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View in PDF(opens in a new window)BECATLE 6:
DIE PYTHAGOREISIERENDE KONZEPTION DER MATHEMATIK
BEI IAMBLICHOS, SYRIANOS UND PROKLOS.
IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN PYTHAGOREISCHER
TRANSPOSITION UND PLATONISCHER MITTELSTELLUNG*
GERALD BECHTLE
I. Vorbemerkung
In diesem Beitrag soll es um die spatplatonische Mathematiktheorie
gehen — und zwar vor allem in der Gestalt, die ihr von Proklos am
Ende eines langen Ausgestaltungsprozesses auf so exemplarische Weise gegeben wurde. Diese Theorie scheint vor allem durch zwei
Momente bestimmt zu sein, die gleichsam als Axiome mathematikphilosophischen Denkens im späten Platonismus überhaupt gelten
kônnen. Es geht namlich einerseits um die Relevanz des spatplatonischen und sich vor allem durch Pythagoreisieren auszeichnenden Pythagoreismus, der durch die analogische Transposition der mathematischen Objekte auf andere Seinsbereiche charakterisiert werden kann,
und andererseits um das Festhalten an der platonischen Tradition, hier
insbesondere an der platonischen Mittelstellung der Mathematik zwischen Dialektik einerseits und Physik andererseits. Durch ein besseres
Verstandnis der Interaktion beider Momente im Denken der spaten
Platoniker kann exemplarisch
gezeigt werden, wie deren Lehren
durch Verbindung von Einflussen verschiedener Provenienz entstehen und dementsprechend auch erklart werden kônnen. Diese Einflusse sollen hier einfachheitshalber auf die für unsere Zwecke zwei
wichtigsten, nämlich die *pythagoreischen' und die ‘platonischen’,
begrenzt werden. Im Rahmen dieses Ansatzes sollte insbesondere die
Tatsache nicht aus den Augen verloren werden, dass sowohl bei
Proklos’ Vorganger Syrianos! als auch bei dessen Vorganger lambli-
*
An dieser Stelle môchte ich den Organisatoren der Konferenz und allen
Teilnehmem, die mit zu einer gelungenen und lebhaften Diskussion beigetragen
haben, meinen Dank aussprechen. Danken môchte ich insbesondere auch dem
schweizerischen Nationalfonds für seine großzügige finanzielle Unterstützung.
1 Syrianos steht in diesem Beitrag zwar nicht im Zentrum des Interesses, aber
aufgrund seiner Bedeutung für Proklos seien hier doch einige weiterführende
Angaben gemacht. Als direkte Quelle steht uns neben Syrianos’ Kommentar zu
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chos? signifikante Parallelen zu Proklos’ Mathematiktheorie aufgetiken — eine ‘pythagoreische’ und eine ‘normale’, d.h. auf die mofunden werden können. Diese beiden Autoren sollen daher zur Verderne Mathematik vorgreifende (und somit allein wissenschaftliche)
vollständigung der proklischen Lehren in die folgende Darstellung
— aufgelöst werden. Die sich daran anschließenden Ausführungen in
miteinbezogen werden, zumal man alle drei Philosophen vom syste-
Teil IV erklären die Einheit dieser Mathematikkonzeption vielmehr
matischen Standpunkt aus gesehen im hier relevanten Zusammengenau vor dem Hintergrund der pythagoreisierenden Transposition
hang gemeinsam behandeln kann. Dass diese systematische Zusamder Mathematik in andere Realitätsbereiche hinein. In Teil V soll
mennahme gerechtfertigt ist, soll der sich als nächstes anschließende
schließlich anhand einer sehr bedeutenden Textstelle in Proklos’ Eu-
Abschnitt meines Beitrags aufzeigen. In diesem Teil U finden sich also
klidkommentar die genaue Funktionsweise seiner Mathematiktheorie
einige Bemerkungen dazu, inwiefern sich vor dem Hintergrund des
historisch präzise erfasst werden.
‘Pythagoreismus’ bzw. der pythagoreisierenden Tendenzen die im
Endeffekt platonische Mathematikphilosophie der drei erwähnten
Denker ähnelt. In Teil III soll das mit den in Teil II dargelegten Unter-
Il. Das gemeinsame Spannungsfeld von ‘Pythagoreismus' und ‘Platonismus’
in der Mathematiktheorie von Iamblichos, Syrianos und Proklos
scheidungen zusammenhängende Missverständnis der zwei Mathema-
Es ist ein verbreitetes Vorurteil, dass die pythagoreisierenden spekulaB,T,M, N der aristotelischen Metaphysik (In Metaphysica commentaria, ed. W. Kroll
{CAG VI], Berlin 1902) noch ein weiteres erhaltenes Werk von Syrianos zur Verfügung (Jn Hermogenem, ed. H. Rabe, Leipzig 1892). Indirekte Kenntnis haben wir
von Syrianos' Vorlesungen über Platons Phaidros durch das bei Hermeias erhaltene Material (Hermeias, /n Platonis Phaedrum Scholia, ed. P. Couvreur, Paris 1901
[Nachdr. mit Wortindex und Nachwort von C. Zintzen, Hildesheim 1971]; zu
Hermeias liegt nun auch vor: Hermeias von Alexandrien. Kommentar zu Platons Phaidros, übers. und eingel. von H. Bernard [Philosophische Untersuchungen 1],
Tübingen 1997). An Literatur zum ‘Pythagoreismus' des Syrianos vergleiche man
die bis heute einzige — durchaus noch gültige — Gesamtdarstellung der syrianischen Philosophie von K. Praechter, ‘Syrianos’, RE II, 8, Stuttgart 1932, 17281775, die mit vielen repräsentativen Stellen zu Syrianos' ‘pythagoreischem’ Selbstverständnis aufwartet, aufschlussreich sind ferner einige Fußnoten von W. Burkert, Lore and Science in Ancient Pythagoreanism (übers. v. E.L. Minar Jr.), Cambridge (MA) 1972 (siche Stellenindex sv. 'Syrianus”); erwähnen sollte man des
weiteren auch J. Dillon, The Middle Platonists, London 1977, 121 und 127 Anm. 1
sowie A.D.R. Sheppard, ‘Monad and Dyad as Cosmic Principles in Syrianus', in:
HJ. Blumenthal/A. Lloyd (Hgg.), Soul and the Structure of Being in Late Neoplatonism, Liverpool 1982, 1-14, insbes. 7-9 und ferner I. Mueller, ‘Mathematics and
Philosophy in Proclus’ Commentary on Book | of Euclid’s Elements’, in:
J. Pépin/
H.D. Saffrey (Hgg.), Proclus lecteur et interprète des anciens. Colloque international
du CNRS, Paris 1987, 305-18, insbes. 313 ff. sowie schließlich auch D.J. O'Meara,
Pythagoras Revived. Mathematics and Philosophy in Late Antiquity, Oxford 1989, 119141 (siehe auch die Rezension zu letzterer Arbeit von H.J. Blumenthal in: Liver
tiven Vorgänger des Proklos, also insbesondere Iamblichos und Syrianos, einen Gegensatz zu ihrem platonisch (d.h. hier insbesondere
euklidisch-wissenschaftlich) orientierten Nachfolger bildeten. Dieser
Gegensatz sollte jedoch nicht dramatisiert werden. Zweifellos sah sich
Proklos genauso in einer ‘pythagoreischen’ Tradition wie sein Lehrer
Syrianos, der den
‘Pythagoreismus’ seines Vorgängers Iamblichos
übernahm.
