne. Diese
Frage ist jedoch auf Grund ganz neuer Denkansätze,
wie sich zeigen wird, sehr bald nach Anaximenes
aufgetreten. Sie hat dann-zu Grundfragen nicht nur
geführt.
der Struktur der erkennbaren Außenwelt, sondern
auch des menschlichen Erkenntnisvermögens selbst
3.
folger allmählich enthüllende Problem, wie weit die
Das sich bei den Versuchen topographischer Ortsbestimmungen auf der Erdoberfläche mit Hilfe geometrischer Figuren durch Hekataios und seine Nachfür die Möglichkeit menschlicher Erkenntnis notwendigen regelmäßigen Strukturen sich in den Dingen selbst finden lassen oder diesen, um sie für die
menschliche Erkenntnis bestimmbar zu machen,
künstlich auferlegt werden müssen, tritt gleichzeitig
mit Hekataios in einer viel umfassenderen Form bei
Pythagoras (ca. 570 bis ca. 840 v.Chr.) und den
Pythagoreern auf. Doch wurde das Ordnungsprin-
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)K.von Frirz:
7 Der Besinn
i
universalwissenschaßlicher Bei strebungen
er
hältnis zueinander stehen (vorausgesetzt, daß
die
Summe von je zweien von ihnen größer ist als
de
dritte), zusammenfügr, unabhingig von der
ab :
luten Länge der Stöcke, „ähnliche“,
d.h gest ie
gleiche Dreiecke, oder, wie man in der
älteren z it
sagte, immer „dasselbe Dreieck“, wenn
auch in er
schiedener Größe, entstehr. Endlich scheint
die Be
obachtung, daß die Umläufe der
Gestirne und ihr
Verhältnis zueinander bis zu einem gewiss
en G de
zahlenmäßig faßbar sind, bei der Ausbildun,
"d :
Lehre cine Rolle gespielr zu haben.
Se
Der älteste und primirivste Sinn der
Lehre
scheint also zu sein, daß in den Dinge
n gewiss
maffen Zahlenbündel stecken, durch
deren Konntais
man die Dinge zu fassen bekommen
kann. Di es
Zufassenbekommen aber hat offenbar —
u d dies
ist von grundlegender Wichtigkeit — einen
do a
ten, d.h. einen theoretischen und einen
praktisch ,
Sinn. Das Zahlenbündel, woraus dann bei der
f fe
schreitenden Mathematisierung der Lehre das
Ver.
hälrnis der Zahlen zueinander im mathematisch
en
Sinn wird, heißt von sehr früh an Logos“
. Li os
heißt Sprache oder Wort, und zwar in dem
Sinn a8
dadurch eine Sache wesentlicher bezeic
hner wird al
durch einen bloßen Namen (övona),
der ihr gese.
en wird. Wenn also die in einem Ding stecke
nden
Zahlenbündel als X6yor bezeichnet
werden, so wi d
damit zum Ausdruck gebracht, daß
auf diese Weis
mehr iiber das durch diese Zahlenbiinde
l bezeich.
nete Ding mitgeteilt
a
;
wird,h als wenn1 e es nur mit
it
nem edel Fur
aber kann
die in ihm steckenden Zahlen kennt *
era in
beliebiger absoluter Größe herstellen
und ebe so
kann man „dieselben“ Töne und Tonkombina
tionen
in verschiedenen (Oktav)-Höhen,
aber auch in vi .
schiedener Klangfarbe und mir versch
iedenen Insıru.
menten erzeugen. Endlich ist die Kenntnis
len, die in einem Dinge stecken, im
der Zaheminenten Sin
eine Erkenntnis, die sich ohne jeden
einem Menschen auf einen ander
Verlust von
n übertragen
nd
daher unbeschränkt konservieren läßt
Hie Is
bei einer Spekulation, die von Anfang
an auf die
mathematische, bzw. die quantitative,
Analyse der
Welt gerichtet ist, liegen weit mehr
noch als Á i den
früher behandelten Philosophemen der früh
schen sogenannten „Physiker“ Thales
riechi.
, “Anaximander
und Anaximenes, die Anfänge einer
akkumuli |
baren und in gewisser Weise auf die prakti
sche Be.
wältigung der Dinge gerichteten Wissen
sch ft im
modernen Sinn.
“im
. Zunächst freilich wurden die
so gegebenen
A
sätze in zwei
2
ausein
\
anderstrebenden Rich
ichtungen
on
weiterentwickelt: in der Richtung
einer ungezüe i
und oft ins Phantastische ausschweifenden
Spekula.
ï
und der Primat
der Griechen
Jahrgang 14
Studium
Generale
Heft 10 (1961)
tion und in der Richtung der mathematischen
Präzi
sierung. Pythagoras, von dem die ersten
Anfä x
der Lehre zweifellos ausgegangen waren,
war iche
nur ein Philosoph, sondern auch ein Mysti
ker ı 4
ein religiöser
Proportionenlehre
Überzeugung, daß sich alles müsse
in Zahlen fassen
lassen, nun auch nach der Zahl der
Tugend oder d 8
Gerechtigkeit, der Ehe oder ähnlicher
Dinge gesucht
sucht
wurde: alles auf Grund der Forderung
einer ,M
thesis Universalis“ allerumfassendster
Art Aber
noch zu Beginn des vierten Jahrhunderts
ab es
einen pythagoreischen Philosophen
Eurytos de die
dem Menschen oder dem Pferde zugru
nde |liegende
ende
Zahl dadurch zu ermitteln suchte
daß er zusah, wie
den erkennbaren
Umrif eines Pferdes oder eines
Menschen zusammenzusetzen.
Auch die Entwicklung in der Richtung auf
math
matische Präzisierung muß schon sehr
früh einge.
setzt haben. Eine gewisse Mittelstellung
zwischen
ausschweifender Spekulation und mathe
matische
viele Steinchen man brauchte, um
von den Polygonalzahlen und später auch
von den
körperlichen Zahlen (Pyramidalzahle
n mit drei.
eckiger Basis, mit quadratischer Basis usw.,
Kubik
zahlen, ziegelförmige, altarförmige Zahlen und
d: 5 )
ein. Während in der ältesten Zeit z.B.
der Teek
tys, der Summe der
in der Form eines De geee
n bea
Te
2
on
von eins bis vier, alle Arten von mystischen
Bede
ramkeicen zugeschrieben wurden und mit den
Zah.
peer an noch auf Jahrhunderte hinaus
von
„en
Fythagoreern mathematisch unfruchtbare
Spielereien getrieben wurden, sind aus der
genaueren mathematischen Analyse dieser Zahlen
die alle
Reihen verschiedener Art darstellen, doch ‘schon
i
früher Zeit, wahrscheinlich seit der zweit
en Hälfte
des fünften Jahrhunderts, auch einige zahlentheore
.
tische noch heute interessante Ergebnisse abgele
itet
worden®, wenn auch erst Diophant viele Jahrh
underte später die Lehre von den Polygonalz
ahlen als
Ganzes auf eine neue, im modernen Sinne
wissenschaftliche, Basis gestellt hat.
Die bedeutendste mathematische Prazisierung
jedoch die pythagoreische Zahlenlehre zunächst
der schon ganz früh einsetzenden Entwi
°
hat
in
cklung der
‘9 Vel. darüber
eee
Becker
driber ©.
O. Be
er in Quellen
und
Studien zur
Geschichte der Mathematik Bd. Ul, S. 533 fond B
'L oun pn
zerden, Mathematische Annalen CXX, S. 151
f. (1947—49).
erst am regelmäßigen Fünfeck®!, aber darauf kommt
es im gegenwärtigen Zusammenhang nicht an — zu
der überraschenden Entdeckung, daß an scheinbar so
einfachen Gebilden wie dem Quadrat und dem regelmäßigen Fünfeck das Verhältnis zwischen Seite
auch
aber
sich
läßt
Es
tion.
Propor
der
zeichnung
und Diagonale sich überhaupt nicht durch das VerZahn
gleiche
der
le
leicht zeigen, daß gleiche Multip
hältnis zwischen zwei noch so großen ganzen Zahlen
Auf
len sich verhalten wie diese Zahlen selbst.
ausdrücken läßt, d.h. zur Entdeckung der Inkomzeileicht
sich
läßt
rum
wiede
he
Tatsac
Grund dieser
mensurabilität, für die dann bald auch andere BeiMultidurch
n
Brüche
gen, daß sich Verhältnisse von
spiele gefunden wurden.
tnisse
plikation mit den Nennern leicht in Verhäl
ents
Darau
®.
lassen?
Wenn nun in dem gleichschenklig-rechtwinkligen
deln
umwan
Zahlen
von ganzen
,
Zahlen
ganze
das durch ‘zwei Seiten und die Diagonale
für
Dreieck,
lehre
wickelt sich die Proportionen
wird, das Verhältnis der
welche zusammen mit zahlentheoretischen Unter- eines Quadrates gebildet
in ganzen Zahlen ausnicht
sich
er
tzahzueinand
Gestal
der
Seiten
htung
Betrac
der
von
suchungen, die
der „Logos“ sind,
aber
Zahlen
en
solche
etisch
läßt,
arithm
drücken
der
len ausgingen, den Hauptinhalt
In durch welchen Dreiecke oder andere Dinge sich ausBücher VII—IX der Elemente Euklids bildet.
lassen, dann hat das gleichihren allerersten Anfängen tat diese Entwicklung drücken und fassen
Dreieck keinen „Logos“, wie
alle
klige
daß
-rechtwin
ub,
schenklig
wahrscheinlich dem Glauben Vorsch
st
es auch sprachlich darin seinen Ausdruck findet, daß
mit Hilfe von Zahlen, worunter zunäch
und sittlicher Reformator. So ist
‘
Zeit die Leh >
gefunden. Verschieden große
ten,
Dreiecke, deren Seiten sich wie 3, 4 und 5 verhal
„Logos“.
haben die gleiche Gestalt und den gleichen
zur BeSo wird der Ausdruck 6 aûtròs Aóyos
niche zu verwundern, daf, ausgehend von
der if
einem ziemlich beschränkten Felde
gewonnene
Präzisierung nahm dabei auf lange
559
ngen und der Primat der Griechen
K.von Frirz: Der Beginn universalwissenschafllicher Bestrebu
Dinge
verstannaturgemäß natürliche, d.h. ganze Zahlen
den wurden, bzw. durch Verhältnisse von ganzen
n der
Zahlen, faßbar seien, mit anderen Worte
8
:
Lehre „Alles ist Zahl“.
Der letzte Schritt zur Wissenschaft im modernen
h
Sinne wird aber auch hier getan durch den Versuc
Zahlen
der Verifikation. Daß man mit Hilfe von
et,
und Proportionen, wenn man sie richtig anwend
sich
rt
bewäh
kann,
en
erzeug
e
Gebild
gleichartige
Frage,
überall. Aber um so mehr erhebt sich die
stecken,
welche Zahlen in Gebilden und Gestalten
welche auf andere Weise vorgegeben werden,
wie
äßigen
etwa im Quadrat, das wegen seiner regelm
Form bei den Pythagoreern eine große Rolle
spielte,
dem durch
oder im regelmäßigen Fünfeck, bzw.
SchnittVerlängerung der Fünfeckseiten bis zu ihren
punkten entstehenden Pentagramm, das den Pythagoreern als Erkennungszeichen diente. Das hätte man
nun durch Ausmessen herauszufinden versuchen
können, wobei sich freilich mit zunehmender Genauigkeit der Messung die Zahlen immer wieder
verändern mußten. Das Bedeutsame ist jedoch, daß
sich die Pythagoreer nicht wie ihre babylonischen
Vorgänger, deren Mathematik im übrigen viel weiter fortgeschritten war als die Mathematik der
Pythagoreer in der Mitte des fünften Jahrhunderts,
mit Approximationen begnügten, sondern es exakt
wissen wollten. Das führte — wahrscheinlich zu8° Das Prinzip der alten Pythagoreer, Brüche durch ganzzahlige Verhältnisse zu ersetzen, wird sehr schön illustriert
durch eine Stelle in Platons Staat, VI, 525 D/E, wo es heißt:
„Du weißt ja, wie diejenigen, die sich auf solche Dinge ver
stehen, sich darüber lustig machen, wenn jemand in Gedanken
die Einheit zerteilt, und das nicht gelten lasse und wenn du
die Eins zerstückelst, dann werden sie sie ervielfacher!, indem
sie sich vorschen, daß nicht die Einheit sich als etwas zeigt, das
nicht eins ist, sondern viele Teile.“
das Verhältnis dieser Seiten zueinander im Griechimit
schen als GAoyoz bezeichnet wird, was wir heute
„irrational“ übersetzen, was aber ursprünglich „ohne
Logos“, „ohne Verhältnis“ bedeutet. Damit scheint
mit einem Male die pythagoreische Lehre, daß
„alle
widerlegt zu sein. So ist es kein Wunder, daß
diese
Dinge Zahlen sind“ ader alle Dinge durch Zahlen
gefaßt, bestimmt, konstruiert werden können,
Entdeckung zunächst als ein Schock empfunden
wurde, was dann in der Legende seinen Ausdruck
gefunden har, der Urheber der Entdeckung, Hippasos von Metapont, sei dafür, daß er dieses
schreckliche Geheimnis aufgedeckt oder dafür, daß er es
ausgeplaudert habe, von den Göttern bestraft worden, die ihn bei einer Seereise auf dem Meere
Schiffbruch erleiden und im Meere umkommen licRen5?.
Vom rein mathematischen Standpunkt aus ist
dann freilich die durch die Entdeckung der Inkommensurabilicät entstandene Schwierigkeit erstaunlich
schnell überwunden worden: durch eine Erfindung,
deren Urheber unbekannt ist, die aber in gewisser
Weise viel genialer ist, als die Entdeckung der Inkommensurabilität selbst, welche, wenn einmal das
Bestreben nach Verifizieren und Exaktheit, das freilich erst bei den Griechen aufgekommen ist, sich
durchgesetzt harte, nicht allzu schwer zu machen
war.
Wenn, wie sehr wahrscheinlich ist, die Entdeckung
der Inkommensurabilität zuerst am regelmäßigen
st Val. darüber À. ©. Fritz, The Discovery of Taeommensurability by Hippasos of Metapontum in Annals of Mathematics XLVI, p. 242 ff. (1954).
se Vgl. Scholion in Euclid. Elem. X bei Euclidis opera ed.
J. L. Heiberg, vol. V, 417, 11 #. und dazu die Bemerkungen
der griebei H. Hasse und H. Scholz, Die Grundlagenkrisis
58 f., Berlin 1928.
chischen Mathematik, 5.9, $. 35 £,5.
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)zueinander stehen, wenn
im selben Verhältni
der Prozeß des gege
zwei Größenpaare auch dann
universalwissenschaftlicher
Bestr ebungen und der Primat
der Griechen
so ist dies zweifellos
K. von Frirz: Der Beg ‘nn
Fünfeck gemacht worden
is t,
o
ns ii,
gen Abzi
ehen
s
nie
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Stil
lsta
nd kommt aber ge.
zeigt werden kann, daß er
imm
er bei beiden in der.
selben Richtung gehen muß,
wie das bei Fünfeck
diagonal
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und
Fünf
ecks
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der
Fall ist wo di 2
genseitige Substraktion jewe
ils
imm
er nur einen en.
zigen Schritt in jeder Richtung
geht, woraus
sich
ergibt,
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e
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Diag
onale bei allen regelmäßigen Fünfecken zueinand
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stehen. Aber auch
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len läßt sich auf Grund der
neuen Definition 1 iche
nachweisen, daß zwei Größ
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re Basen, auch wenn das
Verhältnis kein ratiost, da auf den ersten Blic
k zu sehen ist, daß,
nde pro.
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restliche Rechteck C fünf
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s Sinem Inneın wieder ein
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ichtung gehen, bis er zum
wird also festgestellt, daß
-
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el
nd den
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschattlicher Bestrebungen u: ad der Pitmat der Griechen
= ———
.
_
561
war, der Fall gewesen ist; har es im Altertum doch
als dies bei der modernen Fluxions- und Infinitesimalrechnung für viele Jahrzehnte nach ihrer Erfindung und noch zu einer Zeit, als sie schon auf vielen
Gebieten mit großem Erfolg angewendet worden
babt worden ist, mit sehr viel größerer Exaktheit,
verhalten wie die ihnen einbeschriebenen geradlinigen Gebilde.
Obwohl diese Exhaustionsmethode von Eudoxos
mit vorbildlicher Exaktheit unterbaut und gehanddaß auch die krummlinigen Gebilde sich zueinander
Flächenstück (oder Körper)
ren Fünfecks gleich der Diagonale des inneren Fünf- umgebende krummlinige
daß die Differenz zwiecks und die Differenz zwischen der Seite des äuße- “immer dasselbe bleibt, und
Gebilde und
ren und der Diagonale des inneren gleich der Seite schen dem umgebenden krummlinigen
kleiner gedes inneren ist. Im Falle der Rechtecke und ihrer dem ihm einbeschriebenen geradlinigen
jede beliebig kleine vorgeBasen bekommt man den im übrigen völlig irre- macht werden kann als
gezogen,
gulären infiniten Verlauf der gegenseitigen Ab- gebene Größe. Daraus wird der Schluß
ziehung dadurch in die Hand, daß sich an den ersten
müssen,
Schritten zeigen läßt, daß beim gegenseitigen Abziehen der Basen die Rechtecke immer mitgehen
Wahrscheinlich weniger als ein halbes Jahrhundert
später hat Eudoxos von Knidos (400—347 v. Chr.)
die Definition: „denselben Logos haben (zueinander
im selben Verhältnis stehen) Größenpaare, welche
dieselbe gegenseitige Abziehung haben“, durch eine
kompliziertere, aber letzterdings auf demselben
Prinzip beruhende Definition ersetzt‘?, die es nicht
Philosophen gegeben, die gegen sie auf Grund des
schließlichen Überganges von der beliebig klein zu
ßen zueinander im selben Verhältnis stehen, sondern
46 if.
zig 1910).
is Opera, ed. J. L. Heiberg, I, p. 4 f. (Leipmengesetzten, eine gewisse, ebenfalls in gewisser
Weise ausgezeichnete Gestalt besitzenden Dreiecken.
Aber die Entdeckung der Inkommensurabilität kann
nicht mehr durch Ausmessen an durch irgendwelche
mit denen die älteren Pythagoreer die Welt zu erfassen suchten, sieht es ja auf den ersten Blick so aus,
als ob diese in den Dingen selbst gefunden würden:
in den für das menschliche Gehör ausgezeichneten
und von ihm unmittelbar aufgenommenen Tönen
und Tonharmonien oder in den aus Stöcken zusam-
Form. Bei den Zahlen und den Zahlverhältnissen,
Wissenschaft, die von den Pythagoreern ausgegangen
ist, erhebt sich dies Problem nun in einer doppelten
auferlegt sind, in einer neuen Form auftritt. In der
lyse der Welt eingehen, aus den „Dingen“ selbst
stammen oder ihnen vom menschlichen Geist erst
doch, daß an dieser Stelle auch die Frage, wie weit
die Elemente, welche in eine ‚wissenschaftliche‘ Ana-
Wichtiger als dieses speziellere Problem ist jewieder in neuen Formen auftreten.
die berühmtesten Beweise des Eudoxos. Hier zeigt
sich also das Problem der finiten Bewältigung des
Unendlichen wiederum von einer neuen Seite, Dieses Problem wird auch im folgenden noch immer
daß Archimedes gezwungen war, in einem Brief an
Dositheos*® zu sagen, er wolle sich auf diese Kontroverse nicht weiter einlassen: es genüge ihm, wenn
seine Beweise so exakt und so schlüssig seien, wie
Schlüssigkeit oder Exaktheit Einspruch erhoben, so
mehr annähern, gelten müsse, wegen mangelnder
machenden Differenz, zu dem Schluß, daß daszwei oder mehr Paare von inkommensurablen Gröselbe Verhältnis auch für die krummlinig begrenzten
Gebilde, denen sich die geradlinig begrenzten immer
nur erlaubte, in einzelnen Fällen nachzuweisen, daß
eine ganz allgemeine für inkommensurable Größen
gültige Proportionslehre aufzubauen. Mit Hilfe dieser Proportionslehre und des sogenannten Lemmas
des Archimedes, das aber in nur ganz leicht abweichender Form schon als Satz X, 1 in Euklids Elementen zu finden ist und zweifellos auf Eudoxos
zurückgeht", hat dieser dann das in seinen ersten
tastenden Anfängen wahrscheinlich schon auf Hippokrates von Chios (um oder kurz vor 400 v. Chr.)
zurückgehende Exhaustionsverfahren ® zu großer
reometrie auf eine ganz neue Basis gestellt, Dies
Exaktheit ausgebildet und damit vor allem die Ste-
Exhaustionsverfahren beruht darauf, daß krummlinig begrenzten Flächenstücken oder Körpern, deren
Verhäftnis zueinander bestimmt werden soll, geradlinig begrenzte regelmäßige Flächenstücke oder Körper eingeschrieben werden, die sich durch Unterteilung und Vermehrung ihrer Seiten der Peripherie
der krummlinig begrenzten Fläche (oder Körpers),
der sie einbeschrieben sind, immer mehr annähern.
Es wird dann bewiesen, daß das Verhältnis zwi-
APXAT in der
schen den geradlinig begrenzten Flächenstücken oder
Körpern bei dem Prozeß der Annäherung an das
5 Vel. Enclidis Elem. V. def. 5.
Vy), darüber genauer K. v. Fritz,
antken Mathematik. In: Archiv für Begriffsy
(1954),
% Die heute gebräuchliche, zuerst von dem Mathematik
IRe des 17. Jahrschen Methode als
ten Abhandlung, 5.
ausgeschöpft betrachrer zu ‘werden
die ausgezeichneten Ausführungen
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)K.von Fritz: Der
der Primar .der Griechen
Was so weit über die von den Pythagoreern auszeigt wurde, wirklich ein ganz universaler gewesen;
so sehr, daß selbst die Gerechtigkeit, die Ehe, die
versalis auftrat, ist ursprünglich, wie zu Anfang gesalis, die zunächst in der Form einer arithmetica unigegangene Entwicklung gesagt worden ist, bedary
jedoch noch der Ergänzung nach zwei Seiten hin.
Der Anspruch der pythagoreischen mathesis univer-
Beginn universalwissenschaßlicher Bestrebungen und
Strimateriellen Gegenstände, seien es Stöcke oder Seile
oder Tintenstriche auf Papyrus, repräsentierten regelmäßigen Fünfecken gemacht werden. Denn der
Prozeß des Ausmessens käme bald zu Ende und die
im Innern immer von Neuem entstehenden Fünfecke würden bald unerkennbar, mit wie feinen
einem
chen sie auch gezeichnet werden mögen. Die Entdeckung konnte nur gemacht werden an einem idealen regelmäßigen Fünfeck, das es in der empirischen
Welt nicht ‚gibt. Daraus ergibt sich sogleich die
Frage, die auch von Philosophen der Folgezeit nach
allen Seiten hin erörtert worden ist, was für
Tierspezies und vieles andere dem Anspruch zahlenmäßiger Erfassung ihres Wesens unterworfen worden sind. Nun hat jedoch die Entdeckung der Inkommensurabilität gezeigt, daß nicht einmal das
Verhältnis von Ausgedehntheiten im Raum sich
überall zahlenmäßig erfassen läßt. Diese Schwierig-
Heft 10 (1961)
Jahrgung {4
:
A
Griechen
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der
anderes als den Versuch, auch noch den Kreis, die
„schönste“ krummlinige Figur auf das Quadrat, die
Die Tatsache, daß dieser Versuch scheitern mußte,
schönste gradlinige, zurückzuführen bzw. die beiden
in eine eindeutige Beziehung zueinander zu setzen.
lichkeit der Tatsache, daß er unternommen wurde,
ist ebensowenig ein Einwand gegen die Geschichtwie die Entdeckung der Inkommensurabilität ein
Einwand dagegen ist, daß die Pythagoreer zunächst
glaubten, alles auf ganzzahlige Verhältnisse reduzieren zu können, wo ja ebenfalls erst der Versuch,
dies konsequent durchzuführen, zu der neuen Entdeckung Anlaß gegeben hat. Das für die Geschichte
der Wissenschaft bedeutsame daran ist aber, daß souniversalen, alle Dinge erfassenden Methode, vergleich nach dem Scheitern des ersten Versuches einer
sucht worden ist, sie durch eine andere möglichst
universale Methode zu ersetzen und zwar in der
Weise, daß nach Möglichkeit alles auf zwei ganz
einfache Prinzipien zurückgeführt wurde. Auch das
hängt offensichtlich wieder mit dem Finitismus und
dem Streben nach Präzision und vollstandiger Ubertragbarkeit von einem auf den andern Menschen
zusammen, da sich die Dinge um so exakter fassen
und um so leichter ohne Verlust übertragen lassen,
auf je weniger und einfachere Prinzipien alles zurückgeführt werden kann.
Von einer ganz andern Seite her wird das Wesentliche an dieser von Pythagoras und den ältesten Py-
5 Vel. dazu auch A. Szabd, Anfinge des euklidischen
Axtomensystems. In: Archive for the History of Exact Science
Studium Generale (Berl.), 14. Jahrg.
I, p.82 ff. (1960).
5 63
:
9 Vgl. Diels/Kranz, Vorsokratiker 22 B 31.
n Heraclitus.
= Pattern in
A Thought
ai
81 Vel. dazu A. Fränkel,
In: American Journal of Philology LIX, pp. 309 ff. (1938). |
% Vgl, Acta Congressus Madvigiani II (Kopenhagen, 1958):
The classical Pattern of modern Civilisation, p. 38.
3 Diels/Kranz, Vorsokratiker, 22 B1; vgl. auch 22 B 34.
39
ihre Divulgarisation zu verbieten; und auch fiir un-
Rede, deren Inhalt nach geometrischer Methode bewiesen werden soll, wäre völlig unsinnig, da es ja
gerade der Sinn des geometrischen Beweises ist, die
Wahrheit des Satzes, die er beweisen soll, für jedermann völlig einleuchtend und daher ohne Verlust
von Mensch zu Mensch übertragbar zu ‚machen.
Wenn daher auf diese Weise gefährliche, die Überzeugung von der durchgängigen Erkennbarkeit der
Welt als einer festen Ordnung erschütternde Erkenntnisse sich beweisen lassen, dann ist es sinavoll,
Kußerung zu tun über eine Wahrheit, die, oder cine
gen des Heraklir bilden wird), werden die Menschen
niemals verstehen, weder bevor sie sie gehört haben,
noch nachdem sie sie gehört haben.“ Eine solche
„Die Wahrheit (die Rede, den Logos), die diese ist
(nämlich, die den Inhalt der folgenden Ausführun-
Wahrheit, die in dieser Rede enthalten ist oder zum
Ausdruck kommt. Von diesem Logos heißt es dort? :
—, sowohl das Wort oder die Rede als auch die
dieser Logos bedeutet, — darin allerdings wiederum
ganz ähnlich wie ursprünglich bei den Pythagoreern
des Heraklits fängt ebenfalls mit dem Logos an, und
die sich ein Fortschreiten auch philosophischen Denkens gar nicht anders denn als Annäherung an Wissenschaft im modernen Sinne oder wenigstens den
Versuch dazu denken kann. In Wirklichkeit ist jedoch Heraklits Denken davon so weit wie nur irgend möglich entfernt. Der erste Satz des Werkes
weit verbreitete moderne Art, die Dinge anzuschen,
Rede ist, die sich aber der Form nach auf eine Art
von stetigen Proportionen zurückführen lassen, wie
etwa: der Affe verhält sich zum Menschen wie der
Mensch zum Gott“. Daraus ist dann von T, B.
L. Webster? der Schluß gezogen worden, durch die
Verwendung dieser Form habe Heraklit unter dem
Einfluß der Pythagoreer seinen Vergleichungen das
Zwingende cines geometrischen Beweises geben
Le.
u
wollen.
Diese Annahme ist sehr charakteristisch für eine
Heraklits, in welchen zwar nicht von Maßen die
durch einen
dem in gewisser Weise noch dadurch bestätigt wird, : thagoreern ausgehenden Entwicklung
Pythagoreern
daß die drei Konstruktionspostulate im ersten ‚Buch - Vergleich mit dem mit den älteren
Heraklit wie
Euklids sich eben auf Strecke, Gerade und Kreis be- gleichzeitigen Heraklit illustriert. Bei
bei den Pythagoreern spielt die Harmonie eine ganz
ziehen, diese also als Grundlage fiir alle Konstrukwesentliche Rolle. In einem Fragment gebraucht
Heraklit das Wort adrès Aöyog ganz im Sinne von
Proportion, im Sinne von gleichen Maßverhältnissen®. Endlich gibt es eine Anzahl von Fragmenten
Tatsache, daß? Konstruktionen, die sich mit Lineal
tionen der folgenden vier Bücher festlegen™. Eben
diese Verbindung mit den Postulaten zeigt aber
auch, worum es sich eigentlich handelt: gewiß nicht
um die mehr oder minder willkürliche Beschränkung
auf’zwei mechanische Konstruktionsmittel, Auch die
und Zirkel durchtühren lassen, auf quadratische
Gleichungen zurückgeführt werden können, wäh-
Grades führen, kann keine Rolle gespieit haben, da
sie noch unbekannt war. Vielmehr handelt es sich
rend Konstruktionen, für die andere Konstruktionsmittel notwendig sind, auf Gleichungen höheren
keit wurde durch die Erfindung der neuen, auf inkommensurable Größen anwendbaren Proportionswunden. Aber es ist schwerlich ein Zufall, daß gerade in der Zeit des Überganges die Probleme der
lehre, ihre Vervollkommnung, und ihre Ausbildung
zu einem universalen Instrument, allmählich über-
Reich denn diese Gebilde angehören, die es in der
Welt der „Wirklichkeit“ nicht gibt und die doch
ihre von der Willkür des Menschen, der sie in gewisser Weise zur erkenntnismäßigen Bewältigung
der „wirklichen Welt“ benützt, völlig unabhängige
Eigengesetzlichkeit haben, wie sich auch darin zeigt,
Würfelverdopplung, der Quadratur des Kreises, und
der Beschränkung der mathematischen Konstruktion
auf Lineal und Zirkel eine so große Rolle gespielt
haben.
zu erbringen versucht, daß die Überlieferung von
Lineal auf einem Irrtum beruhen müsse, da gerade
zu berauben, die mit Hilfe solcher Konstruktionen
aus dieser frühen Zeit vor und gleichzeitig mit Platon sehr viele Konstruktionen bezeugt sind, welche
sich anderer Mittel bedienen und sogar Platon selbst
eine solche Konstruktion zugeschrieben wird. Aber
damit ist die Natur des Problems verkannt. Natiirlich ist kein griechischer Mathematiker und ebensowenig Platon so töricht gewesen, andere Konstruktionen als diejenigen mit Lineal und Zirkel zu verbieten und sich damit der theoretischen Erkenntnis
oder des praktischen Nutzens für gewisse Messungen
zu gewinnen waren. Damit ist jedoch die Uberlieferung, daß Platon darauf drang, alle geometrischen
Gebilde mit Zirkel und Lineal zu konstruieren, nicht
aus der Welt geschafft, eine Überlieferung, die außer® A. D. Steele, „Über die Rolle von Zirkel und Lineal
in
der griechischen Mathemati
k“
in
Quellen
und
Studien
zur Geschichte der Mathematik, Astronomie und Physik
B (Studien)
UT, 287 ff. Die Arbeit ist im übrigen mit vorbildlicher
Sorgfalt
durchgeführt und zeigt unter anderem, wie allmählich
die Erkenntnis
der eigentlichen Bedeutung
der
Beschränk
ung
der
Konstruktionsmittel auf Lineal und Zirkel aufdimmert.
Aber für
die hier behandelte frühe Zeit ist das Problem nicht
ganz in
der richtigen Perspektive geschen.
rückzuführen. Die gleichzeitige leidenschaftliche Bemühung um die Kresquadratur bedeutet dann nichts
offenbar um den Versuch, nachdem es nicht gelungen war, alles auf ganzzahlige Verhältnisse zurückzuführen, herauszufinden, ob es nicht möglich sei,
alles auf die beiden einfachsten Kurven, die damals
auch vielfach die schönsten genannt wurden, zudaß die Entdeckung der Inkommensurabilität an diesen Dingen eine durchaus überraschende gewesen ist.
Damit verbunden ist die nicht minder fundamentale
Frage, in welchem Verhältnis denn nun das Reich
dieser Gebilde zu der „wirklichen“ Welt steht, die
wir mit ihrer Hilfe zu erfassen suchen. Diese allgemeine Frage kann auch die speziellere Form an-
Hier darf man sich nun nicht daran stoßen, oder
gar gut bezeugte Tatsachen für nichtexistent erklären, wenn manches an diesen Dingen vom modernen
nehmen, ob der Raum, in welchem sich die „wirklichen“ Dinge bewegen, wenn es so etwas gibt, dem
mathematischen Raum der von den ältesten
Pytha-
„phy-
Standpunkt aus als abwegig oder gar als irrtümlich
erscheint. So hat A. D. Steeles in einem an sich sehr
interessanten und sorgfältigen Aufsatz den Beweis
goreern bis zu Euklid und Archimedes ausgebildeten
Geomerrie
entspri
cht,
womit
dann
wieder
die
weitere, schon im Altertum viel diskutierte und in
unserer Zeit wieder besonders aktuell gewordene Frage
der Forderung der Beschränkung auf Zirkel und
zusammenhängt, ob der Raum oder auch der
in ansikalische* Raum ein Continuum oder ein Discon
tinuum ist. Doch mag die weitere Erörterung dieser
Frage zunächst zurückgestellt werden, bis sie
derem Zusammenhang wieder auftauchen und von
einer anderen Seite her eine neue Beleuchtung erfahren wird?
an-
Immerhin wird auch bis hierher schon sehr deutlich geworden sein, daß die frühgriechische Wissen
schaft schon sehr bald, nachdem sie auf Grund des
neuen Bedürfnisses nach Exaktheit und Verifizierung
entstanden
war,
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Pagina 10
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i S. 89 ff, Bonn 1916
(2. Aufl. Frankfurt
" Vgl, oben S. 549.
” Diels/Kranz 21 B 16,
© Ibid, 21 B15.
" Ibid, 21 B 11/12.
Jahrgang
14
Heft 10 (1961)
565
aufs
wie von
ist hier also
ht worden
mittelbar wahrnehmbares, nur aus seinen
die sich im
Wirkungen
zitierten Artikel,
im einzelnen und zur Überlieferungsfrage vgl. den
39*
in Fußn.
zu ver77 Die beste, aber immer noch nicht ganz leicht
sich in der
stehende Formulierung des Arguments findet
ne, Gorgia,
pseudo-aristotelischen Schrift de Melisso, Xenopha
verballhornte
cap. 3, 977, 14 ff. Andere mehr oder minder
Zur Interpretation
Versionen bei Diels/Kranz 21 À 31 und 32.
67
daß das
ments, in dem zu zeigen versucht wird,
herallmächtige Wesen nicht aus einem Schwächeren
gewesen sei, nicht mehr Macht gehabt haben. Es
könne aber auch nicht aus einem Schwächeren hervorgegangen sein; denn woher hätte in dem Schwäes
cheren die größere Stärke herkommen sollen, die
dem Stärkeren hätte mitgeben müssen? Also sei das
gehöchste Wesen nicht aus etwas anderem hervor
gangen und mithin ewig.
Das Bedeutsame für den hier zu betrachtenden
Zusammenhang liegt in dem dritten Teil des Arguda es
einem Stärkeren hervorgegangen sein. Denn
ihm daalle Macht habe, könne auch das, was vor
ren
einem ihm gleichartigen noch aus einem Stärke
noch aus einem Schwächeren hervorgegangen sein.
Denn wäre es aus einem gleichartigen hervorgegangen, so hätte sich nichts geändert, wäre also auch
nichts hervorgegangen, da nachher wie vorher ein
(d. h. das), alles beherrschendes Wesen dagewesen
aus
wäre, Aus demselben Grunde könne es nicht
aus
durchdringt, lenkt und regiert, könne weder
alles
folgendermaßen: das höchste Wesen, welches
erwa
beweisen versuchte”. Das Argument lautet
Gefünften Jahrhundert v. Chr. entwickelten, ein
kt
danke bedeutsam geworden, der einem nur indire
das
überlieferten Argument zu Grunde liegt, durch
zu
Xenophanes die Ewigkeit des höchsten Wesens
ehmerkennbares Wirkendes von den sinnlich wahrn
e unbaren Dingen, auf die es wirkt, auf das Klarst
den
terschieden. Diese Unterscheidung spielt dann in
en in
Ansätzen zu „wissenschaftlichen“ Untersuchung
der folgenden Zeit eine sehr wichtige Rolle.
Nach einer ganz anderen Richtung ist für die Ansätze zu „wissenschaftlichem“ Denken,
und
ist, sinnlich wahrnehmbare Dinge, Qualitäten
nicht oder
bewegende Kräfte alles noch eins sind und
werden,
nicht deutlich voneinander unterschieden
unwird von Xenophanes ein mit den Sinnen nicht
kern“, bei denen, wie zu zeigen versuc
tnis
gewiß nicht im Sinne einer zweifelhaften Erkenn
e der Unzu verstehen. Wohl aber wird aufs Klarst
durch
terschied gemacht zwischen einem unmittelbar
und einem
sinnliche Wahrnehmung gegebenen Wissen
enommeWissen, das auf Schlüssen aus dem Wahrg
„Physinen beruht. Im Gegensatz zu den älteren
festeste tiberzeugt war. Das „Deuchen“
der Existenz des von ihm erschlossenen Gottes
Richtigkeit seiner Gottesvorstellung ebenso
Pri mat der Griechen
lwissenschaftlicher Bestrebungen und der
K. vow: Fritz: Der Beginn universa
lungen zudaß sie den Göttern alle Arten von Hand
geschrieben hatten, die, wenn sie von Menschen benswert gelgangen würden, für schändlich und tadel
ten würden.
, durch
Es ist jedoch nicht diese Kritik als solche
der folgenden
die er für das philosophische Denken
ien dieses
Zeit und vor allem für solche Ingredienz
nte in das
Denkens, die dann als wichtige Eleme
en Zeit einge„wissenschaftliche“ Denken der neuer
sondern durch
gangen sind, bedeutsam geworden ist,
Handeln überreiben
die Gestalt
im Zugewisse Vorstellungen und Prinzipien, die er
hat. Er
sammenhang mit dieser Kritik entwickelt
der Überkommt von dieser Kritik aus zunächst zu
zeugung, daß man Gott überhaupt nicht
diirfe??; daß sein Wahrnehmen und
oder Sinnesart eines sterblichen Wesens zusch
den sei;
haupt nicht an irgendwelche Organe gebun
sieht,
daß er vielmehr mit seinem ganzen Wesen
ng auszuhört und versteht’ und, um eine Wirku
Ort, an
üben, sich auch nicht an einen bestimmten
Zusamer alles durchbegeben
dem die Wirkung statrfinden soll, zu
dringt. Das für den hier zu untersuchenden
braucht, sondern in sich verharrt, da
reten
rum nicht, was
menhang Wichtige daran ist nun wiede
gie aus darvom Standpunkt der christlichen Theolo
h hier zum
an bedeutsam zu sein scheint, daß nämlic
a bedeutet
deutschen
erstenmal bei den Griechen die Einsicht aufzut
Wort „Geist“ entsprechende Wort sveüp
scheint, daß Gott „Geist“ ist. (Das dem
liegt
von der Vorursprünglich „Lufthauch“, geht also
kommt aber
stellung eines verdünnten Stoffes aus,
er davon
vielmehr in einem Fragment’, in dem
bei Xenophanes nicht vor.) Das Bedeutsame
und
spricht, auf welche Weise Gott erkannt wird,
von modas schon im Altertum und noch mehr
worden
dernen Erklärern vielfach mißverstanden
jemand über
ist. In diesem Fragment heißt es: wenn
sage, so
die Götter” auch noch so sehr zutreffendes
Anschauwisse er es doch nicht aus unmittelbarer
„Deuchens“. Daung, sondern nur auf Grund eines
Ausdruck
mit soll gewiß nicht ein Skeptizismus zum
en is 176,
gebracht werden, wie oft interpretiert word
Denn die übrigen Fragmente lassen keinen Zweifel
eit und
darüber, daß Xenophanes von der Wahrh
Ausgabe von 1936, 386 a/b.
2 Ibid., 21 B23.
72 Ibid, 21 B 14 und 21 B 25.
H Ibid, 21 B 34.
n“ spricht, statt
15 Daß Xenophanes hier von den „Götter
nur eine, z. T. auch
von dem einen Gott, an den er glaubt, ist
ng an die tradidurch die dichterische Form bedingte Anpassu
in den Fragmenten
tionellen Vorstellungen, wie sie auch sonst
Fußn. 67 erseiner Gedichte häufig vorkommt. Vgl. den in
wähnten Artikel.
von G. Ca70 Vel. dazu die ausgezeichneten Ausführungen
Italiana,
logero in dem Artikel Senofane in der Enciclopedia
Pagina 11
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von
Sudiam
Sieht man von Zenon von Elea und
Melissos
K. von Farrz: Der Beginn universalwissens
chaftlich er Bestrebungen und der Primat
der Griechen
vorgegangen sein kann, weil dies nichts
in sich haben konnte, aus dem ein Stärkeres hätte
entstehen
Samos ab, welche die parmenideische Philo
andern Richtungen weiter zu entwickeln
(1961
Jano
Heft 10 0 (1961)
567
€
De
zeln aller Dinge“ oder wie wir zu sagen P * mn
Elemente? angewendet wird, so is o à an den
diesen die drei verschiedenen Aspel ee a sofern
disse Lohr
entgeg
8 leiches Gefühl
Lehre
mt*:
81: Da+ diese
ii | entgegenkom
vor allem auf die sinnliche Wahrnehmung fren un
ch
un d der er P Primat d der Griecher
b
aftlıcher Bi Destrebungen
ersalw schaftlicher
Lei B ezınn universalwissen
RITZ: Der
K. Vv von Fritz:
n“ der Dinge
Sichabscheide
‘€
i
iden“
i;
ata rie oki zu denken habe. Dann hat
Fra e gestellt und dahin beanten “ mee di
Pet daß sd Uree ebenheit der Luft zunächst
Mer din Mi i Verdünnung einerseits Erde,
11.
eit
wurde, zu bestimmen, aus welcher Urgegebenh
* Vgl. darüber Teil II in Heft
™ Parmenides hatte
daraus, daß nur da s Seiende ist, weiter
8chlossen,
das Seiende a es nichts außer ihm gibt, auch
„Eines“ sein daß
müsse, und daß, des keine Bewegung
geben könne,
ja eine Bewegung von
einem Seienden in ein Nichtseiende
gung
s
nicht stattfinden könne, da es das
Nichtseiende nicht gibt, aber
auch nicht in ein Seiendes, da ja
das
e ohnehin schon da ist. Die Philosophen der fol.
Seiende schon da ist und
sich,
wenn
es
selbst
als
möglic
h
gedach
Seiendes in das Seiende hin inbewegtc, t würde, daß sich ein
nichts Ändern würde,
da das Seiend
genden Zeit, soweit sie nicht streng
an der
menides feschielten, haben sich alle dadurch mit Lehre des Parthm abzufinden
gesucht, daß sie einen Aspekt seiner Lehre
aufgaben, so
Empedokles und Anaxagoras die absolut
e Einheit und Einförm'gkeit des Seienden als Seiende
s, den Rest dagegen beibehielten und zur Grundlage ihrer Welter
klärung machten.
% Vgl, darüber oben S. 556 ff.
Ind
ätte
Nú
Luft,
:
€
.
was den Prinö
gesehen werden können,
ur
kalt,
i
i
i
Din
Dinischwer, leicht, dicht, diinn,
.
.
Lie
wi
ah
Re
emile
man nicht unmittelbar walirnchmen, sondern nar an
.
Philia und Neikos, als
.
die Funktionen, welche en) fender
im Weltgeschehen ee dene tes Eompedles
ng des Empedcwe5
Grundprinzip der
nnn
ver
er
ON
gehenden Elementen zu erklären, be en
mischung von
ist, Verden und Vergehen as Asen 3 und Ene
welcher wreibender Kri, i den kle, die
de
pedo
wegung verzen, Den as 5 spi
ufg abe vi
ond
zer den
zwei Wi Pr oden
Weise, daß nach seiner Annahme we
.
.
.
.
in
.
alle Ewigkeit
se
immer
Owen ee
Ver:
einer die Liebe ne chang Fin gerion de
einander zu Stande bringt, in deren anderer dagegen
eine immer größere
trennt,
ennt so ;
rioc een an
nen Pee
von einander
nchmend
en
i Elemente zu
der Haß de
ige
Trennuag Tom
ständige Mischung aller ee ae yon
Ende der anderen ihre vo
4
da
|
Mie
an
einander steht. Die Welten mann tiger en
ben,
der une vergehender Dinge ine =ren einer
den bern and.
\
entstchen aber jedesma
Men
ganges von dem einen zum
Das Interessante an dieser pe culation vom
Standpunkt der Entste ung e wissen:
enna
Denkmethoden aus ist nun,
kenden Kräfte den Namen emotionaler Ki e tr :
1 un: und
ihre
gen, während
ihre Grundfunktion, die Mischung
ä rend
Entmischung
Wasser, ‚ Luft : un
der der Elemente Erde,A
i
DI,
scheint. Dieser
zu seinsint
she zu
Feuer, durchaus eine ad sische
doppelte Charakter der wir
ve aide deo: tt, Demme
standen wird.
echt:
Wort oroıxeiov,
sp
was später
genau dem,
zie
nespricht
unter Element vere
ieml: ch ena
1
was
Aberhaw
worden. meme
scheinlich
ecbraucht
Si
von
übertraecr
;
Demokrit, Sina
: diesem
schr
übertragenen
Empedekles mir dem Ausdruck biböuara navıdg gemein!
lich
8 Das Wort Element bzw. das griechische d
von dem es eine lateinische Übersetzung ist un das ursp 5
dokles, wahrch Buchstabe bedeutet, ist erst später als Empedokles,
wa
Bu
Demokrit, möglicherweise schon von Leukipp,
8
_
W.
S
Warme:
in Honour of Char
ch als emotionale Qualitäten
die aber iederu
aufKräfte
ö können, ba Id als wirkende
i
f
ä
i
edelen
Aspekte d deutchiedenen
i
ee daß i diese
Diese
ehalten n werden können.
i
ö
lich auseinanderg
derschake
Ha
Eigentümlichkeit der älteren Philosophie ist auch bei
beGradea
i
i zu einem gewissen
pedok
wn
noch bis
Empedokles
„erkannt“ werde, also nur
aufgesele wird, daß nur Gleiches
ÀMedicine, Essays
andes
History and
, History
Science
5
Vision.
