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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Kritisch-exegetische Bemerkungen zur Schrift
über die alte Heilkunst
Autor(en):
Dihle, Albrecht
Vas
Objekttyp:
Article
Q
Zeitschrift:
Museum Helveticum : schweizerische Zeitschrift für klassische
Altertumswissenschaft = Revue suisse pour l'étude de l'antiquité
Be
\SO
classique = Rivista svizzera di filologia classica
Band (Jahr): 20 (1963)
Heft 3
PDF erstellt am:
18.07.2014
Persistenter Link: http://dx.doi.org/10.5169/seals-18346
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ETH Zürich, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, Schweiz, www.library.ethz.ch
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über die alte Heilkunst
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Dihle, Albrecht
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Museum Helveticum : schweizerische Zeitschrift für klassische
Altertumswissenschaft = Revue suisse pour l'étude de l'antiquité
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Band (Jahr): 20 (1963)
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Kritisch-exegetische Bemerkungen zur Schrift
Uber die Alte Heilkunst
Die hippokratische Schrift Uber die Alte Heilkunst ist seit dem Erscheinen der
großen Hippokrates-Ausgabe Littrés nicht weniger als viermal ediert!, etliche
Male übersetzt? und in einer Reihe gelehrter Beiträge kritisch-exegetisch behandelt
worden’, Nichtsdestoweniger bietet sie der Konjekturalkritik noch, ähnlich wie
andere Hippocratica, ein reiches Betatigungsfeld.
2 (p. 37, 6 Heiberg) «... wer das behauptet, ééprérnra xai ¿Eararáras.»
Der Text ist in dieser Form in A und M iiberliefert, und die letzten Herausgeber
bzw. Ubersetzer haben ihn beibehalten. «... befindet sich in einer vollkommenen
Täuschung» (Diller) oder «on a vécu dans l’illusion et l’on continue d’y vivre»
(Festugière). Der Übersetzung Festugières kônnte im griechischen Text die Kombination Aorist/Praesens, Aorist/Futur oder allenfalls Perfekt/Futur entsprechen,
niemals jedoch die Verbindung des passiven Zustandsperfektes mit dem bei diesem
Verbum praktisch gleichbedeutenden Praesens. Nun ist die Stelle leicht zu heilen.
Da unser Hippokratiker Doppelausdrücke meistens mit te xaf und nicht mit einfachem xa bildet, wird in einer Verbalendung das re stecken, und zwar eher in
E&anaräraı, weil die einfache Abtrennung éfaratä te anders als bei éyxdrytas
eine sinnvolle Verbform übrig läßt. Das führt auf éfanatd te nai énndtyta als
ursprünglichen Text. «Er täuscht (andere) und befindet sich selbst im Zustand
der Täuschung.» Daraus wurde &&anaräraı xal Eönndrnrar. Diese Reihenfolge der
Tempora erschien einem späteren Korrektor unangemessen, und er änderte durch
einfachen Tausch in éémrärnra xal E£anarärau. Die Konjekturen ééanatd te
1 Hippocratis Opera ed. H. Kühlewein I (Lpz. 1894); Corp. Med. Graec. I 1 ed. I. L. Heiberg (Lpz. 1927); W. H. S. Jones, Philosophy and Medicine in Ancient Greece (Baltimore
1946); Hippocrate, L’ancienne médecine ed. A. J. Festugiére (Paris 1948).
2 Die Anm. 1 letztgenannten Ausgaben enthalten auch eine Ubersetzung des Traktats.
Dari kommt jetzt die wertvolle Hippokrates-Ubersetzung von H. Diller (Hamburg 1962)
201 f .
8 Außer den bei Festugière p. XX XIV aufgeführten Arbeiten nenne ich nur noch H. Diller, Hermes 80 (1952) 385ff. und J. H. Kühn, System- und Methodenprobleme im Corpus
Hippocraticum (Wiesbaden 1956).
4 Solche Umstellungen in Teilen der Uberlieferung gibt es auch sonst. 9 (p. 42, 1 Heiberg)
lautet nach A ótav dé adtods xatdoyn xeıudv te uéyac xal dveuos éEdatne, nach M aber
Stay de adrodc xatdoyn dveuds te péyas xai yeuuv. Die Lesart in M ist dadurch zustande
gekommen, daB der unverständlich gewordene nautische Terminus ausgelassen wurde. Der
übriggebliebene Ausdruck yeıudv te péyac xai àveuoc erschien mit Recht anstößig und
wurde durch eine einfache Umstellung der beiden Substantive geglättet. Ahnliches gilt für
Pagina 4
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ral &anatétoe (Diels) und éanardrai te nai étarar& (Schomack) befriedigen
demgegeniiber nicht.
|
Unkenntnis des älteren Perfektgebrauchs, den auch uns erst Wackernagel verstehen gelehrt hat, ist nicht selten AnlaB zu Textverderbnissen gewesen. So steht
bei Herodot 1, 29, 1 der Gen. absol. xateotoauuéror dé todtwv xai noocemixræuévov
Kootoov Avôotot. Stein hat die Worte xai ... Avôotot getilgt, offenbar weil sie mehrere
Anstöße bieten. Der Subjektswechsel im Gen. absol. soll uns nicht stören (vgl.
Thuc. 4, 83, 1). Aber das Part.praes. im zweiten Glied ist sinnlos, da der Zusammenhang ausschließt, daß Kroisos noch mit den Eroberungen beschäftigt ist, und
es auf die vollzogene Einverleibung der vorher genannten Territorien ankommt.
Dazu ist noooerıxtaouaı ein typisch hellenistisches Dekompositum, das gegenüber
qeooxtdoua: und Erıxtdouaı keinen Bedeutungsunterschied aufweist. Herodot
kennt sonst nur die letzteren beiden, während noooezixtaouaı erst wieder bei
Aristoteles (Rhet. 1367 b 14) auftaucht. Nun bildete das Ionische zu unserem
Verbalstamm lediglich ein unredupliziertes Perfekt, étnuat, während das Attische
stets ein redupliziertes xéxrmuœ zeigt. In die nachklassische Koine ist in diesem
Fall nur die attische Form eingegangen, so daß einem späteren Herodot-Leser das
an dieser Stelle vorauszusetzende zoocextmuérov dubios erscheinen konnte. Er
änderte es in das paläographisch ähnliche, von einem hellenistischen Dekompositum abgeleitete ngooerıxtwu&vov, weil er keine klaren Vorstellungen mehr von
der Funktion des alten Perfektes besaß. - Doch zurück zur Alten Heilkunst.
3 (37, 24): adr) % dvdyun intouey Enoinoev Enrndrai te ual eboedfva.
Entóñvos A, edd.
Enreiodas M.
Die Lesart A bedeutet: «Die Not bewirkte, daB man sich auf die Suche nach
der árztlichen Kunst begab und sie fand.» Eine andere Art der Punktualitát als
die ingressive läBt der Begriff «suchen» schwerlich zu. M bietet dagegen: «Die
Not bewirkte, daB man lange nach der Medizin suchte (und die Suche immer
weiter fortsetzt) und sie auch fand.» Der Traktat betont an mehreren Stellen den
allmählichen Erwerb der Heilkunst (& 0246 yodvq@) ebenso wie den ständigen,
auch zukünftigen Fortgang der medizinischen Forschung. Außerdem hat M die
lectio difficilior. Wer hätte wohl den hübsch parallel gebauten Ausdruck î7779Fvar/
edosdi vas mutwillig verändert ? Der umgekehrte Vorgang dagegen ist als bewußte
oder unbewußte Egalisierung der Verbformen sehr wohl verständlich und wird
durch das oft’ dv edoedn ... oör’ dv ¿Enr0n im vorhergehenden Satz ausgelöst
worden sein. (Dort haben freilich die Aoriste wegen des Irrealis ihre Berechtigung.)
An unserer Stelle sollte man jedenfalls der Lesart M folgen.