Davon zeugt bereits der Bericht von Proklos’ eigenem Nachfolger
und Biographen Marinos, der ganz am Ende des Kapitels 28 seiner
Proklosvita von einem Traum des Proklos erzählt, dem gemäß sein
Lehrer die Seele des Neupythagoreers Nikomachos besaß.? Dieses
Testimonium ist äußerst wertvoll, denn es deutet auf eine unbedingte
Hochschätzung des Pythagoreismus durch Proklos hin. Dies wird auch
durch alle seine Hauptwerke bestätigt, in denen die Chaldäischen Ora3
Ed. J. Boissonade, Leipzig 1814 (Nachdr. Amsterdam 1966). Eine neue
Ausgabe (mit französischer Übersetzung) wurde von H.D. Saffrey und A.P. Segonds in Zusammenarbeit mit C. Luna angefertigt (Marinus. Proclus ou Sur le bonpool Classical Monthly 16 [1991] 10-14). Ohne Anspielungen auf Syrianos' ‘Pythaheur, Paris 2001). Eine italienische Übersetzung liegt ebenfalls vor (R. Masullo,
goreismus' ist folgende Literatur: H.D. Saffrey/L.G. Westerink in ihrer Ausgabe
Marino di Neapoli. Vita di Proclo, Neapel 1985).
von Proklos’ Theologia Platonica: vgl, Théologie Platonicienne INI (1978), XL-LI (Exegese der zweiten parmenideischen Hypothese durch Syrianos nach Proklos) und
IV (1981), XXIX-XXXVII (Syrianos' Exegese des Phaidros) sowie A. Madigan, ‘Sy
rianus and Asclepius on Forms and Intermediates in Plato and Aristotle’, Journal
of the History of Philosophy 24 (1986), 149-171.
2
4
Kai bu thy Nixopéyou tod Flußeryopeiov Yuxhv Exor (sc. Proklos) bvap noté
nloreuoe. Vgl. auch die Anmerkung 6 zu Nikomachos’ Chronologie aufgrund
dieser Stelle in Saffrey/Segonds/Luna, Marinus, Proclus ou Sur le bonheur, 159 f.
Proklos zitiert Nikomachos (mit oder ohne Nennung des Namens) an Stellen wie
In Ti. II, 19, 4. 20, 25 £.; In Prm. 1619, 10 und im nur in Moerbekes Übersetzung
Die in diesem Zusammenhang besonders relevante Schrift des lamblichos,
erhaltenen Teil von Buch VII 56, 9-10 Klibansky/Labowsky = 510, 37 Steel; Theol.
nämlich De communi mathematica scientia, das dritte Buch des Werks De Pythagorica
secta, wird von mir für die Collection des universités de France (Paris) neu herausgegeben und übersetzt.
Plat, 11 2, 16, 15, und wir wissen, dass Proklos seine Hochschätzung an seinen
Schüler Ammonios weitervermittelte, der in Alexandria Vorlesungen über Nikomachos hielt.
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kel, die Pythagoreer und Orphiker (bzw. was Proklos dafiir hielt) min-
Dies ist ein wichtiger Punkt. Denn die Überlegenheit der Dialektik als
destens gleichrangig neben Platon, dessen Theologie nach Proklos
Wissenschaft des Göttlichen zieht eine im Vergleich zu den ‘Pythagoreern' etwas pessimistischere Beurteilung der Mathematik durch Platon im Staat nach sich (vgl. Proklos, In Euc. 3, 14 ff.): Mathematik ist
der Dialektik untergeordnet und nimmt die Wahrheit im besten Falle
nur als Abbild — und somit indirekt — wahr. Mathematik hat mithin
nur eine Mittelstellung. Sie kann uns nicht direkt zum Göttlichen führen. Hier hört denn auch der ‘Pythagoreismus’ von Proklos — aber
gleichzeitig eben auch der des Syrianos und Iamblichos — auf, da der
Platoniker Proklos ebenso wie seine platonischen Vorgänger an der
intermediären Stellung der Mathematik, wie sie insbesondere durch
Platons Staat vorgegeben war, festhält. Die mathematischen Analogien
der ‘Pythagoreer’ sind, trotz aller Hochachtung, objektiv nicht das
Höchste. Deshalb sollten wir — bei den drei genannten spätplatonischen Autoren — in diesem Zusammenhang auch nicht von einem
‘Pythagoreismus’ oder ‘platonisierenden Pythagoreismus' sprechen,
sondern, wenn überhaupt, vielmehr von einem ‘pythagoreisierenden
Platonismus’. Bei letzterem reprasentiert gemäß oben Gesagtem das
pythagoreisch inspiriert ist, zitiert werden.5 Was aber noch erstaunlicher anmutet, ist der Umstand, dass selbst in einem Werk wie seinem
Euklidkommentar — in dessen erstem Prolog er systematisch die von
Iamblichos in seinem De communi mathematica scientia zitierten ‘pythagoreischen’ Autoritäten durch Platonstellen ersetzt — Proklos die
Rolle Pythagoras’ betont, der nach seiner Einschätzung” die Philosophie der Geometrie sig oyfpa naidetac éhev8égov petéotynoev, &vwdev
tas Koxäs abris Enimonobpevog xal dwg nai voegdc Td Dewonpata
dtepeuvouevos, Dies wird auch durch einen Blick auf den index nominum von Friedleins Ausgabe des proklischen Euklidkommentars bestatigt. Dort haben die Pythagoreer ihren festen Platz neben Platons
Dialogen. Man könnte hier noch weiteres hinzufügen?
Dennoch muss zugegeben werden, dass das eben erwähnte Vorurteil einen Grund hat. Proklos betont nämlich mehrfach den wissenschaftlich-exakten Charakter Platons im Gegensatz zu den Pythagoreern. Der Grund hierfür liegt darin, dass die platonische Dialektik
(des Parmenides), wenn es um das Höchste, d.h. das Göttliche, geht,
‘pythagoreisierende’ Element die Übertragbarkeit des Mathematiwissenschaftlicher (exakter) ist als die ‘pythagoreischen’ mathematischen Analogien. Diese letzteren sind zwar — vom Standpunkt eines
schen auf anderes,! wobei das ‘Platonismus’-Element durch den
Rückgriff auf die Mittelstellung der Mathematik bei Platon charakte-
Platonikers aus — auf das Göttliche hin ausgerichtet, können es aber
risiert ist.
trotz allem so nicht direkt (sondern vielmehr nur öt& tüv elxdvwv) be-
Der Hauptunterschied zwischen Proklos auf der einen und Syrianos/Iamblichos auf der anderen Seite — wenn man denn einen finden wollte — liegt von daher wahrscheinlich nicht darin begründet,
dass ein vermeintlich platonischerer Philosoph gegen seine vermeintlich pythagoreischeren Vorgänger ausgespielt werden kann. Vielmehr
scheint es faktisch so zu sein, dass für Proklos die Geometrie diejenigen Funktionen wahrnimmt, die bei Syrianos und Iamblichos (Nikomachos folgend) die Arithmetik innehat.!! Dabei handelt es sich
handeln, im Gegensatz zur platonischen (nat &rıornunv) Dialektik?