. In In: Science,
Visionin:
of | Va
Theory
7 he vel
Gleichem
Sie
1
Trockenes von
von Warmem, 7Kaltes von Kaltem,
N
des Hasses
Kälte
die
täten, wo die Wärme der Liebe,
a
i
i
usw. | nur voll empfunden werden, wo ihnen ein
rockenem, Feuchtes
Trock
Feu
von Feuchtem, was am leichi
H
testen zu verstehen ist bei den emotionalen Qu alivon
Pam
ier d das
Wier
an
empedowenn
ist dies in der
dungen,
Am deutlichsen
den Sinnesempfin
wahet, Le
a
i
sin treten nun jedoch bei Empedokles weitere
gen
aie
1
teilwei
ebenfalls an ,4ältere
ie teilweise
die
zi ungens fen
i
Differenvier
und
diese
weiterführen
teilgi
.
a £ 7 neue Gedankengänge und Prore Talon de dann auch in der Philosophie der
: Zak cine beherrschende Rolle spielen. Es
Par den
i von den
le alten
i
daf die
vane icsich
früher gezeigt,
h
en en” angenommenen Urgegebenheiten bald
„Pva Form won Stoffen wie Erde, Wasser, Fever
und Luft, bald in der Form von physischen Quali
nicht so schr vor allen Dingen, sodern in llen
Bi
zimenes werden sie damit zu Urgegebenheiten, die
=
hjdie dre nebst der Luft selbst als gleichberechtigte
ins
nebeneinander, die er 6Cdpata
dita
i
i
„Wurzeln
Jeden“ oderals bei
einesentschiedener
es
Ale Din gr
en
nennt. Noch
+ Ana”
des X a, hanes widersprochen hätte. Daher setzte
füllten i ns Parmenides und in gewisser Weise schon
ü
tillen Seins aus einem weniger er-
Einpedokle nicht annehmen, da darin die Annahme
k oder
ienden
nden oder vergehenden Seien:
i
ne fi jn ch Verdichtung und Verdünnung konnte
?
en enden en zeitlih am Anfang steht, eine
€
als physische und als emotionale Qualifeinne
vereinigt sind. nagesen aefie w kenden Kafe
zene on
,
Cenc
dem Vorbi
nach
alles durchwirkendes Prinzip angeserzt hat > as
können. Dem liegt ganz offensichtlich der Gedan
ke
zugrunde, daf nichts aus nichts entstehen kann.
In
gewisser
Weise
war
diese
Vorste
llung
implici
te
schon
bei den drei alten Naturphilosophen Thales,
Anaximander und Anaximenes gegeben, wenn
diese alle
— im Gegensatz zu Hesiod, der zuerst
das Chaos,
an ven Nebel, andererseits das Feuer hervorvveangen ssien durch deren mannigfache Wirkungen
didie uns u mi
Fü der Dinge,
ie ülle
ein.
i
res om abel war unverschens aus der
davon
nu mehrVor
erkennen kann, m
ir
seinen Wirkungen
abgetrennt und se san Fe 5Fi ache
n
Versuch gemacht wird, sie in eine
den Forderunge
diesen Bemühunmen haben’s,
so
sind
die
Bemü
hung
en
der
Folgezeit
zunächst vor allem darauf gerichtet, das
Ergebnis des
parmenideischen Denkens, daß nichts
entstehen und
nichts vergehen
könne
,
mit
dem
Augen
schei
n
in Einklang zu bringen, der uns von lauter entst
ehenden
und vergehenden Dingen umgeben zeigt.
Dabei ist
i
die den Dingen allerzeit
pew
in eworden,
Tr enheie
entstanden
sie nicht nur
dem
an
als as UrUrpTinzip 4 aus sie
letzterdings
auch bestehen,
hatte, Das neue ist nur, daß Xenophanes
diesen
Grundsatz nun auch ausspricht und in einem
Argument verwendet.
es sehr interessant zu sehen, wie bei
gen
die
versc
hiede
nsten
Eleme
nte
der
vorparmenideischen Philosophie aufgenommen werde
n und der
wg
Sehr interessant fiir den Gang er
wieder
nunnme
m
ind
lichen“ pass ing
i
des „wissenschaft
dann die Erde usw. entstehen ließ — angenommen
harten, daß die Urgegebenheit, aus der alle
andern
Dinge
entsta
nden
sind,
sei
dies
nun
das
Wasser, das
Apeiron oder die Luft, seit aller Ewigke
it existiert
des parmenideischen Denkens entspreche
nde Welterklärung einzubauen,
ne lee
ne hun von Erde, Wasser und Feuer aus
An dieser Stelle ist nun der in der antiken
Philosophiegeschichte überall behauptete und erst von
den
neuer
en
gelege
ntlich
geleu
gnete
Verkn
üpfun
gspunkt
zwischen Xenophanes und der von Parmenides
von
Elea inaugurierten sogenannten eleatischen
Philosophie
zu
finden
.
Nur
ist
Parme
nides
allerd
ings unvergleichlich viel radikaler. Xenophanes hatte
gesagt, daß das Stärk
ere
nicht
aus
dem
Schwä
cheren
hervorgegangen sein kann, weil das Schwä
chere die
Stärke nicht in sich haben kann, die es
dem Stärkeren mitgeben könnte, woraus sich ergibt,
daß erst
recht nicht ein Etwas aus einem Nichts
entstehen
Die nächstliegende
Erklä
rung
war
dann
wohl, allerdings im Gegensatz zu Parmenides
selbst”, anzunehmen, daß es verschiedenartige „seie
nde“ und also
weder entstehende noch
verge
hende
Gegeb
enheiten
gebe, und daß das Werden und Vergehen
durch Mischung und Entmischung dieser Grundforme
n des
Seienden zu erklären
sei.
Diese
r
Weg
der
Erklä
rung
ist denn
auch
von
Empe
dokl
es
von
Akrag
as (ca.
490/485 bis ca. 430/25) und von Anaxa
goras (ca.
500 bis ca. 430) von Klazomenae, der nach
Angabe
des Aristoteles
älter
war
als
Emped
okles
,
aber
seine
philosophischen Werke später als dieser verfa
ßt har,
zu
Thales, Anaximander und Anaximenes
über die
iker“
okles offeneingeschlagen worden. Dabei har Emped
kundig an die Spekulationen der alten „Phys
kann. Parmenides hämmert in imme
r neuen Wendungen seinen Hörern oder Lesern den, Geda
nken
ein, daß aus einem Nichtseienden kein
Seiendes her-
APXH, d. h. den Ursprung der Welt, angek
nüpft,
vorgehen, aber umgekehrt auch kein Seien
des
stehen oder vergehen könne, daraus gewor
den ist.
Die Entwicklung dieser
Speku
latio
nen
war
ja
so vor
Sich gegangen“, daß zunächst der Versuch
gemacht
zu behandelnden Probleme die Philosophie des
Parund es ist interessant zu sehen, was
unter dem
Zwang des neuen Gedankens, daß kein
Seiendes entseiende oder das Nichts, eben deshalb weil
es Nichtseiend ist, schlechterdings nicht gibt.
Es ist unmöglich, in dem Zusammenhang
der hier
die Welt, in der wir leben, mit ihrer Vielh
eit von
Dingen hervorgegangen sei, ohne daf
dabei die
Frage gestellt wurde, wie man sich denn
dieses
einem Nichtseienden, also kein Seien
des zu Nichts
oder zu nichte werden kann, weil
es das Nichtmendides,
die
unter
ande
rem
wohl
auch
mit
den
Sinn
gehabt hat, die Menschen, die sich vor dem
Nichts
und vor den negativen Dingen fürchten,
darüber
aufzukläre
n,
daß
nichts
,
das
„ist“,
aus
dem. Sein
herausfallen kann und daß, da es kein
Nichts gibt,
sondern alles sozusagen prall mit Sein gefüllt
ist, es
eigentlich
auch
nichts7 Negatives geben kann, im ein.
.
zelnen zu interpretieren
° und zu analysieren, was
eine eigene umfangreiche
Abhandlung erfordern
würde, Es muß genügen, die
ungeheuren Folgen zu
:
„>
berrachten, die der Gedanke des
Parmenides in der
unmittelbar auf ihn
folgenden Epoche für die Bemühungen um eine „wisse
nschaflliche“ Erkenntnis
\
en
der Welt gehabt hat, wobei dann einige
in diesem
Zusammenhang wichtige Aspekte
der parmenide.
ee
:
ischen Philosophie ohnehin in
ein helles Licht treten
werden.
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)K. von Fritz: Der Beginn univer
salwiss enschaftlicher Bestrebungen
mannigfaltige Weise hervor. Im
Gegensatz zu dem
Gott des Xenophanes, der vóou peeol
zóvra xgadatver
d. h. durch die Entscheidungen seine
r Einsicht alles
vollbringt, erscheinen sie als „blin
de“ physische
Krafte vor allem in Empedokles’
Erklärung der
Entstehung der Lebewesen, wona
ch bei dem Prozeß
der Mischung oder Entmischung zuers
t einzelne Glieder enstanden®, dann auch Lebew
esen, in welch
en
die Glieder mannigfacher Lebewesen,
wie wir sie
kennen, in unharmonischer Weise mitei
nander ver-
Slnigt waren, Wesen mit dopp
eltem Gesicht
und der Primar der Griechen
Studium
General:
des Physischen mit dem Emotionalen
gewahrt, während zugleich — das wird sich für
die folgende Entwicklung als sehr wichtig erweisen —
die wirkenden
Kräfte nach der physischen Seite
hin auf ganz einfache rein kausale Wirkungen besc
hränkt werden.
Abgesehen von den bisher analysiert
en Gedanken
in denen sich Begriffe und Vorstellun
gen, die in der
modernen Wissenschaft eine grun
dlegende Bedeutung haben, zum erstenmal mehr
oder minder deutlich abzuzeichnen beginnen, ist die
Philosophie des
Empedokles noch in zwei anderen
Richtungen für
die Entwicklung „wissenschaftlichen“
Denkens bedeut
oder
doppelter Brust, kuhgestaltige Wese
n mit menschlichem Kopf oder Gesicht oder Oberk
örper, Mensam geworden. Das erste ist,
schen mit Ochsenköpfen und ähnliche Ding
daß bei Empee™ von dokles das
Problem der menschlichen Erkenntn
denen aber nur diejenigen, die harmo
nisch zusam- und
is
dami
t
implizite naturgemäß auch der wisse
mengefügt weren, sich erhalten und,
wenn sie mit schaftlich
nen Erkenntnis in einer Form auftritt,
harmonierenden Fortpflanzungsorgane
in der
n versehen
ishi
waren, sich fortpflanzen konnten.
sam
dese Vorellnge auch sind,
So doch
wird, so selt5 ons Dis hierher noch nicht begeg
der aus ve
n bei den Nachfolgern des Hekat
net war,
rein ausalen Denkweise, wenn sie sich
aios in dem
mit des
ersuch, Punkte auf der Erdoberfläche
in ihrer Lage
Vorstellung einer Entwicklung der Welt
als Ganzem Dunander genau zu
bestimmen oder bei den
verknüpft, fast mit Notwendigkeit
sich ergebende Pythagoreern bei
ihren
Versuchen, die den Din en
Geda
nke
der
Entst
ehung
„survival“, wenn nicht „of
derthe
Tierg
atrun
aus dem
„runen
fitte
deund
st" gen
legefestz
se doh
ndenulege
mathe
of “tmm
matis
chen Seruk
n®,
die Frage
the fi, d. h. der erhaltungs- und
aufgeturen
tretenrube
war
fortpflanzungs- ob und wie weit
die hier der wissenschaftlichen Ana
fahigen, vorweggenommen.
lyse zugrunde liegenden Strukturen wirklich in den
Dingen liegen oder ihnen vom Mens
Auf der andern Seite erscheint die Liebe
chen aufgelegr
bei Empedokles doch auch als die emotionale
Kraft, welche
die Lebewesen dazu treibt, sich durch
Fortpflanzun
miteinander zu vereinigen, und sie wird ganz
wie die
menschliche Liebe in dichterischen Worten
als sanft
mild, freundlich, untadelig, herrlich usw.
gepriesen®s,
werden, um sie fiir ihn erkennbar
zu machen oder
eines Wirkenden aufgetreten war,
das mit den
wenn bei Xenophanes die Frage der
Erkennbarkeit
Sinnen nicht wahrgenommen werden, sonde
rn nur mittelbar aus seinen Wirkungen
erkannt werden
kann
®, so war dabei doch immer die still
während der Haß mit Beiwörtern wie schrec
schweigende
klich, und als sich von selbst
verstehend gar nicht diskuverderblich, belegt wird®, obwohl er doch,
als phy- tierte Voraussetzung beste
hen geblieben, daß die unsische Kraft betrachtet, für die Weltentste
hung nicht mittelbar wahrgenommen
en Dinge in der Wahrnehweniger notwendig ist als die Liebe, da ja
die Welt mung so gegeben sind,
wie sie wirklich sind. Das
sonst in dem Zustand der vollkommenen
Mischun
Prinzip, das Gleiches durch Gleic
aller Elemente verharren würde und die
hes erkannt werde
Manis, das bei Empedokles in einer
Form auftritt, die es als
faltigkeit der Dinge und Lebewesen nicht
entstehen äußerst wahrscheinlich
erscheinen läßt daß es nicht
könnte. Das zeigt von neuem, daß in
der alten Zeit yon ihm zuerst aufge
stellt worden ist "sondern älter
die Bezeichnung emotionaler und ‚physi
scher‘ Quali- ist, wurde dabei offen
bar zunächst durchaus nicht als
tâten mit denselben Worten wie
warm und kalt Einschränkung der
Erkennbarkeit der Dinge empkeine metaphorische Übertragung von
einem Gebiet funden. Im Gegenteil:
da dieselben Stoffe-Qualiauf ein anderes Gebier bedeutete,
sondern diese
tâten-Kräfte, welche die Welt
wirklich als identisch empfunden wurde
außer uns konstin. So bleibt tuieren, auch in uns
sind, schien durch dieses Prinbei Empedokles trotz der Abtrennung
der nicht un- zip die unmittelbare Erken
ntnis dieser Dinge in der
mittelbar sichtbaren, nur aus ihren
Wirkungen erWahrnehmung garantiert, ohne daß
kennbaren Kräfte von den stofflichen
das Problem
Dingen und der Empfindung oder
des Bewußtseins als solches
den mit ihnen immer noch als identi
sch erscheinen- auftrat. Selbst die
Philosophie des Parmenides
den Qualitäten doch auf beiden Seite
n die Identität deren Ergebnis, daß
nichts entsteht und nichts vergeht, daß alles eins ist und daher auch
® Vgl. Diels/Kranz 31 B 57/58.
keine Bewe“Vgl. Ibid. 31 B 59—61.
® Ibid. 31 B 35, 10.
“" Ibidem 31 B 22, 6/7; B
272; B 109,
3.
F7 Vgl. oben S, 554 ff,
55 Vgl. oben S. 561 ff.
” Vel. oben S. 565 ff.
Jahrgang 14
Heft 10 (1961)
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen
569
gung stattfinden kann, dazu zwang, der wahren _ derte Wahrnehmung der Dinge, wie sie wirklich
Wele (des unveränderlichen Seins) eine werdende sind, verbürge. Dadurch werden weiterreichende
Folgerungen aus der Tatsache, daß die Wahrnehund vergehende Welt der bloßen 80&, des Meinens
und Wähnens, gegenüberzustellen, hat bei einigen mung und Wahrnehmungsfähigkeit bei verschiedeseiner Nachfolger, wie eben Empedokles, so sehr nen Lebewesen verschieden ist, vermieden, obwohl
ihre Welterklärung durch ihn beeinflußt worden ist, Empedokles andererseits darauf hinweist, daß eine
daran doch nichts Wesentliches geändert. Ja, es ist Koordination der verschiedenen Wahrnehmungen
Empedokles sogar gelungen, mit Hilfe dieses Prin- zu einer tieferen Erkenntnis der Welt als Ganzem
zips die Erkenntnis der nicht mit den Sinnesorganen schwierig ist®, ganz abgesehen von der fundamentalen Täuschung, der fast alle Menschen unterliegen,
wahrnehmbaren wirkenden Kräfte, die bei Xenophanes als ein von der Wahrnehmung ganz Ver- indem sie glauben, daß es ein wirkliches Werden
und Vergehen gebe, während es doch nur Mischung
schiedenes erschien, dieser wieder anzugleichen, indem er erklärte; „durch (sc. die in unseren Sinnes- und Entmischung gibt
Aber schon zu Empedokles Lebzeiten sollten die
organen vorhandene) Erde nehmen wir Erde wahr,
Fragen, die hier angeschnitten sind, in einer viel
durch Wasser Wasser, durch Äther Äther, durch
radikaleren Form wieder auftauchen ®, Der zweite
Feuer Feuer, durch Liebe Liebe und durch Haß
bedeutsame Punkt ist — abgesehen von einer Fülle
Haß“, wobei er sich jedoch durchaus bewußt ist,
daß die Wahrnehmung mit Hilfe der Sinnesorgane von mehr oder minder wissenschaftlichen Erklärungen von Einzelphänomenen, die nichts Prinzipielles
eine andere Art der Wahrnehmung ist, als die von
haben und daher hier nicht interessieren — der
Liebe und Haß, die er daher dem vöog zuschreibt®.
Der eigentliche Anstoß zu dem Neuen kam von Versuch der Erklärung gewisser typischer Vorgänge
einer anderen Seite: nämlich von der empirischen durch auf den ersten Blick weit entfernte ErscheiBeobachtung, daß die Wahrnehmung und Wahrneh- nungen, wobei die Vermutung naheliegt, daß das
mungsfähigkeit bei verschiedenartigen Lebewesen zur Erklärung dienende Phänomen durch experiverschieden zu sein scheint. Das Beispiel, welches da- mentierende Wiederholung nachgeprüft wurde, obfür in der indirekten Überlieferung angeführt wohl dies nicht unmittelbar ausgesprochen wird
wird?®?, das aber nicht das einzige gewesen zu sein oder überliefert ist. Das eindrucksvollste Beispiel
dieser Art® ist die Erklärung des Ein- und Ausbraucht, ist dies, daß manche Lebewesen bei Tag
atmens durch ein Zurücktreren des im Körper (in
besser sehen, manche bei Nacht, Das wird daraus
erklärt, daß diejenigen, die bei Tag besser sehen, den Lungen?) befindlichen Blutes nach unten, woverhältnismäßig wenig Feuer in ihren Sinnesorga- durch die Luft, da es keinen leeren Raum gibt,
gezwungen wird, in den Raum einzuströmen,
nen haben. Ist nun draußen viel Feuer (= Licht),
so werden alle Feuerteilchen im Auge aktiviert und
das Sehen ist nicht beeinträchtigt; ist dagegen draußen wenig Licht und trifft nicht alles Licht, das ins
Auge kommt, auf Teilchen, die es wahrzunehmen
vermögen, so ist die Wahrnehmung beeinträchtigt.
Diejenigen Lebewesen dagegen, die viele Feuerteilchen im Auge haben, können auch das wenige Feuer
oder Licht noch wahrnehmen, weil nichts davon der
Wahrnehmung verlorengeht. Dagegen haben wieder diejenigen Lebewesen, die viel Feuer im Auge
haben, zu wenig von den andern Elementen, so daß
ihre Wahrnehmung bei Tage, wo von draußen soviel Licht, aber weniger von den andern Elementen
ins Auge kommt, beeinträchtigt ist. Empedokles
zieht daraus die Folgerung, daß eine möglichst
gleichmäßige Mischung der Elemente in den Sinnesorganen am besten sei, d.h. eine möglichst unverän% Diels/Kranz 31 B 109.
™ Ibidem 31 B17, 21. Für eine genauere Analyse der Rolle
des vóog bei Empedokles, die hier wegen Platzmangels nicht
gegeben werden kann, vgl. die Fortsetzung des in Fußn. 65
zitierten Aufsatzes in Classical Philology XLI, pp. 13 ff. (1946).
®2 Diels/Kranz 31 A 86, 8/9; vgl. auch ibid. B 95.
während sie, wenn das Blut wieder nach oben steigt,
wieder zum Ausströmen gezwungen ist, Dies wird
erläutert an dem Beispiel einer Klepsydra, die oben
und unten geöffnet ist, in die aber, solange man die
obere Offnung mit der Hand zuhält, wenn sie mit
der unteren ins Wasser getaucht wird, kein Wasser
eindringen kann, weil es von der Luft zurückgehalten wird, aber sofort eindringt, sobald man die Luft
durch die obere Offnung entweichen läßt, während
umgekehrt, wenn man nun wieder die obere Offnung zuhält und die Klepsydra teilweise aus dem
Wasser zieht, das Wasser nicht aus ihr weicht, bis
die Luft von oben oder unten Zutritt erhält und
das Vacuum ausfüllen kann. Dabei ist interessant,
daß abgesehen von dem sneziellen Phänomen des
Aus- und Einatmens, welches die Beobachtung an
oder das Experiment mit der Klepsvdra erklären
soll, dieses Experiment auch zur Bestätieung der allgemeinen Voraussetzung, daf es keinen leeren Raum
B Vel. Dicls/Kranz 31 B 2.
% Ibidem B 8.
% Vgl. unten S.573 ff.
B Diels/Kranz 31 B 100.
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)K. von Fritz: Der Beginn universalwissenscha
Studium
Generale
Generate
oder
seine Experimente zu unterbauen, wie ja zu gleich
er Zeit
auch die
von denselben parmenideischen Prinzi
pien aus
wie
nommen, infolge wovon das Experiment
ieren erst
im
dritte
n
Jahrh
under
t
v.
Chr.
in
einer
für die Entwicklung der Wissenschaft bedeutsamen
Weise wieder aufgenommen worden ist!01,
Der von Empedokles Zeitgenossen Anaxa
goras
unternommene Versuch einer universalen
und in gewissern Sinn wissenschaftlichen Naturerklärung
ging
e Richtung gefolgenden Zeit zunächst eine ander
experimentelle Nachprüfung von Theor
ien daraus
ergebe
n,
ganz
analo
g
zu
dem
Vorga
ng,
wie die Versuche, die pythagoreische Theorie der arith
metica
universalis an imme
r
neuen
Gegen
ständ
en
durchzuführen, durch die überraschende Entde
ckung der
Inkommensurabilität zum Umsturz der
ursprünglichen Theorie gefüh
rt
haben
.
Tatsä
chlic
h
hat
dann
freilich das griechische Denken in der unmit
telbar
worden wären, zweifellos ganz von
selbst
mente mit toner
zeuge
nden
Instr
ument
en
angestellt
haben mug!0, Dabei liegt der Ton freili
ch zunächst
durchaus auf der Unterbauung, nicht
auf der Nachprüfung der Theor
ie
durch
das
Exper
iment
. Doch
hätte sich, wenn diese Ansätze weite
r entwickelt
wenig später Hippasos von Metapont
filicher Bestrebungen und der Prima
t der Griechen
(der ein Nichts wäre, das es nach Parme
nides nicht
geben kann), gibt, dienen könnte.
Hierher gehört auch die freilich, wenn Aristo
teles,
der sie berichter, die Meinung des Empedokles
richtig verstanden hat, seltsame Erklärung?”, wieso
es
komme, daß die Erde sich nicht von ihrem Platze
in
der Mitte des
Kosm
os
beweg
e,
aus
der
schnel
len
Kreisbewegung der Gestirne um sie herum
: sie
bleibe an ihrem Platze wie das Wasser in einem
Gefäß, das im Kreis herumgewirbelt wird,
in dem
Gefäß an seiner Stelle bleibt, auch wenn das
Gefäß
oben und das Wasser unter ihm ist. Wenn das
Experiment erklä
ren
sollte,
waru
m
die
Gestir
ne
nicht
auf die Erde fallen, wäre es schr viel bemer
kenswerter. Aber auch wenn, wie doch wahrsc
heinlich
ist?®, die Interpretation des Aristoteles
zutreffend
ist, ist die Verbindung weit auseinanderl
iegender
Erscheinungen zu einer Erklärung bemerkensw
ert,
Am eigent
ümlich
sten
ist
jedoch
das
dritte
überlieferte Beispiel®®, weil hier die Theorie, die bestät
igt
werden soll, völlig richtig ist und die Beoba
chtung,
die zu ihrer Begründung dienen soll, am deutli
chsten
von
allen
berich
teten
Fällen
Exper
iment
charakter
hat, weil aber nach heutigen Kenntnissen
ganz unerklarlich ist, wie das Experiment gelun
gen sein soll.
Hier lauter die Theorie, daß das Salzw
asser des
409 Vel. oben S. 557.
derjenige des Empedokles: nur hat Anaxa
goras
diese Prinzipien radikaler genommen
und ist dadurch zu etwas abweichenden Resultaten
gelangt!?2,
das Gefäß mit
richtig. Das Ex-
Meere
s
„Süßw
asser
in
sich
enthal
te“
und daß die
Fische durch die Poren ihrer Haut nicht Salzwa
sser,
sondern Süßwasser in ihren Körper aufne
hmen.
Das letztere ist, wie gesagt, völlig
periment aber lautet, daß, wenn man ein
leeres aus
Wachs bestehendes Gefäß ins Meer verse
nke und
nach 24 Stunden wieder herausziehe,
Süßwasser gefüllt sein werde. Nun har
man sich
gerade in neuester Zeit aufs äußerste um
die Erfindung einfac
her
Metho
den,
aus
Meerw
asser Süßwasser zu gewinnen, bemüht, bisher
aber keinen
Stoff gefunden, sei es Wachs oder einen ander
en, aus
dem man ein Gefäß herstellen könnt
e, mit dem der
bert Grosseteste and che Origins of Experimental
York
1949, das schon im Vorwort leicht als unrichti
g, um nicht zu
sagen unwahr, nachzuweisende Angaben tber die
Einschätzung
dieser Arbeit durch andere Gelchrte enthält.
von F. M. Cleve, The Philosophy of Anaxagoras, New
Physical Theory of Anaxagoras in: The Philosophical
Review
LIX, p.31 ff. (1950). Zu warnen ist dagegen vor
dem Buch
sehr klaren und sorgfältigen Aufsatz von G. Vlastos,
The
Oxford 1953, und den interessanten
Aufsatz
von A. Koyré,
Les origines de la science moderne, int Diogtne
1956, Nr. 18,
p.2ff.). Daß sie auf dem Experiment basiert,
unterscheidet die
moderne Wissenschaft ganz wesentlich von
der antiken, in der
es darin nur zu Ansitzen gekommen ist.
Aber
das zitierte Buch
von Crombie zeigt auch im einzelnen, daß
die Entwicklung der
modernen Experimentalwissenschaft ohne
die in der Antike
ausgebildete Methode der Gedankenkonstr
uktionen nicht möglich gewesen wäre. Val. auch unten S. 580 u.
Teil II, Heft 11.
1% Die Fragmente des Anaxagoras bieten der Interpre
tation
im einzelnen außerordentliche Schwierigkeiten.
Auf diese hier
genauer einzugehen, ist unmöglich. Ich verweise daher
auf den
Science,
101 Ansätze zu einer experimentiere
nden
Wissensc
haft finden
sich im Altertum außer bei Empedokles
vor allem bei dem
Peripatetiker Straton von Lampsakos (ca.
340 bis ca. 270
v. Chr), bei Archimedes (ca. 285 bis
212 v.Chr.) und bei
Heron von Alexandria, der vermutlich in
der
Kaiserze
it welebr
hat, dessen Werk aber zum größten Teil
eine Kompilation
älterer Errungenschaften darstellt. Diese Ansätze
sind im Alterzum jedoch nicht weiter entwicke
lt
worden.
Als
systemarische
Kombination
von gedanklicher Konstruktion und Beobach
tung,
die dann zu einer systematischen „Befragung“
der Natur unter
speziellen auf Grund der Gedankenkonstr
ukrior a hergestellten Bedingungen ausgebaut wurde,
hat
die
experim
entelle Wissenschaft am Ausgang des Mittelalters mit
Robert Grosseteste
einen yanz neuen Anfang genommen (vgl. A.
C. Crombie, Rodurch ihn und
Versuch ein im Sinne des Empedokles
positives Ergebnis hätte, obwohl die
Mögli
chkei
t
der
Existenz
eines solche
n
Stoffe
s
nicht
auf
Grun
d
allgemeiner
Gesetze geleugnet werden kann. Aber
was immer
es mit dem angeblichen oder wirklichen
Experiment
des Empedokles für eine Behandtnis haben
mag,
daran kann kein Zweifel sein, daß
B 13, 295,
zu seiner Zeit die ersten tastenden Versu
che unternommen worde
n
sind,
Theor
ien
zur
Erklä
rung
von
Phänomenen des Naturgeschehens durch
Experi-
™ Dicls/Kranz 31 A 67 aus Aristoteles de
caelo
13 ff.
*6 Da bei Empedokles
die
Gostirne
aus
Feuer
bestehen und
das Feuer ein leichtes Element ist, konnte fiir
Empedokles das
Problem, warum die Gestirne nicht auf die
Erde herunter
fallen, kaum entstehen.
® Diel/Kranz 31 A 66.
Jahrgang 14
Heft 10 (1961)
571
nun, wie Anaxagoras diesen NOYE in
a
seinem Welterklärungssystem verwendet, ist ganz
Prinzipien, sondern nur eines. Dieses findet er in
Um diesen einlinigen und einmaligen Proze I
Bewegung zu setzen, braucht er nicht wie Empe 9
kles für seinen doppelten Prozeß zwei bewegende
der unterscheidbar werden, unendlich weitere en.
Verteilung der Ingredienzien in den Dingen ie
Stoffe und Qualitäten für den Menschen yoneinanscheidbar voneinander waren?®®, und dann den rozeß der Entmischung, in dem durch verschiedene
blems des unendlich Kleinen und des Problems der
menschlichen Erkenntnis ist die Funktion, die
Anaxagoras in seinem Versuch der Welterklärung
dem NOYZ zugewiesen hat. Da es für Anaxagoras
keinen Zustand der vollstandigen Entmischung ge
so kann es für ihn auch nicht wie für Empedok es
ein Hin- und Herpendeln der Weltentwicklung zwischen einem Zustand völliger Mischung und einem
Zustand völliger Entmischung geben. Folglich is t
er die Weltentstehung mit einem Zustand völliger
Mischung beginnen, in welchem alle Dinge ununter-
Primat der Gr echen
de Primat
und d der
gi
universalwissenschaftlicher B Bestrebungen
Bezinn
5
K „von F Fritz:: Der Der Begi
Wahrscheinlich weil auch die empedokleischen Le
ae
mente sich faktisch ineinander zu verwandein : tie
nen, hat Anaxagoras die Theorie abgelehnt, Ri lies
andere durch Mischung und Entmischung deser Dr
die unwandelbaren Urelemente seien, wahren
Prinzipien nichts wirklich entstehen oder verses en
elemente entstehe. Da nach den parmenideis pen
kann, aber dem Augenschein nach alles aus ; em
ia
entstehen kann, nahm Anaxagoras an, daß aes
allem enthalten sein müsse!®. Daraus ergab sich eine
;
Reihe von Folgerungen: 1. daß alle Dinge aus unendlich kleinen Teilen zusammengesetzt seın müssen
da sonst nicht in dem kleinsten Teil eines Sraffes
noch Teile aller andern enthalten sein können
2. die Unmöglichkeit eines Zustandes völliger Eee
mischung, wie ihn Empedokles als Endergebnis ler
einen der beiden einander abwechselnden We pero
den angenommen harte!®; 3. daß jeder Stet pes
nicht als das erscheint, was er ist, sondern on as,
wovon er proportional am meisten in sich enthäl 3 .
Dadurch erscheinen zwei Probleme, die auch anderas
weitig aufgetreten waren, unter einem etwas neun
uns bisher nur in der Form des Problems der won
Aspekt: das Problem des unendlich Kleinen,
außerordentlich interessant. NOYE bedeutet in der
ältesten griechischen Sprache die Fähigkein, eine
die
Zu-
Zeit mit Wörtern, die von dem Stamm ggev al geleikunft und des Planens. Dagegen wird Erkennen
die sich unmittelbar in Handeln umsetzt, in fie
Erkenntnis, allenfalls der Vorausschau in
so tiefer in das Wesen der Welt einzudringen 3 s
durch die bloße Wahrnehmung. Doch bleil t der
NOYE bis zu Anaxagoras eine Fähigkeit der zeinen
ras, die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen un
Situation als Ganzes zu erkennen oder zu us
schauen!®. Daraus wird in der ältesten griechis en
Philosophie, also bei den Vorgängern des Anaxagolichen Teilung begegnet war, in der Form des Problems der Zusammengesetztheit von Dingen aus
unendlich kleinen Teilchen!®’, und das Problem der
Möglichkeit einer dem Gegenstand adäquacen Er
kenntnis. Hier gilt auch für Anaxagoras noch, af
— abgesehen von der auch von Empedokles ange
nommenen Täuschung über das Werden und Nú
gehen, die in Wirklichkeit nur wechselnde Mis un
gen sind — im wesentlichen die Dinge (Stoffe un
Eigenschaften, bzw. Stoffeigenschaften) ‚einfach, a
das wahrgenommen werden, was sie wirklich sind.
ter sind, bezeichnet. So sagt Xenophanes von seinem
Gott, indem er beides verbindet, daß er vou pgeal
A
108 Diels/Kranz 59 Bl: zat aéviwv ôuoÿ bóvrwv ovdev
un
Evönkov Av zòind ox érntos.
di in Fußn. 65 u nd 91 zitierten
zot Vgl. darüber genauerr die
|
Aufsätze.
ne Vgl. Dicls/Kranz 59 B12: Hier scheint der Sate wat
énoîa Epehhev Éceoda zal dxoia Tv, äooo. or bor ie \
Boa viv ton zei dxoia Écrut, da, wenn der ext der ne
richtig ist, vor stóvra Òuaxóounoe vois kein weitere xa : he
zu dem folgenden gezogen werden zu Hu 5 is ef
na
inn mad
Aber dem Sinn
zu bezichen.
i
das Ordnen aller Dinge
muß er mindestens auch zu dem Vorangegangenen gehören,
wo von dem Erkennen des NOYT die Rede
zu sein. Er erkennt alles, das Gemischte ad A
Ungemischte, wie es war, ist und sein wird!!®, Au
a
xavta xgadaiver (durch die Entscheidungserkennttis
Aber da jeder Stoff nur als das wahrgenommen
wird, was proportional am meisten in ihm vor an
den ist, so ist die Adäquatheit der wahrnehmen. en
eines NOY® alles lenkt). Bei Anaxagoras ist de
Charakter des NOYE als Erkenntniskraft gewa. re
Im Gegensatz zu allen andern Dingen mischt er sic
mit nichts, Dennoch scheint er überall segenw arts
Erkenntnis doch schon sehr wesentlich vermindert.
Bedeutsamer noch für die Entwicklung gewisser
Charakteristica und Folgen des wissenschaftlichen
Denkens als diese beiden neuen Aspekte des Pro-
Frage des Verhältnisses
ierige
schwierige
i
i außerordentlich
103 Die
der Kräße-Qualitäten wie des Warmen und Kalten, Trocken
d Feuchten, Hellen und Dunklen, ete, zu den toffen
Fleisch Blut "Haare Nigel etc., die Viastes in dem fine
kann hier nicht erörtert werden.jehand
behandelt,
eine,
satz eingehend
fsatz
Deck ist ‘hrs Lösung fiir die oben gegebene Analyse der Grand:
r
prinzipien des anaxagoreischen Denkens nicht von wesen
bee va Diels/Kranz 59 B 3. Es ist interessant, daf dre
1 it nicht von einem unendlich Kleinen
goras in "Wirklichke
spricht, sondern vielmehr sagt, es gebe unter dem Kleinen kein
ein
imme r noch
i
s Kleinen
Kleinstes, sondern zu jedem noch so
Kleineres.
B 6.
108 Diels/Kranz 59
198 Ibidem 59B 12 am Ende.
wr Vgl. darüber auch Teil II in Heft 11.
Pagina 14
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Studium
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der Griechen
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adurch zu besei
dem, 8 emäß
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zwei
Raum. ser
Er
Urge:
Beg eben-
-
erfülltem Raum zukommen mußten, und
sich, nachdem Leukipp die ersten
Schritte zu
sehen, in
i der wir leben, in irgendeiner Weise darwie ite: Des zweiten Teils
dieser Aufgabe
doch di
.
aben
lassen, die ihm als erfüllt em R Raum und
als Zufül
nichts
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ciende alle die und nur die Eigenschaf
„THÖTer Kaum gedacht werden
kann. D
eigentlich Set ergab sich ein doppeltes Problem: das
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hei
heiten, dem leere:
wahres Nichts et
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ein
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gibt, Weise
; das es aber dennoch
und
gibt,
wahren Seiend
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.ichts“ (8&v
elenden, das er auch auch „ichts“
gag:
i
oddév) genannt hat,> und und das im
leeren Raum nur als erfüllte R eeen zu dem
1 tersch:1 ed
un
Weise doch :gebe,
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und dem Erkennenis
gen der veredenen Lebewesen nicht ganz eind
äußert zu haben.
eindeutig und deutlich ge.
T° Platon, Phaidon 97 Bf,
aay den)
K. vón Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebun
gen und der Primac der Griechen
573
18 Vgl, Diels/Kranz 68 B 9.
no Vel. ibid. 68 A 135, 65 f.
A 135, 73 ff. und zur
10 Zum Folgenden vel. ibidem 68
Interpretation des schwierigen Textes die in Fußn. 81 zitierte
Arbeit, p. 95 ff.
den Atome abgeleitet werden konnte. Da es sich
Farbempfindung daher auch nicht einfach aus der
Gestalt der den farbigen Gegenstand konstituierenmit dem Sinnesorgan in Berührung kommen, die
in den Körper eindringen, den scharf sauren aus gewinkelten und keilförmigen, die beim Eindringen
eine zusammenzichende und gewaltsame Wirkung
ausüben, den bitteren aus glatten gerundeten Atomen mit unregelmäßigen Rundungen und Ausbuchtungen, so daß die Atome sich glatt ineinanderfügen,
weshalb der bittere Geschmack auch meistens den
Eindruck von etwas Leimigem hervorrufe, usw. Die
Farbenempfindung!?® dagegen bedurfte einer etwas
andersartigen Erklärung, da hier die als farbig
wahrgenommenen Gegenstände nicht unmittelbar
den süßen Geschmack aus runden Atomen, die sanft
die mikroskopische Gestalt der Dinge am unmittelbarsten gegenwärtig zu sein schien. So erklärte er
offenbar von den Tastqualitäten aus, weil in ihnen
also notwendig, diese aus ihren wirklichen Qualitäten
nach Möglichkeit abzuleiten und dies zugleich zur Gewinnung eines tieferen Einblickes in die Struktur der
Dinge zu benutzen. Es ist höchst interessant, wie Demokrit bei diesem Versuch verfahren ist. Er ging
noch sonstige Sinnesqualitäten besitzen!!®, Es war
sie an sich weder Geschmack noch Geruch noch Farbe
tigt zu haben scheint. Da die Atome ihrem Wesen
nach nichts waren als erfüllter Raum, so konnten
Atomen solcher Art, daß sie sich ineinander verihrer Lösung getan hatte, dann vor allem Demokrit ‚aus
zahnen und daher nicht leicht aus ihrer Lage gegenangenommen zu haben’!
entfernt oder verschoben werden können.
Wenn das wahrhaft Seiende aus erfülltem Raum einander
Bei schweren flüssigen oder weichen Stoffen war anbestand und es daneben auch leeren Raum gab,
zunehmen, daß die gerundeten und glatten Atome
konnte das wahre Seiende in eine Vielheit von Stükdicht beieinander‘ lagen, während die Härte leichteken zerfallen, die durch leeren Raum voneinander
Stoffe dadurch erklärt werden zu können schien,
getrennt waren. Die Stücke selbst aber muften, ob ver
daß hier die Atome durch hakenförmige Ausbuchgroß oder klein, absolut raumerfiillend sein, so daf
fest miteinander verzahnt seien, was nicht
auch nichts in sie eindringen konnte, das sie hatte tungen
daß zwischen den durch diese Verzahnung
weiter zerteilen können: daher unteilbar. Daraus hinderte,
nden Atomgittern größere Zwischenräume
ergibt sich ihre Natur und Bezeichnung als Atome, entstehe
existieren konnten, woraus sich das geringere Gedie hier nicht eine facon de parler ist wie bei den
wicht zu erklären schien, Auf diese Weise erschien
Atomen der modernen Physik, sondern wirklich und
als möglich, die der sinnlichen Wahrnehmung weim absoluten Sinne das meint, was sie besagt. Die es
gen ihrer Feinheit nicht unmittelbar zugängliche
weiteren Grundeigenschaften der Atome ergaben
Struktur der Gegenstände ziemlich weitgesich ebenfalls unmittelbar aus ihrem Verhältnis zum innere
hend zu bestimmen.
Raum. Die erste ist die Gestalt, durch die sich der
Schwieriger war die Erklärung der nun notwenerfüllte Raum von dem ihn umgebenden leeren abbetrachteten eigentlichen
grenzt; das zweite ist die Lage des einzelnen Atoms digerweise als nur scheinbar
„Sinnesqualitäten“ der Dinge aus ihrer atomaren
oder erfüllten Raumstücks im leeren Raum, die
Struktur, mit der sich vor allem Leukipps Nachfolger
Demokrit von Abdera (ca. 465/60—ca. 370) beschäfspäter von Demokrit ıgonh'‘? genannt wurde und
die wie die Richtungen im leeren Raum selbst als
absolut betrachtet wird. Das dritte ist die Lage der
Demokrit — auch die Schwere, die als proportional
einzelnen Atome relativ zueinander. Damit sind die
eigentlichen Grundeigenschaften der Atome, die sich
unmittelbar aus dem Verhältnis von erfülltem und
leerem Raum ergeben, erschöpft. Doch scheint — es
ist nicht sicher, ob schon von Leukipp oder erst von
dem Volumen des erfüllten Raumes und vielleicht in
irgendeiner Weise mit diesem identisch betrachtet
wurde, zu den Grundeigenschaften der Atome gerechnet worden zu sein.
Alles übrige mußte aus diesen Grundeigenschaften
abgeleitet werden. Dabei war die erste notwendige
Annahme, daß die Atome klein genug sein mußten,
sich Verwandeln der Dinge ineinander zu erklären.
um das scheinbare Werden und Vergehen und das
Das zweite war die Aufgabe, die wahre innere
Struktur der Dinge aus ihren wahrnehmbaren
Eigenschaften zu erschließen. Die erste Handhabe
dazu scheinen die Härtegrade und das Gewicht der
Stoffe gegeben zu haben!*”. Weichheit oder gar Flüssigkeit eines Stoffes schien leichte Verschiebbarkeit
der Teilchen gegeneinander zu bedeuten, Härte dagegen das Gegenteil. So konnte man schließen, daß
Stoffe der ersten Art aus abgerundeten Atomen mit
glatter Oberfläche bestehen müßten, harte dagegen
Te Ober die Frage der (von Epikım, wie es scheint, geleurneten) historischen Existenz des Leukipp und über den Beitrag
des Leukipp und des Demokrit zu der Entwicklung des Atomismus vgl. K. v. Fritz, Philosophie und sprachlicher Ausdruck
bei Demokrit, Platon und Aristoteles, S. 12 ff., New York 1938.
id.
116 Über die Terminologie und ihre Bedeutung vgl.
ur Vel. Diels/Kranz 68 À 135, 61/62 (aus Theophrast).
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)der Griechen
beim Sehen um die Wahrnehmung von entfernten
Gegenständen handelt, war es ferner notwendig, zunächst in der Theorie eine Verbindung zwischen dem
Sinnesorgan und dem wahrgenommenen Gegenstand
herzustellen. Dies geschah durch die Annahme von
éxoggoai oder Ausflüssen, die von allen Gegenständen nach allen Seiten hin ausgingen und so auch in
unsere Sinnesorgane gelangen. Die Farbempfindungen werden dann nicht nur durch die Gestalt der
Atome, aus denen diese Ausflüsse bestehen, sondern
Studium
Generale
menen Gegenstände wird verfälscht. Die zweite Einschränkung ist neu und von viel grundlegenderer
Bedeutung. Zwar werden im allgemeinen die Gesichtsempfindungen von Ausflüssen aus von dem
wahrnehmenden Subjekt mehr oder minder entfernten Gegenständen erzeugt. Aber da die Empfindungen selbst immer nur durch direkte Berührung er-
Ausflüsse, die, wie Demokrit glaubte, nicht nur von
ihrem Inneren kam, schien geradlinige Poren in den
Gegenständen vorauszusetzen, aus denen die Ausflüsse ungehindert hervorströmen können. Von der
schwarzen Farbempfindung dagegen glaubte Demokrit, daß sie von Ausflüssen verursacht werde, die in
langsamer unregelmäßiger Bewegung im Sinnesorgan antreffen und die deshalb von Gegenständen
mit gekrümmten Poren, welche die Bewegung des
Ausströmens hindern und verlangsamen, ausgegangen sein müßten. So glaubte Demokrit auch hier von
der Natur der Empfindung (im wesentlichen als
einer Art Tastqualitit) auf die Struktur der Gegenstände, durch welche die Empfindung letzterdings
gänger dem voüg zuschrieb, der unmittelbar, gewissermaßen durch Intuition, tiefer in die Dinge einhüllt, bewundern mag.
befindlichen Gegenständen
ausgegangen sind, sondern sich im Körper des Mentung auf das Sinnesorgan in Bewegung gesetzt worden sind. Daß solches tatsächlich vorkommt, schien
Demokrit durch die Träume bewiesen zu werden,
deren Herkunft er sich auf eben diese Weise erklärte, Dadurch wird jedoch der Schluß von der
Wahrnehmung auf die Struktur, ja bei der Gesichtswahrnehmung sogar auf die Existenz des wahrgenommenen Gegenstandesin jedem einzelnen Falle unsicher;
und dies wird von Demokrit auch ganz allgemein
ausgesprochen!®*; nur allgemein kann man aus den
Wahrnehmungen auf die Struktur der sie verursachenden Gegenstände mit Sicherheit schließen,
während im einzelnen Fall immer ein Element der
Unsicherheit bleibt. Daß Demokrit sich damit abfindet und dies sogar selbst betont, zeigt deutlich,
daß seine „Wissenschaft“ nicht primär nach der Voraussagbarkeit von Ereignissen strebt, noch sich an
dieser orientiert, so daß etwa die bei dem Prozeß
der Erforschung auftretenden Strukturen als bloße
wird es von Atomen, die nicht dieser Wahrnehmungsart entsprechen, keinen Eindruck empfangen
und die Gesamtwahrnehmung, wie auch der Schluß
von dieser auf die Gesamtstruktur der wahrgenom12 Vgl. oben, S. 568 ff.