6 (39, 28) GAAd paveodic, óra» taita ngooaiowrtat, tapoébvovta: ... où ... HUYETOL
A, Festug.
GAM’ dvrixovs, dtav TodTo nomowoı, nagofövovraı xrA. M, Jones.
5 Unvertrautheit mit dem Perfekt dürfte auch hinter der Lesart M in cap. 13 (44, 18)
stehen, wo magacxevdoacda: an die Stelle von napeoxevdodaı (so A) getreten ist. Die edd.
haben mit Recht das Perfekt bevorzugt, obwohl auch der Aorist sinnvoll ist.
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Die Lesart des von den Herausgebern durchweg hôher bewerteten cod. A enthält ein Interpretament, und zwar in zweifacher Hinsicht. “Avtixove = pavepós
wird bei Harpokration, Hesych und anderen Lexikographen erklärt. Es ist im
älteren Attisch ebenso zu Hause wie in der poetischen Sprache und bei Thukydides.
Es besteht also kein Anlaß, es dem Ionischen abzusprechen, selbst wenn es bisher
bei Herodot und Hippokrates nicht nachgewiesen werden konnte. Aus nachkfassischer Zeit aber ist es nirgends zu belegen, so daß sein Auftreten als lexikalisches
Lemma recht wohl begreiflich ist. Erklärt demnach das paveoös in A ein ursprüngliches ävrıxovs, so erläutert noooalgwvraı das unbestimmtere, aber für das Verständnis der Stelle völlig ausreichende rowowor. Der Wechsel vom Coni. aor.
zum Coni. praes. braucht nicht zu befremden, denn beides ist in derartigen Iterativsätzen zulässig (Kühner-Gerth II 447ff.).
7 (40, 21ff.) té di) voûr’ &xelvov (sc. Heilkunst und Ernährungskunst) diapéosi
GAN nÂéov TO te eldoc nai Ot. nowddtegor xal nAslovos noayuarins, doxn dé
éxeivn 7) nodtEgOv yevouérn;
té te M, Heiberg
+d ye A, Festug.
nA&ov del. Reinhold.
Die Tilgung des Wortes zAéov, die Diller in der Übersetzung zu billigen scheint,
fördert nicht. Abgesehen davon, daß sein nachträgliches Eindringen in den Text
kaum zu erklären wäre, würde auf diese Weise die Unterscheidung zweier Unterschiede, die zwischen Heilkunst und Ernährungskunst nach Ansicht des Verfassers doch offenbar bestehen (re ... xai), verwischt werden. Wenn nämlich die
Aussage «im Hinblick auf das e/doc» nicht irgendwie qualifiziert wäre, könnte man
sie nicht dem noıxıAoregov xai x. x. gegenüberstellen, das ja gleichfalls eine Aussage über das elöog enthält. Demnach muß das xAgov eine durch den Acc. graec.
to eldos explizierte Notiz zu dem roöro, d.h. der Heilkunst, enthalten, kann
also nur adjektivisch-prädikativ zu diesem gehören, jedoch nicht adverbial gebraucht sein. Es bedeutet: «Worin unterscheidet sich dieses von jenem, wenn
nicht darin, daß es zAgoy ist im Hinblick auf das eidoc, und daß ...»
ITisiwv in der Bedeutung «umfangreicher, bedeutender» kommt zwar häufiger,
aber keineswegs ausschließlich in attributiver Stellung vor. Bei Thukydides steht
(8, 39) Asiova tov nAoöv noımodusvor, bei Platon (Criti. 114 D) tote nAdov dvépatog
Ty TO yévos Ex yiis devrröusvov Tod ÖpeıydAnov®. Welche Bedeutung zAeíwv an
vergleichbaren Stellen haben kann, zeigt etwa Plat. Resp. 435 D, wo ein Weg
der Untersuchung uaxgotéoa xai nÂelwv ódds genannt wird. Es ist offenbar der
(nach seiner räumlich-zeitlichen Ausdehnung) längere und auch der umständlichere Weg gemeint. Der Umweg, den das spartanische Flottenkontingent an der
oben zitierten Thukydides-Stelle einschlägt, soll wohl gleichfalls eher als der umständlichere als der lediglich längere gekennzeichnet werden, sind doch die Zwischenstationen genannt. Normalerweise indessen: bezeichnet nAeiwv gerade die
6 Plat. Phaedr. 231 D dote nAelwov ¿dsc utd. kann man prädikativ (éAnic nel éorl)
oder attributiv (rAelov éAnic dndeyer) auffassen. Vgl. auch Soph. Ai. 363 und O.C. 1139.
Museum Helveticum
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)rein quantitative, nicht die qualifizierte Steigerung der GrôBe oder Lange. Aristoteles etwa spricht (Meteor. 363 a 17) von einem uellwv xai nAeiwv àäveuoc: Hier
bezeichnet fraglos usw» die Stärke des Windes, xle{wy die Quantität der bewegten
Luft, wie denn Aristoteles auch an anderen Stellen häufig von zisiwy puyodtne,
néov Vepuóv u. dgl. redet. Auch an unserer Stelle müßte xléov den größeren,
gleichsam quantitativ meßbaren Umfang der Heilkunst als Gesamterscheinung
gegenüber der Ernährungskunst bezeichnen, während noıxıAdregov xal nAslovos
noayuarins auf die größere Differenziertheit und Kompliziertheit hinwiese.
Aber wirkt nicht der ganze Ausdruck gekünstelt oder besser gequält? Soll man
dem Verfasser diese etwas haarspalterische Differenzierung, der sich das Wort
elóoc nicht recht fügen will, überhaupt zutrauen? Und ist es denkbar, daß xAéor
und zAefovos in zwei wenn nicht gänzlich verschiedenen, so doch differenzierten
Bedeutungen einander unmittelbar folgen? Schließlich ist die Form des Satzes
nicht eben schön zu nennen. Das re der ersten Hälfte des Nachsatzes steht an verkehrter Stelle”: Dem xaé korrespondierend müßte es dem nA&ov folgen. Wenn in
dem gesamten Doppelausdruck auf die verbale Explikation des Unterschiedes
zwischen zwei dvapopaí ganz verzichtet wird, ist das xai örı der zweiten Hälfte
störend und überflüssig. Die Härte des Ausdrucks insgesamt läßt sich dadurch
mildern, daß man nach nA&ov ein ¿dv einschiebt, dessen Ausfall durch Haplographie hinreichend erklärt und das einem allenfalls auch möglichen éotiv vorzuziehen ist (stud. phil. Vogelbusch, Köln). Indessen beseitigt dieser wohl notwendige Eingriff nicht die vielen anderen Anstöße.
Die einfachste Lösung ergibt sich dann, wenn man dt noıxıAregov xai mAelovog
roayuatins als erklärende Randglosse zu xléor té ye eldoc auffaßt. Der Autor
hatte gesagt, daß die Heilkunst umfangreicher sei, was ihr eldoc angehe. To ye
eldoç in A wird also alte Überlieferung sein, denn dieser Zusatz war nötig, weil die
Heilkunst zwar als Gesamterscheinung, nicht aber in ihrer praktischen Bedeutung,
ihrem Anwendungsbereich oder ihrer räumlich-zeitlichen Ausdehnung «größer»
ist als die Ernährungskunst. Das ye ist demnach als restriktiv-explikative Partikel
unbedingt nötig. Diese Aussage «wenigstens was das eldos angeht» hat ein Glossator sehr verständnisvoll am Rande erläutert: örı nowddtegov xai nÂelovos
noayuatins, womit ja genau der im eldog liegende Unterschied beschrieben ist.
Diese Glosse wurde unter Hinzufiigung eines xa{ als zweites Glied der Aussage in
den Text gezogen, und die Änderung td te elöos, die M bietet, beruht auf konsequenter Gláttung des erweiterten Textes, indem nämlich ein schönes re ... xat
hergestellt wird.