5 Zum proklischen Selbswerständnis vergleiche man beispielsweise Theol.
Plat. 15, 25, 24-26, 9 und Saffrey/Westerinks Anmerkung ad loc. bezüglich des
pseudo-pythagoreischen “lepós Aóyoc, auf den sich Proklos ohne weiteres stützt,
wie die Stellen /n Euc. 22, 14 oder /r Ti. III, 161, 3-6 zeigen.
6 Interessant ist vielleicht ein Vergleich von einigen Stellen, in denen wir
auch Syrianos' Zitiergewohnheiten exemplarisch festhalten können: Anstelle der
Aopadeis (Comm. Math. 4, 2) des Iamblichos, die Syrianos etwas präziser als ‘Pythagoreer' (/n Metaph, 101, 36) wiederaufnimmt, zitiert Proklos in der entsprechenden Passage von /n Euc. Platons Politeia (8, 14 £.) und Theaitetos (10, 2); in
ähnlicher Weise werden lamblichos' ‘Pythagoreer’ (Comm. Math. 4, 14) von Syrianos näher bestimmt als "Archytas’ (In Metaph. 102, 4), was von Proklos wiederum
in Form von Zitaten aus Platons Politeia (In Euc. 10, 19. 11, 17. 11, 27) präzisiert
wird. Weitere Stellen zum Vergleich von lamblichos und Proklos, die die hier
aufgezeigte Tendenz bestätigen, finden sich bei O'Meara, Pythagoras Revived, 165.
In Euc. 65, 15-19.
8
insbesondere um die Funktion, die Mathematik im Allgemeinen in ihrer Mittelstellung zu exemplifizieren und sie damit sowohl nach oben,
10 Diese Transposition ist freilich ebenfalls durch Platons Anwendung von diversen kausalen und partizipatorischen Beziehungen im Zusammenhang mit den
Urbild/ Abbild-Verhaltnissen vorweggenommen.
ll Freilich muss gesagt werden, dass sich die Ersetzung der Arithmetik durch
die Geometrie bei Syrianos bereits abzeichnet (vgl. /n Metaph. 91, 11-92, 20). Man
beachte in diesem Zusammenhang auch eine interessante Stelle bei Iamblichos
Vgl. O'Meara, Pythagoras Revived, 146-148. Dennoch darf Platon in seiner
Wichtigkeit für Proklos auch wiederum nicht unterschätzt werden, und es ist
natürlich richtig, dass Platon bei Proklos etwas präsenter ist als bei lamblichos
(Comm. Math. 33, 20 f.: Die dianoetischen Objekte sind genau die geometri»
a Le PRIOR (siehe im Folgenden). Ein nuanciertes Urteil hat O'Meara,
id.,
9
schen), insbesondere im Vergleich zu dem von Festa im Apparat gegebenen (we-
A
Theol, Plat. 14, 20, 1-25.
niger entschiedenen) Platon-Scholium,
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View in PDF(opens in a new window)zur Theologie/Metaphysik hin, als auch nach unten, zur Physik hin,
übertragbar zu machen. Kônnen wir nun damit die Tatsache verbinden, dass sich Platon bei Proklos doch relativ stark gegenüber dem
dernen Forschung ablesen. Zunächst ist zusagen, dass die Frage nach
dem ‘Pythagoreismus’ der spateren Platoniker fir die Forschung
weitgehend nur insofern wichtig war, als man bei ihnen ältere Quellen
Geometrie, Musik und Astronomie folgend war Proklos (bei von
findet (es ist oft schwierig zu sagen, wie alt sie genau sind), die sich
zwar pythagoreisch geben, aber fast immer nicht authentisch bzw. sogar richtiggehende Falschungen sind. Deren Rekonstruktion aus den
platonistischen Autoren, in denen wir sie haufig finden, ist ganz gewiss
— z. B. was Phänomene wie den Neupythagoreismus anbelangt — von
groBem philosophiehistorischem Interesse. Allerdings trat angesichts
solcher Fragen eine nähere Untersuchung des eigenen Denkens dieser nur als Quellen betrachteten späten Nachfolger Platons fast voll-
Iamblichos, Syrianos und ihm selbst zugestandener Überlegenheit der
ständig in den Hintergrund.
mächtigen Schatten des Pythagoras abhebt (vgl. beispielsweise In Euc.
48, 3-5)? Diese Frage stellt sich umso mehr, als Proklos, wie O’Meara!?
nahelegt, Euklids Elemente als Gegenstand seiner Kommentierungstätigkeit einem möglichen anderen Handbuch zur Geometrie deswegen
vorzieht, weil er Euklid offenbar als Platoniker mit platonischen Zielsetzungen vereinnahmen kann.
Der Vierteilung der mathematischen Wissenschaften in Arithmetik,
Arithmetik) — so können wir mit einiger Sicherheit vermuten — der
Meinung, dass die Arithmetik als höchste mathematische Wissenschaft
nicht die ideale Wissenschaft sein konnte, um die Mittelstellung der
Mathematik und die daraus resultierenden Transpositionsmöglichkeiten in andere Realitätsbereiche hinein zu erklären und zu exemplifi-
Verhältnismäßig selten hat man sich daher mit dem ‘Pythagoreismus’ von Iamblichos, Syrianos und Proklos in dem Sinne beschäftigt,
in welchem er für diese Philosophen selbst wichtig war. ‘Pythagoreismus’ heißt hier in erster Linie autoritative Absicherung der eigenen
exegetischen Tätigkeit — freilich nicht der eigenen (d.h. iamblinos also eine gewisse (nicht zu übertreibende) Präferenz für Arithmechischen, syrianischen und proklischen) Philosophie — deren Hauptziel darin besteht, die Einigkeit und Einheitlichkeit der gesamten als
relevant erachteten Tradition (inklusive der eigenen unmittelbaren
Vorganger) aufzuweisen bzw. herzustellen. Es ist klar, dass diese Philosophen, um aus Disparatem ein einigermaßen einheitliches Ganzes
tik pflegen, die für sie die mathematische Wissenschaft par excellence ist
aufzubauen, oft signifikante Unterschiede einebnen mussten.
zieren.
Die
Geometrie
scheint Proklos von
daher wohl
‘mathematischer’ zu sein als die Arithmetik. Letztere ist weniger intermediär
als die Geometrie, weil Zahlen, obwohl auch sie Bilder sind, weniger
bildhaft sind als Flächen, Körper etc. Insofern Iamblichos und Syria-
— insofern (und nur insofern) sind sie *pythagoreischer' als (der entsprechend ‘platonischere’) Proklos, der die vollen Konsequenzen aus
der intermediären Stellung der Mathematik in der platonischen Gesamtrealität zog. Es ist von daher auch nicht erstaunlich, wenn die aus
dieser Mittelstellung resultierende Übertragbarkeit der Mathematik
bei Proklos präziser ausgearbeitet ist als bei seinen Vorgängern. Die
Unterschiede sind freilich nur gradueller Art.