22 Vgl. Diels/Kranz 68 A 135, 69 f. und zur Interpretation
den in Fußa. 91 zitierten Aufsatz, p. 28 ff.
dringt als es der sinnlichen Wahrnehmung möglich ist.
Das wird man vom modernen Standpunkt aus
geneigt sein, für einen ziemlich primitiven Irrtum
darüber, was in ihm selber bei seinen Überlegungen vor sich gegangen ist, zu halten. Aber wie immer
es sich damit verhalten mag; gerade das teilweise
Festhalten an älteren nicht mehr ganz adäquaten
Vorstellungen zeigt nur um so deurlicher, welch unwerden kann.
Aber auchüber die Art, wie nach Meinung des Demokrit die Erkenntnis der Strukturen zustande kommt,
ist noch etwas zu sagen. Ich habe mich im Vorangehenden des Ausdrucks bedient, daß die Strukturen
aus den Sinnesempfindungen erschlossen werden,
Aber im Sinne des Demokrit ist dies nur insoweit
F9 Vgl. Diels/Kranz 68B6—10. Diese Außerungen des
Demokrit sind schon im Altertum vielfach als Ausdruck eines
vollständigen Skeptizismus mißyerstanden worden. Wenn diese
Interpretation richtig wäre, müßte Demokrit seine atomistische
Lehre, die ja auf der Überzeugung beruht, daß man über die
Struktur der Dinge etwas Definitives wissen kann, später aufgegeben haben. Eine solche ganz unwahrscheinliche Annahme
ist jedoch überflüssig, da sich der Skeptizismus Demokrits
offenbar nur auf die Sicherheit der Erkenntnis im jeweiligen
einzelnen Fall bezieht, nicht auf die Möglichkeit, die Grundstruktur der Welt im ganzen zu erkennen.
völlig exakten, festlegbaren, ohne Verlust übertragbaren Erkenntnis mit der Zurückdrängung des
„Anthropomorphen“ im Sinne des Lebendigen, was
sich im weiteren Verlauf fortsetzt bis zu seiner fast
vollständigen Ausschaltung bei Demokrit. Überall
endet diese Entwicklung paradoxerweise mit der
schon früher formulierten Frage, wie weit die Elehar. Solange die Gegenstände der Erkenntnis durchweg als etwas Lebendiges oder dem Lebendigen nahe
mente, welche in diese „wissenschaftliche* Analyse
der Welt eingehen, aus den „Dingen“ selbst stambei Demokrit einen vorläufigen Abschluß gefunden
Stehendes oder Analoges aufgefaßt wurden, konnte
die Strukturerkenntnis als solche ankommt, die ihm
scheint, wenn sie nicht im einzelnen Fall verifiziert
Offenbar tritt hier ein Problem, das schon bei
Gelegenheit der im Anschluß an Hekataios von Mile:
sich entwickelnden geometrischen Geographie und
geographischen Topographie und dann in weit umfassenderer Form bei den von Pythagoras und den
Pythagoreern ausgehenden Versuchen der Entwicklung einer Mathesis Universalis aufgetreten war, in
einer neuen und gewissermaßen akuteren Form in
Erscheinung. Überall beginnt das Streben nach einer
geheure Wandlung in bezug auf die Frage der adäquaten Erkennbarkeit der Dinge überhaupt seit
den Anfängen „wissenschaftlicher“ Bestrebungen bei
den Griechen zur Zeit des Thales innerhalb von
kaum anderthalb Jahrhunderten stattgefunden und
wirkenden Kräfte draußen in der Welt der Dinge,
das Warme und Kalte, das Helle und Dunkle, das
Leichte und Schwere, das Trockene und Feuchte,
weder minder gesichert noch minder bedeutsam ernung und Bewegung hervorgerufen werden. Aber
diese Beziehung ist nicht unbedingt umkehrbar!®?.
Das Sinnesorgan kann z.B. durch Krankheit Veränderungen erlitten haben, so daß es nur Wahrnehmungen einer bestimmten Art machen kann. Dann
sondern diese Erkenntnis im Anschluß an seine Vor-
Fiktionen betrachtet werden könnten, welche, nach-
Dabei machte Demokrit freilich eine außerordentlich wichtige doppelte Einschränkung. Der erste Teil
dieser Einschränkung finder sich im wesentlichen
mer von Atomen derselben Größe, Gestalt, Anordes dies teilweise — aber keineswegs ausschließlich,
da auch die konstruktive Phantasie einen sehr wedie Frage der Erkennbarkeit der Dinge keine prinzipielle Schwierigkeit machen: die Qualitäten und
verursacht wird, schließen zu können,
bar der Meinung, daß dieselben Empfindungen imräumlichen Gestalteigenschaften über die Tastqualitäten, in denen diese Gestalteigenschaften am
unmittelbarsten wahrgenommen zu werden scheinen,
zu den übrigen Sinnesqualitäten und von diesen
dann zurück zur atomaren Struktur der aus Atomen
zusammengesetzten Dinge zu gelangen, ist im
Grunde naiv, so sehr man die konstruktive Phantasie Demokrits, die sich bei diesem Versuch entdem die Voraussagbarkeit erreicht ist, wieder ausgeschaltet werden können, sondern daß es ihm auf
schon bei Empedokles!*!. Zwar war Demokrit offensuch, von den dem wahren Seienden zukommenden
sentlichen Anteil daran hatte — zweifellos war,
schen selbst zusammengefunden haben und in Richder Oberfläche der Gegenstände ausging, sondern aus
verstanden wird. Gerade die wörtlich erhaltenen
Fragmente!® zeigen auf das deutlichste, daß Demokrit selbst die Art, wie er durch seine Analyse der
Empfindungen als eine Art von gestalterfassenden
Tastempfindungen zu den Strukturen der Dinge
enden Urgegebenheiten des leeren und des erfüllten
Raumes führt schlechterdings keine Brücke zu Empfindung, Wahrnehmung und Bewußtsein. Der Verwerden könnte, die nicht von außerhalb des wahr-
Grade möglich, von der Empfindung auf die Strukwelche in schneller geradliniger Bewegung wie Pfeile
auf das Auge auftreffen. Eine solche Bewegung der
zutreffend, als „erschließen“ wörtlich im Sinne von
eröffnen“, „offenbar machen“, „sichtbar machen“,
575
kam, nicht als logisches Folgern auffaßte, obwohl
nehmenden Menschen
die weiße Farbe, deren Anblick im hellen Lichte
Griechenlands das Auge schmerzt, aus Ausflüssen,
der Griechen
K.von Farız: Der Beginn universalwissensciaftlicher Bestrebungen und der Primat
zeugt werden können, so steht nichts im Wege, daß
nicht im einzelnen Fall dieselbe Empfindung auch
durch bewegte Atome oder Atomkombinate erzeugt
auch aus dem Charakter der Bewegung, mit der sie
auf das Sinnesorgan auftreffen, bestimmt. Dies
machte es dann wiederum bis zu einem gewissen
tur des Gegenstandes, von welchem die Ausflüsse
ausgingen, Schlüsse zu ziehen. So erklärte Demokrit
Jahrgang 14
Heft 10 (1361)
wurden sowohl durch die Analogie als auch nach
Analogie der entsprechenden Qualitäten und Kräfte
im Menschen unmittelbar wahrgenommen, verstanden und erkannt. Freilich gab es auch in dieser Welt
Täuschung und Irrtum. Aber dies Gebiet konnte
man durch Erforschung der Ursachen von Täuschung
und Irrtum einzugrenzen und auszuschalten versuchen. Mit der zunehmenden Einschränkung der
„eigentlich seienden Dinge“ auf einige ganz wenige
Urgegebenheiten wie die Elemente des Empedokles
oder gar den leeren Raum und die Atome, die
jedoch in Wirklichkeit gar keine Gegebenheiten, sondern das Ergebnis von Denkschematismen sind,
nimmt die Frage der Erkennbarkeit der Dinge eine
men oder ihnen vom menschlichen Geist erst auferlegt sind.
Dabei ergibt sich jedoch ein sehr bedeutsamer Unterschied zwischen den von den Pythagoreern ausgegangenen Versuchen einer „wissenschaftlichen“
Bewältigung der Welt und denjenigen Demokrits.
Bei den von den Pythagoreern ausgegangenen Versuchen hat sich trotz der ursprünglichen Identifzierung der Zahlen mit den Dingen ziemlich früh herausgestellt, daß das Reich der mathematischen Gegenstände nicht mit dem Reich der „Dinge“ identisch
ist, obwohl die Erforschung und Erkenntnis des
einen Reiches der Erkenntnis und praktischen Bewältigung des andern dienstbar gemacht werden kann.
So ist die geometrische Erkenntnis schon ganz früh
der Lösung praktischer Aufgaben in der Welt der
„Dinge“, wie der Bestimmung des Abstandes eines
Schiffes auf der See vom Lande!®5, der Anlage eines
1 km langen Tunnels durch einen Berg von beiden
Seiten, wobei sich die beiden Bohrungen in der Mitte
ganz andere Form an. Von den allein wirklich sei18 Val. dazu Diels/Kranz 68B11 und B 125 sowie zur
Interpretation die in Fußn. 91 zitierte Arbeit, p.26 Æ.
25 Durch Thales mit Hilfe des zweiten Kongruenzsatzes
nach Proklos in Euclidis Elem., p. 352, 14 ff. (aus Eudem von
Rhodos).
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Studium
Generale
Hett 10(196)
Jahrgang 14
Gassendi (1592—1655), der ganz an Epikur und
Lucrez anknüpfte, Sein Grundgedanke ist jedoch
ganz anders als der Demokrits, der von Parmenides
Seinsphilosophie ausgegangen war und die Atome in
den, das es doch in gewisser Weise gibt, gegenüber-
517
antiken Medizin entwickelt worden war, eine Erzu neuen Stoffen, die ganz andere Eigenschaften
haben, als diejenigen Stofte, aus deren Verbindung sie
hervorgegangen sind, zu erklären seien. Hier wendet
sich Boyle mit Heftigkeit gegen eine gewisse Erklärungsweise, die nicht so sehr von Aristoteles ausgegangen als in sehr äußerlichem Anschluß an gewisse
seiner Lehren und an gewisse Lehren der spät-
K. von, Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen
fangreiche Abhandlung erfordern wiirde™!. Aber
ganz kann doch nicht darüber hinweggegangen werden, da sich daran das Verhältnis der antiken Wis-
Metrodor von Chios und Nausiphanes'®, ist die
Atomtheorie in ihrer demokriteischen Form zunächst
senschaft zur modernen und die Art des Einflusses
der ersteren auf die letztere besonders gut illustrieren
ihrer Eigenschaft als ertüllter Raum als das eigentlich Seiende dem leeren Raum als einem Nichtseien-
|
|
läßt.
Der erste, der den Atomismus im wesentlichen in
seiner demokriteischen Form erneuerte, war Pierre
noch der theoretischen Forschung, sondern der Beruhigung des menschlichen Gemüts und der Überwindung und möglichst völligen Beseitigung der
Furcht vor dem Unbekannten und Ungewissen
diente, was wohl auch sonst nicht ganz selten die
Funktion „wissenschaftlicher“ wie außerwissenschaflicher Welterklärung gewesen ist. Auch bei der
Wiederbelebung des Atomismus im Zeitalter der
Aufklärung war dies, vor allem, wie schon bei Epigestellt hatte, Demgegenüber ging Gassendi von der
sehr viel spezielleren Überlegung aus, daß es nichts
cultas deleteria des Glases erklärt worden sei, statt
klärungsweise, nach welcher man die Wirkungen der
Stoffe einfach aus ihrer Form, oder ihrer Fähigkeit
eben diese Wirkungen hervorzubringen, zu erklären
versuchte. Demgegenüber betonte Boyle mit Recht,
daß damit gar nichts erklärt sei, und daß man die
spezifischen Wirkungen der Stoffe aus allgemeineren
Eigenschaften ableiten müsse, wenn etwas erklärt
werden solle. Als Beispiel führte er an, daf sogar
die schädliche Wirkung zerstoßenen Glases auf die
menschlichen Eingeweide durch eine besondere fadadurch, daß die kleinen Splitter die Eingeweide auf
rein mechanische Weise verletzen. Hier wird also
noch sehr viel deutlicher als bei Gassendi, daß die
Überlegungen, welche ursprünglich zur Entstehung
Festes geben könne, wenn es nicht letzte Teilchen
gäbe, die durch keine Gewalt auflösbar und daher
völlig unabänderlich sind. Dies eben seien die Atome,
die dann aber keine anderen Eigenschaften haben,
als diejenigen, welche ihnen auch die antiken Atogar keine Rolle mehr spielten, und daß vielmehr
der atomistischen Lehre Anlaß gegeben hatten, bei
ihrer Wiedererweckung im siebzehnten Jahrhundert
Abweichung von den ursprünglichen Atomisten liegt
machte.
das Bedürfnis, die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen auf allgemeine, einfache und deshalb nach Möglichkeit mechanische Gesetze zurückführen zu können, maßgebend gewesen ist. Es ist gewissermaßen
das handgreifliche an den Atomen Demokrits, das
sie für die Naturforscher der Zeit so anziehend
misten zugeschrieben harren: Größe, Gestalt, absodie Veränderung in der Denkweise charakteristische
lute und relative Lage im Raum, und Gewicht, Die
wichtigste, aber auch grundlegend wichtige und für
mal darin, daß sich im Mittelalter, vor allem unter
ändert hat, wie, daß die Atome nicht ewig, sondern
men. Die volle Bedeutung dieser Veränderung wird
bei der nächsten Stufe der Entwicklung sofort sehr
deutlich werden!?®, Was Gassendi sonst an der alten
atomistischen Lehre mit ausdrücklichen Worten geals neue Wissenschaft aus der Alchemie entwickelte,
theoretische Basis geben zu können, nach einer Lehre
modernen Atomtheorie vgl. vor allem A. G. M. van Melsen,
Atom — gestern und heute, Freiburg i. Br. 1957. Doch ist fir
die ältere Zeit auch F. A. Langes „Geschichte des Materialismus“ wegen der Klarheit ihrer Formulierungen und Fragestellungen auch heute noch sehr wertvoll.
He Vgl, darüber unten S, 578 ff.
11 Für eine eingehendere Darstellung der Entwicklung der
von der nun schon und vor allem auch durch ihn
selbst in starkem Mafe experimentell gewordene
Chemie aus und von der Frage, wie die (chemischen)
Verbindungen gewisser Stoffe mit anderen Stofien
zum antiken Atomismus gewesen war. Boyle ging
Gassendi der Hauptgrund der erneuten Zuwendung
1691), vor allem deshalb, weil bei ihm nun ganz
deutlich hervortritt, was doch wohl auch schon bei
den Atomen für die Naturerklärung machte, ohne
|
jede Bedeutung.
Noch interessanter ist die Rezeption des demokriteischen Atomismus durch Robert Boyle (1626 bis
hier also in dem Grund für die Annahme von Ato-
Aristoteles®, eine neue von Demokrit wesentlich
abweichende Theorie von kleinsten Teilchen, den sogenannten minima naturalia, gebildet hatte, und
zweitens darin, daß die Chemie, die sich allmählich
von Gott erschaffen, und ebenso ihre Bewegung
nicht ewig, sondern ihnen von Gott mitgeteilt wordem Einfluß des Averroes und auf Grund einer nicht
richtigen Interpretation gewisser Ausführungen des
zwar, um den Ergebnissen ihrer Experimente eine
den sei, ist offenbar eine Konzession an den Glauben
der Kirche und für den Gebrauch, den Gassendi von
völlig befriedigenden Ergebnissen gelangre.
Diese Entwicklung im einzelnen zu verfolgen, ist
hier natürlich nicht möglich, da dies eine eigene um-
188 Vgl, die Fragmente bei Diels!Kranz, Vorsokra
tiker II,
70 u. 75.
8 Ich lasse hier die cigentümliche
Atomtheor
ie,
die
Platon
im Timaois 53 Cf. entwickelt har, bei Seite, da diese zwar
an
sich sehr interessant ist, für die hier zu behandelnde
historische
Entwicklung jedoch keine Bedeutung besitzt.
In Wirklichkeit lehnt Aristoteles überall die Existenz
von Minima im Sinne der Minima-Lehre der mittelalter
lichen
Aristoteliker ab (vel. de caclo, 271b, 10 #.; de gen. et
corr.
328a, 5/6; und vor allem die Ausführungen über
das
änetgov
in der Physik III, 4—8, 202b, 30 ff). Doch bedürfen
diese
Zusammenhänge einer eingehenderen Erörterung, als sie
hier
gegeben werden kann.
miteinander
höhere
Einheiten
bilden,
der einfachsten mechanischen Erklärung nur unmittelbare Nahwirkungen wie Druck, Stoß, Verhaftetsein, Mitziehen des durch Verhakung oder Verhaf-
Concretionen aber ließ Boyle gemäß dem Prinzip
bindungen und ihre Lösungen erklärt werden sollen. An Wirkungen der Atome und ihrer ersten
lösen können, woraus dann eben die chemischen Verwelche dann wiederum mit anderen solchen höheren
Einheiten in Verbindung treten oder sich aus solchen
haktsein
oder Einbuchtungen oder Häkchen Verschensein. Da
dies aber allein zur Erklärung der chemischen Erscheinungen nicht ausreichte, setzte er darüber eine
Lehre von den primae concretiones, den ersten Zusammenwachsungen von Atomen, die durch ihr Verspitz oder gerändelt oder mit Ausbuchtungen und/
scheidende Rolle: nämlich ihr rund oder eckig oder
Atome schon bei Demokrit besessen hatten, eine ent-
Bei der Verwendung der atomistischen Lehre z
diesen Zwecken spielte für Boyle vor allem die
unendliche Mannigfaltigkeit der Gestalt, welche die
ste
von kleinsten Teilchen verlangte, aber weder mit
den kleinsten Teilchen der Averroistischen Lehre von
den minima naturalia, noch mit den Atomen in der
Form, in welcher sie bei Demokrit auftraten, zu
Während jedoch der Atomismus der antiken Atomisten‘?, von einigen ganz geringfügigen Anderungen abgesehen, durchweg mit demjenigen Demokrits
identisch geblieben ist, ist der moderne Atomismus
zwar vor allem in seinen Anfängen sehr stark von
Demokrit beeinflußt gewesen, aber nirgends vollständig mit ihm identisch. Der Grund hierfür ist
zweifellos vor allem in zwei Dingen zu suchen: einkur und noch mehr bei Lukrez, in der Form der
Befreiung von als beängstigend empfundenen religiösen Vorstellungen, zum Teil seine Funktion.
jedoch weder der Bewältigung praktischer Aufgaben,
gekommen, wo die auf ihr aufgebaute Welterklärung
vor allem bei Epikur und den Epikureern zu Ehren
K. von Frrrz: Der B inn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der
Primat der Griechen
mit ganz geringem Abstand trafen!®, der Lagebestimmung von Orten auf der Erdoberfläche, und
später der Voraussage künftiger Gestirnstellungen
am Himmel dienstbar gemacht worden. Für Demokrit dagegen waren der leere Raum, die Atome, die
aus ihnen zusammengesetzten Strukturen und ihre
Bewegungen, durchaus die Welt der wahren und
eigentlichen Realität, auf deren Erkenntnis als solche
es ankam. Umgekehrt hat die Atomtheorie bei Demokrit für die Bewältigung praktischer Aufgaben,
auch wo er sich solchen gewidmet hat, entweder gar
keine, oder nur eine eingebildete, oder im besten
Falle, wie bei dem Versuch der Lösung gewisser
stereometrischer Probleme nach dem „Cavalieri“-
schen Prinzip
nur
, eine ganz indirekte Bedeutung
gehabr!27,
Um so interessanter ist es, daß die Atomtheorie
eine ganz ungeheure Wirkung auf die Weiterentwicklung der „Wissenschaft“ gehabt hat, die sich in
gewisser Weise noch bis in die Gegenwart fortserzt,
wenn auch nicht ganz in der Weise, wie es einer
oberflächlicheren, aber nicht nur bei Laien, sondern
auch bei Physikern gelegentlich zu findenden Auffassung erscheinen mag. Nach einem Weiterleben bei
einigen unmittelbaren Anhängern Demokrits, wie
völlig im Zickzack verläuft und seine Länge fast das Doppelte
#6 Der um 550 v.Chr. auf Samos entstandene Tunnel des
Eupalinos, der zum großen Teil noch heute erhalten ist. Über
die dabei aller Wahrscheinlichkeit nach verwendeten mathematischen Hilfsmittel vgl. B.L. van der Waerden, Les mathématiques appliquées dans l'antiquité in L'enseignement mathématique, in: Revue internationale 1955, p.43—47. Welche
Bedeutung diese (übrigens sehr elementaren) geometrischen
Mittel für die Lösung des praktischen Problems besaßen,
kann
man aus der Tatsache entnehmen, daß bei diesem gut 1 km
langen Tunnel die seitliche Abweichung der beiden
von entsegengesetzten Punkten ausgehenden Bohrungen in der
Mitte
weniger als 10 m betrug, während bei einer etwa 150 Jahre
früher von dem israelitischen König Hiskia ebenfalls von zwei
Seiten begonnenen Tunnelanlage in der Nähe von Jerusalem,
deren Gesamtlänge nur 325 m betrug, trotz aller Anstrengun
gen, die Richtung einzuhalten, die beiden Bohrungen sich
in
der Richtung so weit von einander entfernten, daß der Tunnel
der geraden Entfernung zwischen den Endpunkten beträgt.
197
7 Damit soll natürlich in keiner Weise die Überlieferung
bestritten werden, daß Demokrit auch an der Lösung praktischer wissenschaftlicher Probleme einen bedeutenden Anceil gehabt hat. Die konstruktive Phantasie, die in seinem Versuch,
die atomare Struktur der Gegenstände zu eruieren, so glänzend
hervortritt, mußte ihm natürlich auch bei der Lösung solcher
Aufgaben zugute kommen. Aber wenn er,
wie
Vitruv
berichtet,
zuerst eine Theorie der Perspektive gegeben zu haben
schein,
so hat das mit der Atomtheorie nichts zu run. Ja, es sieht
so
aus, als ob seine Optik, wie die antike Optik überhaupt, mit
Strahlen, die vom Auge zu den Dingen gehen, operiert hätte,
während seine Theorie des Sehens als Gesichtsempfindung, wie
gezeigt, zanz auf Ausflüssen, die von den Dingen ausgehen
und in die Sinnesorgane gelangen, aufgebaut ist. Über den
Versuch Demokrits, die Ethik mit der Atomlehre in Verbindung zu setzen bzw. sogar bis zu einem gewissen Grade auf
ihr aufzubauen vgl. die in Fußn. 115 zitierte Schrift, S. 35 ff.
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)tung Verbundenen und dgl., d. h. Wirkungen durch
Beriihrung, gelten.
Eben daraus aber ergaben sich sehr bald Schwierigkeiten, die teils zu einer vollständigen Ablehnung
der Atomtheorie in ihrer demokriteischen Form und
dem Versuch, sie durch andere Theorien zu ersetzen,
teils zu ihrer tiefgreifenden Umbildung Anlaß gaben. Ein besonders leicht zu verstehendes Beispiel
ergibt sich aus dem Phänomen der Elastizität. Schon
die Stoßwirkungen der Atome aufeinander in der
ursprünglichen Lehre Demokrits setzten die Elastizität der Atome stillschweigend voraus, ohne daß die
Frage, was dies für das Wesen der Atome bedeute,
damals gestellt worden ist. Nachdem jedoch festgestellt worden war, daß Elastizität ohne vorübergehende Zusammenpressung des elastischen Körpers
nicht möglich ist, mußte entweder die Elastizität der
Atome oder ihre absolute Starrheit, die bei Demokrit
aus ihrer absoluten Raumerfüllung folgt und daher
eine unabdingbare Grundeigenschaft der Atome ist,
aufgegeben werden. Das letztere ist natürlich, wenn
man die Atomtheorie nicht mehr auf parmenideische
Gedankengänge basiert, möglich. Aber es ist klar,
Stadium
Generale
nalen Indices in der .Kristallographie, legten den . ihrem Namen entsprechend unteilbar sind, daß sie
in homogene Gruppen zerfallen, daf ihre Teilchen
Gedanken nahe, daß die chemischen Elemente tat»Ladungen“ haben, ein Gedanke, welcher den ansichlich aus diskreten Teilchen bestehen, die sich
leicht nicht unnütz darüber zu reflektieren, wie die
„wissenschaftliche“ Philosophie der Griechen mit der
fern liegen mußte, sondern vielleicht noch mehr
Annahme von Grundgegebenheiten beginnt, welche
zugleich Stoffe, Kräfte und Qualitäten sind und bald
unter dem einen, bald unter dem andern Aspekt erscheinen. Dann war von Xenophanes an über Empedokles bis zu Anaxagoras das wirkende Prinzip
immer mehr von den stofflichen Prinzipien, die
ihren Charakter als Qualitäten beibehielten, abgetrennt und zugleich zunehmend auf rein mechanische
Wirkungsweisen beschränkt worden. Endlich harte
Demokrit diesen Wirkungsfaktor auf ein Minimum
zu reduzieren versucht, indem er ihn auf die Übertragung von Bewegung von Massenteilchen auf andere Massenteilchen durch direkte Berührung beschränkte, Dieses Erklärungsprinzip war von den
modernen Erneuerern des Atomismus, Gassendi und
Boyle, im wesentlichen beibehalten worden, wenn
auch der Ausgangspunkt ihrer Betrachtung ein an-
Viel einschneidender war jedoch die Entdeckung
der Gravitationsgesetze durch Newton (1642 bis
Massenteilchen und ihre Akkumulationen gebunden
1726), da dieser zwar die Atome, die seit Boyle
Verschiedenes waren und der Grund, warum sie an
jene gebunden waren, im Dunkel blieb. Endlich wird
mittelbare Berührung, durch Stoß, Druck und Zug
(dies nur bei miteinander verhakten Atomen) auf
einander wirken könnten, abging, und an ihre Stelle
die Annahme von in die Ferne wirkenden Anziehungskräften stellte. Daraus ergab sich jedoch, vor
allem, wenn es mit den sich aus der Elastizität ergebenden Problemen zusammengenommen wurde,
sogleich die Frage, ob es denn überhaupt nötig sei,
ausgedehnte, absolut raumerfüllende und starre
Atome als Träger dieser Kräfte anzunehmen, da ein
notwendiger Zusammenhang zwischen beidem nicht
einzusehen war. So hat denn auch nicht sehr viel
später G. Boscovié (1711—1787) die Atome durch
erschienen, sie selbst aber etwas von diesen völlig
von Boscovié und seinen Nachfolgern das Verhältnis
Demokrit gegenüber umgekehrt, indem nun die
raumerfüllenden „stofflichen“ Massenteilchen als
überflüssig erscheinen und durch ausdehnungslose
Kraftzentren oder — wie man, da dem Begriff der
Kraft, der ursprünglich von dem Gefühl der Muskelkraft abgeleitet ist, auch etwas Anthropomorphes
anhaftet, vielleicht besser sagen würde — durch
räumlich lokalisierte Wirkzentren und Wirkquanten
ersetzt werden.
Unterdessen hatte jedoch infolge der stürmischen
Fortschritte, welche die Chemie seit dem Ende des
18. Jahrhunderts gemacht hatte, eine neue Entwicklung eingesetzt, die dazu bestimmt war, dem Atomismus wieder eine ganz neue Richtung zu geben.
ausdehnungslose Kraftzentren ersetzt, eine Lehre,
die dann nicht nur auf Kant, sondern vor allem
Die Entdeckung der chemischen Elemente und dann
zuerst der sogenannten Atomgewichte, die ursprünglich nicht mehr bedeuteten als die konstanten Geauch auf eine ganze Serie von französischen Physiwichtsverhältnisse, in denen oder in deren Multiplen
kern und an der Physik interessierten Mathematikern wie Laplace (1749—1827), Ampere (1775 bis
die chemischen Elemente sich miteinander verbin-
1836), Cauchy (1789—1857) und Faraday (1791 bis
1867) bis zu Moigno (1804—1884), der allerdings
mehr ein Popularisator als ein selbständiger For-
579
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen
scher gewesen ist, also auf ein gutes Jahrhundert
hinaus, eine starke Wirkung ausgeübt hat. Es ist
für die bessere Erkenntnis der historischen ebenso
wie der in der Sache gelegenen Zusammenhänge vieldaß die Theorie sich damit, wenn auch äußerlich ' derer gewesen war als bei Demokrit. Dann hatte
alles bis auf eine scheinbare Kleinigkeit dasselbe Newton das Wirkungsprinzip und sein körperliches
geblieben zu sein scheint, in ihrem innersten Wesen
raumerfüllendes Substrat wieder voneinander geverändert hat.
schieden und zwar so, daß die Kräfte zwar an die
weitgehend Anerkennung gefunden hatten, beibehielt und ihnen sogar die Eigenschaften der Undurchdringlichkeit und absoluten Härte beließ, aber
von der Annahme, daß diese Teilchen nur durch un-
Jahrgang 14
Heft 10 (1961)
den, dann der Periodizität der Elemente, dann der
sogenannten Isomerien in der organischen Chemie,
endlich zusätzliche Entdeckungen auf andern Gebieten wie z. B, die Entdeckung des Gesetzes der ratiosozusagen als Einzelindividuen oder wohlgeordnete
Kombinationen von Einzelindividuen miteinander
verbinden. Aber die Ableitung einer Atomtheorie
von diesen und ähnlichen Phänomenen machte zugleich eine fundamentale Abweichung von der demokriteischen Atomtheorie notwendig. Die Atome
Demokrits hatten alle nur möglichen Gestalten gehabt; ja die Theorie ihrer Verbindungen zu größeren Einheiten hatte bei Demokrit wie bei seinen
tiken Atomisten ganz fern lag, und wie gezeigt,
durch das Fragezeichen, das ich hinter das Wort
„raumerfüllend“ gesetzt habe. Nach einem Vortrag,
den Erwin Schrödinger vor einigen Jahren gehalten
hat, und in dem er Demokrit als Ahnherrn der
Atomtheorie pries, stellte ich die Frage, ob denn nun
wenigstens die Teilchen des Atoms wie Elektronen,
Positronen, Neutronen und dgl. im Sinne Demoersten Nachfolgern unter den Modernen eben diese
krits als raumerfüllend und daher starr und undurchdringlich betrachtet werden könnten, worauf die
Antwort — wie mehr oder minder zu erwarten war
— lautete: „nun ja, vielleicht, annähernd.“ Man
könnte nicht deutlicher machen, daß das, was für
Leukipp und Demokrit das Wichtigste und der Ausgangspunkt ihrer ganzen Lehre gewesen war, für
den modernen Atomtheoretiker selbst als Frage ganz
Periodizität, legte den Gedanken nahe, daß die
uninteressant geworden ist.
Variabilität der Gestalt der Atome zur Voraussetzung gehabt. Die neue Ableitung der Atomtheorie
dagegen setzte voraus, daß die Atome in eine endliche, nicht einmal allzugroße, Anzahl von Gruppen
von untereinander gleichartigen Atomen zerfalle. Ja
das ganzzahlige oder annähernd ganzzahlige Verhältnis der Atomgewichte zueinander nebst ihrer
Atome der verschiedenen Elemente selbst alle aus
denselben Bausteinen zusammengesetzt seien, womit
die Atome aufhörten, überhaupt Atome im demokriteischen Sinne, d. h. wirklich unteilbar, zu sein.
Wichtiger noch ist, daß von einer Verbindung
dieser Atome miteinander nach den Vorstellungen
der demokriteischen oder Boyleschen Atommechanik,
nach welcher die Atome durch wirkliche Häkchen,
die sich miteinander verhaken, zusammenhängen,
gar nicht mehr die Rede sein kann. Niemand wiirde
es einfallen, das Symbol für Schwefelsäure H,SO:
SL._
HO
so aufzufassen, als ob hier wirklich ein Schwefelatom in der Mitte stünde, das mit den Sauerstoffatomen und den HO-Molekülen, die um es herum
angeordnet sind, durch Verbindungsstricke verbunden ist. Wirkkräfte der verschiedensten Art spielen
hier wieder eine beherrschende Rolle. Besonders interessant sind hierbei fiir die Frage der historischen
Zusammenhänge der verschiedenen Phasen der
Atomtheoric die Wirkkräfte, welche als „Ladungen“
der verschiedenen Komponenten des Atoms, des
Atomkerns und der nach dem Bohrschen Atommodell es umkreisenden Elektronen bezeichnet werden. Denn diese „Ladungen“ sind im Gegensatz zu
den sich kontinuierlich ausbreitenden Anziehungskräften Newtons selbst diskret, d. h. atomisiert, und
erscheinen an gewisse raumerfiillende (?) Massenteilchen gebunden. Wie weit sich hier die moderne
Atomtheorie von der antiken entfernt, wird aber
nicht nur daran deutlich, daf die Atome nicht mehr
In neuester Zeit ist dann die Atomtheorie immer
komplizierter geworden: durch die Entdeckung immer neuer Teilchen des Atoms, wie der Mesonen der
verschiedenen Arten, des Neutrinos etc., mit immer
neuen Eigenschaften, durch die Feststellung der sogenannten Unbestimmtheitsrelation, die besagt, daß
man nur entweder den Ort oder die Geschwindigkeit
eines Teilchens in einem gegebenen Zeitpunkt exakt
feststellen kann, aber nicht beides, vor allem aber
dadurch, daß sich zur Erfassung gewisser Phänomene die Teilchentheorie überhaupt als ungenügend
erwiesen hat und statt dessen mit der Annahme von
„Wellen“ gerechnet werden muß, dies aber wiederum nicht so, daß die Wellen entweder als etwas von
den Teilchen verschiedenes oder aber von ihnen gebildetes betrachter würden, sondern so, daß dasselbe
Phänomen bald als Materieteilchen, bald als Wellenbewegung betrachtet wird und jeweils diejenige
Betrachtungsweise gewählt wird, welche einen bestimmten Aspekt des Phänomens mathematisch am
einfachsten zu erfassen erlaubt.
Der Versuch auf diese Dinge noch genauer einzugehen, wiirde den Rahmen der vorliegenden Untersuchung sprengen. Er würde auch kaum viel nützen,
da diese Dinge so sehr im Fluß sind, daß jeder derartige Versuch in Kurzem doch wieder als veraltet
erscheinen würde. Doch ist es möglich, auch auf
Grund des bisher Gesagten einige prinzipielle Betrachtungen anzustellen, die das Problem des Verhältnisses der antiken zur modernen Naturwissenschaft als Ganzes beleuchten und auch bei weiterer
rapider Entwicklung der letzteren eine gewisse
Gültigkeit behalten dürften. Sieht man sich die Ent39a
Pagina 18
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Stndiun:
Stien:
Verdienst
Dienste getan, freilich schon von Anfan
g an auf
des 17. Jahrhunderts. Dabei hat ihm der antike
Atomismus, der dies selbst nicht getan hat, zunächst
gute
fassen, war zu einem sehr großen Teil das
„das jede Veränderung durch örtliche Bewegung
meint erklären zu müssen“, so ist das philosophische
System Demokrits ein konsequent durchgeführtes
mechanisches System, in welchem seltsamerweise
sogar die Ethik auf die Gesetze örtlicher Bewegungen
zurückzuführen versucht wird", Aber es besteht
nicht das geringste Anzeichen dafür, daß Demokr
it
je
den
Versuch
gemach
t
hätte,
die
Gesetze
der
Bewegung in mathematische Formeln zu fassen. Er
ist
überall auf reine
Struktu
rerkenn
tnisse
aus.
Bewegungsgesetze in mathematische Formeln
zu
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicheer Bestrebungen
©
2
ima
seche
und der Primat
der Griechen
wicklung des modernen Atomismus von seinen ersten Anfängen bei Gassendi und Boyle bis zur Gegenwart an, so springt in die Augen, daß die Atome
zunehmend alle die Eigenschaften, die bei Demokrit
für sie wesentlich waren, verlieren, und schlieflich
kaum mehr als die Funktion eines anschaulichen
Vorstellungsgerüstes mehr haben, das es erleichtert,
die Zusammenhänge zwischen den Phänomenen und
die Geserze, die ihren Verlauf bestimmen, in mathematische Formeln zu fassen, die aber nötigenfalls
gegen andere Vorstellungsmodelle ausgetauscht werden können, da es letzterdings auf diese mathematischen Formeln ankommt, Eben hierdurch steht die
moderne physikalische Theorie einschließlich der
modernen Atomtheorie dem antiken Pythagoreismus
unvergleichlich viel näher als der Atomtheorie Demokrits, ja sogar der ursprünglichen Theorie des
Pythagoreismus, als dieser nicht nur auf eine
mathesis universalis, sondern auf eine arithmetica
Kosten einiger seiner ursprünglich wesentlichen
Elemente. Aber das hielt sich doch in sehr engen
Grenzen. Darüber hinaus war der Atomismus des Demokrit mit seinen unendlichen Mannigfaltigkeiten
der
universalis gerichter war, da in der modernen Theorie die Annahme von diskreten Mannigfaltigkeiten
Heft 10 (1961)
Jahrgang 14
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen
581
Welterklärung im Sinne der oben™® gegebenen De- . Opposition, ebenso wie eine wesentliche Eigenheit
der pythagoreischen Philosophie und Wissenschaft
finition heute völlig aufgegeben ist.
Es gibt jedoch vielleicht noch ein anderes Element beleuchtet. wurde durch die völlig andersartige und,
in Demokrits Philosophie, das — freilich ebenfalls wie die absprechenden Äußerungen des Heraklit
in ganz veränderter Form — bis in die Gegenwart über Pythagoras zeigen, bewußt dazu in Opposition
stehende Philosophie Heraklits.
hinein gewirkt hat. Demokrit soll gesagt haben, er
Philosophie des Leukipp und Demokrit, der nur der
Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und
in der wir uns im täglichen Leben bewegen. Dies gilt
in sehr starkem Maße auch von der atomistischen
Welt oder das „wirkliche“ Sein entweder total verschieden sind oder doch sehr stark abweichen von der
Maße zu dem Ergebnis kommen, daß die „wirkliche“
bestimmen, woher sie kommt und wohin sie geht,
sondern daß sie alle in größerem oder geringerem
die Welt nicht nur zu „erklären“ versuchen und zu
flußten Philosophien und Versuche einer mehr oder
minder „wissenschaftlichen“ Welterklärung, daß sie
Es ist charakteristisch für die Philosophie des
Parmenides selbst, sowie für alle durch ihn beeinstirnkonstellationen, und endlich in einer für uns
zöge es vor, eine einzige Ursache zu finden, als daß
ihm der Reichtum des Perserkönigs zuteil würde!3®,
Hier findet man also anscheinend in ausgeprägtester
und intensivster Form jenes Kausaldenken, welches
auch für moderne Naturwissenschaft so charakteristisch ist. Und doch ist es auch hier wieder nicht
ganz dasselbe. Wenn Demokrit nach Ursachen fragt,
so geht er, wie schon früher gezeigt wurde, primär
auf Strukturerkenntnisse um ihrer selbst willen aus.
Soweit sie eine praktische Bedeutung haben, liegt
diese entweder in der Befreiung von Furcht vor dem
Unerklärten, dabei in ganz kleinem Umfang der
Vorherbestimmung künftiger Ereignisse wie von Getens!#1, Dagegen spielt das Machen von Dingen eine
seltsamen Weise einer Begründung ethischen Verhalleere Raum und die Atome sowie deren Kombinationen wahrhaft „sind“, während alles andere erst
von unseren Sinnen daraus gemacht wird, deren
Erkenntnis daher eine dunkle und unechte ist’.
später meistens interpretiert worden ist!!5, der Ausdie Mitte und in der zweiten Hälfte des fünften
Jahrhunderts der gesunde Menschenverstand der.sogenannten Sophisten. Auch der berühmte Satz des Protagoras (ca. 490 — ca. 420 v. Chr.)'4, der Mensch
sei das Maß aller Dinge, ist ursprünglich nicht, wie
Gegen diese ganze Art zu philosophieren und die
Welt „wissenschaftlich“ zu erklären, revoltiert um
Gegenstände — geometrische Gebilde, Musikinstruganz fern liegt, und das gilt für Demokrit nicht mindienen, Musik zu machen, dienen sie zugleich dem
Zweck, die Weltordnung besser zu verstehen und
oder „wissenschaftlichen“ Welterklärungen, nach dedruck einer subjektivistischen oder sensualistischen
oder relativistischen Theorie im eigentlichen Sinne,
sondern richter sich gegen alle jene philosophischen
40
Mt Vol. die Zeugnisse bei Diels/Kranz 80B 1.
HS Platon im Thezetet 166 D im Zusammenhang einer ausführlichen Diskussion des Protagorcischen Satzes sucht zwar
zu zeigen, daß sich, wenn man alle logischen Schlußfolgerungen
aus dem Satz und seiner Begründung durch Protagoras zieht,
der extremste Relativismus und Subjektivismus daraus ableiten lißt, gibt aber zu, daß Protagoras selbst diese Folgerungen nicht ausdrücklich gezogen hatte.
aud: meinen Artikel über Protagoras
M6 Vgl, im einz
in Pauly-Wissowa, Realenzyklopädie XXIII, sp. 913 ff.
p. 26 ff, (1946).
Interpretation des Fragmentes vgl. Classical Philology XLI,
483 Vel. Dielsl Kranz, Vorsokeatiker 68 B 11. Zur genaueren
da es für ihn eben kalt ist, so hat es erst recht keinen
der friert, zu sagen: „aber es ist doch ganz warm“,
freilich mit dem einzelnen Menschen, indem er sagte:
wie es keinen Sinn hat, einem einzelnen Menschen,
sich ihr anzupassen, Was der antiken Wissenschaft
Studium Generale (Berl.), 14, Jahrg.
H Vgl. Vieravins, de architectura VIT, prooem. 11.
341 Vel. die in Fußn. 136 zitierten Ausführungen.
40 Vgl, oben S. 574.
39 Vel. Diels/Kranz, Vorsokratiker, 68B 118.
us Vgl. oben 9.580 und Fuên, 135.
Mitte und zweiten Hälfte des 5, Jahrhunderts noch
von einer anderen Seite her beleuchtet durch die im
Verlauf derselben Epoche gegen sie auftretende
senschaft* und „wissenschaftlichen“ Philosophie der
der als für die Pythagoreer, ist das Bestreben, die
Natur durch die Erkenntnis der ihr innewohnenden
Geserze dem Willen des Menschen zu unterwerfen
und seinen willkürlichen Zielen dienstbar zu machen.
Doch wird von dieser Frage besser später ın einem anderen Zusammenhang ausführlicher zu reden sein.
Zunächst wird die Eigenart der griechischen „Wisnen die Welt in Wirklichkeit ganz anders ist, als
„die Menschen“ glauben, daß sie sei und als sie ihnen
erscheintt#, Dabei argumentierte Protagoras dann
hat es ein Ende. Sofern die Musikinstrumente dazu
del oder anderen mathematischen Relationen, diese
pythagoreische Wissenschaft. Zwar ermöglicht die
Kenntnis der in den Dingen steckenden Zahlenbünmente u. dgl. — jederzeit herzustellen. Aber damit
Machens, wie die dem Demokrit zugeschriebenen
perspektivischen Theaterdekorationent#?, Ähnliches
gilt mutatis mutandis, wie gezeigt, auch für die
ganz geringe Rolle; und wo es eine Rolle spielt, sind
die gemachten Dinge als statische Dinge das Ziel des
us
Mathematisierung der Naturwissenschaften durcha
ursprünger
rit
die Viel-
Grundelementen die aus unserer Alltagswelt
stamgestaltigkeit der Erscheinungen aus der Wechse
lwirkung von so wenig Grundelementwie
en möglich zu
versteh
en.
Das
ist
in
der
Tat
der
spring
ende
Punkt.
Vielleicht könnte man hinzufügen, daß aus
diesen
stecke, insofern er immer versuchen werde,
sage", daß in jedem Physiker erwas von Demok
tümliche Weise. Van Melsen hat sehr recht,
wenn
lichen Eigenschaften
verlor
en
haben.
Dennoch ist es nicht ganz unrichtig zu sagen,
daß
Demokrits Atomismus noch bis in die Gegen
wart
hinein wirkt, Aber er tur dies auf eine sehr
eigennisse der Elemente zueinander, rapid ihre
Mathematisierung der modernen Physik und
vor
allem seit der Entdeckung der ganzzahligen Verhäl
tnicht geeigne
t.
Das
ist
denn
auch
der
Grund
gewesen, weshalb die Atome mit der fortsc
hreitenden
Gestalt
der
Atome
,
die
sich
daher
nicht
mathem
atischen Gesetzen unterwerfen ließen, für eine
weitere
eine zunehmende Rolle spielt, was bis zur Erwägung
der Möglichkeit geht, daß sogar der physikalische
Raum kein Kontinuum, sondern ein Diskontinuum sei.
|
Um so wichtiger ist es, die Frage zu stellen, ob
und wie weit der antike Atomismus, sei es historisch,
sei es sachlich, etwas mit dem modernen zu tun,
oder ob er mit ihm eigentlich nur den Namen gemein
hat. Um diese Frage beantworten zu können, muß
man wieder bis zu den Anfangen des modernen Atomismus zurückgehen. Van Melsen in dem früher'®®
zitierten Buch spricht die Meinung aus!*4, das Verdienst des antiken Atomismus fiir die Erneuerung
der Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert habe „in
dem großen Nachdruck“ gelegen, „mit dem der Atomismus die quantitative Seite des Problems betonte“,
und stellte dann die Frage, ob „das Suchen nach
mechanistischen Erklärungen mit Hilfe der Mathematik“ das Primäre gewesen sei, woraus sich dann
die Rückkehr zu Demokrit ergeben habe, oder ob
konnte, weshalb auch die rein „mechanistis
che“
gungen und ihre Wirkung aufeinander durch Druck,
Stoß und Zug beschränkt wurde, nicht gelingen
mende Vorstellung von raumerfüllenden, ihrer
Durchdringung Widerstand leistenden Gegenständen
nie
ganz wird entfernt werden können. Die unsterb
liche
Wirkung Demokrits liegt dann offenbar darin,
daß
er — ausgehend freilich von ganz andersartige
n
Überlegungen — die Welt aus solchen Grundeleme
numgekehrt die Rückkehr zu Demokrit zum Suchen
nach mechanistischen Erklärungen Anlaß gegeben
habe. Seine Antwort ist, daß eine Wechselwirkung
stattgefunden habe. Dies alles ist, soweit es die historische Wirkung des Atomismus im 17. Jahrhundert
betrifft, völlig richtig. Das Interessante daran ist
ten abzuleiten versucht hatte, was jedoch,
wenn die
Erklärung nur auf solche Grundelemente, ihre
Bewejedoch, daß es auf den antiken Atomismus selbst nicht
zutrifft. Versteht man nach der Definition van Melsens* unter einem mechanischen System ein System,
3 Val, oben Fußn,. 131.
5 2.2.0, p.159, Fußn. 53.