Durch die Hereinnahme der Randglosse wurde der letzte Teil der Bestimmung
des Unterschiedes, der etwas über die Ernährungskunst aussagt, in seinem Gewicht
beeinträchtigt und seine unmittelbare Beziehung zum Satzanfang verdunkelt. So
erklärt sich wohl die Lesung dex? dé êxeiyn (statt éxelvov) % nedtegoy yevouém.
7 Es stünde auch dann an verkehrter Stelle, wenn gemeint sein sollte (örı) nAdov <éoti>
to eldos <aÿtoÿ», was aber unwahrscheinlich ist.
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Man sollte also lesen: té dn) toûr’ &xelvov dapéoet GAN’
1) nAgov (Eöv) tó ye eldog,
doy? dè éxeivov 1) modtepov yevouérn.
9 (41, 20) Mérgov dé odre dorduoòv oöre orador GAdov, mods 6 ávapégwv sion To
dxorPéc, oùx dv eboors GAN À too chpatos tiv alodnow.
In dieser Form® haben alle neueren Herausgeber den Text hergestellt, indessen
ist in A oúde agıduov oùte otaduòv à or, in M odds otabudr odds dor uov oddéva
überliefert. Die Einsetzung von oùre ... odre, das nirgends überliefert ist, entspringt einer etwas stumpfen Kritik. Oó0é ... oöre in der Bedeutung «gewiß nicht
... und erst recht nicht» läßt sich mehrfach belegen (vgl. Denniston, Greek Particles? 510), unter anderem auch in einer hippokratischen Schrift: Epid. 7, 3
naÂuôc ... olos oddè dro doduov obte tnd delparos ... dv yeredein. OÙdéE ... 0868
ist noch häufiger (Kühner-Gerth II 294 mit schönen Xenophon-Parallelen zu
unserer Stelle). In beiden Fällen stehen, anders als bei oöre ... odre, die aufgeführten Glieder nicht untereinander in einem notwendigen, etwa komplementären,
Verhältnis zueinander, so daß ovdé ... odre die steigernde, od0é ... oddé die einfache Reihung beliebiger Glieder bezeichnet.
Ob man sich an unserer Stelle für oddé ... oddé oder oddé ... odre entscheidet,
hängt von der Interpretation und der Reihenfolge der Wörter oradudc und apıduöc
ab. Sodann ist natürlich oddé ... odre sowohl gegenüber oddé ... odd als auch
gegenüber obre ... oöre die lectio difficilior. Nach der Lesart von M kann oraduds
eigentlich nur die bekannte und verbreitete Bedeutung «Gewicht» haben: «Weder
ein Gewicht noch irgendein in Zahlen ausdrückbares Maß.» Nach A hingegen, das
oraduov auf doıd ud» folgen läßt, kann für das erstere eigentlich nur die viel seltenere und erst nachklassisch verallgemeinerte Bedeutung «Maß, Maßstab» zugrundegelegt werden: «Weder ein Zahlenmaß noch irgendein anderer Maßstab».
In älteren hippokratischen Schriften, z. B. in De aer., hat ota#udc¢ — von der Bedeutung «Station, Standort» natürlich abgesehen — stets, wie in der gesamten
vorhellenistischen Literatur, die von der Waage hergeleitete Bedeutung «Gewicht».
Die ersten Anzeichen einer Verallgemeinerung dieser Bedeutung zu «Maß(stab)»
kann man einer Stelle bei Agatharchides (Phot. Bibl. 449 b 30) entnehmen: Die
Ichthyophagen schmausen où xrp0s péroov xal oraduov, GAAd noûc Tv Éxdotov
BosAnow xai xapıv. Im Corpus Hippocraticum? kommt diese Bedeutung in dem
späten Traktat über die Unfruchtbarkeit vor (Littré t. 8), wo es c. 230 p. 449
heißt: erg dé puorros elvar mods Tic dvdownov thy ¿Ev ral thy ioxdv doéwr.
Tovrov yap oúdels otabudc Eorıv, AAN
¿E «ri. Für die Schrift von der Alten
8 Aiodnow hat K. Deichgräber, Hermes 68 (1933) 358ff. an dieser Stelle in d:dBeow geandert, wogegen W. Müri, ebd. 71 (1936) 467 scharfen Einspruch erhob.
2 W. Miri hat in seiner Behandlung der MaB- und Proportionsvorstellungen bei Hippokrates, Gymnasium 57 (1950) 183ff., den Gebrauch von oraduós nicht berücksichtigt.
10 Vielleicht erklärt diese verallgemeinerte Bedeutung des Wortes oraduds auch eine
etwas rätselhafte Stelle im 1. Clemensbrief (20, 10): dvéuwy oraduol xatà tov löLov xarodv
thy Aertovoylav abraw angooxdnwe Erıteloöcıv. Vorher ist vom geregelten Wechsel der Jahreszeiten, nachher von der unerschöpflichen Wasserversorgung der Erde die Rede. Die dvéuwy
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Heilkunst kommt man, selbst wenn man Dillers durch Kiihn stark erschiitterte
Spätdatierung akzeptiert", allenfalls in die Mitte des 4.
Jahrhunderts, nicht aber
in hellenistische Zeit. Man wird sich also scheuen, das Vorkommen des Wortes
otaÿuds in der späten, allgemeineren — aber keineswegs allgemein akzeptierten!? —
Bedeutung «Maß» anzusetzen. Geht man aber von der präzisen Bedeutung «Gewicht» aus, läßt sich die Lesart A folgendermaßen erklären: oòdé dorduov obre
oraduov [äAAov] «Keine Maßzahl und schon gar nicht eine Gewichtsangabe». Der
Zusatz stammt von einem Leser, dem 1. die Bedeutung von oddé ... odre nicht
mehr geläufig war, und der 2. oraduds in der späten, verallgemeinerten Bedeutung verstand, weil es dem dor9uó» folgte und nicht voranging. Die Lesart von
M paßt demgegenüber ohne Änderung zu der für die klassische Zeit anzusetzenden
Bedeutung des Wortes. Sie ist indessen erheblich blasser als die korrigierte, d.h.
um &Adov verkürzte Fassung von A. Ihre Entstehung läßt sich so erklären: Aus
der ursprünglichen Form oùdë dev) usr odre orad ud» wurde durch die Egalisierung
der Negationen zunächst odds doıdudv odds otadudr, was dann deshalb anstößig
sein mußte, weil — die spezielle Bedeutung von oradud» vorausgesetzt — das Allgemeine dem Speziellen vorausging. Man vertauschte darum (s. 0. S. 135) die
beiden Substantive, nicht ohne mit dem Zusatz ovdéva die allgemeine Bedeutung
von ägıd uöv eigens noch einmal hervorzuheben.
Kurz vor der eben behandelten Stelle steht der Satz (41, 17): roAAd dé xal dda
xaxà, Eregoia pév THY And rAngooros, ody focor dé dewd, xal dro xEVHOLOG.
pév om. A
dè dua deva M
xai ... xevdowog om. M.
Der Satz ist auch ohne den nur in A enthaltenen Zusatz vollauf verstandlich,
denn der Gegenbegriff zu xAñowous ist im vorhergehenden Satz, an den der unsere
unmittelbar anschließt, mit dem Wort Ayuds ausdrücklich bezeichnet. Der Zusatz
kann von einem Leser stammen, der sich den Inhalt mit einer Randnotiz verdeutlichte. Da man jedenfalls eine uév/0é-Gliederung der Aussage erwartet,
wird man sich ohnehin lieber M als A anschließen. Indessen bereitet dann das
ozaduol sind natürlich weder die «Standquartiere» noch die «Gewichte» der Winde. Sicher
scheint die schon längst festgestellte Beziehung der Stelle zu Hiob 28, 24f.: aúroc ydo tiv
dr ovgavov näcav époog | sidwc ta &v tH yh ndvra à Enoinoev, | davéuav otadudy Údaros te
péroa. Der hebräische Text meint hier wirklich das Gewicht, das Gott dem Wind, und das
(Hohl)maß, das er dem Wasser (des Meeres) bestimmt hat. Doch wird man diese Differenzierung späterhin der griechischen Version schwerlich entnommen haben, zeigt sie doch
otadudc in der redensartlichen Verbindung mit uétoov (vgl. Agatharch. loc. cit.), die ebenso
wie die mit dordudc (Sap. 11, 20; Sir. 42, 7) der Ausgangspunkt für die verallgemeinerte
Bedeutung von otadudc «Maß, Maßstab» gewesen sein wird. Diese kommt bei den LXX
noch öfters vor (Sir. 6, 15; 16, 25; 28, 25). Wenn also der 1. Clemensbrief die Hiob-Stelle
zitiert, indem er nicht von ävsuoı, sondern von dv&uwv otaduoi redet, so meint er nicht die
Winde schlechthin, sondern die nach Umfang und Stärke vom Schöpfer regulierten Winde,
die ihre Aufgaben im Rahmen des kosmischen Geschehens zu erfüllen haben, auch wenn
der Mensch das nicht durchschaut oder vorhersagen kann (dxoooxóxwc).