III. Zwei Mathematiken, eine ‘pythagoreische’
und eine ‘normale’
(d.h. moderne bzw. wissenschaftliche)?
Von unserem modernen Gesichtspunkt aus wird aus dieser vereinheitlichend kommentierenden und interpretierenden Tätigkeit dieser
Denker dann freilich so etwas wie deren ‘Philosophie’, mit ihren eigenen charakteristischen Zügen. Für diese von uns heute so verstandene
‘Philosophie’ sind dann ‘Pythagoras’ oder die ‘Pythagoreer’ (im Verständnis dieser Denker) im gleichen Ausmaß wichtige und prägende
Komponenten wie Platon — 6 xgátiotos tüv Mubayogetwv (In Metaph.
190, 35) — oder ‘Orpheus’ (immer im Verständnis dieser Denker).
Diese — im modernen Sinne — ‘Philosophie’ und ihr, wie auch immer gearteter, ‘pythagoreischer’ Bestandteil wird beispielsweise von
Sheppard, Mueller und O’Meara immerhin angeschnitten und teil-
Frage nach deren faktisch durch die platonische Tradition gegebenen
weise auch näher ausgeführt. Dabei gibt es freilich große Unterschiede und nicht immer werden Modernismen bei der Untersuchung des
‘Pythagoreismus’ von Iamblichos, Syrianos und Proklos konsequent
Mittelstellung verbunden ist, lässt sich gut an einem Problem der movermieden.
Wie sehr die ‘pythagoreische’ Transposition der Mathematik mit der
12 O'Meara, Pythagoras Revived, 170 f.
Zwei Beispiele solch modernisierenden Verständnisses sollten dabei
eigens angeführt werden, insbesondere, weil die entsprechenden For-
Page 5
View in PDF(opens in a new window)scher sonst in vielen Punkten mit ausgezeichneten Arbeiten unser Wishierbei mitgelesen werden. Denn es handelt sich um ihr, der Geome-
330
331
sen über die betreffenden Autoren erweitert haben. Tannery’ erliegt
trie, Höchstes und Intellektuellstes, d.h. um das, was in ihr dem Geistimeiner Ansicht nach einem solchen Modernismus, wenn er beispielsgen am nächsten kommt, aber dennoch ontologisch integral zur
weise Domninos’ euklidische Klarheit in der Arithmetik im Vergleich
Geometrie gehört. Denn es ist auf keinen Fall möglich, die Geometrie
und gar im Gegensatz zur nikomachisch-iamblichisch-proklischen
mit den real beings, divine orders und powers of intellectual forms (d.h. also
arithmetischen Tradition als mathematisch überlegen ansieht.
dem Bereich der Dialektik), die sie zu betrachten vermag, schlichtweg
ebenfalls
gleichzusetzen. Vielmehr kann sie sie nur regiadgeiv und è! eixdvwv
nicht. Bei ihm'* werden lamblichos und Syrianos als “interested in Py-
¿vadidáoxerv, weil sie die Ayo: von diesen Dingen in ihren eigenen Re-
Mueller widersteht
einer vergleichbaren
Versuchung
thagorean mathematics, not the work of Euclid, Archimedes etc.” beflexionen besitzt. Nur insofern sie die A6yot von diesen Dingen in sich
schrieben. Einen Satz spater fahrt er fort: “although Proclus values
Pythagorean mathematics, it is obvious that his concern is primarily
selbst hat, kann sie deren sidy umfassen. ‘Umfassen’ in Bezug auf die
intelligiblen Formen ist freilich nur ein spiegelbildliches ‘Umfassen’ —
with ordinary mathematics.” Proklos mache dies besonders am Beiinsofern ein Spiegelbild ein Urbild ‘umfassen’ kann. Auch der höchste
spiel der Geometrie deutlich. Zur Bekraftigung seines Arguments
Aspekt der Geometrie ist also auf das dianoetische Vermögen angezieht er Jn Euc. 62, 1-26 heran. Proklos sagt in dem angegebenen Abschnitt aber lediglich, dass die Geometrie!5 koextensiv (cuunagextetwiesen,!8 wenn auch in seiner höchsten und intellektuellsten Form. So
wie einzig das dianoetische Vermögen für die gesamte proklische Geovopévnv) mit allen Seienden sei und ihre êtavoñoe auf sie anwende,
metrie — und damit für die Mathematik par excellence
— in allen ihren
wobei sie die Formen aller Seienden — sowohl der über als auch der
Aspekten und Funktionsformen relevant ist und sie kennzeichnet, so
unter ihr befindlichen — in sich umfasse.
kann auch keine ‘pythagoreische’ (noetisch-theologische) von einer
Anschließend wird die folgende Dreiteilung eingeführt: 1. x«té tó
axpOTATOV AÑTAC HAL VOEQÓTATOV, 2. HAT Tas HÉGAG yvaoets Kveiıtter TOÙG
‘gewöhnlichen’ (dianoetischen) Geometrie getrennt und unterschieden werden.!9
diavontimode Adyous, 3. xata tag Teltag Tc Stavoncews dıe£bdoug (meine
Hervorhebungen). Dass es sich hier um eine einzige Geometrie und
nicht etwa um eine ‘pythagoreische’ und eine ‘gewôhnliche’ Geometrie (und, konsequenterweise, wohl auch um eine dritte) handelt,
wird bereits im Wortlaut des Zitierten offensichtlich: Es geht dreimal
schlicht um Geometrie, wenn auch jedesmal ein anderer Aspekt betont wird. Denn es ist jeweils das dianoetische Vermögen angesprochen, was in 62, 2-3 angekündigt und dann dreimal bestätigt wird.
Dabei darf voegwratov freilich nicht, wie bei Mueller,!6 mit most intelligible
— was in der Tat auf eine Wissenschaft vom Göttlichen (im weiteren Sinne) deuten würde — übersetzt, sondern sollte eher mit most
intellectual’ (oder intellective) wiedergegeben werden. Das «dti muss
lamblichos nach Damaskios auch den ‚psychischen Nous‘ nennt (Iamblichos, In
Prm. fr. 2A Dillon).
18 Für in Euc. 62, 4-6 vergleiche man daher auch Platon R VII 532 c 1 f. Der
Bezug auf die &tévoix, bei Proklos in der Passage selbst (62, 1-26) mehrfach ausgedrückt, ist auch schon bei Platon — wo den Künsten/Wissenschaften das Betrachten der év bdaoı pavrágpara Ocio xai amıdg tov Bvrwv entspricht — aus der
Übereinstimmung von epistemologischen und ontologischen Ordnungen in der
Vierfalt von Linien- und Höhlengleichnis offensichtlich (für eine etwas ausführlichere Diskussion der Stellen siehe T.A. Szlezäk, ‘Das Höhlengleichnis’, in: O.