58 24.0. p. 171.
206 Vgl. darüber genauer K. v.
Fritz, Philosophie und
sprachlicher Ausdruck bei Demokrit, Platon
und Aristoteles,
3.30 ff., New York 1939,
7 2.2.0,, p. 260.
Pagina 19
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Studium
Generale
Quadratrix. Charakteristischerweise har sich Hippias
mit der Erfindung dieser Kurve von der Forderung,
Heft 10 (1961)
Jahrgang 14
583
München, München 22, Vererinärstr. 2)
täglich geschieht, von der Wissenschaft eine Lösung
der Welträtsel (the riddle of the universe) oder
des „Rätsels des Lebens“ erwarten und sich bewußt
sein, daß von einem solchen Standpunkt aus der
Umkreis möglicher menschlicher Erkenntnis ungeheuer eingeengt wird. Doch auch von diesem Aspekt
des Problems wird besser später in einem anderen
Zusammenhang noch zu reden sein.
dann nicht, wie es von der Masse der unkritischen
.
.
Anhänger einer „wissenschaftlichen Weltanschauung
die der Quatrix des Hippias von Elis. Nur darf man
der Wissenschaft keine andere Funktion haben als
S. Laurrer: Der Menschheitsgedanke des Hellenismus
diesem Standpunkt aus nur vermeintlichen) Strukturerkenntnisse, zu welchen die Wissenschaft kommt,
als reine Hilfskonstruktionen und Fiktionen angezu erzielenden Erkenntnis der „wirklichen“ Welt,
schen und das eigentliche Ergebnis der Wissenschaft
nur in der Voraussagbarkeit künftiger Ereignisse
(einschließlich der Fähigkeit, solche Ereignisse unter
gewissen Bedingungen selbst hervorzurufen) gesehen
wird, durchaus nicht widersprüchlich und inkonsequent, da ja dann von einer durch die Wissenschaft
wie sie die Sophisten bekämpft hatten, nicht die
Rede ist und die dann übrig bleibenden Ergebnisse
Der Menschheitsgedanke des Hellenismus
(Dr. phil. Kurt v. Fritz, o. Professor für klassische Philologie an der Universität
S. LAUFFER
Die Idee der Zusammengehörigkeit aller Meninnerhalb des europäischen Denkens eine lange, nie
merkwürdig früh in der Geschichte erscheint, hat
schen, die in verschiedenen Kulturen und schon
Von
seiner Hilfe allerhand Mittel, sich im Leben, wie es
uns gegeben ist, besser zurecht zu finden und Erfolg
zu haben. Soweit sie, wie es ja der Fall gewesen
ist, mit Anhängern konservativer Anschauungen in
betrachtet worden sind, lag der Grund nicht so
sehr in irgend einem offenen Widerspruch ihrer Lehren mit überkommenen Überzeugungen, sondern
eben in der Fertigkeit und Wendigkeit ihres common
sense, welcher den Konservativen der soliden Grundvéllig unterbrochene Tradition, Sie läßt sich erstmals im Zeitalter des Hellenismus deutlicher fassen,
Kultureinheit eingingen, vielmehr einander weithin
selbständig und unvermittelt gegenüberstanden. In
politischer Hinsicht ist der Hellenismus mehr durch
eine diffuse Vielfalt als durch Einheit gekennzeichnet, worüber seine Großräumigkeit im Vergleich
zu der altgriechischen Poliswelt nicht hinwegtäuschen darf. Das Alexanderreich, in dem die
gleichsam in seine natiirlichen Bestandteile, indem
makedonische Monarchie, die verbiindeten griechischen Staaten und schließlich der gesamte Orient
durch eine Art Personalunion unter Alexander vereinigt waren, hat faktisch nur ein Jahrzehnt bestanden. Die weltgeschichtliche Nachwirkung dieses
Universalreichs wurde dadurch zwar keineswegs
verringert, doch war für die politische Entwicklung
der Folgezeit der frühe Tod Alexanders in Babylon
am 13. Juni 323 v.Chr., mit dem die Auflösung
begann, von ungleich größerer Bedeutung als vergleichsweise die Ermordung Caesars an den Iden
des März. Der Orient verlor seine alte und stabile
Ordnung, wie sie von den persischen Großkönigen
geschaffen war, für immer; bis heure ist dieser Raum
nie mehr politisch integriert worden. Er zerfiel
sich in den Siedlungsgebieten von Anatolien bis zum
Pandschab zahlreiche Nachfolgerstaaren unterschiedlicher Struktur etablierten, zwischen denen nur seltenfunde kennenlernen, um so mehr treten nicht
nur ihre einheitlichen, durchgehenden Züge hervor,
ten Friede, meist ein gespanntes Verhältnis oder
Krieg herrschte. Auch die griechischen Polis- und
40°
sondern ebenso die mannigfachen regionalen und
lokalen Besonderheiten. Es zeigt sich immer mehr,
daß die verschiedenen Elemente nur zum Teil eine
besser wir die hellenistische Kultur durch neuere
Forschungen, Ausgrabungen, Papyrus- und Inschrif-
Die Dinge liegen jedoch nicht so einfach. Je
dieser Zeit erscheint ohne weiteres verständlich. Die
Welteroberung Alexanders und das Weltbürgertum
der Stoa scheinen einen unmittelbaren Zusammenhang zu bilden.
tischer Ideen und universalistischer Lehrsysteme in
in jenen drei Jahrhunderten von Alexander dem
lage, wie sie nur durch feste Traditionen gegeben
werden kann, zu entbehren schien.
Großen bis Augustus, deren Bedeutung für die
Nachwelt nicht geringer, in mancher Hinsicht eher
eréRer war als die des vorausgehenden klassischen
Griechentums. Unter Hellenismus verstehen wir
seit J. G. Droysen, dem Schüler Hegels und August
Boeckhs, die große Epoche der griechischen Welt
kultur als Folge des Alexanderzuges, durch den die
Grenze Europas bis über den Indus vorgeschoben
wurde’ (R. Grousset). Das Auftreten kosmopoli-
Es ist jedoch für die Erkenntnis wichtiger, heute
aber fast nirgends erkannter Zusammenhänge von
großer Bedeutung, daß die Sophisten — im
Gegensatz zu den „spekulativen“ Philosophen Platon und Aristoteles, deren Philosophie von den modernen Positivisten als Metaphysik bezeichnet und
als „meaningless“ abgelehnt wird — gerade von den
in den angelsächsischen Ländern sehr stark vertretenen Anhängern einer rein positivistischen Philosophie außerordentlich hoch geschätzt werden, obwohl
die Vertreter dieser Philosophie durchaus wissenschaftsgläubig sind, die antiken Sophisten dagegen,
wie gezeigt, auf Grund einer Philosophie des reinen
common sense gerade gegen die Wissenschaft und
„wissenschaftliche“ Philosophie ihrer Zeit revoltieren. Diese Haltung ist nun, sofern nur an der strikt
positivistischen Interpretation der Wissenschaft150
konsequent festgehalten wird, so daß also alle (von
49 Vgl. Platon, Staar 492a—93a; Protagoras 333c; Menon
9le. Mit den jüngeren Sophisten wie Thrasymachos steht
es
natürlich anders. Aber das ist für das hier zu diskutiere
nde
Problem ohne Bedeutung.
150 Vgl. darüber oben S.547 und Fufn.
2.
Verbindung im Sinne einer griechisch-orientalischen
Konflikt gekommen, oder von diesen mit Mißtrauen
Auch auf dem moralischen Gebiet sind die älteren
Sophisten, wie ihnen gerade ihr Gegner Platon
mehrfach beschneinigt hat!#, durchaus keine kühnen
Neuerer gewesen, sondern haben im allgemeinen die
überkommenen moralischen Anschauungen akzeptiert. Was sie Positives zu geben zu haben glaubten
und zu geben versprachen, war im Grunde nichts als
ein verbesserter erleuchteter common sense und mit
mit ein Instrument geschaffen, welches für den praktischen Gebrauch, vor allem die Winkelteilung,
außerordentlich nützlich war. Die Sophisten brauchten eben nicht „wissenschaftlich“ konsequent zu sein
und konnten auch wieder alles gelten lassen, was zur
praktischen Bewältigung des Lebens, wie wir es nun
einmal leben, nützlich war,
alles aus den Urgegebenheiten des Kreises und der
Geraden abzuleiten, emanzipiert, zugleich aber da-
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der
Primat der Griechen
Sinn, den Menschen im allgemeinen zu sagen, die
Welt sei ganz anders als sie ihnen vorkommt. Denn
sie leben nun einmal in der Welt wie sie ihnen vorkommt und nicht in einer anderen Welt. Ganz analog ist offenbar der eigentliche Sinn der gewollt
paradox formulierten Schrift des Gorgias# „Über
die Natur oder das Nichtseiende“, in welcher er zu
beweisen suchte: 1. daß nichts ist; 2. daß, wenn es
etwas gäbe, wir es nicht erkennen könnten; 3. daß,
wenn es für jemand erkennbar wäre, er diese Erkenntnis doch nicht mitteilen könnte. Die „Natur“,
von der hier wie bei den Philosophen die Rede isr,
steht in diesem Zusammenhang für die „eigentliche“
Wirklichkeit, wie sie die „wissenschaftlichen“ Philosophen zu erkennen versucht hatten, das ungewordene, unvergängliche, unveränderliche Seiende des
Parmenides, die Homoiomerien des Anaxagoras, den
leeren Raum und die Atome des Leukipp und Demokrit, lauter (untereinander verchiedene) „wahre“
Welten, die alle wirklicher sein sollten als die Welt,
in welcher wir uns täglich bewegen. Eben dagegen
richter sich die Kritik des Gorgias: diese „wahren
Welten“ gibt es nicht, und wenn es sie gäbe, wären
sie für uns nicht erkennbar, wenn aber jemand doch
eine solche Erkenntnis haben sollte, könnte er sie
nicht mitteilen, da wir nun einmal von Natur in der
sinnlichen Welt eingeschlossen leben, in der wir uns
im täglichen Leben bewegen: und — das ist der
praktische Sinn des Ganzen — es wäre gescheiter,
sich in dieser uns erkennbaren Welt zu orientieren
und häuslich einzurichten, als über davon verschiedene „wahre Welten“ zu spekulieren,
Mit dieser Auslegung steht auch das, was sonst
über die (älteren) „Sophisten“ berichtet wird, in
bester Übereinstimmung. Sehr interessant ist, daß
Protagoras sich gegen die mathematische Definition
der Tangente als einer Geraden, welche den Kreis in
Gegenstände der Mathematik, die in der empirischen
einem Punkte berührt, gewendet haben soll!®: eine
Linie berühre einen Kreis immer in mehreren Punkten bzw. habe eine Strecke mit ihm gemeinsam. Damit wendet sich Protagoras gegen die „idealen“
Wirklichkeit ja tatsächlich nicht vorkommen, greift
aber damit zugleich narürlich die Grundlagen der
„wissenschaftlichen“ Bewältigung der Welt gerade
auch im Sinne der modernen Naturwissenschaft an,
die sich ja eben vor allem der mathematischen Hilfsmittel bedient. Es steht damit aber wiederum auch
nicht im Widerspruch, wenn ein anderer Sophist,
Hippias von Elis, selbst mathematische Entdeckungen oder Erfindungen gemacht hat, wie die berühmte
Me Vgl. Diels/Kranz, Vorsokratiker 82B 3.
48 Vgl, ibidem 80 B7.
Pagina 20
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)K. Steinsuch: Zwölf Fragen zur Kybernetik
[13] Bense, M.: Der funktionale Bewußtseinsbegriff (noch unveröffentlicht).
[17] Hess, W.R.: Das Zwischenhirn. Basel: Benno Schwabe
Verlag, 1954,
[14] Frank, H.: Bewußtsein und Gedächtnis. Unveröffentlicht.
[18] v. Holst,
E.: Die experimentelle Erforschung tierischer
Triebe. Umschau 1960, H. 18, S. 1—7.
[15] Jaspers, K.: Allgemeine Psychopathologie. Berlin: Sprin-
[19] Wiener, N.: Cybernetics. New York: J. Wiley & Sohn,
1948.
[16] Frankl, V. E.: Die Tranquilizer und der ärztliche Kampf
gegen die Angst. Universitas /5, H.3, S.275—282
[20] Rothschub, K.E.: Theorie des Organismus. München u.
Berlin: Urban & Schwarzenberg, 1959.
ger, 1920.
(1960).
STUDIUM GENERALE .
Studium
Generale
Heft 11
1961
14. Jahrgang
Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. II
Von
KURT von FRITZ
(Dr. Karl Steinbuch, o. Professor an der T.H. Karlsruhe, Direktor des Instituts für Nachrichtenverarbeitung und
Nachrichtenübertragung, KarlsruhelBd., Kaiserstr. 12)
6.
Auch die Philosophie des Sokrates, des Platon und
des Aristoteles bedeutet in gewisser Weise eine Abwendung von der Richtung, welche der Hauptstrom
der vorsokratischen Philosophie bis dahin genommen
hatte. Diese Philosophen haben sogar, so groß der
Unterschied vor allem zwischen Sokrates und Platon einerseits und den Sophisten andererseits auch
ist, doch etwas mit diesen gemeinsam, insofern ihnen,
ganz anders als der Mehrzahl der Vorsokratiker, der
Mensch wieder im Mittelpunkt ihres Nachdenkens
steht. Aber bevor die Frage eingehender erörtert
Schritten zu weiteren wirklich oder vermeintlich
ebenso gesicherten Erkenntnissen fort. Vielmehr
wird die Spekulation der frühesten griechischen
Denker gerade charakterisiert durch die riesigen
Sprünge gewaltiger und gewaltsamster Verallgemeinerungen, bei denen nicht das logische Denken,
sondern die konstruktive Phantasie die maßgebende
Triebkraft gewesen ist.
Die Korrektur dieser Verallgemeinerungen erfolgt
dann unter Umständen gerade als natürliche Folge
des energischen Bemühens, die Verallgemeinerung
nun auch im einzelnen tatsächlich überall durchzusophen zu den vorsokratischen Philosophen einerführen. So waren die Pythagoreer auf Grund von
immerhin ziemlich eingeschränkten Beobachtungen
werden kann, in welchem Verhältnis diese Philoseits, den Sophisten andererseits stehen, ist es notan Musikinstrumenten, an gewissen ornamentalen
wendig, in aller Kürze auf einen weiteren Aspekt
der Entwicklung des „wissenschaftlichen“ Denkens
Figuren, vor allem Dreiecken, und an den Beweguneinzugehen, der in gewisser Weise den sonst in vierung gelangt, alles sei Zahl, d. h. alles lasse sich durch
lem gegensätzlichen Richtungen gemeinsam ist: die
Entwicklung des logischen und dialektischen Denkens.
hältnisse und also, da andere Zahlen nicht bekannt
waren, durch Verhältnisse zwischen ganzen Zahlen,
Es hatte sich zu Anfang gezeigt, daß die erste
große Wendung, die man geradezu als den Beginn
des „wissenschaftlichen“ Denkens bezeichnen kann,
durch das in einer bestimmten historischen Situation
spontan entstehende Bedürfnis nach festen, präzisen,
ohne Verlust von einem Individuum auf ein anderes
übertragbaren Erkenntnissen hervorgegangen ist.
Daraus ergab sich der Zwang, mit ganz einfachen,
für jedermann einsichtigen und faßbaren Dingen zu
beginnen: mit Dingen, die überall vorgefunden und
in einer ganz primitiven Weise „verifiziert“ werden
können, wobei dieses Wort natürlich noch nicht die
präzise Bedeutung hat, welche ihm moderne Wissenschaftstheorien zu geben versuchen. Aber nicht minder spontan und drängend als das Bedürfnis nach
fester und faßbarer Erkenntnis war das Bedürfnis
nach einer Gesamterkenntnis und einem Gesamtverständnis der Welt. Daher schreitet das Denken zunächst durchaus nicht konsequent von den wirklich
oder vermeintlich ganz einfachen und sicheren ersten
Gegebenheiten mit kleinen sorgfältig kontrollierten
Studium Generale (Berl.), 14. Jahrg.
gen der Gestirne, zu der gewaltigen VerallgemeineZahlenbündel oder dann genauer durch Zahlenverbestimmen und aussprechen. Dann wurde jedoch an
so einfachen Figuren wie dem regelmäßigen Fünfeck und dem Quadrat die Entdeckung gemacht, daß
sich hier nicht einmal das Verhältnis zwischen Seite
und Diagonale, ein Grundverhältnis der Figuren,
durch Verhältnisse zwischen noch so großen ganzen
Zahlen exakt darstellen ließ.
Bei dieser Entdeckung muß nun schon die Logik
im engeren Sinne eine entscheidende Rolle gespielt
haben. Die modernen Mathematikhistoriker streiten
sich darüber, ob diese Entdeckung, die Entdeckung
der Inkommensurabilität, zuerst am regelmäßigen
Fünfeck oder zuerst am Quadrat gemacht worden
sei. Die antike Überlieferung spricht für das Fünfeck, wenn sie auch nicht ganz eindeutig ist!51. Aber
für das vorliegende Problem kommt auf die Frage
der historischen Priorität nichts an. Wichtig ist nur,
daß die Entdeckung für beide Figuren in die Mitte
bzw. das dritte Viertel des fünften Jahrhunderts fallen muß, daß beide Entdeckungen einen Beweis vor11 Vel, darüber die in Fußn. 51 zitierte Abhandlung.
Pagina 21
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Studium
Generale
lt aos K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen, II
Jahrgang 14
603
aussetzen, und daß die Beweismethoden in beiden
selbst. Verhielte sich nun die Lange der Diagonale
Form, schon gut ein ‘halbes Jahrhundert früher,
Fällen verschiedene gewesen sein müssen.
zur Länge der Seite wie irgend zwei zueinander
wenn nicht noch früher nachweisent55.
- von allgemeineren Feststellungen machen, Die beiDas älteste faßbare Beispiel ist wohl ein freilich den Inkommensurabilitätsbeweise gehen von auch
historisch schon vorgegebenen Lehrsätzen aus, von
nicht wörtlich, sondern nur in indirekter Überlieterung erhaltener Beweis des Xenophanes für die denen der pythagoreische Lehrsatz vermutlich schon
Ewigkeit seines einen Gottes, der zwar dem Xeno- durch ein aus mehreren Schritten bestehendes Be- :
phanes von den modernen Philosophiegeschichtlern weisverfahren bewiesen worden war, wenn sich auch
tast durchweg abgesprochen wird, der aber echt sein nicht mehr mit einiger Sicherheit feststellen läßt, wie
muß, weil in ihm das Wort öholog in einem strikten dieses ausgesehen hat. Dagegen läßt sich über die
Sinne gebraucht wird, in dem es später nicht mehr hauptsächlichen Sätze, von denen der Inkommen-
Der Beweis am Fünfeck beruht auf der Beobachprime ganze Zahlen!®* d und s, so wäre auch das
tung, daß die Diagonale des regelmäßigen Fünfecks
im Innern des Fünfecks wieder ein Fünfeck bilden
und der kühnen, alle Empirie überschreitenden Folgerung, daß dies folglich auch gelten müsse für immer
neue, immer kleinere Fünfecke im Innern des jeweils
Quadrat (d.h. die zweite Potenz). der Maßzahl der
Diagonale d gleich dem doppelten Quadrat der
nächsten inneren Fünfecks, obwohl diese Fünfecke an
Potenz enthalten muß, müßte auch d selbst den Fak-
Kleinheit längst jede Sichtbarkeit oder aktuelle Konstruierbarkeit unterschreiten. Auch daß die Differenz
der Diagonale und Seite des äußeren Fünfecks gleich
der Diagonale des inneren Fünfecks und die Differenz zwischen der äußeren Seite und der inneren
Diagonale gleich der Seite des inneren Fünfecks ist,
kann man zunächst nach Augenmaß vermuten und
dann durch Nachmessen ungefähr verifizieren. Aber
um zu einem gültigen Resultat in einer vom Standpunkt der ursprünglichen pythagoreischen Lehre aus
so umstürzenden Entdeckung zu können, muß man
es beweisen. Es ist nicht glaublich, daß das Resultat
ohne gültigen Beweis angenommen worden wäre.
tor 2 enthalten, also’eine gerade Zahl sein. Da nun s
nach Voraussetzung keinen Faktor mit d gemeinsam
Die mathematischen Sätze, welche man für diesen
Beweis braucht, sind alle schon für Thales bezeugt;
und zu Ende des fünften Jahrhunderts ist, wie sich
zeigen wird, die schrittweise vorhergehende mathematische Beweistechnik schon so weit fortgeschritteni5?, daß die ersten Anfänge der Methode schon
ein gutes Stück weiter zurückliegen müssen. Von dieser Seite her besteht also keinerlei Bedenken, die
Entdeckung durch einen Beweis dieser Art schon
dem in der Mitte des fünften Jahrhunderts lebenden
Hippasos von Metapont zuzuschreiben.
Der bezeugte, wenn auch nicht datierte, aber
Maßzahl der Seite s, also d?=2s?, Also wäre d? durch
zwei teilbar, also eine gerade Zahl. Da aber eine
Quadratzahl jeden ihrer Faktoren in der zweiten
haben soll, so kann es den Faktor 2 nicht enthalten,
muß also eine ungerade Zahl sein. Wenn aber d?,
wie sich ergeben hatte, eine gerade Zahl ist, muß
!/ad eine ganze Zahl sein. Setzt man nun Y/rd=e, so
muß e?=4/4 d? sein, und da d?=2s? ist, muß
e=1/2
s? sein, woraus folgt, daß s?=2e? ist. Da nun
e, wie gezeigt, eine ganze Zahl ist, muß s? eine gerade
Zahl sein und folglich auch s. Es hatte sich aber auch
ergeben, daß s eine ungerade Zahl ist. Es ergibt sich
mithin unter der angenommenen Voraussetzung ein
Widerspruch. Also muß die Voraussetzung, daß die
beiden Strecken sich zueinander verhalten wie irgend
zwei zueinander prime Zahlen, d.h. wie irgend zwei
ganze Zahlen, unrichtig sein.
Dieser Beweis für die Quadrardiagonale ist etwas
komplizierter und erfordert etwas mehr Voraussetzungen als der Fünfecksbeweis. Doch bedeuter
dies nicht, daß er nicht ebenfalls in der Mitte des
fünften Jahrhunderts schon hätte geführt werden
können. Denn nicht nur der pythagoreische Lehrsatz, sondern auch die zahlentheoretischen Erkenntnisse, welche er voraussetzt, wie daß das Verhältnis
zweifellos ebenfalls sehr alte Beweis für die Inkommensurabilität von Seite und Diagonale des Quazwischen irgendwelchen ganzen Zahlen sich auf das
Verhältnis zwischen zwei zueinander primen Zahlen zurückführen läßt oder daß jede in einer Quadrats ist anderer Natur. Es ist ein indirekter Beweis,
dratzahl enthaltene Primzahl auch in der einfachen
der an die Unterscheidung zwischen geraden und
ungeraden Zahlen anknüpft, welche ihrerseits in der
alten, wahrscheinlich von den Agyptern übernom-
Zahl (der Wurzel der Quadratzahl, wie wir sagen
würden) enthalten sein muß, usw. gehören in den
Rahmen der ältesten pythagoreischen Mathematik.
menen, Rechentechnik und von da her auch in der
Aber auch wenn sich beweisen ließe, daß dieser voll
alten pythagoreischen Zahlenphilosophie eine große
Rolle spielte. Setzt man den in einem Appendix zum
10. Buch der Elemente Euklids überlieferten!®* Beweis der Kürze und besseren Verständlichkeit halber
in eine etwas modernisierte Terminologie um und
bedient sich dabei einiger Buchstabensymbole, so
lautet er dem Sinn nach folgendermaßen: Nach dem
Pythagoreischen Lehrsatz muß das Quadrat über
der Diagonale des Quadrats doppelt so groß sein
als das Quadrat über seiner Seite, d.h. das Quadrat
182 Vgl. unten $. 604.
153 Eyklid, Elemente X, Appendix 27 (Bd. IV, p. 408 f. der
Ausgabe von Heiberg).
ausgeführte Beweis einer etwas späteren Zeit angehören muß, würde dies keine wesentliche Bedeutung
haben, da dadurch in keiner Weise die Möglichkeit
des früheren Auftretens von indirekten Beweisen
widerlegt würde. Tatsächlich lassen sich solche Beweise, wenn auch in wesentlich unkomplizierterer
15% Dieser Ausdruck gehört der ältesten Form des Beweises
wohl noch nicht an. Aber daß sich das Verhältnis von zwei
ganzen Zahlen, die gemeinsame Faktoren haben, durch „Kürzen“ dieser Faktoren auf ein Verhältnis von zwei ganzen
Zahlen, die keine gemeinsamen Faktoren haben, also zueinander „prim“ sind, zurückführen läßt, gehört zu den ältesten
Erkenntnissen der Pythagoreischen Proportionstheorie.
An diesen drei Beweisen kann man nun eine Reihe
vorkommt, und, was wichtiger ist, weil der Beweis
surabilitätsbeweis am Fünfeck ausging, zum minin der vorliegenden Form nach den viel radikaleren
Argumenten des Parmenides kaum mehr möglich gewesen ware55, Dieser Beweis lautet; Gott kann nicht
geworden sein, weil er weder aus einem gleichartiwelche durch die Methode des Aufeinanderlegens,
gen noch aus einem ungleichartigen Wesen hervorgegangen sein kann: nicht aus einem gleichartigen:
denn dann wäre nichts hervorgegangen: es hätte vorher wie nachher das eine alles lenkende Wesen (dessen Existenz Xenophanes mit ähnlichen Gründen zu
beweisen versuchte) gegeben. Aber er kann auch
nicht aus einem ungleichartigen Wesen hervorgegangen sein. Denn entweder wäre dieses stärker gewesen
als er. Dann muß es aber noch da sein. Denn wo
sollte seine Stärke hingekommen sein? Auch muß es
als das Stärkere das alles lenkende Wesen sein und
es hat sich wieder nichts geändert. Oder er hatte aus
einem schwächeren Wesen hervorgehen müssen. Aber
das ist auch nicht möglich. Denn wo hätte das schwächere Wesen die Kraft oder Substanz hernehmen
sollen, das alles lenkende, allgewaltige Wesen aus
sich hervorgehen zu lassen?
Obwohl dieser Beweis sozusagen drei Zweige hat
gegenüber den zwei Zweigen des Beweises für die
Inkommensurabilität der Quadratdiagonale, ist er
doch viel einfacher, Vor allem setzt er nicht wie dieser besondere theoretische Kenntnisse und Vorbeweise voraus. Er geht vielmehr von allgemein bekannten und scheinbar völlig durchsichtigen Vorstellungen des Gleichartigen, des Stärkeren und des
Schwächeren aus und versucht mit ihrer Hilfe zu
zeigen, daß sich in der Sache liegende Unmöglichkeiten ergeben, wenn man eine andere Annahme
macht als diejenige, welche er beweisen will.
155 Es ist das Verdienst von A. Szabó, in einer Reihe von
Arbeiten, z. B. „Zum Verständnis der Eleaten“, Acta Antiqua
Academiae Scient. Hungariae //, p. 243 ff. (1954) und „Anfänge
des euklidischen Axiomensystems“, Archive for the History of
the Exact Sciences J, p.38 ff. (1960), sowie anscheinend in
einigen weiteren dort zitierten, mir nicht zugänglichen, Aufsätzen auf die Bedeurung des indirekten Beweises für die Anfinge einer auf Grund von „ersten Sätzen“ beweisenden
Philosophie und Wissenschaft hingewiesen zu haben.
150 Vgl, darüber genauer den in Fußn. 67 angekündigten
Artikel.
desten mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß sie
zum größten Teil auf „erste* Sätze zurückgingen,
deren sich, wenn auch in mathematisch verfeinerter
Form, noch Euklid beim ersten Kongruenzsatz bedient, einsichtig gemacht worden waren!?”, Wiederum anders geht der indirekte Beweis für die Ewigkeit Gottes bei Xenophanes nicht von vorgegebenen
Grundlagen aus, sondern legt sozusagen selbst eine
solche. Ganz ähnlich steht es mit den „logischen“
Beweisen, mit denen Parmenides zu beweisen sucht,
daß es außer dem einen Seienden nichts geben kann.
Der Beweis des Xenophanes kehrt sogar bei ihm in
leicht veränderter und verstärkter Form wieder.
Auch die berühmten Beweise des Zenon, mit denen
er zu beweisen versuchte, daß es keine Vielheit geben kann oder keine Bewegung, indem er die Unmöglichkeiten, welche sich aus der gegenteiligen Annahme ergeben, aufwies, gehören, obwohl ihrer Struktur nach von den Beweisen des Xenophanes und Parmenides etwas verschieden, im wesentlichen hierher?58,
Es lassen sich also eine Reihe von Grundelementen
unterscheiden. Das eine ist die Beschaffung von ersten gesicherten Grundlagen. Davon haben sich bis
hierher — abgesehen von der direkten Beobachtung!ë® oder dem Experiment, die aber anderer Natur sind — zwei Formen aufweisen lassen: der
„Beweis“ durch Deckung bei der Feststellung primärer Gleichheitsrelationen und der indirekte „Beweis“, Inwiefern hier von „Beweisen“ geredet wer167 Vgl, darüber eingehender Archiv für Begriffsgeschichte I,
p. 76 ff, (1955).
158 Die ausführlichste Sammlung der Zeugnisse über diese
Beweise be! H. D. P. Lee, Zeno of Elea, Cambridge 1936.
159 Die Widerlegung vorschneller Verallgemeinerungen
brauchte natürlich nicht in allen Fällen mit Notwendigkeit
durch Beweise der angeführten Art geschehen. So hat z. B.
Herodot gewisse vorschnelle Verallgemeinerungen des Hekataios durch Erkundungen auf Reisen widerlegt, wobei er freilich selbst wieder auf Grund des Erkundeten eigene vorschnelle
Verallgemeinerungen begangen hat. Wie weit sich auf Grund
von Einzelbeobachtungen wirklich allgemeine Sätze aufstellen
lassen, ist eine andere Frage, die an dieser Stelle noch nicht
behandelt zu werden braucht.
Pagina 22
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)nn ioc
den kann, obwohl es sich eigentlich um die Beschaffung der Grundlagen für Beweise im eigentlichen
Sinne handelt, wird später in anderem Zusammenhang genauer zu erörtern sein. Das zweite ist der
eigentliche Beweis, der auf Grund von solchen ersten
Sätzen durch eine Kette von logischen Schlüssen zu
weiteren Resultaten fortschreiter. Auch dies kann
wieder in der Form des direkten und in der Form
des indirekten Beweises geschehen. Der indirekte
Beweis kann also in doppelter Form erscheinen: als
eine der Arten, sich eines ersten und grundlegenden
Satzes zu versichern und als Beweis im eigentlichen
Sinne, der von schon vorgegebenen ersten Sätzen in
mehreren logischen Schritten zu seinem Resultate
fortschreitet.
In dem ersten im Wortlaut oder nahezu im Wortlaut erhaltenen Beweis der griechischen Geomerrie,
den Möndchenbeweisen des Hippokrates von Chios
vom Ende des fünften Jahrhunderts, ist das aus diesen Elementen bestehende Verfahren schon nicht nur
völlig durchgeführt, sondern wird auch mit vollem
theoretischem Bewußtsein‘ von seinem Wesen gehandhabt!®®. Es heißt ausdrücklich, daß Hippokrates
sich zuerst eine &oyh gemacht habe, einen festen Ausgangspunkt, und zwar in Form einer Verallgemeinerung des pythagoreischen Lehrsatzes, die diesen
auf alle über der Hypotenuse und den Katheten
eines rechtwinkligen Dreiecks errichteten ähnlichen
Figuren ausdehnt, und die später von Eudoxos von
Knidos mit Hilfe seines „Exhaustionsverfahrens“151
bewiesen worden ist. Sie muß zweifellos auch schon
von Hippokrates, wenn nicht im späteren Sinne
strikt bewiesen, so doch auf irgendeine, wahrscheinlich von der eudoxischen nur durch mangelnde
Strenge abweichende Weise evident oder plausibel
gemacht worden sein. Mit Hilfe dieses von ihm
selbst aufgewiesenen Ausgangssatzes und andern von
früheren Mathematikern gefundenen und bewiesenen Sätzen führt dann Hippokrates in einer großen
Menge von einzelnen Schritten seine interessanten
Méndchenbeweise durch, mit deren Hilfe er im weiteren Verlauf zu einer Quadratur des Kreises zu
gelangen hoffte, was ihm freilich nicht gelungen ist
und auch nicht gelingen konnte. Diese Methode des
strengen Beweises auf Grund von ersten Sätzen hat
sich dann trotz mancher Anderungen in den Fundamenten, von denen noch zu reden sein wird!#®, fort-
Studium
Generale
gesetzt und ist bis auf den heutigen Tag die Methode
der mathematischen Wissenschaft geblieben. Sie ist
schon im Altertum als angewandte Mathematik ausgedehnt worden auf gewisse Gebiete der Naturwissenschaft im weitesten Sinne dieses Wortes, wie die
Optik, die Mechanik und die Astronomie. Aber sie
ist im Altertum in dieser Form doch im wesentlichen
auf einen verhältnismäßig engen Kreis spezieller
Wissenschaften beschränkt geblieben.
Dies gilt jedoch nur für die systematisch von
ersten grundlegenden Sätzen ausgehende und von
da in einer lückenlosen Kette von logischen Schlüssen fortschreitende Wissenschaft. Sonst hat das logische Schließverfahren naturgemäß eine viel weitere und umfangreichere Rolle gespielt; und es ist
für das volle Verständnis sowohl der Ursprünge als
auch der weiteren Entwicklung notwendig, auch diese
weiteren Zusammenhänge in den Kreis der Betrachtung zu ziehen. A. Szabé hat in einer der zitierten
Arbeiten!# die verschiedenen Theorien über den
Ursprung der logisch beweisenden Wissenschaft bei
den Griechen aufgezählt und zu einer Entscheidung
darüber zu kommen versucht, welche von diesen
die richtige sei: die Theorie, daß sie aus der Diskutierfreude und Argumentierfreude der Griechen in
den sich langsam demokratisierenden Städten, wo
die politische Diskussion sich stürmisch entwickelte,
hervorgegangen sei; die oben'& vertretene Theorie,
daß das Bedürfnis, in einer verwirrend mannigfaltigen und kulturell überlegenen Umwelt, zu sicheren
Erkenntnisgrundlagen zu gelangen, die entscheidende Rolle gespielt habe; oder endlich die Theorie,
daß einzelne Philosophen den entscheidenden Anstoß dazu gegeben hätten. Aber in Wirklichkeit sind
das gar keine Alternativen. Vielmehr ist offenkundig, daß alle drei Faktoren eine entscheidende Rolle
gespielt haben.
~
|
Der erste Anstoß ist offenbar von der speziellen
Situation ausgegangen, in welcher sich die Griechen
an der kleinasiatischen Küste befanden. Dort finder
man zuerst die Tendenz, von ganz einfachen und
faßbaren, jedem zugänglichen Dingen auszugehen,
und in der Mathematik sich ganz einfacher grundlegender Sätze als exakt gültiger zu bemächtigen, wie
dies eben von dem ältesten kleinasiatischen Philosophen, Thales, ausdrücklich bezeugt ist. Dort ist
aus demselben Anlaß die Tendenz, von diesen ersten
150 Der vollstindige Text der Beweise bei F. Rudio, „Der
Bericht des Simplicius über die Quadraturen des Antiphon und
des Flippokrates“, Urkunden zur Geschichte der Mathematik
faßbaren Dingen zu der Konstruktion einer umfassenden Welttheorie durch gewaltige Verallgemeineungen fortzuschreiten, am ausgeprägtesten. So
ST Vel. darüber oben S.561 f. — Darüber, wie die àoxh
bei Hippokrates ausgesehen haben mag, vgl. O. Becker im
Archiv für Begriffsgeschichte IV, 218 ff.
468 Val. unten S. 607 ff.
wenig dies ein historischer Zufall ist, so wenig ist
im Altertum, Heft 1, Leipzig 1907.
9 Archive for the History of the Exact Sciences I, 38 ff.
14 Vgl. oben S. 548 ff.
Jahrganı
gl4
‘Heft 11 (1961)
X, von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen, II
es wohl auch ein Zufall, daf die ersten Beispicle
logischen Argumentierens aus Unteritalien stammen, wo schon fiir das Ende des sechsten Jahrhunderts
lebhafte politische Parteikämpfe in den griechischen
Gemeinden bezeugt sind und wo auch etwas später
die Theorie der Redekunst ihren Ursprung genommen hat. Es ist vielleicht sogar bezeichnend, daß die
gewaltige Verallgemeinerung der pythagoreischen
Lehre „alles ist Zahl* nachweisbar noch von Pythagoras selbst stammen muß, der aus dem östlichen
Mittelmeer nach Unteritalien ausgewandert ist, die
Kunst des mathematischen Beweises aber, soweit sich
erkennen läßt, zuerst in Unteritalien entwickelt
worden ist. Es kann also kaum ein Zweifel daran
bestehen, daß die beiden unter verschiedenen historischen Bedingungen entstandenen Elemente zusammengewirkt haben. Wie eng auch in Italien die historische Situation mit der Weiterbildung von Denkmethoden zusammenhängt, wird sogar durch einige
Fragmente der Komödien des Epicharm unmittelbar
vor Augen geführt, in denen die Vermengung von
ganz persönlichen Disputen des Marktplatzes mit
hochphilosophischen Argumentationen zur Erzielung
von komischen Effekten benutzt wird'®.
Endlich steht es mit der Annahme dieses doppelten Ursprungs des wissenschaftlichen Beweises aus
zwei voneinander verschiedenen historischen Situationen in keiner Weise im Widerspruch, daf der
entscheidende Schritt von bestimmten identifizierbaren Philosophen, auf der einen Seite Thales, auf der
anderen Seite Xenophanes und Parmenides, gevan
worden ist. Nur die von E. Frank aufgestellte Theorie!66, die eine Zeitlang weitgehende Beachtung und
Annahme gefunden hatte, jetzt aber wohl kaum
noch ernsthaft vertreten wird, daß die logische Beweismethode erst von Platon erfunden worden sei
und alle Überlieferung, die dem zu widersprechen
scheint, auf späterer Erfindung beruhe, ist ganz
sicher und nachweislich unrichtig!#".
188 Vgl. vor allem die Fragmente Diels/Kranz 23 B 1/2.
168 Erich Frank, „Platon und die sogenannten Pythagoreer”,
Halle 1923.
17 An dieser Stelle ist vielleicht eine kleine Richtigstellung
erlaubt, A. Szabé erwähnt mich in dem Fun. 163 zitierten
Aufsatz nächst E. Frank unter denjenigen, welche die Entstehung und Ausbildung einer von ersten Sätzen ausgehenden
beweisenden Wissenschaft auf „die Philosophie“ zurückzuführen
versuchen und sagt dann, ich wolle, anstatt von einer platonischen Reform der Mathematik zu sprechen, eher die angeblich
bedeutende Rolle des Aristoteles in der theoretischen Grundlegung der Mathematik hervorheben. Das ist zwar dem reinen
Wortlaut nach nicht unrichtig, trotzdem aber im Zusammenhang, in dem es steht, vollständig irreführend. Denn die unmittelbar vorher von Szobé erwähnte These Franks geht dahin,
daß die antike Mathematik erst unter dem Einfluß Platons
überhaupt zu einer beweisenden geworden sei, so daß der Anschein entstehen muß, ich hätte etwas Ähnliches von Aristoteles
605
Für die weitere Entwicklung ist nun aber auch
das logische Folgern und Schließen, d.h. das Argumentieren, wie es im täglichen Leben, auf dem
Marktplatz, in den regierenden oligarchischen Körperschaften und in den demokratischen Volksversammlungen üblich war, von großer Bedeutung gewesen. Dort geht man aber nicht von ersten Sätzen
aus, deren man sich durch so komplizierte Manipulationen wie das Zur-Deckung-Bringen des Thales
oder die indirekten Beweise des Xenophanes versichert hat, sondern man disputiert e concessis: d.h.,
man geht von etwas aus, von dem man glaubt, daß
der oder diejenigen, welche man überzeugen oder
überreden will, es für richtig halten oder jedenfalls
aus subjektiven Gründen billigen, und sucht dann
durch mehr oder minder korrekte Schlüsse zu zeigen,
daß, wenn man jenes für richtig halte und billige,
man auch das billigen müsse, was der Überredende
den andern plausibel oder annehmbar machen will.
Darauf beruht nach ihrer logischen Seite die sogenannte Kunst der Dialektik, wie sie auch von den
Sophisten geübt wurde und die, wie schon ihr Name
zeigt, eben eine Kunst des miteinander Durchdiskutierens ist. Daneben hat dann Gorgias, der ebenfalls
zu den Sophisten gezählt wurde, eine Rhetorik ausgebildet, die sich zwar auch der Argumente bedient,
besonderen Wert aber auf den unmittelbaren Appell
an die Emotionen der Zuhörer legt.
In der politischen Argumentation spielten natürlich damals nicht anders als heute Kombinationen
von Appellen an die Emotionen und logischen Argumentationen eine große Rolle, wobei man sich in
reichem Maße auch logischer Trugschlüsse bediente,
unter welchen wiederum formal die Quaternio terminorum bei weitem an erster Stelle steht. In der
politischen Argumentation müssen diese Trugschlüsse naturgemäß solcher Art sein, daß sie nicht
auf den ersten Blick als solche erkennbar sind und
zwar vor allem in der Art, daß ein Wort, welches
der Zeitströmung entsprechend geeignet ist, bei einer
angenommen. Das hat mir aber niemals einfallen können, da
ich wohl der erste gewesen bin, der die Anfänge der , Wissenschaft“ mit der Situation der Griechen in Kleinasien im 6.
und 5. Jahrhundert in Verbindung gebracht hat, und da ich in
mehrfachen Untersuchungen (vgl. z. B. Philologus LXX XVII,
p. 40 #. u. 136 ff., 1932) den Beweis zu erbringen versucht habe,
daß die beweisende Mathematik viel älter ist als Platon. Was
ich zu zeigen versucht habe, ist, daß Aristoteles eine Einteilung der Prinzipien oder ersten Sätze vorgenommen hat, welche
dem Stand der Mathematik seiner Zeit entsprach, auf die
spätere Mathematik jedoch nicht mehr paßte, woraus, da die
Einteilung trotzdem auf lange Zeit hinaus allgemein akzeptiert
wurde, Schwierigkeiten entstanden. Das halte ich auch heute
noch im Wesenrlichen für richtig, wenn ich auch zugebe, daß
der Zusammenhang ein komplizierter ist und noch einer genaueren Derailuntersuchung bedarf (vgl. auch unten Fußnote 177). — Über Platons Stellung zur Mathematik vgl. unten
Pagina 23
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)großen Majorität Gefühle der Zustimmung hervorzurufen, in den verschiedensten Bedeutungen gebraucht wird, um unter diesem Decknamen Zustimmung zu Vorschlägen zu finden, die sich als notwendige Folgerung aus dem Bestreben den durch
das Wort bezeichnenden Zustand zu verwirklichen,
ableiten lassen. So wird heuzutage das Wort Demokratie für so völlig verschiedene, ja z. T. geradezu
entgegengesetzte, Staatsformen gebraucht, wie einen
auf eine Teilung der Gewalten und ein inneres
Gleichgewichtssystem basierten Rechtsstaat, für eine
reine Mehrheitsherrschaft, und für die Diktatur einer
Minderheit, die den Anspruch erhebt, besser zu
wissen was dem Volke frommt, als das Volk selbst.
So wurde im Athen des ausgehenden fünften Jahrhunderts, zu einer Zeit, als weithin eine unbestimmte
Sehnsucht herrschte, aus der Verworrenheit der Gegenwart zu den gesunderen und gefestigteren Zuständen einer älteren Zeit zurückzukehren, der Ausdruck zóérgtos nodreia für die verschiedensten Verfassungsformen, darunter solche, die in Wirklichkeit niemals bestanden hatten, gebraucht, um daraus
folgern zu können, daß diese oder jene politischen
Neuerungen eingeführt werden müßten. Diese Art
des Mißbrauchs logischen Schließens hat es natürlich
zu allen Zeiten gegeben, in denen Politik mit Hilfe
von Argumenten gemacht oder durch solche beeinflußt worden ist.
Das Eigentiimliche der griechischen Entwicklung
jedoch ist, daß diese aus der politischen Argumentation heraus entstandene Dialektik, die mit Aquivocationen und anderen logischen Trugschlüssen,
darunter auch vor allem dem falschen Analogieschluß, arbeitet, sich auch auf andere Gebiete ausdehnt und schließlich den entscheidenden Anstoß
zur Entstehung einer theoretischen Logik gegeben
hat. Eine der seltsamsten Erscheinungen in diesem
Prozeß ist in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts die Entstehung einer dialektischen Streitkunst, der sogenannten Eristik, die als eine Art
geistige Fechtkunst um ihrer selbst willen betrieben
wurde. Hier wurde mit Trugschlüssen gearbeiter,
die, im Gegensatz zu den in der politischen Argumentation gebrauchten, von jedermann sogleich an
der völligen Paradoxie der Schlußfolgerung als solche
erkennbar sind, wenn die Wirkung des Tricks natürlich auch in der Verblüffung des Partners gelegen ist,
der zwar erkennt, daß ein Trugschluß vorliegen
muß, aber nicht ohne weiteres durchschaut, worauf
er beruht. Ein hübsches Beispiel dafür gibt Platon
im Euthydem!8, wo die Virtuosen der eristischen
Kunst, Dionysodor und Euthydem, dem jungen
108 Platon, Euthydem, 298d ff.
Studium
Generale
Ktesippos beweisen, daß er seinen Vater geschlagen
Jahrgang
14
deft
11 (1961)
2: Der
Der Beginn
Be i
iversalwi:
K. von Frirz:
universalw!
haftlicher Bestreb
sende Wissenschaft von Zirkelbeweisen ausgehen
eine streng beweisende Wissenschaft aufzubauen.
weist, daß man auf diese Weise alles beliebige beweisen kann und also in Wirklichkeit nichts bewiesen
wird. Was er demgegenüber betont, ist, daß jede
Aristoteles auch nur kursorisch zu diskutieren, ist
beweisende Wissenschaft von ersten, unvermittelten
und unbewiesenen Sätzen ausgehen muß, die aber,
auf welche Weise es möglich sei, von einfachen gesicherten Sätzen in gültigen Schlüssen fortschreitend
auf das Spiel eingeht, beweist, daß die Skythen
ihre eigenen Schädel von innen besehen und sogar
aus ihnen trinken, nämlich die Schädel ihrer erTötung der Feinde legitim erworben, eben „ihre“
(ihnen eigenen) Schädel sind.