119.0. Anm. 3.
12 Die allgemeinere Bedeutung «Maß, Maßstab» ist in späterer Zeit keineswegs die einzige.
In etwas genauerer Terminologie, wie bei Galen. De mens. 1 (p. 748 K.), bleibt oraduós
das Gewicht im Gegensatz zu uéroov als (Raum-, Flächen- o. a.) Maß.
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)dua Schwierigkeiten, das so, wie es M iiberliefert, keinen Sinn ergibt, jedoch
kaum frei erfunden sein kann. Vielleicht sollte man ody fooov<a> de <xal) dua
dewd lesen.
10 (42, 14) xal toùto did to ovup£oov oörws adtoiow Erd£avro M, Kühlewein
2. t. 0. T.0. o8twe adroi ovverd&avro A, Festug.
Der Gegensatz, der diesen Teil des Kapitels beherrscht, liegt darin, daB die
einen (von denen in den zitierten Worten die Rede ist) sich wegen des ovupégov
bewußt dafür entschieden haben, eine bzw. zwei Mahlzeiten am Tage einzunehmen, während die anderen di’ dor 7 di’ EAAny ovyxveiny zu einer der beiden
Gewohnheiten gekommen sind. Man sollte darum éwvtoiow Erd£avro lesen, «sie
haben aus eigenem Entschluß sich darauf eingerichtet»; éavtq = sponte sua! mit
dem Medium des Verbs verbunden gibt es bei Hippokrates auch sonst (Mochl.
36). Daß aus éwvtoiow ein adroioıw geworden ist, braucht angesichts des Durcheinanders ionischer, hyperionischer und attischer Formen in der Hippokrates-
Überlieferung nicht zu befremden!*, noch weniger der Übergang avroiaw >
adroicıy.
11 (43, 10) Ava tiva airimr A, edd.
dia tivas rpopácias M.
Da im Zusammenhang ausdrücklich von mehreren Gründen die Rede ist, sollte
man M folgen. //oöpaoıs tritt im Sprachgebrauch unseres Autors zwar hinter aitin
zurück, kommt aber durchaus noch vor. Eine terminologische Unterscheidung
zwischen beiden wie bei Thukydides läßt sich nicht nachweisen",
11 (43, 22) Oláxeo Eni Tv avagiotwy yevopévov eionxa A, edd.
ola neol tav
dolotwy xtÀ. M.
"Ent mit Gen. in der Bedeutung «über, bezüglich» ist zwar im Attischen und
Ionischen zu belegen, aber ungleich seltener als xeof. Indessen sieht man nicht
recht ein, was an unserer Stelle das verallgemeinernde eo zu suchen hat. «Ich
behaupte, daß alle anderen Menschen, sofern sie bei voller Gesundheit zwei oder
drei Tage nüchtern bleiben, das (raöra) leiden müssen, was (ofa) ich über die Leute
gesagt habe, die ihr (gewohntes) Frühstück nicht zu sich nehmen.» Man könnte
meinen, old zeg sei versehentlich aus ofa eo! zusammengeschrieben worden und
die dann fehlende Präposition durch ¿mí ersetzt. Dann hätte M die bessere Lesart
bewahrt, denn ügiorwv statt dvaglorwv ist ein harmloser mechanischer Schreib18 DaB éavr® = sponte sua aus dem Ionischen stammt, habe ich Glotta 29 (1960) 83ff,
zu erweisen versucht.
14 Zur Verwechslung ionischer, hyperionischer und attischer Formen in der Hippokrates-
Überlieferung vgl. etwa 46, 21 aúroios A avréoro: M oder 48, 3 gavt@ A éwutd M.
15 Eine terminologische Differenzierung zwischen aitin und roópacis, dem älteren Wort
innerhalb der wissenschaftlichen Terminologie, läßt sich im Corpus Hippocraticum nicht
eindeutig nachweisen. Hier scheint Thuc. 1, 23 originell zu sein. Vgl. K. Weidauer, Thukydides und die hippokratischen Schriften (Heidelberg 1954) 8ff. und K. Deichgräber, Quell. z.
Gesch. d. Nat.Wiss. u. d. Med. 3 (1933) 1ff.
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)fehler. Aber ist es wahrscheinlich, daß ausgerechnet das seltene ¿vé m. Gen. bei
der Glättung des unverständlich gewordenen Textes eingefügt wurde? Es bleibt
die Möglichkeit, daß xeof als Interlinearglosse das ungewöhnliche ézé erklären sollte
und als zeg in den Text geriet.
13 (44, 24) Tatra ueraßaidvra (sc. Ernährungsumstellung) ody old» te un oöx
dytéa yer&odaı (sc. der Patient), ÿ un uta.
ueraßaAövra A, edd.
petaBdddorvta M.
Die Lesart des cod. M ist weit besser. Näherliegend ist natürlich der Gedanke:
Ist die Ernährung erst einmal umgestellt (Aor.), muß der Patient auch gesunden
(Aor.). Wäre dieses das ursprüngliche, könnte man den Übergang perafadóvra >
ueraßdAAovra in einem Teil der Überlieferung kaum verstehen, denn der Inhalt
bietet keinen Anlaß dazu, und eine einfache Verwechslung durativer und punktueller Ausdrucksformen ist der griechischen Vulgärsprache bis in die neueste Zeit
hinein fremd. Die Lesart des cod. M bietet dagegen: Es kann nicht ausbleiben,
daß der Patient im Verlaufe der Nahrungsumstellung (Praes.) gesund wird (Aor.).
Diese originellere Fassung konnte sehr wohl unter dem Eindruck der Vorstellung
vom üblichen Nacheinander der Therapie und des Heilungseffektes verändert werden. — In anderen Fällen, in denen gleichfalls eine Praesens- und eine Aoristform
von À und M geboten werden, ist die Entscheidung schwieriger, z. B. 14 üpeA&eıw
M
dquogev A
oder 16 ápedovuevov
M
ägapoduevor A.
14 (45, 10) doris dì tara oùx Endonenta 7) oxentôuevos oùx olde, nos dv Èri
obtoc Sbvautd TL TÜV nard tov Ävdownov nadnudrwv sidévar; A
tic dè tadta um)
oxentôuevos oùx olde dé Exc dv odtos dúvarrO ti TA. M.
Die Lesart von M ist in dieser Form unsinnig. Sie läßt sich am ehesten damit
erklären, daß ihr Urheber das ihm unverständliche lange Satzgefüge mit der
fragenden Apodosis durch die Änderung doris > tís und die Herstellung der geläufigen Wortfolge oöx olde [dé] önws < oùx olde rós zu vereinheitlichen trachtete.
Diese gewaltsame «Verbesserung» setzt eine lange, unübersichtliche Protasis voraus und paßt zur leicht anakoluthischen Form der Apodosis, die sich in der
Wiederaufnahme des doris durch obroc zeigt.