Höffe [Hg.], Platon. Politeia, Berlin 1997, 211-15). Zum ontologischen Status der
Mathematika — als ein von den Ideen separates und eigenes vontöv eldog — vergleiche man Platon R VI 510 b 4-6. 511 a 3-8. 511 c 5 f. Die Mathematika können somit einerseits als tod det Svtog yvücıc (VII 527 b 7 £.) aufgefasst werden,
ohne aber selbst je einzig zu sein (VII 526 a 3) wie die Ideen. So wie die di«vora
den Mathematika als Erkenntnisform gemäß den Ubereinstimmungen zwischen
14 Mueller, ‘Mathematics and Philosophy’, 317.
15 Gemäß dem oben Gesagten liegt hierin ein wirklicher Unterschied zu Niontologischen und epistemologischen Ordnungen nach VI 511 d 6-e 4 (zusammen mit VII 533 e 7-534 a 7) zukommt, so sind die mathematischen Objekte wie
die ihnen zugeordnete Erkenntnis peta&ö (nämlich zwischen Ideen und Sinnlichem bzw. zwischen vénais und Sófa): VI 511 d 4. VII 533 d 4-6. Vergleiche auch
z. B. Aristoteles, Metaph. I 6, 987 b 14-18.
19 Dies wurde von Iamblichos so bereits vorbereitet; man vergleiche mit dem
komachos oder lamblichos, die an einer solchen Stelle die Arithmetik oder
auch die allgemeine mathematische Wissenschaft eingesetzt hatten.
proklischen Text die Stelle Comm. Math. 89, 3-15, wo die grundsätzliche Abgrenzung der Mathematik gegenüber den außermathematischen Bereichen von Sinn-
13 ‘Domninos de Larissa’ [1884], in: ders., Mémoires scientifiques 11, Paris 1912,
107 ff. und ‘Le manuel d'introduction arithmétique du philosophe Domninos de
Larissa’ [1906], in: ders., Mémoires scientifiques III, Paris 1915, 259 ff.
16 Mueller, ‘Mathematics and Philosophy’, 317,
17 Richtig übersetzt dagegen G.R. Morrow (Proctus. A Commentary on the First
Book of Euclid's Elements, Princeton 71992, 50). Es handelt sich dabei um das, was
lichem
und
Intelligiblem
bei
gleichzeitig
möglichem
Diskurs
über
letzteres
sachlich mit der Mittelstellung der Mathematik verbunden wird. Für diesen
*Chorismos' siehe auch Iamblichos, Comm. Math. 13, 21-27. 34, 18-21.
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Die Môglichkeit der Transposition”? der mathematischen Wissen-
AbschlieBend lässt sich also sagen, dass*ein antiker Autor sicher
schaft (Stichwort: pivotal role)?! darf nicht als Aufspaltung in Arithmenicht den modernen Begriff von einer ‘gewöhnlichen’ (modernen,
tiken oder Geometrien?? missverstanden werden. Ansonsten wurde
wissenschaftlichen) Mathematik — die mehr oder minder mit unserer
man die zentrale Funktion der ‘pythagoreischen’ Mathematik, die in
heutigen Mathematik identisch ist oder sie zumindest vorbereitet —
einer Vermittlerrolle zwischen verschiedenen Realitatsbereichen beim Gegensatz zu einer ‘pythagoreischen’ Mathematik — die mit der
steht, aufheben. Die Voraussetzung fur die Möglichkeit zur Transposi-
Spekulation über Göttliches oder andere (für uns) unmathematische
tion (in diesem Fall nach oben) wird von Proklos ebenfalls genannt
Konzepte beschäftigt ist — teilen würde. Freilich leisten bereits lam-
(In Euc. 62, 7-11): Sie liegt darin, dass die Geometrie Eysı yao xai
blichos’ Formulierungen an einigen Stellen (die vermutlich im Hintobtwy (sc. von den göttlichen &téxoouot und den noerischen Formen)
tergrund von beispielsweise Muellers Distinktion stehen) gerade dieser
toùs Adyoug (vgl. 62, 22 eludvac) Ev toic olxelois Oeduxot nal Seixvuor, tiva
Unterscheidung Vorschub. Dabei kann man beispielsweise an das Kapév dor ta Deoic e rpoofxovra oyhuata, tiva de taic Tota oboiatc,
pitel 30 von De communi mathematica scientia und insbesondere an 91, 3
tiva Se taic tav poyav Úrootácea:. Dadurch, dass die Geometrie die
ff. (s.o. Anm. 22) oder auch an 75, 10 ff. denken. Gerade an dieser
Aöyoı dieser höheren Wesenheiten in sich trägt, sie ihr eingeboren
letzteren Stelle ist jedoch gleichzeitig auch die Tatsache betont, dass
sind, kann sie also auf analogische Weise aufzeigen, welche geometri-
Pythagoras die mathematischen Theoreme nicht etwa — wie spätere
schen Figuren am ehesten auf die metaphysischen Realitäten passen.
Mathematiker — wegen der Súvapic, Probleme zu lösen, sondern
Nichts anderes ist aber die Transposition der Mathematik. Freilich ist
vielmehr um ihrer selbst liebte. Dabei beschränkte er nach Iamblichos
Proklos’ Euklidkommentar, für sich allein genommen, nicht gerade beiseine Vorliebe keineswegs auf die schwierigsten Theoreme, sondern er
spielhaft bei der Behandlung der Abhängigkeit und Unterordnung
schätzte diejenigen (leichteren), die am meisten über die mathematider Mathematik im Verhältnis zur Dialekük. Denn die Vorbildrolle
der Dialektik wird als solche dort nur skizzenhaft ausgearbeitet.”
und Einheit der Mathematik zu untersuchen und auf diesem Wege zusätzliche
Texte in die Diskussion einzubeziehen. In diesem Zusammenhang muss die
Wichtigkeit des iamblichischen Werkes De communi mathematica scientia unterstridung ‘gewöhnliche’ und ‘pythagoreische’ Mathematik) nämlich selbst verantwortlich ist. Wer jedoch genauer hinsieht, bemerkt auch bei Iamblichos, wie die ‘pythagoreische’ Mathematik der Dialektik untergeordnet ist (man vergleiche nur
Comm. Math. 89, 28 €. für die Höherstellung der Dialektik, selbst in einem äußerst
‘mathematikfreundlichen’ Kapitel). Dies wird ebenfalls in den fünf Einleitungszeilen zum Kapitel 30 von De communi mathematica scientia impliziert: Die Mathematik ist auf die Philosophie als ganze wie auf alle ihre Teile (Theologie,
Ontologie etc.) übertragbar, da sie der Philosophie viele und wichtige nützliche
Dienste erweist, indem sie sie bei der Betrachtung der Seienden unterstützt
(dnovpyosox tH Véa tüv Svtwv) und ihr dicht auf die Fersen folgt. Wie letzteres zu
verstehen ist, wird einige Zeilen später (Comm. Math. 91, 13-18) erklärt, wo das
ganze Verhalmis von Mathematik einerseits und Theologie und Ontologie (beispielsweise) andererseits durch Termini wie &ppöleıv, neteyeiv, AgOONKEIV, olxeiwOù, GuppeTeia, negreywyh (keine Identitatstermini; vgl. auch Comm. Math. 55, 5 ff.)