Aber auch Sokrates selbst hat sich in seinen eigenen dialektischen Gesprächen mit jungen und älteren Leuten in reichlichem Maße der Aquivocationen
und der vom streng logischen Standpunkt aus anfechtbaren Analogieschlüsse bedient, wenn auch in
anderer Weise als die eristischen Kunstfechter und zu
einem anderen Zweck, Das Wesen dieses Unterschieds zu diskutieren ist hier noch nicht der Orti®,
Jedenfalls spielen die „dialektischen“ Schlüsse dieser
Art in den Dialogen aller Sokratiker, vor allem
607
in der Analytica posteriora der Frage zugewendet,
hat: nämlich seinen Hund, der, da er von einer
Hündin Junge hat, Vater ist, und da er dem
Ktesipp gehört, „sein“, also da er „sein“ und „Vater“ ist, „sein Vater“, worauf dann Sokrates, der
schlagenen Feinde, die, da in ehrlichem Kampf durch
und der Primat der Griechen. II
Alle diese Aspekte des großartigen Werkes des
im Rahmen der gegenwärtigen Untersuchung natürlich unmöglich. Es muß genügen, auf die für die
Grundlegung einer streng beweisenden Wissenschaft
wichtigsten Probleme so kurz wie möglich etwas
näher einzugehen.
Die ersten Kapitel des ersten Buches der Analytica
posteriora beginnen sogleich mit dem fundamentalsten Problem!7: wir wissen etwas im vollsten und
eigentlichsten Sinne, wenn wir nicht nur wissen, daß
es sich so verhält, sondern auch, daß es sich nicht
anders verhalten kann. Ein solches Wissen wird im
allgemeinen durch einen Beweis erreicht, welcher auf
Syllogismen beruht. Aber Syllogismen setzen Prämissen woraus. Muß aber jede Prämisse selbst wieder
miisse, verwirft diese Theorie jedoch, indem er nachum als erste Sätze dienen zu können, nicht nur wahr,
sondern auch einsichtig sein müssen, und zwar einsichtiger als das, was durch sie bewiesen wird. Daneben erscheint freilich noch der Begriff der äxeyaytı,
was mit Induction übersetzt zu werden pflegt und
von welcher gesagt wird, daß sie vom einzelnen zum
allgemeinen, also wohl zu allgemeinen Sätzen
führu®, Endlich sagt Aristoteles, daß es drei Arten
von ersten Sätzen gibt: die Definitionen, durch welche
das „Was“ eines Gegenstandes bestimmt wird, die
Axiome, die allen oder mehreren Wissenschaften gemeinsam als Grundlage dienen und die grundlegende Relationen ausdrücken, und die dnoféoes,
auch den frühen Dialogen Platons, eine sehr große
Rolle; und in der ebenfalls von: einem Sokratesschüler,
Eukleides von Megara, ausgehenden sogenannten
Prämissen und kommt so zu einem regressus in infiwelche speziellen Wissenschaften angehören und die
Existenz der einfachsten Gegenstände dieser Wissenbehaupten. Hierzu kann sogleich hinzugefügt wermegarischen Schule wurden die logischen Paradoxien
besonders gepflegt. Das hat dann Aristoteles den
Anstoß dazu gegeben, diese Dinge in einer Reihe
erlaubt. Also ist es notwendig, mit ersten Sätzen zu
beginnen, die zwar sicher wahr sind, aber selbst unbewiesen angenommen werden müssen.
von Schriften systematisch zu untersuchen und den
Versuch zu machen, Licht und Ordnung in das durch
den ununterschiedenen Gebrauch von gültigen Schlüssen und von halben und ganzen Trugschlüssen entstandene Dunkel und Ordnung in die Verwirrung
zu bringen. Da diese Verwirrung im dialektischen
Gebrauch des logischen Schließens entstanden war,
hat Aristoteles naturgemäß auch hiervon seinen Ausgangspunkt genommen. Die älteste hierher gehörige
Schrift war zweifellos die Schrift zegt coqiotixdv
!tyyov, die später als 10. Buch der Topik angegliedert wurde und in der er speziell die Trugschlüsse, beginnend mit den Trugschlüssen auf Grund
von Äquivocationen, untersucht. Dann hat er dies
in den übrigen Büchern der Topik zu einer umfassenden Kunst der Dialektik, d.h, einer Kunst, im
dialektischen Streitgespräch den Gegner zu überwinden, entwickelt. Darauf folgte die Untersuchung
und Feststellung der gültigen Schlußformen zur
Unterscheidung von den nicht gültigen in der Analytica Priora, Erst ganz zum Sdhluft® hat er sich
160 Vel. darüber unten S.610 ff. .
10 Die von F. Solmsen in seinem Buch, „Die Entwicklung
der aristotelischen Logik und Rhetorik“ (Neue Philologische
Untersuchungen, Heft IV, 1929) aufgestellte These, daß die
„Analytica Posteriora“ von Aristoteles früher verfaßt worden
seien als die „Analytica Priora”, kann, wie ich glaube, mit
Sicherheit als unrichtig erwiesen werden. Doch kann der Beweis naturgemäß nicht hier geführt werden.
bewiesen werden, so braucht man hierzu weitere
nitum, der niemals mit dem Beweisen anzufangen
Hier erhebt sich also von neuem und im Zusammenhang einer systematischen Betrachtung dasselbe
Problem, welches am allerersten Anfang des griechischen Strebens nach gesichertem Wissen an verschiedenen Stellen, wo ein Anfang neuer Erkenntnis
gesucht wurde, sozusagen spontan aufgetreten war.
Nun konnten bisher zwei Methoden, sich solcher erster Sätze zu versichern, aufgewiesen werden: auf
einem ganz speziellen Gebiet, dem der Planimetrie,
und auf diese beschränkt, der Nachweis der Inhaltsgleichheit von Flächenstücken mit Hilfe der
Dedkungsmethode!?? und in ausgedehnterer Anwendung der indirekte Beweis!#, Dazu kann man aus
späterer Zeit noch einen wahrscheinlich auf Exdoxos
von Knidos
(400-347
v.Chr.)
zurückgehenden
Versuch hinzufügent7, in der Geometrie (Planimetrie sowohl wie Stereometrie) mit Definitionen
als ersten Sätzen auszukommen, durch welche ein
geometrischer Gegenstand sozusagen erst konstituiert wird, so daß sie einer weiteren Begründung nicht
bedürfen. Alle diese anderweitig nachweisbaren
früheren Methoden, sich erste Sätze zu beschaffen,
werden von Aristoteles nicht erwähnt. Dagegen erwähnt ert75 eine Theorie, nach welcher eine bewei-
Tm Vgl. Aristoteles, Analytica Posteriora I, 71b, 9.
172 Vel. darüber oben $.549 ff.
173 Vgl. oben S. 602 f.
ırı Vgl, Archiv für Begriffsgeschichte 7, 72 ff. u. 87 f.
175 Vgl. Analytica Posteriora, 72b 15 ff.
schaften, wie z.B. der Einheit in der Arithmetik,
den, daß die Axiome in den Elementen Euklids unter dem Namen xowat Evvouu (allgemeine Einsichten) auftreten (Beispiel: Gleiches zu Gleichem addiert gibt Gleiches), die dnodtoeıg unter dem Namen
Postulate (atvhata)'?, wobei jedoch gewisse
Schwierigkeiten auftreten, da sich auch speziell geometrische erste, d.h. unbewiesene Relationssätze als
nötig erweisen, die dann mit den Existenzsätzen zusammen unter den Postulaten erscheinen.
Was hat es nun mit alledem auf sich? Warum
werden die früheren Methoden, sich erster Sätze zu
vergewissern, von Aristoteles mit Ausnahme des
Zirkelbeweises nicht erwähnt? Und wie verhalten
sich die verschiedenen Versuche und Theorien zu
modernen Begründungen einer streng beweisenden
Wissenschaft?
Daß die Deckungsmethode von Aristoteles nicht
nur in den Analytica, sondern auch an Stellen der
Metaphysik, wo von Gleichheit, Ähnlichkeit und
+76 Vgl. Analytica Posteriora I, 81b, 1 ff. und Topica I, 12,
105a, 13 ff.
177 Szabó hat an sich recht, wenn er (Archive J, p.71 ff.)
darauf aufmerksam macht, daß die von Aristoteles erwähnten
Existenzsätze nicht derselben Art sind wie die Sätze, die bei
Euklid unter den airhpäru oder Postulaten erscheinen. Der
Zusammenhang ist aber auch etwa komplizierter als so, daß
Euklid einfach die Einteilung des Aristoteles aus dessen Analytiea übernommen hätte. Ich habe schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß er diese Schrift kaum gekannt haben kann.
Trotzdem life sich, glaube ich, ein indirekter Einfluß erweisen.
Aber das ist eine Spezialfrage, die hier nicht erörtert werden
kann und auch für die hier zu diskutierenden Fragen nicht von
wesentlicher Bedeutung ist.
Pagina 24
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Kongruenz die Rede ist und also Anlaß gewesen
wäre, sie zu erwähnen, völlig ignoriert wird, ist
aller Wahrscheinlichkeit nach darauf zurückzuführen, daß sie in der Mathematik seiner Zeit durch
die Definitionsmethode des Eudoxos ersetzt worden war!”®, Nicht minder interessant ist, daß Euklid
sie wieder eingeführt hat, wahrscheinlich deshalb,
weil die Definitionsmethode iiberbestimmte Definitionen notwendig macht, wie z.B. die bei Euklid
noch erhaltene Definition des Durchmessers als einer
geraden Linie, welche durch den Mittelpunkt des
Kreises geht, durch seine Peripherie begrenzt wird
und den Kreis in zwei gleiche Teile teilt. Der Durchmesser ist aber durch den ersten Teil der Definition
schon vollständig bestimmt. Der zweite Teil ist also
als Teil einer Definition illegitim und sollte als eigener Satz von ihr abgetrennt werden.
Euklid hat jedoch die Anwendung der Deckungsmethode durch eine ganze Reihe von Vorbereitungen und zusätzlichen Betrachtungen sorgfältig zu
unterbauen versucht. Was nun das Verhältnis der
Modernen dazu angeht, so hat noch ein so bedeutender Mathematiker wie Ingrami® zu Anfang des
gegenwärtigen Jahrhunderts Deckungsbetrachtungen, wiederum mit zusätzlichen Überlegungen und
Unterbauungen, zum Ausgangspunkt der geomerrischen Gleichheitslehre gemacht. Dagegen hat Hilbert
in seinen berühmten „Grundlagen der Geometrie“
den ersten Kongruenzsatz, bzw. einen Teil davon
(da der Rest dann mit andern Methoden bewiesen
werden kann), als Axiom aufgestellt.
Die Gründe für diese Abweichungen lassen sich
wohl eruieren und sind sehr interessant. Aristoteles
stellt den Grundsatz auf, daß die ersten Sätze unmittelbar einsichtig oder „evident“ sein müssen. Um
unmittelbar evident zu sein, müssen sie ganz einfach
sein und einfacher, als was durch sie bewiesen wird.
Der erste Kongruenzsatz ist jedoch keineswegs ganz
"8 Auch Aristoteles zählt die Definitionen ausdrücklich zu
den „ersten Sätzen“, die als Grundlage der Beweise dienen
können. Es ist ein Mißverständnis Szabôs, wenn er (Archive J,
p.42 u. Fun. 27) behauptet, Aristoteles habe die Annahme,
Definitionen könnten als „erste Sätze“ zur Beweisgrundlage
dienen, bekämpft (zur Interpretation der von Szabó mißverstandenen Stelle in Aristoteles Analytica Posteriora X vgl.
Archiv für Begriffsgeschichte 7, p. 40/41, Fußn.52). Aber
während Eudoxos offenbar geglaubt hatte, man könne, abgeschen von den allgemeinen für alle Wissenschaften gültigen
Axiomen, in den speziellen Wissenschaften (wie der Geometrie)
mit Definitionen auskommen, hat Aristoteles gesehen, daß man
außer Definitionen auch noch Existenzsätze braucht; bei Euklid
aber finden sich unter den speziell geometrischen Postulaten
außerdem auch noch Relationssätze, also neben dem Existenzsatz, daß es zu jeder Strecke nach jeder Seite eine eindeutige
Verlängerung gibt (daß eine solche existiert), auch noch das
Relationspostular, daß alle rechten Winkel einander gleich sind.
"9 Vgl. Ingrami, Elementi di geometria, Mailand 1904,
Pp. 66.
Studium
Generale
einfach, Auf der anderen Seite läßt er sich nicht mit
Hilfe einfacherer selbstevidenter Sätze rein logisch
beweisen, ist jedoch für den Aufbau der Geometrie
ganz unentbehrlich. Das ist der Grund, weshalb
Euklid es nicht gewagt hat, ihn einfach als Axiom
oder (seiner Terminologie nach) als Postulat aufzustellen, sondern den Versuch gemacht hat, mit Hilfe
der sorgfältig unterbauten Deckungsmethode zu ihm
hinzuführen oder, man kann auch sagen, der Evidenz nachzuhelfen, Warum Thales ihn nicht als
Axiom aufgestellt hat und warum er, wie sein Versuch zeigt, die Gleichheit der Segmente, in welche
der Kreis durch den Durchmesser geteilt wird, zu
beweisen, offenbar überhaupt keine Axiome oder
Postulate aufgestellt hat, ist auch nicht schwer zu
sehen. Für ihn in seiner Situation kam es ja darauf
an, sich erster Sätze zu vergewissern. Sie einfach als
selbstevident aufzustellen, wäre damit in Widerspruch gestanden. Daß Hilbert andererseits den ersten Kongruenzsatz zum Axiom erhoben hat, bedeutet keineswegs, daß für ihn die Evidenz des ersten
Kongruenzsatzes so über allen Zweifel erhaben ist,
daß er jeder weiteren Stütze entbehren kann, sondern ganz im Gegenteil, daß ihm und andern modernen Mathematikern der Evidenzbegriff überhaupt
zweifelhaft geworden ist und noch viel mehr eine
Jahrgang
14 K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. II
Heft 11 (1961)
609
der Wissenschaft ist trotz der Diskrepanzen nicht zu
von der Seefahrt und Schiffslenkekunst hat, und der
übersehen. Aber die Diskrepanzen selbst machen das *
ungelöste Problem gerade in den Fundamenten der
„ganz gesicherten“ wissenschaftlichen Erkenntnis
offenbar.
Über den indirekten Beweis braucht nicht viel
gesagt zu werden. Soweit er dem Zweck dient, sich
der beste Wagenlenker, der die beste Kenntnis vom
Wagenlenken hat, dann wird in jeder Kunst der
erster Sätze zu versichern, bedeuter er im Grunde
auch nichts anderes als den Versuch, der Evidenz
nachzuhelfen. Analysiert man ihn genauer, so
kommt er auch nicht ohne verborgene unbewiesene,
nur durch Selbstevidenz zu begründende Vorannahmen aus.
Über die aristotelische Einstellung der ersten Sätze
der Beste sein, der die beste Kenntnis davon besitzt.
Hier bedarf es offenbar keiner hundert oder tausend
Fälle — die im übrigen, wie gezeigt, gar keine Bedeutung hätten — sondern es genügen zwei Fille,
um die allgemeine Wahrheit aufzuweisen, weil an
ihnen das einsichtig wird, worauf es ankommt, nämlich der ursächliche Zusammenhang zwischen den
Kenntnissen und dem „der beste sein“. Es kommt
darauf an, die entscheidende oder bestimmende Urda ich an anderer Stelle ausführlich davon gehandelt
sache aufzuweisen. Dann kann man das Gesetz aufstellen, nach dem etwas allgemein so oder so sein
wird. Dazu genügen im allgemeinen wenige Fälle,
je nachdem ob die bestimmende Ursache leichter oder
schwerer zu isolieren ist.
Damit knüpft sich eine Verbindung zwischen der
habe!8° und diese Frage auch für das Hauptproblem
aristotelischen éxaywyh und dem modernen Experivon untergeordneter Bedeutung ist.
ment, obwohl dieses im Altertum nur eine geringe
Rolle gespielt hat. Aber auch im Experiment kommt
es wesentlich auf die Isolierung der bestimmenden
in Definitionen, Axiome und ünodtosıs oder Postulate eingehender zu handeln, was beträchtlichen
Raum erfordern würde, kann ich mir hier ersparen,
Wichtig ist dagegen die Frage der éxaywyh. In
den Logikbüchern einer langen und noch nicht lange
Induktion eine große Rolle zu spielen und auch in
neuesten Abhandlungen spukt er noch gelegentlich,
Ursache einer Erscheinung an. Wenn sie gefunden ist,
kann man sicher sein, daf, wo sie vorhanden ist und
ungehindert wirken kann, immer dasselbe Ereignis
eintreten wird, was eben das ermöglicht, was in der
Evidenz, die auch noch weiterer Nachhilfen wie
wenn auch seltener, herum. Nach diesem Begriff soll
modernen Wissenschaft ein so großes Gewicht hat:
derjenigen durch die halbempirische Deckungsmethode bedarf. Damit wird jedoch überhaupt
zweifelhaft, ob das geometrische System, zu dessen
Grundlagen der erste Kongruenzsatz gehört, gegenüber anderen möglichen Systemen in irgendeinem
genau bestimmbaren Sinn einen objektiven Vorzug
hat. Es wird daher oft gesagt, daß die Axiome
„willkürlich“ festgelegt würden und nur gefordert,
daß ihr System widerspruchsfrei sei. Das wäre nun
daraus, daß etwas einige hundertmal oder tausenddie Voraussage kiinftiger Ereignisse, welche zugleich
mal regelmäßig vorkommt, darauf geschlossen werden können, daß es immer vorkommen werde, und
so der von Aristoteles für seine tmaywyh postulierte
wiederum den antiken Mathematikern und Wissenschafttheoretikern ein Greuel gewesen, da sie ja alle,
vorbeigezogen ist, so folgt daraus keineswegs, daß
es immer der Fall sein wird, und wenn die Monarvergangenen Epoche pflegte der Begriff der vollständigen oder gelegentlich auch der unvollständigen
von Thales über Aristoteles bis zu Euklid und darüber hinaus, auf völlig gesicherte objektive Erkenntnis ausgegangen sind. Aber auch die Theorie der
chie am nächsten Morgen gestürzt wird, wird sie
als das entscheidende Kriterium der Richtigkeit
einer Theorie gilt. Darin liegt freilich, auch abgesehen von der durch das Problem der jeweils vollständigen Isolierung der Ursache gelegenen Unsicherheit,
wie früher gezeigt worden ist!®, noch eine tiefliegende Schwierigkeit. Aber der Zusammenhang
zwischen der antiken Theorie und der modernen
Praxis der exakten Wissenschaft erweist sich auch
hier als sehr eng: enger als der zwischen der modernen Praxis und der modernen Theorie von der vollständigen Induktion, die noch nie in irgendeiner
künftig nicht mehr vorbeimarschieren. Ebenso wenn
Wissenschaft von irgendeinem Nutzen gewesen ist.
Willkürlichkeit der Axiome läßt sich kaum völlig
aufrechterhalten. So soll Hilbert auf die Frage,
20 000 Jahre lang alle 45 Minuten Wasser gespeen
hat, kann er doch morgen damit aufhören, wenn eine
tektonische Veränderung im Erdinnern stattgefunden har.
Die von Aristoteles gegebenen Beispiele für die
éxaywyh sind aber keineswegs dieser Art. Freilich rewarum er nicht ein System aus gewissen ganz sinnlosen Axiomen aufzubauen versuche, geantwortet
haben: „Davor bewahrt mich mein gesunder mathematischer Instinkt“, eine Antwort, welche mit der
Übergang. vom Einzelnen zum Allgemeinen vollzogen werden. Wenn Aristoteles jedoch etwas derartiges im Sinne gehabt hätte, hätte er etwas sehr
Törichtes gemeint. Denn wenn die Schloßwache tausendmal um sechs Uhr morgens an meinem Fenster
der Old Faithful Geysir im Yellowstone Park
Behauptung der Willkürlichkeit der Axiome in
Widerspruch zu stehen scheint. Es bleibt also ein
letzterdings ungelöstes Problem, das von antiken
und modernen Theoretikern auf verschiedene Weise
det er von nuyoudeiynora, was gewöhnlich mit „Beizu umgehen versucht worden ist. Der engste Zusamjenige der beste Kapitän ist, der die beste Kenntnis
menhang zwischen den antiken und den modernen
Versuchen der letzten Begründung streng beweisenspiele“ übersetzt wird und von Spo, was man mit
„gleichartigen Fällen“ übersetzen kann. Aber ein Beispiel, das er gibr!®!, lautet folgendermaßen:
wenn der480 Vgl, Archiv für Begriffsgeschichte I, 25 ff.
WL Vel. Aristoteles, Topica I, 12, t05a, 13.
7.
Doch das sich der (formal richtigen oder auch unrichtigen) Syllogismen bedienende argumentierende
Denken kommt nicht nur in der Form einer von
möglichst gesicherten „ersten“ Sätzen ausgehenden
„Wissenschaft“ vor, sondern auch in der Form des
Argumentierens e concessis; und auch in dieser Form
hat es in der Philosophie eine bedeutende Rolle gespielt. Wie früher erwähnt, hatte der gesunde Menschenverstand der Sophisten des fünften Jahrhunderts v.Chr. gegen die seltsamen Theorien der
„wissenschaftlichen“ Philosophen revoltiert, welche
*82 Vgl. oben S. 547
Pagina 25
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)alle und zwar zunehmend zu dem Resultat gekommen waren, daf die „wahre Welt“ ganz anders sei
als die Welt, in welcher wir uns in unserem täglichen
Leben bewegen, wie ja auch die moderne Wissenschaft der Physik, soweit sie ihre Konstruktionen
nicht positivistisch als Fiktionen erklärt, sondern an
Strukturerkenntnisse glaubt, zu dem Resultat gelangt, daß die scheinbar so soliden raumerfüllenden
Gegenstände, von denen wir umgeben sind, einschließlich unserer selbst und unserer Mitmenschen,
in Wirklichkeit Wirbel von Atomen sind, welche
weit voneinander entfernt sind und, wenn sie dicht
aneinandergepreßt werden könnten, nur einen kleinen Bruchteil des Raumes einnehmen würden, welchen die aus ihnen bestehenden Gegenstände einzunehmen scheinen. Soweit das Bestreben der Sophisten
auf Erkenntnis gerichtet ist, ist es auf eine Erhel-
II
Studium
Generale
Das Wort Emorúpn, welches bei den „wissenschaftlichen“ Philosophen vor Sokrates gar keine Rolle
spielt!®®, bedeutet ursprünglich „ein Metier beherrschen“, „darüber stehen“, „das haben, was man im
Englischen als den ‚know how‘ zu bezeichnen pflegt“,
„sich auf eine Sache verstehen“. Daher wird es vor
allem vom Künstler und vom Handwerker gebraucht. Wenn die Sophisten von ägerh reden, so
meinen sie die Fähigkeit zu außergewöhnlichen
Leistungen im Leben überhaupt, vor allem im politischen Leben, sowie die außergewöhnliche Leistung
selbst, in welcher sich die Fähigkeit dazu aktualisiert. Um diese Fähigkeit zu erwerben, braucht man
in der Demokratie des fünften Jahrhunderts, aber
auch bis zu einem gewissen Grade in den von demokratischen Bewegungen bedrohten Oligarchien, den
politischen „know how“, welchen die Sophisten zu
lung der Welt des täglichen Lebens gerichtet, und
lehren versprechen. Indem sie diesen „know how“ als
zwar mit dem Ziel, sich darin zurechtzufinden, es
émothun bezeichnen, dehnen sie also diesen Begriff
auf die politische Sphäre aus. Inhaltlich kann man
diese Art der &xuorhun als die Kunst der Menschenbehandlung im weitesten Sinne bezeichnen, wozu
natürlich vor allem auch die Kunst gehört, die Teilnehmer an der Volksversammlung als politischer
Redner und die Richterkollegien in Gerichtsverhandzu bewältigen, darin „Erfolg“ zu haben. Auch die
Kunst des Disputierens e concessis, das schon vor
ihnen in den oligarchisch regierten oder zur Demokratie übergehenden griechischen Gemeinden zu
einem wichtigen politischen Faktor geworden war,
wurde von ihnen um dieses praktischen Zweckes
willen besonders gepflegt.
In alledem hatte Sokrates nicht ganz wenig mit
den Sophisten gemeinsam, so daß es nicht gar so
verwunderlich ist, wenn er von vielen seiner Zeitgenossen und Mitbürger unter diese gerechnet wurde.
Auch er hatte sich von den Spekulationen der „wissenschaftlichen“ Philosophen, die wir als die NaturPhilosophen zu bezeichnen pflegen, abgewendet, weil
aus deren Spekulationen für das praktische Leben
des Menschen wenig zu gewinnen sei. Er hat, wie
wohl gesagt worden ist, nicht nur das dıröv yévos
in die Philosophie eingeführt, sondern die Philosophie zu den Menschen zurückgeführt. Aber auch
in der Methode bestehen gewisse, gerade weil sie an
der Oberfläche liegen, nicht zu übersehende Ahnlichkeiten. Alle erhaltenen Sokratischen Dialoge der
verschiedenen Sokratiker zeigen, daf? auch Sokrates
sich in seinen dialektischen Gesprächen vielfach einer
Art von Aquivocationen bedient haben muß; und
Analogieschlüsse, die nach den Prinzipien einer
strengen Wissenschaft nicht als streng beweisend anerkannt werden würden, spielen bei ihm erst recht
eine außerordentlich große Rolle. Endlich scheint er
ebenso wie die Mehrzahl der Sophisten die Meinung
vertreten zu haben, daß dgeth durch êmorhun erworben werde oder jedenfalls weitgehend von dieser
abhängig sei.
Eben an dieser Stelle läßt sich nun aber auch der
Unterschied zwischen beiden sehr deutlich machen.
lungen, welche im demokratischen Athen auch politisch eine bedeutende Rolle spielten, für den eigenen
Standpunkt zu gewinnen.
Wenn Sokrates in bezug auf Politik von émothun
redet, meint er etwas ganz anderes: den Sachverstand. Ihm und seinem Schüler und Bewunderer
Platon war eben jene Fähigkeit, jener „know how“
14 K, von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. IT
Jabigeng
Heft 11 (1961)
men oder sich einer Operation unterziehen miisse,
Arzt, der allein beurteilen
als der kenntnisreichste
kann, ob die Medizin heilsam oder die Operation
notwendig ist. Aber trotz dieser Überlegenheit des
praktischen Psychologen, des Redners, des Propagandisten in der Fähigkeit, andere zu überreden, das,
was er selbst oder was der Fachmann für richtig
hält, zu tun, wird niemand, wo es sich um die eigene
Gesundheit oder die eines Verwandten handelt, so
weit gehen, die medizinische Behandlung als solche
einem Propagandisten statt einem sachkundigen Arzt
anzuvertrauen. Nur in der Politik scheinen die Menschen blindlings dem Propagandisten zu folgen —
der freilich vorgeben muß, den richtigen Sachverstand zu besitzen —, ohne daß sie sich in derselben Weise sorgfältig vergewissern, ob er den
nötigen Sachverstand auch besitzt, wie sie es bei
einem Arzt oder bei einem Fechtmeister, einem
Architekten oder einem Schiffskonstrukteur ohne
Zweifel tun würden.
An diesem Punkt setzte Sokrates ein. In der Demokratie war er als Antidemokrat verschrieen und
machte sich bei den Demagogen verhaßt, indem er
immer wieder die Frage stellte, ob es vernünftig sei,
in den wichtigsten Angelegenheiten der Gemeinschaft den besten Rednern und Propagandisten zu
folgen, statt zuerst zu fragen, ob sie denn sachlich
auch etwas verstehen. Unter der Oligarchie der sogenannten dreißig Tyrannen machte er sich nicht
weniger unbeliebt, indem er, als diese ein Terrordes gewiegten Politikers, unheimlich, welcher diesen
regiment einrichteten und eine große Anzahl von
Bürgern hinrichten ließen, überall herumging und
fragte, ob derjenige ein guter Hirte sei, welcher die
befähigt, die Menschen dazu zu bringen, dem zuzu-
Zahl der Schafe vermindere — worauf ihn Kritias,
stimmen, ihn in dem zu unterstützen, was er ihnen
vorschlägt, ihnen suggeriert, ohne daß er selbst zu
wissen braucht, und ganz gewiß, ohne daß die Mehrzahl der ihm Zustimmenden weiß, ob das, was er
vorschlägt, für sie bzw. für die staatliche Gemeinschaft gut ist oder nicht. Unübertrefflich wird das
Wesen und die Gefahr dieser Art von êmarhun —
die von Sokrates und Platon nicht als solche anerkannt, sondern als bloße zoıßr, als bloße Routine
bezeichnet wird — illustriert an jener Stelle von
Platons Dialog Gorgias’, wo Gorgias stolz erklärt,
er verstehe es, ohne eine Kenntnis der Heilkunde
zu haben, viel besser einen Patienten davon zu überzeugen, daß er eine unangenehme Medizin einneh1% In den wörtlich zitierten Fragmenten kommen die Wörter émiotaoûa und Èmorhun bei den Vorsokratikern überhaupt charakteristischerweise nur bei dem nicht-wissenschaftlichen oder antiwisscnschaftlichen Heraklit vor und in zwei
ethischen Fragmenten Demokrits (B 169 und 181), von denen
das erste außerdem noch von zweifelhafter Echtheit ist.
14 Platon, Gorgias 456b ff.
der Führer der Dreißig, kommen ließ und ihn mit
grimmigem Humor verwarnte, er solle sich nur in
acht nehmen, daß er die Zahl der Schafe nicht um
seine eigene Person vermindere!®, Nur der baldige
Sturz der Dreißig hat wohl verhindert, daß es tatsächlich dazu kam'®®. Aber unter der wiederhergestellten Demokratie wurde er angeklagt, daß er die
Jugend verdürbe — offenbar vor allem dadurch, daß
er ihnen den Glauben und den Respekt vor der Weisheit der Politiker nahm — und wurde hingerichtet.
Er hatte aber nicht nur die Jugend gegen die Politiker skeptisch zu machen gesucht, was viele andere zu
vielen Zeiten aus weniger einwandfreien Motiven
185 Vgl, Xenophon, Memorabilia I, 2, 32.
186 Daß Sokrates trotz seiner Widerspenstigkeit und seiner
Kritik die Herrschaft der Dreißig überhaupt überlebte, hatte er
zweifellos der Tatsache zu verdanken, daß einige seiner glühendsten Bewunderer, vor allem Platon, dem radikalsten der
Dreißig, Kritias, sehr nahestanden bzw. mit ihm verwandt
waren. Aber Kritias war nicht der Mann, sich auf schr lange
Zeit durch solche Rücksichten von energischem Durchgreifen
abhalten zu lassen.
611
auch getan haben, sondern er hatte auch ehrgeizige
“junge Leute, die mit Leidenschaft sich an der Politik
beteiligen wollten, um eine Rolle zu spielen, Macht
auszuüben, sich Ruhm und Ansehen zu erwerben,
darauf aufmerksam zu machen gesucht, daß es besser
sei, sich zuerst Sachverstand zu erwerben, ehe sie
versuchten, das Volk zu lenken und zu politischen
Abenteuern zu veranlassen.
Für Sokrates bedeutete Euothun also, im Gegensatz zu den Sophisten, nicht die Kunst, Menschen für
sich zu gewinnen und „Erfolg“ im Leben zu haben,
sondern den „Sachverstand“. Aber Sachverstand
kann auch noch sehr Verschiedenes bedeuten. Die
Demagogen und politischen Führer der Zeit des
Peloponnesischen Krieges nach dem Tode des Perikles, darunter Alkibiades, der einmal unter dem
starken Einfluß des Sokrates gestanden, sich dann
aber seinem Umgang entzogen hatte, weil er ihn
daran hinderte, seinem politischen Ehrgeiz die Zügel
schießen zu lassen, hatten Athen zu gefährlichen
Abenteuern verlockt, die dann zur Niederlage und
Katastrophe des Jahres 405 v.Chr. führten. Aber
frühere athenische politische Führer, wie Perikles
und vor ihm Themistokles und Miltiades, hatten
zwar auch eine kühne, aber doch eine umsichtigere
Politik getrieben. Sie hatten zur Erhaltung der griechischen Freiheit bei der von den Persern drohenden
Gefahr entscheidend beigetragen und dann Athen
„groß“, ja neben und in gewisser Weise über Sparta
hinaus, zur führenden Macht in Griechenland gemacht. Sie scheinen also, wenn man von der üblichen
Beurteilung des Politikers ausgeht, nicht nur erfolgreiche Demagogen und Propagandisten gewesen zu
sein, sondern auch den nötigen Sachverstand gehabt
und von ihm den besten Gebrauch zum Nutzen ihres
Gemeinwesens gemacht zu haben.
Wir wissen nicht mit Sicherheit, welche Meinung
der historische Sokrates von Perikles gehabt hat.
Aber Platon greift ihn in seinem Dialog Gorgias
ebenso wie den Themistokles heftig an!®; und man
darf wohl sagen, daß, ob nun der historische Sokrates sich faktisch in ähnlicher Weise geäußert hat oder
nicht, die Prinzipien des Sokrates nach dem Zeugnis
anderer Sokratiker von denen, welche ihm Platon
in diesem Zusammenhang zuschreibt, nicht ganz
verschieden gewesen sein können. Glanz, Größe und
Macht waren für Sokrates durchaus nicht mit dem,
was für eine menschliche Gemeinschaft „gut“ Ist,
identisch. Im Gegenteil: sie können eine korrumpierende Wirkung ausüben, ganz besonders, wenn ihr
Erwerb nicht auf eine „gerechte“ Weise erfolgt ist:
und Macht wird selten, wenn je, auf eine vom
Standpunkte des strengen Rechthandelns aus ein17 Platon, Gorgias 515c ff.
Pagina 26
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Studium
Generale
wandfreie Weise erworben. Wird aber Recht und
nicht und fällt er in eine Krankheit, dann ist es,
Gerechtigkeit zum Kriterion des „Wohles“ des einzelnen wie eines Gemeinwesens gemacht, und zwar
wenn er nicht auch in einem höheren Sinne geheilt
und wieder in Ordnung gebracht werden kann, besnicht nur hinsichtlich seines Zustandes im Innern,
ser für ihn, von der Krankheit nicht wieder aufzustehen, also zu sterben, als nur rein körperlich von
sondern auch hinsichtlich seines Verhaltens gegenüber anderen Staaten, dann können Manner, wie
Themistokles und Perikles, welche mit List und Gewalt das unter Athens Führung zum Schutze gegen
die Perser geschaffene Seebündnis in ein attisches
Reich, eine àgxñ, eine Herrschaft, verwandelt hatten,
nicht mehr als vorbildliche Politiker und Staatsmänner gelten, so grof ihr Erfolg vom Standpunkt der
reinen Machtpolitik aus auch gewesen scin mochte.
Indem nun aber das, was gemeinhin als politische
Leistung und damit zugleich auch als Ergebnis des
politischen Sachverstandes bewundert wird, von Soihr wieder zu genesen. Damit erhebt sich über der
émothun im Sinne des Sachverstandes in bezug auf
eine Tatigkeit, welche ein Gut im einfachen Sinne
des Wortes, ein áahg &yadóv, zum Ziele hat, noch
eine höhere émothpy, ein Wissen darum, was dem
Menschen im eigentlichsten Sinne frommt.
Das Wort ëmothyn aber, das, wie sich gezeigt hat,
zunächst den know how im allerweitesten Sinne bezeichnet, dann aber durch Sokrates oder Platon oder
beide einen ganz neuen und eigentiimlichen Sinn
bekommt, bezeichnet bei Platon und von ihm an
krates und von Platon, weil nicht dem wahren Wohl
auch bei späteren antiken Schriftstellern vielfach
der politischen Gemeinschaft dienend, nicht anerauch die Wissenschaften im modernen Sinne des Workannt wird, verändert sich naturgemäß auch der
Begriff der &marthun oder des Sachverstandes. Auch
tes, darunter auch die Mathematik als streng beweisende Wissenschaft, was vor Platon nicht der Fall
darüber ist in Platons Gorgias Grundlegendes zu
gewesen war. Diese Tatsache hat auf viele Interpreten Platons und auf. Historiker der antiken Wissenschaft einen solchen Eindruck gemacht, daß sie
lesen!®, Wenn die Kunst des Arztes, des Architekten, des Trainers als &morhun anerkannt werden,
die Kunst des Redners und des Propagandisten, obwohl sie in gewisser Weise doch auch einen know
how und in diesem Sinne einen Sachverstand voraussetzen, dagegen nicht, so deshalb, weil die Tätigkeit des Arztes, des Architekten usw. eindeutig auf
ein „Gut“ ausgerichtet sind, die Kunst des Propagandisten, der mit gleicher Virtuosität für das, was
sich später als verderblich herausstellen wird, Propaganda machen kann und sehr oft macht, dagegen
nicht, Er wird darin mit dem Koch im Gegensatz
zum Diaetetiker verglichen, da der erstere nur dem
Gaumen schmeicheln will ohne Rücksicht darauf, ob
die Speisen, die er so schmackhaft zuzubereiten versteht, auch der Gesundheit zuträglich sind oder nicht.
Die ëuoriun in den Künsten und Fertigkeiten ist
also ein Sachverstand in einer Tätigkeit, welche auf
ein „Gut“ gerichter ist.
zu beweisen versuchten, die Mathematik sei überhaupt erst unter dem Einfluß Platons zu einer
streng beweisenden Wissenschaft geworden!, Das
läßt sich freilich als ganz unrichtig erweisen. Aber
nicht um dieses negativen Ergebnisses willen ist es
notwendig, sich ausführlicher mit dem sokratischen
und platonischen êmorhun-Begrif zu beschäftigen
und das wirkliche Verhältnis Platons zur Wissenschaft im modernen Sinne genauer festzustellen, sondern weil hier sehr viel tieferliegende Fragen aufden ist, kann nicht bezweifelt werden und wird,
auch abgesehen von dem viel zitierten Spruch pnôeis
&yewuérontoc etotrw, der über dem Eingang der platonischen Akademie gestanden haben soll, schon daoder, wie Aristoteles es später bezeichnet hat!®, ein
ûrhöc &ya8óv: ein Gut im einfachen Sinne des Worim höchsten Sinne, als eines Wissens darum, was
tes. Aber gegen Ende des Dialoges Gorgias 1°
dem Menschen frommt, bei Sokrates kann man wohl
die Erkenntnis bezeichnen, daß nichts anderes mehr
die Grundlage des Wohles eines Menschen ist, als
185 Ibidem 462E ff,
289 Aristoteles, Nikomachische Ethik V, 1, 1129b, 5 ff
100 Platon, Gorgias 511d ff.
der Mythos von einem Gericht im Jenseits am Ende
von Platons Gorgias’ ist, wie Platon im Staat?®®
indirekt selbst eingestanden hat, sicher nicht sokratisch — sondern weil derjenige, der Unrecht tut,
nicht mit sich selbst in Ubereinstimmung bleiben
kann. Die Stoiker, welche es liebten, das, was bei
Sokrates lebendig und konkret war, in abstrakte
Formeln umzusetzen, haben diese Grundbedingung
der eödapovia das önoAoyountvos Civ genannt. Denselben Sinn hat es im Grunde, wenn Platon im Gorgias!™ den Sokrates sagen läßt, daß durch das Unrecht tun die Seele häßlich werde: nur daß die Disharmonie hier sozusagen so bezeichnet wird, wie sie
sich von außen gesehen ansieht.
Aber ob sich nun schon der historische Sokrates
gelegentlich solcher allgemeinerer Formulierungen
bedient hat oder ob erst seine Schüler den konkreten Inhalt seines Philosophierens in solchen abstrakten Formulierungen zu fassen versuchten, eine entscheidende Rolle haben sie in der Tätigkeit des Sokrates sicher nicht gespielt. Er selbst hat, wie viele
gut verbürgte Ereignisse aus seinem Leben zeigen,
nach diesen Prinzipien oder dieser Einsicht gelebt.
Aber in seinen vielen Gesprächen mit anderen,
scheint er sie nicht in abstrakto ausgesprochen zu
haben. Vielmehr versuchte er, den andern jeweils
in einer konkreten Situation zu einer konkreten Einsicht zu führen. Dabei konnte er, da hier immer
e concessis — bewußten und unbewußten — arguhoch geachtet und auch gepflegt und gefördert wordurch bewiesen, daß Platon während seines zweiten
dieses Gut nur für den ein wirkliches Gut ist, der
in einem höheren Sinne in Ordnung ist. Ist er das
gen irgendwelcher möglichen äußeren Folgen des
Unrechttuns, sei es im Diesseits oder im Jenseits —
richtete Geschichte von dem jungen Mann, der eben
sizilischen Aufenthaltes dem seiner Philosophie sonst
ganz fernstehenden großen Mathematiker Eudoxos
von Knidos die stellvertretende Vorsteherschaft der
Akademie übertragen hat.
Als allgemeinsten konkreten Inhalt jenerèzuothgn
sucht der platonische Sokrates zu zeigen, daß selbst
niemals etwas Unrechtes zu tun, und zwar nicht westreng beweisende Wissenschaft von Platon sehr
treten. Die Tatsache selbst, daß die Mathematik als
Aber auch das ist nur eine erste Annäherung an
zu lösen versucht, ist natiirlicherweise ein „Gut“
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. II
mentiert wird, durchaus an traditionell vorgegebene
Vorstellungen und Haltungen anknüpfen. Ein hübsches Beispiel dafür ist die von Xenophon'® bedas eigentliche Problem. Die Gesundheit, welche
wiederherzustellen die Aufgabe des Arztes ist, die
er mit Hilfe seiner éxoryun, seines Sachverstandes
Jahrgang 14 )
Heft 11 (1961)
11 Vgl. vor allem E. Frank, Platon und die sogenannten
Pythagoreer, Halle 1923, und F. Solmsen, „Platons Einfluß
auf die Bildung der mathematischen Methode“ in: Quellen und
Studien zur Geschichte der Mathematik 7, 3-33 (1929), und
Die Antike 7, 175 ff. (1925).
nach einer langen Fußreise in Athen angelangt ist
und sich über die Strapazen der Reise und seine Ermiidung und Erschöpfung beklagt. Da fragt ihn Sokrates, ob er kein Gepäck dabei gehabt habe. —
Doch. — Ob er das selber getragen habe? — Nein,
sein Sklave. — Ob der auch so erschöpft sei und sich
613
facher Weise interessant. Die Geschichte hätte an
dem Punkt, an welchem der junge Mann antwortet,
sein Sklave habe das Gepäck getragen, auch anders
weitergeführt werden können, nämlich mit:
„Schämst du dich nicht, deinen armen Sklaven auch
noch das Gepäck tragen zu lassen, wenn du schon
ohne Gepäck von dem weiten Weg so erschöpft
bist?“ Die Verschiedenheit in der Weiterführung des
Gesprächs aber kann auch wieder verschiedene
Gründe haben: zunächst einen sachlichen in der Verschiedenheit der faktischen Situation. Das Gespräch
kann nicht so weitergeführt werden, wie es bei Xenophon tatsächlich weitergeführt wird, wenn der
Sklave nicht faktisch die Anstrengung verhältnismäßig gut ausgehalten hat. Wäre er auf dem Weg
liegen geblieben oder hätte er mit Peitschenhieben
oder andern Zwangsmitteln weitergetrieben werden
müssen, so wäre nur die zweite Alternative der Weiterführung möglich gewesen. Aber die Art der Weiterführung kann weitgehend auch durch die zu einer
Zeit vorherrschenden Auffassungen und Haltungen
bestimmt werden. Man wird wohl kaum fehlgehen,
wenn man annimmt, daß in unserer Zeit die Neigung, den Sklaven zu bedauern, vorherrschend wäre
und daher die Neigung, die Geschichte auf die zweite
Art zu Ende zu führen, während zur Zeit des Sokrates, wo man nicht mit jeder Schwäche Mitleid
hatte und der Meinung war, der Mensch solle erwas
aushalten können, allgemein die Neigung zur ersten
Version die vorherrschende war. Endlich — und das
ist ebenfalls sehr wichtig — kann das Gespräch
überhaupt nur in der Weise, in der es bei Xenophon berichtet ist, zu Ende geführt werden, weil
der junge Mann in einer aristokratischen Tradition
steht, in der es als selbstverständlich gilt, daß der
Adlige und der Herr an. körperlicher Ausbildung
und Selbstbeherrschung über dem Sklaven stehen
muß — was durchaus nicht bei allen Aristokraten
jeder Zeit der Fall gewesen ist. Auf dieser vorgegebenen Basis aber wird durch die Fragen des Sokrates dem jungen Mann offenbar, daß er nicht mit
sich selbst, d. h. mit seinen ihm in Fleisch und Blut
über die Strapazen der Reise beklage? — Nein. —
übergegangenen aristokratischen Idealen, in Über-
Nun, schämst du dich dann nicht, daß du, ein junger Mann aus vornehmen Geschlecht, weniger auseinstimmung bleiben kann, wenn er sich so verhält,
halten kannst als dein Sklave?
Hier handelt es sich nicht um Rechttun oder Unrechttun im engeren, im moralischen Sinn, sondern
nur um das richtige Verhalten, wie es einem jungen
Manne ansteht. Trotzdem ist die Geschichte in mehr182 Platon, Gorgias 523 A ff,
198 Platon, Staat 362
E ff., besonders 363 D/E.
14 Gorgias 511 A.
198 Xenophon, Memorabilia IIT, 13, 6.
wie er sich verhalten har.
Sokrates kann also, wenn er glaubt, dadurch seinen Unterredner auf den richtigen Punkt bringen
zu können, durchaus an etwas anknüpfen, was in
diesem auf Grund einer besonderen Tradition gegeben ist, wie er ja immer, da e concessis disputiert
wird, an etwas anknüpfen muß, was in irgendeiner
Weise in dem Gesprächspartner, wenn auch zunächst
diesem selbst verborgen, vorhanden ist und von Sokrates angesprochen werden kann. Überhaupt ist
Pagina 27
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)es, wie an zahlreichen Beispielen gezeigt werden
könnte, für Sokrates charakteristisch, daß er Traditionen nie ohne Not angreift, sondern sie überall
da stehen läßt, wo sie ihm in bezug auf das Wesentliche, das recht oder unrecht Tun, indifferent zu
sein scheinen, und an sie anknüpft,, wo sie ihm zur
Erhellung der wesentlichen Frage nützlich zu sein
scheinen. Aber er kann sich auch gegen traditionell allgemein als gültig angenommene Anschauungen wenden, wie eben in der Einschätzung des Staatsmannes,
der im Sinne der außenpolitischen Machtgewinnung
erfolgreich gewesen ist!%®, Hier erhebt sich nun aber
die Frage, woran man denn anknüpfen, was man
als Kriterium benützen kann, wenn nicht das, was
im andern durch die Tradition, der er angehört und
durch die er geformt worden ist, gegeben ist. Implicite ist damit offenbar auch die Frage der historischen oder kulturellen Relativität der ethischen
„Werte“ gestellt.