Nun ist aber der Doppelausdruck doris dé tadta oùx énéonentat À oxentdopevoc
ob olde kaum richtig. Gemeint ist doch offenbar: «Wer dieses (sc. die Fülle der
Nahrungsarten) nicht beobachtet hat oder zwar beobachtet, aber nicht (im Sinne
der Einsicht in die vielen dvvduetc) verstanden hat, wie sollte ...» Die Differenzierung zwischen émoxénroua und oxértoua: darf man schwerlich beseitigen, obgleich das erstere sonst nur in nachklassischer Zeit bezeugt ist. Es ist doch wohl
im ersten Fall das bewußte Beobachten, im zweiten das bloße Wahrnehmen als
Voraussetzung des (dann doch nicht vollzogenen) Verständnisses gemeint. Aber
die Praesensform oxextôuevoc paßt nicht in den Zusammenhang. Oîda bezeichnet
den Wissensbesitz, nicht den Wissenserwerb, und darum paßt ein Part. praes.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)«im Verlaufe der Betrachtung» schlechter als ein Part. aor. oder perf. Zxeyduevoc
liegt an sich näher als éoxeuuévoc!$, doch dürfte die zweite Form hier vorzuziehen
sein, weil ihre Umwandlung in ein Part. praes. mit der Unsicherheit des Perfektgebrauches im späten Griechisch zu erklären ist. Außerdem nimmt ein éoxeuuévos
pointiert die finite Perfektform der ersten Satzhälfte wieder auf.
14 (45, 9) xai ai dvváutes dè ueydla te Exdorov xal oùdév 7) Ereon tH étéon
éotxvia M
Das 6é, das der cod. A ausläßt, alle neueren Editoren aber aufgenommen haben,
abundiert. Dem olda uév des Kapitelanfangs entspricht erst das ori dé am nächsten Satzanfang. Nun wünschte man sich die hier angeführten Wörter in der Tat
lieber mit dé als mit xaf dem Zusammenhang eingefügt. War bisher von den verschiedenartig zubereiteten Nahrungsmitteln die Rede, kommt nunmehr insofern
etwas Neues, als auf die Verschiedenartigkeit der in ihnen enthaltenen Qualitäten
(dvvauıes) verwiesen wird. Solch einen neuen Gesichtspunkt führt man aber besser
mit dé als mit xaé ein, das dann allerdings hinter dem ai zu stehen hätte und ein
einleitendes xa/ ausschlösse. Der Zustand der Überlieferung hindert uns daran,
ein dé hier in den Text aufzunehmen. Der Urheber der Lesart von M hatte offenbar den Text von A vor Augen, in dem er ein überleitendes dé vermißte. Er vermerkte es entweder am Rande, von wo es später in den Text eindrang, oder fügte
es, weil ihn sein Sprachgefühl bei den Feinheiten des Partikelgebrauchs schon im
Stich ließ, an der überlieferten Stelle in den Text ein.
15 (47, 3) % dioloeı te abr@v nooceveyuelr TO Depuov xai oTovprôv 7) TO Feouov
nai nAadapov 7) «TA.
N dioloeı M
ei dejoet A
7 diotosr edd.
7) un dolce Gomperz.
Dieser nicht ganz übersichtliche Satz ist die Apodosis zu einem vorangestellten
Bedingungssatz, in dem ausgeführt ist, daß es viele Stoffe gibt, die zwar alle
warm sind, sonst aber ganz gegensätzliche Qualitäten besitzen. Es wäre hier sowohl eine betont affirmative als auch eine rhetorisch fragende Apodosis denkbar.
Im zweiten Fall müßte man mit Gomperz ein ausgefallenes 4% postulieren. Setzt
man dagegen einfach für das überlieferte 7) ein beteuerndes 7 ein, verstößt man
gegen die im gesamten nachhomerischen Sprachgebrauch geltende Regel, nach
der % nicht unmittelbar mit dem Verb, sondern mit einem Adjektiv oder Adverb
zu verbinden ist, wenn auch oft nur in so lockerer Form wie 7 xai ndvv (Denniston?
279). Als affirmative Apodosis könnte dieser Satz mit 7) unv eingeleitet sein (vgl.
Denniston? 350f.). Da die Fehler in der Überlieferung — besonders in A wird das
deutlich — auf eine Verwirrung stiftende Folge von i-Lauten zurückgehen, ist der
Ausfall eines 47 sowohl wie eines ur leicht zu erklären.
16 (47, 5) de u&v ydo M, Heiberg
donee ydo A, Festugière.
16 Man denke etwa an die bei Herodot häufige Formel éxovoaç ola (1, 117, 6; 3, 40, 3;
3, 72, 1 u. a.).
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Das donee beruht auf einer Glättung des Textes, vorgenommen von einem Leser,
dem die Partikelverbindung dc uév yde nicht mehr geläufig war.
16 (48, 2) xagaoxevaldpevoc adros wut yôyos A
nagacxevdlwyr adros Ewvr®
yöxos M.
Es ist schwer, die Wahl zwischen den beiden Lesarten zu treffen. Durch das
Medium ist bereits dasselbe, wenn auch weniger emphatisch, ausgedrückt wie
durch die Formel avros éwvr@, die das Subjekt als Nutznießer und als Urheber
der Handlung hervorhebt. Doch begegnet solcher Pleonasmus gerade im Corpus
Hippocraticum (z. B. De morb. 1, 21; weitere Stellen Glotta 29 [1960] 89), weshalb man gegen das Medium grundsätzlich nichts einwenden kann. Die Unsicherheit im Medialgebrauch der Koine (vgl. Radermacher, N.T.-Grammatik? 146ff.)
wirkt sich in der Ersetzung des Mediums durch das Aktiv ebenso aus wie umgekehrt, so daß von dort keine Hilfe zu erwarten ist.
16 (48, 5) ta dé dr xal noAd élo * Soot dy ... M, Heiberg, Festug.
modi ueiGovoc * of yag ... A
To de 61) xal
Tode 61) ral xoÀd pélov* Soot Gy ... Kühlewein.
Die Heilung der Stelle geht am besten von der Einleitung des konjunktivischen,
verallgemeinernden Relativsatzes aus. Dieser Satz, einerlei ob mit of oder door
eingeleitet, muß ein dv enthalten. Bei Kühner-Gerth (II 426) wird ganz zutreffend
vermerkt, daß nur die Poesie die Freiheit des homerischen Sprachgebrauches bewahrt habe, an derartigen Stellen ein dv zu setzen oder wegzulassen. In unserer
Schrift steht entsprechend unmittelbar vorher und nachher je ein korrekter, mit
dv gebildeter Satz dieses Typus (47, 23 bzw. 48, 11). Kühner-Gerth notieren eine
Reihe von Ausnahmen von dieser Regel aus Prosatexten, erklären sie aber alle
als Überlieferungsfehler. Dabei ist den Verfassern aber offensichtlich eine Eigentümlichkeit nicht aufgefallen: Fast an all den zitierten Stellen ist das dv offenbar
ausgefallen, weil unmittelbar neben ihm eine andere Partikel stand. Hdt. 4, 46,
Isai. 2, 8 und Plat. Ale. I 134 E steht neben dem Platz des zu postulierenden dy
ein ydo, in Isai. 3, 60 ein ev, in Hdt. 4, 66 ein 6717. Daß in nachklassischer Zeit
der Gebrauch des dy an vielen Stellen unsicher wurde (vgl. Ep. Arist. ed. Wendland, Index s.v. dv) und die Partikel in verallgemeinerrden Relativsätzen verschwinden konnte (Radermacher? 177), ist bekannt!8. Besonders leicht verständlich aber erscheint es, daß dieser Verlust gerade dort eintreten konnte, wo das dv
neben einer anderen Partikel stand. Auf unseren Fall angewendet heißt das, daß
N
17 In Plat. Legg. 848 A ist das dv irrtümlicherweise zu & geworden, weil ein Abschreiber
den Dativ nicht mehr verstanden hat ([év] éxdotoic), der aber nach Ausweis von 849 C
stehen muß. In Plat. Legg. 737 B erklärt sich der Ausfall des dy aus der Struktur des
Doppelsatzes (of ... xai ôoouc), in dem das dv vermutlich nur in einem der beiden Glieder
stand und darum ausgelassen wurde, als das Sprachgefühl sein Vorhandensein nicht mehr
verlangte.
u Deb nolv bzw. noi 7 (vgl. 48, 9 oder 50, 22) mit dem Konjunktiv ohne dy konstruiert
wird, widerspricht zwar attischer Norm und kennzeichnet die spate Sprache, kommt aber
auch in älterer Zeit im Attischen und Ionischen gar nicht so selten vor.