bestimmt wird und die Mathematik ihre entsprechenden dewgia: dem jeweiligen
Zweig der Philosophie zuspricht (vgl. auch Comm. Math. 46, 7-13). Wir haben
somit also nicht eine ‘pythagoreische’ und eine ‘gewöhnliche’ Mathematik, sonchen werden.
dern lediglich ‘Mathematik’, allerdings einmal so, wie sie von den ‘Pythagoreern’
20 Diese wird von Proklos mit exemplarischer Klarheit an der Stelle In Euc.
62, 22-26 erläutert (vgl. den dortigen Gebrauch von vonrés). Dort wird auch die
wahre Beziehung der Mathematik zum Noetischen ebenso wie zum Aesthetischen
expliziert und der Grund für die Transpositionsmöglichkeit (die seinsmäßige
Mittelstellung der Mathematik) genannt, ohne das ontologische Gefälle, das zwischen den Bereichen existiert, zu verwischen.
21 Dies ist der von O'Meara, Pythagoras Revived, passim verwendete Ausdruck.
GroBe Teile seines Buches sind der Ausarbeitung des diesem Begriffe zugrundeliegenden Konzepts gewidmet (so auch im Zusammenhang mit der vorliegenden
Stelle 62, 1 ff.; vgl. O'Meara, ibid., 168 Anm. 31. 173). Von dieser Basis ausgehend
geht es hier vor allem darum, den bisher kaum betonten Aspekt der Abgrenzung
22 Es ist nämlich kein Zufall, wenn beispielsweise Iamblichos' Bücher V-VH
pinax des Manuskripts F (Florenz, Laur. 86, 3) folgendermaßen benannt werden:
betrieben wird (d.h. in koextensiver Betrachtungsweisc, die insbesondere anaphorische bzw. anagogische Assimilation zulässt) und einmal so, wie sie von allen ande
ren betrieben wird (Comm. Math. 91, 3-11; vgl. auch Comm. Math. Kapitel 30 exit. und
Kapitel 31 init.: 92, 12-26). Wichtig ist zu sehen, wie Tamblichos schließlich auch
Uber die
Uber die arithmetische
großen Wert auf die explizite Abtrennung der Sphäre der Mathematik von der des
Wissenschaft in Dingen der Ethik, Uber die arithmetische Wissenschaft in Dingen der Theologie (meine Hervorhebungen). Es handelt sich namlich stets um die gleiche
arithmetische Wissenschaft, die nur jeweils auf verschiedene Dinge angewandt
intelligiblen und der des physischen (und anderen) Seins legt (Comm. Math. 88,
30-89, 2), gerade weil er die Gefahr der Verwirrung von Realitätsbereichen sicht
und anerkennt (Comm. Math. 88, 12-14). Man ginge vielleicht nicht einmal zu weit
zu sagen, dass lamblichos an der Stelle Comm. Math. 88, 26-30 eine gewisse, freides Werks De Pythagorica secta (vgl. O'Meara, Pythagoras Revived, 30-35 oder B. Dalsgaard Larsen, Jamblique de Chalcis. Exégéte et philosophe, Aarhus 1972, 66-80) in dem
arithmetische Wissenschaft in Dingen der Natur,
wird.
23 Ahnliches muss für lamblichos gesagt werden, der in einem gewissem
AusmaB für die Verwirrung von Mathematik und Dialektik (falsche Unterscheilich sehr moderate, Kritik an den Pythagoreern wegen deren (verwirrungsfördernder) Praxis übt.
Page 7
View in PDF(opens in a new window)335
sche Ordnung Auskunft geben. Wie auch in 91, 3 ff. steht also auBer
sogar — darüber hinaus — mit Göttern. Demgegenüber muss ent-
Frage, dass es immer nur um eine Mathematik geht, die sowohl für pysprechend die relative Einheit (nicht aber Einheitlichkeit oder Unithagoreische als auch für andere Mathematiker mit den gleichen maformität) und relative Abgrenzung eines jeden der großen Seinsthematischen. Theoremen zu tun hat. Allerdings konzentrieren sich die
bereiche betont werden. Deswegen beschäftigt sich auch ‘pythagorei-
Pythagoreer nach lamblichos auf grundsátzlichere strukturelle Aspeksche’ Mathematik, wie sie uns bei Iamblichos, Syrianos oder Proklos
te
Ordnung,
entgegentritt, nicht direkt, sondern nur durch Analogie, mit reinen
Rückführung auf die mathematischen Prinzipien, die dann freilich
Formen oder gar Göttern. Direkt beschäftigt sie sich höchstens mit deübertragen werden können). Deswegen setzen sie sich auch eher mit
ren dianoetisch-mathematischen Abbildern in der Vernunfiseele.
der
Mathematik
(Auffinden
einer
mathematischen
einfachen und elementaren Theoremen der Mathematik auseinan-
Gleichzeitig beschäftigt sich die ‘pythagoreische’ Mathematik bei
der, ohne dabei ins letzte, rein technische, Detail zu gehen. Die Bediesen Philosophen — wie bereits gesehen — eben auch mit den eigriffe, die Iamblichos selbst verwendet (in 91, 5. 7), sind teyvixh (so wie
gentlichen Mathematika im engeren Sinne, d.h. den Zahlen, Dreidie
ecken, Linien der Mathematiker. Mit Natur hat die ‘pythagoreische’
Mathematik
von
Nichtpythagoreern
betrieben
wird)
und
Bewentue (so wie sie von Pythagoreern betrieben wird). Diese Begrif-
Mathematik wiederum direkt nicht zu tun. Sie kann aber insofern auf
fe machen klar, dass es sich vor allem um unterschiedliche Wesen, Masie übertragen werden, als die physischen Zahlen® in der Seele präfithematik zu betreiben, handelt.
guriert und paradigmatisiert sind. Die physischen Zahlen sind nämlich
die enhyletischen, d.h. also materieimmanenten und vom Sinnlichen
mithin nicht trennbaren,?® Formen, Adéyot oder Ursachen, die für die
IV. Die pythagoreisierende Transposition ist nicht hypostatischer Art,
sondern bedient sich derAnalogie
Detailgestaltung der Sinnenwelt als ihre Prinzipien verantwortlich
sind. Die Mathematik hat mit der Natur also nur insofern zu tun, als
sie sich, mit Proklos’ Worten, Gedanken darüber macht, wie die e{ön
Es ist die bereits erwahnte Beschreibung aller Wirklichkeit durch
tov alodntav ororyeluv xai tov reo! ara Öuvanewv denn xar’ alríav Ev
mathematische Analogien, die für uns bei lamblichos, Syrianos und
toig Aöyoıg abtijc (d.h. der Geometrie) nooeAnntau?’ Die enhyletischen
Proklos den ‘Pythagoreismus’ ausmacht. Es handelt sich dabei im We-
Formen bzw. physischen Zahlen sind also auf der uneigentlich masentlichen um die Transposition von Mathematika in andere Realithematischen Ebene in den dianoetischen Zahlen vorgebildet. Die
tatsbereiche hinein, wobei freilich von den Mathematika
je nur noch
physischen Zahlen selbst bleiben aber dem Bereich der Natur verhafder Name und die symbolische Bedeutung bleibt und ihr Sein ein antet, wie schon bei Iamblichos.