Auch bei dem Versuch, diese Frage zu beantworten, kann man wieder von einer Stelle des platonischen Gorgias ausgehen. Der platonische Sokrates
macht dort!®? einen Unterschied zwischen dem, was
die Menschen (wirklich) wollen oder wünschen und
dem, was ihnen (gut) scheint (à Soxet attois), Wollen oder wünschen können in Wahrheit alle nur
das, was gut für sie ist. Aber viele täuschen sich
darüber, was gut für sie ist, Sie meinen, es sei gut
für sie, mit welchen Mitteln auch immer Macht,
Reichtum oder Herrschaft über ihre Mitmenschen zu
erlangen, Absolute Macht zu haben, „tun zu können, was sie wollen“ scheint ihnen das erstrebenswerteste Ziel. Sokrates suchte sie durch seine Fragen
zu der Einsicht zu bringen, daß „Macht“ durch Unrecht zu erlangen, selbst wenn sie sie bis zum Tode
ungehindert ausüben können, nicht gut für sie ist.
In diesen dialektischen Unterredungen bedient sich
Sokrates, scheinbar wie die Sophisten und sogar wie
die Eristiker, der Aquivokationen und der nicht ohne
weiteres einleuchtenden Analogien. Nur ist sein Ziel
ein anderes: nicht die (vielen) anderen für ein äußeferes Ziel zu gewinnen, wie bei den Sophisten, wo
sie die politische Überredungskunst lehren wollen,
noch, wie bei den Eristikern, mit der eristischen
Fechtkunst als solcher zu brillieren, sondern den
(einen) Gesprächspartner zu sich selbst zurückzuführen. Dabei ergibt sich dann, wenn man genauer zusieht, daß das, was, wenn man die Worte in dem
Sinne nimmt, wie sie im täglichen Leben gebraucht
werden, als Aquivokation erscheint, in einem tieferen Sinne vielleicht doch nicht einfach eine Aquivon und der Primat der Griechen. II
Studium
Generale
Heft 41 (196:
615
kation ist und daß der „falschen“ Analogie doch ein
tieferer Zusammenhang zugrunde liegt.
Es muß genügen, dies an einem einzigen Beispiel
zu erläutern, das sogleich auf das zentrale Problem
Traditionen als für sich gut empfindet, wie etwa,
Wort idéa in einem solchen Zusammenhang auf,
Es pflegt ebenso wie das weitgehend damit syno-
Sokrates in seinen dialektischen Gesprächen seine
Gesprächspartner immer wieder dazu bringt, zuzudem Tod und den Schmerzen zu entgehen, oder zu
nyme Wort eldos mit „Idee“ übersetzt zu werden.
haben, was er zu einem angenehmen und lustvollen
Leben braucht usw., nach welchem Kriterium kann
denn dann überhaupt gefunden oder entschieden
Beide Wörter sind von dem Verbum ièeiv = sehen
abgeleitet. Aber sie bezeichnen etwas, das nicht mit
den Augen gesehen wird, sondern auf das man sowerden, was jenes zugleich „Rechte“ und „Gute“ ist?
zusagen mit seinen geistigen Augen blickt, dxoBiézet,
Hier scheiden sich nun in gewisser Weise die
Wege des Sokrates selbst und die seiner Schüler, der
führen wird, das hier nun zu erörtern ist. Wenn
geben, daß das „Rechte“ und das „Gerechte“ das
„Gure“ (zò &yañév) sei, und daraus dann seine weiteren Folgerungen zieht, so liegt dem in der Regel
die offenkundige Aquivokation zugrunde, daß mit
dem „Guten“ sowohl dasjenige bezeichnet wird, was
allgemein als gut anerkannt wird, d.h. was allgemeine Zustimmung finder, als auch dasjenige, was
für denjenigen, der es tut, gur ist, und daß in den
dialektischen Schlüssen bald die eine bald die andere Bedeutung gebraucht wird: also eine offenkundige quaternio terminorum, wenn die beiden Bedeutungen verschieden sind. Das aber scheint nach der
Erfahrung des menschlichen Lebens ganz unzweifelhaft zu sein, da ja, das Rechte und Gute zu tun,
wenn es den jeweils Mächtigen nicht gefällt, für den,
der es tut, häufig die allerunangenehmsten und
schmerzlichsten Folgen hat. Das braucht man gerade
unserer Generation gewiß nicht erst an Beispielen
vorzudemonstrieren. Aber auch den Zeitgenossen des
Sokrates war diese Erfahrung nicht fremd. Umgekehrt kann aber auch kein Zweifel daran bestehen,
daß Sokrates nicht nur theoretisch der Überzeugung
war oder gar nur seinen Unterrednern die Überzeugung beizubringen versuchte, daß es für den Menschen trotz aller schweren Folgen — und völlig unabhängig von diesseitigen oder jenseitigen Belohnungen oder Strafen — gur sei, das „Rechte“ und „Gerechte“ zu tun, sondern daß er auch in seinem Leben
gemäß dieser Überzeugung gehandelt har.
Die Frage, ob Sokrates mit dieser Überzeugung
recht gehabt habe und ob und wiewéit sich eine
solche Überzeugung wider alle scheinbare oder wirkliche Lebenserfahrung überhaupt begründen oder
rechtfertigen
lasse,
ohne mit auf offenkundige
rellen Tradition allgemein für objektiv gut und beieinzelne Mensch unabhängig von allen speziellen
geschrieben und er scheint es immer nicht nur mit
an dem man sich orientiert, wenn man sich vergewissern will, ob etwas Einzelnes, etwa eine einzelne
Handlung, Savov ist. Im Grunde ist es zunächst nur
ein Wort, um etwas zu bezeichnen, das es in irgenddem Einzelnen, sondern auch mit dem einzelnen Fall
einer Weise zu geben scheint, für das es aber noch
zu tun gehabt zu haben. Wie in der von Xenophon
erzählten Geschichte von dem durch seine Fufreise
ermüdeten jungen Mann sucht Sokrates jeweils in
der konkreten Situation durch seine Fragen und
keinen Namen gibt. Immerhin ist es nicht ganz ohne
Bedeutung, daß eidog in der vorplatonischen Sprache
auch schon „Gestalt“ heißt. Es scheint sich also um
erwas irgendwie Gestalthaftes zu handeln. Darüber
geht es in diesem Dialog noch nicht hinaus.
Sokratiker, einschließlich Platons. Sokrates hat nichts
Folgerungen seinen Unterredner an den Punkt zu
bringen, an dem ihm einsichtig werden muß, was
zu handeln braucht, auch nur ganz einfach das
„Richtige“ ist, und daß danach zu handeln auch für
etwas in gewisser Weise Analoges zu geben scheint,
ihn „gut“ ist. Sokrates Schüler dagegen haben sokratische Dialoge geschrieben, ein eigentümliches
Mittelding zwischen der unmittelbaren lebendigen
Tätigkeit des Sokrates und der dem Philosophen
und Denker sonst natürlichen Mitteilungsform
durch zusammenhängende Darlegung seiner Gedanken. Im lebendigen faktischen Dialog des Sokrates
mit einem lebendigen Partner braucht die Frage,
eine Beobachtung, die zuerst in den Dialogen Menon
und Phaidon auftritt. Hier knüpft sich also ein
eigentümliches Band zwischen der exaktesten Wisimmer um die letzten moralischen Entscheidungen
was denn das letzte Kriterium in abstracto sei, nicht
gestellt zu werden, wenn es Sokrates nur gelingt,
den Partner an eine Stelle zu führen, wo ihm das
oder ein für ihn gültiges Kriterium sichtbar wird.
Im geschriebenen sokratischen Dialog ist der Gesprächspartner notwendig ein fiktiver. Sein Verfasser
kann daher nie sicher sein, ob sein wirklicher Partner, nämlich der Leser seines Dialogs, so antworten
würde, wie der fiktive Partner im Dialog, und dakann, eine Antwort darauf zu geben, stellt sich nun
testen gegangen ist, ist Platon. Bei ihm tritt denn
auch die Frage nach der émovipy in einer neuen
der notwendig mit dem identisch zu sein braucht,
was von den Angehörigen einer bestimmten kultu-
Eine Lehre von den eiön und lötaı, etwas, das
man Ideenlehre nennen kann, wird daraus erst, als
die Beobachtung hinzukommt, daß es auf einem
ganz anderen Gebiet, dem Gebiet der Mathematik,
zu tun das „Rechte“ oder, da es sich durchaus nicht
her auch nicht, ob er ihn wirklich an die entscheidende Stelle bringt. Daher wird die Frage, was das
von neuem und in verschärfter Form die Frage, die
schon vorher gestellte worden war: wenn das
„Rechte“ oder ,Gerechte“, was nach der Meinung
des Sokrates zugleich das an sich Gute und das für
Göttern genehmen Dinge oder Handlungen eben den
fallswürdig gehalten wird, noch mit dem, was der - Göttern genehm mache, taucht zum erstenmal das
Aquivokationen gestiitzten Scheinargumenten zu
operieren, wie Sokrates es nach dem Zeugnis der sokratischen Dialoge seiner Schüler getan zu haben
scheint, soll hier vorläufig nicht aufgeworfen werden. Bevor überhaupt der Versuch gemacht werden
den, welcher danach handelt, „Gute“ sein soll, we198 Vgl. oben S. 611.
197 Platon, Gorgias 466 D ff.
Jahrgang Jat} K. vow Frirz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen, II
Kriterium in abstracto sei, hier akut. Der Sokratiker aber, der sich mit der Beantwortung dieser
Frage die größte Mühe gegeben und in ihr am wei-
Form auf.
In dem platonischen Dialog Euthyphron, wo
das Sovov, das „Fromme“ oder besser, „das den
Göttern Genehme“ erörtert wird und dann die Frage
gestellt wird, was denn das den Göttern Genehme
„selbst“ oder „an sich“ sei: das, was die vielen den
senschaft in dem Sinne, in dem bisher von Wissenschaft die Rede gewesen ist, und dem, worauf es
Platon als Sokratiker eigentlich ankommt, dem Wissen um das, was an sich und für den Menschen „gut“
ist, zwischen zwei Gebieten also, die den modernen
„wissenschaftlich“ gesinnten Menschen soweit wie
nur irgend möglich auseinanderzuliegen scheinen.
Am deutlichsten wird das, worum es sich handelt,
an einer Stelle des Phaidon ‘* gemacht, und zwar an
dem Begriff des toov, der Gleichheit. Es wird darauf
aufmerksam gemacht, daß es das Gleiche im strengen
Sinne in der Welt der (sinnlichen) Erfahrung gar
nicht gibt, da hier nur approximative Gleichheit vorkommt. Der Begriff oder die Vorstellung des Gleichen, an dem das approximative Gleiche gemessen
und der Grad seiner Approximation bestimmt wird,
scheint also nicht aus der Erfahrung stammen zu
können, sondern seinen Ursprung woanders haben
zu müssen; und zwar scheint es, da die Vorstellung
davon ja nicht von einzelnen Menschen willkürlich
geschaffen, sondern uns in irgendeiner Weise vorgegeben ist, und zwar als etwas, das wir gar nicht
entbehren könnten, weil wir uns ohne es auch in der
Welt der Erfahrung gar nicht orientieren könnten,
seinen Ursprung in einem Reich haben zu müssen,
198 Platon, Euthyphron 6D ff.
19 Platon, Phaidon 74 A ff.
Pagina 28
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Generale
das als ein von uns unabhängiges jenseits der sinnlichen Erfahrung gelegen ist und von dem das Reich
verhindert die Einsicht in die Grundstruktur des
Erkennens.
der sinnlich gegebenen Welt mit seinen bloßen
Was Platon mit seiner Behauptung, das é&yoDév
oder die Idee des Guten sei die Grundvoraussetzung
alles Seins und alles Erkennens, gemeint har, ist
Approximationen daran, nur ein unvollkommenes
Abbild zu sein scheint. Darin scheint es ganz analog
mit dem „Rechten“, dem „Gerechten“ und dem
„Guten“ zu stehen. Auch sie sind in der Erfahrung
nicht oder nur in Approximationen gegeben. Und doch
können wir nicht eine Stunde unseres wachen Daseins leben, ohne unaufhörlich mit diesen Begriffen
und Vorstellungen zu tun zu haben und uns an ihnen
zu orientieren. So konstituiert sich also für Platon
jenes Reich der Ideen jenseits der zeitlich-räumlichen
Welt des Werdens und Vergehens, ein Reich der
Ideen, das dann später von den Ideen des Gleichen,
des Rechten und des Guten auch auf Ideen von Dingen, wie die Idee des Menschen oder auch der Biene
ausgedehnt wird. Doch braucht diese Erweiterung
der Ideenlehre an dieser Stelle nicht diskutiert zu
werden.
Von zentraler Bedeutung für das Verständnis von
Platons Philosophie ist dagegen die Stellung, die er
der iSéa tot dyaBoù, der Idee des Guten, im Bereich
der Ideen und im Aufbau der Welt? überhaupt angewiesen hat. Er nennt sie Exéxeuve tig oûoios: noch
jenseits des Seins, dem Sein übergeordnet, und
die Grundlage und Bedingung jeder Erkenntnis,
aller émothpy. Das ist für die Angehörigen einer
Zeit, in welcher das Schlagwort von der wertfreien
Wissenschaft zum Dogma geworden ist, das ganz
Unbegreifliche: ein Beispiel dafür, zu welchen phantastischen Spekulationen sich ein Philosoph, der sich
von der Erfahrung entfernt, versteigen kann. In
Wirklichkeit ist dies vielmehr ein Beispiel für rein
zeitbedingte Irrtümer und Mißverständnisse, Die
Forderung einer „wertfreien Wissenschaft“ stammt
von Max Weber, und ın dem Sinne, in welchem sie
ursprünglich gemeint war, ist sie völlig berechtigt.
Sie richtete sich ursprünglich gegen die Gewohnheit
der Soziologen und vieler Historiker seiner Zeit,
alle Dinge von ihrem einseitigen ideologischen oder
sogar Parteistandpunkt, dem konservativen, dem
bürgerlichen, dem liberalen oder dem marxistischen
usw. aus zu beurteilen und zu „werten“, Eine Befreiung der Darstellung der soziologischen und historischen Phänomene und ihrer kausalen Verknüpfungen von dieser Art von „Wertungen“ hat Max
Weber mit vollem Recht gefordert. Wenn aber diese
in ihrem ursprünglichen Sinn und in ihrer ursprünglichen Einschränkung voll und ganz berechtigte Forderung verabsolutiert und zum Dogma erhoben
wird, wird sie zu einem fundamentalen Irrtum und
200 Platon, Staat 509 B.
etwas völlig anderes und hat mit der Forderung
Max Webers gar nichts zu tun, ja unterstützt sie
eher, als daß sie damit in Widerspruch stünde, Obwohl Platon als Sokratesschüler von dem „Rechten“
und „Unrechten“ im ethischen Sinne ausgegangen ist,
geht seine Behauptung an Allgemeinheit doch weit
über dies Gebiet hinaus, Was damit primär gemeint
ist, ist, daß es ein in irgendeinem Sinn bestimmbares
oder feststellbares Sein und damit eine Erkenntnis
erst geben kann, wo sich ein in irgendeiner Weise
Gesetzmäfiges, Geordnetes, Gestaltetes aus dem
Chaos der Eindrücke heraushebt. Das aber ist ganz
buchstäblich wahr. Selbst wo die Meinung vertreten
wird, daß alle Naturgesetze letzterdings nur statistische seien, wird eine Wissenschaft von der Natur
erst möglich, wo sich geordnete Gesetzmäßigkeiten
erfassen und dann in Formeln bzw. Gleichungen
und dgl. zur Darstellung bringen lassen. Selbst die
Experimente einer angeblich völlig wertfreien Psychologie, wie die berühmten Rattenexperimente, bei
denen die unglückliche Ratte in ein Labyrinth gesetzt wird, in dem sie Futter riecht, aber nicht weiß,
wie sie dazu gelangen kann, und wo nun ihr Verhalten beobachtet wird, würden keinerlei in irgendeiner Weise faßbares Resultat ergeben, wenn es nicht
den einen als „guten“ ausgezeichneten Punkt gäbe,
an dem das Furter ist und der dem Ganzen erst
Sinn verleiht. In der Mathematik ist nicht nur der
Beweis eindeutig „besser“, der streng nach den Gesetzen der Logik fortschreitet als derjenige, der davon abweicht und dadurch falsch oder fehlerhaft
wird, sondern auch der elegantere Beweis, der das
Ziel auf kürzerem Wege erreicht, ferner der Beweis,
welcher einen Einblick in umfassende Strukturen eröffnet, besser als der Beweis, der unnötig viele
Schritte braucht oder der nur ein engbegrenztes Teilresultat ergibt. Nirgends kann auch nur ein Schritt
getan werden, ohne daß „gut“ und „schlecht“ eine
dominierende Rolle spielen. Das ist schlechthin ein
Grundgesetz aller Erkenntnis.
Freilich kann hiergegen eingewendet werden, daß
„gut“ und „schlecht“ hier einen ganz anderen Sinn
haben als in der Ethik, und daß für das ethische
Gebiet völlig andere Voraussetzungen gelten. Es
wird sich sogleich zeigen, daß Platon sich dessen
sehr wohl bewußt gewesen ist. Es besteht aber doch
der eine sehr wichtige Zusammenhang, daß auf beiden Gebieten das Geordnete und das Gestaltete den
Vorzug hat vor dem Ungeordneten, dem Chaoti-
Jahrgang 4 K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. II
617
- Heft 11 (196:
schen, und vor dem Anarchischen. Das ist denn auch
‚licher eingeht, dem Timaios, ist freilich sehr eigenkann, daß die Mathematik erst unter dem Einfluß
die platonische Atomtheorie bezeichnen kann. Sie
Platons und der Akademie zu einer streng beweisenden Wissenschaft geworden wäre, Nicht minder
wichtig ist es jedoch, daß die Mathematik die einzige Wissenschaft im modernen Sinne ist, die für
besteht?t? in der Annahme, daß jedes der (vier) Elemente aus gleichartigen kleinsten Teilchen von bestimmter geometrischer Form besteht, die jedoch auch
noch in kleinere Urteilchen zerspalten und dann wieihn eine solche Rolle spielt.
An dieser Stelle stellt sich naturgemäß auch die
Frage, was bei Platon in dem nun zur Erörterung
der zusammengesetzt werden können, so daß, da
diese Urteilchen bei dreien der Elemente die gleichen
sind, die Elemente auch ineinander verwandelbar
stehenden Stadium seiner Philosophie aus dem Begriff der émovhun geworden ist, der, wie sich gezeigt
hatte, sowohl für die Sophisten wie für Sokrates so
sind. Obwohl Platons Vorstellung von der Form
dieser Urteilchen von derjenigen der modernen
Atomtheorie ganz verschieden ist, ist doch gar nicht
wichtig gewesen war. Es hatte sich gezeigt, daß das
Wort ursprünglich den Sachverstand im weitesten
Sinne bezeichnete und von den Sophisten vor allem
auch auf den „know how“ in der Politik ausgedehnt
worden war. Dann hatte wahrscheinlich der histozu übersehen, daß diese Atomtheorie mit ihrer Zu-
— abgesehen von jener‘ früher erörterten Analogie, -tümlicher Art und entfernt sich, vor allem in ihrem
welche bei der Entstehung der Ideenlehre eine ent- allgemeineren Rahmenwerk, weit von dem, was man
scheidende Rolle gespielt hat — der Grund, weshalb heute in einem Lehrbuch oder einem System der
Platon der Mathematik eine so große Bedeutung physikalischen Wissenschaft zu finden erwarten
würde, Platon beginnt mit der Unterscheidung zwibeigemessen hat: sie ist eine nach strengen logischen
Geserzmäßigkeiten fortschreitende und zugleich im schen einer ewigen, d.h. zeitlosen, Welt des reinen
eminenten Sinne eine Strukturen aufhellende Wis- Seins und der Welt des Werdens und Vergehens, die
senschaft. Deshalb wurde sie an der platonischen er von einem Demiurgen, d.h. einem Weltbildner,
Akademie eifrig gepflegt. Ist man sich über diesen einem Gott, nach dem Vorbild der Welt des reinen
Zusammenhang klar, so ergibt sich daraus aber auch Seins, d.h. der Welt der Ideen, geschaffen werden
unmittelbar, daß die Mathematik für den primär läßt. Aber im Einzelaufbau dieser physikalischen
an der Ethik interessierten Platon nur deshalb eine Welt kommt manches vor, was sich gewissen Grundso große Bedeutung erlangen konnte, weil sie ihm vorstellungen der modernen Physik in erstaunlicher
als eine solche Wissenschaft schon vorlag — was sich Weise annähert. Dies im einzelnen aufzuweisen
aber auf die mannigfaltigste Weise auch historisch würde eine eigene Abhandlung erfordern. So muß
beweisen läßt — und daß gar keine Rede davon sein es genügen, die Theorie zu erwähnen, welche man als
rische Sokrates und jedenfalls der Sokrates des ziemlich frühen platonischen Dialogs Gorgias die Bedeutung des Wortes eingeengt auf den Sachverstand in
solchen Techniken, Künsten und Wissenschaften, die
methodisch verfahren und deren Ziel als ein „Gur“
im einfachen Sinne bezeichnet werden kann?®!. Endlich ist es zur Bezeichnung des Wissens darum geworden, was für den Menschen letzterdings gut ist.
Bei dem Platon der Dialoge der mittleren Periode
seiner Entwicklung und damit der ausgebildeten
Ideenlehre hat das Wort &xuorhun diese letztere Bedeutung beibehalten, nur daß nun die Idee des Guten als letzter Ursprung dieser Erkenntnis im Hintergrund erscheint. Es dient aber auch zur Bezeichnung der Mathematik. Dagegen gebrauchte Platon
das Wort &nıornum nicht zur Bezeichnung derjenigen
Art von Naturerkenntnis, welche wir heute als
Physik bezeichnen würden. Die Darstellung des Aufbaues der physikalischen Welt in dem einzigen Dialog, in welchem Platon auf solche Fragen ausführ201 Vgl. oben S. 612.
Studium Generale (Berl.), 14. Jahrg.
weisung von gleichartigen Atomen an die verschiedenen Elemente und der Annahme, daß die Atome
sich so teilen lassen, daß die Elemente unter gewissen
Umständen ineinander verwandelt werden können,
der modernen Atomtheorie, vor allem in ihren Anfängen?"®, sehr viel näher steht als die Atomtheorie
Demokrits mit ihrer Annahme einer völlig ungeordneten Gestaltsverschiedenheit der Atome; und auch
die Überlegungen, aus welchen Platons Atomtheorie
hervorgegangen ist, haben mit den Erwägungen, die
am Anfang der modernen Atomtheorie stehen, in
vieler Hinsicht eine gewisse Ähnlichkeit.
Um so interessanter ist es, daß Platon es auf das
strengste vermeidet, dieses Theorien als émotipor
oder als zu einer &mornun gehörig zu bezeichnen und
vielmehr einerseits von eixöta, d.h. von Plausibilitäten oder Wahrscheinlichkeiten (im etymologischen
Sinne des Wortes, nicht im Sinne eines Probabilitätskalküls), andererseits von bloßer 86£a oder Meinung
redet#%4. Das scheint nun wiederum der modernen
Auffassung völlig entgegengesetzt zu sein, welche die
202 Vgl. Platon, Timaios 53 C ff.
23 Vel. die oben $.678 ff, erörterte Phase der Entstehung
der modernen Atomtheorie.
204 Platon, Timaios 28 A, 30B und passim.
Pagina 29
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Physik als die exakteste Wissenschaft nächst der
Mathematik betrachtet. Und doch ist die Kluft nicht
so groß, wie es auf den ersten Blick erscheint. In gewisser Weise kann man sagen, daß das Wort sixés
nichts anderes als das Wort „Hypothese“ im modernen Sinne des Wortes bezeichnet, nämlich eine Theorie, welche die bekannten Phänomene auf eine plausible Weise erklärt, die aber jederzeit, wenn sich
zeigt, daß andere Phänomene ihr widersprechen, geändert oder einfach durch eine bessere ersetzt werden kann (während das antike Wort inSeatg sowohl bei Platon wie auch bei Aristoteles seiner Etymologie entsprechend vielmehr gerade die festen
Grundlagen einer Wissenschaft bezeichnet)?, Sieht
man die Dinge von dieser Seite aus an, so kann der
moderne Naturwissenschaftler und Physiker, wenn
er auch selbstverständlich der Meinung ist, daß seine
Hypothesen den Phänomenen sehr viel mehr gerecht
werden und daher sehr viel besser begründet sind
als die Platons, der Grundauffassung Platons in
dieser Hinsicht doch wohl weitgehend beistimmen.
Unbegreiflich bleibt dagegen zunächst vom modernen Standpunkt aus, wie Platon die mathematische Erkenntnis oder Wissenschaft mit demselben
Wort bezeichnen konnte wie die Erkenntnis des
Guten, und zwar nicht nur in jenem umfassenden
Sinne, in welchem das „Gute“ die Grundlage allen
Seins und aller Erkenntnis genannt werden kann,
sondern auch im Sinne des „moralisch“ oder
„ethisch“ Guten und dessen, was für den Menschen
gut ist oder ihm frommt. Scheint doch den Modernen die erste die sicherste und bestfundierte, die
zweite die unsicherste und schwankendste aller Erkenntnisse, wenn man sie überhaupt als Erkenntnis
gelten läßt, zu sein. Doch war sich, wie schon hervorgehoben worden ist, Platon des fundamentalen
Unterschiedes der beiden Sphären durchaus bewußt
und hat die meisten jener Eigentiimlichkeiten der
„ethischen“ Sphäre, welche zu dem modernen „Wertrelativismus“ oder Relativismus in der Ethik Anlaß
gegeben haben, selbst ausdrücklich hervorgehoben.
Es ist deshalb notwendig, sich seine Theorie etwas
näher anzuschen, ehe sie a limine verworfen wird.
205 Wenigstens ist dies der vorherrschende Gebrauch. Daneben erscheint das Wort allerdings auch da, wo um die Richtigkeit einer Theorie zu erproben, ein gewisser Satz als Ausgangspunkt genommen und von da aus weiter gefolgert wird,
um zu sehen, ob dabei cin Selbstwiderspruch oder ein Widerspruch mit einer sonst gesicherten Tatsache herauskommt.
Doch ist es an dieser Stelle nicht notwendig, die verschiedenen
Bedeutungen zu untersuchen, welche das Wort txéfeous im
Altertum annehmen kann. Es genügt, daß seine Bedeutung
nicht mit dem des modernen Wortes Hypothese (in dem Sinn,
wie schon Newton es gebrauchte, wenn er sagte hypotheses
non fingo) identisch ist. — Vel. im übrigen O. Becker im
Archiv für Begriffsgeschichte IV, p.210 ff.
Studium:
Generale
Am Ende des sechsten Buches des Staates?" konstatiert Platon einen fundamentalen Unterschied
zwischen den Methoden der Mathematiker und der
Methode des Philosophen. Die Mathematiker, sagt
er, gehen überall von bestimmten Grundlagen
(6rodEsers) aus, hinter welche sie meinen, daß man
nicht zurückgehen könne, und indem sie diese Grundlagen zum Prinzip und Anfang ihrer ganzen Wissenschaft machen, schreiten sie von ihnen aus zu dem,
was sie sich als Ziel gesetzt haben und worauf es
ihnen eigentlich ankommt. Von den Philosophen
dagegen sagt er, daß sie vielmehr von den ôro®foeu
zur wahren ägyh, zum wahren Ursprung, zurückgehen, d.h. offenbar zur Idee, Dabei ist es wichtig
zu bemerken, daß Platon durchaus nicht der Meinung ist, daß die Mathematiker es so machen sollten
wie die Philosophen, sondern vielmehr, daß sie als
Mathematiker durchaus so verfahren müssen, wie
sie verfahren, nur daß dem Philosophen als Philosophen eine andere Aufgabe gestellt ist, auch für
die Mathematik. Dieser Unterschied der Merhoden
ist also ein allgemeinerer als derjenige zwischen
Mathematik als Wissenschaft und ethischer Erkenntnis, aber doch auch für den letzteren von grundlegender Bedeutung, insofern der platonische Philo‘soph vor allem Ethiker ist.
Hinsichtlich des zweiten Unterschiedes wird die
eine Seite desselben von Platon nicht ausdrücklich
formuliert, aber doch durch die mathematischen Beispiele, die in mehreren Dialogen vorkommen, ausreichend deutlich gemacht. Die Sätze der Mathematiker bezeichnen immer strikt allgemein gültige
Zusammenhänge, von denen es keine Ausnahme
gibt, Dagegen wird von Platon vor allem im Staatsmann??? ausdrücklich hervorgehoben, daß die Regeln für menschliches Verhalten — und das ist ja
das, was in der Ethik sowohl wie in der Rechtslehre
formal den Lehrsätzen in der Mathematik entspricht — niemals absolut strikt allgemeingültig sein
können, weil die möglichen Inzidentien des menschlichen Lebens zu mannigfaltig sind als daß sie sich
durch Regeln, die notwendig allgemein sein müssen,
weil sich das Individuelle überhaupt nicht sagen läßt,
ganz adaequat erfassen ließen. Das dritte ist die von
Platon immer wieder betonte Tatsache, daß im Gebiet des menschlichen Handelns das pauvópevov
cyatov, das & doxsi adrois, das, was den Menschen
nur (für sie selbst) gut scheint, aber nicht wirklich
gut ist, eine so große Rolle spielt, und zwar deshalb,
weil die reine Erkenntnis auf diesem Gebiet durch
die Triebe und Begierden des Menschen (die
EmBuystar) und das leidenschaftliche Aufwallen (den
zon Platon, Staat 510 Cf.
07 Platon, Politikos 294 B/C.
Jahrgang 14) K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. II
Hett 11 (1961
619
immer man es nennen will, ihren Ausgang nimmt,
Suds) gehindert wird®6, Es ist nicht schwer zu
sehen, daß aus allen drei Gründen die Erkenntnis - die in der Welt der Erfahrung als solcher gar nicht
zu finden sind und die doch ganz unentbehrlich sind,
des „Guten“ keine in Formeln mitteilbare, keine
ohne Verlust von einem Menschen auf einen andern
übertragbare Erkenntnis sein kann, wie die mathematische Erkenntnis es ist. Das ist der Grund, weshalb Sokrates niemals behauptet hat, etwas lehren
zu können, sondern statt dessen im Theaetet für sich
nur die maeeutische Kunst in Anspruch nimmt, dem
andern zu helfen, das hervorzuholen, was er selbst
in sich hat. Es ist ebenso der Grund, weshalb Platon
Dialoge und keine Lehrbücher geschrieben hat, Das
hat Platon selbst im siebten Brief auch geradezu
ausgesprochen, was aber dann schon im Altertum
dahin mißverstanden worden ist, als ob Platon an
dieser Stelle eine besondere mystische Erkenntnis für
sich in Anspruch nehme, weshalb dann wieder so
viele moderne Kritiker aus eben diesem Grunde
Platon den siebten Brief abgesprochen haben, indem
sie (mit Recht) betonten, daß die Inanspruchnahme
einer besonderen mystischen Erkenntnis nicht zu
Platon passe, aber nicht gesehen haben, daß es sich
um ganz und gar nichts Mystisches handelt, sondern
um die alleralltäglichste Erfahrung, um dasselbe
Phänomen, das der Grund dafür ist, daß die
modernen Positivisten und Wertrelativisten die Méglichkeit irgendeiner objektiven Erkenntnis von absoluten Werten bestreiten?!.
Nach alledem kann nicht der geringste Zweifel
daran herrschen, daß Platon den fundamentalen
Unterschied zwischen der mathematischen Erkenntnis und der Erkenntnis des Guten in allen seinen
verschiedenen Aspekten auf das deutlichste gesehen
und sich keinerlei Täuschung darüber hingegeben
hat. Wenn Platon trotzdem die mathematische Erkenntnis und die Erkenntnis des „Guten“ mit demselben Wort Emoriun bezeichnet und beide zueinander in Beziehung setzt, so hat das einen doppelten
Grund. Der erste ist jene Analogie, von deren Entdeckung sozusagen die Ideenlehre als Lehre ausgegangen ist: daß auf beiden Gebieten die Erkenntnis
von Vorstellungen oder Gegebenheiten oder wie
D ff. und Phaidros
28 Vel. vor allem Platon Staat, IV, 234
246 A ff.
209 Platon, Siebter Brief 341 C/D.
210 Was Platon sagt, teilt sich allerdings in zwei Teile; 1.
die Feststellung, daf das, worauf es ankommt, sich nicht unmittelbar und direkt mirteilen lasse, was einfach richtig ist,
und 2., daf es nach langem Umgang mit den Dingen wie ein
Licht von einem Funken aufleuchte und von da an „sich selbst
ernähre“, d. h. weiterleuchte. Dieser zweiter Teil der AuGerung
ist schon im Altertum als mystische Erleuchtung mißverstanden
worden. Aber wenn das plötzliche Aufleuchten einer Einsicht,
die ja auch eine ethische sein kann, aber nicht zu sein braucht,
und ihr „sich weiter Nähren“, d. h. ihr weiter Wachsen, einc
mystische Erleuchtung sein muß, dann kann das nur besagen,
daß die meisten nicht ganz stumpfen Menschen mystische Erleuchtungen haben.
weil sie die Grundlage aller unterscheidenden Erkenntnis — und jede Erkenntnis ist eine unterscheidende und ordnende — bilden. Der zweite Grund
ist, daß die mathematische Erkenntnis allgemein
von einer Sicherheit und Unumstößlichkeit zu sein
scheint und die Erkenntnis des Guten, wie das Beispiel des Sokrates zeigt, von einer freilich ganz andersartigen Sicherheit und Unumstößlichkeit sein
kann, wie sie keiner andern Art der Erkenntnis
außer diesen beiden eigen ist. Die daraus abgeleitete
platonische Ideenlehre kann man natürlich als nicht
ausreichend begriindete metaphysische Spekulation
ablehnen. Kant hat die Gegebenheiten, von denen
Platon dabei ausgegangen ist, bekanntlich ganz anders zu erklären versucht: die Sicherheit der Mathematik aus ihrem apriorischen Charakter, die Eigentiimlichkeiten der moralischen Erkenntnis aus den
Postulaten der praktischen Vernunft. Aber die Probleme, welche die Gegebenheiten stellen, von deren Beobachtung Platon ausgegangen ist, bleiben bestehen,
wenn sie auch heute zum großen Teil in Vergessenheit geraten sind oder von Theorien, die ihnen kaum
gerecht werden, überdeckt werden.
Als Resultat dieses kurzen Überblickes über die
Philosophie des Sokrates und Platons läßt sich also
folgendes festhalten. Es kann keine Rede davon sein,
daß der erste Anstoß zur Entwicklung einer Wissenschaft im modernen Sinne von Platon ausgegangen
wäre. Die entscheidenden Anfänge, auch einer
streng beweisenden Mathematik, liegen beträchtlich
weiter zurück, Wenn Platon der Mathematik eine
besondere Bedeutung zugemessen und sie auch in der
Akademie energisch zu fördern gesucht hat, so waren seine Gründe dafür ganz andere als diejenigen,
welche für die hohe Schätzung der Mathematik in
unserer Zeit maßgebend sind. Sie ist für ihn wichtig
im Zusammenhang eines viel umfassenderen Erkenntnisproblems, das auch die Frage der Möglichkeit und des Wesens ethischer oder moralischer Erkenntnis mit umfaßt. Aus diesem Grund und nicht
erwa, weil er die Grundlagen der Mathematik als
beweisender Wissenschaft gelegt hätte, ist Platons
Stellung zu dieser Wissenschaft und zur Wissenschaft
überhaupt interessant. Aber das Wesen des Problems, das sich hier erhebt, wird sich noch deutlicher
erfassen lassen, nachdem auch die Stellung des
Aristoteles dazu in den Kreis der Betrachtung gezogen worden sein wird.
8.
’
Aristoteles hat eine ganz überragende Bedeutung
für eine Art von Wissenschaften gehabt, die bisher
Pagina 30
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)noch kaum erwähnt worden sind, diejenigen Wissenschaften nämlich, welche man die darstellenden, beschreibenden und klassifizierenden nennen kann, wie
die beschreibende und klassifizierende Zoologie und
Botanik (wobei freilich nur die erste von ihm selbst,
die letztere von seinem Schüler Theoprast ausgearbeitet worden ist), die vergleichende Rechts- und
Gesetzesgeschichte, die vergleichende Geschichte politischer Institutionen, um nur das Wichtigste zu nennen. Diese Wissenschaften sind teils von Aristoteles
erst begriindet, teils erst von ihm zum Rang einer
Wissenschaft erhoben, teils über die schon vor ihm
bestehenden Anfange hinaus gefördert worden. Dies
im einzelnen darzustellen würde den Rahmen der
vorliegenden Darstellung sprengen. Aber die genannten Wissenschaften haben eine gewisse Bedeutung fiir ein anderes Unternehmen des Aristoteles,
auf das nachher einzugehen unerläßlich ist.
Es hatte sich gezeigt, daß die „wissenschaftliche“
Erkenntnis im Sinne einer wirklich oder vermeintlich völlig gesicherten Erkenntnis, einer Erkenntnis
jedenfalls, die ohne Verlust von einem Menschen
auf den andern übertragen und daher uneingeschrankt konserviert und akkumuliert werden kann,
sich immer mehr von jeder Art derjenigen Erkenntnis entfernt hatte, die dem Menschen im praktischen
Leben, oder besser in seinem täglichen Tun und
Lassen, zur Richtschnur dienen kann. Doch ist es
vielleicht nicht unnütz, sich dies an einer kurzen
Betrachtung der Bedeutung des Wortes „praktisch“
noch etwas zu verdeutlichen. Zu einer Zeit, in welcher sich ein beträchtlicher Teil des abendländischen
Denkens in einer vermeintlichen, aber nicht wirklichen Nachfolge des Aristoteles in leeren Spekulationen verloren hatte, wurde zuerst die Schrift de
dignitate et augmentis scientiarum (1607) und dann
das „Novum Organum“ (1620) Lord Francis Bacons
von manchen der erleuchtetsten Geister seiner Zeit
als Anleitung zu einer praktisch niitzlichen Erkenntnis und Wissenschaft begrüßt. Aber noch mehr als
zweihundert Jahre später preist Lord Macauley in
einer langen und ausführlichen Rezension?! einer
kurz vorher erschienenen neuen Biographie Bacons
diesen auf das höchste dafür, daß er die unnütze
und unpraktische Philosophie des Platon und des
Aristoteles, die noch bis auf seine Zeit das Denken
weithin beherrscht gehabt hatte, durch eine praktisch
nützliche ersetzt habe. Es ist für die Klärung der Begriffe sehr förderlich, einen Augenblick bei der Frage
zu verweilen, was hier unter praktisch, was unter
Philosophie und was unter Wissenschaft verstanden
* Zuerst veröffentlicht in der Juninummer der Edinbourgh
Review von 1831, dann wieder abgedruckt als Nr. 16 in vielen
Auflagen der Critical and Historial Essays v. Lord Macanley
Studium
Generale
wird und wie sich die Auffassung Bacons (und Macauleys) zu der antiken und zur modernen Auffassung vom Wesen „wissenschaftlicher* Erkenntnis
verhält.
Schon in den allerersten Anfängen der „Wissenschaft“ im Sinne einer völlig gesicherten, exakten,
und ohne Verlust übertragbaren Erkenntnis in der
Antike hatte die Mathematik eine schr bedeutende
Rolle gespielt. Dabei waren, wie die. Verwendung
mathematischer Erkenntnisse zur Bestimmung der
Höhe der Pyramiden oder des Abstandes eines Schiffes von der Küste vom Lande aus durch Thales
zeigt, zweifellos auch „praktische“ Bedürfnisse bis
zu einem gewissen Grade maßgebend gewesen, Dasselbe zeigt sich auf mehr indirekte Weise bei dem
großen Tunnelbau des Expalinos auf Samos um die
Mitte des sechsten Jahrhunderts v. Chr.2!2. Aber
auch bei den Pythagoreern hat die Mathematik in
der Musik, in der Ornamentik, wahrscheinlich in der
von den Pythagoreern beeinflußten Architektur in
Unteritalien, in der Astronomie etc, eine mehr oder
minder praktische Rolle gespielt, und das hat sich
dann in der mannigfaltigsten Weise fortgesetzt. Daneben wird jedoch die Mathematik in steigendem
Maße „um ihrer selbst willen“ bzw. um nicht im
selben Sinne „praktisch“ verwertbarer allgemeiner
Einsichten und Strukturerkenntnisse willen gepflegt
und dies so sehr, daß die angewandte Mathematik,
soweit es sich um „niedere“, d. h. technische Künste
handelt, neben dieser reinen Mathematik von Platon
und anderen Philosophen mit ziemlicher Gering-
Jahrgang 144
‘Heft 11 (1963)
K von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. II
sitzt. Zu „praktischen“ Zwecken jedoch, d.h. in diegeht in mancher Hinsicht in der von ihm eingeschlagenen Richtung noch über ihn hinaus. Hatte
Bacon sich über die antiken Philosophen lustig
daß gerade die „reine“ und nicht um solcher Zwecke
willen betriebene Mathematik sich immer wieder
gemacht, die den Menschen hatten lehren wollen,
sem Falle, um materielle und finanzielle Unterstützung für ihre Wissenschaft zu erhalten, betonen sie,
unerwarteter Weise gerade auch für die „nützlichen“
und „praktischen“ Wissenschaften als nützlich erwiesen hat und daß dieser Nutzen nicht entstanden
wäre, wenn sie sich von vornherein auf die Erweiterung der angewandten Mathematik konzentriert
hätten. Sie nehmen also im Vergleich zu den antiken
Mathematikern ihrer eigenen Wissenschaft gegenüber eine eigentümlich zwiespältige Zwischenstellung
ein, die bis zu einem ziemlich hohen Grade durch
die Baconschen Tendenzen des modernen Geistes,
der von der Wissenschaft „praktischen“ Nutzen erwartet und verlangt, bedingt ist.
Was Bacon aber unter praktischem Nutzen verstand, wird am besten bezeichnet durch seine eigenen Worte: „usui et commodis hominum consulimus“. Was er meint, gehört offenbar zu seinem weit
überwiegenden Teil in das Gebiet jener Künste, denen Sokrates und Platon eine Emoriun zugestanden?!3, weil sie dais Gyatd, Güter im gewöhnlichen
Sinne des Wortes, zum Ziele und zum Resultat
haben, zu einem geringen Teil vielleicht auch in den
Bereich jener Fertigkeiten, die Platon nur als tepat
betrachtet hatte. Die sokratische und platonische
Frage, ob die Güter, welche durch diese wissenschaftlich unterbauten Künste und Fertigkeiten erschätzung behandelt wird. Demgegenüber hat Bacon
zeugt werden, überhaupt und immer Güter sind
oder nur für den, welcher den richtigen Gebrauch
zwar in der ersten Auflage des Werkes de dignitate
davon macht, und ob
et augmentis noch die reine Mathematik unter die zu
fördernden Wissenschaften gezählt, in der zweiten vermehrten Ausgabe etwa 20 Jahre später dagegen nur
noch die angewandte Mathematik gelten lassen und
die Mathematik als solche zur reinen Dienerin der
Naturwissenschaften degradiert, weil nur die letzteren einen „Nutzen“ haben, die erstere ein unnützes
reines Spiel des Geistes sei.
Die Mehrzahl der modernen Mathematiker
stimmt mit dieser Ansicht Bacons gewiß nicht überein. Aber es ist doch interessant, wie sich ihre Haltung gegenüber der des Altertums gewandelt hat.
Die meisten von ihnen lieben ihre Wissenschaft, die
„reine“ Mathematik, um ihrer selbst willen und
sagen dies auch. Aber ihr Grund ist ein künstlerisches, äschetisches und intellektuelles Wohlgefallen
an ihrem Tun und Treiben, vielleicht auch eine
Freude an Strukturerkenntnissen, die aber für sie
nicht mehr die Bedeutung eines Eindringens in die
Erkenntnis einer ontologisch bedeutsamen Welt be#8 Vol. darüber oben S. 576.
621
es
eine höhere Art der
émothun gibt, welche lehrt, den richtigen Gebrauch
von ihnen zu machen, wird dabei gar nicht gestellt.
Charakteristisch für Bacon ist ferner, daß er den
Naturwissenschaften im engeren Sinne nicht nur die
Wissenschaft der Medizin, sondern auch die Rechtswissenschaft und das, was wir politische Wissenschaft nennen, an die Seite stellt und daß auch hier
für ihn ausschließlich der praktische Nutzen: objektiv im Sinne des physischen Wohlbehagens und
Komforts der Menschen, subjektiv der Erfüllung
ihrer Wünsche, d.h. dessen, was, wie Platon sagen
würde, Soxet aütoig, als Ziel und Kriterium erscheint.