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sowohl das dv aus M als auch das ydo aus A zum alten Uberlieferungsbestand
gehören kann. Diese Annahme wird zur Gewißheit, wenn man bedenkt, daß die
Ankündigung eines noch eindrucksvolleren letzten Beispiels (ra dè ... 040 uélw)
nach einem explizierenden ydo (= enim) verlangt, mit dem der Gedanke fortgesetzt wird.
Was die beiden von A und M gebotenen Möglichkeiten für das Relativpronomen
angeht, so wird man 600: bevorzugen, einmal weil unser Autor es meist in vergleichbaren Sätzen anwendet, sodann weil ein pe(()fovos im vorangehenden kaum Sinn
ergibt. Es bleibt die Frage, ob tà ... uélw oder ro ... uéCov zu lesen ist. Ein Plural
ist an dieser Stelle kaum zu rechtfertigen, weil der Autor ja ein weiteres Beispiel
aufführen will, auf das er sich dann überdies abschließend mit toùro (48, 9) bezieht. Diesem roöro könnte als erstes Wort sehr wohl ein zdöe entsprechen, das
schon Kühlewein hergestellt hat. Allerdings zerstört das die für diesen Fall besonders gut passende Partikelverbindung dé 67. Nach den bei Denniston (2257) gesammelten Stellen kann ein hinzugesetztes 67 sowohl adversativem wie fortführendem dé besonderen Nachdruck verleihen. Letzteres trifft hier zu: Der Mechanismus der Kalte/Warme-Wirkung wird an einer Reihe von vier Beispielen erläutert
(47, 22ff.). Die ersten beiden sind durch zoörTo pév ... Toöro dé gegliedert, das
dritte mit 7) ei angeschlossen, das letzte mit dé 9% angeknüpft und als besonders
gewichtig (7704 pélov) bezeichnet.
Ich möchte nach allem als Lesung vorschlagen: 16 de di) xai noAd uébov* Boot
yao dv ...
20 (51, 6ff.) léyovor dé ties intool xal oopiotai de oùx ein Övvarov into
sidévai dotis un) older 6 Tı ¿oriv dvdowrocs, GAAd tovto del xatauadeiv tov uéloyta
608
Gc Beoansdoew tod: dvPodnove, telvet te adroioıw 6 Adyos és pihocogpinr, xaddeg ‘Eunedoxhénc 1) ¿Ador ol meoè pócios yeyodpaciv él àoyñs 6 tI éotiv dvdownoc ral Önws éyéveto nedtov nal dde» ovvendyn.
Die von Reinhold vorgeschlagene Umstellung der Worte 6 te &otiv dvdownog ...
ovvendyn an die Stelle nach doris un older, die die Tilgung des einen 6 ti éotiv
ävôownos zur Folge hat, empfiehlt sich aus mehreren Gründen. Eine detaillierte
Inhaltsangabe der naturphilosophisch-anthropologischen Theorien paßt viel besser
an den Anfang des Satzes als in den Zusatz xadaneo EuxeôoxAénc xx. Diskussionspartner des Autors sind ja nicht die Naturphilosophen selbst, sondern Ärzte, die
naturphilosophische Theoreme zur Grundlage ihrer Kunst machen. Erscheint im
ersten Satz als Hauptsache das Programm jener naturphilosophisch orientierten
Ärzte, so folgt im nächsten Abschnitt die Erläuterung dessen, was unser Autor
unter einer ärztlichen Kenntnis des menschlichen Organismus versteht (nods ra
Eodıöueva usf.).
Der Einschub xadanep ... ovvendyn macht zudem syntaktische und inhaltliche
Schwierigkeiten, die auch durch Dillers Streichung desof vor regi póctos nicht gänzlich behoben sind. Einmal bleibt nämlich unschön, wie yeyoapaoıv mit zwei Thema-
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)angaben versehen ist: [Zepi póctos vorher und 6 ri êotir ... ouvendyn nachher.
Dabei läßt sich kaum sagen, wohin 2 Goyñc zu ziehen sei. Außerdem aber ist
dieses die einzige Stelle, an der in unserer Schrift ein Name fällt. Mußte der Autor
wirklich auf Empedokles hinweisen? Das Niveau, auf dem die Diskussion geführt
wird, ist so hoch und setzt eine generelle Kenntnis naturphilosophischer Theorien
so selbstverständlich voraus, daß eine derartige einmalige namentliche Exemplifizierung seltsam erscheint. Mit den Worten telvet dé adtoioww 6 Adyoc Ec pidocoginy
war für ein Lesepublikum, wie es der Autor vor Augen hat, alles Nötige gesagt.
(Übrigens muß man hier unbedingt mit M ein dé lesen. Das re aus A ist unmöglich, weil der Satz eine Erklärung, keine bloße Addition zum Vorausgehenden
enthält.)
Nun ist xadáxeo ein typisches Einleitungswort einer Notiz, wie sie ein nachdenk-
| licher Leser an den Rand setzt. In der Vulgata außerhalb von M und A fehlt der
ganze Passus von dAAü todto bis &£ äoyñcs 8 tI éotiv Ävdownos, so daß sich hier
etwa der Anschluß ergibt, den Reinhold vorgeschlagen hat. Es fehlt zwar damit
auch authentisches Gut, aber der Ausfall erklärt sich doch am besten damit, daß
hier Unklarheiten über den Textumfang bestanden, die ihrerseits auf das Eindringen einer anfangs gekennzeichneten oder erkennbaren Randglosse zurückgehen konnten. Diese Unklarheiten veranlaßten einen Abschreiber, den ganzen
Passus wegzulassen. Die Randglosse lautete: xaddrep ’EunedoxAdns Y) ¿Años of ret
púctos yeyodpaciw ¿él doxic. Sie sollte das teéves 6 Adyos ... Ec gtAocoginy erläutern.
Entfernt man sie aus dem Text und akzeptiert unter dieser Voraussetzung die
Reinholdsche Umstellung, ergibt sich ein ebenso eindeutiger wie vollständiger
Zusammenhang.
Zum Schluß noch eine exegetische Bemerkung.
In cap. 20 (51, 12ff.) erklärt der Autor, daß das, was ein Sophist oder Arzt im
Sinne philosophischer Prinzipienlehre über die Natur des Menschen sage oder
schreibe, weniger zur ¿nou als zur yoapuer téxvy passe bzw. gehöre (nooonxeiv).