deres (noetisches oder aesthetisches [oder auch moralisches oder
Die relative Einheit der Mathematik ist vor allem durch die relative
politisches]) ist. Es ist diese Transposition von Mathematika, die den
Einheit des ihr zukommenden Seinsbereichs ‘Seele’?8 und des ihr entspatantiken Platonismus überhaupt charakterisiert und seine von
sprechenden Erkenntnisvermôgens dtévo1x gewährleistet. Mathematik
diesen Philosophen intendierte ‘pythagoreische’ StoBrichtung ausbetrifft weder Intelligibles noch Sinnliches. Sie betrifft vielmehr die
macht.
Widerspiegelungen (Aöyoı) der reinen Formen in der Seele (welche in
Bereits Syrianos betont mehrfach, wie prasent dabei auch die Geder ôt&voux und &vw buy» sind).?? Diese, als Abbilder der intelligiblen
fahr der Verwirrung von Realitatsbereichen ist.24 Diese Verwirrung
hat ihren Grund in der Analogie und Namensgleichheit eigentlich
mathematischer Begriffe aus unserer mathematischen Alltagserfahrung mit tatsachlichen sinnlichen Dingen bzw. reinen Formen und
25 Stellen bei O’Meara, Pythagoras Revived, 134 Anm. 46. Die physischen Zahlen
werden auch als atoßntoi é@uoi bezeichnet (vgl. z. B. Syrianos, In Metaph. 122,
29).
26 In Metaph. 83, 5-6.
27 In Euc. 62, 19-21.
24 Stellen bei Praechter, 'Syrianos', 1760. Auch hier hat Iamblichos das Pro-
28 Man vergleiche Stellen wie Platon, R IV 443 e 1. Diese Einheit ist freilich
blem schon gesehen: Vgl. Comm. Math. 88, 12-14. 17-19. 26-30; 89, 14 f. Dass diese Gefahr auch für moderne Kommentatoren noch keineswegs gebannt ist, zeigt
das eben erwähnte Beispiel Muellers.
nicht einfach gegeben, sondern ist vielmehr das Ziel, auf das hingearbeitet werden muss.
29 Vgl. In Metaph. 186, 21 f.
Page 8
View in PDF(opens in a new window)Formen und Paradeigmata der physisch-enhyletischen Formen, sind
nicht mehr länger materielos (so wie sie in’Sinnendingen eine sinnliche Materie zur Verfügung haben). Die Aöyoı in der Vorstellung sind
336
dianoetischer Natur und als solche psychisch-mathematisch und somit
337
Theologie/Metaphysik, wie nach unten, zur Physik, Sie sind aber doch
nun also nicht mehr einzig,32 sondern jeder ist elg xoi oks, nal oùx
elôoc pOvov, AAG HATATETAYULÉVOV elSoc, ferner teilbar, ausgedehnt, genicht Mathematika im strengsten Sinne. Die Mathematik ist, streng
staltet. Somit gibt es einen Unterschied zwischen ihnen und den Aöyoı
Voraussetzung der Übertragbarkeit der Mathematik nach oben, zur
genommen, nicht in der ôlévoux, so wie mathematisch-monadische
in den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen, wie einem sinnlich
Zahl auch nicht dianoetische ‘Idealzahl’ ist. Letztere ist allerdings
wahrnehmbaren Kreis (z. B. Himmelskreis), welcher im Vergleich zum
Voraussetzung mathematischer Zahl. Die mathematischen Zahlen sind
vorgestellten Kreis (dem Kreis in der Vorstellung) minderwertiger ist,
weder den physischen Zahlen als Formen der sinnlichen Welt — und
weil er 71% duotBelag Byeow Exwv nai dvamrews tig ebdelag nai TG
xadapommtos tav KbAwv drokeınönevoc.
übrigens auch nicht der sinnlichen Welt selber — noch den À6yot, die
erscheinen,
Wenn die Geometrie also — Proklos’ Argumentation gemäß —
gleichzusetzen.* Es handelt sich bei ihnen also weder um dianoetisch
über den Kreis, seinen Durchmesser, seine Tangenten o.ä. Aussagen
macht, dann erfahren wir nichts über Kreise (allgemein Adyot) in sinnals Spiegelungen der Intelligibilia (noetische Zahlen)
reine Zahlen — weil sie vielmehr teilbar, summierbar und mithin
quantifizierbar sind — noch um materieimmanente, für das Sinnliche
paradigmatische Zahlen — weil sie vollkommen immateriell und lediglich mathematisch-monadisch sind. Wie funktioniert nun diese Mathematik genau?
lich wahrnehmbaren Dingen — ywoltew yao dnd tobtwv émyepel (sc.
die Geometrie) sagt Proklos*? — und auch nichts über die Aóyo: in
der Sávota. Denn der Kreis in der Geometrie ist auf der einen Seite
immateriell, nämlich im Gegensatz zum Kreis in sinnlich wahrnehmbaren Dingen, auf der anderen Seite multipel, teilbar etc., nämlich im
Gegensatz zu den Aöyot in der dt@vora. Da die Geometrie sich also nur
V. Funktionsweise der pythagoreisierenden platonischen Mathematik des
Proklos anhand von In Euc. 53, 5-55, 18
mit den projizierten Adéyot in der Vorstellung (beispielsweise also vorgestellten Kreisen) beschäftigt, sieht der Geometer die eingeborene
Form oder Idee (den Aöyos) auch nur indirekt als Spiegelbild, obwohl
Interessant sind die genaueren Hintergründe der proklischen Lehre
der Aöyog selbst (der in der &i&votx)# das eigentliche Ziel seiner Bevon der Mittelstellung und der aus ihr folgenden Übertragbarkeit der
schäftigung ist55 Die Geometrie kann somit nur vom Spiegelbild in
Mathematik. Gemäß Jn Euc. 53, 5-55, 18%! haben wir zunächst eine inder Vorstellung handeln, da nur in der Vorstellung der — entfaltete
telligible geometrische
Form
oder
Universale,
d.h.
im
weiteren
Sinne etwas Göttliches. Diese Form ist nun, reflektiert, als ungeteilter,
unausgedehnter und grössenloser Aöyos, erstens in der dtdvorw und
zweitens auch in der Natur. Ersterer ist bnootatys von Vorgestelltem,
letzterer von Wahrgenommenem (das, was tig Yboewg Exyovog ist).