In allen diesen Hinsichten ist der moderne Geist,
ohne sich, wenn man von den professionellen Historikern der Philosophie oder der Wissenschaften absieht, Bacons noch zu erinnern, in seiner Auffassung
vom Wesen und Nutzen der Wissenschaften in
außerordentlich hohem Maße von Bacon abhängig
oder doch mit ihm in Übereinstimmung; ja, er
ms Vel. oben S. 612 ff.
die Schwierigkeiten und Entbehrungen, die das Leben mit sich bringt, mit Gleichmut zu ertragen, und
es für eine würdigere Aufgabe der Philosophie erklärt, den Menschen durch nützliche Erfindungen
zu einem bequemeren Leben zu verhelfen, so ist der
moderne Positivismus mit seiner Lehre von der
wertfreien Wissenschaft der Meinung, daß es zwar
neben den Wissenschaften und Künsten, welche den
Menschen materielle Güter und Instrumente zur
Erfüllung ihrer Wünsche und der Verwirklichung
ihrer Bestrebungen liefern, auch noch Wissenschaften
gibt und geben muß, wie die Wirtschaftswissenschaft,
die Sozialwissenschaft, die politischen Wissenschaften, welche auf Grund der Analyse vergangener Ereignisse und der sie bestimmenden Faktoren, die
Menschen — oft unvollkommen genug — über die
vermutlichen Folgen gewisser Handlungen, Entscheidungen oder Maßnahmen aufklären und so nach
Möglichkeit verhindern, daß diese Maßnahmen oder
Handlungen einen von dem beabsichtigten ganz verschiedenen oder gar ihm entgegengesetzten Erfolg
haben. Aber die Möglichkeit einer Unterscheidung
zwischen der Erfüllung der Bestrebungen der Menschen und dem was eigentlich für sie gut ist, der
Unterscheidung also, um es griechisch auszudrücken,
zwischen einem gaıvöusvov dyadöv und einem Övrws
äyadöv, d.h. dem, was einem Menschen (für ihn
selbst) gut scheint und dem, was wirklich für ihn gut
ist (abgesehen von unmittelbaren materiellen Folgen
wie etwa einer Medizin für seine Gesundheit), die
Möglichkeit gar einer objektiven und in irgendeinem
Sinne „wissenschaftlichen“ Erkenntnis in dieser Hinsicht, wird von dem modernen Positivismus völlig
bestritten. Alles derartige gilt als „Metaphysik“ und
deshalb für „meaningless“ oder bestenfalls als Gegenstand individueller unkontrollierbarer Überzeugung oder religiösen Glaubens, die wiederum nur
psychologisch erklärbar, aber in keiner Weise objektiv begründbar sind.
Aristoteles war darüber — nicht anders als Sokrates und Platon — anderer Meinung. Aber er setzte
weder die Methode des Sokrates fort, der es immer
mit dem Einzelnen zu tun hat und diesen durch seine
Fragen an den Punkt hinzuführen sucht, an welchem er das Richtige und damit auch für ihn wirklich Gute gegenüber dem gawópevov éyaÿôv zu Gesicht bekommen muß, noch hat er die Ideenlehre
seines Vorgängers und Lehrers Platon anerkannt. Er
glaubte jedoch ein anderes Mittel gefunden zu haben, mit dessen Hilfe sich das wirklich Gute von
Pagina 31
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)dem nur scheinbar Guten unterscheiden ließe. Dieses
Mittel ist die Teleologie.
Die Geschichte des Verhältnisses der Modernen
zu der Teleologie des Aristoteles und damit des modernen Antiteleologismus überhaupt ist die Geschichte eines, man kann fast sagen, tragikomischen
Mißverständnisses. Aber um dies zu zeigen, ist es
notwendig, zunächst ganz kurz zu bestimmen, was
de Grundzüge des aristotelischen Teleologismus
sind.
Aristoteles geht hier von der ganz allgemeinen
Beobachtung aus, daß jedes Lebewesen sich auf ein
Telos hin entwickelt, d.h. auf eine ganz bestimmte,
sozusagen fertige Gestalt, in der es dann längere Zeit
weiterbesteht, bis es allmählich zu zerfallen beginnt
und endlich stirbt und endgültig zerfällt: mit anderen Worten, daß ein Tannensamen, sofern er
nicht zugrunde geht, sich zu einer ausgewachsenen
Tanne, eine Tulpenzwiebel zur blühenden Tulpe,
der menschliche Same zum Embryo, dann zum
Säugling, zum Kind, endlich zum erwachsenen Menschen entwickelt, in welchem der Prozeß zunächst
sein natürliches Ende oder seine Vollendung erreicht,
und ferner, daß der Prozeß insofern vorausbestimmt
ist, als aus dem Tannensamen eben entweder —
wenn er zugrunde geht bzw. zerstört wird — gar
nichts Gestaltetes oder aber eine Tanne und nichts
anderes wird; und so in allen anderen Fällen der
Entstehung und Entwicklung eines lebendigen We* sens. Diesen Prozeß hat Aristoteles in eine gewisse
Analogie gesetzt zu der Entstehung eines künstlichen Gebildes durch die Hand des Menschen: nur
mit dem großen, von Aristoteles selbst immer wieder hervorgehobenen und betonten fundamentalen
Unterschied, daß bei dem künstlichen Gebilde die
Ursache seiner Entstehung außer ihm liegt, nämlich
in dem Menschen, welcher es formt, bildet oder
„macht*, bei dem Lebewesen dagegen in irgendeiner
Weise in diesem selbst gelegen zu sein scheint, Dabei
kann dann Aristoteles allerdings sagen, daß das
Lebewesen sich „von Natur“ (púoet) auf sein Telos
hin entwickelt oder sogar, daß die Natur (pbaıs)
die Ursache (&oyh ıyhoeos) des Wachstums und der
Entwicklung des Lebewesens ist?!4. Aber obwohl mit
dem zuletzt angeführten Wort die causa efficiens,
die bewirkende Ursache bezeichnet wird, ist es doch
ein großes Mißverständnis, daß die causa efficiens,
wie sie hier erscheint, für Aristoteles dieselbe Bedeutung und Funktion im Gesamtzusammenhang
seines Denkens hätte wie innerhalb der modernen
Naturwissenschaft.
#: Vel. z. B. eingehend Aristoteles, Physik B
8. und ibidem ©, 3, 25h, 50
bhp
IT
Studium
Generale
Ich habe schon früher darauf aufmerksam geld x von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat
Jahrgang
Heft 11 {1961}
modernen Form des Kausaldenkens steht, die ganz
der Gricchen. II
623
schrieben?!®, in welchem er psychologisch zu erklä.ren versucht, wie die Menschen auf einen so seltsamen und widerspruchsvollen Gedanken wie den
macht?!5, daß das antike Kausaldenken
zwar nicht
ausschließlich, aber vornehmlich auf Strukturerkenntnisse, das moderne zwar nicht ausschließlich,
unaristotelisch ist, bringt aber doch zugleich in dieses ein fremdes Element hinein. Das moderne Kausaldenken geht auf Ursachen aus, die sich isolieren
aber vornehmlich auf die Voraussage von künftigen
Ereignissen und im Zusammenhang damit auf das
Hervorrufen und Bewirken von Ereignissen gerichtet ist, Das hatte sich darin gezeigt, daß Demokrit
damit zufrieden war, festgestellt zu haben, welche
Strukturen allgemein bei Gegenständen angenommen werden können, die uns als blendend weiß
künstlich herbeigeführtes Zusammenwirken ein Prozeß in Gang gesetzt oder ein Stoff oder ein Gegenstand hergestellt werden kann. Gelingt dies, so glauben die modernen Biologen und Biochemiker zugleich
den Vorgang restlos „erklärt“ zu haben; ja sie halher auszurotten. Dabei ist schon charakteristisch, daß
diesen Namen verdient. Da haben sie denn von
müsse und daher, da die Kausalität eine unbezweifelbare Tatsache sei, nicht existieren könne. Dabei
erscheinen, aber weder in irgendeiner Weise den
Versuch gemacht hat, mit Hilfe dieser Erkenntnis
weiße Gegenstände herzustellen, noch auch nur der
Meinung wahr, daß man auf Grund der allgemeinen Erkenntnis im einzelnen Fall mit, einiger
Sicherheit annehmen könne, daß der als weiß erscheinende Gegenstand wirklich diese Struktur habe
oder auch nur in Wirklichkeit vorhanden sei. Für
Aristoteles kann man dasselbe an seiner Erklärung
der Sonnenfinsternis zeigen. Er sagt?!%, man wisse,
was eine Sonnenfinsternis ist, wenn man ihre Ursache
kenne, nämlich, daß der Mond zwischen die Erde
und dieSonne tritt und diese also durch jenen verdeckt wird. Hier ist die Ursache eindeutig die causa
efficiens, die bewirkende Ursache. Aber worauf es
Aristoteles ankommt, ist nicht, daß auf Grund dieser Erkenntnis das Ereignis voraussagbar wird — obwohl sich die antiken Astronomen mit zunehmendem Erfolg auch darum bemüht haben — sondern
die Strukturerkenntnis, d.h. was für eine Konstellation dem Ereignis zugrunde liegt.
Von der Erkenntnis dieser tiefliegenden Verschiedenheit antiken und modernen Denkens aus wird
nun auch das Mißverständnis des Sinnes der aristotelischen Teleologie durch die Modernen verständlich. Bekanntlich hat 7. Driesch mit seiner vitalistischen Lehre die Teleologie des Aristoteles wieder zu
beleben und zu Ehren zu bringen versucht, wenn
auch mit Hilfe neuer Erkenntnisse und in einer modernisierten Form. Seine Experimente, mit denen
er seine Lehre zu stützen versuchte, sind sehr lehrreich und interessant; und auch seine theoretische
Philosophie, vor allem seine Ordnungslehre, enthält
viel Fruchtbares und Interessantes, das heutzutage
allzusehr in Vergessenheit geraten ist. Wenn er
jedoch in der Entwicklung der Lebewesen außer den
mechanischen, physischen und chemischen Ursachen
auch noch die Entelechie als wirkende Ursache auftreten läßt, so bedeutet nicht nur dieses Wort bei
und isoliert fassen lassen, so daß dann durch ihr
ten dies für die einzige Art der „Erklärung“, die
ihrem Standpunkt aus ganz recht, wenn sie, wie
z.B. mit besonderem Nachdruck der Biologe Max
Hartmann, den von Driesch eingeführten kleinen
Dämon „Entelechie“ als einen Eindringling ablehnen, weil er sich gerade nicht fassen und nicht isolieren läßt und sich deshab auch weder zur künstlichen
„Herstellung“ des lebendigen Gegenstandes noch zur
„Erklärung“ seiner Entstehung verwenden läßt.
Aber Aristoteles wäre auch nie auf den Gedanken
gekommen, die Entelechie, oder vielmehr die púaus,
die er gelegentlich als bewirkende Ursache des Entstehens und der Entwicklung der Lebewesen bezeichnet, als eine zusätzliche Ursache neben isolierbaren physikalischen und chemischen Ursachen einzuführen. Wenn er von der púots als &oyh zwvhoews
der lebendigen Wachstumsprozesse spricht, so bedeutet dies für ihn nichts anderes®'” als die einfache Bezeichnung der Tatsache, daß dieser Prozeß
im Gegensatz zu der Herstellung eines künstlichen
Gegenstandes ohne menschlichen Eingriff von außen
„von selbst“, „aus sich heraus“, vor sich geht, obwohl er wie dieser auf ein Telos hin gerichtet ist.
Die Modernen haben daher auch völlig recht, wenn
sie sagen, daß die aristotelische Bezeichnung der
iors als doy) zevhoews nichts „erklärt“. Sie erklärt
wirklich gar nichts, und schon ganz und gar nichts
in dem Sinne, in welchem die endlich gelungene
künstliche Herstellung des Chlorophylls Entstehung
und Wesen dieses Stoffes erklärt. Der Irrtum der
Modernen besteht nur in dem Glauben, daß sie etwas
„erklären“ solle, während der Sinn des aristotelischen Naturbegriffs ebenso wie der seiner Teleologie
in Wirklichkeit ein völlig anderer ist.
Bevor jedoch der Sinn der aristotelischen Teleologie deutlich gemacht werden kann, ist es notwendig, zunächst noch ein zweites und tiefer liegendes
modernes Mißverständnis zu beseitigen, das nicht
unmittelbar den Sinn der aristotelischen Lehre, sonihm etwas ganz anderes als bei Aristoteles, sondern
er beweist damit auch, daß er völlig im Banne der
dern ihren Gegenstand betrifft. Nicolai Hartmann
hat ein ganzes Buch über teleologisches Denken ge-
5 Vgl. oben $.574 und 581.
18 Vel. Aristoteles, Analytica Posteriora B, 8, p. 93a, 1 ff.
#7 Ganz deutlich ist dies in dem in Fun. 214 zitierten
Kapitel der aristorelischen Physik.
der „teleologischen Welterklärung“ haben kommen
können, um so diesen Gedanken von seiner Wurzel
er von vornherein annimmt, daß es sich um eine
Welt„erklärung“ handeln müsse?!. Er sucht dann
zu zeigen, daß eine sozusagen von der Zukunft her
wirkende „Finalität“ mit einer von der Vergangenheit her wirkenden Kausalität in Konflikt geraten
scheint er die Kausalität als eine empirisch gegebene
Tatsache anzusehen, während er in der „Finalität“
ein irrtümliches menschliches „Denkschema“ erblickt.
Nur auf den Gedanken, daß die Teleologie eine
Erfahrungstatsache sein könnte, kommt er nicht.
Hier ist nun wirklich alles auf den Kopf gestellt.
Die Teleologie im Sinne des Aristoteles, nämlich im
Sinne der Feststellung, daß aus einem Hühnerei,
wenn es nicht verfault oder gegessen, sondern ausgebrütet wird, ein Küken und dann ein Huhn, aus
einem Kuckucksei ein Kuckuck, aus einem Entenei,
auch wenn es von einem Huhn ausgebrütet wird,
eine Ente und aus einer Eichel eine Eiche wird, ist
eine der überwältigendsten Erfahrungstatsachen aus
dem Gebiet des Lebendigen, die es gibt. Sie drängt
sich jeden Tag von allen Seiten her auf. Dagegen
liegt die Kausalität — abgesehen von den Fällen,
wo der Mensch selbst etwas bewußt verursacht, indem er es in Bewegung setzt oder macht — gar
nicht an der Oberfläche. Vielmehr müssen die
Ursachen in den meisten Fällen mit großer Mühe
gesucht werden und lassen sich gar nicht leicht entdecken. Also ist die Überzeugung, daß jedes Geschehen seine Ursache haben muf, etwas, was der Mensch
nicht ohne weiteres in den Dingen vorfindet, sondern in sie hineinträgt. Dem entspricht auch die
Theorie Kants, der auch ein Antiteleologe gewesen
ist, daß die Kausalität ein reiner Verstandesbegriff
a priori sei, somit aller Erfahrung vorangeht und
diese erst möglich macht. Sofern nun die Theorie
Kants richtig ist, und falls und soweit sie mit der
Teleologie in Widerspruch tritt, muß sich diese allerdings als Illusion erweisen. Dies zu untersuchen,
was nicht ohne erneute Untersuchung des Wesens
der Kausalität geschehen könnte, würde eine umfangreiche Abhandlung erfordern. Das ist jedoch im
2:8 Nicolai Hartmann, Teleologisches Denken, Berlin 1951.
219 Charakteristisch ist auch, daß Hartmann seine Betrachtungen mit teleologischen Erklärungen der Art beginnt wie
etwa der Antwort auf die Frage, warum jemand so viel habe
leiden oder so früh habe sterben müssen. Aber, das hat mit
aristotelischen Teleologie schlechterdings gar nichts zu tun.
Pagina 32
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Griechen. II
Handeln der
625
werden kann, sowie endlich ob und wie weit sie
Jahrgang 14
Heft 11 (1961) K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen, If
Lebens dienen kann. Auch hier liegt, wenngleich mit
einer später zu erörterhden wichtigen Modifikation,
bei Aristoteles die Vorstellung zugrunde, daß die
Entwicklung des Menschen nicht nur allgemein auf
den Typus des erwachsenen Menschen als ihr natür-
Resultat??0, daß ‘der Mensch in außergewöhnlichem
schied von der Pflanze oder auch dem Tier, deren
Entwicklungsbedingungen vom Menschen untersucht werden, Subjekt und Objekt miteinander identisch sind, was die Untersuchung sehr erschwert; ferner — was damit zusammenhängt — daß die Bedingungen der Entwicklung bzw. der Annäherung
an die mehr oder minder vollkommene Verwirklichung des Telos, beim Menschen nicht nur in äufeten Umständen, sondern zu einem grofen und in
vieler Hinsicht entscheidenden Teil in ihm selber
gelegen sind. Andere Unterschiede ergeben sich erst
aus einer näheren Betrachtung der Wesenseigentümlichkeit des Menschen und ihres Unterschiedes von
der Eigentümlichkeit anderer Lebewesen,
Es ist nun natürlich nicht möglich, die inhaltlichen
Resultate, zu denen Aristoteles bei seinen Untersuchungen dieser Art gekommen ist oder gekommen
zu sein glaubte, hier im einzelnen auszubreiten, Das
würde ein umfangreiches Buch erfordern. Vielmehr
kommt es hier allein auf seine Methode an sowie
auf die Beantwortung der Frage, ob sich auf diese
dernen Definition wissenschaftliche Erkenntnis ge-
Weise eine „objektive“ Erkenntnis in irgendeinem
Sinne erzielen lasse und in welchem Verhältnis eine
solche Erkenntnis zu dem, was nach irgendeiner monannt werden kann, stcht. Um diese Frage beantworten zu können, ist es jedoch notwendig, einige
der wichtigsten inhaltlichen Resultate, zu denen
Aristoteles gekommen zu sein glaubte, daraufhin zu
untersuchen, woher sie stammen, wie sie begründet
sind, ob und wie weit sie sich „verifizieren“ lassen,
ob und inwieweit ihnen Exaktheit zugesprochen
“2 Vgl. dic ersten Kapitel des ersten Buches von Aristoteles
Politica.
die in dem Menschen als Menschen, d.h. als Spezies,
gelegenen Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten ‚alle
gleichmäßig zu entwickeln. Vielmehr können die in
dem Menschen überhaupt gelegenen Möglichkeiten
und Fähigkeiten nur in der Weise voll oder soweit
wie möglich verwirklicht werden, daß verschiedene
Menschen verschiedene Möglichkeiten so vollkommen wie möglich verwirklichen bzw. ausbilden, so
daß die Gesamtheit der menschlichen Fähigkeiten
erst in dem Zusammenwirken der Menschen miteinander zur Verwirklichung kommt. Dabei ist es ferner nicht so, daß jeder Mensch nach Belieben jede
beliebige Fähigkeit (unter relativer Vernach Bes
gung der Ausbildung anderer Fähigkeiten) ausbil en
könnte. Es ist aber auch nicht so wie bei den Bienen,
daß gewisse Bienen (etwa die Arbeiterbienen) über
haupt nur gewisse Funktionen, andere (die Dro nen) nur gewisse andere Funktionen auszuüben im
daß der Mensch als Individuum nicht im Stande ist,
denen Richtungen von grundlegender Wichtigkeit
sind. Das eine ist der Mangel des Menschen an
odréquei, an Selbstgenügsamkeit, d.h. die Tatsache,
aus zwei Faktoren, die beide wiederum in verschie-
Menschen ergibt sich nach Meinung des Aristoteles
Die Notwendigkeit des Zusammenlebens und Zusammenwirkens mit seinen Artgenossen für den
dern ein Tier bleiben, ja in vieler Hinsicht tierischer
als ein Tier sein würde.
eigentlichen Sinne doch kein Mensch werden, sondie äußeren Bedingungen seiner physiologischen
Entwicklung von außen gegeben würden — indem
er etwa im ersten Stadium der Hilflosigkeit von
Tieren ernährt und aufgezogen würde und dann
fortführe mit diesen zu leben — er zwar die äußere
Gestalt eines erwachsenen Menschen nach Ablauf
der dazu erforderlichen Zeit annehmen, aber im
Typus, erreichen kann: und zwar so, daß, wenn ihm
Maß — „mehr als jede Biene“, wie Aristoteles sagı
— auf das Zusammenleben und Zusammenwirken
mit seinen Artgenossen angewiesen ist. Er ist so sehr
ein G@ov xoAttuxdv, ein gesellschaftliches Lebewesen,
daß er ohne das Zusammenleben mit seinen Artgenossen gar nicht zu einem Menschen werden, d. h.
das Telos seiner Entwicklung nicht einmal im Sinne
des am natürlichen Ende der Entwicklung stehenden
Bei dem Versuch, die spezifischen Eigentümlichkeiten des Menschen im Verhältnis zu andern Lebewesen festzustellen, ergibt sich für Aristoteles das
ohne Verlust übertragbar sind.
liches Ende oder Telos, sondern auf eine „vollkom-
Anarchie des
menen Exemplars einer Pflanzenspezies zu ermögmene“ Ausprägung dieses Typus von Natur gerichtet sei, ein Telos jedoch, welches je nach der Ungunst oder Gunst der Bedingungen, unter welchem
die Entwicklung sich vollzieht, in größerer oder geringerer Annäherung, nie jedoch absolut. vollständig
erreicht wird. Wie nun der Gärtner versuchen wird,
zu erkennen, welche Bedingungen verwirklicht sein
müssen, um die Entstehung eines möglichst vollkomverme
intli
chen
Erken
nens
—
denn
die
Menschen
glauben ja, das Schönere, Edlere als solche
s usw. zu
erkennen — so daß selbst die Möglichkei
t einer in
irgendeinem Sinne objektiven, gesch
weige denn
„wissenschaftlichen“ Erkenntnis von vornh
erein ausgeschlossen
werde
n
muß?
Geht man nun
von
hier
zunäc
hst
wieder zu dem
Gebiet der Pflanzen zurück, so gibt
es ja zum mindie
aber
doch
gewis
se
mehr
oder
mind
er
objektive und
übertragbare Kenntnisse
und
Erken
ntnis
se vermittelt. Sieht man dabei von der heute
auch im eigentlicheren Sinne wissenschaftlich
unterbauten Kunst,
neue Varietäten zu züchten, ab,
so ist die Gartenet, mögbaukunde im allgemeinen darauf ausge
richt
lichst „vollkommene“ Exemplar
e von Pflanzen,
Bäumen, Sträuchern, Blum
en
zu
zücht
en. Diese aber
kann der Gärtner nicht „machen“
oder herstellen,
wie man einen Apparat oder sonst ein
künstliches
Gebilde herstellen kann, sondern seine
Kunst besteht darin, dafür zu sorgen, daß alle Bedi
ngungen
dafür vorhanden sind, daß sich die
Pflanze zu ihrer
vollkommenen Form entwickeln kann.
Diese selbst
Aristoteaber wird nicht
wie
bei
eine
m
Kuns
twer
k
oder
sonst
einem künstlichen Gegenstand von ihm entwo
rfen,
sondern entsteht dann als Resultat des Wach
stumsProzesses von
selbst
,
so
daß
doch
auch
das
Telos im
höheren Sinne in gewisser Weise von der
„Natur“,
so wie es Aristoteles bezeichnet, vorgegeb
en zu sein
scheint.
Es war unerläßlich, dem Abschnitt über
lichen, und diese Bedingungen dann zu realisieren,
so wird es die Aufgabe des Philosophen sein, herauszufinden, welches die entsprechenden Bedingungen
für den Menschen sind.
Dabei ergeben sich sofort tiefgreifende Unterschiede: zunächst, daß beim Menschen im Unterdesten eine Gartenbaukunde, die
freilich nicht unter
die „Wissenschaften“ gerechnet
zu werden pflegt,
fühle, Geschmacksurteile: eine wilde
Menschen weitgehend bestimmenden
Ideologien, in
der politischen Propaganda, eine ungeh
eure Rolle
spielt.
Gibt
es
hier,
wie
die
mode
rnen
Positivisten
glauben, wirklich nur subjektive Meinu
ngen, Gelichen, in den Zeitungen, in den
das
Menschen, im privaten nicht minder als
im öffent-
K. von Farrz: Der Beginn universalwissenschaft
li cher Bestrebungen und der Primat der
gegenwärtigen Zusammenhang durcha
us nicht nötig.
Denn sofern ein solche
r
Wider
spruc
h
besteht
,
kann
er
nur
die
Auffa
ssung
der
Teleol
ogie
als
einer
sozusagen von der Zukunft her den Prozeß besti
mmenden Kausalität betreffen, niemals aber die Erfahrung
eine Tatsache, daß
les
diese
länger
e
Einlei
tung
voraus
zuschi
cken,
um
überhaupt den Zugang zum Verständnis
seiner
Teleologie wiede
r
freizu
machen
,
der
durch
die
modernen Vorurteile und Mißverständnisse für
die
Mehrzahl der modernen Betrachter vollständig
verschüttet ist und
es
wird
sich
zeigen
,
daß
das
Beispi
el
der Gartenbaukunde für dieses Verständnis
von
wesentlicherer Bedeutung ist, als es auf den ersten
Blick erscheinen mag.
selbst, daß aus einem Tannensamen, wenn
überhaupt
etwas, eben eine Tanne wird. Darauf allein
aber
kommt es für
die
folgen
de
Betrac
htung
an.
Die Teleologie besteh
t
also
primä
r
in
der überwältigenden Erfahrungstatsache, daß aus
einer Buchdiese Erecker, wenn überhaupt etwas, eine
Buche, aus einem
Sonnenblumensamen eine Sonnenblum
e, aus einem
Straußenei ein Strauß usw. wird, Aber
fahrung hat noch eine andere Seite,
welche für den
hier zu betrac
htende
n
Zusam
menha
ng
von
grundlegender Bedeutung ist. Aus einem Tanne
nsamen
Tanne sich
wird, wenn überhaupt
etwas,
eine
Tanne. Aber je
nach den äußeren Umständen, unter
denen der Same,
der Trieb, der Schößling und dann die
entwickelt, kann daraus
eine
voll
ausgebildete,
schöne, „vollkommene“ Tanne oder
eine verkümmerte oder verkrüppelte Tanne werden.
Hier werden nun
freilic
h
in
die
Betrac
htung eine
Reihe von Begriffen eingeführt, die
wegen ihres
vagen und „subjektiven“ Charakters
als etwas von
jeder Wissenschaft, die diesen Name
n verdient,
strengstens
Fernzu
halten
des
gelten
.
Man
kann zwar
vielleicht, wenn man sich vorher darüb
er einig geworden ist, wie eine schöne oder
vollkommene
Tanne aussehen soll, die in ihr zu
findenden Proeine vollkom-
Portionen bis zu einem gewissen Grade
approximativ in mathematische Formeln bringen.
Aber es gibt
keinen logischen oder mathematischen Beweis
, mit
welchem man beweisen könnte, daß
mene Tanne vollkommener ist als eine verkrü
ppelte,
Statistisch sind die verkrüppelten Tanne
n wahrscheinlich unvergleichlich in der Überzahl
gegenüber
den vollkommen ausgeb
ildete
n:
und
waru
m sollte
jemand nicht, z. B. für die Anlage eines
japanischen
Gartens, eine verkrüppelte Tanne schöne
r finden als
eine „vollkommen
ausgeb
ildete
“,
„voll
kommen
schön proportionierte“? Hier scheint alles
vage, unbestimmt, kontrovers, hier der „Subje
ktivität“ Tür
Trotzdem ist es nicht minder
und Tor geöffnet: für den „wissenschaftlich“
Gesinnten ein wahrer Greuel.
jeder Mensch, der nicht ganz stump
f ist, durchaus
weiß, wovon die Rede
ist,
wenn
man von einer
schönen, einer vollkommen ausgeb
ildeten Tanne im
Gegensatz zu einer verkrüppelten spricht
, und die
Die Teleologie
durch
dring
t fast die gesamte Phieine von der andern durchaus zu unters
cheiden ver- - losophie des Aristoteles
mit Ausnahme der spezielsteht. Ebenso ist es offenbar, daß, im
weitesten Sinn
len
und
techni
schen
Schrif
ten.
über
Logik und Ahnliches. Am wichtigste
n
jedoc
h
ist
ihre
Bedeu
tung für
eine Erkenntnis, die der Erhellung des
menschlichen
genommen, die Frage, was schön oder
schöner,
edler, vollkommener usw. ist, im täglichen
Leben der
Pagina 33
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)stande sind. Vielmehr gibt es?®! unter den Menschen
solche, die von Geburt oder frühester Jugend an
die Anlage zur Ausbildung gewisser Fähigkeiten in
außerordentlich viel stärkerem Maße als die Anlage zur Ausbildung anderer Fähigkeiten haben und
nur in diesen Fähigkeiten den höchsten Grad ihrer
Ausbildung und damit ihrer Vollendung, ihres Telos
erreichen können, während andere die Anlage zur
Ausbildung vieler verschiedener Fähigkeiten haben,
aber in geringerem Maße, so daß sie in der Ausbildung keiner von ihnen leicht den höchsten Grad
der Vollendung erreichen werden. Doch liegt in dieser Möglichkeit der Menschen, innerhalb eines gewissen Spielraums die eine oder die andere Fähigkeit oder auch mehrere bis zu einem beträchtlichen
Grade gleichzeitig auszubilden, die Möglichkeit für
eine menschliche Gemeinschaft, sich wechselnden
Situationen, welche verschiedene Fähigkeiten erfordern, besser anzupassen. Will man dies alles vom
Standpunkt der Telos-Philosophie aus auf eine Formel bringen, so kann man auch sagen, daß nur eine
autarke menschliche Gemeinschaft das menschliche
Telos als Ganzes verwirklichen kann — im Gegensatz zu einer Tanne, die ihr Telos im allgemeinen
am besten verwirklichen wird, wenn sie frei für
sich allein steht, während in einem Wald, wo viele
Tannen nahe beieinander stehen, die meisten von
ihnen unten verdorren und ihr volle Gestalt nicht
verwirklichen können — der einzelne Mensch dagegen nur einzelne der im Menschen als solchen angelegten Tele voll zu verwirklichen im Stande ist. Das
ist das eine.
:
Studium
Generale
von Aristoteles’ Vorgängern die pawópeva àyaté
genannt worden sind, wird also auch bei Aristoteles
eine große Rolle spielen, der zugleich die Ursache
des Irrtums aufzuweisen und näher zu bezeichnen
versuchen wird.
Bei dieser Analyse des Menschen auf die ihm von
Natur gegebenen Anlagen hin glaubt nun Aristoteles jedoch noch einen weiteren Faktor zu entdekken*%, der bis zu einem gewissen Grad mit den bisher beobachteten in Widerspruch zu stehen bzw. sie
zu durchkreuzen scheint, der aber nichtsdestoweniger
vorhanden und für die Erkenntnis des Wesens oder
der Natur des Menschen von.grundlegender Bedeutung ist. Während der Mensch einerseits, wenn er
außerhalb der menschlichen Gemeinschaft bleibt, sich
hicht einmal zum wirklichen Menschen entwickeln
kann und auf einer tieferen Stufe als selbst das
Tier stehen bleibt, kann er andererseits, nachdem er
durch das Zusammenleben, Zusammenwirken und
die Auseinandersetzung mit seinen Mitmenschen
über das, was recht und unrecht ist, hindurchgeganggen ist, oder während er durch dies hindurchgeht, in
sich ein Göttliches, ein Setov, entwickeln, das ihn
wiederum bis zu einem gewissen Grade über die
menschliche Gemeinschaft erhebt und, abgesehen von
den äußeren Lebensbedürfnissen, von ihr unabhängig macht. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen, die
jeweils nur auf ein Telos hin angelegt sind, das sie
in größerer oder geringerer Approximation erreichen
können, scheint der Mensch die Möglichkeit verschiedener Telosverwirklichungen zu haben. Aber in
sich der Mensch von anderen Lebewesen durch den
Besitz der Sprache unterscheidet und daß ihm die
Sprache nicht nur zur Verstandigung über die Verteilung der Funktionen unter den Individuen bei
der Erreichung des gemeinsamen Telos, sondern auch
zur Auseinandersetzung daritber dient, was recht
jedem einzelnen Fall hat die Frage nach dem besten
Weg zur Verwirklichung eines menschlichen Telos
zwei gleich wichtige Aspekte, den Aspekt der möglichsten Verwirklichung für das einzelne Individuum
und den Aspekt seines Verhältnisses zu der menschlichen Gemeinschaft.
Das nächste Problem ist naturgemäß die nähere
und konkretere Bestimmung der Tele in bezug auf
und und was unrecht ist. Darin liegt, daß der Mensch
den einzelnen Menschen. Auch hier geht Aristoteles
im Gegensatz zu anderen Lebewesen nicht nur wie
die Tiere — im Gegensatz wiederum zu den Pflanzen — die günstigeren Bedingungen zur Erreichung
wieder von einer grundlegenden Beobachtung aus?
Es gibt zwei Arten von bewußten menschlichen Tätigkeiten: solche, die auf ein außer ihnen selbst gelegenes Telos gerichtet sind: d.h. alle Tätigkeiten,
die auf das Herstellen eines Gegenstandes ausgerichtet sind; und solche, die ihr Telos in sich selbst haben, wie das Flötenspielen oder das Spazierengehen,
Das zweite??? ist in der Tatsache beschlossen, daf
seines Telos aufzusuchen, sondern sie sich sogar bis
zu einem beträchtlichen Grade selbst zu schaffen
imstande ist, dazu aber der Verständigung mit seinen Artgenossen bedarf, Diese Verständigung aber
betrifft nicht nur die Bedingungen für die Erreichung
des Telos, sondern auch die Erkenntnis des Telos
Tätigkeiten, bei denen nicht am Ende etwas Vollendetes herauskommt, sondern die darin, daß sie bis
selbst. Die Frage der Möglichkeit einer Tauschung
über das Telos und der Irreführung durch das, was
zum Ende vollzogen werden, in sich vollendet sind.
Diese verschiedenen Tätigkeiten stehen wieder in
= Vel, darüber vor allem Nikom. Ethik X, 5, p. 1175a,
223 Vgl. Politica I, 2, p. 1253a, 27 ff. und de part. animalium
B, 10, p. 656a, 3 ff.
% Vgl. das erste Buch der Nikomachischen Ethik.
30 ff.
ser Vgl. darüber Aristoteles, Politica I, 2, p. 1253a, 9 ff.
14 K, yon Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. IT
Jahrgang
Heft 11 (1961)
einem gewissen Verhältnis zueinander. So hat die
Tätigkeit des Werkzeug: oder Instrumentenmachers
das fertige Werkzeug zum Telos. Aber das Werkzeug dient dem Handwerker zur Herstellung des
Gegenstandes, der seinerseits das Telos einer Tätigkeit ist und erhält dadurch seinen Sinn. Alle Gegenstände, die Tele menschlicher Tätigkeiten sind, dienen aber letzterdings dem menschlichen Leben, das
in gewisser Weise selbst eine Tätigkeit ist, die ihr
Telos in sich hat, oder wie Aristoteles sagt, eine
évéoyera. An der Spitze der Hierarchie der Tele also
steht naturgemäß nicht ein Eoyov, ein Werk, ein Gegenstand, sondern eine Energeia. Und da auch hier
wie überall in der lebendigen Welt das Telos einen
doppelten Charakter hat: die Tanne schlechthin als
Telos der Entwicklung des Tannensamens und die
möglichst schöne und vollkommene Tanne, so ist
auch hier das an der Spitze stehende Telos in gewissem Sinne einfach das Leben, im höheren Sinne aber
das, was Aristoteles das ed Civ nennt: das „gute“,
das vollkommene oder möglichst vollkommene
Leben.
Bei der Betrachtung dieser Hierarchie der Tele
ergibt sich nun eine grundlegend wichtige Relation.
Die untergeordneten Tele sind zwar jeweils das natürliche Ende, die Vollendung, des auf ihre Herstellung gerichteten Handelns, aber sie erhalten ihren
Telos-Charakter jeweils durch das höhere Telos, dem
sie dienen: Es hat keinen Sinn, mehr Werkzeug zur
627
sein scheinen mag, ist. Aristoteles zeigt®®5, wie die
Geldwirtschaft, deren Einführung auf der einen
Seite von großem Nutzen gewesen ist, weil sie den
Austausch der von Menschen hergestellten Güter sowie ihrer Dienstleistungen erleichtert, auf der andern Seite doch zu einer Verfälschung des natürlichen Verhältnisses der Tele geführt hat. Weil das
Geld in gewisser Weise für alle Güter steht, kann
der Schein entstehen, als ob der Nutzen, den sein
Besitz bringt, nicht wie bei allen anderen Gütern
durch das Telos, dem es dient, beschränkt wäre, Dadurch wird das ganze Leben verfälscht.
Um die Implikationen
- dieser Beobachtung des
Aristoteles ganz deutlich zu machen, ist es notwendig, auf seine Theorie der verschiedenen Tele der
Menschen und ihren Zusammenhang noch etwas
näher einzugehen. Aristoteles folgert daraus, daf
der Teloscharakter der niederen Tele — und dazu
gehören alle materiellen Güter — durch die übergeordneten Tele, d.h. letzterdings das eb Civ, bestimmt wird, durchaus nicht, daß alle materiellen
Güter gleichmäßig unter allen Menschen verteilt sein
sollten. Im Gegenteil. Da das Gesamttelos der
menschlichen Gemeinschaft nur dadurch verwirklicht
werden kann, daß verschiedene Menschen verschiedene Einzeltele vornehmlich verwirklichen, so ergibt
sich von selbst, daß die materiellen Güter, die sie
brauchen, sich nach diesen Tele richten müssen. Jeder
braucht das, was ihm für die ihm angemessene
die
äveoyeıa nötig ist: der beste Flötenspieler die beste
Schuster für ihre Tätigkeit brauchen, und es hat für
den Schuster keinen Sinn, mehr Werkzeuge zu ha-
Flöte, der Handwerker sein Handwerkszeug, der
Gelehrte seine Bibliothek, aber auch derjenige, der
von Natur zum Organisieren des Zusammenlebens
einer Gemeinschaft, zum Planen, geeignet ist, den
Herstellung von
Schuhen herzustellen,
als
ben, als er für seine Arbeit und als notwendige Reserve braucht. Noch einsichtiger ist dies bei den
unmittelbar zum Leben notwendigen Gegenständen,
vor allem, wenn diese verderblich sind: in einer geschlossenen Naturalwirtschaft, etwa einer großen
primitiven Gutsgemeinschaft, wo in bezug auf die
einfachen Lebensbedürfnisse kein Austausch mit andern Gemeinschaften besteht, hat es keinen Sinn,
mehr Brot herzustellen, als innerhalb der Gemeinschaft gebraucht wird. Aristoteles hat darauf aufmerksam gemacht, welche Bedeutung dies für die
Gastfreundschaft in primitiver Naturalwirtschaft
hat. Wenn die Produktion an Lebensmitteln reichlich ist und Überfluß herrscht, kann es keinen Geiz
dem Fremdling gegenüber geben. Es hätte keinen
Sinn, die Dinge aufzuheben und zu akkumulieren
und man freut sich der Gegenwart des Fremden, der
Abwechslung und Anregung in das einförmige Le.
ben bringt.
An dem Gegenbild dazu läßt sich aber auch zeigen, von wie grofer unmittelbarer Bedeutung das,
was auf den ersten Blick eine Binsenwahrheit zu
Einfluß und die Macht, die ihm für die Ausbildung
und Anwendung der ihm von der Natur gegebenen
Gabe notwendig ist?®%, An diesem letzten Beispiel
zeigt sich zugleich, daß die órhös dyadó, die Güter
im gewöhnlichen oder schlichten Sinne des Wortes,
nicht notwendig materielle Güter zu sein brauchen.
Es kann auch Macht und Einfluß sein. Überall aber
gilt, wie Aristoteles zu zeigen versucht, das Gesetz,
das diese dû Gyodé nur so weit wirklich Güter
für denjenigen sind, der sie beistzt, als sie der Entfaltung und der Verwirklichung derjenigen êvégyeuar
dienen, die dem Besitzer als Anlage von der Natur
gegeben sind und in deren Entfaltung er sein natürliches Telos findet und zu der etdamovia, zu dem
Glückszustand, gelangt, dessen er fähig ist, während
er durch diese êvéoyerat zugleich auch der menschlichen Gemeinschaft dient.
ff.
225 Vgl. darüber vor allem Politica I, 9, p- 1257b, 22
=s Vgl. Politica I, 3 über die Formen des Herrschens und
Beherrschrwerdens.
Pagina 34
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Aus der entgegengesetzten Möglichkeit ergibt sich
zu einem großen Teil die Erklärung des Phänomens
der Irreführung der Menschen durch das, was die
Studium
Generale
erst dadurch, daß sie im Dienste höherer Tele stehen,
zu wirklichen Tele werden, werden selbst zu Tele
Sorge für die Notwendigkeiten des Lebens eine gröBere und längere Anspannung erfordert als lustvoll empfunden werden kann, so kann leicht die Vorstellung entstehen, als ob ein Leben, das aus nichts
als Ruhe und Spiel oder Amiisement bestehe, ein besonders gliickliches und erstrebenswertes Leben sci;
und die Erfahrung zeigt, daß dies ein auRerordentaus eigenen Recht gemacht: Besitz und Macht werlich verbreiteter Irrtum ist. Daß jedoch Aristoteles
den nicht mehr um des höheren Zweckes willen, dem
sie dienen können, sondern um ihrer selbst willen
dürfnis einen gleichen Anspruch haben könnten, sondern auch im Verhältnis zu sich selbst, d.h. mehr
recht hat, wenn er dies als Irrtum bezeichnet, kann
in diesem Fall sogar in gewisser Weise objektiv verifiziert werden, insofern die Statistik zeigt, daß
unter denjenigen, die zuviel haben und ein Leben
des Müßiggangs führen, die Anzahl der Selbstmorde
und der nervösen Erkrankungen wesentlich größer
ist als selbst bei denjenigen, die zu wenig haben und
sich über das zuträgliche Maß anstrengen müssen,
haben wollen als dem einzelnen selbst zur Entfaltung seiner Anlagen und zur der Erreichung der ihm
möglichen eödeınovia dienlich ist. Ferner ist dieses
Mehrhabenwollen nicht nur die Ursache der größten
Zahl der zerstörischen Konflikte zwischen Menschen,
sondern das simple Mehrhaben, selbst wo es ohne
Da der zur Verfügung stehende Raum es nicht
erlaubt, auf den Inhalt der aristotelischen Teloslehre über die allerersten grundlegenden Beobachtungen hinaus einzugehen — obwohl das Interessanteste natürlich die Ausführungen im einzelnen
sind — ist es nun an der Zeit, zu der Frage zurückgriechischen Philosophen pawógeva Gyatd, scheinbare Güter, nannten. Die untergeordneten Güter, die
gesucht. Daraus entsteht das Grundübel, das Aristoteles die nheoveEta nennt??”, das Mehrhabenwollen,
das wiederum zwei Aspekte hat: nicht nur den des
Mehrhabenwollens als andere, die aus gleichem Besolche Konflikte besteht, ist nicht nur dem Besitzenden nicht mehr dienlich, sondern kann ihm sogar
schädlich sein.
Um dies zu sehen, ist es freilich nötig, noch eine
andere, von Aristoteles ausführlich erörterte?2®
Grundtatsache des menschlichen Lebens in den Kreis
der Betrachtung zu ziehen. Wegen der ebenfalls naturgegegebenen Unvollkommenheit des Menschen ist
es ihm nicht möglich, dauernd in voller Verwirklichung der ihm angemessenen &v&gysia oder évég“au zu leben. Vielmehr bedarf er periodisch der
Entspannung, der dvaémovois, des Pausierens, das
wiederum zwei Grundformen hat, die völlige Ruhe
des Schlafens oder schlafähnlicher Zustände, und auf
der andern Seite die zuıdız. das Spiel, die entspannte
Tätigkeit oder ein Zustand zwischen auf ein Telos
hin gerichteter Aktivität und Ruhe, wozu bis zu
einem gewissen Grad auch das gerechnet werden
kann, was wir als Amüsement zu bezeichnen pflegen. Da nun die Anspannung der ernsthaften auf
ein Telos gerichteten Tätigkeit — was natürlich
auch für diejenigen Tätigkeiten gilt, die ihr Telos in
sich haben: auch der Vortrag eines Musikstückes erfordert diese Anspannung und ist auf ein Telos:
eben die Vollendung des ganzen Stückes, gerichtet,
obwohl am Ende kein materielles Eoyov übrigbleibt
— da also eine solche Anspannung zur Ermüdung
führt und danach Ruhe und die Entspannung des
Spiels als lustvoll empfunden wird, da ferner die
27 Über die nAcoveBia vgl. vor allem Nik. Eth. V, 2, 1129a,
32 ff.
28 Vgl. darüber Nik. Eth. X, 6, p. 1176b, 9 ff.
zukehren, ob und inwieweit hier von objektiver
Erkenntnis oder gar von „wissenschaftlicher“ Erkenntnis die Rede sein könne. Hier trifft es sich
glücklich, daß sich Aristoteles selbst in gewisser
Weise zu dieser Frage geäußert hat, indem er betont??%, daß es gewisse Untersuchungen gebe, bei
denen man nicht versuchen dürfe, absolut exakte Resultate zu erreichen (16 GugiBic ÈmEnret), sondern
sich damit begnügen müsse, die Dinge im „Umriß*
klarzulegen (cinq neguaßeiv)®, und daß er dies
eben gerade in bezug auf diejenigen Betrachtungen
sagt, von denen hier die Rede gewesen ist. Da sich
nun gezeigt hat, daß das Neue, was die Griechen gebracht haben, das, was man die Anfänge der griechischen Wissenschaft nennen kann und-was dann
in der modernen Wissenschaft in Fortenwicklung
dieser griechischen Anfänge sich herausgebildet har,
aus dem Bestreben nach Sicherheit, Exaktheit und
restloser Übertragbarkeit von Erkenntnissen hervorgegangen ist, so scheint damit schon das (negative)
Urteil über den wissenschaftlichen Charakter der
aristotelischen Betrachtungen gesprochen zu sein.
Trotzdem ist es der Mühe wert, sich genauer darüber zu informieren, was es denn mit diesem Verzicht auf Exaktheit und der Forderung des tung
neguaBetv eigentlich für eine Bewandtnis hat. Zunächst bedeutet es ganz und gar nicht, daß man es
220 Vgl, Nik. Eth. I, 3 p. 1094b, 13 ff.
2 Vel. darüber außer der in der vorangehenden Fußn.
zitierten Stelle auch Nik. Ech, II, 2, p. 11044, 1 #. und II, 7,
p. 1107b, 14, wo auch davon die Rede ist, daß die äußere Umrißlinie später weiter ausgefülle werden kann.
Jahrgang 14,
Heft 11 (1961
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen. II
629
in ethischen Fragen oder moralischen Entscheidungen nicht ganz genau zu nehmen brauche, wohl aber,
daß sich für solche Entscheidungen keine allgemeinen
Regeln festsetzen lassen, die in jedem Falle eindeutig zu bestimmen erlauben, welche Entscheidung
wenn aber nicht genug Güter hergestellt oder herbei‘gebracht werden können, um alle die Bedürfnisse
voll zu befriedigen, dann jedem im Verhältnis zu
recht oder richtig ist: also dasselbe, was schon Pladienst“ um die Gemeinschaft ist. Dies stimmt fast
vollständig mit dem Ideal der kommunistischen
Theorie überein. Aber so redet Aristoteles nicht von
den Dingen, obwohl man in seinen Ausführungen
über die Gerechtigkeit als proportionale Gleichheit®3? und das Bedürfnis?3® als Grundlage allen
Austausches von Gütern und Dienstleistungen Eleton in dieser Hinsicht gesagt hatte??!, Die Richtigkeit dieser Behauptung wird durch die historische
Tatsache bewiesen, daß noch alle Versuche einer
durchgeführten moralischen Kasuistik, die zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen
unternommen worden sind, letzterdings im Lächerlichen geendet haben und gescheitert sind.