Es ist immer wieder erörtert worden, was yoagix7 an dieser Stelle bedeute!?. Auszuscheiden hat die naheliegende Bedeutung «Literatur»", Das müßte ovyyoagixr)
téyvn heißen. Toapuxós verweist in literartheoretischem Zusammenhang zunächst
immer auf den Akt des Niederschreibens. Aristoteles’ Unterscheidung zwischen
dywvioti und yoapixi) Agéic entspricht keineswegs nur einer Einteilung in «Rede»
und «Lese-Literatur», obwohl es doch spätestens seit Isokrates eine aus der Beredsamkeit emanzipierte Literatur gibt und die Möglichkeit literarischer Selbstmitteilung auch theoretisch erfaßt ist. Aristoteles wendet die Unterscheidung
zweier Sprach- oder Stilarten lediglich an auf die drei bekannten Genera der
echten, d. h. zum Vortrag bestimmten Rede, auf das politische, gerichtliche und
19 Kühn S. 21f.; weitere Vorschläge werden bei Festugiére im Kommentar z. St. diskutiert.
20 So Jones in der Loeb-Übersetzung, die er aber in der Separatausgabe korrigiert hat.
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)epideiktische (Rhet. 1413 b 5ff.), denkt also gar nicht an Literatur im Sinne nur
schriftstellerischer Betätigung. Die praktische Gegebenheit, von der Aristoteles
bei dieser theoretischen Differenzierung zweier Sprachformen ausgeht, kann man
sich am besten an dem im 4. Jahrhundert aktuellen Streit um die Superiorität
der Improvisation oder der schriftlichen Ausarbeitung einer zu haltenden Rede
verdeutlichen. Alkidamas, der ein Anwalt der Improvisation ist, läßt im Sophistentraktat (29) seinen Gegner als Argument vorbringen, es sei doch unsinnig, die
yoaginn Öövauıs ohne Not zu diskreditieren. Poaqrer divapus ist hier lediglich die
Fähigkeit oder Möglichkeit, einen Text schriftlich zu fixieren. Daß sich bei einer
schriftlichen Fixierung auch die Sprachform notwendigerweise gegenüber der
mündlichen Improvisation ändern müsse, davon ist bei Alkidamas keine Rede.
Nun geht aber Aristoteles über die bloße Konstatierung eines Unterschiedes
zwischen mündlicher und schriftlicher Ag&ıs?! insofern hinaus, als er die yoaguxr
als axoiBeotdtn, die dywriotiny als Önoxeırixwrdrn kennzeichnet, wobei das zweite
Kriterium in zadntıen und 701% gegliedert ist. Zur Erläuterung des Terminus
ünoxgırinds verweist Aristoteles auf den Schauspieler, der ähnliche Ausdrucksweisen bevorzugt. Die Aéétc yoagixy dient demnach der Erzielung höchstmöglicher
Genauigkeit der Mitteilung ohne die dem mündlichen Vortrag vorbehaltene Möglichkeit einer direkten Beeinflussung des Zuhörers. Sie beschränkt sich auf die
Beschreibung und verzichtet auf andere Möglichkeiten sprachlicher Vergegenwärtigung. Für letzteres kann Aristoteles in diesem Zusammenhang nicht das
Wort ulunois verwenden, das bei ihm noch alle Arten künstlicher, beschreibender
und nicht-beschreibender, Vergegenwärtigung in Sprache und bildender Kunst
bezeichnen kann (Rhet. 1371 b 7; yoapı ist hier die Malkunst). Spätere peripatetische Literaturtheorie hat an dieser Stelle die ulunoıs als Kennzeichen gesprochener Rede (dydv) eingeführt, die dem nur zur Lektüre bestimmten Text
(yeagy), z. B. dem Brief, nicht zukommt (Demetr. De eloc. 226). Damit aber
bezeichnet yeaguxy über die äußere Konstatierung der schriftlichen Fixierung des
Textes hinaus den beschreibenden Charakter einer Sprachform. So bedeutet es
mehr als die bloße Feststellung, daß epideiktische Reden schriftlich abgefaßt und
vorgelesen zu werden pflegen, wenn Aristoteles diese dritte Art der Beredsamkeit
yoapıxordrn nennt. Die Genauigkeit der Beschreibung nimmt von der Volksrede
über die Gerichtsrede zur Epideixis ständig zu (Rhet. 1414 a 8ff.).
Es zeigt sich hier, daß Aristoteles’ Definition der A&&ıs yoagu die Bedeutung
des Wortes yoaquxóc in einer ganz bestimmten Richtung festlegt. Zoapıxds heißt
auch in späterer Zeit nie einfach «literarisch», sondern, von der Bedeutung «schriftlich» abgesehen, gern «beschreibend»?2. Diese Bedeutung berührt sich mit «male21 Toapıxds heißt natürlich nie «schriftlich» im Sinne von «geschrieben» — das wäre
yoazırds —, sondern «zur Niederschrift gehörig, geeignet, auf das Schreiben bezüglich» o. à.
22 Die Bedeutungen «beschreibend» (vom Stil) und «zur Beschreibung geeignet, malerisch» (vom Gegenstand) gehen in der Sprache der nachklassischen Literaturtheorie fast
ineinander über. Vgl. etwa Schol. T in Hom. £ 285; Luc. Alex. 3; Dion. Hal. Ad A mm.
4 p. 260 Us.-Rad.
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)risch»*, was seinerseits natürlich unmittelbar von yodpeiv/malen, nicht von yodgew/schreiben hergeleitet ist. Ich wage nicht zu entscheiden, ob diese Assoziation
«beschreibend/malerisch» bereits als Voraussetzung der aristotelischen Definition
einer yoagixn Aé£ic zu gelten hat oder ob sie sich innerhalb einer literartheoretischen Terminologie ergeben mußte, die in wesentlichen Bestandteilen auf Aristoteles fußt.
Als klar fixierbare Bedeutungen des Wortes yoapixds in voraristotelischer Zeit
gibt es nur «schriftlich» und «zur Malerei gehörig» was genau dem alten Bedeutungsumfang des Verbums entspricht und mit zwei Tätigkeiten zusammenhängt,
die in ältester Zeit schwerlich als verschiedenartig empfunden wurden. Eine dieser
beiden Bedeutungen ist auch an unserer Stelle in der Schrift von der Alten Heilkunst einzusetzen.
Versteht man yoaguwr) téyyn hier als
und zuletzt Diller
«Schreibkunst», wie es Pohlenz, Edelstein
vorschlugen, so ergibt sich ein nicht eben naheliegender Gedankengang: Ausführungen über die Natur des Menschen, die von philosophischspekulativer Prinzipienlehre ausgehen, gehören oder passen (710007jxe
tv) nicht zur
Medizin, sondern zur Schreibkunst. Diese befremdliche Feststellung erhält nur
einen Sinne, wenn man sie als Vergleich auffaßt: Wie zur Schreibkunst die Kennt-
‚nis der Buchstaben als der kleinsten Bestandteile gehört, so zur naturphilosophischen Aitiologie die Kenntnis der Elemente. Schreibkunst wäre also als Kunst
der Zusammensetzung vergleichsweise hier eingeführt. Indessen weist aber auch
nichts in diesem Satz auf einen Vergleich, und der Begriff oroıyeiov, der als
.
«Buchstabe» der Schreibkunst, als «Element» der Naturphilosophie angehört und
darum das tertium comparationis verdeutlichen könnte, kommt im ganzen Zusammenhang nirgends vor. Bei allem Respekt vor dem Niveau allgemeiner naturphilosophischer Kenntnisse, das unser Autor bei seinen Lesern voraussetzt (vgl.
o. 8. 146): So änigmatisch, wie er es hier tate, wäre die Übersetzung «Schreibkunst» richtig, drückt er sich nirgendwo in seiner Schrift aus. Im Gegenteil: Der
Stil seiner Argumentation ist allenthalben von erfreulicher Nüchternheit und
seine Ausdrucksweise so eindeutig, wie man es sich nur wünschen kann.
Es bleibt also nur die Übersetzung «Malkunst», die zuletzt Festugiere und
Kühn? vorgeschlagen haben. Festugière denkt dabei, geleitet von Empedokles
B 23, an die Malerei als zusammensetzende Kunst. Wir müßten also ein ähnlich
kompliziertes und nicht eigentlich ausgedrücktes Vergleichsschema annehmen wie
bei der Übersetzung «Schreibkunst», denn der Maler setzt seine Bilder aus Farben
oder Linien zusammen, nicht aus den von der Naturphilosophie erkannten Elementen. Selbst wenn man also den mit xadáxeo beginnenden Einschub im Text
beläßt und damit einen ausdrücklichen Hinweis auf Empedokles ernst nimmt,
läßt sich doch die yoaguxr téyyn wegen des zusammensetzenden Verfahrens der
23 «Malerisch» ist noch heute die neugriechische Bedeutung des Wortes.