Aufgrund der Einzigkeit, Unteilbarkeit, Unausgedehntheit, Größenlosigkeit und Gestaltlosigkeit des Aöyog oder der Aöyor — die ja &veu
Bing sind — in der Stévoiw (und in der Natur) projiziert nun die
Savoia diese Adyo: in die Vorstellung (pavtacia), da sie dodevodoa
ouvertuyuévoc ideîv (nämlich die Adyor). Dort nun, in der Vorstellung,
haben die Adyot eine intelligible Materie zur Verfügung. Sie sind also
% In Metaph. 88, 35-89, 1.
31 Diese Stelle, die kaum ausführlicher erörtert zu werden scheint, scheint mir
für das Verständnis der Geometrie bei Proklos zentral zu sein; die Besprechung
bei Mueller (‘Mathematics and Philosophy’, 316 £.) ist unzureichend.
32 Proklos führt das Beispiel von vorgestellten konzentrischen Kreisen an, die
gemäß einem xoivév, an dem sie teilhaben, die gleiche Form haben. Dieses xotvév
oder xaBólov oder "einziger Aóyos” ist die Idee von Kreis, die die 5ávota in die
Vorstellung projiziert, wo wir dann mehrere — ausgedehnte — in ihrer Größe
verschiedene, aber aufgrund des einen immateriellen Substrats (broxelpevov) auf
die gleiche Weise geformte Kreise haben können.
33 In Euc. 54, 17 f.
_
84 Vgl. die Anmerkung in G.R. Morrow's Übersetzung (Proclus. A Commentary,
44 Anm. 10) zu 55, 6.
35 Vgl. In Euc. 141, 4-142, 2. Eine Analyse dieser Passage findet sich bei T.G.
Rosenmeyer, ‘Davtacia und Einbildungskraft: Zur Vorgeschichte cines Leitbegriffs der europäischen Asthetik', Poetica 18 (1986), 197-249, insbes. 220-222. Zur
pavtacía bei Proklos vergleiche man ferner J, Trouillard, La mystagogie de Proclus,
Paris 1982, 44-51 sowie E.A. Moutsopoulos, Les structures de l'imaginaire dans la
philosophie de Proclus, Paris 1985, 179-255 und G. Watson, Phantasia in Classical
Thought, Galway 1988, 119-121. Eine neuere Diskussion der Forschungsliteratur
findet sich bei M. Schmitz, Euklids Geometrie und ihre mathematiktheoretische Grundlegung in der neuplatonischen Philosophie des Proklos (Epistemata, Reihe Philosophie
212), Würzburg 1997, insbes. 59-76.
Page 9
View in PDF(opens in a new window)und exponierte — A6yoc den geometrisch-mathematischen drodetkeıg
VI. Zusammenfassung
339
unterworfen ist.36
Das letztendliche Ziel der Geometrie bzw. der Mathematik ist also
Nach einer einleitenden Vorbemerkung (I) sollte in diesem Beitrag
die Betrachtung der Form oder Idee in der Stávota. Dazu muss die
zunächst gezeigt werden (II), dass die spatplatonischen mathemati-
Mathematik aber bereits die Siávota zu Hilfe nehmen, weil sie mit der
schen Konzeptionen eines Iamblichos, Syrianos und Proklos im zenpovtacía allein nicht zu den Aöyoı selbst kommt. Dies kann beispielstralen Punkte — nämlich ihrem pythagoreisierenden Platonismus —
weise für gefallene Seelen im Zusammenhang mit der Anamnesis geübereinstimmen und daher systematisch gesehen als eine einzige Maschehen, bei welcher sinnliche Eindrücke in die Vorstellung überthematikkonzeption behandelt werden können. Sodann war wichtig
nommen werden, wodurch die Otávoix zur Wiedererinnerung ihrer
zu sehen (III), dass die pythagoreisierenden Tendenzen in dieser we-
Aöyoı ermuntert wird. Die Betrachtung der Aöyoı durch die Stávota ist
sentlich platonischen Theorie nicht dazu führen sollten, zwei Mathematiken, d.h. beispielsweise zwei Arithmetiken bzw. zwei Geometrien,
somit bereits nicht mehr im eigentlichen Sinne mathematisch, wohl
aber im höchsten — d.h. rein dianoetischen — Sinne seelisch und
zu unterscheiden, wie es in der modernen Forschung de facto immer
somit auch im uneigentlichen — da höheren — Sinne mathematisch.
wieder geschehen ist. Vielmehr ist das, was man in der Moderne als
Dies kann nun die Grundlage dafür sein, dass man aus diesen der
Mathematik ansieht und in die Antike importiert, durchaus ein Be-
Seele eingeborenen Aöyoı oder Formen via analogiae auf intelligible
standteil auch der pythagoreisierenden Mathematikkonzeption des
Formen
aber — d.h. von der Transposition auf
Proklos. Die Tatsache (IV), dass diese pythagoreisierende Mathema-
Höheres, Außerseelisches, die ihre Grundlage im seelisch-mathemaschießt.
Davon
tikkonzeption eine analogische Transposition auf andere Seinsbereiuschen Vorgang der Betrachtung der Aöyoı hat — handelt In Euc. 62,
che zulässt, impliziert gerade deswegen auch ihre hypostatische
4-11.
Einheit, und nicht ihre Aufspaltung in zwei Mathematiken, eine ‘ge-
Zusammenfassend gilt es zu sehen, dass ausgehend von der realen
Mittelstellung des Seelisch-Mathematischen eine nicht substanz- oder
nuine’ und auf die moderne Mathematik vorgreifende einerseits und
eine ‘pythagoreische’ andererseits. Dies gilt insofern, als Proklos und
wesenhafte, sondern vielmehr lediglich analogische Transposition des
seine Vorgänger zu sehr Platonexegeten waren, um die mathemati-
Mathematischen auf Außermathematisches möglich ist. Dies ist desschen Objekte als die höchsten und letzten Objekte des Seins anzusethalb so, weil die von der ôtévota zu erkennenden Aöyoı der Seele Spiezen, wie es, im Gegensatz zu ihnen, Nikomachos wohl de facto getan
gelbilder der höheren bzw. intelligiblen Formen sind und diesen
hatte. Stattdessen insistieren die neuplatonischen Philosophen auf der
daher in einem bestimmten Ausmaß ähneln. Insofern ist eine Extrapomittleren Stellung der Mathematik, die ihre Übertragbarkeit auf anlation möglich. Auf vergleichbare Weise nehmen die mathematischen
dere Realitätsbereiche erst ermöglicht. Danach blieb nur noch übrig
oder seelischen Aöyoı xat’ altiav die physischen Formen vorweg, wes-
(V), die Funktionsweise dieser spatplatonischen Mathematikkonzeptiwegen sie auf physische Sachverhalte analog übertragen werden könon anhand einer zentralen Stelle in Proklos’ Euklidkommentar genauer
nen. Zwischen den Aöyot als Spiegelbildern und gleichzeitig Urbildern
zu analysieren.
konstituiert sich als mathematische Mitte das Vorgestellte.
rN.
Proteo
PE LE
Meat, 5
gan SEX
AP ATS
36 Zur Stellung und Funktion der Vorstellung/yavtaoia vergleiche man auch
In Euc. 52, 20-53, 5.