Daraus läßt sich nun auch sofort verstehen, warum eine Wissenschaft dieser Art, sofern sie diesen
Namen verdient, worauf noch zurückzukommen
sein wird, nicht in derselben Weise verfahren kann
wie die Mathematik oder die Naturwissenschaften.
Jeder noch so einfache und elementare geometrische
Satz läßt sich in jedem individuellen unter ihn fallenden Fall exakt und ohne Modifikation anwenden.
Wenn also z. B. bewiesen ist, daß in einem Dreieck,
welches zwei gleiche Winkel hat, auch die gegenüberliegenden Seiten gleich sind, so gilt dies für jedes
beliebige Dreieck dieser Art und läßt sich, wenn ein
solches zu Messungen verwendet wird, überall ohne
Einschränkung anwenden. Dasselbe gilt im wesentlichen auch für naturwissenschaftliche Erkenntnisse.
Dagegen ist dies bei der Erkenntnis, daß es dem
Menschen schädlich sei, ein Telos, das nur im Dienst
eines übergeordneten Telos seinen Teloscharakter
bekommt,.
zum absoluten Telos zu machen, in der
Praxis nicht in gleicher Weise der Fall, da der Übergang von der Verfolgung des Telos um eines übergeordneten Telos willen und seiner Verfolgung über
das dadurch bestimmte Maß hinaus ein gleitender
ist und sich die Grenze nicht mit Exaktheit feststellen läßt. Nur wo die Überschreitung eine extreme
ist, läßt sie sich als Überschreitung leicht feststellen.
Unendlich viel schwieriger und komplizierter aber
wird das Problem, wo es sich nicht einfach um den
Einzelnen und die Frage, bis zu welchem Umfang
die Güter im gewöhnlichen Sinne ihm nützlich sind,
handelt, sondern um die Verteilung dieser Güter
unter den Mitgliedern einer menschlichen Gemeinschaft. Es ist nicht schwer zu sehen, daß aus der
Hierarchie der Tele, wie Aristoteles sie annimmt,
folgt, daß jeder nach Möglichkeit von den änküs
üyadd soviel bekommen sollte, als ihm zur Ausübung der ihm angemessenen und daher sowohl der
Entfaltung seiner Person wie auch der Gemeinschaft
dienenden Tätigkeit notwendig ist und nicht mehr;
seinem Bedürfnis, das zugleich auch, insofern er die
ihm angemessene Tätigkeit voll ausübt, sein „Vermente eines solchen Denkens finden mag.
Der Grund, warum Aristoteles nicht so redet,
liegt darin, daß er von Anfang an andere Aspekte
des menschlichen Lebens mit berücksichtigt. Wenn
jeder Mensch genau wüßte, was für ihn als Individuum und im Zusammenwirken mit den anderen
Mitgliedern einer Gemeinschaft wirklich gut ist,
d.h. wenn er die Grenze genau kennte, bis zu welcher der Besitz an materiellen Gütern oder Macht
od. dgl. für ihn gut ist, so gäbe es keinen Streit. Da
aber die Menschen in ihrer ungeheuren Mehrzahl
diese Grenzen nicht kennen und in ihrer Vorstellung
die övrws dyaddk und die garvöueva &yadd unzertrennlich miteinander vermischt sind und zugleich
miteinander im Streite liegen, wer sollte da imstande sein, selbst wenn ihm alle Macht dazu gegeben würde, die richtige Verteilung der &nkös éyata
nach wirklichem Bedürfnis und Verdienst eines
jeden vorzunehmen? Er müßte nicht nur selbst von
jeder zheoveEta, von jedem Mehrhabenwollen, frei
sein, sondern auch noch imstande sein, von jedem
Menschen genau zu wissen, wieviel an seinem Streben aus wirklichem Bedürfnis im Sinne des ihm gemäßen Telos und was aus neovelia hervorgegangen
ist. Wie Platon es in einem anderen Zusammenhang
in seinem Dialog ,Politikos* ausgeführt hatte,
müßte er so hoch wie ein Gott über seinen Mitmenschen stehen. Deshalb gibt es, wie Platon eben dort
ausgeführt hatte, nur eine zweite oder zweitbeste
„Fahrt“ (Öeúregos nAoüc), nämlich die Regelung
durch Gesetze, die auf einfacheren Prinzipien beruhen und den einzelnen bis zu einem gewissen Grad
in dem Genuß eines „legitim“ erworbenen Besitzes
auch da schützen, wo Legitimität des Besitzes nicht
durch sein wahres Bedürfnis, sondern durch Erbrecht, Vertragsrecht und ähnliches bestimmt wird.
Es ergibt sich daraus, daß es unvermeidlich verschiedene Arten der Gerechtigkeit oder des „Gerechten“ und des „Richtigen“ gibt, wie ja auch wir zwischen der Gerechtigkeit, die der Richter zu repräsen232 Vgl. Nik. Eth. V, 6, p. 1131a, 10.
#1 Vel. oben S. 618 f.
#83 Vgl. ibidem p. 1133a, 26 ff.
Pagina 35
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Studium
Generale
tieren und nach welcher er seine Entscheidungen zu
treffen hat, und etwa der „sozialen Gerechtigkeit“
unterscheiden. In einem der wichtigsten Abschnitte
seiner Nikomachischen Ethik?! versucht Aristoteles
diese verschiedenen Arten der Gerechtigkeit und des
nach vielfach Verkrüppelung des wesentlich Menschlichsten im Menschen zur Folge hat.
Was Aristoteles angestrebt hat, ist also eine Er-
Rechten zu unterscheiden, in ihrem Wesen zu be-
Zeit als Daseinserhellung oder Daseinsorientierung
stimmen, und zu zeigen, wie sie sich z. T. gegenseitig
ergänzen, z. T. aber auch in einem gewissen Widerstreit miteinander stehen und wo jeweils im Interesse des Einzelnen wie der Gemeinschaft, in welcher
er lebt, die Grenze ihrer Anwendung zu ziehen ist.
Das Gebiet, mit dem es Aristoteles hier zu tun hat,
ist offensichtlich zugleich das Gebiet, auf welchem
jene Auseinandersetzung über das, was recht und
unrecht ist, sich vollzieht, durch welche nach Ansicht
des Aristoteles der Mensch erst zum Menschen wird.
Auf Grund dieser Einsicht lassen sich Wesen,
Zweck und Grenzen der von Aristoteles erstrebten
Erkenntnis noch genauer bestimmen. Es ist nicht nur
so, daß sich die Grenzen zwischen der Verfolgung
eines untergeordneten Telos um des übergeordneten
und seiner Verfolgung um seiner selbst willen, die
Grenzen zwischen dem Streben nach garvöneva
&yadd und üvrus yadá nicht durch sozusagen mechanische Anwendung allgemeiner Einsichten exakt
bestimmen lassen, wie es bei der Anwendung mathematischer Sätze auf den speziellen Fall möglich ist,
sondern es ist auch in der paradoxen Situation des
Menschen gelegen, daß die Möglichkeiten, auf
Grund allgemein anerkannter Sätze in jedem Fall
exakt und eindeutig zu bestimmen, was recht ist,
eben jene Auseinandersetzung über das, was recht
und unrecht ist, zum Aufhören bringen müßte, die
den Menschen zum Menschen macht, Auf der andern
Seite ist der Mensch ganz ohne solche allgemeinen
Einsichten, wie sie Aristoteles aus seinen teleologischen Betrachtungen zu gewinnen sucht, gerade in
denjenigen Dingen direktions- und führerlos, die für
sein Leben am wichtigsten sind. Wenn man es vom
Standpunkt der gegenwärtigen Situation aus betrachtet, so kann man sagen, daß Aristoteles eine
Erkenntnis zu gewinnen sucht, welche die Mitte hält
zwischen der Werteanarchie oder besser der Anarchie
der Tele, welche im Westen, soweit er positivistisch
geworden ist, herrscht, und dem Wertedogmatismus
des totalitären Ostens, der die Unfehlbarkeit der
Partei hinsichtlich dessen, was recht und unrecht ist,
zum Dogma erhebt und der nicht einen neuen Menschen schaffen, sondern den Menschen als Menschen
vernichten würde, wenn ihm gelänge, was er anstrebt, was ihm aber nicht einmal in den eigenen
Reihen der fanatischen Anhänger gelingt und niemals gelingen kann, obwohl schon das Streben dakenntnis, die dem nahe steht, was man in neuerer
bezeichner hat, eine Erkenntnis, die es möglich
macht, soweit als möglich die richtige Mitte zwischen Ordnung und Freiheit zu finden, Auch wo der
Versuch gemacht wird, eine solche Erkenntnis in
eine Art System zu bringen, was Aristoteles zweifellos getan hat, kann dieses System doch nicht analog
einem System mathematischer oder naturwissenschaftlicher Erkenntnis wie ein Gebäude errichter
werden, bei dem zuerst ein ganz festes Fundament
gelegt und dann Stein um Stein darauf aufgebaut
wird. Vielmehr wird hier allein die Methode angemessen sein, die Aristoteles selbst dafür angegeben
hat: nämlich Umrißlinien zu zeichnen, und dann
weitere Umrißlinien, welche die ersten teilweise im
Innern weiter ausfüllen, teilweise aber auch überschneiden und durchkreuzen. Es ist evident, daß,
wie dicht ein solches Netz von Umrißlinien auch
schließlich werden mag, die Punkte, welche als
Schnittpunkte zweier oder mehrerer Linien genau
fixiert werden, immer unendlich viel kleiner an Zahl
sein werden als diejenigen, welche innerhab der
Linien liegen und nicht von ihnen berührt werden.
Hier wird dann also das, was an sich „recht“ ist,
nicht genau bezeichnet sein, sondern nur die nähere
oder weitere Umgebung, innerhalb deren es liegt.
Dies ist es auch, was Aristoteles damit meint, wenn
er sagt, daß man in manchen Dingen nicht versuchen
dürfe, die Genauigkeit weiter zu treiben als die
Sache erlaubt. Eben dadurch wird auch die Mitte
zwischen Ordnung und Freiheit erreicht,
Fragt man nun, ob die Art der Erkenntnis, die
Aristoteles hier erstrebt, eine „wissenschaftliche“ sei,
so ist offenbar, daß dies von der Definition abhängt.
Wenn Wissenschaft „exakte“ und ohne Verlust von
einem Menschen auf einen andern übertragbare Erdaß es „das Gleiche“ in der Welt der Erfahrung gar
det und zum Zweck der Mitteilung zu einem Gan- “ nicht gibt und daß wir doch ohne den Begriff des
zen verbunden. Aber auch das von Dilthey nicht Gleichen oder die Vorstellung der „Gleichheit“ gar
erwähnte Kriterium der Verifizierbarkeit fehlt nicht nicht auskommen können und daß von dem „Gudurchaus. Auf die sozusagen statistische Verifizier- ten“ und dem „Rechten“ ähnliches gilt. Aristoteles .
barkeit der aristotelischen Behauptung, daß es eine schöpft seine Vorstellung von den Tele unmittelbar
aus der Erfahrung. Aber selbst in bezug auf das
den Menschen schädigende und selbst zerstörerische
Wirkung habe, wenn der Mensch ein seiner Natur Telos in jenem allgemeineren Sinne, in welchem das
nach untergeordnetes Telos zum obersten Telos Telos der Entwicklung eines Tannensamens irgendmacht, wurde schon hingewiesen. Aber auch daß eine (verkrüppelte oder schöne, vollkommen ausgeSokrates nach seinem eigenen Zeugnis ebenso wie bildete) Tanne ist, kann er dies doch nur, insofern
nach dem Zeugnis aller, die in seiner Todesstunde die Gestalt einer Tanne überhaupt als organische
Form in irgendeiner Weise aus dem Chaos der mögbei ihm waren, eddalkwv, heiter und glücklich, war,
als er den Schierlingsbecher trank und es auch schon lichen Formen oder Gestalten als eine in irgendeiner
vorher gewesen war, und daß Aristoteles von sich Weise ausgezeichnete sich abhebt. Ohne daß es besagen konnte, sein der Erkenntnis gewidmetes Le- wußt wird, ist also auch hier vorausgesetzt, was
ben habe Bavuaortés twas fôovéc: erstaunliche Freu-
Platon meint, wenn er sagt, daß die idéa tot äyatoü
den oder Lustempfindungen, mit sich gebracht, ist
sowohl allem Sein wie aller Erkenntnis vorausgehe,
weil es ohne sie in dem Chaos der Formen keine
ausgezeichneten Punkte gibt.
eine Verifizierung, wenn auch einer sehr anderen Art
als diejenige einer physikalischen Theorie durch das
auf die Sekunde oder den Bruchteil einer Sekunde
einer Voraussage entsprechende Eintreffen einer Sonnenfinsternis oder das Funktionieren einer Atlasrakete.
Von hier aus läßt sich nun auch das Verhältnis der
von Aristoteles erstrebten Erkenntnis zu der platonischen ëmorhun näher bestimmen. Aristoteles hat
die platonische Ideenlehre und speziell seine Lehre
von der löta tov &yadoù abgelehnt. Trotzdem kann
man gewisse Beziehungen zwischen seiner Teleologie und der platonischen Ideenlehre finden. Ihr Ausgangspunkt ist freilich ein vollkommen verschiedener. Platon geht davon aus, daß in der Welt des
Werdens und Vergehens, in welcher wir leben, nichts
feststeht und deshalb auch keine sichere, allgemein
gültige, unveränderliche Erkenntnis von dieser sich
unaufhörlich ändernden Welt und den Dingen in ihr
möglich ist. Er sucht daher eine unveränderliche,
zeitlose Welt, von der es auch eine unveränderliche,
ewig gültige Erkenntnis geben kann. Er findet solche
Welten in der Welt der mathematischen Gegenstände
und in der Welt der Ideen, von welcher die Welt
teles auf Grund seiner teleologischen Betrachtungen
zu erreichen bestrebt ist, zweifellos keine Wissenschaft. Legt man dagegen die früher zitierte®® Definition Diltheys zugrunde, so trifft sie auf die von
Aristoteles erstrebte Erkenntnis vollständig zu.
Denn wenn auch die Anwendung der hier gewonnenen Erkenntnisse auf die unendliche Fülle der Einzelfälle nicht wie bei der Mathematik absolut be-
Welt. In ihr sucht er sich zu orientieren. Das ist
auch. der Sinn seiner Teleologie.
Aber obwohl Platon und Aristoteles in dieser
Weise von ganz entgegengesetzten Punkten ausgestimmt ist, sondern hier vielfach keine dxgifeta möglich ist, so sind doch die Begriffe selbst vollständig
%5 Vgl. oben Fußn.
3.
631
bestimmt, in ihren Verbindungen durchaus begrünkenntnis ist, dann ist die Erkenntnis, welche Aristo-
2 Vgl. das ganze 5. Buch der Nikomach. Ethik, p. 1129a,
1f.
Jahrgang 14
Hett
ri G96.) K+ VON Farrz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primat der Griechen, II
des Werdens und Vergehens, in welcher wir leben,
nur ein unvollkommenes Abbild ist. Für Aristoteles
ist gerade die Welt des Werdens und Vergehens, in
welcher wir leben, die wahrhaft wirkliche und reale
hen, gibt es doch einen Punkt oder ein Gebiet, wo
sie einander ganz nahe kommen. Platon war bei der
Begründung seiner Ideenlehre, wo sie zuerst. als
Lehre auftritt, von der Feststellung ausgegangen,
Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang an
der Stelle, wo der eigentliche Sinn der aristotelischen
Teleologie als eines Mittels, sich in der Welt zu
orientieren, gelegen ist, Die vollkommene Tanne
gibt es ebenso wie die Gleichheit nur in Approximation; und statistisch sind die ziemlich stark verkrüppelten Tannen, da die Tannen sehr viel in dichten
Wäldern zusammenstehen, wo sie sich gegenseitig
das Licht wegnehmen und sich nicht voll entfalten
können, vermutlich bei weitem in der Überzahl.
Trotzdem weiß jeder, was eine voll entwickelte
schöne Tanne ist und daß dies etwas vor andern
Tannen Ausgezeichnetes ist. Auch hier ragt in die Erfahrung etwas hinein, was in reiner Gestalt innerhalb der Erfahrung nicht zu finden und doch für die
Orientierung innerhalb der Erfahrung ganz unentbehrlich ist. Denn an dem hier aufgewiesenen Zusammenhang ändert es durchaus nichts, wenn etwa
innerhalb eines japanischen Gartens eine in gewisser
Weise verkrüppelte Tanne schöner als eine gerade
und unverkrüppelt gewachsene ist. Denn solche Ausnahmen gelten nur innerhalb eines größeren und
spezifischen Zusammenhanges. Niemand wird wohl
eine Tanne, die innerhalb eines dichten Tannenwaldes in ihrem unteren Teil verkrüppelt und verdorrt ist und nur oben einen grünen Wipfel hat, innerhalb eines japanischen Gartens schön finden. So
illustriert das Beispiel nur, was auch von Platon ausdrücklich bemerkt worden ist: daß es nicht darauf
ankomme, daß ein einzelnes Teilstück für sich die
höchste Vollkommenheit besitze, sondern daß in dem
größeren Zusammenhang, dem das einzelne angehört, alles harmonisch zusammenpasse.
Pagina 36
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Generale
In einem noch weiteren und höheren Sinn gehért
das Wort des Heraklit#3, daß die verborgene Harmonie stärker und besser sei als die offenbare, in
Rede. Worin sich der aristotelische Begriff der
Ethik von dem uns geläufigen der Moral unterscheidiesen Zusammenhang: ebenso die Tatsache, daß es
ist jedenfalls charakteristisch, daß die wichtigste und
umfangreichste der „ethischen“ Schriften des Aristoeine Gunst der Verhältnisse und äußeren Umstände
und Bedingungen gibt, die nicht zur Erreichung der
möglichst vollkommenen Form verhilft, sondern zur
Verweichlichung führt und so die Erreichung des
vollkommensten Telos verhindert. Vielleicht kann
man sagen, daß Platon in seinem Staat gegen diese
Einsicht verstoßen hat, indem er einen Idealstaat
konstruierte, in dem Sokrates nicht hingerichtet worden wäre, aber dabei übersehen hat, daß in einem
solchen Staat, in welchem jeder von Kindheit auf
fast unausweichlich mit mehr oder minder sanfter
Gewalt auf dem Weg der Tugend gehalten würde,
ein Sokrates gar nicht hätte entstehen können. Dagegen hat Aristoteles dem Rechnung getragen, indem
er Raum ließ für die Auseinandersetzung über das,
was recht und unrecht ist, eine Auseinandersetzung,
die nicht mehr möglich ist, wo das Rechte für jeden
Fall von außen her definitiv festgelegt ist. Aber
das ändert nichts daran, daß ohne ein auf eine, wenn
auch nicht an der Oberfläche liegende, so doch von
der Willkür des einzelnen unabhängige und bis zu
einem gewissenGrad erkennbareHarmonie des Telos
gerichtetes Erkenntnisstreben das menschliche Leben
die Richtung verliert und chaotisch wird.
An dieser Stelle erhebt sich jedoch noch ein weiteres und zentrales Problem. Die teleologisch ausgerichtere „Wissenschaft“ des Aristoteles kann nicht
nach absoluter &xoiBera streben. Dadurch bleibt auch
die Möglichkeit der Auseinandersetzung über das,
was recht und unrecht ist, erhalten. Aber dieser unvermeidliche Mangel an éxgiBera und diese Freiheit
der Auseinandersetzung in den speziellen Fragen
bedeuter ganz und gar nicht, daß es bei der einzelnen Handlung oder Entscheidung des Menschen
nicht so sehr darauf ankäme, ob er ein wenig mehr
oder ein wenig weniger recht oder unrecht tut, Wo
es sich um eine moralische oder um eine rechtliche
Entscheidung handelt, soll sie vielmehr ohne Einschränkung recht und richtig sein.
Damit ist nun eine Unterscheidung eingeführt
worden, die bisher nicht gemacht worden ist, die aber
von grundlegender Bedeutung ist. Die Schrift oder
Schriften, aus denen das, was im Vorhergehenden über
den Sinn der aristotelischen Teleologie und die Erkenntnis, die Aristoteles auf dem Grunde seiner Teleologie erstrebte, gesagt worden ist, zum weitaus
größten Teil entnommen wurde, tragen alle den
Titel Ethica, und vom Ethos ist in ihnen viel die
220 Val, Diels/Kranz. Varsokratiker 22B 54.
det, kann hier nicht mehr erörtert werden. Aber das
teles, die sogenannte Nikomachische Ethik, am Ende
unmittelbar auf das erste Buch seiner Politica hinweist, und daß das meiste von dem, was Aristoteles
im ersten Buch der Politica zu sagen hat, mit Dingen, die er in der Nikomachischen Ethik behandelt,
im allerengsten Zusammenhang steht. Doch auch innerhalb der Nikomachischen Ethik werden, vor
allem im ersten Buch, Dinge, die wir zur Ethik
rechnen, unmittelbar neben Dingen, die wir zur
Rechtslehre, und neben Dingen, die wir zur Soziologie, zur politischen Wissenschaft und selbst zur Wirtschaftswissenschaft rechnen würden, behandelt, Dies
ist vom Standpunkt des Aristoteles aus ganz berechtigt, da es sich auf allen diesen Gebieten um richtiges oder unrichtiges menschliches Handeln handelt
und da alle diese Gebiete von den menschlichen Tele
und ihrer nicht von den Wünschen oder Meinungen
der Menschen bestimmten, sondern objektiv feststellbaren Rangordnung her erhellt werden. Aber
Jahrgang 14
ett
ti ige, K- von Frrrz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Primac der Griechen. TI
den andern iibertragbaren Erkenntnissen: und zwar
dung getroffen werden: muß, in Verbindung zu set- - sowohl zu praktischen Zwecken wie auch vor allem
zen. Das Mittel hierzu ist nach Platons Meinung die zur Gesamtorientierung in der Welt. Aus dem StreDialektik, sei es nun, daß sie sich in einem Einzelnen
ben nach dem Exakten und Gesicherten erklärt sich
vollzieht, wie es bei Sokrates der Fall gewesen sein
der bei den Griechen von Anfang an so stark in
mag, als er 24 Stunden auf einem Fleck nachden- Erscheinung tretende Finitismus und die Tendenz
kend stehen blieb, oder in der dialektischen Ausein- zur Entanthropomorphisierung der Welterklärung,
andersetzung im wirklichen Gespräch, wie Sokrates die von Anfang an vorhanden ist, aber erst bei Dees mit anderen zu führen pflegte. Ob und wieweit mokrit und den Atomisten ihren Höhepunkt erdies gültig ist oder vielmehr die Meinung des alten reicht. Das Streben nach Gesamtorientierung in der
Cato und anderer??? richtig ist, daß der rechtschaf- Welt führt zu Anfang zu gewaltigen Verallgemeisie mit dem konkreten Fall, für den die Entscheifene Mensch ohne viel Nachdenken wisse, was
nerungen auf zunächst sehr schmaler Grundlage, die
jeweils „das rechte“ sei, soll hier nicht erörtert werden. Im einen wie im andern Falle aber ist es nicht
aber immer sogleich wieder nachgeprüft werden,
was dann vielfach zu neuen und unerwarteten Erkenntnissen Anlaß gegeben har.
eine Erkenntnis, die sich wie ein mathematischer
Satz allgemein formulieren und ohne Verlust von
einem Menschen auf den andern übertragen läßt.
Obwohl in Platons Sinn eine &xıottum, ein „Wissen“,
und obwohl sie im einzelnen von großer Festigkeit
und Sicherheit sein kann, ist sie doch auch im Sinne
Staatsmannes darüber, wie weit, mit welchen Mitder Wissenschaftsdefinition Diltheys keine Wissenschaft, da sie in keiner Weise in ein System, auch
nicht in ein offenes, gebracht werden kann. Trotzdem ist es wohl kaum richtig, ihr darum auch den
Charakter der Erkenntnis als solchen abzutreten. Die
von Aristoteles erstrebte Wissenschaft auf teleologischer Grundlage nimmt als systematische Daseinserhellung eine Zwischenstellung zwischen dieser
nichtwissenschaftlichen Erkenntnis und der wissenteln und in welcher Form in einem Staatswesen
schaftlichen Erkenntnis im engeren Sinne, die auf
„recht“ bedeutet etwas anderes bei einer im engeren Sinne moralischen Entscheidung oder bei einem
richterlichen Spruch, die selbst wieder verschiedener
Natur sind, als „richtig“ bei der Entscheidung eines
unter gegebenen Bedingungen Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit oder einer der verschiedenen Arten
proportionaler politischer Gleichheit zu verwirklichen sind. Die Grenze, innerhalb deren das
„rechte“ oder „richtige“ eingeschlossen und bestimmt
werden kann, sind in den beiden ersten Fällen sehr
viel enger, und die Forderung, es exakt zu verwirklichen, daher sehr viel schärfer als im dritten Fall.
Die an den Tele des Menschen orientierte Methode des Aristoteles, die er auf alle die genannten
Gebiete anwendet, ist jedoch überall nur imstande
anzugeben, innerhalb welchen engeren oder weiteren Umkreisen das „rechte“ und das „richtige“
liegt, nicht jedoch, es in der ganz konkreten Situation exakt zu bezeichnen, Sie bedarf daher der Ergänzung, Diese Ergänzung aber kann, wie schon
Platon im Staatsmann, im siebenten Brief und an
anderen Stellen ausgesprochen hatte und Aristoteles
in der Nikomachischen Ethik indirekt bestätigt hat,
nicht wieder in einer Wissenschaft bestehen, die sich
in allgemeinen Sätzen formulieren und schriftlich ein
für allemal fixieren läßt. Sie kann nach Platons
Meinung nur gefunden werden in dem Versuch,
sich an der iôéa tod &vadoü direkt zu orientieren und
633
In der zweiten, aber auch noch sehr frühen Phase
dieser Entwicklung steht vor allem das Bestreben im
Vordergrund, die Lücke zwischen den ganz einfachen Feststellungen, von denen die Welterklärung
ausgeht, und ihrem Endpunkt, d.h, dem Versuch
einer Erklärung der Welt als ganzer, auszufüllen.
Hier wurde schon früh, z. T, unterstützt, z. T. aber
auch beeinträchtigt, durch das in den Oligarchien
und Demokratien des Westens schnell an Bedeutung
gewinnende politische Argumentieren, eine Technik,
des logisch fortschreitenden Beweisens entwickelt,
dem Fundament einfacher und exakter Sätze ein
wenn auch die theoretische Untersuchung der Gesetze des logischen Denkens erst viel späteren Datums ist. Von Anfang an spielt ferner das Verifizieren vermuteter Erkenntnisse oder Einsichten eine
schr große Rolle, Dabei werden verschiedene Arten
Gebäude errichtet, ein.
des Verifizierens erprobt und teilweise als ungenü9,
Es bleibt noch übrig, so kurz als möglich das Resulrar dieser Untersuchung zusammenzufassen. Das
Neue, das die Griechen in die Geschichte des menschlichen Strebens nach Erkenntnis hineingebracht haben, ist aus einer ganz besonderen historischen Situation hervorgegangen, die ihnen innerhalb einer kulturell überlegenen Umgebung mit einander in einer
verwirrenden Weise widersprechenden Traditionen
eine Neuorientierung zur Notwendigkeit machte.
Aus dieser Situation ergab sich ein dringendes Bediirfnis nach festen, gesicherten, jedermann begreiflichen und ohne Verlust von einem Menschen auf
237 Platons Zeitgenosse Theopomp von Chios hat (vgl.
F. Jacoby, Fragmente der griechischen Historiker 115
F 275)
Platon heftig angegriffen, weil er durch seine unaufhörlichen
Fragen, was das rechte sei, das natürliche Gefühl für das, was
recht ist, nur unsicher mache, „als ob nicht jeder anständige
Mensch wüßte, was recht und gut ist“! Es ist aber vielleicht
charakteristisch, daß Theopomp ebenso wie Cato sehr geneigt
war, die anständigen Menschen mit den Konservativen zu identifizieren (vgl. darüber auch Antike und Abendland IV,
p. 47 ɣ.).
Studium Generale (Berl.), 14, Jahrg.
gend wieder fallen gelassen und durch andere, teilweise auch durch reine Axiomatik ersetzt. Auch das
Experiment spielt schon früh dabei eine Rolle, hat
aber im Altertum nie auch nur entfernt die Bedeutung gewonnen, die es in der modernen Naturwissenschaft hat. Vor allem ist die Spezialisierung des
Verifizierens auf die Verifizierung durch das Eintreffen vorausgesagter ktinfliger Ereignisse dem Altertum ganz fremd, wenn diese Art des Verifizierens
selbst auch keineswegs ganz unbekannt ist.
Darin kommt ein tiefliegender Unterschied zwischen antiker und moderner Wissenschaft zum Ausdruck. Zwar sind alle von den alten Griechen ausgebildeten Methoden der wissenschaftlichen Erkenntnis von den Modernen übernommen worden
und hat die antike Wissenschaft bei dem Wiedererwachen der Wissenschaft im Abendlande in der zweiten Hälfte des sechzehnten und im siebzehnten Jahrhundert einen so entscheidenden Einfluß ausgeübt,
daß die Entwicklung der modernen Wissenschaft
ohne diesen entscheidenden Anstoß gar nicht zu
denken ist. Doch war in der modernen Wissenschaft
Pagina 37
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)von Anfang an das Streben in viel höherem Grade
auf das Erzeugen von Stoffen und Gegenständen,
später von Apparaten und Maschinen ausgerichtet,
während dies alles in der antiken Wissenschaft eine
verhältnismäßig ganz untergeordnete Rolle spielt,
da diese vor allem auf Strukturerkenntnisse um ihrer
selbst willen gerichtet ist. Damit hängt es auch zusammen, daß in der modernen Wissenschaft immer
mehr die reine Kausalerklärung zur Herrschaft gelangt ist; und zwar so sehr, daß weithin bewußt
oder unbewußt das Prinzip beherrschend geworden
ist, daß nur eine Kausalerklärung die Bezeichnung
„Erklärung“ verdiene,
Bei dem antiken Streben nach Erkenntnis der
Struktur der Welt ist schon ganz früh die Frage
aufgetreten, wie weit die mit Hilfe der wissenschaftlichen Analyse der Erscheinungen entdeckten Strukturen wirklich den Dingen selber anhaften oder
ihnen vielleicht erst durch den menschlichen Geist
oder das menschliche Erkenntnisvermögen auferlegt
oder aufgeprägt werden. Diese Frage wurde von
der modernen Erkenntnistheorie in noch sehr viel
radikalerer Form gestellt. Ein so großer Physiker
wie L. Boltzmann hat darauf geantwortet, der beste
Beweis für die Richtigkeit der von der theoretischen
Physik gewonnenen Erkenntnisse sei, daß die Maschinen, die auf Grund der von dieser Wissenschaft
entdeckten Gesetze gebaut sind, gehen. Aber das
gilt nur für die Gesetze, soweit sie in mathematische
Formeln fixiert sind, Die Strukturvorstellungen, mit
deren Hilfe diese Formeln gefunden worden sind,
haben sich immer wieder geändert und widersprechen einander zum großen Teil. Sie können daher
nicht als durch das Funktionieren der Maschinen bewiesen gelten. Die positivistische Interpretation der
Wissenschaft scheint, so betrachtet, recht zu behalten.
Dann aber ergib sich ein ganz paradoxes Resultat.
Gerade das, was die Griechen seit dem Ende des siebten Jahrhunderts v.Chr. durch die von ihnen ausgebildete Erkenntnismethode zu erreichen und auf
eine ganz neue und feste Basis zu stellen versucht
hatten, eine wirklich exakte und gesicherte Einsicht
in die Gesamtstruktur der Welt, wird durch diese
Methode nicht erreicht. Wozu sie statt dessen schließlich geführt hat, was aber zu Anfang nur ein Nebenanliegen und ganz und gar nicht das Hauptanliegen
ihrer Schöpfer gewesen war, das ist die Fähigkeit,
auf gewissen Gebieten künftige Ereignisse vorauszusagen bzw. vor allem künftige Ereignisse zu bewirken; mit andern Worten: das von ihren Schöpfern
weder erstrebte noch vorausgesehene Ergebnis ist das,
was man die zunehmende Beherrschung der Natur
durch den Menschen nennen kann. Alles, was darüber hinausgeht, scheint, wie es von den konsequen-
Studium
Generale
testen Positivisten auch aufs deutlichste ausgesprochen wird, nur in Hilfsfiktionen zu bestehen, die
über ihren Funktionswert hinaus keinen eigenen
Wahrheitswert besitzen.
Aber nun kann man doch die Frage stellen, ob die
positivistische Interpretation der Wissenschaft die
einzige mögliche ist. Gerade die größten modernen
Physiker wie Max Planck und Werner Heisenberg
haben sich nie ganz der positivistischen Interpretation der modernen Wissenschaft verschrieben, son-
Jahrgang 14
Heft 11 (1961)
Antimetaphysiker und Positivisten meist nicht ausgesprochen wird. Rein menschlich genommen kann
gar kein Zweifel daran sein, daß die Mehrzahl der
Mathematiker ihre Wissenschaft um ihrer selbst willen liebt, d.h. um der ihren Erkenntnissen als Erkenntnissen von verborgenen Ordnungen innewohnenden Schönheit willen und nicht wegen der
Dienste, welche sie einer Maschinen und Raketen
produzierenden angewandten Wissenschaft zu leisten im Stande ist, was Bacon allein als Sinn der
dern daran festgehalten, daß die moderne Wissenschaft auch zu wirklichen Strukturerkenntnissen
Mathematik hatte wollen gelten lassen?*°. Nicht sehr
viel anders steht es mit nicht ganz wenigen gerade
führe, obwohl niemand besser als sie weiß, daß die
der führenden Physiker. Das zeigt, daß uneingeanschaulichen Strukturvorstellungen, mit denen der
moderne Physiker arbeiter, nicht verbindlich sind,
sondern austauschbar, so daß sie ganz bewußt danach ausgewählt werden können, ob sie sich
bequem in mathematische Formeln fassen lassen.
Denn wenn auch die anschaulichen Strukturvorstellungen, mit deren Hilfe die mathematischen Formeln
gefunden werden, nicht letzthin verbindlich, sondern
weithin austauschbar sind, so haben doch die mathematischen Formeln selbst Strukturcharakre8,
r Ja,
die durch sie bezeichneten Strukturen sind „so miteinander verknüpft, daß man eigentlich an keiner
Stelle mehr Änderungen vornehmen kann, ohne alle
Zusammenhänge in Frage zu stellen“®%, Es ist auch
sehr charakteristisch, daß Heisenberg auf diese Feststellung einen Vergleich mit der arabischen Bandornamentik folgen läßt, „bei der“, wie er sagt, „man
kein einzelnes Blatt verändern könnte, ohne den
Zusammenhang des Ganzen zu stören“.
Hiermit gelangt man aus dem Bereich der Fiktionen einerseits, der bloßen Voraussage und Bewirkung künftiger Ereignisse zu praktischen Zwecken
niederer Ordnung andererseits doch wieder in ein
Bereich von Strukturerkenntnissen, in dem der Begriff der inhärenten Ordnung eine beherrschende
Rolle spielt und, wie die Illustration durch das
Beispiel von der Bandornamenten zeigt, selbst der
Begriff der Schönheit nicht ganz ferne steht. Das
hat aber eine ganz grundlegende Bedeutung, wenn
es auch aus Furcht vor dem Verdammungsurteil der
“3 Vgl. hierzu und zum Folgenden vor allem auch den ausgezeichneten Aufsatz von O. Becker „Die Aktualität des pythagoreischen Gedankens“ in „Die Gegenwart der Griechen im
neueren Denken“, Festschrift für Hans-Georg Gadamer (Tibingen 1960), S. 7—30, der mir ganz wesentliche Einsichten zu
enthalten scheint. Freilich unterscheidet auch er leider nicht
deutlich zwischen dem, was heute (zum großen Teil mit Recht)
als falsche Teleologie bekämpft zu werden pflegt, und der
Teleologie des Aristoteles, die fälschlicherweise als damit identisch betrachtet wird.
29 W. Heisenberg in Naturwissenschaften 45, S. 243 (1958),
zitiert von ©. Becker 2.2.0. S. 17,
635
K. von Fritz: Der Beginn universalwissenschaftlicher Bestrebungen und der Prima: der Griechen. II
standen oder nur von wenigen eingestanden, doch
eine geheime Beziehung zwischen der modernen Mathematik und dem besteht, was die Marhematik den
antiken Pythagoreern und Platon bedeutet hatte:
einer Wissenschaft von offenen oder verborgenen
Strukturen und Ordnungen, die Schönheit besitzen”.
Die Frage freilich, wie weit diese Ordnungen in
Wirklichkeit unserem „Geiste“ oder unserem Erkenntnisvermögen innewohnende Ordnungsgesetze
sind, die den Dingen unbewußt von uns auferlegt
werden, um sie für uns erkennbar zu machen, oder
den Dingen selbst unabhängig von unserem Erkenntnisvermögen zu eigen sind, ist eine erkenntnistheoretische Frage, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Aber auch im ersten Falle
ist diese Ordnung doch immer noch insofern eine
„objektive“ Ordnung als sie — auch als eine unserem Erkenntnisvermögen innewohnende Ordnung
— nicht von uns geschaffen ist, noch willkürlich von
uns verändert werden, sondern nur von uns entdeckt
werden kann, und insofern als ihre Ordnungsstruktur nicht in ihren feineren Details für uns von Anfang durchsichtig ist, sondern erst Schritt für Schritt
durch bewußtes Bemühen von uns erhellt werden
muß,
Sieht man sich nun diese beiden möglichen Interpretationen des Wesens der modernen Wissenschaft
auf ihr Verhältnis zueinander und zu der Entwicklung der „exakten“ Wissenschaft bei den Griechen
an, so enthüllt sich ein weiteres Paradox. Es hatte
sich gezeigt, daß die Entwicklung des Neuen, das
die Griechen zuerst geschaffen haben und das sich
dann in die moderne Wissenschaft hinein fortgesetzt
hat, vor allem auch ein Prozeß der Entanthropomorphisierung gewesen ist; und dies, d.h. der völlig entanthropomorphisierte Charakter der modernen Wissenschaft, wird auch heute noch als einer
ihrer größten Vorzüge gegenüber anderen und frü0 Vgl. oben S. 620 f.
2 Vgl. oben $. 616.
heren Bemühungen um Erkenntnis der Welt betont.
Aber ob nun die Kausalität eine Form des (menschlichen) Verstandes a priori ist oder nicht, die Uberzeugung von der absoluten Gültigkeit des Kausalgeserzes ist gewiß nicht aus der Erfahrung gewonnen. Die Bedeutung dieses Gesetzes für den Menschen hängt unzweifelhaft mit seinem Wesen als
homo faber zusammen. Als ein Dinge machender
und herstellender braucht der Mensch die Kausalirät, weil er nur mit ihrer Hilfe etwas machen oder
herstellen (aber auch nur durch Kausalerkenntnisse
künftige Ereignisse voraussagen) kann, Damit ist
es völlig in Übereinstimmung, daß das reine Kausaldenken eben in dem Maße vorherrschend geworden ist, als der Mensch sich auf das Machen und
Herstellen von Dingen und das Bewirken von Ereignissen verlegt hat. Darin liegt jedoch ein sehr
kräfttiges anthropomorphes Element trotz aller
Entanthropomorphisierung der unbelebten Natur.
Denn das Herstellen und Machen ist jeweils auf
etwas gerichtet, was der Mensch als ihm nützlich
betrachtet (im Sinne des sokratischen dnhös &yatbv).
Umgekehrt richter sich das Streben nach reinen
Strukturerkenntnissen unvermeidlich, wenn auch
häufig unbewußt und uneingestanden, nach dem
„Schönen“, das der platonischen idéu tot dyadoü verwandt ist, aus. Das bedeutet natürlich keineswegs,
daß die Entanthropomorphisierung der Analyse
der anorganischen Natur unberechtigt wäre oder
gar rückgängig gemacht werden sollte. Es zeigt nur,
daß der Mensch nicht über seinen Schatten springen
kann; und es erlaubt, gewisse Verbindungslinien zu
denjenigen Arten von Erkenntnis aufzuweisen, um
welche sich Platon und Aristoteles bemüht haben.
Denn es zeigt von Neuem, daß ohne eine ganz primäre Orientierung an „Werten“, um diesen nicht
sehr glücklichen modernen Ausdruck an Stelle der
sehr viel besseren antiken zu gebrauchen, als an ausgezeichneten Punkten die Welt ein Chaos bleibt und
eine Erkenntnis irgendeiner Art unmöglich ist; und
es ist nicht schwer zu sehen, daß die auf das Machen
und Herstellen wie auf die Voraussage künftiger
Ereignisse gerichtete positivistische Wissenschaft zu
den untergeordneten Tele des Aristoteles, die auf geordnete Strukturen ausgerichtete Wissenschaft zu
den höheren Tele des Aristoteles in einer gewissen
Beziehung steht. Damit wird nun auch doch eine
Brücke geschlagen von der scheinbar völlig entmenschlichten Welt der modernen Wissenschaft zu
jener Erkenntnis der menschlichen Welt, um die sich
Sokrates, Platon und Aristoteles bemüht haben.
Reaktionen gegen den Versuch, mit Hilfe der zunächst noch neuen „wissenschaftlichen“ Methode die
„wirkliche“ Struktur der Welt zu erkennen, eine
Pagina 38
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Generale
sich in neuerer Zeit in die Disziplinen der philoso-
K. Büchwer; Humanum und humanitas in der römischen Welt
Struktur, die ganz anders ist als das, was wir vor
ter der Welt, in der wir uns unmittelbar bewegen,
neuten Nachprüfung zu geben. Jedenfalls wird sich
ständnissen beruhen, und damit Anlaß zu einer erist, zu zeigen, daß zum mindesten einige scheinbar
sehr gewichtige moderne Einwände gegen die
Grundauffassungen des Aristoteles auf Mißvervorrufen. Doch genügt es schon, wenn es gelungen
Kreisen eine fast dogmatische Geltung erlangt
haben, mannigfachen und heftigen Widerstand herwelcher entgegengesetzte Auffassungen in weiten
in diesem Zusammenhang solcher Formeln bedient.
Wenn also im Vorhergehenden der Versuch gemacht worden ist, die Grundanschauung des Aristoteles in dieser Hinsicht zu rechtfertigen und zu verteidigen, so wird dies zweifellos in einer Zeit, in
men Platz haben können, und sich selbst des öfteren
war, daß in dienender Form auch mathematische
Formeln in diesen Disziplinen durchaus ihren legitimatik und der reinen Naturwissenschaften unterscheiden müsse, obwohl er sich durchaus bewußt
und warum sich die Methode dieser Wissenschaften
mit Notwendigkeit von der Methode der Mathezu zeigen versucht, wie weit, in welcher Hinsicht,
Augen sehen, hat es von sehr früh an gegeben: frei- .phischen Ethik, der Sozialwissenschaft, der politilich Reaktionen sehr verschiedener Art. Heraklit™® schen Wissenschaft und der Wirtschaftswissenschaft
stellte der analysierenden und beweisenden Methode aufgespalten hat. Während vor allem jedoch die drei
die Intuition gegenüber, verachtete aber nicht min- zuletzt genannten Disziplinen dazu neigen, sich so
der als die „wissenschaftlichen“ Denker die Ein- sehr als möglich naturwissenschaftlichen Methoden
sicht, welche die Menge der gewöhnlichen Men- anzunähern, weil diese allein als wahrhaft wissenschen zu haben glaubt. Die Sophisten verwarfen schaftlich gelten, sich aber eben damit der höchsten
jeden Versuch, eine wahre oder wirkliche Welt hin- Orientierungsprinzipien berauben, hat Aristoteles
vielen der enthusiastischsten Anhänger der positivizu konstruieren und wollten der Orientierung in
eben dieser uns unmittelbar zugänglichen Welt dienen, blieben aber an der Oberfläche, Sokrates und
Platon haben versucht, die Orientierung in der
Welt, in der wir handeln und Entscheidungen treffen müssen, tiefer zu begründen; und die erschrekkenden Möglichkeiten, welche die neuesten Resultate der auf das Machen und Herstellen gerichteten
Wissenschaft eröffner haben, haben vielleicht auch
stisch orientierten Wissenschaft die Augen darüber
geöffnet, daß Sokrates und Platon nicht ganz unrecht hatten, wenn sie nicht aufhörten, darauf hinzuweisen, daß wichtiger als der Besitz von Gütern
und Instrumenten der Macht, für den Menschen eine
Erkenntnis sei, die ihn dazu befähigt und veranlaßt, von solchen Gütern und Instrumenten den
richtigen Gebrauch zu machen.
Aber erst Aristoteles hat den Versuch gemacht,
senschaftlichen Bemühungen der Griechen nicht nur
auf teleologischer Grundlage eine systematische Wissenschaft der Daseinserhellung und Lebensorienticrung aufzubauen, die mit der Wissenschaft im engesenschaftlicher Erkenntnis es geben könne, etwas
=
beizutragen vermag.
eigentlich sei oder welche verschiedenen Arten wisauch zur Klärung der Frage, was Wissenschaft
ein historisches Kuriositätsinteresse hat, sondern
kaum leugnen lassen, daß die Geschichte der wisren Sinne auch methodisch manches gemeinsam har,
in dem innersten Wesen ihrer Methode sich aber
doch grundlegend von ihr unterscheidet. In dieser
Wissenschaft ist bei ihm noch weitgehend, wenn auch
nicht vollständig, ununterschieden vereinigt, was
Humanum un
SRAD
at
humanitas in der römischen Welt
GENRE HWV
(Dr. phil. Kurt v. Fritz, o. Professor für klassische Philologie an der Universität München, München 22, Veterinärstr. 2)
342 Vol. oben S. 563 f.
IN.
Von
wendig mitgegeben ist, ohne Einfluß auf diese Begriffe bleiben können, sofern sie sich nicht als absolut und starr-dogmatisch verstehen, sondern die
Elastizität des echten Begriffes behalten. Theoretisch
ist es sogar denkbar, daß im Raum des Gedächtmung der Wörter humanum und humanitas notauf das allgemein Menschliche, die mit einer Bestim-
K. BÜCHNER
Von der humanitas in der römischen Welt zu
sprechen ist nicht nur eine antiquarische Bemühung,
die auf die Begriffe wie Humanität, Humanismus,
weil diese Begriffe inzwischen längst ihre losgelöste
das Humane keinen Einfluß mehr haben könnte,
gewonnen haben. Vielmehr wird keine Besinnung
Entwicklung genommen und ein eigenes Schicksal