24 M. Pohlenz,
NGG 1937, 100 (anders Hermes 53 [1918] 420); L. Edelstein, IT. déowy und
die Sammlung der hippokratischen Schriften (Berlin 1931) 114; H. Diller, Anm. z. Übers. d. St.
25 Siehe Anm. 19.
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Malkunst nicht mit Empedokles B 23 in Beziehung setzen. Von einem Vergleich
ist an unserer Stelle eben überhaupt nicht die Rede.
Kühn môchte in unserem Satz vor allem die nachdrückliche Diskriminierung
der Naturphilosophie sehen und versteht deshalb yoagixn téyvn als Ausdruck für
Täuschungskunst. Diese Deutung ist durch Platon inspiriert, der in der Tat die
Malerei (und nur in dieser Bedeutung verwendet er ygagix) nicht selten als Beispiel einer Täuschungs- oder Illusionskunst?6 heranzieht, die Bilder von Abbildern
herstellt. Es bleibt aber zu bedenken, daß Platon nirgends die Bedeutung des
Wortes yoagixi von «Malerei» zu «Täuschungskunst» verallgemeinert, daß er vielmehr an allen einschlägigen Stellen ganz konkret die Malerei erwähnt, die ihm
eben als Beispiel einer Täuschungskunst dient. Außerdem beruht solche Klassifizierung der Malerei bei Platon auf der ontologischen Prämisse, daß das wahre
Sein intelligibel, das körperliche demzufolge schon abgeleitetes Sein sei, daß also
alle darstellende oder mimetische Kunst Bilder von Abbildern herstellt. Kein Anzeichen weist darauf hin, daß unserem Autor, einem eingefleischten Empiristen,
diese Prämisse zuzutrauen sei. Endlich richtet sich die Polemik unseres Autors,
wie schon o. 8. 145 erwähnt, nicht gegen die naturphilosophische Spekulation
selbst, sondern gegen die naturphilosophische Begründung der Heilkunst. Daß
solche Theorien den Arzt nichts angehen, kann er demnach sehr wohl sagen, aber
warum sollte er sie als Ausgeburten einer Schwindelkunst brandmarken ?
Auch Kühn glaubt, seine Interpretation mit dem Hinweis auf Empedokles
B 23 stützen zu können, wo die Malerei auch als Täuschungskunst entlarvt werde.
Empedokles zieht in diesem Fragment den Vergleich zwischen den Farben
(géouaxa), mit denen der Maler alle Dinge der irdischen und himmlischen Welt
bilden kann, und den Erscheinungen der Natur, die ausnahmslos aus den vier
Elementen bestehen. Der Maler ist also nicht mehr und nicht weniger Illusionist
als die Natur selbst: In beiden Fällen lassen die Phänomene prima vista nicht
die Bestandteile erkennen, aus denen sie zusammengesetzt sind. Am Schluß steht
dann die Mahnung (v. 9ff.), man solle sich hinsichtlich der elementaren Zusammensetzung der Welt keiner Täuschung (óxárn) hingeben, nachdem man die
wahre Struktur der Dinge kennengelernt habe (909 napa uödov dxodcas). Es
kann also keine Rede davon sein, daß Empedokles gerade die Malerei als Täuschung verdammen will. Das Verfahren und das Ergebnis der Malerei dienen
lediglich zur Veranschaulichung des Zwiespaltes, der zwischen der wahren Natur
der Dinge und ihrer den Sinnen gegebenen Erscheinung besteht. Außerdem müßte,
wenn Kühn recht hätte, unser Autor gerade umgekehrt operieren wie Empedokles.
Er ordnete dann ja gerade die durch Beobachtung nicht faßbaren Prinzipien der
Natur der Täuschung zu, während diese bei Empedokles das wahre Wesen der
Welt ausmachen und die Erscheinungen trügen. Kühns Vorschlag führt also in
Schwierigkeiten, die denen der anderen Interpreten nicht nachstehen.
Kehren wir zum einfachen Wortverständnis der Stelle zurück, so läßt sich der
26 Vgl. Ast, Lexicon Platonicum s.v.
Pagina 18
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Schluß nicht vermeiden, daß hier philosophische Prinzipienlehre als bedeutsam
für die Malerei bezeichnet wird. Das ist erstaunlich, denn unser Autor wird klug
genug gewesen sein, um sich zu vergegenwärtigen, daß es Malerei lange vor der
Naturphilosophie gegeben hat, daß zur Anfertigung eines guten Bildes die Kenntnis philosophischer Kosmologie noch unnützer sein dürfte als zur Heilung einer
Krankheit und daß die Malerei als téxvxy ebenso auf Beobachtung und Erfahrung
gegründet ist wie die Medizin. Die Stelle ist nur verständlich, wenn dem Autor
Meinungen bekannt waren, nach denen der Maler im Besitz naturphilosophischer
Prinzipienkenntnisse sein müsse. ]'gapızn téyvn bedeutet demnach nicht die handwerkliche Praxis, sondern die in einem Lehrbuch niedergelegte Theorie derMalkunst.
Seit dem späten 5. Jahrhundert gibt es bekanntlich auf zahllosen Gebieten derartige Lehrbücher, die den Titel réxvas führen?”. Die frühste Lehrschrift aus dem
Bereich der bildenden Kunst stammt von dem Sikyonier Polyklet und enthielt
eine Lehre der Proportionen des menschlichen Körpers, die dann an der Statue
des Doryphoros exemplifiziert war (Plin. n. h. 34, 35; Gal. Plac. Hipp. et Plat.
5 p. 426 Mü.). Daß die polykletische Proportionenlehre nicht einfach aus Beobachtung und Erfahrung abgeleitet war, sondern Elemente einer Zahlenspekulation, und d.h. einer spekulativen Kosmologie, verwertete, ist eine oft ausgesprochene und angesichts nicht weniger Parallelen (Hippodamos’ Theorie der
Stadtplanung u. a.) auch plausible Vermutung?8. Dabei kommt nicht viel darauf
an, ob solche kosmologische Zahlenspekulation von Anfang an pythagoreisch zu
nennen ist oder nicht.
Auf dem Gebiete der Malerei stammt; die erste bezeugte Lehrschrift von Pamphilos von Amphipolis, der im frühen oder mittleren 4.
Jahrhundert in Sikyon
wirkte (Plin. n. h. 35, 36 u. ö.)2. Er soll nach Plinius’ Worten eine umfassende
theoretische, insbesondere mathematische Ausbildung des angehenden Malers gefordert haben. Zwar gehört die Kenntnis der Mathematik bis zu einem gewissen
Grade zur praktischen Beherrschung der gerade damals schon sehr vervollkommneten Perspektive*, Aber im Zusammenhang einer umfassenden wissenschaftlichen
Ausbildung deutet doch die Mathematik auf kosmologisches Grundsatzwissen, das
hier vom Maler erwartet wird.
_
Auf eine téyvn yoapıxn, eine schriftlich niedergelegte Theorie der Malerei, wird
sich der Verfasser der Schrift von der Alten Heilkunst beziehen. Hätte er nur die
praktisch-handwerkliche Tradition im Auge gehabt, wäre es unverständlich, weshalb er die Bedeutsamkeit naturphilosophisch-anthropologischer Theorien für den
Maler einräumt. Seine Worte erhalten einen guten Sinn, wenn sie auf Lehrschriften
hinweisen, in denen die naturphilosophische Konzeption vom Wesen des Menschen
zur Voraussetzung seiner rechten bildlichen Darstellung gemacht wurde.
27 Aristophanes verspottet in den Fröschen die Vorliebe seiner Zeit für das Lehrbuch
(1109ff.).
28 Vol. W. Burkert, Weisheit und Wissenschaft (Nürnberg 1962) 267ff. mit weiterer Literatur.
29 Zur Datierung des Pamphilos vgl. G. Lippold, RE 18, 351f.
30 Dazu B. Schweitzer, Platon und die bildende Kunst der Griechen (Tübingen 1955).